Übersetzung Unspoken Sermons I von George MacDonald – Kapitel 10: Liebe deinen Nächsten

Liebe deinen Nächsten

   „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Matthäus 22, 39

   Das Original, das hier von unserem Herrn zitiert wird, findet sich in den Worten Gottes an Mose (Levitikus 19, 18). „Du sollst nicht rachgierig sein noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn ich bin der Herr.“[1] Unser Herr dachte nie daran, originell zu sein. Je älter das Wort, desto besser, wenn es die Wahrheit äußert, die er äußern will. In ihm wird es Tatsache: Das Wort wurde Fleisch.[2] Und so, in der wundersamen Begegnung der Extreme, waren die Worte, die er sprach, nicht mehr Worte, sondern Geist und Leben.[3]

   Dieselben Worte werden zweimal durch Paulus zitiert und ein weiteres Mal durch Jakobus,[4] immer in einer ähnlichen Weise: Sie stellen Liebe dar als die Erfüllung des Gesetzes.

   Ist das Gegenteil dann wahr? Ist das Erfüllen des Gesetzes Liebe? Der Apostel Paulus sagt: „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“[5] Folgt daraus, dass nichts Böses tun Liebe ist? Liebe wird das Gesetz erfüllen: wird das Gesetz die Liebe erfüllen? Nein, wahrhaftig. Wenn ein Mensch das Gesetz hält, weiß ich, dass er ein Liebender seines Nächsten ist. Doch er ist nicht ein Liebender, weil er das Gesetz hält: er hält das Gesetz, weil er ein Liebender ist. Kein Herz wird mit dem Gesetz anstelle der Liebe zufrieden sein. Das Gesetz kann nicht die Liebe erfüllen.

   „Doch zumindest wird das Gesetz dazu in der Lage sein, sich selbst zu erfüllen, obwohl es nicht die Liebe erreicht.“

   Ich glaube das nicht. Ich bin sicher, dass es unmöglich ist, das Gesetz gegen den Nächsten zu erfüllen, es sei denn, man liebt ihn. Das Gesetz selbst ist unendlich, bis zu solchen Feinheiten des Handelns reichend, dass der Mensch, welcher es am meisten versucht, der Mensch sein wird, der sich am meisten des Versagens bewusst ist. Wir sind nicht für das Gesetz gemacht, sondern für die Liebe. Liebe ist Gesetz, weil sie unendlich viel mehr als Gesetz ist. Sie ist aus einem insgesamt höheren Bereich als das Gesetz – ist, tatsächlich, der Schöpfer des Gesetzes. Wäre es nicht um der Liebe willen gewesen, wäre nicht eines der Du-sollst-nicht geäußert worden.[6] Wahrhaftig, einmal geäußert, erzeigten sie sich selbst in der Form von Gerechtigkeit, ja, selbst in den unterlegenen und weltlichen Formen der Umsicht und Selbsterhaltung; doch es war Liebe, die sie zuerst sprach. Wäre da keine Liebe in uns, welchen Sinn für Gerechtigkeit könnten wir haben? Wäre nicht jeder mit dem Sinn seiner eigenen Bedürfnisse angefüllt und für immer auf sich selbst bezogen? Ich sage nicht, dass es bewusste Liebe ist, die Gerechtigkeit gebiert, doch ich sage, dass ohne Liebe in unserer Natur die Gerechtigkeit niemals geboren worden wäre. Denn ich nenne nicht das Gerechtigkeit, welches nur im Sinn unserer eigenen Rechte besteht. Wahrhaftig, es gibt niedere und welke Formen der Liebe, welche jetzt unermesslich weit unter der Gerechtigkeit stehen; doch selbst jetzt sind sie von unaussprechlichem Wert, denn sie werden heranwachsen zu dem, welches die Gerechtigkeit notwendigerweise übertreffen wird.

   Von welchem Nutzen ist also das Gesetz? Uns zu Christus zu führen, der Wahrheit – in unserem Geist einen Sinn von dem zu wecken, was unsere tiefste Natur, die Gegenwart, nämlich, von Gott in uns, von uns verlangt – uns wissen zu lassen, zum Teil durch Versagen, dass das reinste Bemühen des Willens, dessen wir fähig sind, uns nicht einmal dazu erheben kann, von dem Bösen unserem Nächsten gegenüber zurückzustehen.[7] Welcher Mensch, zum Beispiel, der nicht seinen Nächsten liebt und doch wünscht, das Gesetz zu halten, wird wagen, zuversichtlich zu sein, dass er niemals durch Worte, Blicke, Tonlage, Gesten, Schweigen falsches Zeugnis gegen diesen Nächsten ablegen wird? Welcher Mensch kann seinen Nächsten recht richten, es sei denn der, dessen Liebe es ihn ablehnen lässt, ihn zu richten? Deshalb ist uns gesagt, zu lieben und nicht zu richten.[8] Es ist die einzige Gerechtigkeit, zu welcher wir fähig sind, und vervollkommnet wird sie alle Gerechtigkeit einschließen. Nein, mehr noch, unserem Nächsten Liebe zu verweigern, bedeutet, ihm das größte Übel anzutun. Doch davon später. Um das allgemeinste Gesetz zu erfüllen, wiederhole ich, müssen wir insgesamt in einen erhabeneren Bereich aufsteigen, ein Bereich, der über dem Gesetz ist, weil er Geist und Leben ist und das Gesetz erschafft: um das Gesetz unserem Nächsten gegenüber zu halten, müssen wir unseren Nächsten lieben. Wir sind nicht gemacht für das Gesetz, sondern für die Gnade – oder für den Glauben, um ein anderes, so oft missbrauchtes Wort zu gebrauchen. Wir sind insgesamt nach einem zu großen Maßstab angelegt, um irgendein reines Verhältnis zu bloßer Gerechtigkeit zu haben, wenn wir tatsächlich sagen können, dass es solch eine Sache gibt. Es ist nur eine abstrakte Idee, welche, in Wirklichkeit, nicht abstrahiert wird. Das Gesetz kommt, um uns nach der nötigen Gnade verlangen zu lassen, – das heißt, nach dem göttlichen Zustand, in welchem Liebe alles ist, denn Gott ist Liebe.[9]

