Die letzten Dinge
Buchbesprechung zu:
„Am Ende das Nichts? Über Auferstehung und Ewiges Leben“
von:
Gerhard Lohfink
Herder Verlag, 2017 – 328 Seiten (291 Seiten ohne Anhang)
Aus persönlichen Gründen sind Tod und Sterben ein Thema, das mich hin und wieder auf verschiedene Weise beschäftigt und in jedem Fall sehr interessiert. Als jemand, die sich verstärkt in der digitalen Welt aufhält, bin ich in Verbindung mit der Lektüre von „Fragen Sie Ihren Bestatter“ (Empfehlung und Besprechung hier) auf die „Death Positive Movement“ gestoßen, die international immer bekannter und beliebter wird. Mit einer eigenen Unterschrift habe ich mich der Sache angeschlossen. Warum?
Weil der Grundgedanke folgender ist: werde ich mir meiner eigenen Sterblichkeit bewusst und der begrenzten Zeit, die mir hier zur Verfügung steht, kann es ein Weg sein, mich bewusster leben zu lassen. Augenblicke zu genießen und nach Sinn zu streben. Mich daran erinnernd, dass jeder Moment mit den Menschen um mich herum auch ein letzter Moment sein könnte – für mich oder für mein Gegenüber. Dabei geht es nicht um eine Verklärung von Tod und Sterben, sondern darum, sie als genauso dunkel, furchteinflößend und unausweichlich zu betrachten, wie sie nun einmal sind. Und in dieser Bewegung auf meine eigene Sterblichkeit hin, wende ich mich dem Leben und meinen Mitmenschen zu. Hier geht es zunächst um ganz klare Diesseitigkeit, die gelebt werden will.
Als gläubiger Mensch hingegen interessiert mich auch das „Danach“, weil ich im Vertrauen auf einen Gott, der diese Welt erschaffen hat und sie liebt, auch darauf vertraue, dass im Sterben und im Tod das Aufgehobensein in der Liebe Gottes nicht endet. Darum bin ich auch auf Lohfinks Buch „Am Ende das Nichts?“ aufmerksam geworden. Hinzu kommt, dass meiner Erfahrung nach die katholische Theologie (Lohfink ist katholischer Theologe) gerade in den letzten Jahrzehnten einige große Gedanken hervorgebracht hat. Im Gesamtbild nähern sich die einzelnen Denker der Christenheit wieder einander an. Das ist eine sehr schöne, innere Bewegung zur Einheit hin. Man begegnet sich nach Jahrhunderten Zwist wieder auf Augenhöhe und das gemeinsame Ziel – nämlich Leben und Wirken auf Christus hin – tritt wieder klarer hervor. So eben auch in Lohfinks „Am Ende das Nichts?“, wo es nicht nur um den Tod und die Auferstehung in theologischer Betrachtung geht, sondern gerade auch darum, was es bedeutet „im“ Tod dem auferstandenen Christus zu begegnen.
Zunächst jedoch beginnt das Buch weniger theologisch. Es steigt mit einigen allgemeinen Betrachtungen in das Thema Tod ein. Dazu werden aktuelle Todesanzeigen in Zeitung und Internet, moderne und historische Grabinschriften zitiert, verglichen und kommentiert. Verschiedene Ansichten und Hoffnungen, was mit dem einzelnen Menschen im Tod und nach dem Tod geschieht und die Frage, ob der Mensch denn so etwas wie eine Seele hat, die irgendwohin übergeht, hingeht oder weiterreist durch die Zeiten. Vom völligen Auslöschen der Person, über das Eingehen in ein All oder den „Äther“ bis hin zu unzähligen reinigenden Wiedergeburten – sämtliche Ansichten waren immer schon und sind heute noch vertreten. Natürlich verwirft Lohfink diese Sichtweisen. Der Trost ist dürftig, die Hoffnung ist oft keine, der Ausblick auf das Kommende ungenügend. Als Theologe beschäftigt er sich in den kommenden Kapiteln mit der christlichen Sichtweise vom Tod und den immanenten Problemen und Fragestellungen.
