Die kindliche Seele des Ostens

Die kindliche Seele des Ostens

 

Buchbesprechung zu

„Mike Oldfield im Schaukelstuhl. Notizen eines Vaters“

Von Werner Lindemann

149 Seiten (kleinformatig)

Für diesen Beitrag gelesene Ausgabe: Ingo Koch Verlag, 2006 –

(Neuauflage – Erstauflage 1988)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Insider dürfen mich jetzt um den Besitz dieses kleinen Büchleins beneiden, denn den Titel gibt es offiziell nicht mehr. Es sei denn, man ist bereit, für einzeln im Netz auftauchende Exemplare vergleichsweise hohe Summen zu zahlen. Es ist ein Sammlerstück insbesondere für Fans der Gruppe „Rammstein“, bzw. für Fans ihres Frontsängers Till Lindemann.

Mein Interesse für Till Lindemann ist weniger musikalischer als vielmehr literarischer Natur. Denn auch wenn die eingängig-berüchtigten Texte der Band aus der Feder dieses Mannes stammen, sind die gesungenen Zeilen nur die Oberfläche eines viel tiefer gehenden poetischen Talentes, das wohl in der Familie liegt. Till Lindemann hat mittlerweile zwei Gedichtbände veröffentlicht. „Messer“ im Eichborn Verlag und „In Stillen Nächten“ bei Kiepenheuer und Witsch. Sein Vater Werner Lindemann ist Dichter und Kinderbuchautor gewesen. Also: Wie der Vater so der Sohn…

… oder doch nicht. Das ist das eigentliche Thema des Buches „Mike Oldfield im Schaukelstuhl“ – die Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Anfang der 80er Jahre zieht der 19jährige Till Lindemann zu seinem Vater in das Bauernhaus in Mecklenburg. Neun Monate leben die beiden dort zusammen. Von September des einen Jahres bis Mai des folgenden Jahres notiert Werner Lindemann Augenblicke aus dem Alltag mit seinem erwachsenen Sohn. 1988 werden sie veröffentlicht. Aus Till wird Timm. Damit bekommt das Buch eine stärker fiktive Note. Vielleicht war es nicht nur das Bemühen um Privatsphäre für den Sohn, sondern auch eine kleine Tarnung, denn immerhin endet die DDR erst 1989 und einige Aussagen des Sohnes darin hätten staatlicherseits durchaus als „systemgefährdend“ eingestuft werden können. Aber 1988 war schon einiges mehr möglich und so ist der ansonsten an sein Leben im DDR-Alltag recht angepasste Vater auch nicht mehr so ganz unkritisch, was Vorgaben von oben und planwirtschaftlichen Unsinn im Verlagswesen, für das er ja tätig ist, angeht.

Insofern ist das Buch auch ein sehr aufschlussreicher Einblick in den gemeinen Alltag zum Ende der DDR. Es ist ein Blick in die äußerlich angepasste, innerlich emigrierte Seele eines Ostdeutschlands, das gerne an die hehren Ziele des Kommunismus glauben würde, es aber in der schief liegenden Praxis längst nicht mehr tun kann.

Es ist auch ein Blick in die Seele des Vaters, der die Grausigkeiten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt und überlebt hat und in dem neuen Staatssystem Hoffnung und Perspektive gefunden hat. Als Spross aus dem „Proletariat“ gehörte er zu den Auserwählten, die jetzt studieren durften. Er entdeckt die Literatur, beginnt selbst zu dichten und wird in den 70ern schließlich ein recht bekannter und beliebter Kinderbuchautor. Die Beziehung zu den eigenen Kindern freilich ist nicht so einfach gestrickt. Für damalige Verhältnisse leben die Lindemanns ein außergewöhnlich lockeres Familienleben. Die Mutter bleibt mit der Tochter in der Stadt, der Vater zieht sich zum Arbeiten auf das Land zurück. Man trifft sich gelegentlich und verbringt als Familie Feier- und Festtage zusammen. Der Sohn Till – im Buch ja Timm – verbringt einige Jahre auf dem Internat als Leistungs-Schwimmer.

