Spießbürgerland, Schnitzelutopia, Wahnistan – ein Reisebericht
Buchbesprechung zu:
„Die Reise ins Reich. Unter Reichsbürgern“
Von
Tobias Ginsburg
März 2018, Verlag Das Neue Berlin, Taschenbuch, 266 Seiten
Wer das Internet durchschnittlich bis häufig nutzt und auch die Sozialen Medien, der ist ihnen mit Sicherheit schon viel eher begegnet als der Verfassungsschutz und die Polizei, die erst nach tödlichen Schüssen gähnend und schwerfällig darauf aufmerksam wurden. Genützt hat es nichts. Denn mittlerweile fabulieren nicht mehr nur ein paar „arme Irre“ von hohler Erde, hohlem Mond, Nazis-Ufos und Echsenmenschen mit blauem Blut im Britischen Königshaus. Das sind keine wandelnden Projektionsflächen mehr für den eigenen Witz und Spott. Keine Menschen, denen man etwas frische Luft, eine Beruhigungspille oder eine Kur am Meer verordnen möchte. Jetzt nennen sie sich Politiker und Abgeordnete. Klingt wirr? Ist es auch.
Denn wir begeben uns mit Tobias Ginsburg auf eine Reise, die ihn von Licht-und-Liebe-Esoterikern, über beinharte, tätowierte, schwarz gekleidete Neo-Nazi-Ronnys und allgemein ängstliche und besorgte AfD-Kanditaten bis hin zu kruden Utopisten, die im Osten ein neues Deutschland gründen und den Rest der Welt ausrotten wollen, führt. Klingt alles sehr unterschiedlich, nicht gefährlich, maximal ziemlich bekloppt. Aber. Wenn da nicht dieses Aber wäre. Tobias Ginsburg hat diese unterschiedlichen Menschen alle in derselben nacheinander geordneten Szenerie angetroffen. Vernetzt, auf gemeinsamen Veranstaltungen und politischen Kundgebungen. Dieselben Leute auf Esoterik-Seminaren, Heilpraktiker-Weiterbildungen, Pegida-Demos, AfD-Werbeveranstaltungen und beim fröhlichen Suff in der Kneipe. Sie haben offensichtlich einen gemeinsamen Nenner. Etwas liegt all ihren unterschiedlichen Ideen und Vorstellungen zu Grunde. Was genau ist das? Kann man es verorten? Ist es nachvollziehbar und verständlich? Ist es eine gemeinsame Psychose, ein Wahn? Ist es gefährlich? Hat es eine gemeinsame Ursache, ist es gar historisch zu verorten?
Das sind die Fragen, die sich ein Mensch stellt, der zum ersten Mal mit dieser ganz eigenen Vorstellungswelt, mit den verschiedenen „Verschwörungstheorien“ in Berührung kommt. Sind sie alle miteinander verknüpft? Sind sie gar selbst eine Art Verschwörung? Und was hat das Ganze mit der AfD zu tun? Hat es überhaupt damit zu tun oder ist die AfD nicht doch eine ziemlich spießbürgerliche Partei mit einfach nur erzkonservativen Ansichten?
Tobias Ginsburg wollte die Reichsbürger kennenlernen. Ihre Ideen und sie selbst. Und ihm wird allmählich klar, dass all dem auch eine weitere, ihn persönlich betreffende Theorie anhängt. Die der jüdischen Weltverschwörung, die jüdische Zinswirtschaft, die alle Welt versklavt. Oder noch besser: jüdische Geheim-Logen, die in satanischen Zeremonien kleine, weiße Babys aufschlitzen und ihr Blut trinken.
„Sicher, es klingt mittelalterlich. Und das Mythische und Okkulte erlebt immer dann eine kleine Blüte, wenn ein neuer Modernisierungsschub die Welt erschüttert. Etwa die geografischen Entdeckungen und die neuen Forschungsmethoden im 15. Jahrhundert oder die Aufklärung im 18. Jahrhundert – wann immer sich die Welt schneller dreht, komplexer wird, gibt es auch eine Sehnsucht nach ewigen und einfachen Wahrheiten, Licht gegen Finsternis. Eine Möglichkeit, die Welt zu verstehen, eine Versicherung, dass wir die Guten sind.“ S. 106
Tobias Ginsburg ist Jude und er nimmt das also persönlich, lässt er uns gleich auf Seite 11 wissen. Verständlich. Und trotzdem zieht er weiter, recherchiert, hält sich dort auf, wo sie aufeinander treffen, die Reichsbürger. Er legt sich sogar ein Fake-Profil auf F*book zu. Sein Alter Ego Tobias Patera, benannt nach einer expressionistischen Romanfigur von Alfred Kubin, gibt sich wenig Mühe. Per Bildsuche im Netz werden schnell Profil und Hintergrund festgelegt (irgendwas mit Lügenpresse reicht völlig aus), die ersten Freundschaftsanfragen gehen an bekannte Größen in der Szene hinaus. Und dann geht es los. Im Minutentakt, so schreibt er, regnet es Freundschaftsanfragen zurück. Innerhalb von Stunden hat das Profil des Reichsbürgers Tobias Patera die Marke von 1000 Verknüpfungen geknackt. Der Algorithmus arbeitet für ihn. Ihm werden Freunde vorgeschlagen, die in dasselbe Profil passen usw. Sofort ist er in dieser neuen Welt angekommen.
