Lebensregeln

Lebensregeln

Buchbesprechung zu:

„The Rule of the Society of Saint John the Evangelist“

North American Congregation

A Cowley Publications Book

Lanham, Chicago, New York, Toronto, and Plymouth, UK

1997 – Edition 2009

123 Seiten – Taschenbuch, Print on Demand

 

[[Die deutsche Übersetzung dieses Titels:

Gemeinsames Leben in Christus. Eine evangelische Klosterregel: Sozietas des heiligen Johannes des Evangelisten.

Nordamerikanische Kongregation

Übersetzer: Maximilian Bergmayr

147 Seiten – Taschenbuch (kleineres europäisches Format)

EOS Verlag 2007]]

 

(Text auf der Umschlag-Illustration: Lateinisch „Et verbum caro factum est“ – Übersetzung: „Und das Wort wurde Fleisch“ – Johannesevangelium Kapitel 1, Vers 14)

 

Warum?

Warum bespreche ich dieses Buch auf dem Blog? Weil ich es kann und es mein Blog ist. Aber Spaß beiseite. Wie komme ich dazu, eine Klosterregel zu lesen? Noch dazu die Regel einer Gemeinschaft von Männern, die Gelübde der Armut, des Zölibats und des Gehorsams abgelegt haben? Das ist meiner Lebensrealität zunächst völlig fern (weiblich, verheiratet und überhaupt). Außerdem liegt es nahe, bei all den negativen Nachrichten über zölibatäre Männer der ganzen Sache ziemlich skeptisch gegenüberzustehen. Aber jeder Mensch hat, ob bewusst oder unbewusst, eine Art Lebensregel, nicht nur anglikanische Mönche. Zu meinen persönlichen Prinzipien gehört es, sich erst einmal auf die innere Gedankenwelt des mir Fremden einzulassen, ehe ich Schlussfolgerungen ziehe. Also warum lese ich die Ordensregel der „Gemeinschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“? Weil ich es kann, weil ich es will und weil ich auf meinem eigenen Glaubens-Weg darauf gestoßen bin. Eine Freundin und mich hat für etwa ein Jahr lang in gemeinsamen Treffen die Lektüre des Johannes-Evangeliums beschäftigt. Wie es dazu kam, ist eine eigene, lange Geschichte… Internet macht es möglich, dass man in gelangweilten Momenten Meister Gugel befragt (oder wir nennen es einfach „Recherche zu einem aktuellen Lebensthema“). So stieß ich auf die Gemeinschaft der Mönche, die sich besonders dem Evangelium des Johannes verpflichtet fühlen. Dabei fand ich heraus, dass man ihnen sogar im Sozialen Netzwerk folgen kann. Mönche, die eine F[…]Seite betreiben? Ja, so etwas gibt es. Und es scheint recht einmalig zu sein, dass eine Ordensgemeinschaft derart bereitwillig ihre eigene Lebensregel der Allgemeinheit problemlos zugänglich macht. Tatsächlich kann man die komplette Regel ohne Hindernisse kostenfrei (!!!) online lesen oder – wenn man ein Freak wie ich ist – es auch auf Papier gedruckt anfordern (nicht kostenfrei, aber immerhin kostengünstig).

Was ist es?

Die „Gemeinschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“ ist eine 1866 von Richard Meux Benson in Oxford, England gegründete Ordensgemeinschaft für Männer innerhalb der Anglikanischen Kirche. Obwohl von der Katholischen Kirche abgetrennt, ist die Anglikanische Kirche in Struktur und Ritus der Katholischen Kirche sehr viel näher als andere Abspaltungen. Soviel zur Verortung der Denomination. In den USA und Canada wird diese Kirche „Episkopalkirche“ genannt, in Anlehnung an die Organisation auf Bischöfe als Oberhäupter hin. Das vorliegende Buch ist die schriftlich fixierte Ordensregel der Nordamerikanischen Kongregation der „Gemeinschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“. Die Ausformulierung der Regel des Ordens begann 1988 und sollte binnen drei oder vier Jahren fertig gestellt sein. Erst 1996 war jedoch dieser Findungsprozess beendet und ab 1997 ist die Regel der Allgemeinheit zugänglich. Der Orden selbst empfand eine Notwendigkeit der inneren Neuordnung und klareren Ausrichtung im Angesicht der Herausforderungen moderner Zeiten. Geworden ist daraus eine Art spirituelles Kondensat, das jedem willigen Leser Türen öffnet. Türen zu einer tieferen Freundschaft mit Gott, wie es im ersten Kapitel der Regel heißt. Türen zu einer Bewusstwerdung eigener Lebensregeln. Türen zu Gott und dem Nächsten.

