Lebendiger Glaube – Zeugnis zum ökumenischen Pfingstgottesdienst 2018

Längere Zeit habe ich überlegt, ob ich diesen kurzen, persönlichen Abriss online stellen soll… und dann dachte ich: ?so what? Es ist ja auch öffentlich vorgetragen worden und das hier ist immer noch mein Blog – also wer darüber stolpert, muss damit klar kommen 😀

 

Was macht meinen Glauben lebendig?

   Wie macht mein Glauben mich lebendig?

 

Zeugnis zum ökumenischen Pfingstgottesdienst in Quedlinburg 2018

 

   Lebendiger Glaube, also ein Glaube, der sichtbar wird, im Alltag gelebt wird. Wie sieht der aus und wie funktioniert das? Als fromme Christen, sozusagen fast schon „alte Hasen“, was christliche Fragen und Antworten betrifft, scheint die korrekte Antwort wohl: Der Heilige Geist, der in uns ist, befähigt uns, unseren Glauben zu bezeugen, ihn zu leben. Das ist es ja, was wir heute gemeinsam, in der Ökumene, in einem Geist also, feiern. Dass Gott uns seinen Geist geschenkt hat. Aber das reicht nicht. Es ist Gottes konkrete Frage an mich: „Wozu bewegt dich mein Geist? Worin erfährst du mein Bei-dir-sein? Worin sehen es die anderen um dich herum?“

   Ich habe lange nachgedacht, wie und wann ich das letzte Mal das ganz konkrete Wirken des Heiligen Geistes, der lebendig macht, in meinem Leben erfahren durfte. Und vor meinen Brüdern und Schwestern im Glauben kann und darf ich ehrlich reden: Ich habe das lebendige Wirken Gottes dort erlebt, wo am wenigsten Leben zu erwarten war. Am Totenbett meines Großvaters.

   Der Vater meiner Mutter trat durch besondere Umstände, die Trennung von BRD und DDR betreffend, erst in mein Leben, als ich fast 11 Jahre alt war und er verließ mein Leben und diese Welt, als ich fast 33 Jahre alt war. 22 Jahre lang habe ich an diesem Mann und seinem Charakter gelitten, wie auch meine ganze Familie. Er war ein typisches, in den Wirren der Nachkriegszeit aufgewachsenes Kind. In Ruinen gespielt, auf der Flucht gewesen, als Ältester für die Geschwister gesorgt, bis der Vater endlich heim kam, die Mutter psychisch am Ende, der Vater auch nicht unbeschadet aus dem Krieg gekommen. So ein Mensch startet nicht einfach ins Leben wie alle anderen. Das hinterlässt Spuren. In der eigenen Seele und in den Seelen derer, die mit diesem Menschen zusammen leben.

   Es ist eine lange Geschichte, die ich hier kurz machen will. Meine gesamte Jugendzeit hindurch habe ich diesen Mann sozusagen „ertragen“ müssen. Er war ein Mensch, der es nicht ertragen konnte, wenn andere fröhlich waren und seine aktuellen Probleme für einen Moment vergaßen. Er konnte es auch nicht ertragen, wenn andere traurig waren und litten, weil dies sein eigenes Leiden scheinbar geringer machte. Überhaupt konnte er es kaum verkraften, wenn einer über sich selbst erzählte und wie es ihm oder ihr gerade ging. Dann wurde er selbst plötzlich zu einer Randfigur des Geschehens, weil die Aufmerksamkeit nicht mehr um ihn kreiste. Und es gibt ja täglich solche Augenblicke. Ein gesunder Mensch erträgt es, nicht ständig der Mittelpunkt des Geschehens zu sein. Es ist normal, einer unter anderen zu sein und die Aufmerksamkeit zu teilen. Aber nicht für meinen Großvater. Das bedeutete, es gab täglich unerträglich lautes Gebrüll und handfeste Drohungen. Nicht nur einmal schloss ich mich nachts in mein Zimmer ein, weil er uns und sich selbst mit dem Tod drohte. Sieben Jahre lang tagtäglich Angst und Geschrei und Drohungen. Davor konnte man nur fliehen. Auf dieser Flucht traf ich – Gott sei Dank – die richtigen Leute, die mir von einem Gott erzählten, der mich liebt und nicht ständig zornig ist, wenn ich etwas nicht ganz korrekt mache.

