Die Macht der Türme – Die Bedeutung von King´s Dark Tower in meiner Welt der Bücher
Buchbesprechung zu:
Der Dunkle Turm (The Dark Tower)
von Stephen King
veröffentlicht zwischen 1982 – 2004
(Lektüre zu diesem Beitrag: Britische Paperbackausgabe von 2012, teilweise Neuauflagen von 2017, Hodder & Stoughton)
8 Bände:
The Gunslinger (deutscher Titel: Schwarz)
The Drawing of the Three (deutscher Titel: Drei)
The Waste Lands (deutscher Titel: Tod)
Wizard and Glass (deutscher Titel: Glas)
Wolves of the Calla (deutscher Titel: Wolfsmond)
Song of Susannah (deutscher Titel: Susannah)
The Dark Tower (deutscher Titel: Der Turm)
The Wind Through the Keyhole (deutscher Titel: Wind) – nachträglicher Band, chronologisch einzuordnen zwischen Wizard and Glass und Wolves of the Calla
Ein heißer Sommer hat es unmöglich gemacht, längere Zeit am Rechner zu verbringen, um Beiträge zu schreiben, darum habe ich daraus einen Lesesommer für ein größeres Werk gemacht. Wenn die Abende und Nächte zu heiß zum Schlafen sind, liegt es sich hervorragend auf dem Bett unter dem Deckenventilator, um zu lesen. Während um mich herum die Welt zu verglühen scheint, gehe ich mit dem Gunslinger Roland (auf Deutsch der „Revolvermann“ Roland) durch eine Wüste, die die Verkörperung aller Wüsten ist („The desert was the apotheosis of all deserts…“).
Es ist einer der besten Eröffnungssätze, den die (post)moderne Fantasy-Literatur hervorgebracht hat: „The man in black fled across the desert, and the gunslinger followed.“ Der Mann in schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm. Ort, Situation, Protagonist, Antagonist und Handlungsrichtung in nur einem Satz, der den Leser mitten in die Geschichte zieht. Technisch perfekt. Wie auch das gesamte erste Buch der Reihe, das Stephen King wohl im Alter von 19 Jahren begonnen hat zu schreiben. Zumindest stammt die Inspiration zu dem Buch und der Reihe aus dieser frühen Zeit: Das Gedicht von Robert Browning „Childe Roland to the Dark Tower Came“.
Eine ganze Welt entsteht aus jenem Satz, ohne dass jedes Detail erklärt wird. Überhaupt nichts wird erklärt. Die Dinge und Situationen sind wie sie sind und machen hungrig nach mehr. Die Handlung wird rückwärts erzählt, dann wieder nach vorne aufgerollt. Die Hauptperson wird geliebt und gehasst zugleich, beängstigend plastisch unter einer gleißenden Sonne. Unvollkommen ist dieses Buch, obwohl bemühtes Handwerk. Auch die revidierte Version bleibt das Werk eines jungen Genies am Anfang seines Weges. Der frühe Wurf eines begnadeten Geschichtenerzählers.
Im Grunde genügt es zu wissen, was wir im ersten Satz erfahren. Roland folgt seinem Feind, dem Mann in Schwarz. Er muss ihn erreichen. Um jeden Preis. Und als er ihn erreicht, opfert er für dieses Ziel seine Seele. Er lässt den Jungen, den er begonnen hat zu lieben, sterben. Stephen King äußert sich in seinen Vor- und Nachworten der einzelnen Bände zu diesem Roland als einer Figur, vor der er selbst sich plötzlich gefürchtet hat. Lange Zeit ruhte die Geschichte und der Dunkle Turm, das eigentliche Reiseziel dieses geheimnisvollen Roland, eine Art Clint-Eastwood-Western-Verschnitt, blieb ein vager Schatten.
Wie damals, als ich zwischen 13 und 14 Jahre alt war und mich furchtbar mutig fand, weil ich verbotenerweise ein Buch von Stephen King aus der Bibliothek lieh, zog mich dieser Turm an. Zog mich Roland in seine Welt und seine Geschichte.
a) Türme im Allgemeinen
Der Dunkle Turm ist nicht neu. Er ist ein Platzhalter, ein Sinnbild, beinahe so etwas wie ein Archetyp – Urbild menschlicher Erfahrung. Der früheste Turm von dunkler Art, den viele kennen, ist jener, der in der biblischen Erzählung zu Babel gebaut wird (1. Buch Mose, Kapitel 11). Es ist unerheblich, ob sich die Geschichte genauso zugetragen hat, denn sie ist auf einer tieferen Ebene wahr und groß. (Siehe mein Beitrag https://beatricegriguhn.wordpress.com/2017/03/31/turmbau/ ) Babel / Babylon ist das biblische Symbol für die Weltsysteme und ihre Beherrscher durch alle Zeitalter der Menschheit hindurch. Der Turm ist zentraler Sammelpunkt dieser Macht und ihres Einflusses. Wenn die Götter auf Bergen wohnen, so bauen sich die Menschen hohe Türme als Zeichen ihrer Herrschaft. Je höher der Turm, desto konzentrierter die Akkumulation von Besitz, Einfluss, Wissen, Macht. „Nichts wird ihnen unmöglich sein“, spricht Gott in der Geschichte, wenn die Menschen ihren Turm zu Ende bauen könnten. Und so wird das Streben nach Macht, gesammelter Macht, immer etwas Dunkles, Zerstörerisches.
