Old Fake News. Die Kirche und ihre Geschichte

Old Fake News. Die Kirche und ihre Geschichte

Buchbesprechung zu:

 „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“

von Dr. Manfred Lütz – unter Mitarbeit von Prof. Dr. Arnold Angenendt

Herder, 2018, 286 Seiten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Manfred Lütz hat sicher nicht immer Recht. Aber er ist Rheinländer, katholischer Theologe und als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik „für den Irrsinn des Kölner Südens zuständig“. So oder ähnlich stellt er sich bei fast allen Vorträgen und Interviews vor. Und derer gibt es so viele, dass sie im Netz leicht aufzufinden sind. Man kann sich also ein ganz gutes Bild von diesem Mann und seinen Überzeugungen machen. Und er ist ein Überzeugter, der zu überzeugen weiß. So auch in seinem neuesten Buch „Der Skandal der Skandale“. Es hat nicht einmal 300 Seiten und trotzdem bietet es eine Überfülle an Informationen, von denen in dieser Besprechung nur einige wenige angedeutet werden können. Doch fangen wir von außen an.

Das Cover

Als Vielleserin und Angestellte im Buchhandel achtet man auch auf den Mantel eines Werkes, denn die Gestaltung des Äußeren ist bei Büchern niemals zufällig. Fast alle Bücher des Herrn Dr. Lütz sind in den Farben Rot, Schwarz und Weiß gehalten. Sie sind bekanntermaßen das kontrastreichste Spiel in der Gestaltung. Plakativ, provokativ, sofort ins Auge springend. Wir wissen also, dass der Autor uns etwas zu sagen hat, etwas sagen will. Unbedingt. Und wir wissen, dass er bewusst provozieren möchte, uns vielleicht vor Herausforderungen stellen wird und gewohnte Denkmuster in Frage stellt.

Der Titel

Der Titel ist ein doppeldeutiges Wortspiel. Der Skandal der Skandale bedeutet einerseits, dass wir uns auf den kommenden Seiten mit all den Geschichten über die Geschichte des Christentums beschäftigen werden, die allgemein als erschreckend und anstößig gelten. Unterdrückte und als Hexen verbrannte Frauen, verfolgte und gefolterte Ketzer, blutrünstige Religionskriege, unvernünftige und starrsinnige Wissenschaftsfeindlichkeit, brutale Zwangsmissionierung…

Andererseits ist es auch ein Skandal der Skandale – es ist ein Skandal, dass es diese Skandale gibt, denn die meisten von ihnen sind schlicht – erfunden! Es gibt sie nicht. Über weite Strecken ist die Geschichte des Christentums geradezu gleichförmig, unbeteiligt und weitaus ohnmächtiger, als man es uns in epischen Beschreibungen von Mittelalter und Früher Neuzeit bisher weismachen wollte…

Angenendt

Das Buch stützt sich weitestgehend auf ein Werk des Kirchenhistorikers Prof. Dr. Angenendt, der in seinem Werk „Toleranz und Gewalt: Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ die Geschichte der Kirche auf Grundlage neuester Forschung aufgearbeitet hat. Dieser Schmöker allerdings ist 800 Seiten lang und sicher nicht für jedermann ein barrierefreies Lesevergnügen. Lütz hat mit „Der Skandal“ im Grunde die populäre, abgespeckte Version für den kleinen Mann von nebenan geschrieben. Ein Buch für Zug und Nachttisch und nicht für den studierten Schreibtisch.

Das Grundmotiv

„Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!“ (Matthäus 13, 24 – 30, Einheitsübersetzung)

