Der größere Glaube
„Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubest du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Johannes 20, 29
Das aufstrebende Kind wird oft aufgehalten durch einen abgestumpften Jünger, welcher seine Lektionen so unvollkommen gelernt hat, dass er niemals über seine Schulbücher hinausgekommen ist. Voll von bruchstückhaften Regelungen, hat er den Grundsatz von keiner von ihnen verinnerlicht. Das Kind nähert sich ihm mit einem Ausbruch unüblichen Gefühls, einem Aufflackern lebendiger Hoffnung, einigem an weitreichender Vorstellungskraft, die in den Kreis religiöser Theorie die natürliche Welt hineinzieht und die noch umfassendere Welt des Menschseins, denn für das Kind füllen die Taten des VATERS die Räume aus; es hat noch nicht gelernt, zwischen Gott und Natur, zwischen Vorsehung und Gnade, zwischen Liebe und Wohlwollen zu unterscheiden; – das Kind kommt, sage ich, mit seinem vollen Herzen und die Antwort, die es von dem abgestumpften Jünger empfängt, ist – „Gott hat in seinem Wort nichts darüber gesagt, deshalb haben wir kein Recht, irgendetwas davon zu glauben. Es ist besser, über solche Angelegenheiten nicht zu spekulieren. Wie wünschenswert es uns auch erscheinen mag, wir haben damit nichts zu schaffen. Es ist nicht offenbart.“ Denn solch ein Mensch ist unfähig anzunehmen, dass etwas, das vor ihm verborgen geblieben ist, dem Kindlein offenbart worden sein mag. Darum wehrt er mit der Autorität von Jahren und Unwissenheit dem Kind, denn er glaubt an keine Offenbarung außer der Bibel und an ihr Wort allein. Für ihn hat alle Offenbarung mit der Bibel aufgehört und liegt in ihr vergraben, um mit Schwierigkeit ausgegraben zu werden und, durch viel Befragung der vergänglichen Form, wiedervereint zu werden zu einem steifen Knochengerippe metaphysischer und regelhafter Findigkeit, um die Liebe Gottes nicht durch die anderen Vollkommenheiten seines Wesens behindern zu lassen.
Aber in dem Menschen, welcher durch die ganze göttliche Gestalt seines Daseins hindurch leben wollte, sich selbst nicht nur auf einen zerbrochenen Winkel seines Königreichs beschränkend und den Rest den Teufeln überlassend, die solche Wüsten heimsuchen, werden tausend Fragen aufsteigen, welche die Bibel nicht einmal anrührt. Hat er mit solchen tatsächlich nichts zu schaffen? Liegen sie jenseits seiner Verantwortlichkeit? „Lass ab von ihnen“, sagt der abgestumpfte Jünger. „Ich kann nicht“, entgegnet der Mensch. „Nicht nur, dass der Grad des Seelenfriedens, ohne welchen Handeln unmöglich ist, von der Antwort auf diese Fragen abhängt, sondern auch mein Verhalten selbst muss diesen Antworten entsprechen.“ „Lass zumindest so lange ab von ihnen, bis Gott sich entschließt, sie zu klären, wenn er es jemals tun wird.“ „Nein. Fragen verlangen nach Antworten. Er hat die Frage in mein Herz gelegt; er bewahrt die Antworten in seinem. Ich will bei ihm nach ihnen suchen. Ich werde warten, doch nicht, bis ich angeklopft habe. Ich werde geduldig sein, doch nicht, bis ich gefragt habe. Ich werde suchen, bis ich finde.[1] Er hat etwas für mich. Mein Gebet soll aufsteigen zu dem Gott meines Lebens.“[2]