Was jedoch ist eigentlich ein Reichsbürger? Für die, die es nicht wissen oder noch nie damit in Berührung gekommen sind: Ein sogenannter „Reichsbürger“ glaubt, grob gesagt, nicht daran, dass die BRD ein legitimer Staat ist. Für einen Reichsbürger hat das Deutsche Reich (je nach dem, in den Grenzen von vor 1918 / 19 oder für die ganz Harten von 1937) niemals aufgehört zu existieren. Da es kein offiziell als „Friedensvertrag“ bezeichnetes Dokument gibt, glauben sie, dass das deutsche Staatsgebiet de facto immer noch von fremden Siegermächten besetzt, kontrolliert und verwaltet wird. Auch das Grundgesetz, welches nicht „Verfassung“ genannt wird, ist demnach keine Verfassung. Realpolitisch ist die BRD natürlich ein souveräner, sich selbst verwaltender Staat. Das hat sich im Laufe der Jahre nach 1945 ergeben, auch ohne Dokumente, in denen von „Friedensvertrag“ oder „Souveränität“ im Wortlaut die Rede ist. Das kann man den sogenannten Reichsbürgern sagen. Glauben werden sie es nicht, weil es diese Dokumente eben tatsächlich nicht gibt. Stattdessen gibt es einen Haufen anderer Verträge und Mitgliedschaften und Verpflichtungen, die die Bundesrepublik eingegangen ist. Aber das ist für sie kein Beweis für einen selbstständigen, unabhängigen Staat. Alles nach 1945 ist für sie vollständig von außen aufgezwungen, aufdiktiert und vorgeschrieben. Die Theorien der Reichsbürger sind, so unsinnig sie dem normal tickenden Alltags-Bundesbürger erscheinen mögen, in sich leider grauenhaft schlüssig, geradezu hermetisch abgeriegelt. Man wird sich gegenseitig nicht vom Gegenteil überzeugen können.
Das ist ein Wahn, in den sich labile Persönlichkeiten hineinsteigern können. Das ist aber auch für Geschäftemacher und Leute, die nach politischer Macht streben, ein Pool an Leuten, aus dem sie Unterstützer ziehen können. Und es muss nicht einmal ein Wahn sein. Die Leute, denen Tobias Ginsburg begegnet, sind eben überwiegend keine langzeitarbeitslosen Dauersäufer, die anfangen, sich etwas zusammen zu spinnen. Es sind ganz normale, arbeitende, Steuern zahlende, voll funktionsfähige Mitglieder der Gesellschaft. Nicht nur das. Es sind Menschen, die man mag, sympathisch findet. Nette Leute, anständige Leute, die nichts Böses wollen.
Sehr oft begegnet Ginsburg Personen, von denen er einfach schlicht schreibt: „Ich mag ihn.“ Das ist es, was ich an seinem Buch hoch schätze. Es beschreibt zunächst nur, was er sieht und hört. Er beschreibt die Menschen, wie sie ihm begegnen und wie er ganz subjektiv dabei empfindet. Nicht verächtlich oder überheblich, sondern so wie jeder eine erste menschliche Begegnung für sich selbst beurteilen würde: Mag ich, mag ich nicht. Das ist kein Verurteilen oder Verteufeln. Ginsburg bleibt Beobachter und er stellt interessierte Fragen. Er beschreibt vorwiegend, erklärt hier und da für das bessere Verständnis. Er wird ironisch und satirisch, aber niemals zynisch oder verächtlich. Er bleibt fair, wird nicht beleidigend.
