Das Kind in der Mitte
„Und er kam gen Kapernaum. Und da er daheim war, fragte er sie: Was handeltet ihr miteinander auf dem Wege? Sie aber schwiegen; denn sie hatten miteinander auf dem Wege gehandelt, welcher der Größte wäre. Und er setzte sich und rief die Zwölf und sprach zu ihnen: So jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein vor allen und aller Knecht. Und er nahm ein Kindlein und stellte es mitten unter sie und herzte es und sprach zu ihnen: Wer ein solches Kindlein in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“ Markus 9, 33 – 37

Von diesem Abschnitt aus dem Leben unseres HERRN ist der Bericht, welchen Markus wiedergibt, der vollständigere. Doch er mag durch die Darstellung bei Matthäus bereichert und seine Lektion noch stärker verdeutlicht werden.
„Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.“
Diese Abschnitte zeichnen eine Lektion unseres HERRN auf, die er seinen Jüngern gegen Ehrsucht und Wetteifer gab. Es ist nicht wegen der Darlegung jener Lektion, dass ich über diese Worte unseres HERRN schreibe, sondern wegen einer Wahrheit, einer Offenbarung über Gott, in welcher seine großartige Argumentation ihren Höhepunkt erreicht.
Er nahm ein kleines Kind – möglicherweise ein Kind von Petrus;[1] denn Markus sagt, dass der Vorfall in Kapernaum stattfand und „da er daheim war“ – ein Kind also mit einigen Eigenschaften des Petrus, eben dessen Fehler die eines kindischen Naturells waren. Wir können erwarten, dass das Kind eines solchen Vaters so kindhaft in Ausdruck und Verhalten ist, wie es wesentlich für die Vermittlung der Lektion war, welche ich nun, wie sie in dem Abschnitt enthalten ist, darzulegen wünsche.
Denn es muss eingestanden werden, dass es Kinder gibt, die nicht kindhaft sind. Einer der traurigsten und nicht wenig verbreiteten Anblicke in der Welt ist das Gesicht eines Kindes, dessen Geist so randvoll mit weltlicher Weisheit ist, dass die menschliche Kindhaftigkeit daraus gewichen ist, ebenso wie die göttliche Kindhaftigkeit. Denn das Kindhafte ist das Göttliche, und eben das Wort „geht mir vor den Weg, den ich will schreiten.“[2] Doch ich muss meinen Aufstieg zum abschließenden Argument hinauszögern, um eine mögliche Schwierigkeit zu beseitigen, welche, indem sie uns zu einer der größten Wahrheiten hinwendet, uns abwendet von der Wahrheit, die der HERR hier im Blick hatte.
Die Schwierigkeit ist diese: Sieht es dem Menschensohn ähnlich, sich das schönste Kind auszusuchen und das gewöhnliche unbeachtet zu lassen? Welchen Nutzen hätte er davon? Tut nicht alles gemeine Volk ebenso? Und lehnen sich unsere Herzen nicht gegen einen solchen Gedanken auf? Sollte das Herz einer Mutter am Missgestalteten unter ihren Sprösslingen am engsten kleben? Und „Christus, wie wir an ihn glauben“ sollte nach Augenschein auswählen? Würde er sich abwenden von einem in Sünde hineingeborenen Kind, erzogen zu Ungerechtigkeit, auf dessen verhärmtem Gesicht Hunger, Verwegenheit und Lobheischen sich vermischt haben, um ihm die Gerissenheit bitteren Alters aufzuprägen, und er lieber ein Kind ehrlicher Eltern, solche wie Petrus und seine Frau, in seine Arme nehmen, die nicht umhinkamen, gütiger als andere zu erscheinen? Das wäre nicht er, welcher gekommen ist, das zu suchen und zu retten, was verloren war.[3] Lasst einen Menschen, der seinen Bruder liebt, sagen, in den höchsten Augenblicken der Liebe zu Gott, wenn er dem Ideal der Menschlichkeit am nächsten ist, wonach ein Mensch ein Zufluchtsort vor dem Sturmwind sein sollte, welches er an seinen Busen der Zuflucht pressen wollte. Würde es nicht das bös-gesichtige Kind sein, weil es dies am meisten nötig hat? Ja; in Gottes Namen, ja. Denn ist dies nicht der göttliche Weg? Wer, der vom verlorenen Schaf oder vom wiedergefundenen Verlorenen Sohn[4] gelesen hat, selbst wenn er nicht den Geist hat, der seinem Geist Zeugnis gibt[5], wird wagen zu behaupten, dass dies nicht der göttliche Weg ist? Ohne Zweifel wird es oft anders erscheinen, denn das kindhafte Kind ist einfacher zu retten als das andere und mag zuerst ankommen. Aber der Jubel im Himmel ist am größten über das Schaf, das am weitesten abgeirrt ist – das vielleicht auf der verwilderten Seite des Hügels geboren ist und noch nicht einmal in der Herde. Für solch einen Verlorenen bittet der ältere Bruder im Himmel in dieser Weise – „HERR, denke an meinen armen Bruder mehr als du an mich denkst, denn ich kenne dich und habe Frieden in dir. Ich bin immer bei dir.“[6]
Warum also denke ich, dass es notwendig ist zu sagen, dass dieses Kind vielleicht Petrus´ Kind war und sicherlich ein Kind, das kindhaft aussah, weil es kindhaft war? Kein Ausmaß an Bösem kann das Kind sein. Kein Maß an Bösartigkeit, nicht nur auf den Gesichtszügen, sondern im Verhalten oder gar im Herzen des Kindes, kann das Kind aufhören lassen, ein Kind zu sein, kann die göttliche Idee der Kindschaft auslöschen, welche das Herz Gottes bewegte, als er dieses Kind nach seinem eigenen Bilde schuf. Es ist das Grundlegende, von welchem Gott spricht, das Wirkliche, nach dem er urteilt, das Unsterbliche, von welchem er der Gott ist.