Die ganze Angelegenheit wäre in der Tat traurig, wenn die Bibel uns alles gesagt hätte, was Gott uns glauben haben wollte. Doch hierin wird der Bibel äußerst Unrecht getan. Sie erhebt nirgends den Anspruch, angesehen zu werden als das Wort, der Weg, die Wahrheit.[3] Die Bibel führt uns zu Jesus, die unerschöpfliche, die sich stetig entfaltende Offenbarung Gottes. Es ist Christus, „in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“,[4] nicht die Bibel, außer sie führt zu ihm. Und warum wird uns gesagt, dass diese Schätze verborgen sind in ihm,welcher die Offenbarung Gottes ist? Sollten wir daran verzweifeln, sie zu finden und aufhören, nach ihnen zu suchen? Sind sie nicht in ihm verborgen, damit sie uns zu geeigneter Zeit offenbart werden mögen – das heißt, wenn wir sie benötigen? Ist nicht ihr Verborgensein in ihm der vermittelnde Schritt hin zu ihrer Entfaltung in uns? Ist er nicht Die Wahrheit? – Die Wahrheit für die Menschen? Ist er nicht der Hohepriester seiner Brüder,[5] um all die kummervollen Fragestellungen zu beantworten, die in ihrem getrübten Menschsein auftauchen? Denn es ist sein Herz, welches
… enthält von Güte, Weisheit und Gerechtigkeit die vollkomm´ne Gestalt.[6]
Didymus[7] antwortet: „Ohne Zweifel, was wir jetzt nicht wissen, werden wir hernach wissen.“ Es mag sicherlich Dinge geben, welche durch den bloßen Eintritt in ein anderes Stadium des Daseins erleuchtet werden; doch die Fragen, die im Hier kommen, müssen im Hier erörtert werden und wenn sie hier nicht beantwortet werden, dann müssen sie dort auch erörtert werden, bis sie beantwortet sind. Da ist mehr in Christus verborgen, als wir jemals lernen werden, sowohl hier als auch dort; doch jene, die zuerst anfangen nachzufragen, werden bald mit Offenbarung erfreut werden; und über sie wird er am zufriedensten sein, denn die Langsamkeit seiner Jünger hat ihn von alters her bekümmert.[8] Zu sagen, dass wir auf die andere Welt warten müssen, um den Geist dessen zu kennen, welcher in diese Welt kam, um uns sich selbst zu geben, erscheint mir als Torheit eines weltlichen und trägen Geistes. Der Sohn Gottes ist der Lehrer der Menschen, ihnen von seinem Heiligen Geist gebend – dieser Geist, welcher die tiefen Dinge Gottes bekundet, einem Menschen der Sinn des Christus seiend. Der große Abfall der Kirche der Gegenwart ist Unglaube an diesen Geist. Die Masse der Kirche glaubt nicht, dass der Heilige Geist eine Offenbarung für jeden einzelnen Menschen hat[9] – eine Offenbarung so verschieden von der Bibel wie die Nahrung in dem Augenblick, wenn sie in das lebendige Hirn und die Nerven dringt, sich von Brot und Fleisch unterscheidet. Wenn wir einst mit dem Geist des Christus gefüllt wären, sollten wir wissen, dass die Bibel ihr Werk getan hat, es erfüllt ist und an uns vorübergezogen ist, damit das WORT unseres Gottes für immer weilt. Der eigentliche Nutzen der Bibel ist, uns auf Jesus sehen zu lassen, dass wir durch ihn seinen VATER und unseren VATER erkennen, seinen Gott und unseren Gott. Bis wir Ihn solcherart erkennen, lasst uns die Bibel wertschätzen als den Mond in unserer Finsternis, mit welchem wir Richtung Osten reisen; nicht wertschätzen wie die Sonne, woher das Licht kommt und zu der wir eilen, dass wir, in der Sonne selbst wandelnd, den Spiegel, der die abwesende Helligkeit reflektierte, nicht mehr brauchen mögen.[10]