So ziehen in jenem September Vater und Sohn zusammen, die sich eigentlich fremd sind. Till / Timm zieht in die Dachkammer ein. Vorbei ist es mit der einsamen, schöpferischen Ruhe des Schriftsteller-Vaters. Lautes Hämmern, Schritte, Poltern, laute Musik, langhaarige Übernachtungsgäste, Mädchenbesuch, Tage des Schweigens, Tage des Redens, widersprechende und provokative Kommentare, unpünktliches Aufstehen und zur Arbeit gehen. Dann wieder hört der Vater Lob von Fremden, Freunden, Arbeitskollegen seines Sohnes. Sie kennen ihn als fleißig und hilfsbereit, zeichnen ein so ganz anderes Bild. Der Vater bemüht sich um die Aufmerksamkeit des Sohnes, kocht für ihn, verbringt Zeit mit ihm, sucht das Gespräch. Zieht sich wieder zurück, sagt nichts, lässt den Jungen machen. Wirft dann doch wieder Bemerkungen hin – Bedenken eines Vaters. Es ist ein beständiges Sich-annähern und wieder Zurückziehen auf beiden Seiten.

Die poetischen Beschreibungen der mecklenburgischen Natur korrespondieren mit den zum Teil zärtlichen oder rabiaten Begegnungen zwischen Vater und Sohn. Es gibt Augenblicke, in denen sie sich ganz neu erkennen. Dann verliert der Vater einmal die Beherrschung, es kommt zu einer kurzen körperlichen Auseinandersetzung. Die neu geknüpfte Beziehung scheint zerbrochen. G., die Mutter, kommentiert dieses Ereignis damit, dass etwas in dem Jungen für ihn, den Vater gestorben sein könnte. Nach tagelangem Schweigen vertragen sie sich wieder. Wenig später zieht der Sohn wortlos aus. Alles scheint zerbrochen. Aber ein Gruß und der Duft des frischen Grases widersprechen dem. Das Leben erscheint dem Vater als „vollendet“. Es ist der versöhnliche Schlusspunkt einer Reihe emotionaler Momente, an denen er uns teilhaben lässt.

Das ist aber nicht alles. In kursiv streut Werner Lindemann Erinnerungen an seine eigene Kindheit und Jugend ein. Der entbehrungsreiche Alltag und die Kriegserlebnisse. Sie widersprechen dem aktuellen, sorglosen, ja unbekümmerten Dasein des eigenen Sohnes nur scheinbar. Tatsächlich spiegeln sie das Wesen des Sohnes wieder. Ein Sohn ist zur Hälfte immer irgendwie Teil des Vaters. Dinge verändern und verschieben sich, aber sie bleiben doch irgendwie gleich, zumindest ähnlich.

Interessant, was der Vater auf Seite 40 schreibt: „Timm leidet wie viele junge Leute darunter, dass wir Erwachsenen von ihnen erwarten, was wir von uns erwarten.“ Darin steckt so viel melancholische Wahrheit. Wir begegnen einem Vater, der nicht frei von Fehlern und Schwächen ist, wohl aber frei von Selbstgerechtigkeit. Das ist wohltuend. Und es hat ja irgendeinen Grund, warum Till Lindemann im Jahr 2006 – der Vater ist bereits 1993 verstorben – das Buch noch einmal neu auflegen lässt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Das gilt damals wie heute.

Es gibt keine Jugend, die gänzlich unbekümmert ist. Es gibt keine Generation, die wirklich verdorbener wäre als die vorangegangene. Systeme ändern sich, der Mensch als Mensch bleibt gleich. Und auch das, was durch ein bestimmtes politisches System von oben angeordnet wird, wirkt sich auf den einzelnen Menschen immer wieder ähnlich aus.

Das kleine Büchlein ist das sensible Porträt einer Vater-Sohn-Beziehung aus Sicht des Vaters. Es ist auch eine Liebeserklärung an die mecklenburgische Landschaft und das ruhige Leben auf dem Lande. Ein poetisches Alltags-Kleinod. Es ist auch ein tiefer Einblick in die Seele ostdeutscher Befindlichkeit in den 80ern der DDR. Westliches dringt langsam ein, alles steht in Frage, die Perspektive ist ungewiss. Und so ist es vielfach bis heute. Unsicherheit und Ungewissheit in der Welt und in persönlichen Beziehungen sind die Ursache für emotionale Ausbrüche. Man kann das übertragen, wenn man will. Oder man genießt dieses Buch voller Momente einfach.

Schließlich sind die 149 Seiten auch ein kleines Zeugnis für das, was Kunst ist und tut. Kunst stellt in Frage und reflektiert. Sie dringt ein und überzeichnet. Das tut auch Till Lindemann mit seinen Texten. Oberflächlich mag es verstören und provozieren. Aber es schält nur die dünne Schicht unserer Zivilisation und Erziehung herunter. Das verunsichert. Oder es bereichert. Man hat die Wahl, sich darauf einzulassen oder nicht.

Wer die Möglichkeit hat, dem sei dieses Büchlein empfohlen, wo immer es noch aufzutreiben ist.