Gesetz und Leben

Gesetz und Leben

 

Buchbesprechung zu:

„Unorthodox

Eine autobiographische Erzählung

von: Deborah Feldman

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Christian Ruzicska

Diese Ausgabe: 3. Auflage Taschenbuchausgabe btb Random House 2017

371 Seiten

 

Beginnen wir mit einem kleinen Exkurs: In der bekannten US-Fernsehserie „Dr. House“ begegnen wir in der 4. Staffel in Folge 12 („Shalom, Dr. House“) einem interessanten Pärchen: Roz Viner und Yonatan Arnoff. Sie sind frisch vermählt und die Braut ist auf den Hochzeitsfeierlichkeiten zusammengebrochen. Die Ursache ist rätselhaft, die beiden sind außerdem praktizierende orthodoxe Juden, ihre Heirat demzufolge arrangiert. Und damit ist diese Geschichte natürlich die perfekte Aufgabe für den dauervollgedröhnten, zynisch-atheistischen Spezialisten für Infektionskrankheiten. Denn es ist eine seiner Vorlieben, den Glauben anderer Menschen in Frage zu stellen und mit bösartiger Freude die irrationalen Gedankengebäude seiner Patienten zu zerlegen. Interessanterweise ist der Held der Serie hier verhältnismäßig zurückhaltend, wenn man seinen Umgang mit religiösen Patienten in anderen Folgen vergleicht. Der Grund: In der Serie haben wir nicht nur großspurige Anleihen bei der Romanfigur Sherlock Holmes und es geht auch nicht nur um abenteuerlich zusammenrecherchierte Krankheitsbilder und Diagnosen. Der Fan der Serie lernt über die einzelnen Staffeln hinweg vor allem Einiges über eine vielfältig ausgeprägte jüdische Kultur in den Vereinigten Staaten. Bis auf Dr. House selbst scheinen fast alle Hauptfiguren der Serie einen mehr oder weniger stark geprägten jüdischen Hintergrund zu haben. Der beste Freund und die Leiterin des Krankenhauses zählen dazu, später auch einer der engeren Mitarbeiter im Team um Dr. House. Es handelt sich hier vor allem um ein säkulares, aufgeklärtes und gut gebildetes Judentum. Man teilt gemeinsame kulturelle Werte, aber nicht unbedingt eine wirklich praktizierte, strenge Religion. Gleichwohl ist dieser Hintergrund ein absolut prägendes Element der Serie, weshalb die Begegnung mit dem orthodoxen Judentum in der erwähnten Folge umso faszinierender erscheint. Der Zuschauer wird hier auf eine Fährte gebracht: In den USA gibt es in sich geschlossene Gemeinschaften orthodoxer Juden, die vom Großteil der liberalen jüdischen Gemeinschaft äußerst kritisch beäugt werden.

In solch eine verschlossene Welt führt uns das Buch „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Sie schreibt über ihre Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde in New York. Satmar ist eigentlich der Name eines kleinen osteuropäischen Städtchens. Von dort kommen die Gründer her. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden der orthodoxen Gemeinschaft, jene, die den Holocaust überstanden haben und die Ursache des entsetzlichen Leidens darin sehen, dass die Juden in Europa sich über die Jahrhunderte immer mehr assimiliert haben. Die Anpassung an ihre Umwelt war der Anlass für Gottes Zorn über sein Volk. Um den Zorn Gottes für die künftigen Generationen im Zaum zu halten, besinnt man sich auf die besonders strenge und genaue Einhaltung der Thora. Dazu gehört auch eine weitestmögliche Abgrenzung gegen die Goyim, die Nicht-Juden. In der Emigration in den USA finden solche Gemeinschaften eine neue Heimat, die ihnen erlaubt, so zu leben. „The Land of the Free“ bietet eben auch streng religiösen Gemeinschaften die Möglichkeit, frei unter sich zu leben wie sie es wollen. Eine solche Art der Verschlossenheit wäre trotz aller Toleranz und Religionsfreiheit im „alten“ Europa nur schwer möglich. Die USA bieten hier den Raum dafür.