Doch diese Lehre vom Heiligen Geist ist noch nicht mein Ziel, obwohl, wäre sie nicht wahr, wäre all unsere Religion nichtig, die von Paulus und die von Sokrates.[11] Was ich sagen und zeigen möchte, wenn ich kann, ist, dass ein Mensch Gott wohlgefälliger ist, wenn er einige Dinge glaubt, die ihm nicht gesagt werden, als wenn er seinen Glauben auf die Dinge beschränkt, die ausdrücklich gesagt wurden – gesagt, um in uns die Fähigkeit zur Wahrheitsschau zu erwecken, das geistliche Verlangen, das Gebet um die guten Dinge, welche Gott jenen geben wird, die ihn fragen.[12]
„Aber ist dies nicht gefährliche Lehre? Wird nicht ein Mensch, solcherart gelehrt, die Dinge glauben, die er am liebsten hätte, gar für das zu beten, was er am liebsten hätte? Und wird er nicht hochmütig werden in seiner Zuversicht?“
Wenn es wahr ist, dass der Heilige Geist mit unserem Geist ist;[13] wenn es wahr ist, dass Gott die Menschen lehrt, dann mögen wir ihm diese gefürchteten Ergebnisse getrost überlassen. Wenn der Mensch in der Gemeinschaft des HERRN ist, dann ist er sicherer bei ihm als bei jenen, die ihre Sicherheit bewahren wollen, indem sie an den Rockschößen hängen und nichts wagen. Wenn er von Gott nicht in Bezug auf das, was er hofft, gelehrt wird, wird Gott es ihn wissen lassen. Er wird etwas anderes empfangen als das, wofür er betet. Wenn er zu Gott um irgendetwas beten kann, was nicht gut ist, wird die Antwort durch die Flammen jenes verzehrenden Feuers kommen. Dies wird ihn bald zu geistlichen Sinnen bringen. Doch es wird weitaus besser für ihn sein, auf diese Weise heftig gemartert zu werden, als im Schneckentempo die Reise des geistlichen Lebens anzugehen. Und was den Hochmut angeht, so habe ich nichts gesehen, was ihn schneller oder in anstößigeren Formen ausbrütet, als die Anbetung des Buchstabens.[14]
Und zu wem sonst sollte ein Mensch, welchen der selige Gott gemacht hat, aufschauen für das, was er am liebsten hätte, wenn nicht zu diesem seligen Gott? Wenn wir tatsächlich dazu befähigt worden sind zu sehen, dass Gott unser VATER ist, wie der HERR uns lehrte, lasst uns von dieser Wahrheit aus fortschreiten, um zu verstehen, dass er weit mehr als Vater ist – dass seine Nähe zu uns jenseits der Verkörperung der höchsten Idee des Vaters ist; dass die Vaterschaft Gottes nur ein Schritt hin zur Gottheit ist für die, welche sie empfangen können. Was ein Mensch am liebsten hätte, mag Gottes Wille sein, mag die Stimme des Heiligen Geistes mit seinem Geist sein, nicht gegen ihn; und wenn, wie ich gesagt habe, es nicht so ist – wenn die Sache, die er erbittet, nicht seinem Willen entspricht – dann gibt es da dieses verzehrende Feuer. Die Gefahr liegt nicht darin, etwas von Gott zu erbitten, was nicht gut ist, noch im Hoffen darin, es von ihm zu empfangen, sondern ihn nicht zu fragen, ihn nicht in unserem Rat zu haben.[15] Noch wird die Tatsache, dass wir nicht wagen, seinen Willen zu erfragen, uns vor der Notwendigkeit bewahren, in einiger Weise so zu handeln, wie wir es unoffenbart nennen, und wo werden wir uns dann befinden? Noch, einmal mehr, ist es für solch einen Zustand des Geistes üblich, dass das Buch selbst viel Offenbarung enthalten wird.
Die ganze Angelegenheit kann Gott sicher überlassen werden.
