Tod und Kater – Sterben in Kirschblüten
Buchbesprechung zu:
„Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“
Roman von: Genki Kawamura
übersetzt aus dem Japanischen von: Ursula Gräfe
2012, Tokyo – 2018, München – Bertelsmann, gebunden, 190 Seiten
Warum so viele Bücher asiatischer Autoren mit Kirschblüten verziert werden müssen, erschließt sich mir nicht, aber der Tod lässt sich wahrscheinlich einfacher in Türkis und Rosé verkaufen als in Schwarz – wie das Buch unter dem Schutzumschlag.
Denn der 30jährige Briefträger in dieser Geschichte wird in einer Woche sterben. Hirntumor im Endstadium. Mit dieser Diagnose beginnt für den jungen Mann eine Woche der umgekehrten Schöpfungslogik. Er hat sieben Tage Leben vor sich. Doch als er zu Hause ankommt, wartet nicht nur sein Kater Weißkohl auf ihn, sondern der Teufel. Er sieht aus wie der Doppelgänger des Sterbenden, trägt grelle Hawaii-Hemden und eröffnet ihm, dass er gar keine Woche mehr hat, sondern gleich am nächsten Tag sterben wird. Es sei denn…
Der Teufel schlägt ihm einen Deal vor. Für jeden weiteren Tag Leben muss eine Sache aus der Welt, die Gott geschaffen hat, verschwinden. Der Haken – denn beim Deal mit dem Teufel gibt es immer einen Haken: Es ist der Teufel, der entscheidet, welche Sache das sein wird. Denn er hat selbst einen Deal mit Gott. Der eine hat die Welt erschaffen, der andere will Dinge von ihr auslöschen. Es folgen sieben Anti-Schöpfungstage.
Während der Anfang des Buches ziemlich schnell zur Tür hereinplatzt und sich trotz der dramatischen Du-wirst-sterben-Nachricht zuweilen eine heitere Albernheit einstellt, ist der Teufel eben nicht ganz so, wie man es sich vorstellt. Man erwartet, dass er den Sterbenden quält und ihm Dinge raubt, deren Fehlen ihn schließlich zur völligen Verzweiflung treiben. Der Teufel ist hier aber eher ein Lust-und-Laune-Sunnyboy mit Sonnenbrille – und ziemlich wankelmütig. Nachdem er die Schokolade, die er eigentlich aus aller Welt verschwinden lassen wollte, selbst probiert hat, entscheidet er sich schnell um. Nein, doch nicht. Schokolade ist toll.
Wir folgen nun den einzelnen Wochentagen vom Montag, an dem die Diagnose gestellt wird, über den Dienstag, an dem die Telefone verschwunden sind, dem Mittwoch, an dem die Filme verschwunden sind, dem Donnerstag, an dem die Uhren verschwunden sind, bis zum Freitag, an dem die Katzen verschwinden sollen. An dieser Stelle verweigert sich der Briefträger dem Teufel, erhält für den Samstag einen Aufschub zur endgültigen Entscheidung, um dann am Sonntag dem unvermeidlichen Schicksal entgegenzugehen. Denn die Todesrate unter den Menschen beträgt nun einmal 100 Prozent.
Soweit, doch so vorhersehbar. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Denn jede Sache, die der Teufel verschwinden lässt, ist mit einer Person im Leben unseres Todeskandidaten verbunden. Seine erste, große Liebe, die aus seinem Leben verschwand, weil sie sich außer am Telefon nichts zu sagen hatten. Sein bester Freund aus Schultagen, der ihn zum Cineasten machte. Seine Mutter, die eine Katze rettete und dann selbst unrettbar an Krebs starb. Sein Vater, der Uhrmacher, dem er gar nichts mehr zu sagen hat. Und dann ist da der Kater, mit dem der Briefträger seine Wohnung teilt. Erst als er sich weigert, ihn verschwinden zu lassen, entdeckt er, wie die Dinge und Menschen in seinem Leben zusammenhängen und was das über ihn selbst aussagt. Erst als er mit seinem Kater spazieren geht und die Welt wahrnimmt wie dieses Tier – einfach so wie sie ist – weiß er, was er tun muss.
So sind es die Katzen im Leben des Todkranken, die ihm etwas ganz Wesentliches offenbaren. Eigentlich drei Dinge. Nämlich, dass es Menschen gibt, die in ihm das Besondere sehen, weil sie ihn lieben. Dass es Menschen und Dinge gibt, die ihn selbst als Mensch definiert haben. Er hat sie in seinem Leben gebraucht. Und schließlich, dass es Menschen und Lebewesen gibt, die ihn gebraucht haben und brauchen. Dass er seinen Platz in dieser Welt hatte, seinen eigenen, kleinen Platz im Leben anderer. Er war selbst sein eigener Teufel, der ihn am Leben gehindert hat und der schwarz-weiß-graue Kater rettet schließlich seine Seele.
Auch wenn für meinen Geschmack der Stil ziemlich „holter-di-polter“ daherkommt, ist „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ ein wunderbares, kleines Memento Mori. Wer in dem Buch nach Antworten zum Sinn des Lebens und dem Großen und Ganzen und dem Jenseits sucht, ist an der falschen Adresse. Hier geht es einzig darum, was dem Leben vor dem Ableben Bedeutung gibt. Das genügt völlig für ein Buch dieser Art. Es ist ein herzerwärmendes Trostbuch und eignet sich auch als besonderes Geschenk für Freunde (und natürlich Katzenliebhaber!). So gesehen kann man sich auch mit dem Klischee der Kirschblüten auf dem Cover anfreunden. Schöner kann man eine Geschichte über den unvermeidlichen Tod nicht verpacken.
Mein Fazit: empfehlenswert, amüsant, tröstlich und ein Schnell-Leser kann es in zwei Stunden mit Gewinn aufnehmen.


Hinterlasse einen Kommentar