Trauma und Angst suchen sich nicht selten den Weg in ein Gefängnis, welches vorgibt, Sicherheit vor dem Bösen zu bieten. Und doch werden wieder nur neue Ängste und Traumata produziert. Schlimmer noch: sie werden übertragen auf die folgende Generation. Genau dies ist sozusagen das psychologische Grundmotiv dieser autobiografischen Erzählung.

Hier wird vom literarischen Konstrukt her ein aktueller Trend verfolgt, nämlich den Leser durch Autofiktion zu fesseln. Gegenstand literarischer Gestaltung wird das eigene, gründlich reflektierte Leben. Die zu Grunde liegenden Fakten stimmen dabei mit der tatsächlichen Lebensgeschichte der Autorin überein. Was sie uns schildert, ist wirklich passiert. Ihre Erlebenswelt der Satmarer Gemeinde ist authentisch. Wir bekommen ein ziemlich genaues Bild davon. Und doch ist die Erzählung geordnet und gestaltet. Einerseits geschieht dies zum Schutz jener Personen, über die Deborah Feldman schreibt, andererseits wird ein Spannungsbogen erstellt, an dem der Leser sich abarbeiten kann, den Faden nicht verliert. Die Autorin verwendet dazu Motive und Zitate aus den Büchern, deren Heldinnen ihre Kindheit und Jugend begleitet haben. Von Jane Eyre bis zu Roald Dahls Matilda finden wir all die bezaubernden Mädchen und Frauen wieder, die sich ihren Platz in der Welt hart erkämpfen mussten. Heimlich hat Deborah Feldmann diese Bücher gelesen, versteckt unter ihrer Matratze und in ihrer Unterwäsche, denn „Frauenkram“ ist für jüdische Männer tabu. Diese Heldinnen verkörpern die Sehnsucht der Autorin, aus ihrer engen, unterdrückenden Welt auszubrechen und ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Zum Schluss ist sie selbst diese Heldin, die für sich und ihren kleinen Sohn dieses Leben errungen hat.

Das ist es, was „Unorthodox“ angenehm lesbar und nachvollziehbar macht, den Leser stets bei der Stange hält. Doch das eigentlich Fesselnde ist die besondere Kombination von einfühlsamem Bericht und einer erschütternden Atmosphäre der Unterdrückung und Beklemmung. Es fällt schwer, dieses Buch aus der Hand zu legen. Es bewegt und berührt, wie sehr ein Mensch unter religiösen Zwängen leidet und sein Ich bis fast zur Auflösung unter all die Gesetze und Regelungen zwingen muss. Und andererseits ist da auch eine starke Verwurzelung, eine Geborgenheit in einer abgeschotteten Welt, die vermeintlich vor dem Bösen und Schaden bewahrt. Eine liebevolle Schilderung der Großeltern, die sie aufgezogen haben, eine Kindheit voller Düfte und voll vom süßen Geschmack der Speisen, die ihre Bubby (die Großmutter) zubereitet.

Die erschreckende Wahrheit hinter dem Schicksal der Autorin löst sich erst allmählich auf. Der Vater ist unfähig, sie zu erziehen. Eine Art von Geisteskrankheit oder psychischer Fehlentwicklung macht es diesem Mann unmöglich, sich um seine Tochter zu kümmern. Die Mutter ist fort. Die kleine Deborah glaubt natürlich noch, dass diese Frau sie einfach im Stich gelassen hat. Erst später wird deutlich, dass geschiedene Frauen, die eine solche Gemeinde hinter sich lassen wollen, von der gesamten Gemeinschaft daran gehindert werden, ihre Kinder mit sich zu nehmen. Das gehört zu den Dingen, die in Teilen der USA durchaus möglich sind, wo diesseits des großen Teiches eine solche Lebensweise nur schwer möglich wäre. Die ultraorthodoxen Gemeinschaften haben ganze Straßenzüge und Stadtteile für sich. Sie haben eigene Schulen für die Mädchen und die Jungen, ja es gibt eigene Krankenhäuser und sogar einen eigenen Rettungsdienst. Unvorstellbar zum Beispiel für Deutschland, wo es verbindliche Lehrpläne gibt und strenge Auflagen für private Schulen. Unvorstellbar für uns, dass eine religiöse Gemeinschaft einen eigenen Rettungsdienst unterhält, der etwaige Todesfälle vertuschen könnte. Und doch ist es so.