Was also sagt die Bibel dazu? Es geht im nächsten Abschnitt zurück zu den Ursprüngen. Von Israel her und der Geschichte dieses Volkes mit seinem Gott müssen die Ansichten zu Tod und Auferstehung erforscht, beleuchtet und verstanden werden. Es mag überraschen, aber zunächst finden sich keine konkreten Vorstellungen dazu. Israel ist ein radikal diesseitiges Volk. Denn es setzt sich ab von den Sitten und Gebräuchen der es umgebenden Völker, setzt sich vor allem ab gegen den übersteigerten Totenkult Ägyptens, von den dunklen Bräuchen, mit dem Totenreich zu kommunizieren. Es ist streng untersagt, sich dieser Praxis zu unterwerfen. Von daher erklärt sich, dass es in den Texten des Alten Testamentes vor allem um den Segen Gottes in diesem Leben geht, um irdisches Glück, um die Rechtschaffenheit vor Gott im Hier und Jetzt, um den Bau der Familie, das Hervorbringen von Nachkommen, die wiederum Gott ehren und die Verheißung empfangen und darin leben. Doch in den Psalmen und bei den Propheten finden sich bereits Hinweise, Spuren einer sich entwickelnden Offenbarung über den Tod und die letzten Dinge.
Es geht um ein absolutes Vertrauen in Gott. Und aus diesem Vertrauen heraus vertraut der Mensch, dass er auch im Tod diesem Gott vertrauen kann, dem er schon das ganze Leben vertraut hat. Die völlige Geborgenheit in Gott ist der Schlüssel zum Glauben an die Auferstehung.
„Der Beter [in Psalm 49] weiß, dass die Lebensgemeinschaft mit JHWH unverlierbar ist. Sie reicht so tief, dass sie den Tod überdauert.“ (Lohfink, Seite 97)
Im Folgenden verlässt der Autor die allgemeinen Betrachtungen und die Anfänge der Auferstehungshoffnung im Glauben des Volkes Israel, um sich ganz dem Inhalt des Dogmas der Auferstehung zuzuwenden, beziehungsweise der Frage, was genau denn „im“ Tod mit dem einzelnen Menschen geschieht. Er schildert das menschliche Erleben von Verlusten und Krankheiten als die Erfahrung eines kleinen „Stücks“ Tod im Leben. Wenn dann das tatsächliche Ereignis am Ende des Lebens eintritt, so ist dies keineswegs der Endpunkt solcher Erfahrungen oder eine Art Erlösung, sondern „im“ Tod, wie Lohfink durch das gesamte Buch hindurch formuliert, begegnet der Sterbende Gott selbst:
„Im Tod wird jeder Christ und überhaupt jeder Mensch wie Jesus zunächst in eine letzte Machtlosigkeit hineingeführt. Der Tod ist keineswegs Höhepunkt des Lebens, wo der Mensch die Spitze seiner Freiheit erreicht. Er ist Elend, Erleiden und Ausgeliefertsein. Aber gerade so bedeutet er letzte Nähe zu Jesus.“ (S. 130)
Wie Christus starb, stirbt auch jeder Mensch. Denn Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Und wie der Christ im Glauben stirbt, so begegnet er im Tod Christus und erlebt „im“ Tod die Auferstehung, wie auch Christus auferstanden ist. Lohfink bringt die letzten Dinge, nämlich das Erscheinen des Christus, das Gericht über die Welt und die Auferstehung auf nur einen einzigen Punkt – die Begegnung des Menschen „im“ Tod mit seinem Schöpfergott. Wie begründet er das? Er wendet sich der Historizität der Auferstehung Jesu zu. Überhaupt ist das Dogma von der Auferstehung ja der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens. Nichts anderes haben die Apostel gepredigt: Christus ist auferstanden! Und darin findet der sterbliche Mensch Hoffnung, Trost und Rettung. Denn der „Retter-Gott“ wie ihn schon Israel erlebt hat, tritt sichtbar und erfahrbar in die menschliche Geschichte ein. Und so auch der Auferstandene. Es handelt sich, wenn man den Schilderungen in den Texten des Neuen Testamentes genau folgt, um ein ganz konkretes Ereignis. Um eine Sache, die betastbar, fühlbar ist, bezeugt durch eine unglaubliche Menge Menschen.