Dafür stehe ich von Herzen ein. Denn wenn die Absicht des HERRN, indem er ein Kind in seine Arme nimmt, gewesen ist, uns Liebe zu unserem Nächsten zu lehren, Liebe zur Menschheit, dann würde das hässlichste Kind, das er hätte finden können, diesem Zweck vielleicht am besten gedient haben. Der Mensch, welcher irgendein, und mehr noch der, welcher das widerspenstige Kind aufnimmt, weil es ein Geschöpf Gottes ist, weil es sein eigener Bruder ist, wird den VATER aufnehmen, indem er das Kind aufnimmt. Wer immer einen Becher kalten Wassers dem Geringsten[7] reicht, erfrischt das Herz des VATERS. Zu handeln, wie Gott handelt heißt, Gott aufzunehmen; einem seiner Kinder einen Dienst zu erweisen heißt, den VATER aufzunehmen. Daher hätte jedes menschliche Wesen, insbesondere wenn es erbärmlich, kummervoll und ausgestoßen ist, genauso gut wie ein Kind dem Zweck gedient, diese Liebe Gottes zum Menschen darzulegen. Darum ist hier vielleicht etwas darüber hinaus beabsichtigt. Die Lektion wird nicht im Menschsein, sondern in der Kindschaft des Kindes liegen.
Wiederum, wenn die Jünger hätten erkennen können, dass die grundlegende Kindschaft gemeint war, und nicht eine verwischte und schon halb ausgelöschte Kindschaft, dann hätte das selbstsüchtigste Kind den Zweck ebenso gut erfüllt, und auch nicht besser als dasjenige, von dem wir annehmen, dass die echte Kindschaft in ihm deutlicher sichtbar war. Doch wenn das Kind eingesetzt wurde als Demonstration, Ausdruck und Zeichen der Wahrheit, die in seiner Kindschaft lag, dass sowohl die Augen als auch die Ohren den Weg zum Herzen bahnen, dann war es grundlegend, dass das Kind – nicht schön, aber – kindhaft sein sollte; damit jene Merkmale, welche bei ihrem Anblick in unseren Herzen die besondere Liebe wecken, die besonders zur Kindschaft gehört, welche in der Tat die eigentliche Wahrnehmung der Kindschaft ist, zuletzt aus dem Gesicht des ausgewählten Typus leuchten sollten. Hätte solch ein unkindhaftes Kind wie wir es manchmal sehen,[8] mal in einem großzügigen Haus, gekleidet in Purpur und Spitze, mal in einem elenden Verschlag, gekleidet in Schmutz und Lumpen, dem Zwecke unseres HERRN genügt, wenn er seinen Hörern sagen wollte, dass sie wie dieses Kind werden müssen? Wenn die Lektion, die er ihnen erteilen wollte, die der göttlichen Natur des Kindes war, die der Kindhaftigkeit? Wäre das nicht ein Widerspruch gewesen zwischen dem Kind und den Worten unseres HERRN, lächerlich, nur noch übertroffen von dem Grauen, besonders wenn wir sehen, dass er die Einzigartigkeit des Kindes hervorhob, indem er sagt „dies Kind“, „ein solches Kindlein“, „diese Geringsten, die an mich glauben“? Selbst die Gefühle des Mitleids und der Liebe, die in einem guten Herzen beim weiteren Betrachten eines solchen Kind aufstiegen, würden es doch weit abgewendet haben von der Lektion, die unser HERR beabsichtigte zu geben.
Dass diese Lektion nicht im Menschsein, sondern in der Kindschaft des Kindes lag, lasst mich jetzt vollständiger aufzeigen. Die Jünger hatten darüber gestritten, wer der Größte sein sollte und der HERR wollte ihnen zeigen, dass solch ein Streit gar nichts mit der Weise zu schaffen hat, wie die Dinge in seinem Reich vor sich gehen. Deshalb nahm er als Exemplar für seine Untertanen ein Kind und setzte es ihnen vor. Es war nicht und konnte nicht aufgrund seines Menschseins, sondern aufgrund seiner Kindschaft, dass dieses Kind solcherart vorgestellt wurde, um einen Angehörigen des Himmelreiches zu repräsentieren. Es war nicht, um den Umfang des Himmelreiches zu zeigen, sondern seine Natur. Er sagte ihnen, dass sie nicht in das Himmelreich[9] eintreten könnten, außer sie würden kleine Kinder – indem sie sich selbst erniedrigten. Denn die Idee des Herrschens war ausgeschlossen, wo Kindhaftigkeit das eine grundlegende Merkmal war. Es ging nicht mehr darum, wer herrschen sollte, sondern wer dienen sollte; nicht mehr, wer von den eroberten Höhen der Autorität auf seine Gefährten hinuntersieht – selbst wenn es heilige Autorität ist, sondern wer aufsehen sollte, die Menschheit zu achten, ihr zu dienen, so dass die Menschheit selbst auf lange Sicht überzeugt werden mag von ihrer eigenen Ehre als Tempel des lebendigen Gottes. Um ihnen diese Lektion eindrücklich zu vermitteln, zeigte er ihnen das Kind. Deshalb, wiederhole ich, lag die Lektion in der Kindschaft des Kindes.
