Das Eloi[*]
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Matthäus 27,46

Ich weiß nicht, ob ich wagen sollte, mich dieser von allen Äußerungen, zu der menschlicher Atem je geformt worden ist, am furchtbarsten in ihrer Tragweite, zu nähern, wenn ich nicht fühlte, dass sie, beides, Keim und Blüte der letzten Hingabe enthaltend, daher die tiefste praktische Lehre enthält, die ein menschliches Herz lernen muss. Der Herr, der Offenbarer, verbirgt nichts, was offenbart werden kann, und wird nicht den Fuß verscheuchen, der in nackter Demut auf die Ebene selbst dieses schrecklichen Konfliktes zwischen ihm und dem Bösen tritt, als der Rauch der Schlacht, die geschlagen wurde, nicht nur mit Gewändern in Blut getaucht, sondern mit Brennen und Feuersbrunst, zwischen ihm und seinem Vater aufstieg, und für den einen schrecklichen Augenblick, ehe er die Bande des Lebens durchbrach und erschöpft und triumphierend in seine Arme lief, Gott vor den Augen seines Sohnes verbarg. Er gibt uns sogar den einen Gedanken zum Nachsinnen, der ihn zuletzt geschlagen hat, als er es nicht mehr ertragen konnte und zum Vater floh, um sich zu vergewissern, dass er ihn liebte und Wohlgefallen an ihm hatte. Denn Satan war letztlich wiedergekommen, um ihn mit seiner letzten Versuchung zu bedrängen; um ihm zu sagen, dass, obwohl er seinen Teil getan hatte, Gott den seinen vergessen hatte; dass, obwohl er nach dem Wort aus dem Munde Gottes gelebt hatte, dieser Mund kein Wort mehr zu ihm zu sprechen hatte; dass, obwohl er abgelehnt hatte, ihn zu versuchen, Gott ihn verlassen hatte, damit er mehr versucht werde, als er ertragen konnte; dass, obwohl er niemand anderen angebetet hatte, sich Gott um diese Anbetung nicht kümmerte. Der Herr versteckt nicht seine heiligen Leiden, denn Wahrheit ist Licht, und würde Licht sein im Geist der Menschen. Das Heilige Kind, der Sohn des Vaters, hat nichts zu verbergen, sondern die ganze Gottheit zu offenbaren. Lasst uns also unsere Schuhe ausziehen und uns nahen und unsere Häupter beugen und diese Füße küssen, die für immer die Narben unseres Sieges tragen.[1] In diesen Füßen ergreifen wir Sicherheit unseres Leidens, unserer sündigenden Bruderschaft.
Mit der heiligsten Ehrfurcht sollten wir uns der schrecklichen Tatsache der Leiden unseres Herrn annähern. Niemand soll denken, dass diese geringer waren, weil er mehr war. Je erlesener die Natur, je wacher sie ist gegen alles Liebliche und Wahrhaftige, Gesetzmäßige und Gerechte, desto mehr fühlt sie die Pein des Schmerzes, den Einfall des Todes in das Leben; desto entsetzlicher ist der Bruch in der Harmonie der Dinge, dessen Klang Folter ist. Er fühlte mehr als ein Mensch fühlen könnte, weil er ein umfassenderes Fühlen hatte. Er war deshalb eher ausgelaugt als ein anderer Mensch es gewesen wäre. Diese Leiden waren tatsächlich furchtbar, als sie begannen, in den Bereich des Willens einzudringen; als der Kampf, bewusst Vertrauen in Gott zu behalten, begann, in Finsternis einzutauchen; als der Wille des Menschen seine letzte entschlossene Bemühung in diesem Schrei hervorbrachte, nach dem entschwundenen Anschauen des Vaters: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Niemals zuvor ist es so bei ihm gewesen. Niemals zuvor ist er nicht in der Lage gewesen, Gott an seiner Seite zu sehen. Und doch war Gott niemals näher bei ihm als jetzt. Denn niemals war Jesus göttlicher. Er konnte ihn nicht sehen, ihn nicht nahe fühlen; und doch ist es „Mein Gott“, was er schreit.