Lektüre

In 49 Kapiteln werden die einzelnen Punkte der Ordensregel behandelt. Jedes Kapitel erstreckt sich über maximal zwei Seiten (Bei der deutschen Übersetzung können es auch zweieinhalb werden, der anderen Sprache und dem kleineren, europäischen Taschenbuchformat geschuldet). Wer mit der Lektüre solcher Werke nicht vertraut ist, tut gut daran, die Hinweise im Anhang zu beachten. Die Abschnitte sollen nach Art der „lectio divina“ („göttliches“ oder „heiliges“ Lesen) verinnerlicht werden. Das bedeutet sehr langsames, nachsinnendes Lesen der einzelnen Sätze. Jeder Satz ist äußerst überlegt formuliert und transportiert Bedeutung und Inhalt. Der ganze Reichtum an kirchlicher Tradition, Beschäftigung mit der Schrift (vor allem mit dem Evangelium des Johannes), der Lehre des Ordensgründers und der Erfahrung gemeinschaftlichen Zusammenlebens und miteinander Glaubens steckt darin. Ob man nun mit dem Ordensleben, kirchlicher Geschichte oder überhaupt dem christlichen Glauben viel oder gar nichts anfangen kann, so ist die Bedeutungsschwere der Texte nicht zu leugnen. Mir selbst ist es nicht gelungen, mehr als ein oder zwei Abschnitte am Tag zu lesen. Erfahrungsgemäß bin ich eine schnelle Leserin, aber es ist schlicht nicht möglich, die Regel eilig zu überfliegen. Dabei sind die Sätze keineswegs kompliziert formuliert. Die Sprache ist klar und einfach, geprägt von knappen oder zumindest stark unterteilten Sätzen, zerlegt in getrennte Absätze. Aber immer wieder stolpert man über den einen oder anderen Satz, der die eigene Lebenserfahrung ziemlich tief trifft. Ohne Innehalten ist es nicht machbar, das Buch zu lesen. Die Schätze hinter den Formulierungen wollen geborgen werden. Die Kapitel laden zum mehrmaligen, regelmäßigen Lesen ein. Tatsächlich werden sie in der täglichen Andacht der Mönche wieder und wieder gelesen und verinnerlicht, denn es ist schließlich ihre Regel, nach der sie sich ausrichten und deren Ideale sie in ihrem Zusammenleben und in ihren Diensten erstreben. Für Außenstehende gibt es im Anhang eine Art Leseanleitung, Empfehlungen zu Kapiteln, die auch für Menschen relevant sind, die in keiner Ordensgemeinschaft leben oder eben der oben genannte Hinweis auf die lectio divina, sowie der Wunsch, dass sich für den Leser die Möglichkeit zur Formulierung einer eigenen Lebensregel ergibt. Wie kann ich meine eigene Beziehung zu Gott vertiefen? Wie kann ich meine Beziehungen zu den Mitmenschen, Familie, Arbeitskollegen oder Mitgliedern einer kirchlichen Gemeinschaft, der ich angehöre, vertiefen bzw. so gestalten, dass sie meine innere Bereitschaft, auf Gottes Versöhnungsangebot einzugehen auch im Alltag, im Miteinander wiederspiegeln? In welchem Maße kann ich Spiritualität in meiner Lebenswelt integrieren?