Wenn wir noch eine Weile in der Sphäre biblischer bzw. christlicher Symbolik bleiben, stoßen wir auf eine seltsame Geschichte aus dem angeblichen Nachlass von C. S. Lewis. Auch dieser berühmte Apologet des Christentums im 20. Jahrhundert hat sich im Bereich der Fantasy und Science Fiction versucht. Nicht vielen sind seine drei Bände der sog. „Space Trilogie“ bekannt, in denen ein Professor Ransom alternative, belebte Versionen von Mars und Venus besucht und zum Schluss einen Kampf gegen das Böse auf dieser Erde austrägt, der in beängstigender Weise all das dunkle Machtstreben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelt. Nach dem Tod (1963) von C. S. Lewis hat Walter Hooper 1977 einige Fragmente aus dessen Nachlass veröffentlicht, unter anderem „The Dark Tower“, in dem eine Gruppe Wissenschaftler mit Hilfe eines „Chronoskops“ in eine Welt namens „Othertime“ blickt und versklavte Menschen unter dem Einfluss eines bösartigen Mannes namens „Unicorn“ („Einhorn“ – er trägt ein Horn auf der Stirn – eine Andeutung apokalyptischer Symbolik aus dem Buch der Offenbarung des Johannes, wo das Horn immer für die Macht und Kraft eines weltlichen, antigöttlichen Herrschers steht) einen dunklen Turm errichten. Es steht in Zweifel, ob C. S. Lewis dieses Fragment überhaupt geschrieben hat. Bis heute wird dieses Thema in der Forschung zu Lewis und seinem Werk heftig diskutiert.
Es gibt keinerlei Hinweise dazu oder Aussagen von Stephen King selbst, die eine Verbindung zu diesem Fragment beweisen könnten, aber die Koinzidenzen sind bemerkenswert. 1977 veröffentlichte Hooper die Fragmente. 1978 veröffentliche King das erste Kapitel „The Gunslinger“ im „Magazine of Fantasy & Science Fiction“. Es gibt in Lewis Fragment einen Dunklen Turm und ein Chronoskop, das zumindest optischen Zugriff auf alternative Realitäten bietet, zahlreiche Zeitlinien, die scheinbar nebeneinander existieren und sich überschneiden können. In Stephen Kings Werk um den Turm gibt es zahlreiche Türen und Zugänge zu anderen Welten und Zeiten auf verschiedenen Ebenen oder Achsen des Turmes, die nebeneinander her laufen und sich auch überschneiden und gegenseitig beeinflussen können. Die Tür zu einer anderen Welt ist zumindest aus C. S. Lewis Chroniken von Narnia hinlänglich bekannt. Es gibt weiterhin „Weiße Reiter“ („White Riders“) in Lewis Fragment, die einen Krieg gegen diesen Bösen namens „Unicorn“ entfesseln. In Stephen Kings Welt sind die Revolvermänner die Weiße Kraft aus der Linie König Arthus, die gegen den Scharlachroten König und seine Anhänger steht. Kurz: „The White“. Auch in C. S. Lewis drittem Band der Space Trilogie („That Hideous Strength“) spielen die Legenden um König Arthus eine entscheidende Rolle im Kampf gegen das Böse. Diese Überschneidungen erscheinen mir als zu gehäuft, um zufällig zu sein, aber es gibt wie gesagt keine konkreten Aussagen dazu – weder von Stephen King, noch von Menschen, die sich mit seinem Werk beschäftigt haben, noch von einschlägigen Fanseiten oder Fangruppen im Netz. Es ist eine persönliche Vermutung, die von einem weiteren Zufall gewürzt wird. C. S. Lewis starb am 22. November 1963 – an genau demselben Tag, als das Attentat auf Präsident Kennedy verübt wurde. Dieses Attentat spielt auch in Stephen Kings Werk eine große Rolle. Das Datum taucht als Reiseziel an einer der Türen in die alternativen Welten und Zeiten auf und King hat dem Ereignis ein ganzes Buch gewidmet. In der Welt der Bücher, wenn man sie wie eine Welt paralleler Realitäten betrachtet, gibt es Zugänge zwischen den einzelnen Werken verschiedener Autoren und Zeiten. Sie können zufällig sein oder bewusst von einer Seite aus geschaffen. Alles ist möglich. Und literarisch verarbeitete Archetypen tauchen unabhängig voneinander in verschiedenen Fiktionen auf.