Auf diese Weise ist der Wille Jesu, im selben Augenblick, als sein Glaube sich zu beugen scheint, letztendlich triumphierend. Es gibt nun kein Gefühl, ihn zu stützen, kein seliges Schauen, ihn aufzunehmen. Er steht nackt in seiner Seele und gequält, so wie er selbst nackt und gegeißelt vor Pilatus stand. Rein und einfach und umgeben von Feuer, verkündet er Gott. Das Opfer steigt auf in dem Schrei Mein Gott. Der Schrei kommt nicht aus Freude, nicht aus Friede, nicht aus Hoffnung. Nicht einmal aus dem Leiden kommt dieser Schrei. Es war ein Schrei in Verlassenheit, doch er kam aus Glauben. Es ist die letzte Stimme der Wahrheit, redend, wenn sie nur noch schreien kann. Der göttliche Schrecken dieses Augenblicks ist für die menschliche Seele unfassbar. Es war schwärzeste Finsternis. Und doch würde er glauben. Und doch würde er festhalten. Gott war immer noch sein Gott. Mein Gott – und in dem Schrei brach der SIEG hervor, und bald war alles vorüber. Von dem Frieden, der diesem Schrei folgte, der Frieden einer vollkommenen Seele, groß wie das Weltenall, rein wie das Licht, glühend wie das Leben, siegreich für Gott und seine Brüder,[2] kann nur er selbst jemals die Weite und die Länge, die Tiefe und die Höhe wissen.[3]
Ohne diese letzte Probe von allen wären die Versuchungen unseres Meisters nicht so vollständig gewesen, wie das menschliche Gefäß sie fassen konnte; da wäre ein Bereich gewesen, durch welchen wir hindurchmüssten, worin wir laut nach unserem Hauptmann-Bruder[4] rufen möchten und da wäre keine Stimme noch Erhören: er hätte diesen schicksalhaften Punkt gemieden! Die Versuchungen der Wüste kamen über den jungen, starken Mann, der seinen Weg vor sich hatte und die Gegenwart seines Gottes um sich; nein, sie zogen ihre Kraft aus dem Überfluss seines bewussten Glaubens. „Wage es und handle, denn Gott ist mir dir“, sagte der Teufel. „Ich weiß es und darum werde ich warten“, entgegnete der König seiner Brüder. Und nun, nach drei Jahren göttlichen Handelns, als der Lauf vollendet ist, als die Reife des vollendeten Werkes gekommen ist, als die ganze Gestalt gemartert wird, bis der regierende Verstand taumelnd in den nachtblauen Abgrund der Ohnmacht fällt, und das Aufgeben des Geistes[5] bevorsteht, als die Freunde ihn verlassen hatten und flohen, dringt die Stimme des Feindes wieder an sein Ohr: „Verzweifle und stirb, denn Gott ist nicht mit dir. Alles ist nichtig. Tod, nicht Leben, ist deine Zuflucht. Eile in den Hades, wo die Marter vorüber sein wird. Du hast dich selbst betrogen. Er war niemals mit dir. Er war der Gott Abrahams. Abraham ist tot. Zu wem machst du dich selbst?“ „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, schreit der Meister. Denn Gott war immer noch sein Gott, obwohl er ihn verlassen hatte – seine Anschauung verlassen, auf dass sein Glaube triumphierend hervorleuchtete; sich selbst verlassen? nein; ihm näher kommend als je zuvor, näher kommend sogar – doch mit einer noch tieferen, furchtbareren Bedeutungsfülle – als der Herr selbst sich von den leiblichen Augen seiner Freunde entfernte, auf dass er in ihrem grundlegenden Sein wohnen möge.[6]
Ich denke nicht, dass es die heftigste Probe unseres Herrn war, als er im Garten betete,[7] dass der Kelch an ihm vorüber gehen möge, und er doch wieder betete, dass der Wille des Vaters getan werden möge. Denn dieser Wille war ihm dort gegenwärtig. Er lebte und handelte in diesem Willen. Doch nun ist der vorhergesehene Schrecken gekommen. Er trinkt den furchtbaren Kelch und der Wille ist seinen Augen entschwunden. Wäre dieser Wille in seinem Leiden sichtbar gewesen, dann hätte sein Wille sich mit tränenreicher Freude unter den Schutz seiner Größe beugen können. Doch nun ist sein Wille allein gelassen, um diesen Kelch des Willens in der Marter zu trinken. Im Übel dieser Agonie erhebt sich Der Wille Jesu zuletzt vollkommen; und aus sich selbst, nun ungestützt, verkündet er – ein nacktes Bewusstsein des Elends, in der wüsten Finsternis des Weltenalls aufgehängt – verkündet er Gott, in Missachtung des Schmerzes, des Todes, der Apathie, des Selbst, der Verleugnung, der Schwärze innen und außen; ruft laut zu dem entschwundenen Gott.