Inhalt

Was also enthält die Lebensregel für einen Männerorden? So ziemlich alles, was das Zusammenleben von Menschen im Allgemeinen und das Leben eines gläubigen Christen im Besonderen betrifft. Anders kann man es nicht zusammenfassen.

Selbstverständlich bilden die auf das Ordensleben bezogenen Inhalte den Kern der Regel, etwa die Aufnahme von neuen Mitgliedern, die Rolle des Klostervorstehers, Sinn und Inhalt der drei zentralen Gelöbnisse Enthaltsamkeit, Gehorsam und Armut. Gerade als verheiratete Person fragt man sich, ob einen die Gedanken zum Zölibat überhaupt etwas angehen. Das Kapitel dazu überrascht jedoch auf ganzer Linie und hält auch Gedanken zur Ehe und zum Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung bereit. Etwas derart Offenes und Aktuelles erwartet man nicht. Ehe und das Dasein als alleinstehende Person werden als unterschiedliche Weg zur Reife des Menschseins und der Reife im Glauben begriffen. Es kommt auf die eigene Reflexion des jeweiligen Standes an und die persönliche Offenheit in der Beziehung zu Anderen und zu Gott. Auch das Gelöbnis der Armut erhält im Licht globalen Kapitalismus-Strebens plötzlich eine hohe Brisanz. Die Frage, was ich wirklich brauche und welche Besitztümer eigentlich nur eine innere Leere oder Beziehungsarmut ausfüllen sollen, gehen nicht nur Mönche etwas an, sondern auch und gerade den Konsumenten moderner Gesellschaften.

Es wird klar, dass ein Mensch, der diese Gelöbnisse ablegt, in einer zweifachen Tradition lebt. Erstens will er oder sie das Menschsein Jesu auf Erden möglichst treu nachleben, eine intensive Form der Christus-Nachfolge praktizieren. Wie Jesus lässt der Mönch die Besitztümer der Welt hinter sich und richtet sich auf das „Reich Gottes“ aus. Wie Jesus lebt der Mönch ehelos, weil er sich ganz auf Gott ausrichten möchte. Und wie Jesus gibt der Mönch einen Anspruch auf sich selbst auf und ordnet sich der Lebensregel unter. Der zweite Faden der Tradition reicht zurück zum „Samen der Kirche“, zu den Märtyrern. Wie die Märtyrer gibt der Mönch sein Leben auf, er gibt es hin. Monastische Lebensformen haben sich auch aus dem Wunsch heraus entwickelt, wie die Märtyrer das Leben ganz zu opfern, als die Verfolgung der Christen längst nicht mehr Alltäglichkeit war. Das Dasein als Mönch oder Nonne soll also Nachfolge und Hingabe ganz besonders widerspiegeln und Vorbild und Ansporn für alle andere Gläubigen jeden Lebensstandes sein. Ganz gleich wie man nun zu dieser Form des Lebens steht, muss man doch die Hingabe und Ernsthaftigkeit eines solchen Weges anerkennen.

Darüber hinaus bietet die Regel der „Gesellschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“ aber auch vielfältige Schnittpunkte mit dem Glaubens- und Alltagserleben aller Christen. Jeder, der auch nur ansatzweise versucht, mit anderen Menschen so zu interagieren, dass aus den von Jesus geforderten Grundsätzen der Nächsten- und Feindesliebe Realität wird, weiß, wie hart und fast unmöglich es oft sein kann. Generell gilt: ich wäre ja ein guter Mensch, wenn es da nicht die anderen Menschen geben würde… Unser Fortschritt im Glauben oder in unserer Reife als Mensch beweist sich genau darin, wie wir mit Anderen umgehen, ob wir zu Nachsicht und Vergebung fähig sind und wie wir mit Verletzungen und Konflikten umgehen, ohne sie eskalieren zu lassen. In einer geschlossenen Ordensgemeinschaft sind die Menschen einander so nahe wie Familie. Schwierigkeiten bleiben da nicht aus und in den einzelnen Abschnitten nimmt ein großer Teil der Reflexionen genau darauf Bezug. Nie werden die Augen davor verschlossen, dass hier unterschiedlichste Menschen in engen Bezügen miteinander auskommen müssen. Themen wie gegenseitige Achtung von Grenzen, Überwindung eigener Ressentiments und die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören und ihn zu verstehen haben nicht nur unter gläubigen Christen Relevanz.

