Schafe im Advent
Buchbesprechung zu:
„Advent im Hochgebirge“
Erzählung von Gunnar Gunnarsson
Übertragen und mit einem Nachwort versehen von Helmut de Boor, Reclam 1936, 78 Seiten (ohne Nachwort 72 Seiten)
Es ist einfach schade, dass niemand anderer zu einer anderen Zeit diese schöne, kleine Erzählung des isländischen Schriftstellers Gunnarsson ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht hat. Ausgerechnet 1936, nachdem der Reclam Verlag fein säuberlich alle jüdischen und sonst den Nazis unliebsamen Autoren aus seinem Programm gestrichen hatte, erscheint dieses Bändchen.
Übersetzung und Nachwort von Helmut de Boor, der ganz sicher mindestens aus beruflichen Gründen zu seinem eigenen Vorteil 1935 in die NSDAP eingetreten ist. Vielleicht kein Hardcore-Nazi, aber Opportunist wie so viele. Und sein Nachwort schwankt zwischen fachlichem Urteil (er ist schließlich und tatsächlich ein studierter Germanist schon vor 1933 gewesen) und sich dem Ungeist der Zeit fast ekelhaft anbiederndem Geschwurbel über germanische Urtümlichkeit und die achso-wundersamen Seelen- und Blutsbande mit den nordischen Völkern. Klar, dass in dieser Zeit ein isländischer Bauernsohn und Schriftsteller hervorragend ins Verlagsprogramm passte. Blut und Boden, da graut es mir.
Nichtsdestotrotz ist der Übersetzer vom Fach und scheint den ursprünglichen Klang der Erzählung ordentlich ins Deutsche hinübergebracht zu haben. Dafür spricht, dass der Titel auch in diesem Jahr wieder eine Neuauflage in derselben Übersetzung erfahren hat. Und schließlich: was kann denn der Gunnarsson dafür? Ignorieren wir für kurze Zeit das Nachwort und die unliebsamen, biografischen Details des Übersetzers.
[Dennoch muss immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, wie selbstverständlich in Deutschland doch ab 1933 alles in Geist und Tätigkeit gleichgeschaltet wurde. Das ist nun eben kein „Fliegenschiss“. Wird es nie sein. Die Spuren sind noch heute überall zu finden!]
Doch schauen wir in die Geschichte hinein. Wir werden in eine raue, winterliche Gebirgslandschaft Islands hineingezogen, dazu in eine Zeit und Lebenswelt, die längst vergangen oder am Vergehen ist. Es ist einfache, abgeschiedene Bäuerlichkeit in einer von der Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts geprägten Gemeinschaft von Menschen, die für ihr Überleben aufeinander angewiesen sind, nämlich darauf, dass jeder seinen Teil erfüllt und sich in diese Gemeinschaft einfügt, eben seine Pflicht tut. Man lebt überwiegend von der Schafzucht, zum großen Teil von der Landwirtschaft. Im Frühjahr werden die Schafherden auf die Wiesen zwischen den Gletschern getrieben, um dort zum größten Teil sich selbst überlassen zu grasen und fett zu werden. Im Herbst holt man diese Herden wieder ein, möglichst rechtzeitig vor dem ersten Schneefall. Doch immer gibt es ein paar verirrte Schafe, die nicht bei ihrer Herde geblieben sind. Diese Tiere sind dem Eis und Schnee dann schutzlos ausgeliefert und müssten kläglich verenden, gäbe es da nicht den Benedikt.