Doch nun nähere ich mich meinem eigentlichen Punkt; denn diese Lektion führte zur Ausdrucksweise einer noch höheren Wahrheit, auf welche sie gegründet wurde und aus welcher sie in der Tat entsprang. Nichts wird vom Menschen verlangt, das nicht zuerst in Gott ist. Es ist weil Gott vollkommen ist, dass von uns gefordert wird, vollkommen zu sein. Und es ist wegen der Offenbarung Gottes in allen menschlichen Seelen, dass sie gerettet werden mögen, indem sie ihn erkennen und auf diese Weise werden wie er, dass dieses Kind solcherart ausgewählt wird und ihnen im Evangelium vorgestellt. Der, welcher, indem er ihm den Becher Wasser reicht oder es umarmt, kommt mit der grundlegenden Kindschaft des Kindes in Berührung kommt – das heißt, umarmt sein kindliches Menschsein (nicht der, welcher es aus Liebe zur Menschheit oder gar aus Liebe zu Gott als dessen VATER umarmt) – ist Teilhaber der Bedeutung, das heißt des Segens in diesem Abschnitt. Es ist die Wahrnehmung der Kindschaft als göttlich, die dem Jünger zeigen wird, wie vergeblich das Streben nach höherer Stellung oder Ehre in dem großartigen Himmelreich ist.
Denn es geschieht In meinem Namen. Das bedeutet als mich repräsentierend; und darum als wäre ich es. Unser HERR könnte nicht den Auftrag geben, jemanden in seinem Namen aufzunehmen, welcher ihn nicht mehr oder weniger repräsentieren könnte; denn darin wäre Unwahrhaftigkeit und Unsinnigkeit. Zudem hatte er seinen Jüngern gerade gesagt, dass sie wie dieses Kind werden müssten; und wenn er ihnen nun sagt, solch ein kleines Kindlein in seinem Namen aufzunehmen, muss das sicherlich bedeuten, dass sie alle etwas gemein haben – etwas, in welchem das Kind und Jesus sich treffen – etwas, in welchem das Kind und die Jünger sich treffen. Was anderes kann das sein als die geistliche Kindschaft? In meinem Namen bedeutet nicht, weil ich es will. Eine beliebige Äußerung des Willens unseres HERRN würde sicher Zehntausende finden, die sie befolgen, selbst unter Leiden, für einen, der in der Lage ist, solch eine lebendige Wahrheit seines Charakter zu empfangen, wie sie in den Worten enthalten ist; doch es ist nicht Gehorsam allein, den unser HERR haben will, sondern Gehorsam gegen die Wahrheit, das heißt, das Licht der Welt, Wahrheit, geschaut und erkannt.[10] In meinem Namen, wenn wir es mit allem nehmen, was wir darin finden, die volle Bedeutung, welche allein den Abschnitt in Einklang bringen und erfüllen kann, enthält eine Offenbarung über Ähnlichkeit, über die Eignung etwas zu repräsentieren und damit zu offenbaren. Der, welcher ein Kind aufnimmt, tut dies also im Namen Jesu, erkennt, worin Jesus und das Kind eins sind, was ihnen gemein ist. Er wird nicht nur das Ideal des Kindes in dem Kind sehen, das er aufnimmt – die Wirklichkeit des Liebenswerten, welches wahre Kindschaft ausmacht, sondern muss erkennen, dass das Kind wie Jesus ist, oder vielmehr, dass der HERR ist wie das Kind und umarmt werden kann, umarmt wird von jedem Herzen, das kindhaft genug ist, ein Kind zu umarmen um seiner Kindhaftigkeit willen. Ich sage damit nicht, dass keiner, außer jenen, die sich dieses Aktes bewusst ist, Anteil am Segen hat. Doch ein besonderer Sinn, eine höhere Erkenntnis des Gesegnetseins, gehört zu dem Akt des Umarmens eines Kindes als dem sichtbaren Abbild des HERRN selbst. Denn das Gesegnetsein ist das Empfangen der Wahrheit – der Segen ist die Wahrheit selbst – die Gott-erkannte Wahrheit, dass der HERR das Herz eines Kindes hat. Der Mensch, welcher dies erkennt, weiß in sich selbst, dass er gesegnet ist – gesegnet, weil es wahr ist.
