Von Jesus zu Christus – der Mensch und der Gott in und hinter den Worten…
Buchbesprechung zu:
„Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“
Von Joseph Ratzinger
Herder Verlag, Taschenbuchausgabe 2007, 407 Seiten ohne Anhänge
Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass ich einen kleinen Text zur Leseerfahrung mit dem dritten Teil der Abhandlung Ratzingers über Jesus von Nazareth verfasst habe (nachzulesen hier). Tatsächlich ist der kurze Band über Geburt und Kindheit Jesu nur eine Art Nachschrift, die der Vollständigkeit halber den ersten beiden Bänden beigefügt wurde. Das mindert nicht ihre Qualität in der Ausführung, wohl aber gibt es einen Unterschied zu der eigentlichen Abhandlung in zwei Bänden, die von Jesu Taufe bis zur Auferstehung reicht.
Denn die Geburt und Kindheit Jesu ist in den Evangelien in sehr dünnen Texten ausgebreitet. Das hat zwei Gründe. Erstens ist die Kindheit des jüdischen Zimmermannssohnes bis auf die dramatischen Ankündigungen und Prophetien ebenso unspektakulär verlaufen wie die eines jeden anderen jüdischen Jungen jener Zeit. Gott wurde Mensch, eben auch darin, dass die Kindheit wie jede andere Kindheit eine Kindheit war. Was die Schreiber der Evangelien mehr interessierte, was für die frühen Gläubigen wesentlich und wichtig war, ist nicht eine vollständige Biografie. Es ist der Mann Jesus in seinen Worten und Taten, es ist der Vater Gott, den Jesus verkündet hat. Das ist es, was uns die Evangelien vor allem vermitteln wollen.
Darin liegt auch eine der Ursachen, warum viele Menschen, die so ziemlich gar nichts mit dem Christentum am Hut haben, die Weihnachtsgeschichte ja doch ganz kuschelig und heimelig finden: es ist eben ein großes Wenig, dem man in der Fantasie alle möglichen Gedanken und Gefühle beimischen kann. Traditionen überlagern vielfach diese eigentlich nur kurze und gar nicht romantische Geschichte der Geburt Jesu. So hat Ratzinger in dem schmalen dritten Band gerade auch einen Weg von der Tradition zurück zu den Texten und von den Texten wieder zur Tradition gesucht und auf diese Weise den Anfang des Lebens Jesu ausgedeutet. Der dritte Band ist faszinierend und anregend, doch er ist nur eine nette Beigabe, vergleicht man ihn mit dem Hauptwerk.
Nun also habe ich mich durch den ersten Teil der umfassenden Abhandlung über Jesus von Nazareth gelesen und gewühlt. „Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“ reichen die Ausführungen Ratzingers zu Jesu Leben und Wirken. Warum gerade bis zu diesem Punkt? Weil der Passionsgeschichte – nämlich dem Weg nach Jerusalem, den letzten Reden Jesu, dem Abendmahl, der Kreuzigung und Auferstehung – ein eigener, zweiter Teil gewidmet ist. Im ersten Teil, von dem in diesem Beitrag die Rede sein soll, wird die Lehre Jesu herausgestellt, das Eigene und Neue daran, bis hin zum Ereignis der Verklärung. Warum ausgerechnet diese Geschichte, in der Jesus mit seinen engsten Jüngern auf einen Berg steigt und vor ihren Augen – sagen wir: zu „leuchten“ beginnt? Weil die Jünger, vor allem Petrus, ihn an diesem Punkt plötzlich als das erkennen, was er ist und von sich selbst bis dahin Stück für Stück in all seinen Reden und Taten offenbart hat.
