Übersetzung Unspoken Sermons I von George MacDonald – Kapitel 9: Die Hände des Vaters

Die Hände des Vaters

   „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Lukas 23, 46

   Weder Matthäus noch Markus berichten uns von irgendwelchen Worten, die unser Herr nach dem Eloi äußerte. Sie beide berichten uns, gemeinsam mit Lukas, von einem Schrei mit lauter Stimme und dem Aufgeben des Geistes;[1] zwischen jenem Schrei und dem Geistaufgeben verzeichnet Lukas die Worte „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Lukas sagt nichts von dem Gebet des Eloi der Verlassenheit. Johannes verzeichnet weder das Eloi, noch das Vater, in deine Hände, noch den lauten Schrei. Er berichtet uns nur, dass Jesus, nachdem er den Essig empfangen hatte, sagte „Es ist vollbracht“ und sein Haupt beugte und seinen Geist aufgab.[2]

   Wird der Herr uns jemals sagen, warum er so schrie? War es der Schrei der Erleichterung bei der Berührung des Todes? War es der Schrei des Sieges? War es der Schrei der Freude, dass er ausgehalten hatte bis zum Ende? Oder hat der Vater nach ihm gesehen in Antwort auf sein Mein Gott und die Seligkeit dessen ließ ihn laut schreien, weil er nicht lächeln konnte? War sein Zustand nun solcherart, dass die größte Freude im Weltenall sich nur in einem lauten Schrei ausdrücken konnte? Oder war es nur das letzte Reißen des Schmerzes, ehe die letztendliche Ruhe einkehrte? Es mag alles in einem gewesen sein. Doch gewiss kann niemals in allen Büchern, in allen Worten denkender Menschen so viel ausgedrückt werden, wie unausgesprochen in diesem Schrei des Sohnes Gottes lag. Nun hatte er seinen Vater nicht mehr nur allein zum Herrn der Schöpfermacht und Liebe gemacht, sondern auch zum Herrn der rechten Anbetung und tätigen Liebe. Nun sollten innere Sohnschaft und der Geist des freudigen Opfers in den Herzen der Menschen geboren werden; denn der göttliche Gehorsam wurde vervollkommnet im Leiden. Er ist unter seinen Brüdern gewesen, was er wollte, dass seine Brüder es seien. Er hatte für sie getan, was er wollte, dass sie es für Gott und füreinander tun. Gott war hinfort in ihnen und unter ihnen, als auch um sie herum und über ihnen, mit ihnen und für sie leidend, alles gebend, was er hatte, sein ganzes Lebendig-sein, das Grundlegende seiner Existenz, das Beste gebend, wie er lieben konnte, das Beste gebend, was er war. Er ist unter ihnen gewesen, ihr Gott-Bruder. Und die gewaltige Geschichte endet mit einem Schrei.

   Also bedeutete der Schrei Es ist vollbracht; der Schrei bedeutete Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Der erhabenste menschliche Akt ist nur ein Zurückgeben an Gott von dem, was er uns zuerst gab. „Du, Gott, hast mir gegeben: hier hast du deine Gabe zurück. Ich sende meinen Geist heim.“ Jeder Akt der Anbetung ist ein Emporhalten zu Gott von dem, wozu Gott uns gemacht hat. „Hier, Herr, schau, was ich habe: fühle mit mir in dem, wozu du mich gemacht hast, in dieser, deiner eigenen Großzügigkeit, meinem Sein. Ich bin dein Kind und weiß nicht, wie dir danken, es sei denn im Emporheben des Heb-Opfers des Überfließens deines Lebens und in dem lauten Ruf ´Es ist dein: daher ist es mein. Ich bin dein und deshalb bin ich mein´.“ Die ausgedehnten Läufe sowohl der geistlichen als auch der leiblichen Welt sind schlicht eine Rückkehr zur Quelle.