Doch die Argumentation in Bezug auf die Bedeutung der Worte unseres HERRN, In meinem Namen, ist unvollständig, bis wir der Aussage unseres HERRN zu ihrer zweiten und höheren Ebene folgen: „Wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Es ist wohl zulässig anzunehmen, dass die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Glied der Argumentationskette möglicherweise dieselbe sein wird wie die Verbindung zwischen dem zweiten und dritten. Ich behaupte nicht, dass es notwendigerweise so ist; denn ich ziele nicht auf logische Zuverlässigkeit. Ich ziele mit meinen Folgerungen vielmehr darauf, meinem Leser die Idee, welcher ich mich annähere, zu zeigen, als sie ihm zu beweisen. Denn kann er sie nicht empfangen, wenn er sie einmal schaut, wenn sie sich ihm selbst nicht als wahr erzeigt, würde es nicht nur wenig nützen, ihn mit Logik zu überzeugen, sondern ich räume ein, dass er leicht andere mögliche Verbindungen in der Argumentationskette vorbringen kann, obwohl, behaupte ich, keine solch einander entsprechenden. Was also ist die Verbindung zwischen dem zweiten und dritten Glied? Wie kommt es, dass der, welcher den SOHN empfängt, den VATER empfängt? Weil der SOHN wie der VATER ist; und der, dessen Herz das Grundlegende in Christus erkennen kann, hat das Wesen des Vaters – das heißt, er sieht und hält es fest durch dieses Erkennen und ist damit eins durch Erkennen und Anbeten. Was also ist als Nächstes die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Glied? Ich denke, es ist dieselbe. „Er, der das Grundlegende in diesem Kind, die reine Kindschaft, sieht, sieht das, was mein Wesen in mir ist“, Gnade und Wahrheit[11] – in einem Wort, Kindhaftigkeit. Daraus folgt nicht, dass das erstere so vollkommen wie das letztere ist, aber es ist von derselben Art und darum, offenbar in dem Kind, offenbart es das, was in Jesus ist.
Also ein Kind in dem Namen Jesu aufzunehmen heißt, Jesus aufzunehmen; Jesus aufzunehmen heißt, Gott zu aufzunehmen; darum heißt das Kind aufzunehmen, Gott selbst aufzunehmen.
Dass solches das Empfinden der Worte ist und das Empfinden im Herzen unseres HERRN solches war, als er sie sprach, will ich zeigen anhand eines anderen goldenen Fadens, der in dem leuchtenden Netz seiner goldenen Worte aufzuspüren sein mag.
Was ist das Reich Christi?[12] Eine Herrschaft der Liebe, der Wahrheit – eine Herrschaft des Dienens. Der König ist darin der oberste Diener. „Die weltlichen Fürsten haben Gewalt: so soll es nicht sein unter euch.“[13] „Des Menschen Sohn ist gekommen, dass er diene.“[14] „Mein Vater wirkt, und ich wirke auch.“[15] Der große Arbeiter ist der große König, sich mühend für die Seinen. Also muss der, welcher der Größte unter ihnen sein will und dem König selbst am nächsten kommen will, der Diener aller anderen sein.[16] Es heißt wie der König so die Untertanen im Himmelreich. Keine Herrschaft der Gewalt, wie eine Art über eine andere Art. Es ist die Herrschaft der Art, der Natur, der tiefsten Natur – Gottes. Wenn wir also, um in dieses Königreich zu kommen, Kinder werden müssen, muss der Geist der Kinder der alles durchdringende Geist darin sein, vom geringsten Untertan zum demütigsten König. Die Lektion, die von Lukas zur Darstellung des Kindes hinzugefügt wird, ist: „Denn der, welcher der Letzte unter euch ist, derselbe soll groß sein.“ „Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ Dies ist das Zeichen zwischen König und Untertan. Der Untertan kniet in Verehrung der Könige der Erde: der himmlische König nimmt seinen Untertan in seine Arme. Dies ist das Zeichen des Himmelreichs zwischen ihnen. Dies ist die alles durchdringende Verbindung des Himmelreichs.
Um also einen Blick zurückzuwerfen:
Das Kind aufzunehmen, weil Gott es aufnimmt, um seines Menschseins willen, ist die eine Sache; es aufzunehmen, weil es wie Gott ist oder um seiner Kindschaft willen, ist eine andere Sache. Die erstere wird wenig ausrichten, um Ehrsucht auszulöschen. Sie mag sogar noch dazu beitragen, sie auszuweiten, weil sie den Wettstreit zwischen den Menschen befördert. Doch die letztere greift genau an die Wurzel des Wetteiferns. Sobald als selbst das Dienen wegen der Ehre erfolgt und nicht um des Dienens willen, ist der Tuende in diesem Augenblick schon außerhalb des Himmelreichs. Doch wenn wir das Kind im Namen Christi aufnehmen, ist eben die Kindschaft, die wir in unseren Armen empfangen, das Menschsein. Wir lieben seine Menschsein in seiner Kindschaft, denn Kindschaft ist der innerste Herz des Menschseins – sein göttliches Herz; und so nehmen wir im Namen des Kindes die gesamte Menschheit auf. Darum, obwohl die Lektion nicht von der Menschheit handelt, sondern von der Kindschaft, fällt sie zurück auf unsere Art und wir empfangen unsere Art mit offeneren Armen und innigeren Herzen. Es geht also keine andere Lektion verloren, wenn man diese aufnimmt; es zeigt sich keine Herzlosigkeit darin, indem darauf bestanden wird, dass das Kind ein liebenswertes – ein kindhaftes Kind[17] war.