Die Frage, die sich jedem stellt, wenn er die lange Reihe an Vorwürfen gegen das Christentum betrachtet, ist die nach der Toleranz dieser Religion. Inwieweit kann und soll ein gläubiger Christ den Andersgläubigen tolerieren? Inwieweit hat es die Kirche getan? Tat sie es jemals? Dr. Lütz beantwortet diese Frage nach dem Umgang mit dem Anderen durch das oben zitierte Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen. Tatsächlich ist diese Aussage Jesu im Matthäusevangelium in den ersten 1000 Jahren die Grundlage, auf der man über Menschen urteilt. Nämlich gar nicht. Das Urteil liegt bei Gott. Der Mensch hat nicht voreilig zu sortieren, wer dazugehört und wer nicht, wer rechtgläubig ist und wer abirrt. So finden wir in den Quellen der ersten 1000 Jahre keine Skandale. Keine Pogrome, keine Kreuzzüge, keine Prozesse gegen Ketzer. Es gibt sie einfach nicht. Die Wende kommt tatsächlich erst nach dem Jahr 1000, als einige begannen, dieses Gleichnis etwas anders auszulegen. Man nahm sich vielerorts jetzt das Recht heraus, darüber urteilen zu können, wer denn nun Weizen und wer Unkraut wäre. Dr. Lütz betrachtet dies als den eigentlichen „Sündenfall“ der Kirche.

Aber was ist mit der Missionierung der „Barbaren“? Was ist mit den Massentaufen der eroberten Volksstämme? Dazu muss man wissen, dass hier tatsächlich kulturell zwei völlig verschiedene Welten aufeinander prallen. In der Apostelgeschichte lesen wir, dass Paulus und all die anderen Apostel die gesamte antike Welt innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten mit der Botschaft Jesu erreichten. Der Boden war hier vorbereitet, denn griechische und römische Kultur hatten ihn bereits durchgeackert. Der Monotheismus traf auf polytheistische Kulturen, die ihren Polytheismus schon längst durch philosophische Bemühungen sozusagen „aufgeklärt“ hatten. Und noch zwei andere Punkte sind wichtig.

Monotheismus bedeutet, dass man davon ausgeht, ein Gott habe alle Welt und alle Menschen erschaffen. Das legt, so absurd es für manche klingen mag, den Grundstein für Toleranz. Denn wenn ich davon ausgehe, alle Menschen kommen von demselben Gott, so sind auch alle Menschen vor diesem Gott gleich. Gleich viel wert, gleich würdig. Polytheismus und sog. „Stammesreligionen“ kennen nur den jeweils eigenen Gott, der stärker ist als die Götter der Anderen, demzufolge ist das eigene Volk, der eigene Stamm auch immer die Gruppe der „Auserwählten“. Alle anderen sind nicht auserwählt und darum auch nicht gleich viel wert. Wenn sich also ein Stammesführer für einen anderen Gott entscheiden, nämlich für den „christlichen Gott“, so entscheidet er gleich für den ganzen Stamm mit. Alle lassen sich taufen, weil es der Anführer tut. So vermischen sich Vorstellungen von einem Gott für alle Menschen mit denen eines Gottes, der den eigenen Volksstamm „auserwählt“ hat. Gedankengut, das bis heute fortdauert…

Ein letzter bedenkenswerter Punkt ist der „Gotteszorn“. Es geht bei der Verehrung von bestimmten Göttern oft darum, sie zu besänftigen, sie zufrieden zu stellen, sie gewogen zu machen. Man handelt mittels vorgeschriebener Rituale und Opfer eine Art Friedenszustand zwischen den Göttern und der menschlichen Gemeinschaft aus. Wenn jedoch ein Mitglied der Gemeinschaft gegen die Regeln verstößt, so zieht diese Person den Zorn der Gottheit auf die gesamte Gemeinschaft. Eine solche Person muss daher dringend hart bestraft, ja sogar ausgestoßen oder vernichtet werden. Ein solches Konzept kennt das Christentum nicht. Von Anfang an ist hier das Unkraut-Weizen-Gleichnis maßgebend. Es gibt bis zum Ende immer die Möglichkeit, dass ein Mensch sich besinnt und das Gute wählt. Gnade und Vergebung sind immer eine Option. Das Konzept von Gnade und Mitleid mit den Schwachen ist sozusagen urchristlich.

Also treffen in den ersten Jahrunderten christliche Heilsbotschaft und heidnische Lebenswelt hart aufeinander und durchdringen sich. Die christliche Decke ist dünn. Alte Vorstellungen wirken fort. Zum Teil bis heute. Das „Heidnische“ ist nie ganz verschwunden, während das Christentum niemals so mächtig und erobernd war wie man ihm zuschreiben will.