In jedem Fall aber ist die Welt Tolkiens eine wesentliche Inspirationsquelle für Stephen King gewesen. Der Herr der Ringe wird mehrere Male in den Bänden erwähnt, auch als ein bestimmender Teil im Leben einer der Hauptfiguren, Eddie Dean. Da Tolkien und Lewis miteinander befreundet waren und in der Gruppe der Inklings in Oxford zeitweise einen regen Austausch über ihre fiktiven Werke hatten, ist anzunehmen, dass sie sich gegenseitig inspirierten und auch das Fragment „Der Dunkle Turm“ auf diesen Einfluss zurückgeht. In jedem Fall gibt es zwei dunkle Türme in J. R. R. Tolkiens Mittelerde. Da ist einmal Barad-dûr, der Sitz des Auges von Sauron, der die Welt in Dunkelheit stürzen will. Mit ihm verbündet hat sich der verräterische Zauberer Saruman, der in seinem eigenen schwarzen Turm, dem Orthanc, sitzt. Wir haben hier einen bösen König, der einen bösen Zauberer für seine Zwecke nutzt. Ebenso nutzt der Scharlachrote König – der „Crimson King“ – in der Welt des Revolvermannes Roland – die Dienste des Zauberers Marten, der am Hof in Gilead (der Heimat Rolands, dem alten Sitz der Linie aus dem Geschlecht von Arthus) Einfluss zu nehmen suchte. Er ist es, den der Gunslinger zu Beginn der Geschichte verfolgt und stellen will, um Antworten zu bekommen. Nur ist in dieser Geschichte der Dunkle Turm eine Kraft, die alle Welten und Zeiten zusammen hält. Über diesen Ort und diese Kraft will der Scharlachrote König Gewalt nehmen, sie zerstören und aus der daraus entstandenen Dunkelheit alles neu erschaffen.
Doch die eindeutigste und von Stephen King direkt erwähnte Quelle der Inspiration ist das Gedicht von Robert Browning „Childe Roland to the Dark Tower came“. Der Ritter Roland kam zum Dunklen Turm. Es ist sogar am Ende des letzten Bandes abgedruckt. Wesentliche Bildelemente in den einzelnen Romanen stammen daraus, sowie der Name des besten Freundes des jungen Roland: Cuthbert.
Letzte, deutlich auszumachende Quelle sind die Western von Sergio Leone, die in der Hauptrolle Clint Eastwood zeigen. Wer einmal den Film „The Good, The Bad, And The Ugly“ („Zwei glorreiche Halunken“) gesehen hat, der weiß, woher Stephen King die fantastischen Bilder für Rolands Wüstendurchquerung und sein markantes Äußeres hat. Roland Deschain ist eine noch viel härtere, brutalere Version des Revolverhelden, den Eastwood verkörpert. Die Atmosphäre der blutigen Italowestern ist die Dekoration für die Welt des Dunklen Turms. Der Inhalt freilich ist wesentlich anspruchsvoller und enthält – auch wenn Stephen King selbst diesen Begriff verabscheut, wie er in einem seiner Beiworte schreibt – zahlreiche, interessante Metaebenen.
Roland Deschains Dasein als Revolver schwingender Held wird gekreuzt mit der ehernen Ritterlichkeit aus den Arthus-Legenden und einer nahezu antik-mittelalterlichen Suche nach Erlösung und Reinigung in einer Art Dante-Vorhölle oder Sisyphus-Hades, verkörpert durch eine sterbende, durch Mutanten bevölkerte Welt, in der die Reste der hochtechnisierten Zivilisation der sog. „Großen Alten“ („The Great Old Ones“) nach einem Jahrhunderte zurückliegenden Supergau ein unheimliches Eigenleben fortführen. Zu dem Wesen der Suche Rolands nach dem Dunklen Turm als einer Art Purgatorium später mehr. Nun wieder zurück zum Anfang.
b) Leben und Lesen
Das hier ist keine eigentliche Buchbesprechung oder Rezension. Hier geht es eher um eine persönliche Lese-Erfahrung und eine subjektive Interpretation. Außerdem: wer zu arg spoilert, kommt vermutlich in eine Art Vorhölle für Blogger…
Nicht alles in einer Kindheit und Jugend ist ermutigend und aufbauend und im Rückblick ist man doch erleichtert, dass man seine eigene Pubertät überstanden hat. Ich kann Leute, die sich in diese Zeit der teilweisen Verunsicherung und emotionalen Achterbahnfahrten zurücksehnen, schwer verstehen. Aber man wird im Rückblick dankbar für die Dinge, die einen geprägt und Halt gegeben haben. Im Erwachsenen-Alter kommt man manchmal darauf zurück. Entweder hat man dann nur noch ein müdes Lächeln dafür übrig oder es schließt sich ein offener Kreis. Es sind die Augenblicke, in denen man die eigene Identität so deutlich wahrnimmt wie sonst nie. Als „guter Christ“ sollte ich vielleicht sagen, dass die Entdeckung der Bibel zwischen meinem 15. und 16. Lebensjahr den Hauptteil meiner Erbauung und Reife bedeutet hat, doch das wäre nur ein Teil der Wahrheit. So seltsam es klingt: Stephen King war lange Zeit ein Seelentröster für mich. Über die Gründe habe ich lange nachgedacht und bin zu folgenden Schlüssen gelangt:
Auch wenn Stephen King sicher kein Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur ist und viele seiner Bücher ganz offensichtliche Schwächen und unnötige Längen aufweisen, ist und bleibt er ein begnadeter Geschichtenerzähler, der es versteht, einen Spannungsbogen zu bauen und zu halten. Und was gibt es manchmal tröstlicheres als eine spannende Geschichte, die einen aus der Kälte der realen Welt davonträgt?