Es gibt keine Privatangelegenheiten. Die Gesetze der Thora, oder vielmehr die Auslegung jener Gesetze, die von den jeweiligen führenden Rabbinern für richtig gehalten werden, bestimmen das Leben eines Gläubigen bis in jede Einzelheit. Besonders das Leben einer Frau hat klare Begrenzungen. Es ist ihre Bestimmung, Kinder zur Welt zu bringen, die wiederum zu guten, frommen Juden erzogen werden müssen. Das Volk Gottes muss unter allen Umständen rein gehalten werden, um einen erneuten Zorn Gottes, einen neuen Holocaust zu verhindern. Wer die Gebote Gottes befolgt, der ist geschützt, so die feste Überzeugung.

Doch Deborah zweifelt je älter sie wird immer mehr daran, dass dieses Leben das Richtige für sie ist. Es ist nicht so, dass sie plötzlich Atheistin wird oder keine Jüdin mehr sein will. Das muss man ganz klar verstehen. Sie sieht, versteht und fühlt sich nach wie vor als Jüdin. Es ist ihr festes kulturelles Erbe. Jude zu sein hat nicht unbedingt etwas mit praktizierter Religion zu tun, wie anfangs erwähnt. Es ist ein Hintergrund, vor dem Vieles möglich ist. Es sind diese vielfältigen Möglichkeiten, ihr Leben zu leben, die Deborah Feldman Stück für Stück entdeckt, während sie sich aus ihrer orthodoxen Haut herausschält. Ein Prozess, der bereits in früher Jugend begonnen hat, unterbrochen von dem kurzzeitigen Wunsch, sich anzupassen und wie jede andere gute, jüdische Frau zu sein, um die Anerkennung durch ihre Familie zu erhalten. Und dann wieder neu in Gang gesetzt durch ihre unglücklich begonnene Ehe, traditionell arrangiert durch ihre Angehörigen. Es hätte in einem abgestumpften Leben der Anpassung enden können, wie für so viele der Freundinnen Deborahs, die doch eigentlich emanzipierter waren als sie selbst. Emotionale Verletzung und Frustration in der Beziehung mit einem, wie sie schnell feststellen muss, rückgratlosen Mann treiben sie doch wieder an, für sich und ihren kleinen Sohn ein besseres, freieres und reicheres Leben zu suchen.

Es wäre müßig, noch weiter den Inhalt dieses wunderbar erzählten Buches Preis zu geben. Einige Punkte jedoch verdienen meiner Meinung nach Erwähnung.

Der Leser erhält zunächst einen wunderbaren Einblick in das Alltagsleben ultraorthodoxer Juden. Was bedeutet es konkret, wenn ein Mensch sich voll und ganz all den Regeln der Thora in dieser heutigen, modernen Welt unterwirft? Wie zum Beispiel verläuft ein Ehe- und Sexualleben, wenn die Frau zwei Wochen im Monat als unrein gilt, sich dann erst rituell reinigen muss und eben auch der Mann so lange auf sie verzichten muss? Wie fühlt es sich an, dieses krasse Verzichten und dann wieder das unbedingte Liebe pflegen, vorranging zum Zweck der Kinderzeugung? Was bewirkt es, wenn man Mädchen und Jungen strikt voneinander getrennt hält, bis eine Ehe arrangiert ist, wenn eine Zeit des Entdeckens und Nachfragens nicht gestattet ist? Was bedeutet es für eine Frau oder eben auch für einen Mann, wenn beide sich in der Hochzeitsnacht völlig unwissend und naiv begegnen, den Kopf voll religiöser Metaphern, die im Praktischen absolut nicht weiter helfen? Die Folge sind mitunter tiefe Demütigungen und Frustration. Dabei sind nicht einmal die religiösen Gesetze das eigentliche Problem, sondern eine übersteigerte Angst vor Unreinheit, eine absolute Verdrängung von menschlichen Grundbedürfnissen.