   Die letzte Handlung unseres Herrn, indem er am Ende seines Lebens solcherart seinen Geist befahl, war nur eine Zusammenfassung von dem, was er sein ganzes Leben hindurch getan hatte. Er hat sein Opfer dargebracht, das Opfer seiner selbst, all die Jahre, und auf diese Weise sich opfernd hat er das göttliche Leben gelebt. Jeden Morgen, wenn er hinausging, ehe es Tag war, jeden Abend, wenn er auf dem nachtverhüllten Berge weilte, nachdem seine Freunde gegangen waren, gab er sich selbst seinem Vater in der Gemeinschaft  liebevoller Worte, erhabener Gedanken, sprachloser Empfindungen; und dazwischen wandte er sich, dasselbe zu tun im Wirken, das heißt, in liebevollen Worten, in helfenden Gedanken, in heilenden Handlungen gegen seine Mitmenschen; denn die Weise Gott anzubeten, während das Tageslicht währt, ist, zu arbeiten; der Gottesdienst, der einzig „göttliche Dienst“, ist, unseren Mitmenschen zu helfen.

   Ich versuche nicht, dieses Befehlen unserer Geister an den Vater als eine Pflicht herauszustellen: das bedeutet, das höchste Privileg, das wir besitzen, in eine drückende Last, die zu tragen ist, zu verwandeln. Doch ich will aufzeigen, dass es die einfachste, seligste Sache in der menschlichen Welt ist.

   Denn das Menschliche Dasein mag solcherart bei sich selbst sagen: „Werde ich schlafen – das Bewusstsein zu verlieren – um hilflos zu sein für eine Zeit – gedankenlos – tot? Oder, eine noch schrecklichere Vorstellung, in den Träumen, die kommen mögen, mag ich da nicht willensschwach und bewusstseinstrüb sein? – Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Ich gebe mich selbst dir zurück. Nimm mich, bring mich zur Ruhe, erfrische mich, ´mach mich wieder neu´. Werde ich hinausgehen in das Geschäft und den Trubel des Tages, wo so viele Versuchungen kommen mögen, weniger ehrenhaft, weniger treu, weniger freundlich, weniger eifrig zu handeln, als der Ideale Mensch wollte, dass ich tun soll? – Vater, in deine Hände. Werde ich eine gute Tat vollbringen? Dann, vor allen Dingen, – Vater, in deine Hände; damit nicht der Feind mich erhasche. Werde ich eine harte Pflicht erfüllen, von welcher ich mich glücklich abwenden wollte, – die Bitte eines Freundes abzulehnen, eines Nächsten Gewissen zu ermahnen? – Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Bin ich in Schmerzen? Kommt Krankheit über mich, die glückliche Anschauung eines gesunden Verstandes auszulöschen und mir solche zu bringen, die beunruhigend und unwahr ist? – Nimm meinen Geist, Herr, und sieh zu, wie du willst, dass er nicht mehr zu tragen hat, als er tragen kann. Werde ich sterben? Du weißt, wenn auch nur durch den Schrei deines Sohnes, wie schrecklich das ist; und wenn es nicht in solch einer furchtbaren Gestalt über mich kommt, wie es über ihn kam, denke daran, wie gering ich neben ihm bin, das zu tragen. Ich weiß nicht, was der Kampf bedeutet; denn, von den Tausenden, welche jeden Tag da hindurchmüssen, klärt keiner seinen Nächsten auf, den er zurücklässt; doch werde ich nicht in Agonie nach einem Zug deiner Luft verlangen und sie nicht empfangen? Werde ich nicht auseinandergerissen werden im Sterben? – Ich werde nicht weiter fragen: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Denn es ist deine Angelegenheit, nicht meine. Du wirst jede Schattierung meines Leidens kennen; du wirst für mich sorgen in deiner vollkommenen Vaterschaft; denn das bewirkt meine Sohnschaft, hüllt es ein und umhüllt es. Als ein Kind konnte ich große Schmerzen ertragen, wenn mein Vater sich über mich beugte oder seinen Arm um mich legte: wieviel näher können nicht deine Hände meiner Seele kommen! – Ja, mit einem Trost, mein Vater, den ich mir noch nie vorstellte, denn wie soll meine Vorstellungskraft dein eiliges Herz überholen? Ich kümmere mich nicht um den Schmerz, solange mein Geist stark ist und in deine Hände befehle ich diesen Geist. Wenn deine Liebe, welche besser ist als das Leben, ihn empfängt, dann wird gewiss deine Zärtlichkeit ihn groß machen.“

   Dies mag das Menschliche Dasein bei sich selbst sagen.