Der für Viele so verstörende, krasse Horror in seinen Werken hat mir damals mit 12 oder 13 Jahren keine bösen Träume beschert. Es hatte seinen Reiz, etwas zu lesen, das mir eigentlich verboten war. Im Gegensatz zu CD-Hüllen oder DVD-Hüllen wird auf Buch-Cover kein gesetzlicher Hinweis für eine Altersbeschränkung gedruckt. Und so genau hingesehen hat damals niemand. Also war es mir möglich, die Bibliothek meiner Mutter zu durchstöbern und später dann einen Titel nach dem anderen aus der örtlichen Bibliothek nach Hause zu tragen. Heute bei der Flut an Jugend- und Kinderliteratur, die nach meiner Erfahrung auch fleißig gekauft wird, nur schwer vorstellbar. Die Tatsache ist, dass der fiktive Horror in den Büchern größer war als jeder reale Horror, den man als Teenager durchmachen konnte. Das ist durchaus tröstlich in diesem egozentrischen Alter.
Was jedoch entscheidender ist als der Horror und das ganze Bestseller-Flair um Kings Bücher, sind die Werte, die sie vermitteln. Was? Werte!!? Ja, es gibt drei entscheidende Dinge, die Kings Geschichten vermitteln.
Erstens eine echte Toleranz. Es spielt keine Rolle, ob die Hauptfiguren Männer oder Frauen oder Kinder oder schwarz oder weiß oder religiös oder behindert oder schwul sind. Alle Menschen sind bei Mr. King gleichberechtigt schwach, versagend, bösartig oder eben auch durchaus heldenhaft. Eine der stärksten Hauptfiguren in der Reihe um den Dunklen Turm ist die schwarze Bürgerrechtlerin Odetta Holmes. Eine Frau, die durch einen Unfall behindert an den Rollstuhl gefesselt ist und dazu noch an einer ausgeprägten Spaltung ihrer Persönlichkeit leidet. Sie ist nebenbei bemerkt auch die einzige Figur, der eine Art Happy End beschert wird. Eine weitere Hauptfigur, Eddie Dean, ist ein Heroin-Junkie, der Drogen schmuggelt. Es gibt keine Diskriminierung, es gibt zweite Chancen und es gibt unfaire Tode. Kinder sterben, Helden überleben nicht, die Welt ist ungerecht. Eine bessere Vorbereitung auf die widersprüchliche Realität dieser Welt gibt es wohl kaum.
Zweitens spiegeln die bösartigen, fiktiven Wesen in den Romanen keinen übermächtigen, satanischen Einfluss auf die Welt. King wird in frommen Kreisen oft Okkultismus vorgeworfen, doch eigentlich gespiegelt wird das Potential zum Bösen, das in jedem Menschen liegt. Bei Stephen King ist der Mensch grundsätzlich dazu in der Lage zum Killer zu mutieren. Wenn man so will ist dies eine urbiblische Kernaussage: der Mensch ist ein Wesen, das zu allem Bösen fähig ist. Wer Kings Bücher liest, sucht das Böse eher bei sich selbst und im menschlichen Herzen, ehe er es entschuldigend auslagert.
Drittens ist das eigentlich heldenhafte an Kings Helden nicht, dass sie immer stark sind und gewinnen, wie es uns die schöne Welt der Kino-Superhelden neuerdings wieder verstärkt nahebringen will. Das eigentlich heldenhafte an ihnen ist, dass sie ihre Schwächen und Fehler erkennen und zugeben. Dass sie durchhalten. Dass sie nicht aufgeben. Dass sie dem Grauenhaften der sie umgebenden Welt sich selbst entgegensetzen, obwohl es auch ihre eigene Vernichtung zur Folge haben könnte.
In keinem anderen Werk werden diese Werte deutlicher als in der Reihe „The Dark Tower“. Damit stehen diese Bücher in guter Oldschool-Tradition solcher Fantasy-Klassiker wie Herr der Ringe oder Narnia. Sie spiegeln die Welt, in der wir leben und halten dem Grauen und dem Bösen den Menschen entgegen, der selbst fähig zum Bösen ist, aber den Willen und die Hoffnung hat, sich dem Bösen zu stellen, notfalls dem Bösen in sich selbst.
Sich der Realität nicht zu verweigern und zuzugeben, dass man als Mensch das Potential zu unguten Handlungen in sich trägt, ist eine Lektion, die Teenager lernen müssen und die aus Erwachsenen, die solche Dinge als Teenager nicht gelernt haben, unangenehme oder schwierige Gesellschaft machen können.
Und was hat mich in den ersten Band der Dark Tower Reihe gezogen, als ich selbst ein unangenehmer Teenager war? Vermutlich die Dekoration mit Western-Elementen. Denn ein weiterer Teil meiner jugendlichen Erinnerungen ist geprägt von den Spencer- und Hill-Filmen, die neben ihrem schlagkräftigen Humor immer noch die rudimentären Elemente des Italo-Western in sich tragen. Halunken, die sich nicht dagegen wehren können, am Ende doch das Gute und Richtige zu tun. Ganz so wie Roland im zweiten Teil der Serie „The Drawing of the Three“, wo er sich erneut entscheiden muss, ob er den Jungen Jake, den er im ersten Teil hat fallen lassen, retten wird oder ihn sterben lässt. Er trifft die richtige Entscheidung mit fatalen Folgen für sich selbst und die weitere Geschichte. Ab hier bricht meine jugendliche Lektüre ab. Ich werde erwachsen, verlasse Stephen King für andere Lektüre. Vergesse ihn. Lerne Tolkien und Lewis kennen, schließe Freundschaft mit Narnia und Mittelerde. Höre nur noch aus der Ferne, dass Stephen King sein Epos endlich beendet hat. Nehme mir vor, diese Reihe irgendwann einmal zu Ende zu lesen. Vergesse es wieder.