Dies ist der Glaube des Sohnes Gottes. Gott entfernte sich, gewissermaßen, damit dieser vollkommene Wille des Sohnes aufsteigen und hervortreten möge, um dem Willen des Vaters zu begegnen.
Ist es möglich, dass er selbst dann an die verlorenen Schafe dachte, welche nicht glauben konnten, dass Gott ihr Vater war; und er auch für sie, in all ihrer Verlorenheit und Blindheit und Lieblosigkeit, schrie, das Wort sprechend, das sie sprechen sollten, für sie erkennend, Gott bedeutet Vater und noch mehr, und jetzt erkennend, wie er es bisher nicht erkannt hatte, was für eine furchtbare Sache es ist, ohne Gott und ohne Hoffnung zu sein? Ich wage nicht, die Frage, die ich stellte, zu beantworten.
Doch worin besteht oder was kann diese Alpine Höhe des Glaubens zu schaffen haben mit den Geschöpfen, welche sich selbst Christen nennen, in den Tälern kriechend, kaum wissend, dass da Berge über ihnen sind, es sei denn, dass sie Anstoß nehmen und über die Kiesel stolpern, die durch den Gletscherstrom über ihren Weg gespült wurden? Ich will es euch sagen. Wir sind und bleiben solch kriechende Christen, weil wir auf uns selbst und nicht auf Christus schauen; weil wir auf die Abdrücke unserer eigenen schmutzigen Füße schauen und die Spur unserer eigenen entweihten Gewänder, anstatt hinauf zum Schnee der Reinheit, wohin die Seele Christi stieg. Jeder, indem er seine Füße in den Fußabdruck des Meisters stellt und ihn auf diese Weise verwischt, wendet sich um und untersucht, inwieweit seines Nächsten Fußabdruck mit dem übereinstimmt, welches er immer noch den Fußabdruck des Meisters nennt, obwohl es nur sein eigener ist. Oder, wenn wir einen winzigen Fehler gemacht haben, ich meine solch einen Fehler, wie ihn nur eine winzige Kreatur begehen könnte, dann bedauern wir die Entehrung vor uns selbst und ihre Scham vor unseren Freunden, Kindern oder Bediensteten, anstatt zu eilen und unserem Nächsten das gebotene Bekenntnis und die Wiedergutmachung entgegen zu bringen, und dann, unser dürftiges Selbst mit seiner wohlverdienten Entehrung vergessend, unsere Augen aufzurichten zu der Herrlichkeit, welche allein den wahren Menschen in uns beleben wird und die umherirrende Kreatur, die wir so fälschlich unser Selbst nennen, töten wird. Das wahre Selbst ist das, welches Jesus ins Angesicht schauen kann und sagen Mein Herr.[8]
Wenn die innere Sonne scheint und der Wind des Denkens, wehend, wo er Lust hat, unter den Blumen und Blättern der Einbildungskraft und Imagination, glückliche Formen und Empfindungen aufweckt, ist es einfach, aufzuschauen und zu sagen Mein Gott. Es ist einfach, wenn der Frost äußerlichen Versagens die geistigen Nerven zu gesundem Durchhaltevermögen und frischer Mühe in der Arbeit gestärkt hat, dann ist es einfach, sich zu Gott zu wenden und ihm zu vertrauen, in welchem alle ehrliche Anstrengung sowohl die Fähigkeit als auch das Recht zum Vertrauen verleiht. Es ist einfach im Schmerz, so lang, als er nicht bestimmte undefinierbare Grenzen überschreitet, auf Gottes Befreiung zu hoffen oder um Stärke zum Durchhalten zu beten. Doch was soll man tun, wenn alles Gefühl vergangen ist? Wenn ein Mensch nicht weiß, ob er glaubt oder nicht, ob er liebt oder nicht? Wenn Kunst, Poesie, Religion nichts für ihn sind, so sehr ist er verschlungen in seinem Schmerz oder geistiger Depression oder Enttäuschung oder Versuchung oder er weiß nicht was? Es scheint ihm dann, dass Gott sich nicht um ihn kümmert und er kümmert sich gewiss nicht um Gott. Wenn er immer noch fromm ist, dann denkt er, dass er so schlecht ist, dass Gott sich nicht um ihn kümmern kann. Und dann glaubt er in dieser Zeit, dass Gott uns nur liebt, weil und wenn und während wir ihn lieben; anstatt zu glauben, dass Gott uns immer liebt, weil er unser Gott ist, und dass wir nur durch seine Liebe leben. Oder er glaubt gar nicht an einen Gott, was besser wäre.