Zunächst wird Tobias Ginsburg Teil des Königreichs Deutschland, begründet von Peter Fitzek nahe Wittenberg in Sachsen-Anhalt auf dem Gelände eines ehemaligen Krankenhauses. Hier begegnet uns ganz klassisch der esoterische Personenkult um einen Guru, der eine neue, heile Welt verspricht, an deren Aufbau man mitwirken kann. Vorausgesetzt, man bezahlt eben auch gut Geld für die angebotenen Seminare. Die schöne, neue Welt ist hier das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937. Durchflutet von Licht und Liebe, mit dem König Fitzek an der Spitze. Man darf vielleicht ein wenig darüber lachen und seufzen. Aber hier begegnet Ginsburg auch zum ersten Mal den „Ronnys“ wie er im Buch die wirklich ungeschminkten, bekennenden Neonazis zärtlich-ironisch nennt. Der dicke, schwarzgekleidete, volltätowierte, glatzköpfige, prollige Ronny als fleischgewordenes Klischee, nur leider allzu wahr und gegenwärtig. Von hier aus ist die Verbindung zu politischen Kundgebungen und Versammlungen der AfD nicht sehr weit. Überhaupt. Die NPD ist bedeutungslos geworden. Zuflucht finden die Ronnys dieser Fake-Republik ganz leicht bei der neuen, himmelblauen Partei. Der Übergang ist fließend und problemlos. Anders eben als uns die Beschwichtigungen der Parteiführung immer weismachen will. Ginsburg hat sie gesehen und mit ihnen geredet. Mit den „Ronnys“ in der AfD und am Rand der AfD.
Doch warum finden Esoteriker, „normale“ Reichsbürger und beinharte Nazis allesamt eine Heimat in dieser Partei? Wo liegt der Ursprung ihrer Gemeinsamkeit? Was genau ist es? Tobias Ginsburg zieht eine Schlussfolgerung aus seinen Recherchen, Beobachtungen und Interviews. Sie ist das Leitmotiv des Buches, die Hauptthese:
„Die Reichsbürger sind heute spirituelle Esoteriker und okkulte Faschisten, verfilzte Friedenshippies und bürgerliche Biolehrer, linke Rapper, rechte Ronnys und Mitglieder des Bundestags. Aber am Anfang waren sie einfach ein Haufen Alt- und Neonazis. Und ich bin irgendwie im Kreis gereist und da rausgekommen, wo alles angefangen hat.“ S. 259
Das Deutsche Reich ist nach 1945 tatsächlich nicht untergegangen. Es hat weiter existiert. Nämlich in den Köpfen der überlebenden Altnazis. Sie haben es weitergegeben, verfestigt und schlussendlich wurde es auch in die digitalen Medien eingespeist. Und nicht erst seit gestern weiß man, dass die Nationalsozialisten es auch immer schon sehr mit dem Okkulten hatten. Blut und Boden. Der böse Jude, der die Brunnen vergiftet, die Kinder frisst und alle Welt mit der Zinswirtschaft knechtet. Das passt alles besser zusammen, als man auf den ersten Blick glauben mag. Man muss nur immer weiter davon erzählen, die Legende am Leben erhalten, es in die Köpfe weiterer Menschen bringen. Haben damals die Nazis mit der weiter propagierten „Dolchstoßlegende“, der Mär von den Verrätern (Die Sozialdemokraten natürlich und wieder einmal die Juden!), die den an der Front kämpfenden Soldaten durch Opposition in der Heimat in den Rücken gefallen sind, ziemlich großen Erfolg gehabt, so ist die Mär von der nicht rechtmäßigen BRD und dem immer noch existierenden, unterdrückten Deutschen Reich doch recht ähnlich. Damit lässt sich Politik machen.
„…wenn man groß genug lügt, wird Wahrheit egal.“ S. 121
Tobias Ginsburg alias Tobias Patera versucht die wirklichen Größen dieser Szene zu erreichen, um sie kennenzulernen und ihnen Fragen zu stellen. Namentlich Herrn Elsässer, Chefredakteur des Compact Magazins. Immer wieder versucht er es und scheitert, recht amüsant geschildert, an seiner eigenen Nettigkeit und Rücksicht. Doch immer im Anschlag die Aufnahmefunktion seines Handys und sein digitales Diktiergerät. Er beobachtet und recherchiert weiter, kommt schließlich in Kontakt mit einem „Thomas“ genannten Mann, der wohl früher in der ultrarechten Szene sehr aktiv war. Jetzt mischt er in der AfD mit, hängt sich auch an Elsässer, vermittelt ihm seine Ideen. Elsässer hört zu. Tobias Ginsburg alias Patera schafft es, die Aufmerksamkeit dieses Thomas zu bekommen. Am Ende des Buches gelingt es dem „Undercover-Juden“ tatsächlich ganz tief in Kopf und Herz eines dieser Menschen zu schauen. Und gleichzeitig ist es der Moment, in dem Tobias Patera stirbt, wie Ginsburg es beschreibt. Er kann nicht mehr weitermachen, kann nicht mehr tiefer eindringen. Er muss den Schlussstrich unter seine Reise ins Reich machen. Thomas, Mitglied der AfD, sagt laut Ginsburg wortwörtlich: „Du kannst die Welt nur noch mit einer ganz radikalen Maßnahme retten. Wenn du Millionen biologisch und den ganzen Nahen Osten atomar vernichtest.“ (S. 262). Sicher, der Mann war betrunken. Der Punkt ist: auch wenn man betrunken ist, sollte man nicht von der Vernichtung von Millionen Menschenleben faseln, als wäre es nichts. Und: In Vino Veritas – Im Wein liegt Wahrheit. Was bisher keiner wortwörtlich und allzu deutlich in Tobias Pateras Gegenwart ausgesprochen hat, das tut jetzt Thomas. Und damit wacht Tobias Ginsburg wieder auf. Hier ist Schluss. Und das Erschreckende: das Böse und Fanatische hat weder einen Pferdefuß noch ein paar stylische Hörner.