Lohfink spricht zu Recht von der „Massivität“ dieser Ereignisse, sodann auch von der „Drastischen Leiblichkeit“ des Auferstandenen. Nicht ein Geistwesen tritt unter die Jünger, sondern ein Mensch, der isst und trinkt und atmet. Jesus ist erkennbar an seinen Worten und Handlungen. Er ist ganz Fleisch wie er auch ganz Geist ist. Er ist der „Erste“ der Toten, die im Fleisch auferstehen sollen. Der Auferstandene hat keinen „Scheinleib“, er ist auch keine bloße Epiphanie, auch kein verkleideter Gott wie Zeus – hier ist keine Magie am Werke, sondern Gottes Schöpfer- und Lebenskraft. Das Bild der Bibel von dem Gott, der sein Volk und seine Schöpfung liebt, setzt sich ungebrochen fort: Keine Weltverachtung, keine Leibfeindlichkeit! Wenn nun die Auferstehung des Fleisches verheißen ist und, wie Paulus es im Römerbrief schreibt, so auch die ganze Schöpfung darauf wartet, erlöst zu werden, dann müssen wir die Schöpfung als „creatio continua“ begreifen – das Schöpferwerk setzt sich fort und wird vollendet – vollendet im Auferstandenen und in der Auferstehung der Gläubigen und so der Auferstehung des gesamten Kosmos.
Das sind große Gedanken und Lohfink bringt hier auch die Evolution ins Spiel, integriert wissenschaftliche Erkenntnisse über die Werdung der Welt in das Dogma der Auferstehung. Seine Argumente sind in sich schlüssig und nachvollziehbar, insofern sie die Vollendung und Vervollkommnung des Kosmos untermauern. Schwierig erscheint mir nur, dass eine solche Argumentation innerhalb der Theologie wieder neue Fragen und Probleme aufwirft. Die Frage nach dem Wann und Wie, dem konkreten Zeitpunkt der Menschwerdung, dem Innewohnen des Geistes im Menschen und dem Wesen des „Sündenfalls“ bleibt hier für mich unbeantwortet. Denn warum braucht eine Welt, die sich fortlaufend vervollkommnet dann einen Erlöser, der konkret und betastbar in die Geschichte hineinbricht? Zumindest steht die Frage nach der gefallenen Schöpfung und der potentiellen Endlichkeit oder Sterblichkeit von allem Geschaffenen im Raum. Denn was aufersteht, muss zuvor ja eben sterben. Vermutlich ist innerhalb des Buches einfach nicht der Platz für diese erweiterte Diskussion, geht es doch in erster Linie um die Begegnung des Menschen mit Gott im Tod. Dinge wie Himmel, Hölle, Fegefeuer müssen hier beleuchtet werden, alte Bilder neu oder vielmehr besser ausgedeutet werden.
Lohfink äußert auch hier Gedanken, die ich wirklich erwähnenswert finde. Der Begriff „Fegefeuer“ steht ja immer wieder als rückständiges, mittelalterliches Bild in der Kritik. Ein liebender Gott, wie kann der die Menschen, die doch brav an ihn glauben, trotzdem noch in einem Feuer bestrafen? Ist mit Christus nicht vollkommene Gnade geworden? Das, was Luther so sehr betont hat, was die große Spaltung bis heute ausmacht. Es ist nicht so, dass Luther besonders gegen das Fegefeuer gepredigt hätte. Das war nicht sein Thema. Was der moderne Mensch heute einfach missversteht ist, dass ein Bild für eine Sache oder ein Ereignis steht, ohne selbst diese Sache oder dieses Ereignis zu sein. Das sogenannte „Fegfeuer“ ist kein Strafgericht, es ist gemeint gewesen als Reinigung, völlig unabhängig von Raum- und Zeitbegriffen. Fegefeuer ist kein Ort und kein Zeitabschnitt. Es ist ein Bildwort, welches die Begegnung des Menschen mit Gott meint. Und gerade weil Gott vollkommen gerecht und vollkommene Liebe ist, kann er den Menschen nicht so lassen wie er ist, wie er durch das Leben gekommen ist. Es ist nichts anderes gemeint als eine Reinigung von allem Dunklen und Unverarbeiteten, weil Gottes Liebe – verstanden wie ein reinigendes Feuer – alles ihm entgegengesetzte zerstören muss. Insofern ist der Tod als endgültige Begegnung mit Gott auch der Punkt der Reinigung, indem der Mensch im Lichte Gottes sieht, wer und was er wirklich ist. Dass dies auch schmerzhaft sein kann, leuchtet ein. Das Urteil spricht der Mensch immer sich selbst, indem er so ist wie er ist und handelt wie er handelt. Insofern hat jeder Tag im Diesseits Bedeutung für die Ewigkeit. Diese Erinnerung, ja Mahnung, ist wertvoll. Da ist es wieder: hier und jetzt leben, wirklich leben, weil es Bedeutung für die Ewigkeit hat.