   Irgendwann löste sich diese bedrohliche Situation auf. Zu dem Zeitpunkt hatte ich Christen kennengelernt, die mir sagten: „Wir beten, dann hört es auf.“ Ich konnte das nicht glauben, aber es war so. Eines Nachts stand die ganze Familie draußen, während mein Großvater im inneren des Hauses tobte und Gegenstände zerstörte. Er hatte es geschafft, uns aus dem eigenen Heim zu treiben. Es war der Höhepunkt der Scheußlichkeiten, aber auch der Wendepunkt, der ihm deutlich machte, dass es an der Zeit war, sich eine eigene Bleibe zu suchen. Er zog aus und wir hatten alle eine Weile Ruhe. Doch was er uns durch seine Gegenwart angetan hatte, blieb als Wunde in unserer Familie und trieb mich mit Erreichen der Volljährigkeit schnell hinaus.

   Es dauerte fast fünf Jahre, ehe sich die Beziehungen unter uns allen beruhigt hatten. Mittlerweile war ich verheiratet, hatte Heimat in Hauskreisen und in einer Gemeinde gefunden, sogar einen Job, der mich glücklich stimmte. Gute Geschenke eines guten Gottes. Und gerade als ein Großteil meiner eigenen Wunden geheilt war und ich sogar den Rat einiger Geschwister befolgt hatte, Vergebung zu üben, also meinem Großvater zu vergeben und eine einigermaßen normal-neutrale Beziehung zu ihm zu suchen, setzte Gott noch etwas hinzu, was ich nicht ertragen konnte.

   Mein Großvater verfiel zusehends in seinem Verstand. Eine schwere Alzheimer-Erkrankung mit zusätzlicher Altersdemenz löste seine ohnehin traurige Person noch weiter auf. Und auf Grund der Tatsache, dass wir beide in Quedlinburg wohnten, fiel mir die Aufgabe zu, auf ihn zu achten. Nun, ich hätte eigentlich gar nichts tun müssen. Ich hatte keinerlei Verpflichtung, weder verwandtschaftlich, da ja genug Kinder da waren, noch moralisch, denn das Konto war sozusagen ausgeglichen, noch wirklich geistlich. Denn das Mindeste hatte ich ja getan – ihm vergeben. Reichte das nicht? Es reichte nicht. Und das – das ist das Wirken des Heiligen Geistes, der uns Fähigkeiten gibt, die wir selbst nicht haben.

   Ich wusste es einfach. Ich musste mich kümmern, obwohl ich nicht musste. Dagegen war nichts zu machen. Immer wieder fragte ich Gott: „Warum? Warum werde ich diesen Mann nicht los? Warum schickst du ihn mir wieder und wieder über den Weg mit immer neuen Übeln? Gottes Antwort war tief in meinem Herzen hörbar „Ich habe diesen Mann zu euch geschickt, weil ihr die Einzigen seid, die sich um ihn kümmern können und ihm noch ein kleines Stück Liebe schenken könnt. Es war nie so gedacht, dass er zu euch kommt und ein guter Mensch ist, sondern, dass er zu euch kommt und ihr gut zu ihm seid.“

   Das war hart. Und ich habe oft versagt und war nicht immer so geduldig, wie ich hätte sein müssen, aber irgendwann hatte Gottes Geist mich soweit, dass ich beten konnte: „Herr, ich weiß, es geht zu Ende mit diesem Mann. Bitte sprich zu seinem Herzen und schenke ihm den Frieden, den er nie haben durfte. Und bitte, lass ihn nicht allein und verwirrt sterben. Ich will bei ihm sein, er soll nicht allein und un-getröstet gehen.“ Das ist ein Gebet, was ich nie freiwillig gebetet hätte, wenn nicht ein Geist in mir mich dazu gebracht hätte. Gottes Geist, der durch uns Dinge betet und tut, die wir nicht können.

   Und solche Gebete erhört Gott. Ich durfte zusammen mit meiner Mutter an Weihnachten 2016 am Bett meines Großvaters sitzen. Sein Körper hatte aufgegeben und sein Verstand hatte aufgegeben, aber sein Inneres war noch da und kämpfte. Und wir hielten seine Hände und als er den letzten Atemzug tat, konnte ich wortwörtlich sagen: „Auf Wiedersehen. Zwischen uns ist alles gut. Ich bin dankbar. Ich hab dich lieb.“ Und ich meinte, was ich sagte, weil Gottes Geist mich dahin gebracht hat. Und nur Gottes Geist befähigt uns zu einer Liebe, die über uns selbst hinaus geht und uns den Himmel öffnet. Uns und anderen. Das wünsche ich uns allen, wieder und wieder.