Die Kernfrage liegt für mich in der Schilderung eines ganz besonders krassen Falles von Vertuschung. Ganz nebenbei berichtet Deborah Feldman von einem Ereignis, das in der jüdischen Gemeinschaft passiert, als sie gerade frisch verheiratet ist. Der Bruder ihres Mannes, ein Notfallsanitäter, ruft an, um seinem Herzen Luft zu machen. Er berichtet von dem, was er gerade erlebt hat. Ein Familienvater entdeckte seinen Sohn beim Masturbieren. Dies ist nach den Gesetzen strengstens verboten. In seiner Wut über den Sohn ging der Vater offenbar so weit, das Glied des jungen Mannes abzutrennen und ihn zu töten. Anschließend rief er den Rettungsdienst. Der Rettungsdienst jedoch, die sogenannte Hatzolah, gehört wie alles andere zu der orthodoxen Gemeinde. Die ganze Sache wird vertuscht.

Deborah Feldman fragt: „Was ist das für eine Welt, in der wir nur Belanglosigkeiten wie einen zu kurzen Rock bestrafen, aber Stillschweigen bewahren, wenn einer die Zehn Gebote bricht?“ (S. 304)

Damit trifft sie meiner Meinung nach die Kernfrage, die alle restriktiven, in sich geschlossenen Systeme innerhalb einer Gesellschaft anrührt. Wenn ein Überbau religiöser oder sonstiger Gesetze sich verselbständigt und der ursprüngliche Grundgedanke von Werten und Normen, nämlich das Zusammenleben einer Gemeinschaft für alle Beteiligten möglich und erträglich zu machen, plötzlich in den Hintergrund tritt, gibt es für die darin lebenden Menschen kein wirkliches Leben mehr. Das gilt für jedes System ganz gleich welcher Religion. Es betrifft nicht nur ultraorthodoxe Strömungen im Judentum. Wir brauchen nicht weit zu schauen. Denselben, krankmachenden Prinzipien verdanken sich Gesetze, die in Saudi Arabien Frauen das Fahren von Autos verbieten oder der sogenannte Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche. Das ist nicht dasselbe? Vielleicht nicht, aber die Ursache all dieser hässlichen Misstöne und Leid verursachenden Dinge sind verhärtete Gesetzesstrukturen, die wichtiger geworden sind als das ewige Gesetz: Liebe – liebe Gott und deinen Nächsten. Und das gleichermaßen.

Wahrscheinlich ist es zu viel, diesen Gedanken in das Buch hineinzuinterpretieren. Und doch rührt „Unorthodox“ an eine zurzeit empfindliche Debatte. Was hat Religion uns in der Postmoderne zu sagen? Ist sie im Ganzen überholt? Oder sind es eben doch nur wieder Menschen, die in ihrer Angst und in ihrem Bestreben nach möglichst perfekter Sicherheit, den Bogen so weit überspannen, bis er bricht? Jede Ideologie, jede Religion, jedes Gedankengebäude kann dazu in der Lage sein, echtes und freies Leben und Atmen zu unterbinden.

Als gläubiger Mensch muss und will ich persönlich mich immer wieder hinterfragen, ob ich erstens: mir selbst Dinge auferlege oder zweitens: mir Dinge auferlegen lasse, die mit dem Wesentlichen nichts mehr zu schaffen haben.

„Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.“ (S. 371 im Epilog) schreibt Deborah Feldman als letzten Satz. So ist ihr Buch eine Verarbeitung der eigenen Herkunft, ohne die Wurzeln zu verleugnen. Die Einblicke sind oft bedrückend, aber niemals wird das Buch an irgendeiner Stelle lieblos oder respektlos. Das macht es zu einer wirklich wertvollen Lektüre und einer ermutigenden Geschichte für jeden Menschen, der sich von äußeren Zwängen und Begrenzungen freizumachen sucht, ohne seine Identität zu verlieren oder zu verleugnen.