Solange wir nichts zu Gott zu sagen haben, nichts mit ihm zu schaffen haben, es sei denn im Sonnenschein des Geistes, wenn wir ihn uns nahe fühlen, sind wir armselige Geschöpfe, willig gemacht, nicht wollend; Schilf, blühendes Schilf mag es sein, und hübsch anzusehen, doch nur Schilf vom Wind bewegt;[9] keine schlechten, doch niedrige Geschöpfe.
Und wie handeln wir für gewöhnlich in einem solchen Zustand? Sitzen wir nicht trauernd über den Verlust unserer Gefühle da? Oder schlimmer, machen krampfhafte Versuche, sie aufzuwecken? Oder, zehnmal schlimmer, fallen zurück in einen zeitweiligen Zustand des Atheismus und beugen uns der drückenden Versuchung? Oder, wenn wir herzlos sind, erlauben uns, sorglos zu bleiben, uns der bösen Gedanken und niedrigen Gefühle wohl bewusst, doch zu träge, zu angepasst, uns selbst gegen sie zu erheben? Wir wissen, dass wir sie eines Tages loswerden müssen, doch in der Zwischenzeit – was soll´s; wir empfinden sie nicht als schlecht, wir empfinden nichts anderes als gut; wir schlafen und wir wissen es, und wir können nicht aufgeschreckt werden, zu erwachen. Keine Eingebung kommt, uns aufzuwecken, und so bleiben wir wie wir sind.
Gott lässt uns nicht durch die plötzliche Gabe seines Heiligen Geistes immer das Richtige fühlen, das Gute verlangen, die Reinheit lieben, nach ihm und seinem Willen streben. Darum, weil er nicht will oder nicht kann. Wenn er nicht will, muss es sein, weil es nicht gut wäre, so zu handeln. Wenn er nicht kann, dann würde er nicht, wenn er könnte; sonst ist eine bessere Bedingung als Gottes Bedingung vorstellbar für den Geist Gottes – eine Bedingung, unter welcher er die Geschöpfe, welche er gemacht hat, besser retten könnte, als er sie retten kann. Die Wahrheit ist diese: Er will uns nach seinem eigenen Bild schaffen, das Gute wählend, das Böse ablehnend. Wie sollte er das bewirken, wenn er uns immer von innen heraus bewegte, wie er es in göttlichen Zeitabständen tut, hin zur Schönheit der Heiligkeit? Gott gibt uns Raum zu sein; er unterdrückt uns nicht mit seinem Willen; er „hält sich von uns fern“, dass wir von uns selbst handeln, dass wir den reinen Willen zum Guten üben möchten. Stellt euch deshalb nicht vor, dass ich meine, wir könnten irgendetwas von uns selbst ohne Gott tun. Wenn wir zuletzt das Gute wählen, ist es alles Gottes Wirken, und umso mehr seines, als es unseres ist, nur auf eine viel wundervollere Weise seines, als wenn er uns ständig mit all seinen heiligen Eingebungen angefüllt hätte, die Notwendigkeit der Wahl ausschließend. Denn auf genau diesen Punkt hin, genau diesen Punkt, hat er uns gelehrt, uns geleitet, uns gedrängt, uns getrieben, uns gelockt, dass wir ihn wählen mögen und seinen Willen und auf diese Weise zehnmal mehr seine Kinder zu seien, von seiner besten Machart, in der Freiheit des Willens, unseren eigenen Willen zuerst darin zu finden, ihn als liebevolles Opfer ihm darzubringen, woraufhin er in seiner großartigen Vaterschaft solcherart von der Gründung der Erde an gewirkt hat, als wir es je sein könnten in höchst berauschter Anbetung aus den göttlichsten Eingebungen fließend, ohne dieses willige Opfer. Denn Gott hat sowohl unsere Einzigartigkeit gemacht, wie auch, ein großartigeres Wunder noch, unsere Abhängigkeit; er hat unser Getrenntsein von sich geschieden, dass Freiheit uns göttlich inniger an ihn binden sollte, in einem neuen und unergründlichen Wunder der Liebe; denn die Gottheit liegt immer noch an der Wurzel, ist die erschaffende Wurzel unserer Einzigartigkeit, und je freier der Mensch, desto stärker ist das Band, das ihn an den bindet, welcher diese seine Freiheit schuf. Er hat unseren Willen erschaffen und strebt danach, ihn zu befreien; denn nur in der Vollkommenheit unserer Einzigartigkeit und in der Freiheit unseres Willens sind wir allzusamt seine Kinder. Dies ist voll des Geheimnisses, doch können wir nicht genug hineinsehen, dass es uns sehr froh und friedlich stimmt?