„Gott achtet die Freiheit des Menschen bis in ihre Tiefe. Sie wird von ihm nicht manipuliert – auch nicht durch subtile moralische Gewalt […] Der Gottesherrschaft ist jede Form von Zwang fremd.“ (S. 128)
Ein weiterer wichtiger Gedanke, der im Groben das bestätigt hat, was ich selbst im Inneren empfinde und glaube, wenn ich an die letzten Dinge denke, ist der von der „Unähnlichkeit“. Wir können von dem, was uns jenseits der Grenze des Todes erwartet und begegnet, nur in Bildern sprechen, in analogen Begriffen. Was wir hier in Raum und Zeit wahrnehmen, das ist völlig unähnlich dem, was bei Gott und in der Ewigkeit gilt. Ewigkeit, das Ewige Leben, wird nicht begriffen als vergehende Zeit oder als eine Landschaft der Seligen mit konkreter Topographie. Was wir als Raum und Zeit begreifen, kann für Gottes Dimensionen nicht eins zu eins übernommen werden, denn Gott steht außerhalb von Raum und Zeit, da Raum und Zeit selbst Teil der Schöpfung sind. Nun sind wir aber in dem Schema Raum und Zeit zwangsläufig verhaftet und reden deshalb auch von einem „Danach“. Lohfink wählt bewusst die Wendung „im“ Tod. Für ihn fällt alles in dieses „im Tod“ hinein. Die Frage, wann denn Jesus erscheint und wann denn die Auferstehung allen Fleisches geschieht, beantwortet Lohfink mit diesem „im Tod“. Eine griffige Formel und dennoch schwer zu fassen. Nach dem Tod also ist der Mensch ganz bei Gott und erlebt die Auferstehung – es gibt kein endloses Warten „dazwischen“, weil die Zeit- und Raumbegriffe nicht mehr gelten. Für die Hinterbliebenen freilich vergehen Zeit und Leben weiter. Wie dann aber zuletzt die Vollendung der Schöpfung und die Auferstehung sichtbar, erfahrbar in eins fallen, das lässt auch Lohfink offen und es muss offen bleiben, weil es ein Geheimnis ist. Sicher ist nur, dass im Auferstandenen alles in eins fallen wird.
Damit sind wir bei einem letzten, wichtigen Begriff, den Lohfink aufwirft. Das Prinzip der „Teilhabe“. Wie ist es möglich, dass der Mensch das ewige Leben Gottes haben kann und wie ist es möglich, dass die gesamte Schöpfung, das All, der Kosmos auferstehen und vervollkommnet werden? Lohfink erklärt dies mit der „Teilhabe“. Jesus hat als Sohn Gottes Teil an Gottes Herrlichkeit, er ist eins mit Gott, er ist der Erstgeborene der Toten. Die Gläubigen haben Teil an Jesu Erlösungswerk, an seiner Rettungstat, an seinem Leben aus dem Vater. Und die Schöpfung, die laut Paulus auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes wartet, hat Teil an der Herrlichkeit der Gläubigen. Dieses Prinzip der Teilhabe haben frühere Generationen stärker verstanden. So ließen sich manche Leute gerne ganz in der Nähe von Heiligenreliquien („ad sanctos“) beerdigen, um in der Auferstehung ihnen ganz nahe zu sein. Das ist mehr als einfache, naive Frömmigkeit. Es ist der Glaube, dass ich durch Vertrauen und Ausrichtung auf Gott selbst Anteil haben kann am Guten. Soviel sei angedeutet. Das Prinzip der Teilhabe geht noch viel tiefer und Lohfink entfaltet es eindrücklich in seinem Buch.
„So sehr hat Gott uns Menschen angenommen, so sehr liebt er die Welt, dass wir Gott in alle Ewigkeit nicht anders als in dem Menschgewordenen begegnen werden, und so für immer und ewig in dem Herzen eines Menschen Gott selbst finden.“ (S. 260)
Hier kann nur ein ganz kleiner Einblick in einige der Grundgedanken Lohfinks gegeben werden und das soll vorerst genügen. Im letzten Teil des Buches widmet sich Lohfink dann wieder ganz konkret der Frage, wie wir mit dem Tod und dem Sterben umgehen, wie wir uns um unsere Sterbenden und Toten kümmern und was wir selbst tun können im Hinblick auf die Tatsache, dass wir einmal sterben müssen und eine Ewigkeit wartet. Lohfink beschreibt ein mittelalterliches Gemälde, auf dem ein im Sterben liegender Mensch abgebildet ist, umgeben von anderen Menschen, Engeln und Christus über ihm.