   Obwohl das Erfüllen des Gesetzes die praktische Form ist, die Liebe annehmen wird, und die Vernachlässigung dessen die Überführung von Lieblosigkeit ist; obwohl es die Art ist, in welcher eines Menschen Wille sofort beginnen muss, Liebe zu dem Nächsten zu sein, meinte doch unser Herr dies mit der Liebe zu unserem Nächsten; nicht das Erfüllen des Gesetzes gegen ihn, sondern dieser Zustand des Seins, welcher das Erfüllen des Gesetzes und mehr zum Ergebnis hat, was hinreichend deutlich ist in seiner Geschichte vom guten Samariter.[10] „Wer ist mein Nächster?“, fragt der Schriftgelehrte. Und der Herr lehrte ihn, dass jedermann, für welchen er irgendetwas sein oder für welchen er irgendetwas tun könnte, sein Nächster wäre, deshalb, dass jeder unseres Geschlechts, wie er in die Reichweite eines Fühlers unserer Natur kommt, unser Nächster ist. Welches der Verbote des Gesetzes ist in der Geschichte beleuchtet? Nicht eines. Die Liebe, die mehr ist als das Gesetz, und seinen Bruch als unmöglich zeichnet, lebt in der endlosen Geschichte, kommt hervor als tätige Freundlichkeit, das heißt, im Erkennen der Verwandtschaft, der gleichen Art, der Nähe, der Nächstenschaft;[11] ja, in Zärtlichkeit und liebender Freundlichkeit – das Samariter-Herz dem Juden-Herz verwandt, die Samaritanischen Hände Nächste den Jüdischen Wunden.

   Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

   So unmittelbar und vollständig ist dieses Gleichnis unseres Herrn, dass man sich beinahe schämt, weiter darüber zu reden. Stellt euch vor, ein Mensch von den damals Dabeistehenden hätte dieselbe Frage an unseren Herrn gerichtet, die wir hier bedacht haben, und hätte gesagt: „Aber ich kann das Gesetz halten und meinen Nächsten doch nicht lieben.“, würde er nicht entgegnet haben: „Halte auf diese Weise das Gesetz, nicht im Buchstaben, sondern im Geist, das heißt, in der Wahrheit des Handelns, und du wirst bald finden, Oh Jude, dass du deinen Samariter liebst.“? Und doch, wenn Gedanken und Fragen in unserem Geist auftauchen, verlangt er danach, dass wir ihnen folgen. Er wird uns nicht mit einem abweisend geäußerten Wort himmlischer Weisheit daran hindern. Er weiß, dass nicht einmal seine Worte jeder Frage der willigen Seele entsprechen; und wir wissen, dass sein Geist antworten wird. Wenn wir mehr wissen wollen, wird dieses Mehr für uns da sein. Nicht jeder Mensch, zum Beispiel, findet seinen Nächsten in Hilfsbedürftigkeit und er würde gern die langsamen Ergebnisse von Gelegenheiten durch wahrhaftiges Denken beschleunigen. Solcherart wären wir bereit für weitere Lehre durch diesen Geist, welcher der Herr ist.

   „Doch wie“, fragt ein Mensch, welcher willens ist, die allumfassende Nächstenschaft zu erkennen, doch sich selbst nicht in der Lage findet, das bloße Gesetz auch nur gegen die Frau, welche er am meisten liebt, zu erfüllen, – „Wie kann ich also in diesen höheren Bereich aufsteigen, dieses Empyreum der Liebe?“[12] Und wie er geradewegs versucht zu beginnen, seinen Nächsten zu lieben, findet er, dass dieses Empyreum, von welchem er sprach, in sich selbst genauso wenig zu erreichen ist wie das Gesetz in sich selbst zu erreichen war. Wie er das Gesetz nicht halten kann, ohne zuerst zur Liebe zu seinem Nächsten aufzustehen, so kann er seinen Nächsten nicht lieben, ohne zuerst noch höher aufzusteigen. Die ganze Ordnung des Weltenalls wirkt nach diesem Gesetz – das Vorantreiben der Dinge nach oben hin zur Mitte. Der Mensch, welcher seinen Nächsten lieben will, kann durch keine unmittelbare Übung des Willens so handeln. Es ist der Mensch, erfüllt von Gott, von welchem er kam und durch welchen er ist, der allein seinen Nächsten, der auch von Gott kam und durch Gott ist, lieben kann wie sich selbst. Das Geheimnis der Individualität und daraus folgender Beziehung ist so tief wie die Anfänge der Menschheit, und die Fragen, daraus entspringend, können nur durch ihn gelöst werden, welcher eigentlich, zuletzt, die heiligen Notwendigkeiten, die aus diesem Ursprung folgen, erfüllt hat. In Gott allein kann der Mensch dem Menschen begegnen. In ihm allein berühren und behindern sich nicht die aufeinander zulaufenden Linien des Daseins. Wenn der Sinn Christi,[13] das Leben des Hauptes, durch dieses kleinste Teilchen fährt, welches der Mensch in dem langsam erwachenden Leib ist, wenn er auch lebendig ist, dann ist die Liebe zu den Brüdern als bewusstes Leben da. Von Christus durch die Nächsten kommt das Leben, das ihn zu einem Teil des Leibes macht.

