„Als nun seine Brüder sahen, dass ihn ihr Vater lieber hatte als alle seine Brüder, wurden sie ihm feind und konnten ihm kein freundliches Wort sagen. Und Josef hatte einen Traum und sagte seinen Brüdern davon; da wurden sie ihm noch mehr feind.“ 1. Mose 37, 4 – 5
Zarte 17 Jahre alt ist der Josef. Kein Knabe mehr. Aber auch noch kein Mann. Zu einem solchen – und noch dazu zu einem wirklich beeindruckenden – soll er erst noch werden. Doch scheinbar ist die Fähigkeit, Gottes besondere Nähe, Sein leises Flüstern und Raunen, wahrzunehmen, von Abraham über Isaak und Jakob ganz besonders auf diesen Joseph übergegangen. Der elfte von zwölf Söhnen. Jünger ist nur noch Benjamin. Und Joseph und Benjamin sind die beiden einzigen Söhne von Jakobs Lieblingsfrau Rahel. Jene Rahel, für die Jakob sich zweimal sieben Jahre zum Knecht machte, um sie zu gewinnen. Oh, wie hing er an ihr und wie unglücklich war er, als sie bei der Geburt des zweiten Sohnes starb. Wen wundert es, dass der alte Jakob ganz besonders an Joseph hängt, in dessen Augen er vielleicht jeden Tag an die Lieblichkeit der verstorbenen Mutter erinnert wird? Allzu menschlich und verständlich ist dies.
Keinem der Söhne Jakobs fehlt es an etwas, doch diese besondere Zuneigung des Vaters, die haben sie nicht. Und das ärgert sie. Sie sind neidisch auf ihren Bruder. Achja, Kains Fluch setzt sich doch immer wieder fort… Nicht einmal eine Sintflut konnte auslöschen, was Menschen empfinden, wenn sie sehen, dass ein anderer mehr ist und hat als sie selbst. Ob nun wirklich oder nur angenommen. Sicher ist auch Jakob eine Mitschuld anzulasten und doch ist jeder für sein eigenes Herz zutiefst verantwortlich. „Du aber herrsche über sie!“, forderte Gott den Kain auf – er sollte über die Sünde herrschen, sich in der Gewalt haben, aus Gedanken keine Taten wachsen lassen. Allein – kein Mensch vermag das wirklich von sich aus. Auch Josephs Brüder vermögen es nicht.
Auch Joseph ist mit seinen 17 Jahren einfach noch zu jung und nicht weise genug – und ja, vielleicht auch ein bisschen überheblich, weil der Vater ihn bevorzugt. Natürlich weiß der gewitzte Knabe, was seine Träume bedeuten. Er ist nicht dumm. Wir sehen ihn schließlich später in Ägypten ein ganzes, hungriges Volk verwalten und ernähren. Da ist ein wirklich kluger Mann in dem Knaben Joseph angelegt. Darum weiß er auch, dass die elf gebundenen Garben, die sich im Traum vor seiner gebundenen Garbe verneigen, im Grunde seine Brüder sind. Und dass der Mond und die Sonne seine Eltern sind und die elf Sterne wiederum seine Brüder. Seine ganze Familie wird sich einst vor ihm verneigen. Es war ein Traum für Joseph und wohl nicht dafür bestimmt, von ihm weitererzählt zu werden. Jedenfalls wissen wir von keiner Anweisung Gottes dazu.
Der Traum bringt jedenfalls zweierlei zu Tage. Er bringt zu Tage, dass Joseph tatsächlich – unabhängig von der Bevorzugung durch den Vater – für etwas ausgesucht ist. Und er bringt das unkluge und überhebliche Herz eines unreifen Knaben zu Tage, der noch nicht fähig ist, seine Gaben weise einzusetzen. Das muss und wird er noch lernen.
Und wie so oft in der Schrift geht das nur auf die ganz harte Tour. Er wird durch die ihn mittlerweile wirklich hassenden Brüder in die Sklaverei nach Ägypten verkauft. Dort muss er fremden Herren dienen, kommt sogar ins Gefängnis. Und hier lernt Joseph zu schweigen und anderen zuzuhören und seine Gaben fleißig und weise einzusetzen. Bis tatsächlich der Tag kommt, an dem seine Brüder vor ihm stehen und sich vor ihm verbeugen, weil sie in ihm nicht den Knaben von einst erkennen, sondern nur einen Ägyptischen Herrn.
Was tut Joseph? Er treibt seine Spiele mit den Brüdern, verstellt sich, jagt ihnen Angst ein – doch nie erliegt er der Versuchung, ihnen wirklich mit barer Münze heimzuzahlen. Er vergibt ihnen und versöhnt sich mit ihnen. Er rettet seine ganze Familie vor dem Hungertod. Jetzt ist er würdig, dass man sich vor ihm verbeugt! Doch nun lässt Joseph nicht mehr zu, dass seine Brüder sich vor ihm niederwerfen. Nein, er drückt sie an sein Herz und küsst sie.
„Und er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und Benjamin weinte auch an seinem Halse, und er küsste alle seine Brüder und weinte an ihrer Brust. Danach redeten seine Brüder mit ihm.“ (1.Mo45,14)
Edelmut nannte man so etwas in früheren Tagen. Aber edelmütig wird man nicht geboren. Edelmütigkeit wird in harten Bewährungsproben geformt. Für Joseph beginnt diese Reise mit einem Traum. Es geht hier wie in so vielen Geschichten auch wieder um das rechte Verhältnis. Das rechte Verhältnis der Brüder zueinander und zu Gott. Das will gelernt werden, denn seit Eden fällt es uns Menschen schwer und immer schwerer, edelmütig zu sein. Wir wollen den anderen eher überwinden und beherrschen, als ihn nachsichtig und vergebend an unser Herz zu drücken. Erst wenn wir erfahren und es zutiefst verinnerlichen, dass wir selbst auf Gnade und Nachsicht angewiesen sind – so wie Joseph in seiner vielleicht dunkelsten Stunde im ägyptischen Gefängnis – dann können wir Nachsicht und Gnade an anderen üben. Dann fällt es uns sogar leicht. Doch der Weg dahin kann zuweilen lang sein.
Einer hat seit Eden die Geduld dafür. Der Schöpfer wartet immer auf sein Geschöpf.


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