Wenn es im Himmel ein Bild von dieser wunderbaren Lehre gibt, dann erblicken wir darin zweifellos die sacht leuchtende Kindschaft auf all den Gesichtern der Gruppe von Jüngern, dessen Mitte der Sohn des Menschen mit einem Kind in seinen Armen ist. Die Kindschaft, sacht leuchtend in den Gesichtern der Männer, muss wahrhaft klar im Gesicht des Kindes aufscheinen. Doch im Angesicht des HERRN selbst wird die Kindschaft triumphierend sein – all seine Weisheit, all seine Wahrheit, die strahlende Gelassenheit des Vertrauens in seinen VATER abhebend. Wahrlich, Oh HERR, diese Kindschaft ist Leben. Wahrlich, oh HERR, wenn deine Sanftheit die Welt groß gemacht haben wird, dann, Kinder seiend wie du, werden alle Menschen, im Angesicht des großen Gottes lächeln.
Doch um nun zum höchsten Punkt dieser Lehre unseres HERRN vorzudringen: „Der, der mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ Ein Kind im Namen Gottes aufzunehmen heißt, Gott selbst aufzunehmen. Wie ihn aufnehmen? Wie er einzig nur aufgenommen werden kann, – indem man ihn kennt wie er ist. Ihn zu kennen heißt, ihn in uns zu haben. Und damit wir ihn kennen mögen, lasst uns nun diese Offenbarung von ihm empfangen, in den Worten unseres HERRN selbst. Hier ist das Argument von höchster Wichtigkeit, gegründet auf der Lehre unseres Meisters, in jener Äußerung vor uns.
Gott wird dargestellt in Jesus, weil dieser Gott wie Jesus ist: Jesus wird dargestellt in dem Kind, weil Jesus wie das Kind ist. Darum wird Gott dargestellt in dem Kind, weil er wie das Kind ist. Gott ist kindhaft. In der wahren Schau dieser Tatsache liegt das Empfangen Gottes in dem Kind.
An diesem Punkt angelangt, habe ich nichts weiter zu schaffen mit diesem Argument; denn wenn der HERR dies meinte – das heißt, wenn dies eine Wahrheit ist, wird der, der dazu fähig ist, sie empfangen: Der, der Ohren hat zu hören, wird hören.[18] Denn die Argumentationen unseres HERRN dienen zur Vorführung der Wahrheit und die Wahrheit trägt ihre eigene Überzeugung von sich demjenigen an, welcher in der Lage ist, sie zu empfangen.
Doch das Wort von einem, welcher diese Wahrheit gesehen hat, mag der Morgendämmerung einer ähnlichen Wahrnehmung in denen helfen, welche ihre Gesichter bereits dem Osten und seinem Lichtstreif zugewandt haben; denn Menschen mögen Augen haben und obwohl sie nur schwach sehen, mehr sehen wollen. Darum lasst uns noch eine Weile über die Idee selbst nachsinnen und schauen, ob sie nicht hervorbricht und so sich selbst dem Geist empfiehlt, welcher, eins mit dem menschlichen Geist, wo er weilt, die tiefen Dinge Gottes erforscht.[19] Denn obwohl das wahrhaftige Herz über die Wahrheit zuerst erschreckt sein mag, so wie Petrus erschreckt war, als er sagte: „Das sei fern von dir, HERR“,[20] wird es sie nach einer Weile doch aufnehmen und sich in ihr freuen.
Lass mich also fragen, ob du an die Fleischwerdung glaubst? Und wenn du es tust, lass mich weiter fragen, ob Jesus jemals weniger göttlich war als Gott? Ich antworte für dich, NIEMALS. Er war niedriger, aber niemals weniger göttlich. War er also kein Kind? Du antwortest „Ja, aber er war nicht wie andere Kinder.“ Ich frage „Sah er nicht wie andere Kinder aus?“ Wenn er aussah wie sie und nicht war wie sie, dann war das Ganze eine Täuschung, bestenfalls eine Maskerade.[21] Ich sage, er war ein Kind, was immer er sonst noch mehr war. Gott ist Mensch und unendlich mehr. Unser HERR wurde Fleisch, aber er wurde nicht Mensch. Er nahm die Gestalt eines Menschen an: er war bereits Mensch. Und er war, ist und wird immer göttlich kindhaft sein. Er hätte niemals ein Kind sein können, wenn er jemals aufgehört hätte ein Kind zu sein, denn in ihm fand sich nichts Vergängliches. Kindschaft gehört zur göttlichen Natur. Gehorsam also ist ebenso göttlich wie Wille, Dienen ebenso göttlich wie Herrschen. Wie? Weil sie eins sind in ihrer Natur; sie sind beide ein Tun der Wahrheit. Die Liebe in ihnen ist dieselbe. Die Vaterschaft und die Sohnschaft sind eins, außer dass die Vaterschaft liebevoll herabschaut und die Sohnschaft liebevoll aufschaut. Liebe ist alles. Und Gott ist alles in allem. Er strebt immer danach, zu uns herabzukommen – der göttliche Mensch für uns zu sein. Und wir sagen immer: „Das sei ferne von dir, HERR!“ Wir sorgen uns in unserem Unglauben um die göttliche Würde, für welche er zu groß ist, um daran zu denken. Gott wohlgefälliger, es braucht nur ein kleines Wagnis, das zu sagen, ist die Kühnheit Hiobs, welcher, in seine Gegenwart eilend und die Tür zum Raum seiner Gegenwart so weit aufstoßend, dass sie an die Wand schlägt, wie ein bekümmertes, vielleicht zorniges, aber immer noch vertrauensvolles Kind laut in das Ohr desjenigen ruft, dessen vollkommene Vaterschaft er erst noch kennenlernen muss: „Bin ich das Meer oder ein Meerungeheuer, dass du einen Wächter gegen mich stellst?“[22]
Lasst uns also wagen, zur Höhe der göttlichen Wahrheit aufzusteigen, zu der diese Äußerung unseres HERRN uns führen wollte.