   Es ist möglich, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Unser Herr sprach niemals in übertriebener Weise, obwohl es tatsächlich die Annahme ist, nach welcher viele unbewusst seine Worte auslegen, um dazu in der Lage zu sein, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie sie glauben. Wir können sehen, dass es möglich ist, ehe wir dahin kommen; denn unsere Auffassungen von der Wahrheit sind unserem Zustand immer voraus. Wahrhaftig, kein Mensch kann es vollkommen sehen, bis er es ist; doch wir müssen es sehen, damit wir es sein können. Ein Mensch, welcher weiß, dass er seinen Nächsten noch nicht liebt wie sich selbst, mag an einen solchen Zustand glauben, mag sogar sehen, dass es da kein anderes Ziel der menschlichen Vollkommenheit gibt, nichts anderes, wohin das Weltenall strebt, vorangetrieben durch den Willen des Vaters. Lasst ihn sich weiter mühen und nicht matt werden bei dem Gedanken, dass Gottes Tag tausend Jahre währt: sein Jahrtausend ist ebenso ein Tag[14] – ja, dieser Tag, denn wir haben ihn, Die Liebe, in uns, gerade jetzt auf das ferne Ziel hinwirkend.

   Doch während es wahr ist, dass ein Mensch nur wenn er Gott von ganzem Herzen liebt, seinen Nächsten wie sich selbst lieben wird, gibt es doch vermischte Abläufe bei Erreichung dieses endgültigen Ergebnisses. Lasst uns versuchen, das Fortwirken der Wahrheit zu fördern, indem wir weiter vorausschauen. Lasst uns annehmen, dass der Mensch, welcher glaubt, dass unser Herr in beidem meinte, was er sagte, und die Wahrheit in dieser Angelegenheit wusste, fortfährt nach Gehorsam darin zu streben, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Er beginnt über seine Nächsten im Allgemeinen nachzudenken und versucht, Liebe für sie zu empfinden. Er findet sofort, dass sie anfangen sich zu unterteilen. Bei einigen empfindet er keine Schwierigkeit, denn er liebt sie bereits, nicht weil sie sind, sondern weil sie durch freundliche Merkmale, indem sie sich selbst als liebenswert erweisen, das heißt liebend, bereits seine Empfindungen bewegt haben, wie der Wind die Wasser bewegt, das heißt, ohne irgendeine selbst-erzeugte Handlung auf seiner Seite. Und er fühlt, dass dies nicht der eigentliche Punkt ist; obwohl er natürlich weiter vom ersehnten Ziel entfernt wäre, wenn er keine Solchen zu lieben hätte und noch weiter, wenn er Solche nicht lieben würde. Er erinnert die Worte unseres Herrn „Wenn du die liebst, welche dich lieben, welchen Lohn hast du?“[15] und sein Sinn richtet sich auf – lasst uns sagen – einen zweiter Klasse und er versucht, ihn zu lieben. Der Mensch ist kein Feind – wir sind noch nicht zu dieser Klasse von Nächsten gekommen – doch er ist langweilig, uninteressant – in einer negativen Art, denkt er, nicht liebenswert. Was soll er mit ihm tun? Mit all seinem Bemühen findet er das Ziel weiter entfernt als je zuvor.

   Natürlicherweise erhebt sich in seinem Versagen die Frage: „Ist es meine Pflicht, ihn zu lieben, welcher nicht liebenswert ist?“

   Sicherlich nicht, wenn er nicht liebenswert ist. Aber das ist ein Umgehen der Frage.

   Deshalb fällt der Mensch zurück auf den Urgrund der Dinge und fragt –

            „Wie also soll der Mensch von mir geliebt werden? Warum sollte ich meinen Nächsten lieben wie mich selbst?“