   Denkt nur, Brüder, denkt nur, Schwestern, wir wandeln in der Luft einer ewigen Vaterschaft. Jedes Erheben des Herzens ist ein Aufschauen zu dem Vater. Güte und Wahrheit sind um uns, über uns, unter uns, ja, in uns.[3] Wenn wir am unwürdigsten sind, am meisten versucht, am härtesten, am unfreundlichsten, dann lasst uns doch unseren Geist in seine Hände befehlen. Wohin sonst sollten wir ihn schicken? Wie ein irdischer Vater ein Kind lieben würde, welches in seinen Raum schliche mit zornigem, bekümmertem Gesicht und sich zu seinen Füßen setzt und sagt, wenn es gefragt wird, was es denn wolle: „Ich fühle mich so ungezogen, Papa, und ich will gut werden!“ Würde er zu seinem Kind sagen: „Wie kannst du es wagen! Geh hinaus und sei gut und dann komm zu mir!“? Und sollten wir wagen zu denken, dass Gott uns fortschicken würde, wenn wir solcherart zu ihm kämen, und es ihm nicht gefallen würde, dass wir kämen, selbst wenn wir zornig wären wie Jona?[4] Würden wir nicht alle Zärtlichkeit unserer Natur über solch einem Kind ausgießen? Und sollten wir wagen zu denken, dass, wenn wir, die wir böse sind, wissen, wie wir unseren Kindern gute Gaben geben können, Gott uns nicht seinen eigenen Geist geben würde, wenn wir kommen, um ihn zu fragen?[5] Wird nicht himmlischer Tau sich kühl auf den heißen Zorn legen? Warmherziger Regentropfen auf trockene Selbstsucht? Sonnenstrahl auf bewölkte Hoffnungslosigkeit? Brot, zumindest, wird gegeben werden, und kein Stein;[6] Wasser, zumindest, ganz gewiss, und nicht Essig vermischt mit Galle.[7]

   Noch gibt es irgendetwas, das wir für uns selbst erbitten können, was wir nicht für einen anderen erbitten mögen. Wir dürfen jeden Bruder, jede Schwester der gemeinsamen Vaterschaft anbefehlen. Und es wird Augenblicke geben, wenn, erfüllt mit diesem Geist, welcher der Herr ist, nichts unsere Herzen von ihrer Liebe erleichtern wird, als alle Menschen, all unsere Brüder, all unsere Schwestern dem einen Vater anzubefehlen. Noch werden wir jemals diese Ruhe in der Hand des Vaters kennen, diese Ruhe des Heiligen Grabes, welche der Herr kannte, als die Agonie des Todes vorüber war, als der Sturm der Welt hinter seinem aufgegebenen Geist erstarb, und er in die Regionen eintrat, wo nur Leben ist, und deshalb alles, was nicht Musik ist, Stille ist (denn aller Lärm kommt aus der Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod) – wir werden nie in der Lage sein, sage ich, am Busen des Vaters zu ruhen, bis die Vaterschaft uns vollkommen in der Liebe der Brüder offenbart ist. Denn er kann nicht unser Vater sein, es sei denn er ist ihr Vater; und wenn wir ihn nicht als ihren Vater erkennen und fühlen, können wir ihn nicht als unseren kennen. Niemals werden wir ihn recht kennen, bis wir jubeln und frohlocken für unser Geschlecht, dass er der Vater ist. Er, der nicht liebt seinen Bruder, welchen er sieht, wie kann er Gott lieben, welchen er nicht sieht?[8] Um zuletzt selbst, sage ich, in eben diesen Händen zu ruhen, in welche der Herr seinen Geist befahl, müssen wir bereits gelernt haben, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.


[1] Matthäus 27,50 / Markus 15,37

[2] Johannes 19,30

[3] Epheser 5,9

[4] Der Prophet Jona verkündete den Untergang Ninives. Als der Untergang nicht eintraf, weil die Bevölkerung der Stadt Buße tat und Gott sie deshalb verschonte, war Jona verärgert über Gottes Barmherzigkeit. (Siehe insbesondere Jona 4)

[5] Lukas 11,13

[6] Matthäus 7,9

[7] Matthäus 27,48 / Markus 15,36 / Lukas 23,36 / Johannes 19,29

[8] 1. Brief des Johannes 4,20