Doch ich bezweifle, ob ein Mensch irgendetwas von Gott erbitten kann, was schlecht ist. Sicherlich ist jemand, welcher begonnen hat zu ihm zu beten, Kind genug, das Schlechte vom Guten zu unterscheiden, wenn er sich Ihm genähert hat und er wagt nicht, darum zu beten. Wenn ihr mich auf David hinweist, der solch fürchterliche Gebete gegen seine Feinde gesprochen hat, antworte ich, dass ihr sie in eurem Wissen über den Mann selbst und seine Geschichte lesen müsst. Bedenkt, dass er der ist, welcher, immerhin mit dem brennenden Herzen eines Orientalen,[16] als sein größter Feind in seine Hände gegeben wurde, anstelle die Vergeltung eines Orientalen zu üben, sich damit zufriedengab, den Zipfel seines Gewandes abzuschneiden.[17] Es waren Gerechtigkeit und Recht, nach denen er sich in seiner Seele sehnte, obwohl seine Gebete eine wilde Form der Worte annahmen. Gott hörte ihn und gab ihm, was ihn zufrieden stellte. In einem guten Menschen schließlich „ist Vergeltung“, wie Lord Bacon sagt, „eine Art von wilder Gerechtigkeit“[18] und ist einfach zu befriedigen. Dem Verlangen des Herzens über die Feinde eines solchen wird am besten begegnet und es wird am besten gewährt, wenn der Hass in Liebe und Barmherzigkeit verwandelt wird.
Doch ich möchte eher über Hoffnungen als über Gebete schreiben.
Was sollte ich von meinem Kind denken, wenn ich herausfände, dass es seinen Glauben an mich und seine Hoffnung auf mich auf die wenigen Versprechen beschränkt, die es mich hat äußern hören! Der Glaube, der sich selbst auf die Versprechen Gottes beschränkt, erscheint mir an dem armseligen Charakter eines solchen Glaubens in meinem Kind teilzuhaben – gut genug für einen Heiden, doch für einen Christen ein elender und erbärmlicher Glaube. Jene, welche in solch einem Glauben ruhen, würden sich wohl behaglicher fühlen, wenn sie Gottes Bund statt seinem Wort hätten, welches sie nicht als den Ausdruck seines Charakters betrachten, sondern als Unterpfand seiner Ehre. Sie versuchen, an die Wahrheit seines Wortes zu glauben, doch die Wahrheit seines Seins verstehen sie nicht. Sie überzeugen sich selbst, Zuversicht in seinem Schwur zu haben: an ihn selbst glauben sie nicht, denn sie kennen ihn nicht. Darum wundert es wenig, dass sie jenen Schwingungen des Herzens misstrauen, welche sein Ziehen des Menschen zu ihm hin sind, wie die Sonne und der Mond die Wassermassen des Ozeans hafenwärts ziehen. Bruder, Schwester, wenn euer Glaube solcherart ist, werdet ihr nicht, dürft ihr nicht dort aufhören. Ihr müsst aus dieser Knechtschaft des Gesetzes[19] kommen, welcher ihr den Namen der Gnade gebt, denn darin gibt es wenig, was gnadenreich ist. Ihr werdet dann die Würde eurer hohen Berufung kennen und die Liebe Gottes, die alles Wissen überschreitet. Er fürchtet eure anmaßende Annäherung nicht. Es seid ihr, welche fürchten, ihm nahe zu kommen. Er wacht nicht über seine Würde. Es seid ihr, welche befürchten, weggeschickt zu werden, wie die Jünger die Kinder weggeschickt haben würden.[20] Es seid ihr, welche ihr so viel an eure Seelen denkt und euch fürchtet, euer Leben zu verlieren,[21] dass ihr nicht wagt, dem Leben des Lebens nahe zu kommen, weil es euch verzehren könnte.
Unser Gott, wir werden dir vertrauen. Sollten wir dich nicht unserem Glauben entsprechend finden? Eines Tages werden wir uns selbst auslachen, dass wir so wenig von dir erwartet haben; denn deine Gabe wird nicht durch unser Hoffen beschränkt.