   Wir sollten nicht antworten „Weil der Herr es so sagt.“ Es ist aus diesem Grund, weil der Herr es so sagt, dass der Mensch nach Hilfe sucht, um zu gehorchen. Kein Mensch kann seinen Nächsten lieben, bloß weil der Herr es so sagt. Der Herr sagt es so, weil es richtig und notwendig und natürlich ist, und der Mensch will es solcherart richtig und notwendig und natürlich fühlen. Obwohl der Herr Gefallen an jedem Menschen hätte, der etwas tut, weil er es sagte, würde er sein Wohlgefallen darin zeigen, indem er den Menschen mehr und mehr unzufrieden macht, bis er wüsste, warum der Herr es sagte. Er würde ihn sehend machen, dass er nicht im tiefsten Sinne – in der Art wie der Herr liebt – irgendein Gebot befolgen kann, bis er die Sinnhaftigkeit dessen einsähe. Beachtet, dass ich nicht sage, der Mensch soll das Befolgen des Gebotes sein lassen, bis er seine Sinnhaftigkeit einsieht: das ist eine ganz andere Sache und liegt nicht im Bereich meiner gegenwärtigen Annahme. Es ist eine schöne Sache, der rechten Quelle eines Gebotes zu gehorchen: es ist eine noch viel schönere Sache, die leuchtende Quelle unseres Lichtes anzubeten, und es ist um des gehorsamen Schauens willen, dass unser Herr es uns gebietet. Denn dann begegnen unsere Herzen dem seinen: wir sehen Gott.

   Lasst mich in Form einer Unterhaltung zeigen, was im Sinn des Menschen über die entgegengesetzten Seiten der Frage vor sich geht. – 

   „Warum sollte ich meinen Nächsten lieben?“

   „Er ist wie ich und deshalb sollte ich ihn lieben.“

   „Warum? Ich bin ich. Er ist er.“

   „Er hat dieselben Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Sorgen, Freuden wie ich.“

   „Ja; doch warum sollte ich ihn dafür lieben? Er muss sich um seine Angelegenheiten kümmern, ich kann mich nur um meine kümmern.“

   „Er hat dasselbe Bewusstsein wie ich es habe. Wie die Dinge für mich aussehen, so sehen sie für ihn aus.“

   „Ja; doch ich kann nicht in sein Bewusstsein gelangen, noch er in meines. Ich fühle mich selbst, ich fühle nicht ihn. Mein Leben fließt durch meine Venen, nicht durch seine. Die Welt scheint in mein Bewusstsein und ich bin mir seines Bewusstseins nicht bewusst. Ich wünschte, ich könnte ihn lieben, doch ich sehe nicht, warum. Ich bin ein Einzelwesen; er ist ein Einzelwesen. Mein Selbst muss mir näher sein als er es sein kann. Zwei Körper trennen mich von seinem Selbst. Ich bin isoliert bei mir selbst.“

   Nun, hier liegt zuletzt der Fehler. Während der Denkende eine Dualität in sich selbst annimmt, welche nicht existiert, beurteilt er die Individualität fälschlich als Trennung. Im Gegenteil ist es die einzige Möglichkeit und das eigentliche Band der Liebe. Andersartigkeit ist die wesentliche Bedingung der Zuneigung. Doch in geistlichen Dingen ist solch ein Einssein im Nachsinnen über sie durch den Geist des Menschen vorangenommen, dass, wo immer etwas nicht existiert, was da sein sollte, der Raum, den es einnehmen sollte, selbst wenn er nur eine Lücke ist, das Auftauchen einer trennenden Kluft vermutet. Das Negative erscheint als ein Positives. Wo ein Mensch nicht liebt, muss das Nicht-lieben vernünftig erscheinen. Denn niemand liebt, weil er sieht, warum, sondern weil er liebt. Keine menschliche Begründung kann angegeben werden für die höchste Notwendigkeit des göttlich erschaffenen Daseins. Denn Begründungen erfolgen immer von oben her nach unterwärts. Ein Mensch muss nur diese Notwendigkeit fühlen und also ist das Fragen vorüber. Es rechtfertigt sich selbst. Doch der, welcher es nicht gefühlt hat, kann es nicht erörtern. Er hat nur sein Trugbild, welches er selbst erschaffen hat im nichtigen Bemühen zu verstehen, und von welchem er annimmt, dass es diese Sache ist. Über Liebe kann nicht in ihrer Abwesenheit erörtert werden, denn da ist keine Wiederspiegelung, kein Sinnbild, das ihrer Tatsache nahe genug kommt, um gerechte Behandlung durch die Berechnungen des Verstandes oder der Vorstellungskraft zu erlauben. Tatsächlich richtet das bloße Reden darüber einen Nebel zwischen dem Geist und der Anschauung von ihr auf. Doch lasst einen Menschen einmal lieben und all diese Schwierigkeiten, welche als der Liebe entgegengesetzt erschienen, werden gerade umso mehr Argumente für das Lieben sein.