Bedeutung / Empfehlung   

Die Ordensregel der „Gemeinschaft des heiligen Johannes des Evangelisten“ gehört zu jenem Lesestoff, der auf mehreren Ebenen verstanden werden will und jeder Leser wird eine unterschiedliche Anzahl von Hintergründen und Ebenen identifizieren und entsprechenden Gewinn daraus ziehen. Ich persönlich bin nicht vertraut mit der Lehre des Ordensgründers. Diese Ebene wird mir bei der Lektüre also nur indirekt zugänglich gemacht. Anders verhält es sich mit den Bezügen zum Evangelium des Johannes, zur Schrift im Allgemeinen und der kirchlichen Tradition. Eine gewisse Vorbildung ist hilfreich, um die besondere Tiefe und Bedeutung der andächtigen Abschnitte nachvollziehen zu können. Aber selbst ohne jede Vorkenntnis bleiben jedem Leser immer noch zwei weitere Ebenen offen: man erhält einen einzigartigen, warmherzigen Einblick in das Innenleben eines christlichen Ordens und die angesprochenen Themen gerade der Zwischenmenschlichkeit knüpfen an bekannte Alltagserfahrungen an. Es ist tatsächlich ein Text, der jedem Leser unterschiedlichste Türen öffnet.

Ganz entscheidend ist der innige, warme Tonfall, der sich durch sämtliche Kapitel der Ordensregel zieht. Die Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit ist wohltuend, geradezu Balsam für die Seele. Allein die Tatsache, dass es 8 Jahre benötigt hat, ehe dieser Text vorlag, spricht für das vielschichtige und hingebungsvolle Bemühen. Man spürt den Geist und die Liebe in den Seiten. Darin zu lesen ist tatsächlich wie eine Art Klosterurlaub. Für den Unkundigen eine erholsame Reise und ein erster, angenehmer Kontakt mit der besonderen Spiritualität des Ordenslebens. Für den Gläubigen eine Vertiefung seiner Freundschaft mit Gott.

„For us no honor exists that could be greater than Jesus calling us his friends.  The more we enter into the fullness of our friendship with him, the more he will move us to be friends for one another, and to cherish friendship itself as a means of grace.  The forging of bonds between us that would make us ready to lay down our lives for one another is a powerful witness to the reality of our risen life in Christ.  In an alienating world, where so many are frustrated and wounded in their quest for intimacy, we can bear life-giving testimony to the graces of friendship as men who know by experience its demands, its limitations and its rewards.” Kapitel 42, Seite 84

(Es gibt für uns keine größere Ehre, als dass uns Jesus seine Freunde nennt. Je mehr wir in die Fülle unserer Freundschaft mit ihm eintreten, umso mehr wird er uns dazu bewegen, Freunde füreinander zu sein, und Freundschaft selbst als ein Mittel der Gnade zu schätzen. Die Bande der Freundschaft zwischen uns zu schmieden, macht uns bereit, unser Leben füreinander zu geben, und ist ein machtvolles Zeugnis für die Realität unseres auferstandenen Lebens in Christus. In einer sich entfremdenden Welt, in der so viele Menschen frustriert und verwundet sind in ihrer Suche nach Intimität, können wir Männer ein lebenspendendes Zeugnis von den Gnaden der Freundschaft geben, weil wir aus Erfahrung um das Fordernde der Freundschaft, um ihre Grenzen und ihren Lohn wissen.“ Seite 108 in der Übersetzung)