Durch keinen anderen Akt als einen, welcher, trotz Eingebung oder Schwäche, die Wahrheit verkündet, Gott verkündet, entspringt der Wille in die völlige Freiheit, ins wahrhaftige Leben.
Seht also, was in unserer Reichweite liegt, jedes Mal, wenn wir solcherart in die Falten der Nacht eingeschlagen sind. Der höchste Zustand des menschlichen Willens ist in Sichtweite, ist erreichbar. Ich sage nicht der höchste Zustand des Menschlichen Seins; dieser liegt mit Gewissheit im Seligen Schauen, im Anschauen Gottes. Doch der höchste Zustand des Menschlichen Willens, als verschieden, nicht als getrennt von Gott, ist der, wenn er, obwohl er Gott nicht sieht, es ihm scheint, dass er ihn überhaupt nicht begreifen kann, doch an ihm festhält. Er kann nicht fortbestehen in diesem Zustand, denn, wenn er ihn nicht findet, Gott nicht sieht, würde der Mensch sterben; doch, indem der Wille sich selbst solcherart behauptet, ist der Mensch vom Tod ins Leben übergegangen, und das Schauen ist nahe. Erst dann, auf diese Weise frei, auf diese Weise seine Freiheit behauptend, ist der einzelne Wille eins mit dem Willen Gottes; das Kind ist endlich wieder mit dem Vater vereint; Kindschaft und Vaterschaft begegnen sich in eins; die Bruderschaft des Menschengeschlechts erhebt sich aus dem Staub; und das Gebet unseres Herrn ist beantwortet „Ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen seien in eins.“[10] Lasst uns also in Gott-geborener Stärke erheben, jedes Mal, wenn wir fühlen, dass die Dunkelheit uns umschließt oder wir gewahr werden, dass sie sich um uns geschlossen hat, und sagen „Ich bin aus dem Licht und nicht aus der Finsternis.“[11]
Betrübte Seele, du bist nicht verpflichtet zu fühlen, doch du bist verpflichtet, dich zu erheben. Gott liebt dich, ob du es fühlst oder nicht. Du kannst nicht lieben, wann du willst, doch du bist dazu verpflichtet, den Hass in dir bis zum Letzten zu bekämpfen. Versuch nicht, dich gut zu fühlen, wenn du nicht gut bist, doch schrei zu Ihm, der gut ist. Er ändert sich nicht, weil du dich änderst. Nein, er ist von einer ausnehmenden Zärtlichkeit der Liebe gegen dich, daher dass du in der Finsternis bist und kein Licht hast, und sein Herz ist froh, wenn du dich erhebst und sagst „Ich will zu meinem Vater gehen.“[12] Denn er sieht dich durch all die Trübnis, durch welche du ihn nicht sehen kannst. Wolle seinen Willen. Sage zu ihm: „Mein Gott, ich bin sehr abgestumpft und gemein und hartherzig; doch du bist weise und erhaben und sanft, und du bist mein Gott. Ich bin dein Kind. Verlass mich nicht.“ Dann lege die Hände deines Glaubens ineinander und warte in der Stille, bis das Licht in deiner Finsternis aufgeht. Lege die Hände deines Glaubens ineinander, sage ich, nicht die deiner Tätigkeit: bedenke etwas, das du tun solltest und geh und tue es, selbst wenn es nur das Auskehren eines Raumes ist oder die Zubereitung eines Essens oder der Besuch bei einem Freund. Beachte nicht deine Gefühle: Tu deine Arbeit.