   Lasst einen Menschen einmal einen anderen finden, welcher unter die Räuber gefallen ist; lasst ihn einen Nächsten für ihn sein, Öl und Wein in seine Wunden gießen, sie verbinden und ihn auf sein eigenes Lasttier setzen und für ihn im Gasthaus bezahlen; lasst ihn all das tun aus bloßem Pflichtbewusstsein; lasst ihn gar, im Stolz seiner eingebildeten und in Ignoranz seiner wahren Berufung, kein Jota auf seine Jüdische Überlegenheit geben; lasst ihn sich auf den Grund seiner eigenen, niedersten Natur herablassen; dennoch wird solcherart die Tugend des Gehorsams gegen eine ewige Wahrheit sein, selbst in diesem geringen Maß, das in die Tat umsetzend, was er nicht einmal in der Theorie eingesehen hat, die Wahrheit tuend, selbst ohne an sie zu glauben, dass, selbst wenn die Wahrheit nach der Tat nicht den schwächsten Schimmer als Wahrheit in dem Menschen gibt, er doch der Wahrheit Zeitalter näher sein wird als zuvor, denn er wird seines Weges gehen, diesen Samaritanischen Nächsten ein wenig mehr liebend, als seine Jüdische Würde es rechtfertigen wird.[16] Noch wird er die Vernünftigkeit dieses Handelns in Frage stellen, obwohl er sich nicht darum kümmern mag, irgendeine Logik auf seine Unterstützung zu verwenden. Wieviel mehr, wenn er ein Mensch wäre, welcher seinen Nächsten lieben würde, wenn er könnte, wird der höhere, nicht gesuchte Zustand im Handeln gefunden worden sein! Denn der Mensch ist ein Ganzes; und sobald er sich selbst eint durch gehorsames Handeln, tut sich die Wahrheit, die in ihm ist, ihm selbst kund, aus dem neuen Ganzen leuchtend. Denn sein Handeln ist seine Antwort auf die Absicht seines Schöpfers, sein persönlicher Anteil in der Schöpfung seiner selbst, sein Sich-beugen dem Alles in Allem, den Gezeiten, vor deren harmonischem, Welten-bildendem Leben sein ganzes Sein fürderhin offen liegt zur Durchdringung und Einverleibung. Wenn der Wille einmal anfängt aufzusteigen, wird er bald finden, dass Handeln dem Gefühl vorausgehen muss, auf dass der Mensch den Urgrund des Fühlens selbst erkennt.

   Für die, welche keine Autorität als Grund vortastenden Handelns erkennen, sollte ein Zweifel, eine Vermutung der Wahrheit, Grund genug sein, es zu versuchen.

   Die ganze Ordnung göttlicher Ausbildung, was die Beziehung von Mensch zu Mensch betrifft, hat zum Ziel, dass ein Mensch seinen Nächsten lieben sollte wie sich selbst. Es ist keine Lektion, die er für sich selbst lernen kann, oder eine Pflicht, deren Verbindlichkeit durch Argumentation erzeigt werden kann, nicht viel mehr als der Unterschied zwischen richtig und falsch zu anderen Bedingungen bestimmt werden kann als zu seinen eigenen. „Doch dieser Unterschied“, mag eingewendet werden, „erweist sich selbst jedem Verstand von selbst: er ist selbstverständlich; wohingegen das Lieben des Nächsten nicht als vorausgesetzte Wahrheit gesehen wird; so weit davon entfernt, dass die weitaus größere Zahl derjenigen, welche auf eine Ewigkeit der Seligkeit durch den, welcher sie lehrte, hoffen, nicht wirklich glauben, dass sie eine Wahrheit ist; sie glauben im Gegenteil, dass es die vorrangige Verpflichtung ist, sich um sich selbst zu kümmern und dabei das Vergessen des Nächsten zu riskieren.“

   Doch das Menschengeschlecht hat insoweit zumindest die Wahrnehmung von Richtig und Falsch gemein;[17] und deshalb werden die meisten Menschen so geboren, dass sie in der Lage sind, zu unterscheiden. Die Art hat noch nicht lange genug gelebt, dass ihre letzte Nachkommenschaft mit der Wahrnehmung der Wahrheit der Liebe des Nächsten geboren würde. Sie muss vom gegenwärtigen Einzelnen durch langes Einüben und Unterwerfung unter die Lebensschule erkannt werden. Und einmal erkannt, wird sie geglaubt.

   Die gesamte Einrichtung der menschlichen Gesellschaft existiert zu diesem ausdrücklichen Zweck, sage ich, die zwei Wahrheiten, durch welche der Mensch lebt, zu lehren, Liebe zu Gott und Liebe zum Menschen. Ich werde nichts weiter sagen über die Geheimnisse der elterlichen Beziehung, weil sie zu der Lehre der ersteren Wahrheit gehören, als dass wir in diese Welt kommen wie wir es tun, um zu der Liebe über uns aufzuschauen und in ihr ein Sinnbild zu sehen, gering und schwach, und doch das Beste, was wir haben oder empfangen können von der göttlichen Liebe.

   [[An dieser Stelle Fußnote des Autors: Es könnte in tieferer und wahrhaftigerer Art ausgedrückt werden, indem man sagt, dass Gott die menschlichen Angelegenheiten nach seinen Gedanken geschaffen hat, sie daher solcherart sind, dass sie die besten Lehrer der Liebe zu ihm und zum Nächsten sind. Dies ist eine unermesslich edlere und wahrhaftigere Art sie zu betrachten, als sie für ein Schema oder einen Plan, erfunden durch den göttlichen Intellekt, zu nehmen.]]