Bis zu diesem Sommer 2018, in dem der Kreis sich schließt. Roland Deschain würde sagen: es ist Ka. Alle Dinge wiederholen sich und treffen zusammen.
c) Sommerlektüre
Es gab dunkle Zeiten, als ich 15 Jahre alt war. Und nur eine Sache hat mich am Leben gehalten, innerlich und äußerlich. Das Wissen, die plötzliche Erkenntnis, dass ich geliebt bin. Doch erst heute ahne ich, dass diese Liebe ganz andere Ausmaße hat und nicht nur mich betrifft. Sie muss geteilt werden, zu Familie werden. Es bedurfte dieses apokalyptischen Sommers, um mich darin wieder neu Heimat finden zu lassen. Die Fäden fielen zusammen und ich war plötzlich frei, mich innerlich und äußerlich aus allem heraus zu nehmen und ohne schlechtes Gewissen etwas zu tun, das nichts produziert und niemandem nützt. In der Hitze brannten die Felder und es brannte wieder neu in mir für die Zwecklosigkeit eines fröhlichen Daseins. Ich war bereit für die Wüste, durch die Roland ging.
Nach und nach fanden die sieben Bände auf meinem Nachttisch Platz. Taschenbücher, dazu bestimmt, zerlesen zu werden.
- Band – The Gunslinger:
Zum ersten Band ist bereits alles gesagt. Ich habe den einsamen Wanderer wiedererkannt. Ich mochte ihn. Ich hasste ihn. Ich verstand ihn. Ich verachtete ihn. Ich hatte Mitleid mit ihm. Ein Besessener, der seinen Dunklen Turm sucht und seit tausend Jahren oder länger auf dem Weg dorthin ist. Ein Anti-Vater, der für sein Ziel den ihm anvertrauten Jungen sterben lässt. Ein Verlorener ohne Hoffnung auf Erlösung.
- Band – The Drawing of the Three:
Leer und erschöpft sitzt der Revolvermann Roland am Strand des westlichen Ozeans. In einer Prophezeiung hat ihm der Mann in Schwarz die Zukunft angedeutet. Er wird drei Gefährten durch drei magische Türen an diesem Strand in seine Welt ziehen. Drei Gefährten aus unserer Welt, aber aus verschiedenen Zeiten. Die schwarze Bürgerrechtlerin Odetta Holmes aus den 60ern, den Heroin-Junkie Eddie Dean aus den 70ern und den Jungen Jake aus den 80ern. Während Roland gegen ein tödliches Fieber kämpft, ringt er darum, dass sein Ka-Tet, seine schicksalhaft verbundene Gruppe, die ihn auf dem Weg zum Dunklen Turm begleiten soll, sich vervollständigt. Wir lernen einen Roland kennen, der unter keinen Umständen aufgibt, selbst am Rand des sicheren Todes. Einen Mann, wie Stephen King ihn beschreibt, der voll dunkler Romantik ist, dabei aber frei von Fantasie und voller Pragmatismus. Er ist kalt und die Menschen dienen seinem Zweck.
- Band – The Waste Lands:
Roland, Eddie und Susannah (wie Odetta sich jetzt nennt) sind vom Strand in einen großen Wald gelangt. Roland hat sich gegen das dritte Mitglied hinter der dritten magischen Tür entschieden und dem Jungen Jake das Leben gerettet. Während Roland in seiner Welt (Midworld oder Mittwelt) seine beiden neuen Begleiter trainiert, spaltet sich sein Verstand. Er muss gegen den wachsenden Wahnsinn ankämpfen, ebenso wie Jake, der 11jährige Junge in unserer Welt. Die dreiköpfige Gruppe muss es schaffen, den Jungen zu „ziehen“, ehe es zu spät ist. Von beiden Seiten der Welten versucht das Ka-Tet, die Schicksals-Gruppe, zusammenzufinden. Eine Rose und ein Schlüssel, beides hochsymbolische Objekte, führen schließlich zu diesem Ziel. Gemeinsam machen sich die vier Wanderer auf den weiteren Weg, bis sie zu Lud gelangen – einer postapokalyptischen Version von New York in Rolands gefallener Welt. Dort müssen sie gegen die barbarischen Gruppen Überlebender kämpfen und sich einem speziellen Gegner stellen: einem computergesteuerten Schnellzug, voll irrsinnig gewordener künstlicher Intelligenz. Die alte, hochkomplexe Technik in Rolands Welt hat sich gegen die Menschen gerichtet.