Die Vorwürfe

Man kann hier unmöglich auf alle Einzelheiten des Buches und jeden behandelten „Skandal“ in der Kirchengeschichte eingehen. Dr. Lütz schreibt keine vollständige Geschichte des Christentums. Im Großen und Ganzen konzentriert sich das Buch auf das Christentum in Europa und später Nordamerika. Auch innerhalb der Konfessionen gibt es nur vage Streifzüge zu den Protestanten und all den anderen Denominationen. In der Hauptsache geht es um die katholische Kirche Europas und die harten Vorwürfe, die ihr gemacht werden. Chronologisch geht Dr. Lütz nach einer längeren Einführung über das „Urchristliche“ durch die einzelnen Abschnitte der Geschichte ab 1000 bis in die neueste Zeit zu den Missbrauchsvorwürfen gegen katholische Priester.

Beispiele:

K r e u z z ü g e

Vielen dürfte mittlerweile bekannt sein, dass die Päpste niemals zu einem Heiligen Krieg gegen die Muslime aufgerufen haben. Historisch geht es um einen Hilferuf der Ostkirche und der Christen im Heiligen Land, die sich in der Ausübung ihres Glaubens durch das Vordringen des Islams bedroht sahen. Die Päpste selbst hatten keine Mittel als nur den Aufruf an die Gläubigen, ihren Brüdern und Schwestern zu helfen. Tatsächlich findet man eine Vielzahl von Phänomenen vor. Unkontrollierte Verwüstungen, friedliche Koexistenz von „Kreuzfahrern“ und Muslimen, Ungerechtigkeiten und Austausch auf beiden Seiten, den Effekt einer Zurückdrängung des Islam zugunsten einer europäischen Blüte. Kreuzzüge sind keine „Heiligen Kriege“ gewesen und es wurde nie zu zügelloser Grausamkeit oder Vernichtung der Muslime aufgerufen. Im Gegenteil gab es innerhalb der Kirche harsche Kritik. Die Überzeugung, dass niemand zu Glaube und Taufe gezwungen werden kann, hat immer überwogen. Und anders als es mancherorts heute wieder zu hören ist, herrschte sogar die Überzeugung, dass Muslime als Verehrer nur eines einzigen Gottes „nahe am Heil“ sind. Dieses Bewusstsein wünscht man sich auch in aktuellen Debatten…

I n q u i s i t i o n

Es gibt die schauerlichsten Geschichten über die Inquisition. Über schrankenlose Folter und Millionen Todesopfer. Und dabei bleibt es auch. Es sind schauerliche Geschichten, die nicht einmal annähernd der Wahrheit entsprechen. Inquisition – Befragung – das war zunächst eine Art Justizreform. Man wirkte wilder Gerichtsbarkeit und Lynchjustiz entgegen, indem man eine offizielle Befragung und Untersuchung anordnete. Nur vergleichsweise selten übergab man einen Angeklagten dem sog. „weltlichen Arm“ zur Verurteilung. Während die Kirche vielfach um Milde bat, kannten weltliche Gerichte keine Gnade. Hier muss man nämlich unterscheiden zwischen kirchlich-theologischen Untersuchungen und der Auferlegung von Bußübungen und dem Gericht weltlicher Herrscher, die einen (vermeintlichen) Schaden von der Gemeinschaft abzuwenden hatten. Die alte Angst vor dem Gotteszorn forderte weit mehr Todesopfer als die Inquisition in ihrer gesamten Geschichte. Das sind ein paar Hundert, keine Millionen. Die Kirche selbst hat niemals gefoltert oder Todesurteile vollstreckt. Doch im modernen Denken schwindet diese Differenzierung, alles wird eins und plötzlich ist es DIE Kirche, die Blut an den Händen hat. Gerade die Frühe Neuzeit kennt sehr viel mehr Todesurteile und Folter – befördert durch die Wirren der Reformation. Plötzlich konnte ja jeder ein „Ketzer“ sein…