   Und Tausende mehr würden es leicht finden, Gott zu lieben, wenn sie nicht solch miserable Vorbilder von ihm in den selbstsüchtigen, triebgesteuerten, ziellosen, untreuen Wesen hätten, welche alles sind, was sie als Vater und Mutter haben, und welchen ihre Kinder nicht lieber sind als der Wurf einem gedankenlosen Damwild. Wovon ich jetzt reden will, in Bezug auf das zweite große Gebot, ist die Beziehung von Bruderschaft und Schwesternschaft. Warum kommt mein Bruder von demselben Vater und derselben Mutter? Warum schaue ich die Hilflosigkeit und das Zutrauen seiner Kindheit? Warum wird der Säugling auf das Knie des Kindes gelegt? Warum wachsen wir mit derselben Nahrung auf? Warum betrachten wir das Wunder des Sonnenuntergangs und das Geheimnis des wachsenden Mondes zusammen? Warum teilen wir ein Bett, nehmen an denselben Spielen teil und versuchen dieselben Abenteuer? Warum streiten wir, schwören Vergeltung und Schweigen und endlose Feindschaft und, nicht in der Lage, der Bruderschaft in uns zu widerstehen, fallen wir uns in die Arme und vergessen das alles innerhalb einer Stunde? Ist es nicht deshalb, damit Liebe zur Herrin über alles zwischen ihm und mir wächst? Ist es nicht deshalb, damit ich ihm gegenüber empfinde, wofür es keine Worte oder Gesten gibt es auszudrücken – eine Liebe nämlich, in welcher das göttliche Selbst hervorbricht in äußerster Selbstvergessenheit, um in der Betrachtung des Bruders zu leben – eine Liebe, die stärker ist als der Tod[18] – glücklich und stolz und zufrieden? Doch wenn Liebe dort aufhörte, was wäre das Ergebnis? Die eigene Zerstörung; Verlust der Bruderschaft. Er, welcher seinen Bruder nicht aus tieferen Gründen liebt als diese einer gemeinsamen Elternschaft, wird aufhören, ihn überhaupt zu lieben. Die Liebe, die nicht ihre Grenzen erweitert, das heißt, sich niemals ausbreitet und einschließt und vertieft, wird sich zusammenziehen, schrumpfen, verdorren, sterben. Ich hatte die Söhne meiner Mutter, dass ich die universale Bruderschaft lernen möge. Denn es gibt ein Band zwischen mir und dem allererbärmlichsten Lügner, der jemals für den Mord gestorben ist, den er nicht einmal gestehen wollte, ein Band, unendlich viel enger als das, welches nur daraus entspringt, ein und dieselben Vater und Mutter zu haben. Dass wir die Söhne und die Töchter Gottes sind, geboren aus seinem Herzen, die hervortretende Nachkommenschaft seiner Liebe, ist ein viel engeres Band als alle anderen Bande zusammen. Kein Mensch hat je sein Kind recht geliebt, welcher es nicht für sein Menschsein, für seine Göttlichkeit geliebt hat, bis hin zum Vergessen, dass es von ihm selbst abstammt. Der Sohn meiner Mutter ist tatsächlich mein Bruder genauso durch dieses großartigere und engere Band; doch wenn ich überhaupt dieses Band zwischen ihm und mir bemerke, bemerke ich es für meine ganze Art. Wahrhaftig, und Gott sei Dank! schließt das Größere nicht das Geringere aus; es macht all die schwächeren Bande stärker und wahrhaftiger, noch verbietet es, dass, wo alle Brüder sind, einige solche sein sollten, die uns besonders am Herzen liegen. Immer noch ist mein Bruder nach dem Fleisch mein erster Nächster, dass wir einander sehr nahe seien, ob wir es wollen oder nicht, während unsere Herzen zart sind, und wir auf diese Weise Bruderschaft lernen. Denn unsere Liebe zueinander ist nichts weiter als das Schlagen des Herzens der großen Bruderschaft und konnte nur vom ewigen Vater kommen, nicht von unseren Eltern. Dann erscheint mein zweiter Nächster und wer ist es? Mit wem auch immer ich in Berührung komme. Der, mit welchem ich irgendeinen Austausch habe, was auch immer für menschliche Verbindungen. Nicht nur der Mensch, mit welchem ich esse; nicht nur der Freund, mit welchem ich meine Gedanken teile; nicht nur der Mensch, welchen mein Mitleid aus einem Tümpel ziehen würde; sondern der Mensch, welcher meine Kleidung macht; der Mensch, welcher mein Buch druckt; der Mensch, welcher mich in seiner Kutsche fährt; der Mensch, welcher mich auf der Straße anbettelt, welchem ich, es mag sein, um der Bruderschaft willen, nichts geben darf; ja, selbst der Mensch, welcher sich zu mir herablässt. Bei allen und jedem gibt es eine Möglichkeit, den Teil eines Nächsten zu tun, wenn auch auf keine andere Weise, als aufrichtig zu reden, gerecht zu handeln und freundlich zu denken. Selbst diese Taten werden zu der Liebe verhelfen, welche aus der Gerechtigkeit geboren ist. Alles aufrichtige Handeln entspringt dem rechten Fühlen und lässt sein Wasser aufsteigen und fließen. Ein Mensch soll sich seinen Nächsten nicht aussuchen; er muss den Nächsten nehmen, den Gott ihm sendet. In ihm, wer immer er ist, liegt, verborgen oder offenbart, ein wunderschöner Bruder. Der Nächste ist gerade der Mensch, welcher dir in diesem Moment am nächsten ist, der Mensch, mit welchem irgendeine Angelegenheit dich in Verbindung gebracht hat.

