Christus auf der Konradsburg – Was siehst du, wenn du etwas siehst?

Christus,
unter dir liegt die Schädelstätte, bezeichnet durch Totenkopf und Gebein.
Die ganze Welt ist eine Schädelstätte, voller Knochen und fleischloser Augenhöhlen,
die nichts sehen und gefüllt sind von schwarzem Tod und bodenlosem Nichts.
So thronst du über der Welt,
als Krönung aller Tode, die ein Mensch sterben kann.
Dein Leib gespannt und aufgekrampft,
die Arme ausgebreitet.
Ich fand schon immer, dass es eine Umarmung ist,
die Arme so weit und offen, dass Brust und Herz schutzlos liegen,
aber du kannst sie nicht schließen.
Der Tod hindert dich, sie zu schließen
und Johannes noch einmal an deine Brust zu nehmen.
Oder mich.
Und doch zieht es mich zwischen diese Arme.
Denn, was ich sehe, sagt mir, dass du es weißt.
Du weißt, dass ich manchmal müde bin
und wie zerrissen
und meine eigenen Arme nicht zur Ruhe falten kann,
dass ich aufgespannt bin und mich nicht ganz zu Hause fühle,
manchmal,
zwischen oben und unten,
zwischen Todes-Schädelstätte und Himmelsgewölbe.
Wer kann da jemals ganz zu Hause sein?
800 Jahre und vielleicht mehr hat dieses Holz gesehen.
Und irgendwann in dieser Zeit hat Christus sein Gesicht verloren.
War es in dem wütenden Ansturm auf die Feste,
dass ein Landmann dir das Gesicht abschlug?
Weil Bilder für das Unaussprechliche nicht sein dürfen?
Das Gesicht des Holzes abgeschlagen,
wie man einst den Menschen Jesus ins Gesicht schlug,
weil er Unaussprechliches und Unerhörtes tat und sagte.
Aber damit wurde ein neues Bild erschaffen:
Ein Christus ohne Gesicht.
Christus, manchmal kann ich dein Gesicht nicht sehen.
Zu einer Umarmung gehört doch ein Gesicht, das einen dazu einlädt.
Und dann sind da diese zwei Fenster,
die das Licht unter den ausgebreiteten Armen einlassen
in diesen traurigen Kirchenrest.
Stand da einmal ein Mönch, ein kleiner Mann,
der sich wie Johannes nach Ruhe an dieser Brust sehnte?
Weinte er, als du dein Gesicht verloren hast?
Weint irgendjemand,
weil du in dieser Welt so oft das Gesicht verlierst?
Denn wenn ich jetzt hinausgehe,
hinter die Fenster, ins Sonnenlicht,
dann ist da ein Gesicht,
dann sind da zwei Arme.
Mein Gesicht und meine Arme.
Christus redet immer noch,
und wer redet, hat ein Gesicht.
Mein Gesicht sieht die Welt, die Schädelstätte.
Und meine offenen Arme sieht die Welt
und versucht so oft, mein schutzloses Herz zu treffen.
Christus ist fortgegangen, voraus,
ins Licht hinter den Fenstern dieser Welt.
Und auch Johannes hatte bis nach Patmos Sehnsucht
nach der Umarmung seines Freundes.
Und als er das Gesicht des Christus sah,
da sah er es doch nicht,
weil da zu viel Licht war und das Gesicht selbst Licht war.
Aber jenseits der traurigen Kirche,
da bekommt Christus täglich sein Gesicht,
bis seine Liebe irgendwann
diese ganze Schädelstätte umarmt
und keiner mehr an Knochen denkt.

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