Oh ihr Kleingläubigen! „in allen Dingen“[22] – Ich zitiere eure eigene Bibel; nein, mehr noch, ich zitiere eine göttliche Seele, die ihren Meister Christus kannte und in ihrer Stärke den Aposteln widerstand, um nicht zu sagen den Christen, in ihre Angesichter, weil sie nicht mehr als ein wenig an Gott glauben konnten; sie konnten nur für sich selbst und nicht für ihre Mitmenschen glauben; konnten für die wenigen der auserwählten Nation glauben, für welche sie Gottes altes Wort hatten, doch sie konnten nicht für die Vielzahl der Nationen glauben, für die Millionen von Herzen, die Gott geschaffen hatte, um ihn zu suchen und zu finden;[23] – „In allen Dingen“, sagt Paulus, „In allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.“ Für dieses in allen Dingen ist nichts zu klein. Dass es uns bekümmert, ist genug. Da ist etwas Grundsätzliches inbegriffen, was sogar der Aufmerksamkeit Gottes selbst wert ist, denn hat er uns nicht so geschaffen, dass uns diese Sache bekümmert? Und für dieses in allen Dingen kann sicher nichts zu groß sein. Wenn der Sohn des Menschen kommt und zu viel Glauben auf Erden findet – möge Gott uns in seiner Gnade erschlagen. Inzwischen werden wir hoffen und vertrauen.
Haltet ihr es für einen großen Glauben, zu glauben, was Gott gesagt hat? Es scheint mir, wiederhole ich, ein kleiner Glaube und, wenn er der einzige ist, des Tadels wert. Zu glauben, was er nicht gesagt hat, ist tatsächlich Glaube und gesegnet. Denn dies kommt vom Glauben an IHN. Könnt ihr nicht an Gott selbst glauben? Oder, gesteht, – findet ihr es nicht so schwer zu glauben, was er gesagt hat, dass dies sogar fast mehr ist, als ihr tun könnt? Wenn ich euch fragte, warum, wird nicht die wahrhaftige Antwort sein – „Weil wir nicht wirklich sicher sind, dass er es gesagt hat“? Wenn ihr an Gott glaubtet, würdet ihr es leicht finden, das Wort zu glauben. Ihr würdet nicht einmal nötig haben nachzuforschen, ob er es gesagt hat: Ihr würdet wissen, dass er es meinte.
Lasst uns also etwas wagen. Lasst uns nicht für immer ungläubige Kinder sein. Lasst uns in Erinnerung behalten, dass der Herr, jene nicht abweisend, welche darauf bestehen zu sehen, ehe sie glauben werden, jene segnet, welche nicht gesehen und doch geglaubt haben[24] – jene, welche auf ihn vertrauen als das – welche ohne die Schau der Augen glauben, ohne das Lauschen der Ohren. Die sind gesegnet, für welche ein Wunder kein Märchen ist, für welche ein Geheimnis kein Hohn ist, für die eine Herrlichkeit keine Unwirklichkeit ist – welche zufrieden sind zu fragen „Ist es Ihm ähnlich?“ Es sind stumpfherzige, unkindhafte Leute, die Gott immer wieder an seine Versprechen erinnern. Diese Versprechen sind dazu gut, zu offenbaren, wie Gott ist; wenn sie meinen, sie wären dazu gut, Gott daran zu binden, lasst sie es so halten nach der Härte ihrer Herzen. Sie ziehen das WORT dem GEIST vor: es sei ihres.
Sogar solche werden – einige von ihnen, wenn nicht alle – uns der „unverdienten Gnade Gottes“[25] überlassen. Wir verlangen nicht weniger; wir hoffen auf nichts Besseres. Diese sind die Gnaden jenseits unserer Höhe, jenseits unserer Tiefe, jenseits unserer Reichweite. Wir wissen, wem wir geglaubt haben und wir schauen aus nach dem, was noch nicht ins Herz des Menschen gekommen ist, es zu empfangen. Sollten Gottes Gedanken von des Menschen Gedanken übertroffen werden? Gottes Gaben von des Menschen Bitten? Gottes Schöpfung von des Menschen Vorstellungskraft? Nein. Lasst uns auf die alpinen Höhen unserer Wünsche steigen; lasst sie uns hinter uns lassen und die Speerspitzen des Himalayas unseres Strebens erklimmen; immer noch werden wir die Tiefe von Gottes Saphir über uns finden; immer noch werden wir die Himmel höher finden als die Erde und seine Gedanken und Wege höher als unsere Gedanken und Wege.[26]