- Band – Wizard and Glass:
Der Todeszug rast seinem Ziel entgegen. Durch das Stellen von Rätseln überwindet die Gruppe diesen seltsamen Feind und kann gleichzeitig sicher über die Waste Lands reisen – ein Feld, das durch eine Art superatomaren Krieg vor tausenden von Jahren vergiftet und verseucht und voller Mutanten ist. Sie gelangen an ihr Ziel und begegnen abermals dem Mann in Schwarz. Ehe sie sich diesem Feind stellen, erzählt Roland ihnen aus seiner Jugend. Es ist eine Geschichte von verlorener Liebe und darüber, wie Roland zu dem Mann geworden ist, der er jetzt ist. Aus der Gruppe Reisender wird eine Gruppe Freunde, sogar eine Art Familie, an der Roland jedoch nie völlig Teil hat.
- Band – Wolves of the Calla:
Die Reisenden gelangen zu einer ländlichen Siedlung von friedlichen Reisbauern, deren Familien stets nur Zwillinge geboren werden. Etwa alle 23 Jahre kommen die Wölfe aus „Thunderclap“ – dem dunkel verhangenen Land jenseits der Reisfelder, um von allen Kindern je einen Zwilling zu rauben und sie geistig behindert wieder zurück zu schicken. Roland, Eddie, Susannah und Jake sind durch den Codex der Revolvermänner dazu verpflichtet, den Leuten zu helfen und nehmen den Kampf gegen die Wölfe auf. Das Ka-Tet, die Familie spielt hervorragend zusammen, aber zugleich bricht ihre Einheit auseinander.
- Band – Song of Susannah:
Susannah ist schwanger, doch es ist kein Kind ihres Geliebten Eddie Dean. Eine dämonische Kraft hat sich ihrer bemächtigt und entführt sie in das New York der 90er Jahre. Während Roland und Eddie in das Jahr 1977 gezogen werden und ihrem Schöpfer Stephen King begegnen, um ihn dazu zu bringen, seinen Teil der Aufgabe zu bewältigen und ihre Geschichte zu schreiben, werden Jake und Pater Callahan, den sie in der Calla getroffen haben, in die 90er gezogen und nehmen die Spur von Susannah auf.
- Band – The Dark Tower:
Alles dreht sich um das Jahr 1999 und die Zahl 19. Roland, Eddie, Susannah und Jake müssen mehrere Herausforderungen bestehen. Susannah bringt ein dämonisches Kind zur Welt, das dazu bestimmt ist, Roland zu töten und seine Mission, zum Turm zu gelangen, zu beenden. Eine Gruppe geistig besonders begabter Menschen versucht durch mentale Kraft die einzelnen unsichtbaren Balken, die den Turm aufrechterhalten, zu zerbrechen. Stephen King steht kurz davor, in einen tödlichen Verkehrsunfall verwickelt zu werden und die Geschichte um den Dunklen Turm nie zu Ende schreiben zu können. Roland steht dicht vor seinem Ziel und er kann es nur erreichen, weil seine Freunde, seine Familie, aus Liebe zu ihm alles opfern. Es ist diese Liebe, die ihn erlösen könnte. Immer noch, selbst als er allein den Turm erreicht, aber…
Wie gesagt, ich will nicht in der Vorhölle für Spoiler-Verbreiter landen…
d) Der Turm des King
Nun, ein bisschen spoilern muss ich doch. Und es ist der Spoiler aller Spoiler, was die Geschichte um den Dunklen Turm angeht. Roland Deschain erreicht allein den Dunklen Turm. Er erlangt sein Ziel, durchquert das Feld der singenden Rosen, öffnet die Tür und steigt die Treppen hinauf durch alle Ebenen bis zum obersten Raum des Turmes, um zu erfahren, wer oder was sich darin befindet. Im Laufe der Geschichte gibt es viele Vermutungen dazu. Der Raum wäre leer oder vielleicht von Gott selbst bewohnt oder einer unfassbaren Macht, die alles zusammenhält. Roland durchlebt alle Stationen seines Lebens, als er hinaufsteigt. Als er die letzte Tür öffnet, leuchtet ein gleißendes Licht, es riecht nach Alkali und… er befindet sich in der Wüste, die die Verkörperung aller Wüsten ist. Der Mann in Schwarz flieht durch diese Wüste und der Revolvermann folgt ihm. Die gesamte Reihe endet mit demselben Satz, mit dem sie begonnen hat.
Die meisten Leser waren damals geschockt von diesem Ende, aber – und das mussten selbst die Hardcore-Fans zugeben – es ist das einzig richtige Ende. Warum?
Es gibt unzählige Erklärungsansätze, die auf den einschlägigen Fanseiten und in Facebook-Gruppen heiß diskutiert werden. Ich gebe hier nur eine Auswahl und zum Schluss einen persönlichen Interpretationsansatz.
Der Dunkle Turm kann für mehrere Aspekte stehen. Er ist ganz sicher ein Zeichen für nahezu unbegrenzte Macht. Er hält alle Welten, Parallel-Dimensionen, alternativen Wirklichkeiten und Zeitebenen zusammen. Er selbst als das Zentrum und die zwölf unsichtbaren Balken bilden ein Rad, das sich unaufhörlich dreht und für „Ka“ steht, eine Art sich wiederholende Schicksalskraft, ähnlich Ansätzen aus dem Hinduismus als ein Rad des Lebens, aber nicht direkt damit gleichzusetzen. Dazu komme ich noch weiter unten.