Sie erkennen in ihm denjenigen, in dem Gott selbst anwesend ist – und zwar so, dass er mit Gott völlig eins ist – „Wesensgleich“ (homoousios), wie es traditionell das Glaubensbekenntnis der Kirchen bis heute formuliert. Jesus als der „Menschensohn“, der Mensch, der vollkommen Mensch ist und wahrer Mensch. Und Jesus als der „Sohn“, der Sohn, der den Vater offenbart und eins ist mit dem Vater und nur mit ihm zusammen gedacht und erkannt werden kann, Jesus als der wahre Sohn des Vaters, wahrer Gott. Auf diesen Kern des kirchlichen Glaubensbekenntnisses läuft der erste Teil von Ratzingers Abhandlung hinaus. Gleichzeitig wird diese Offenbarung immer zusammen gedacht mit der Passion, mit dem Erkennen der Sohnschaft Jesu sich andeutend und entfaltend. Das öffnet schließlich den Weg für den zweiten Teil, der hier noch nicht Thema ist.
Joseph Ratzinger arbeitet sich vor allem an den großen, bekannten Texten der vier Evangelien ab. Die Taufe und Versuchung Jesu, die Bergpredigt, das Vaterunser, die bekannten Gleichnisse wie das vom Verlorenen Sohn, die Bildworte (Guter Hirte, Weinstock, Brot usw.) des Johannesevangeliums. Selbst den meisten Nichtgläubigen dürften einige, wenn nicht sogar alle dieser Passagen bekannt sein. Den Gläubigen sind diese Texte beinahe schon zu bekannt. So bekannt, dass sie manchmal nicht mehr sehen, was in ihnen eigentlich verborgen liegt. Mit dieser Frage geht Ratzinger an die Texte heran. Was will Jesus uns mit dem Gleichnis sagen? Worauf will er hinaus? Wovon und von wem redet er? Was ist die eigentliche Botschaft, die er in diese Welt gebracht hat? Die Antwort lautet für Ratzinger ganz klar: er meint sich selbst, denn er gibt sich selbst, schenkt sich der Welt. Darum muss man in den Reden und Taten Jesu immer ihn selbst suchen. Die Auslegung der Bibelstellen ist daher vollkommen christologisch. Dabei lässt Ratzinger jedoch weder traditionelle noch moderne Auslegungen einfach außen vor. Er schöpft natürlich aus einem langen Theologenleben. Durch all dieses Wissen hindurch sucht Joseph Ratzinger dabei auch den Jesus, den er selbst sein Leben lang gesucht und Stück für Stück gefunden hat.
Das Ergebnis ist ein äußerst verdichteter Text. Ganze Passagen und Kapitel werden plötzlich zu einer glasklaren, messerscharfen Formulierung zusammengeführt, in der all das enthalten ist, was man gerade gelesen hat. Einerseits macht es bei aller Theologie das Buch lesbar und verständlich, andererseits verharrt man beim Lesen oft minutenlang und muss erst einmal begreifen, was man da gerade begriffen hat. Insofern ist Ratzingers Abhandlung auch eine echte Herausforderung. Denn wir haben es hier nicht nur mit einem tief überzeugten Gläubigen zu tun, sondern mit einem Mann, der tatsächlich denken kann! Und das ist allerorten selten in diesen Tagen. Was Ratzinger in den Evangelien liest und über Jesus folgert, das ist niemals ohne breites Fundament. Sein Christus-Bild ist kohärent. Diese Denkarbeit muss man anerkennen, auch wenn man nicht gläubig ist. Ich bin es und kann daher dankbar nachvollziehen, dass ein solch klar denkender Mensch mit einem so persönlichen Buch über Jesus in den Dialog mit anderen tritt.
Wie schon beim kleinen, dritten Bändchen ist das Lesen des Buches sicher ein Gewinn für Gläubige wie Nichtgläubige. Wer wissen will, was das Christentum im Innersten ausmacht, nämlich die zentrale Ausrichtung auf Jesus Christus, und was diese Ausrichtung auf Christus hin eigentlich bedeutet, dem sei das Werk Ratzingers wirklich empfohlen. Allerdings schadet es nicht, ein wenig Vorwissen zu haben, in groben Zügen über biblische Zusammenhänge und religiöse Traditionen Bescheid zu wissen, wenn auch die Anhänge des Buches wieder sehr ausführlich sind. Vergessen wir nicht: Ratzinger ist vor allem Theologe und Gelehrter und er schreibt, wenn auch verständlich und klar, für ein gebildetes Publikum.