Führt es uns nicht hier hinauf: dass die Hingabe Gottes an seine Geschöpfe vollkommen ist? Dass er nicht an sich selbst denkt, sondern an sie? Dass er nichts für sich selbst will, sondern seine Seligkeit im Schenken der Seligkeit findet?
Ah! Es ist eine furchtbare – soll dies eine einsame Herrlichkeit sein? Wir werden uns mit unserer menschlichen Antwort nähern, unserem Ablegen des Selbst im Glauben Jesu. Er gibt uns sich selbst – sollten wir uns ihm nicht hingeben? Sollten wir uns nicht dem andern hingeben, welchen er liebt?
Denn wann ist das Kind in unseren Augen und für unsere Herzen das ideale Kind? Ist es nicht dann, wenn es mit zärtlicher Hand seinen Vater beim Bart nimmt und das Gesicht dieses Vaters zu seinen Brüdern und Schwestern erhebt, um es zu küssen? Wenn sogar die liebenswerte Selbstsucht des Suchens nach Liebe geschwunden ist und das Herz im Lieben aufgegangen ist?
Darin also ist Gott wie das Kind: dass er schlicht und einfach unser Freund und Vater ist – mehr als unser Freund, Vater und Mutter[23] – unser unendlich vollkommen liebender Gott. Großartig und stark jenseits von allem, was menschliche Vorstellung sich an Poesie und königlichem Wirken ausmalen kann, er ist zärtlich jenseits von allem, was menschliche Zärtlichkeit sich zwischen Mann und Weib ausdenken kann, heimelig jenseits von allem, was das menschliche Herz von Mutter und Vater erwarten kann. Er hat keine zwei Gedanken über uns. Bei ihm ist alles Einfachheit in Bestimmung und Bedeutung und Bestreben und Ziel – nämlich, dass wir sein sollten, wie er ist, dieselben Gedanken denken, dieselben Dinge meinen, dieselbe Seligkeit besitzen. Es ist so deutlich, dass jeder es sehen kann, jeder es sehen sollte, jeder es sehen wird. Es muss so sein. Er ist völlig wahrhaftig und gut zu uns, noch wird irgendwas seinem Willen widerstehen.
Wie furchtbar falsch haben die Theologen schon Gott dargestellt, im Maß des Niederen und Protzigen, nicht in erhabenen und einfachen Menschlichkeiten! Fast alle von ihnen stellen ihn dar als einen großen König auf einem erhobenen Thron, darüber nachdenkend, wie groß er ist, und sie machen es zu der Aufgabe seines Daseins und zum Ziel seines Universums, seine Ehre aufrechtzuerhalten und die Blitze eines Jupiters gegen jene zu schleudern, die seinen Namen nichtig gebrauchen. Sie wollen dies nicht gestatten, doch befolgt, was sie sagen, so kommt es genau dazu. Geschwister, habt ihr unseren König gefunden? Dort ist er, kleine Kindlein küssend und sprechend, dass sie wie Gott sind. Dort ist er am Tisch mit dem Kopf eines Fischers an seine Brust gelehnt und mit einer Wehmut im Herzen, die selbst er, der geliebte Jünger, nicht ganz verstehen kann.[24] Der einfachste Landmann, welcher seine Kinder und seine Schafe liebt, wäre – nein, nicht ein wahrhaftigerer, weil der andere falsch wäre, doch – ein wahrhaftiger Typus unseres Gottes im Gegensatz zur dieser Monstrosität eines Monarchen.
Der Gott, welcher sich selbst immer wieder in der wechselvollen Fülle der Natur äußert; welcher Millionen von Jahren dafür aufwendet, eine Seele zu formen, die ihn verstehen und gesegnet sein wird; welcher es niemals nötig hat, noch nötig haben wird, in Eile zu sein; welcher den einfachsten Gedanken von Wahrheit und Schönheit als Ertrag der Saat, die er in die alten Ackerfurchen der Ewigkeit gesät hat, willkommen heißt, welcher voll Freude ist über die Antwort eines zögerlichen Augenblicks auf den Zeitalter währenden Ruf der Weisheit in den Straßen[25]; der Gott der Musik, der Malerei, des Bauwerkens, der Herr der Heerscharen, der Gott der Berge und Meere; dessen Gesetze von einem unsichtbaren Punkt der Weisheit ausgehen und dorthin zurückkehren ohne den Verlust eines kleinsten Atoms; der Gott der Geschichte, der durch die Zeit wirkt bis hin zur Christenheit; dieser Gott ist der Gott der kleinen Kindlein und er allein kann vollkommen, uneingeschränkt einfach und hingebungsvoll sein. Die tiefste, reinste Liebe einer Frau hat ihren Ursprung in ihm. Unser sehnsuchtsvolles Verlangen kann ebenso wenig jemals die Fülle der Schätze der Gottheit ausschöpfen, wie unsere Vorstellungskraft jemals ansatzweise ihr Maß erfassen kann. Nicht ein Gedanke, nicht eine Freude, nicht eine Hoffnung eines seiner Geschöpfe kann unbeachtet an ihm vorbeiziehen; und während noch eines von ihnen unbefriedigt ist, ist er noch nicht HERR über alle.