Ah HERR! sei du in unserem ganzen Dasein; wie nicht allein in den Sonntagen unserer Zeit, so auch nicht allein in den Räumen unserer Herzen. Wir wagen nicht zu denken, dass du es nicht kannst, dass du dich nicht kümmerst; dass manche Dinge nicht für deine Beachtung gedacht sind, einige Fragen nicht an dich gestellt werden dürfen. Denn sind wir nicht alle Dein – völlig Dein? Das, was ein Mensch nicht zu seinem Mitmenschen spricht, sprechen wir zu dir. Unsere ganzen Sehnsüchte halten wir dir hin und sagen „Schau, HERR! Denk an uns; denn solcherart hast du uns geschaffen.“ Wir können unserer Geschichte nicht entkommen, indem wir in die Wildnis fliehen, indem wir unsere Köpfe im Sand des Vergessens verstecken oder in der Reue, die aus dem Schmerz kommt oder in der Träge der Hoffnungslosigkeit. Wir nehmen es, unser ganzes Leben, in unsere Hände und fliehen damit zu dir. Triumphierend ist die Antwort, welche du für jeden Zweifel erkühnst. Es mag sein, dass wir sie noch nicht verstehen können, selbst wenn du sie „mit wundersamer Stimme“[27] sprichst. Doch du wirst zuletzt Glauben finden auf Erden,[28] Oh HERR, wenn du kommst, um jetzt danach zu schauen – den Glauben unwissender, doch hoffnungsvoller Kinder, welche wissen, dass sie nicht wissen und glauben, dass du weißt.
Und für unsere Brüder und Schwestern, welche sich an das klammern, was sie dein Wort nennen, denkend, dir so wohlzugefallen, sie sind in deinen heiligen, sicheren Händen, welcher du uns gelehrt hast, dass wer da redet ein Wort wider des Menschen Sohn, dem soll es vergeben werden; obwohl dem, der gegen den Heiligen Geist lästert, es nicht vergeben werden soll.
[1] Matthäus 7,7-8
[2] Psalm 42,9
[3] Johannes 14,6
[4] Kolosser 2,3
[5] Hebräer 2,17
[6] Zitat aus John Miltons „Paradise Regained“ Buch 3, Vers 11: “…thy heart contains of good, wise, just, the perfect shape.” Ein Satz, den Satan zum Sohn Gottes spricht, um ihm zu schmeicheln und ihn zu versuchen. Jesus, der sehr wohl um die Reinheit seines Herzens weiß, antwortet nicht darauf, sondern wehrt die Versuchung des Satans, entsprechend der Reinheit seines Herzens, in einer Gegenrede ab.
[7] Didymus ist der griechische Beiname des Jüngers Thomas und bedeutet „Zwilling“. Siehe die Geschichte des zweifelnden Thomas in Johannes 20. Wie Thomas an der Auferstehung Jesu zweifelte, zweifelt hier ein Didymus-Typus an der sich ständig offenbarenden Wahrheit Gottes.
[8] Z. Bsp. Matthäus 14, 31 u. a. Stellen in den Evangelien, wo Jesus seine Jünger als „Kleingläubige“ bezeichnet.
[9] Siehe Anmerkung zu Alexander John Scott. Bei einigen Predigern des 19. Jahrhunderts gab es bereits „charismatische“ Ansätze, die auf die Wichtigkeit und Wirksamkeit des Heiligen Geistes aufmerksam machen wollten. Das Dringen auf diese Wahrheit ist allerdings nur entfernt vergleichbar mit modernen „charismatischen“ Bewegungen, die viel auf äußere Zeichen und Wunder ausgerichtet sind.
[10] MacDonald wendet sich hier gegen eine weitere, besonders im 19. Jahrhundert erstarkende Lehre, die in einigen christlichen Gemeinschaften bis heute starke Tradition hat. Gemeint ist eine übertriebene „Bibeltreue“, ein radikales Wörtlich-nehmen einzelner Verse und Versteile. Hier jedoch wird die Bibel in Gesamtheit als fortschreitende Offenbarung Gottes verstanden, als etwas für die Offenbarung Gottes Notwendiges, nicht als vollgültige Offenbarung selbst, die nur in Jesus als dem offenbarten Sohn Gottes zu finden ist. Jesus wird verstanden als DAS Wort und die Bibel als EIN Wort Gottes.