Es wäre müßig, die einzelnen Gedankenstränge dieses Buches aufzuzählen, dennoch verdienen einige Punkte besondere Erwähnung. So bricht Joseph Ratzinger in seinen Ausführungen ganz klar mit alten theologischen Traditionen, die in den Texten der Evangelien Gegensätze, gar Feindseligkeit zwischen Juden und Christen sehen wollten. In seinem eigenen Denken distanziert er sich klar davon und sucht den versöhnlichen Weg. Er schöpft tief aus der hebräischen Tradition und erklärt Jesu Reden und Taten gerade auch aus den Zusammenhängen jüdischer Lebenswelt und Religiosität. Überhaupt werden viele Ereignisse erst verständlich vor dem Hintergrund des jüdischen Festkalenders, so im Fall des Wasseropfers beim Laubhüttenfest:
„So weist das Wort vom Laubhüttenfest nicht nur voraus auf das neue Jerusalem, in dem Gott selbst wohnt und Quell des Lebens ist – es weist unmittelbar voraus auf den Leib des Gekreuzigten, dem Blut und Wasser entströmen (Joh. 19,34)…“ (S. 290)
Ratzinger spricht in seinen Ausführungen zur Bergpredigt ganz bewusst von der „Tora des Messias“. Jesus predigt nicht gegen die Traditionen des Judentums, sondern er nimmt die Gesetze Gottes und legt sie wie jeder jüdische Lehrer aus. Der Unterschied besteht darin, dass er die Gesetze im Grunde noch verschärft, denn er legt sie auf sich selbst hin aus. Jesus wird selbst zur Tora, der die Jünger folgen. In seinem Beispiel und in der Nachfolge erfüllen die Jünger das Gesetz Gottes, welches in Jesus offenbart und erfüllt ist.
Überrascht hat mich wie auch schon bei der Lektüre des dritten Bandes die sanftmütige Stimme des Autors. Er redet trotz aller Gelehrigkeit nicht von oben herab, sondern lässt uns gleichsam Teil haben an seinem eigenen inneren Dialog mit der Schrift. Er findet viele versöhnliche und verständnisvolle Worte und in manchen Passagen klingt doch auch ein wenig der Papst hindurch, der sich um den Zustand der Welt und den Zustand der Gläubigen sorgt, aber in einer Weise, die ihn liebenswürdig klingen lassen, geradezu naiv bekümmert.
Ein letztes Zitat, das mich aus persönlichen Gründen sehr angesprochen hat, soll diesen Beitrag abschließen:
„Schuld ist eine Wirklichkeit, eine objektive Macht, sie hat Zerstörung angerichtet, die überwunden werden muss. Deshalb muss Vergebung mehr sein als Ignorieren, als bloßes Vergessenwollen. Schuld muss aufgearbeitet, geheilt und so überwunden werden. Vergebung kostet etwas – zuerst den, der vergibt: Er muss in sich das ihm geschehene Böse überwinden, es inwendig gleichsam verbrennen und darin sich selbst erneuern, so dass er dann auch den anderen, den Schuldigen, in diesen Prozess der Verwandlung, der inneren Reinigung hineinnimmt und sie beide durch das Durchleiden und Überwinden des Bösen neu werden.“ (S. 193)
So sucht dieses Buch tatsächlich Versöhnlichkeit. Auch die Versöhnlichkeit von Denken und Herzensglauben. Und diese Versöhnlichkeit gibt es nicht als billiges Angebot. Glauben ist immer auch Ringen und Fragen und immer neu das Suchen nach der Antwort, die in Christus zu finden ist. Das Angesicht Jesu zu suchen ist eine lebenslange Übung. An der eigenen Art dieser Übung hat uns Joseph Ratzinger in seiner Abhandlung Teil haben lassen und fordert uns dazu heraus, selbst die Schrift und den eigenen Glauben zu befragen und den wahren Menschen und den wahren Gott zu suchen und zu finden.


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