Wie Gott durch seinen eigenen Willen lebt und wir in ihm leben, so hat er uns selbst Kraft des Willens gegeben. Wieviel besser würden wir fahren, wenn wir, sobald wir bemerken, dass wir dastehen, mit unseren Köpfen dem Guten abgeneigt, sobald wir bemerken, dass wir nicht einmal eine schwache Neigung haben, die Quelle unseres Lebens zu suchen, wir doch aufwärts wollen sollten hin zu Gott, den Kern des Lebens in uns aufzuwecken, welchen er uns aus seinem eigenen Herzen gegeben hat, wieder zu dem zu rufen, welcher unser Leben ist, welcher das leerste Herz füllen kann, das abgestorbenste Gewissen aufwecken, das abgestumpfteste Gefühl beleben und den schwächsten Willen stärken!
Dann, wenn je die Zeit kommt, wie sie vielleicht zu jedem von uns kommen muss, da alles Bewusstsein von Wohlbefinden verschwunden ist, da die Erde nichts als eine unfruchtbare Ebene sein wird und die Himmel nichts als eine trübe und verpestete Ansammlung von Dämpfen sein werden, da weder Mann noch Frau uns mehr erfreuen können, weh, da Gott selbst nichts als ein Name sein wird und Jesus nichts als eine alte Geschichte, dann, selbst dann, wenn ein Tod weit schlimmer als „dieser Schatten grausiger Knochen“[13] unsere Herzen ergreift, und nachdem er Liebe, Hoffnung, Glauben erschlagen hat, uns die Existenz nur noch in Agonie aufdrängt, dann, selbst dann, werden wir in der Lage sein, mit unserem Herrn zu schreien „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Noch werden wir dann sterben, denke ich, ohne in der Lage zu sein, ebenso seine letzten Worte aufzunehmen und sagen „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“
[*] In den Evangelien wird der Ausruf Jesu „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ nicht auf Griechisch wiedergegeben, sondern in der Muttersprache Jesu, Aramäisch: „Eloi eloi lema sabachthani“ Eloi steht für das hebräische Elohim, eine Bezeichnung für Gott. Das „i“ am Ende kann grammatikalisch auf „mein“ hinweisen – daher „Mein Gott“. Eigentlich ein Zitat des 22. Psalms, den Jesus im Sterben am Kreuz betet.
[1] Johannes 20,25 – Auch nach der Auferstehung sind die Spuren der Kreuzigung an Jesu Leib sichtbar.
[2] Der Begriff „Brüder“ (orig. „brethren“) umfasst sowohl Männer als auch Frauen – meint Geschwister.
[3] Epheser 3,18
[4] Original “Captain-Brother“ – im Sinne von Anführer und Kampfgefährte zugleich.
[5] Matthäus 27,50
[6] Johannes 17,21
[7] Matthäus 26,39 / Markus 14,35-36
[8] Johannes 20,28
[9] Matthäus 11,7 / Lukas 7,24
[10] Johannes 17,23
[11] 1. Thessalonicher 5,15
[12] Lukas 15,18
[13] Original: „that phantom of grisly bone“- Zitat aus dem Gedicht „The Song of the Shirt“ von Thomas Hood (1799–1845). Das Gedicht handelt von den unwürdigen Arbeitsbedingungen und armseligen Lebensumständen einer Näherin. Die Textzeile über die Gestalt des Todes trägt das Bild von Elend, Hunger und Entbehrung in sich, wie sie während der Industrialisierung einer Masse an Männern und Frauen der unteren Bevölkerungsschichten zu Teil wurden.
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