   Auf diese Weise wird die Liebe sich ausbreiten und ausbreiten in weiteren und stärkeren Wellen, bis das gesamte menschliche Geschlecht für den Menschen heilig liebenswert ist. Trunk-süchtig, Laster-gebeugt, Stolz-aufgeblasen, Wohlstands-aufgequollen, Nichtigkeits-beschmutzt, werden sie doch Brüder sein, Schwestern sein, Gott-geborene Nächste. Jedes grob-gehauene Erscheinungsbild von Menschlichkeit wird auf lange Sicht genug sein, um den Menschen zu Ehrerbietung und Zuneigung zu bewegen. Es ist für einige härter, dies zu lernen, als für andere. Es gibt jene, deren erster Impuls immer ist, abzuwehren und nicht anzunehmen. Doch lernen mögen sie, und lernen müssen sie. Selbst jene mögen in dieser Gnade wachsen, bis ein unbekanntes Angesicht in ihnen ein Verlangen nach Zuneigung erwecken wird, bis hin zum Schmerz, weil es dafür keinen Ausdruck gibt und sie den Menschen nur Gott übergeben und still sein können.

   Und jetzt kommen all die Argumente hinzu, von welchen her der Mensch zuvor vergeblich versuchte, eine Treppe zu den sonnigen Höhen der Liebe zu bauen. „Ah, Bruder! Du hast eine Seele wie meine“, wird er sagen. „Aus deinen Augen schaust du und Sehen und Hören und Riechen besuchen deine Seele wie die meine, mit Erstaunen und zärtlichem Trost. Auch du liebst die Gesichter deiner Nächsten. Du wirst bedrückt durch deine Sorgen, aufgemuntert durch deine Freuden. Vielleicht weißt du nicht so gut wie ich, dass ein Bereich der Freude all deinen Kummer umgibt, Licht all deine Finsternis, Frieden all deine Unrast. Oh, mein Bruder! Ich will dich lieben. Ich kann dir nicht sehr nahekommen: umso mehr will ich dich lieben. Es mag sein, dass du deinen Nächsten nicht liebst; es mag sein, dass du nur daran denkst, wie du etwas von ihm bekommst, wie du Gewinn aus ihm ziehst. Wie einsam musst du dann sein! Wie gefangen in deiner Elends-befallenen Kammer, mit den blanken Wänden deiner Selbstsucht und dem harten Lager deiner Unzufriedenheit! Ich will dich umso mehr lieben. Du sollst nicht allein sein mit dir selbst. Du bist nicht ich; du bist ein anderes Leben – ein zweites Selbst; deshalb kann ich, werde ich und will ich dich lieben.“

   Wenn für einen Menschen einmal das menschliche Gesicht ein göttlich-menschliches Gesicht ist und die Hand seines Nächsten die Hand eines Bruders, dann wird er verstehen, was Paulus meinte, als er sagte „Ich wünschte, ich wäre verflucht von Christus fort um meiner Brüder willen.“[19] Doch er wird nicht länger jene verstehen, welche, weit fort vom Empfinden der Liebe für ihre Nächsten als etwas Wesentliches ihres Seins, erwarten, in der kommenden Welt frei von ihrem Gesetz zu sein. Dort zuletzt, für die Ehre Gottes, möchten sie ihre [der Liebe] ausgedehnten Absichten auf den engen Kreis ihres Himmels begrenzen. Auf ihrer Festung der Sicherheit wollen sie die Hölle von Ferne erblicken und zueinander sagen „Hört! Lauscht auf ihr Stöhnen. Doch weint nicht, denn sie sind nicht mehr unsere Nächsten.“ Paulus wollte verdammt sein von Gottes Thron, als er daran dachte, dass da auch nur ein Mensch jenseits der Umzäunung Seiner Gnade wäre, und das sowohl zu Gottes Ehre als auch zum Wohl des Menschen. Und was sollen wir von dem Menschen Christus Jesus sagen? Wer, der seinen Bruder liebt, würde nicht, aufrecht gehalten durch die Liebe Christi, und mit einer vagen Hoffnung, dass in weit entfernter Zeit da irgendwelche Hilfe für ihn sein könnte, sich aus der Gemeinschaft der Seligen erheben und hinunter gehen in die düsteren Ebenen der Verzweiflung, um bei dem letzten, dem einzig Unerlösten, dem Judas seines Geschlechtes, zu sitzen, und selbst gesegneter sein in den Schmerzen der Hölle als in den Herrlichkeiten des Himmels? Wer, inmitten der goldenen Harfen und weißen Schwingen, wissend, dass einer seiner Art, ein elender Bruder in der alten Weltzeit, wo die Menschen gelehrt wurden, ihren Nächsten zu lieben wie sich selbst, unbeachtet tief unten in den Gewölben der Schöpfung heult, wer, sage ich, würde nicht fühlen, dass er aufstehen muss, dass er keine Wahl hätte, dass er, schrecklich wie es auch sei, seine Lenden gürten muss und hinunter gehen in den Qualm und die Finsternis und das Feuer, den mühevollen und furchtbaren Pfad reisend in das ferne Land, um seinen Bruder zu finden? – Wer, meine ich, der den Sinn Christi hätte, der die Liebe des Vaters hätte?

   Doch dies ist eine abwegige Frage. Gott ist und wird sein Alles in Allem. Vater unserer Brüder und Schwestern! Du wirst nicht weniger herrlich sein als wir, gelehrt von Christus, in der Lage sind, dich zu denken. Wenn du in die Wildnis ziehst, um zu suchen, wirst du nicht nach Hause kommen, ehe du gefunden hast.[20] Es ist, weil wir nicht für sie in dir hoffen, dich nicht kennend, deine Liebe nicht kennend, dass wir so hart und herzlos zu unseren Brüdern und Schwestern sind, welche du uns gegeben hast.