[11] Paulus und Sokrates stehen in der christlichen Tradition für die zwei Typen von Menschen, denen sich Gott in je verschiedener Weise offenbart. Paulus steht für die jüdische Tradition der Schrift und Überlieferung. Er kennt all die Lehren Mose und die Propheten, dennoch lehnt er in der lebendigen Begegnung mit dem auferstandenen Christus eine starre Gesetzlichkeit ab. In seinen eigenen Schriften (siehe Römerbrief) gesteht er den Heiden, also jenen, die nie den Zugang zu den heiligen Schriften der Juden hatten, eine eigene Art der Gotteserkenntnis zu. Es gibt fromme Heiden, die durch Beobachtung der Natur und durch philosophisches Fragen der Erkenntnis der einen Gottheit sehr nahekommen. Für diesen Typus steht der berühmte Philosoph Sokrates. Wie Sokrates stellt sich Paulus (siehe Apostelgeschichte) auf den Areopag und knüpft in seiner berühmten Rede über den „unbekannten Gott“ an diese philosophische Tradition an.
[12] Matthäus 7, 11
[13] Zum Beispiel 1. Korinther 6,17
[14] 2. Korinther 3,6
[15] Johannes 16,24 / Jakobus 4,2
[16] Auch MacDonald ist nicht frei von den Vorurteilen seiner Zeit über andere Völker und Kulturen. In Anbetracht der Tatsache, dass er hier jedoch über biblische Vorbilder spricht, darf man seine Zuschreibung eines östlichen / orientalischen Wesens nicht an modernen Maßstäben messen. Das viktorianische England ist zudem ein Raum und eine Epoche, die sich auch durch teilweise sehr rigide gesellschaftliche Regeln auszeichnet. Emotionalität ist etwas, das man sich in sog. Anständigen Kreisen nicht im Übermaß leisten konnte.
[17] Siehe 1. Buch Samuel, Kapitel 24 – David wird von Saul verfolgt, versteckt sich mit seinen Männern in einer Höhle. Saul betritt die Höhle, um sich zu erleichtern. In diesem Augenblick hätte David ihn leicht töten können, doch er verzichtete darauf und schnitt als Beweis seines Großmutes nur einen Zipfel vom Mantel Sauls.
[18] Sir Francis Bacon: „Revenge is a kind of wild justice; which the more man’s nature runs to, the more ought law to weed it out.” in “Of Revenge” – einer der bekanntesten Essays von Sir Francis Bacon
[19] Siehe Römer 8,15 / Galater 5,1
[20] Matthäus 19,13
[21] Matthäus 10,39 / Matthäus 16,25 / Markus 8,35 / Lukas 9,24 / Johannes 12,25
[22] Philipper 4,6
[23] Galater 2,11: “Da aber Petrus gen Antiochien kam, widerstand ich ihm…“ Siehe der gesamte Galaterbrief, in dem Paulus sich gegen die wieder neu aufkeimende Gesetzlichkeit in den jungen christlichen Gemeinschaften wandte. Er verteidigte und betonte die Freiheit durch den Glauben, den die Nachfolger Jesu gewonnen hatten und plädierte dafür, dass man den neu hinzugewonnenen Heiden nicht dieselben Bürden des jüdischen Gesetzes auferlegte, wie die Juden sie seit Generationen befolgten und zum Teil darin gefangen waren, unfähig die Gnade Gottes zu erkennen. In der Folge wird das Amt des Paulus als Apostel der Heiden offiziell anerkannt.
[24] Johannes 20,29
[25] Original: “uncovenanted mercies“ – das bedeutet die durch Gott erwiesene Gnade außerhalb eines festen Bundes wie dem zwischen Gott und dem Volk Israel. Die Gnade des „Neuen Bundes“ als eine unverdiente Gnade.
[26] Jesaja 55,9
[27] Zitat aus Shakespeares Hamlet (2. Akt, 2. Szene): „For murder, though it have no tongue, will speak With most miraculous organ.”
[28] Lukas 18,8

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