Lasst sie alle sterben!

Lasst sie alle sterben!

Nie hätte ich gedacht, dass man eines Tages dazu aufgefordert wäre, die Rettung von Menschenleben argumentativ zu verteidigen. Bisher war ich wohl sehr naiv, daran zu glauben, dass es eine natürliche, selbstverständliche Gegebenheit ist, dass das Leben eines Menschen immer ganz exakt so viel wert ist wie das Leben eines anderen Menschen. Dass man Menschenleben nicht gegen Menschenleben aufwiegen, messen und aufheben kann. Und selbst wenn es erznationalistische Hardliner (ich sage extra nicht Nazis!) anders sehen, bin ich doch – wiederum völlig naiv – davon ausgegangen, dass zumindest dieser Grundsatz etwas ist, das alle christlichen Denominationen miteinander teilen. Die Unaufhebbarkeit des Wertes und der Würde eines Menschenlebens, weil wir in Christus den wahren Menschen sehen und in jedem Menschen den Christus, der durch unsere Zuwendung zum Leben erweckt werden soll. Die Liebe Gottes, in Christus offenbart, die einen Menschen dazu befähigt, wirklich und wahrhaftig ganz Mensch zu sein und im Anderen ebendiesen wirklichen und wahrhaftigen Menschen zu sehen.

Ich lag falsch. Offensichtlich muss man wieder darauf hinweisen, dass ein Menschenleben wertvoll und schützenswert ist. Offensichtlich muss man wieder darauf hinweisen, dass es gut und richtig ist, ein Menschenleben zu retten, sofern man vor Ort und dazu in der Lage ist. Mit allen Mitteln und vorbehaltlos. Offensichtlich muss man es den eigenen Glaubensgeschwistern wieder deutlich machen, dass „unser Herr Jesus“, wie die ganz Frommen es weihräuchernd vor sich hin murmeln, ALLE Menschen meinte und jeden Menschen gleich meinte. Der Mensch – nackt und bloß und bedürftig vor Gott – und darin jeder dem anderen gleich. Der Christ, ebenso bedürftig wie jeder andere Mensch und den Menschen, die sich nicht Christen nennen, nur insofern voraus, dass er oder sie um diese Liebe WEISS und sich der verändernden Kraft dieser Liebe hingegeben hat, um andere in diese Liebe hinein-zu-lieben. Christus starb für uns, als wir noch nichts von ihm wussten. Das ist unsere Botschaft. Gott liebt dich – lass dich lieben – und lass dich durch diese Liebe verändern.

Unsere Botschaft ist nicht: Meine Nation zuerst! Das ist Nationalismus und nicht Christentum. Unsere Botschaft ist nicht: Lasst die Menschen auf der Flucht sterben, dann wird der Geruch ihres Todes andere davon abhalten zu fliehen. Das ist Zynismus. Schlimmer! Ich sage, was ich darüber denke: Es ist das pure Böse, so zu denken! Es ist das ganz genaue Gegenteil von dem, was „unser Herr Jesus“ uns lehrte. Wenn etwas als teuflisch und satanisch bezeichnet werden kann, dann diese menschenverachtende, ja in diesem Sinne eben widergöttliche Haltung!

Zur Erinnerung im Wortlaut der Elberfelder Übersetzung das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37):

25 Und siehe, ein Gesetzesgelehrter stand auf und versuchte ihn und sprach: Lehrer, was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu erben?

26 Er aber sprach zu ihm: Was steht in dem Gesetz geschrieben? Wie liest du?

27 Er aber antwortete und sprach: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten wie dich selbst.“

28 Er sprach aber zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu dies, und du wirst leben.

29 Indem er aber sich selbst rechtfertigen wollte, sprach er zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?

30 Jesus aber nahm das Wort und sprach: Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Räuber, die ihn auch auszogen und ihm Schläge versetzten und weggingen und ihn halb tot liegen ließen.

31 Zufällig aber ging ein Priester jenen Weg hinab; und als er ihn sah, ging er an der entgegengesetzten Seite vorüber.

32 Ebenso aber kam auch ein Levit, der an den Ort gelangte, und er sah ihn und ging an der entgegengesetzten Seite vorüber.

33 Aber ein Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt;

34 und er trat hinzu und verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf; und er setzte ihn auf sein eigenes Tier und führte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn.

35 Und am folgenden Morgen zog er zwei Denare heraus und gab sie dem Wirt und sprach: Trage Sorge für ihn! Und was du noch dazu verwenden wirst, werde ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.

36 Was meinst du, wer von diesen dreien der Nächste dessen gewesen ist, der unter die Räuber gefallen war?

37 Er aber sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm übte. Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin und handle du ebenso!

Heute sind die Gesetzeslehrer, Priester und Leviten all die Frommen in den sogenannten „bibeltreuen“ Gemeinden, die Beifall klatschen und jubeln, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken. Ja, das tun sie! Ich habe es in unzähligen Kommentaren im Netz gesehen und bin immer noch fassungslos und so erbost darüber, dass ich mich zu diesem Text hinreißen lasse… All die erzkonservativen, christlich-traditionellen Politiker, die sich über Abschiebungen freuen und Kreuze aufhängen… „Gesetzesgelehrte“, die „Recht und Gesetz“ durchsetzen wollen (diese Ähnlichkeiten!)… Heute sind die Samariter alle Helfer auf Booten, die Menschen vor dem Ertrinken retten, sie medizinisch versorgen, ihnen Wasser zu trinken geben und sie auf sicheren Boden bringen. Im Gleichnis ist der Mensch, der unter die Räuber fiel, weder ein Samariter noch ein Jude. Er ist nichts weiter als ein Mensch. Ein nackter, bedürftiger, hilfloser Mensch. Heute ist es jeder, der Hilfe braucht und dessen Leben in Gefahr ist. Und es spielt absolut keine Rolle, zu welchem Gott dieser Mensch betet und welche Hautfarbe er hat und ob er in seinem Leben ein guter oder fleißiger Mensch gewesen ist. Er ist einfach Mensch. Und das genügt, um ihn dazu zu qualifizieren, dass man ihm hilft.

Jesus sagt oft „Irrt euch nicht.“ Irrt euch nicht: das ewige (nämlich das wahre und göttliche) Leben hat der Barmherzige. Als das Gleichnis gesprochen wurde, gab es keine „Christen“. Der Barmherzige hat Zugang zum Himmelreich, weil der Barmherzige ist wie Gott selbst, denn Gott ist barmherzig. Wer das nicht verstanden hat und Menschen den Tod wünscht, der ist vom Himmelreich so weit entfernt wie der Abend vom Morgen.

Bayern ist nicht das Paradies. Deutschland ist nicht das Paradies. Europa ist nicht das Paradies. Das Paradies ist dort, wo der Samariter dem nackten Halbtoten hilft. Das Paradies ist dort, wo Jesus am Kreuz, blutend und sterbend und voller Schmerzen, einem anderen sterbenden Mann, der ihn nur bittet, an ihn zu denken, zusichert, dass er das Paradies erlangen wird. Einfach weil er als Mensch nackt und bloß und bedürftig ist und in diesem Bewusstsein um Hilfe bittet. Das ist das Einzige, was uns zum Paradies befähigt – dass wir vor uns selbst und vor Gott zugeben, dass wir nackt und bloß und bedürftig sind. Und dass wir uns über den anderen, der ebenso nackt und bloß und bedürftig ist, erbarmen. Das ist die ultimative Qualifikation! Das ist Menschsein! Das ist der Sieg über das Böse!