Zugleich steht der Turm auch für die Geschichte selbst, um die herum sich alle anderen Geschichten anordnen. Wer mit dem weiteren Werk von Stephen King einigermaßen vertraut ist, der weiß, dass es in fast all seinen Büchern kleinere oder größere Anspielungen auf die Romane um den Dunklen Turm gibt. Bestimmte bösartige Wesen oder Helden spiegeln sich, haben mehrfache Auftritte in verschiedenen Gestalten oder finden ihre endgültige Bestimmung in der Reihe um den Turm wie zum Beispiel Pater Callahan, der aus „Salem´s Lot“ bekannt ist. Stephen King selbst bezeichnet den Dunklen Turm als sein „Über-Werk“, das alle anderen in sich einschließt und miteinander verbindet.
Der Dunkle Turm ist die Besessenheit Rolands, vielleicht sogar die Verkörperung von Rolands Leben und Schicksal. Es ist möglich, dass der Turm nur existiert, weil Roland existiert und / oder umgekehrt. So gesehen ist Rolands Suche, seine „Quest“, nach dem Dunklen Turm eine unendliche Geschichte, die sich unendlich wiederholt und alle anderen Geschichten und Realitäten aufrechterhält. Roland reist ewig zum Turm, damit alle anderen Welten weiterexistieren. Allerdings scheint dies nicht die endgültige Erklärung zu sein, denn laut Stephen Kings Nachwort zum letzten Band gibt es einen Unterschied zwischen dem Roland in der Wüste im ersten Buch und dem, der im letzten Buch wieder in der Wüste herauskommt und von vorn beginnt. Er hält plötzlich das „Horn von Eld“ in seiner Hand, das eigentlich in der Schlacht um Gilead verloren gegangen ist. Gut möglich, dass er mit diesem Horn in der Hand jetzt die letzte Reise antritt und seiner endgültigen Erlösung entgegen geht, womit wir bei meiner persönlichen Interpretation angelangt sind.
Roland Deschain verkörpert ein nahezu klassisches Konzept der Buße und Reinigung, wie man es oberflächlich bei Stephen King gar nicht vermutet. Rolands Mittwelt ist ein dunkles Spiegelbild unserer hoch technisierten, fortschrittsversessenen Welt wie sie ihr Ende in einem Supergau finden könnte. Sie ist aber ebenso eine Art Vorhölle, durch die Roland reist. Seine Quest ist nicht eigentlich das Erreichen des Dunklen Turms, sondern die eigene Erlösung, Vergebung und Versöhnung für seine Fehler, sein Versagen und all die Tode, die er verschuldet hat, zu finden. (Ich verweise hier zum Beispiel auf den leicht düsteren Klassiker christlicher Fantasy-Literatur von George MacDonald, „Lilith“, wo der Protagonist durch eine Art Jenseits schreitet, um Reinigung und Erlösung zu finden.)
Auch das antike Vorbild der Bestrafung des Sisyphus findet sich hier. Wie Sisyphus immer wieder den Stein hinaufrollen muss, wird Roland immer wieder zurück in die Wüste geschickt, um den Mann in Schwarz zu verfolgen. Wer die ganze Reihe gelesen hat, weiß, dass es nicht nötig gewesen wäre, den Jungen Jake das erste Mal zu opfern und den Mann in Schwarz zu erreichen. Ka-Tet, Liebe und Familie, ist die eigentliche Erlösung, die Roland von seinem Dunklen Turm heilen könnte. Vielleicht wird er es auf seiner nächsten Reise, mit dem Horn Elds („Horn of Eld“), dem Horn von Arthus, schaffen. Ähnlich wie die alte Kraft aus dem Zeitalter König Arthus in C. S. Lewis „That Hideous Strength“ dazu geholfen hat, das Böse zu besiegen. Es sind alte Bilder und Kräfte, die Stephen King in seinem so überaus postmodernen Werk heraufbeschwört. Es ist die alte Lösung für ein altes Problem. Liebe und Vergebung als Erlösung.
Und das ist für den düsteren Stephen King wirklich eine Überraschung, wer ihn nur oberflächlich liest und versteht.
e) Koinzidenz
Von einer solch epischen Welt wie Stephen King sie über Jahrzehnte, eng verbunden mit seiner Biografie, erschaffen hat, kann man sich nur schwer lösen. Weder er selbst noch seine Leser. Als eine Art kleines Trostpflaster erschien also später noch ein Band, der chronologisch zwischen Band 4 und 5 der ursprünglichen Reihe einzuordnen ist. Auf dem Weg in die Calla müssen Roland, Eddie, Susannah und Jake Zuflucht vor einem Unwetter, einem sogenannten „Starkblast“ (eine Art übersteigerter Blizzard mit leicht apokalyptischen Ausmaßen) suchen. In ihrer verbarrikadierten Zuflucht erzählt Roland ihnen eine Abenteuergeschichte, die ihm seine Mutter in Kindertagen erzählt hat.
Diesen kleinen Band habe ich mir für das Ende dieses aufschlussreichen Sommers aufgehoben, für einen zweiwöchigen Urlaub mit der Familie an der Ostsee. Jeden Tag habe ich mir ein kleines Häppchen davon gegönnt. Ich spare mir die Nacherzählung der Geschichte und komme auf das verbindende Element der einzelnen Ebenen dieses Romans: den Starkblast.