Es sind wohlmeinende Licht-und-Liebe-Esoteriker, die den Holocaust leugnen. Warum? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das Böse darf nicht so viel Macht haben. Es sind in ihren Augen satanische Mächte, die in der Welt alles Böse bewirken und immer wieder auch Zionisten, Juden in langen Roben, die Babys opfern und Satan huldigen und auf diese Weise Macht über die Welt erlangen wollen. Aber die Wahrheit, die ist viel schlimmer.
„Wir hören lieber Geschichten von bösen Tätern und mandeläugigen Opfern; Grausiges und Kitschiges aus den Vernichtungslagern, gerne mal was Aufbauendes aus dem Widerstand. Das liefert ein simples Geschichtsbild, befriedigt die Blut- und Tränengeilheit und überhöht den Genozid zum rätselhaften Akt von unfassbaren Monstern. Klar, Deutsche wollen sich lieber mit der kleinen Anne Frank identifizieren als mit der eigenen Familie. Letzteres wäre auch schwer verdaulich. Denn dann wären die Täter von damals nicht „die Bösen“, sondern einfach nur Menschen. Ängstliche, wütende, panische, menschliche Menschen und besorgte Bürger. Dann wären die Faschisten nicht mehr die anderen.“ S. 135 / 136
Der Punkt ist: Menschen haben das getan. Normale Menschen. Stinknormale, ordentliche Deutsche. Und heute? Heute sind es ganz normale, ja geradezu wundervoll nette Menschen, die mit einem Lächeln im Gesicht oder sorgenvoller Miene behaupten, dass es die BRD ja gar nicht gibt und dass weltweite Verschwörungen im Gange sind, das Deutsche Volk ausgetauscht und vernichtet werden soll. Warum überhaupt und wie, das erklärt keiner. Aber man glaubt fest daran.
Ein paar Zehntausend sind es geschätzt, die Reichsbürger. Nicht viel. Spinner. Kann man ignorieren. Aber sie sind eben gut vernetzt und nicht jeder gibt sich sofort als Solcher zu erkennen. Zu lange wurde diese Größe unterschätzt und zu lange hat man die Wirkung der digitalen Medien unterschätzt, die Möglichkeit, dass jeder einfach alles schreiben und behaupten kann und es immer genug Leute gibt, die das glauben und nicht prüfen. Die nicht einmal wissen, wie man etwas überprüft, anhand welcher Kriterien eine Quelle als glaubwürdig eingestuft werden kann.
Die Macht der Algorithmen befördert nicht nur die Werbeindustrie, so dass einem Nutzer anhand seiner Vorlieben die entsprechenden Produkte als Werbung eingeblendet werden. Wenn der überwiegende Teil meiner Freunde Reichsbürger sind, dann werden mir nur solche Inhalte angezeigt und ich beschäftige mich weiter damit. Da draußen sehe ich nur die traurige Realität, einen Fake-Staat, eine BRD, die mir leer und trist erscheint, nicht real. Das, was ich mit meinen Kontakten teile, erscheint mir so viel wirklicher. Es muss wahr sein. So viele glauben es doch auch. So viele. Wir werden sie alle noch überzeugen. Und dann stürzen wir diesen Staat, der uns unterdrückt und weismachen will, dass unsere Wirklichkeit nicht die Wahrheit ist. Wir werden unterdrückt! Wir müssen uns wehren! Und irgendwann, ja, da greift einer zur Waffe. Oder gründet einfach eine Partei. Je nach dem.


Hinterlasse einen Kommentar