   Ein weiteres Wort: Diese Liebe zu unserem Nächsten ist die einzige Tür aus dem Verlies des Selbst, wo wir Trübsal blasen und Grimassen schneiden,[21] Späne zünden und Hölzer an den Wänden streichen und den Atem in unsere eigenen Nasenlöcher blasen, anstatt zum schönen Sonnenlicht Gottes zu eilen, dem süßen Wehen des Weltenalls. Der Mensch denkt, sein Bewusstsein ist er selbst; wohingegen sein Leben aus dem Hineinatmen Gottes[22] besteht und dem Bewusstsein des Weltenalls der Wahrheit. Sich selbst zu besitzen, sich selbst zu kennen, sich an sich selbst zu erfreuen, nennt er Leben; wohingegen, wenn er sich selbst vergäße, sein Leben in Gott und in seinen Nächsten ein zehnfaches wäre. Der Bereich des Menschenlebens ist ein geistlicher Bereich. Gott, seine Freunde, seine Nächsten, all seine Brüder, das ist die weite Welt, in welcher allein sein Geist Raum finden kann. Er selbst ist sein Verlies. Wenn er es jetzt nicht fühlt, wird er es doch eines Tages fühlen – es fühlend wie eine lebende Seele es fühlen würde, wäre sie in einem toten Leib gefangen, in ein siebenfaches Leichenhemd gehüllt, begraben in einem steinernen Gewölbe, unter dem letzten Murmeln des Geräuschs der singenden Leute in der Kirche darüber. Sein Leben besteht nicht darin zu wissen, dass er lebt, sondern in der Liebe zu allen Formen des Lebens. Er ist geschaffen für das All, denn Gott, welcher das All ist, ist sein Leben. Und die grundlegende Freude seines Lebens liegt außerhalb in der Freiheit des Alls. Sein Entzücken, wie das der Vollkommenen Weisheit, liegt in den Söhnen der Menschen. Sein Heil liegt in dem Leib, dessen Haupt der Sohn des Menschen ist.[23] Der gesamte Bereich des Lebens steht ihm offen – nein, er muss darin leben oder vergehen.

   Noch soll ein Mensch solcherart das Bewusstsein des Wohlbefindens verlieren. Weit tiefer und viel vollständiger werden Gott und sein Nächster es auf ihn zurückwerfen – reines Leben. Nicht mehr wird er sich „mit übler Plage“[24] quälen, es im Licht seines eigenen Verfalls hervorzubringen. Denn er soll die Herrlichkeit seines eigenen Seins im Lichte Gottes und seines Bruders erkennen.

   Doch er mag begonnen haben, seinen Nächsten zu lieben, in der Hoffnung, ihn über kurz oder lang so zu lieben wie sich selbst, und nichtsdestotrotz zurückschrecken in Furcht vor einem anderen Wort unseres Herrn, scheinbar ein anderes Gesetz, noch härter als das erste, obwohl es in Wahrheit kein anderes ist, denn ohne Gehorsam gegen das erste, kann das andere nicht befolgt werden. Der hat noch nicht gelernt, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, dessen Herz sich in ihm zusammenzieht bei dem Wort Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde.


[1] 3. Mose 19,18

[2] Johannes 1,14

[3] Johannes 6,63

[4] Römer 13,9 / Galater 5,14 / Jakobus 2,8

[5] Römer 13,10

[6] Gemeint sind die 10 Gebote.

[7] Römer 3,20

[8] Matthäus 7,1 / Lukas 6,37

[9] 1. Brief des Johannes 4,8

[10] Lukas 10,25-37

[11] Im englischen Original ein Wortspiel zwischen kin und kind, nighness und neighbourhood

[12] Das Wort Empyreum bezeichnet in mittelalterlicher Kosmologie (Weltenlehre) den höchsten aller Himmel, den Aufenthaltsort Gottes und der Seligen, oder auch den sog. „Dritten Himmel“, von dem Paulus spricht (2. Korinther 12,2), wohin er entrückt wurde. Im geistlichen Sinne die höchste Ebene der Erkenntnis und Gottesschau.

[13] 1. Korinther 2,16

[14] 2. Petrus 3,8

[15] Lukas 6,32

[16] Wie bereits in der Andeutung anderer Gleichnisse Jesu wendet George MacDonald hier eine Umkehrung der Rollen an. Er macht aus dem Samariter den Verletzten und aus dem stolzen Juden den „barmherzigen“ Mann, der sich in Erfüllung einer Pflicht selbst überwindet, obwohl ihn sein religiöser Stolz daran hindert, den Nächsten wirklich lieben zu können.

[17] 1. Mose, Kapitel 3 / Hebräer 5,14

[18] Hohelied der Liebe 8,6

[19] Römer 9,3

[20] Anspielung auf das Gleichnis vom verlorenen Schaf, das der Hirte sucht, bis er es gefunden hat (Lukas 15,3-7).

[21] Original: „mope and mow“, Wortspiel im Englischen.

[22] 1. Mose 2,7

[23] Kolosser 1,18

[24] Herkunft des Zitats der Übersetzerin unbekannt.