Ein Starkblast in Rolands Welt kündigt sich durch tagelanges, unnatürlich warmes Wetter an. Es steigert sich zu einer drückenden Schwüle. Dann kommt ein kräftiger Wind auf, der sich stetig verstärkt und zu einem Orkan auswächst, der alles mit sich reißt. Die Temperaturen fallen schlagartig unter Null, Blitzfrost und Eis sprengen Bäume und lassen Vögel als gefrorene Klumpen vom Himmel fallen.
Als der Urlaub zu Ende ging, hatte ich das Buch fast ausgelesen. Ein letzter Ausflug führte uns auch in eine kleine, katholische Kirche in Polen. Die wirklich sehr katholische Umgebung hat mich zwar etwas irritiert, aber man spürte dem Ort ab, dass er irgendwie voller Gebete steckte. Ein inneres Empfinden ließ mich in eine der Nischen gehen, eine Kerze anzünden und kurz für eine sichere Heimreise beten.
Auf der Rückfahrt zog sich die Luft zusammen und wir merkten in den Pausen eine heftig drückende Schwüle. Der Wind wurde von Stunde zu Stunde heftiger und wirbelte den über den langen Sommer ausgetrockneten Boden von den Äckern auf. Wir gerieten in die Sandstürme über Brandenburg und plötzlich wurde aus den letzten, hitzigen Sommertagen im September ein kühler, verregneter Herbst. Die Parallelen zu dem, was ich in meiner Urlaubslektüre gelesen hatte, waren wirklich ein wenig beängstigend. Aber im Grunde war es das passende Ende meiner literarischen Sommerreise. Passend zu Stephen King. Was ich gelesen hatte, wurde plötzlich Wirklichkeit. Fantasie und Realität fielen zusammen.
Oder vielleicht doch eine Koinzidenz auf verschiedenen Ebenen des Dunklen Turms?…
Zu Hause beendete ich das Buch und es bestätigte für mich die Interpretation, die ich den sieben Bänden bereits gegeben hatte. Der letzte Satz in Rolands Geschichte sprach von der unbedingten Liebe und Vergebung, die seine Mutter ihm durch einen schriftlichen Nachlass übermittelt hatte.
Stephen King schreibt, dass es die zwei schönsten Worte in jeder Sprache sind, die es gibt: „Ich vergebe“ („I forgive“).
Und das sagt wirklich alles aus, was man darüber eben sagen kann. Ich bereue meine Sommerreise nicht.
f) Meta
Fantasy und Science Fiction und ihre sämtlichen Crossover-Versionen spiegeln immer die reale Welt und sie spiegeln die Welt im Inneren des Autors, der sie schreibt. Sie tun das oft in sehr viel genauerer Weise als naturalistische oder um Wirklichkeitsbeschreibung bemühte Romane. Darum können diese Welten auch sehr intensiv Bestandteil der Realität und Identität der Leser und Leserinnen werden. King, Lewis, Tolkien und MacDonald gehören zu meiner Prägung und Identität wie es die Geschichten der Bibel tun. Die Fäden kommen zusammen, überschneiden sich. Bücher werden zu Tröstern und Lebensrettern. Willkommen in meiner Welt – einer Welt der Bücher und Geschichten. Einer Welt voller Türen, die sich doch immer wieder zu einer Tür hin öffnen – die Tür zur Liebe und Versöhnung mit sich und der Welt, so widersprüchlich sie auch ist.
Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, warum Stephen King eine mehr oder weniger fiktive Version seiner selbst in die Dark Tower Reihe geschrieben hat. Warum er seinen (tatsächlich passierten!) fast tödlichen Unfall mit dem Schicksal Roland Deschains verbindet. Die innere Welt des Autors spiegelt seine äußere Biografie und umgekehrt. Es bleibt dem geneigten Leser überlassen, welche Bedeutung es hat. In jedem Fall ist es genial.
Tatsächlich halte ich die Reihe zum Dunklen Turm für ebenso episch und groß wie die Welt eines J. R. R. Tolkien und ich ordne den Dunklen Turm im Bereich der Fantasy-Literatur als wesentlich höher und gekonnter ein als die so populäre und geschickt vermarktete Geschichte George R. R. Martins, „Game of Thrones“. Wenn es ein schlagendes Werk postmoderner Fantasy / Science Fiction gibt, ist es Stephen Kings „The Dark Tower“.
Es ist ein harter Ritt mit dem Killer Roland Deschain, den ich nur empfehlen kann. Allerdings mit der Warnung, dass solche Geschichten zur Realität werden können. Oder ein Stück Realität sind? Wer weiß das schon so genau…
Es ist müßig all die Details der über 4000 Seiten aufzuzählen, die sämtliche Werke Stephen Kings miteinander verbinden, Teile seiner Lebensgeschichte andeuten und die Geschichte Rolands und seiner gefallenen Welt mit unserer Realität verbinden, bis hin zum Einsturz der Zwillingstürme in New York, der unsere Welt so nah wie lange nicht an den Abgrund drängte.
Ich empfehle einfach den Trip und ich warne vor ihm. Mehr kann ich nicht sagen.
Nur eines: Alles ist vergeben.








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