H e x e n v e r f o l g u n g

Auch hier heißt es, dass die frauenfeindliche Einstellung der Kirche ca. 9 Millionen Frauen das Leben gekostet hat. Ja, die Kirche hat die Frauen als sündhafte Geschöpfe bekämpft und auf den Scheiterhaufen verbrannt. Der Faktencheck überrascht gerade hier besonders. Die Spanische Inquisition hat in ihrem Gebiet die Verfolgung von Hexen bereits 1526 beendet. Der katholischen Kirche galt der Glaube an Hexen stets als Aberglaube. Die Geschichte nimmt eher wie so Vieles einen Anfang in der Verbreitung von „Propaganda“. Der sog. „Hexenhammer“ – ein kirchlicherseits niemals abgesegnetes Machwerk – forderte tausende Opfer. Man spricht heute nicht mehr von Millionen. Es sind europaweit etwa 50.000 – allein in Deutschland jedoch die Hälfte davon – 25.000! Es ist ein wütender Wahn im Volk gewesen. Ein Wahn, der breite Bevölkerungsschichten erfasst hatte und bei dem weltliche Gerichte kräftig mittaten. Dr. Lütz bemerkt spitz, wenn sich einer für die Opfer des Hexenwahns zu entschuldigen hätte, dann wäre es nicht die Kirche (die das durchaus getan hat!), sondern wohl eher die deutsche Justiz als Nachfolger der damaligen Instanzen…

Des Weiteren finde ich es äußerst interessant, wie eine Legende sich besonders hartnäckig hält. Persönlich kann ich mich daran erinnern, dass einmal ein durchaus gebildeter Mann auf meine recht hellblonden Haare gezeigt hat und lapidar meinte: „Na, im Mittelalter hättest du dir die Haare schwarz oder braun färben müssen, weil die Kirche ganz besonders gern blonde Frauen verbrannt hat.“ An diesem Satz ist alles falsch. Erstens hat, wie oben erwähnt, die Kirche keine Hexen verbrannt. Zweitens betreffen die meisten kruden Geschichten über die Kirche mehr die Neuzeit und weniger das Mittelalter (das gar nicht so finster war, sondern durchaus lichterfüllt) und drittens stammt die Geschichte über blonde Hexen aus einer ganz anderen, schwarzen Zeit.

Es waren die Nationalsozialisten, die der katholischen Kirche vorwarfen, Millionen blonde Frauen verurteilt zu haben, um die arische Rasse zu vernichten. Also eine hübsche Propaganda-Erfindung, um die Kirche zu diskreditieren. Denn – gerade die katholische Kirche war den Nazis ein Dorn im Auge. Während man einen Großteil der Protestanten für den Nationalismus begeistern konnte („Deutsche Christen“), waren Katholiken tendenziell immer schon internationaler ausgerichtet, auf die weltweite Kirche aller Gläubigen. Das war ein Problem. Wirklich praktizierende Christen waren nicht integrierbar in den Nationalsozialismus. Die Pläne für die Vernichtung der Christen waren durchaus vorhanden. Wenn man die „Judenfrage“ gelöst und gesiegt hätte, hätte man sich anschließend der Christen „angenommen“…

Dr. Lütz greift noch viele andere Themen in seinem Buch auf. Kolonialismus, Sklaverei, Frauenrechte, Indianermission, das angebliche Schweigen des Papstes zu den Grausamkeiten der Nazis u. v. m. Wer sich gerne über all die Mythen, Lügen und Unwahrheiten aufklären lassen möchte, dem sei das Buch wärmstens empfohlen. Vieles ist mittlerweile bekannt, aber leider nicht einer breiten Öffentlichkeit. Das Wissen darum scheint traurigerweise Akademikern und interessierten, offenherzigen Gläubigen vorbehalten. Nur zu einem sehr aktuellen Thema, das die Gemüter stark erhitzt (verständlicherweise!), noch ein paar Worte:

M i s s b r a u c h

S. 273: „Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester ist ein besonders perfides Verbrechen.“ Schreibt Dr. Lütz. Dieser Satz ist wichtig. Denn gerade als Psychologe und Therapeut sollte er ja um das Leid der Opfer wissen. Es ist wohltuend, dass Dr. Lütz durch keinerlei Argumente das Entsetzliche der Taten schmälert. Allerdings ist festzuhalten, dass es tatsächlich die Kirche selbst war, die zuerst das Thema aufgegriffen hat. Die Medien griffen danach das Thema auf und viele ehemalige Opfer fanden daraufhin den Mut, sich zu äußern. Das ist gut und heilsam und Dr. Lütz begrüßt diesen Prozess. Das weitere Spiel der Medien mit Kirche, Opfern und angeblichen Tätern ist jedoch perfide. Und viele Täter, die tatsächlich zu Unrecht bezichtigt werden, werden plötzlich selbst zu Opfern. Ihre Existenz wird vernichtet. So wie überall gilt es zu differenzieren und einen kühlen Kopf zu bewahren. Gerade um das Leid der Menschen ernst zu nehmen. Das Leid aller Opfer in der Geschichte.

Schluss

Es bleibt festzuhalten, dass Dr. Lütz als praktizierender katholischer Christ natürlich seine Glaubensposition hat und immer ein Verteidiger seiner Kirche sein wird. Warum auch nicht? Wir verteidigen, was wir lieben und das ist erst einmal gut so. Streckenweise scheint er jedoch ein wenig „Protestanten-Bashing“ zu betreiben. Luther und die Protestanten kommen oft nicht gut weg. Aber wenn man genauer hinsieht, begrüßt Dr. Lütz sogar die gerade nach den überstandenen Schrecken und Verfolgungen der Nazizeit vorangetriebene Ökumene der Christenheit. Kaum eine andere Denomination hat sich in den vergangenen paar Jahren so selbstkritisch mit ihrer Geschichte auseinander gesetzt wie die katholische Kirche. Gerade im Reformationsjahr hätte ich persönlich mir dasselbe auch in stärkerem Maße noch für die protestantische Christenheit gewünscht. Statt eines großartig zelebrierten Luther-Musicals wäre es angenehm gewesen, etwas mehr die seltsamen Ansichten Luthers zu Juden, Hexen und Frauen zu betrachten und die Folgen, die diese Ansichten in der nachfolgenden Geschichte mitunter hatten… da gibt es noch einiges zu entdecken, was uns bis heute prägt. Nicht von ungefähr waren auch in der Zeit des Nationalsozialismus Protestanten eher zu begeistern als Katholiken. Und es ist bis heute so, dass ein unterschwelliger Sinn eigener Auserwähltheit manche Denomination gefährdet und empfänglich macht für den neuen Populismus…

Eine Haltung der Buße und Vergebungsbereitschaft und eine Haltung gegen den Menschen als wertvolles, gleichberechtigtes Geschöpf Gottes täte uns allen gut – gläubig oder nicht, katholisch, protestantisch oder atheistisch.

Aber – und damit schließt das Buch – es ist psychologisch schwierig für den einzelnen Menschen, seine eigenen, festgelegten Überzeugungen wieder und wieder in Frage zu stellen. Kein Mensch kann sich jeden Tag neu erfinden. Das wäre laut Dr. Lütz auch gar nicht gesund. Doch ein Prozess wirklicher Aufklärung, eine wissenschaftlich differenzierte Untersuchung angeblicher Tatsachen ist immer wieder ratsam.

Für mich selbst halte ich wie immer fest: ich mag die Vernünftigkeit katholischer Theologen. Ich mag Dr. Lütz, auch wenn er sicher nicht immer Recht hat. Aber wer hat das schon? Und ich will mir eine Offenheit im Denken bewahren, der eigenen Geschichte gewahr sein – auch der Geschichte meines eigenen Glaubens. Das schenkt Reichtum und es macht gnädig anderen gegenüber.

Ich will vom Anderen lieber annehmen, dass er „nicht fern vom Heil“ ist, als ihn pauschal zu verurteilen.

Klare Leseempfehlung!