„So wünschte sich der mittelalterliche Mensch zu sterben: umgeben von der gläubigen Gemeinde, begleitet von Gebeten, ins Paradies geleitet von Engeln, empfangen von Christus.“ (S.271)
Es geht ihm nicht darum, dass wir in mittelalterliche Sitten zurückfallen, sondern um die tiefere Weisheit, die einem solchen Sterbewunsch innewohnt. Es geht um unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen, um die Augenblicke, die wir leben und dass sie Bedeutung haben. Und um die Hoffnung und Aussicht, im Tod von Gott aufgefangen zu werden wie man es auch im Leben schon erfahren hat. Lohfink beschreibt Besuche bei seinen Großeltern, die im Schlafzimmer über ihrem Bett schwarz eingelegte Sterbekreuze hängen hatten. Täglich beim zu Bett gehen erinnerten sie sich daran, dass ihnen eines Tages diese Kreuze im Sterben in die Hand gelegt werden sollten und sie dann die Sterbesakramente empfangen würden. Dabei waren diese Großeltern fröhliche und gütige Menschen, keineswegs todessehnsüchtig. Sie waren dem Leben und den Menschen völlig zugewandt, gerade weil sie sich bewusst waren, dass jeder Augenblick Bedeutung hat. Womit wir wieder bei heutigen, modernen „Positiv-Sterben-Bewegungen“ angelangt sind.
Denn Lohfink fragt, wie es denn möglich ist zu leben in dem Bewusstsein, dass alles, was ich tue, Konsequenzen hat. Muss es mich nicht ständig bedrücken und quälen? Eben gerade nicht. Nur indem man von sich selbst weg sieht und sich anderen zuwendet, lebt man so, wie man leben soll. In Beziehung, sich selbst vergessend, sich verschenkend und so das Leben gewinnend.
„Denn gerade, indem der Christ in der Welt ganz zuhause ist, von ihr in Freude und Dankbarkeit kostet, sie als ihm anvertraute Schöpfung achtet und sich an sie weggibt, um sie für das Reich Gottes zu gewinnen, liebt er Gott.“ (S. 288)
Und weiter:
„Wer für das Reich Gottes lebt, weiß zwar um seine Machtlosigkeit und weiß um sein tägliches Sterben. Aber er weiß auch, dass das Reich Gottes mit seiner Gewaltlosigkeit stärker ist als alle Mächte und Gewalten.“ (S. 289)
Das ist die Ausrichtung für ein frohes Leben im Angesicht der Tatsache, dass man eines Tages eben den letzten Weg gehen muss. Ein letztes Durchleiden und dann die endgültige Begegnung mit Gott. Das ist Hoffnung. Und indem ich nicht nur für mich selbst will, sondern in Anschauung lebe, lebe ich hier und jetzt schon in Anbetung, der höchsten Form des Gebets, wie Lohfink schreibt.
„In der Anbetung wollen wir nichts mehr von Gott […] lasse ich mein Ich los und schaue nur noch auf Gott.“ (S. 290)
Das ist dann die Vollendung, „Himmel“. Reine Anschauung, reine Gegenwart und Begegnung, reines Lobpreisen – eben reines, unvorstellbares Glück.
Ich lasse das so stehen und empfehle die eingehende Lektüre von Lohfinks Buch „Am Ende das Nichts?“ Er hat noch sehr viel mehr zu sagen über die Bedeutung der menschlichen Geschichte, das Miteinander oder die Teilhabe. Auch wenn ich in weiten Teilen seine Abstecher in gewisse naturwissenschaftliche Bereiche für einigermaßen schwierig und verkürzt halte oder zumindest denke, dass diese Ausblicke im Grunde weitere Fragen aufwerfen, die dieses Buch weder anspricht noch lösen kann, so sind dort einige große Gedanken enthalten, die Trost und Anregung geben. Insgesamt ist das Buch verständlich geschrieben, doch für jemanden, der fern von den biblischen Grundlagen ist und ohne eine etwas größere Portion Vorwissen in theologischen Grundfragen, einigermaßen schwere Kost.


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