Darum, mit Engeln und mit Erzengeln, mit den Geistern der vollkommen Gemachten, mit den kleinen Kindlein des Königreichs, ja, mit dem HERRN selbst, und für all jene, die ihn nicht kennen, preisen und erheben und loben wir seinen Namen selbst[26], indem wir sagen Unser Vater.[27] Wir ziehen uns nicht zurück, weil wir unwürdig sind, noch weil wir hartherzig sind und uns nicht um das Gute scheren. Denn es ist seine Kindhaftigkeit, die ihn zu unserem Gott und VATER macht. Die Vollkommenheit seiner Beziehung zu uns verschlingt all unsere Unvollkommenheiten, all unsere Fehler, all unser Böses; denn unsere Kindschaft wird aus seiner Vaterschaft geboren. Der Mensch ist vollkommen im Glauben, welcher zu Gott kommen kann im äußersten Mangel seiner Empfindungen und Bedürfnisse, ohne Glut und Bestreben, mit der Last niederer Gedanken, Fehler, Unterlassungen und umherschweifender Nachlässigkeit, und zu ihm sagen kann: „Du bist meine Zuflucht, weil du mein Zuhause bist.“[28]
Solch ein Glaube wird nicht zur Anmaßung führen. Der Mensch, welcher solch ein Gebet sprechen kann, wird besser als andere wissen, dass Gott sich nicht spotten lässt;[29] dass er nicht ein Mensch ist, dass er etwas bereuen würde;[30] dass Tränen und Flehen bei ihm nicht bewirken, dass er eines seiner Gebote umstößt; dass einem Menschen zu geben, worum er bittet, wenn es nicht in Übereinstimmung mit den Geboten der Wahrheit und Gerechtigkeit ist, für Gott heißen würde, ihn zu verdammen – ihn in die äußerste Finsternis[31] zu werfen. Und er weiß, dass der kindhafte, unerschütterliche Gott keinen Menschen aus diesem Kerker entlassen wird, bis er den äußersten Preis dafür bezahlt hat.[32]
Und sollte er es doch vergessen, wird der Gott, zu welchem er gehört, es nicht vergessen, ihn nicht vergessen. Das Leben ist keine Abfolge von Zufälligkeiten mit ein paar eingesprenkelten Fügungen dazwischen, um einen gerade versagenden Glauben aufrecht zu erhalten, sondern es ist eine einzige Fügung Gottes; und der Mensch wird nicht lange vor sich hin leben, bis das Leben selbst ihn an das erinnert, möglicherweise in Seelenpein, was er vergessen hat. Wenn er um Trost bittet, kommt die Antwort möglicherweise in Form von Bestürzung und Grauen und dem Abwenden des Angesichtes des VATERS; denn die Liebe selbst wird, um der Liebe willen, das Angesicht abwenden von dem, was nicht liebenswert ist; und er wird die Worte lesen müssen, an die dunkle Wand seines eingekerkerten Gewissens geschrieben, die Worte, furchtbar und herrlich Unser Gott ist ein verzehrend Feuer.
[1] Obwohl Jesus sich den Berichten der Evangelien nach sehr viel und häufig rund um den See Genezareth aufgehalten hat, ist es eher unwahrscheinlich, dass er dort ein eigenes Haus hatte. Er hatte im Gegenteil das eigene Elternhaus verlassen, keine eigene Familie gegründet und zog dauerhaft von Ort zu Ort. Es liegt nahe, dass er es ähnlich machte, wie er es seinen Jüngern, die er zu je zweien aussandte, befahl: vor ein Haus zu treten und um Aufnahme zu bitten (Markus 6,7-13). Die meisten seiner Jünger waren Fischer vom See Genezareth und hier aus der Ortschaft Kapernaum. Einmal wird berichtet, dass Jesus die Schwiegermutter des Petrus von einem Fieber heilte (Markus 1,31), dann wieder, dass Jesus dort in einem Haus war, durch dessen Dach man den Gelähmten hinunterließ (Markus 2,1ff). Oft wird dieses Haus als sein eigenes Heim bezeichnet. Wenn man bedenkt, dass Jesus seinen Jünger Petrus aus allen anderen Jüngern besonders hervorhebt und ihm das Wohl der anderen Jünger anvertraut (Matthäus 16,18), spricht dies auch für eine längerfristige Wohnsituation im Haus von Petrus, der ja als Fischer dort seinem Tagesgeschäft nachgeht, um die Familie zu versorgen. Laut Evangelien ist Petrus ein verheirateter Mann und man kann davon ausgehen, dass er Kinder hatte. Darum schreibt MacDonald hier, dass dieses Kind eines von den Kindern des Petrus sein könnte.
[2] Original: „Thou marshall’st me the way that I was going; And such an instrument I was to use.“ / Übersetzung: „Du gehst mir vor den Weg, den ich will schreiten, Und eben solche Waffe wollt ich brauchen.“ – Zitat aus Shakespeares „Macbeth“ – aus einer Rede des Macbeth, zweiter Akt, erste Szene
[3] Lukas 19,10
[4] MacDonald zählt hier Gleichnisse von den verlorenen und wiedergefundenen Dingen aus dem Lukasevangelium auf (Lukas, Kapitel 15).
[5] Römer 8,16
[6] In diesen Ausführungen spiegelt sich das Ende vom Gleichnis des Verlorenen Sohnes wider. MacDonald kehrt das Ende jedoch um. Der daheim gebliebene Bruder ist nicht wie im erzählten Gleichnis eifersüchtig auf den heimgekehrten, verlorenen Bruder, sondern betet für die Heimkehr des Verlorenen und sorgt sich um ihn, laut MacDonald hier seine eigentliche Aufgabe als Bruder und Nächster, die er im Gleichnis Jesu verfehlt hatte.
[7] Matthäus 10,42
[8] Die beiden unterschiedlichen Typen von Kindern, die MacDonald hier aufführt, finden im Zeitalter der Industrialisierung und im Viktorianischen Großbritannien auch ihre Entsprechung in der Wirklichkeit. Der ärmlichen Kindheit der elenden Massen stehen „wohlstandsverwahrloste“ höhere Kreise gegenüber, die ihre Kinder auch kaum als vollwertige Menschen sehen, sondern eher als unvernünftige Tiere, die durch entsprechende Erziehung erst abgerichtet werden müssen, um später ein vollwertiger Teil der Ewachsenenwelt zu werden. In vielen Romanen dieser Zeit spiegeln sich diese tragischen Kindheiten wider, wie zum Beispiel in „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë.
[9] Im Original „Kingdom“ (nach der King James Übersetzung der Bibel) – wörtlich übersetzt Königreich. Im Deutschen nutzt man für die von Jesus in den Evangelien verkündete göttliche Herrschaft gewöhnlich traditionell lutherisch geprägte Begriffe wie „Reich Gottes“ oder „Himmelreich“. Wo die Menschen als „Untertanen“ bzw. als „Kinder Gottes“ leben, da wird das Reich Gottes hier auf der Erde erfahrbare Wirklichkeit. Jesus spricht davon, dass das Reich Gottes bereits unter uns gekommen ist (Lukas 17,21). Seine Jünger sind Botschafter dieser Herrschaft und somit Angehörige / Untertanen dieses göttlichen Reiches.
[10] Anspielung auf den Prolog des Johannesevangeliums, Kapitel 1
[11] Abermals Anspielung auf den Inhalt von Johannes 1
[12] Gemeint ist das oben erwähnte Himmelreich
[13] Matthäus 20,26
[14] Matthäus 20,28
[15] Johannes 5,17
[16] Matthäus 20,25-28
[17] „Kindhafte Kinder“ sind im Werk und Leben von George MacDonald ein entscheidendes Motiv. Wir finden besonders kindhafte – also idealtypisch kindliche, das heißt gutherzige, offenherzige, liebevolle und liebenswerte – Kinder in seinen Erzählungen „Hinter dem Nordwind“ („At the Back of the Northwind“) oder in „Die Prinzessin und der Kobold“ („The Princess and the Goblin“), sowie in einer rätselhaften Passage um eine Ansammlung von Kindern in der Erzählung „Lilith“.
[18] Häufig von Jesus gebrauchte Wendung in den drei synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas, die auf die besondere Wichtigkeit des Gesagten hinweist. Ähnlich wird im Johannesevangelium das „Wahrlich, wahrlich“ verwendet.
[19] Johannes 16,13
[20] Matthäus 16,22
[21] MacDonald erörtert hier auf sehr einfache Weise das alte Problem, ob Jesus mehr Gott oder mehr Mensch, nur eines von beidem oder beides gleichermaßen. Seit dem Konzil von 325 bekennen Christen weltweit, dass Jesus zugleich wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Demzufolge argumentiert MacDonald, dass Jesus wie alle anderen Kinder ein menschliches Kind gewesen sein muss, mit allen anfänglichen Bedürfnissen und Entwicklungen.
[22] Hiob 7,12 – Im Buch Hiob klagt Hiob Gott wegen seines erlittenen Unglücks in langen Reden und mit eindringlichen Worten an, während seine vermeintlichen Freunde ihn in ebenfalls langen Reden an die Größe Gottes erinnern und ihn ermahnen, sich nicht so gegen Gott zu ereifern. Am Ende jedoch spricht Gott den Hiob gerecht.
[23] Johannes 15,13-15 / Matthäus 12,46-49
[24] Johannes 13,25
[25] Sprüche 1,20 / Lukas 15,7+10
[26] Offenbarung 5,8-14
[27] Matthäus 6,9
[28] „Du bist meine Zuflucht“ oder „Der Herr ist meine Zuflucht“ ist eine häufig vorkommende Formulierung in den Psalmen.
[29] Galater 6,7
[30] 4.Mose 23,19
[31] Matthäus 8,12 / 22,13 / 25,30
[32] Matthäus 5,26 – Eigentlich “letzte Münze“ oder „letzter Heller“. King James Bible „uttermost farthing“ (den wirklich allerletzten Pfennig / Cent) – kurzes Gleichnis Jesu über einen, der sich nicht mit seinem Nächsten aussöhnen will, vor Gericht landet und verurteilt wird, im Gefängnis zu sitzen, bis er seine ganzen Schulden bezahlt hat.
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