Benedikt ist ein einfacher Kätner, der sich für seinen Lebensunterhalt auf den Bauernhöfen verdingen muss. Wenn die Ernte eingebracht ist und er seine eigenen Vorräte für den Winter angelegt hat, gehört seine Zeit endlich wieder ihm allein. Doch er verwendet sie nicht für sich. Immer um den ersten Advent herum zieht Benedikt hinauf in die Berge, wo er sich einige Tage in einer einfachen Posthütte aufhält und von dort aus die Weidegründe nach den abgeirrten Schafen absucht, um sie möglichst vor dem ärgsten Wintereinbruch zurück ins Dorf zu treiben. Seine einzigen Begleiter und Freunde sind Knorz, der widerstandsfähige und geduldige Leithammel, und Leo, der Hütehund mit dem unverbrüchlich heiteren Gemüt. Ein paar Socken, Petroleum, Brot, Butter, Fleisch, Kaffee und ein Heusack sind die spärlichen Vorräte, die für ein paar Tage reichen müssen.
Damit es klar wird: Benedikt geht seit er 27 Jahre alt ist seit 27 Jahren (er ist jetzt also 54 und es ist ein Jubeljahr für ihn) Advent für Advent auf diese Weise in die Berge, um die verlorenen Schafe zu retten. Und das nicht etwa, weil er es muss oder dafür von den Bauern entlohnt wird. Er tut es, weil auch Schafe lebendige Wesen mit Atem sind und es einfach richtig ist, sie zu finden und zu retten. Er tut es, weil er es als seine Aufgabe ansieht. Weil jeder Mensch eine Aufgabe hat. Weil alles Leben Opfer ist und nur dadurch einen Sinn bekommt.
Das war nicht immer so. Anfangs hat er gehadert und war voller Wut, doch all dies hat Benedikt in den Bergen gelassen. Dort bleibt es und nun ist er ein reicher Mann, denn seine Hütte, in der er den heißen Kaffee trinkt und mit Knorz und Leo schläft, ist sein Palast. So einfach ist das. Kann man es besser haben? Benedikt weiß und fühlt, dass er es gut hat.
Wir lernen ihn auf seiner 27. Wanderung ein wenig näher kennen. Der Bauer Hakon hat versäumt, seine Schafe einzuholen und er weiß genau, dass Benedikt nicht nein sagt, obwohl er durch diese Aktion wertvolle Tage und Vorräte verliert und das Wetter darüber immer bedrohlicher wird. Benedikt sagt niemals nein. Benedikt trinkt nicht. Benedikt spielt nicht. Benedikt sitzt lieber bei den Kindern. Benedikt spricht nicht viel. Benedikt handelt lieber. Benedikt hält den Pfarrer für einen klugen und weisen Mann. Benedikt sieht es nicht ein aufzugeben. Benedikt hat keine Angst vor dem Sterben, aber er wehrt sich gegen den Tod in Schnee und Eis. Benedikt hängt an seinen tierischen Gefährten und fühlt sich verantwortlich. Benedikt weiß aber auch, dass man sich eines Tages von ihnen trennen muss, dass sie obwohl verständig, doch irgendwie Opfertiere sind, dem Menschen beigefügt. Benedikt übt eine Art pragmatische Frömmigkeit in seinem Leben aus. Ihm geht jegliches Pharisäische ab.
Wie um alles in der Welt man – siehe Helmut de Boors mich ärgerndes Nachwort – man dazu kommen kann, in Benedikt die Verkörperung eines schicksalsergebenen Helden nach Art der nordischen Sagas zu sehen, bleibt mir schleierhaft. Ein Mann, der gegen innere Wut und Unzufriedenheit angekämpft hat und sich Jahr für Jahr gegen den Tod und die Gewalten der Natur stellt, dabei jedoch demütig bleibt, ist kein typisch nordischer Held. Er ist die ganz und gar liebenswerte, auf das Allermenschlichste und Einfachste heruntergebrochene Verkörperung des Guten Hirten. Die Leute nennen Benedikt und seine beiden tierischen Freunde die „Dreieinigkeit“, was durchaus sinnbildlich und nicht nur scherzhaft gemeint ist. Und schließlich ist auch die Parallele der Hirten auf dem Feld in der biblischen Weihnachtsgeschichte zu dieser Advents-Erzählung um den einsam unterm Sternenzelt wandernden Schaf-Sucher sicher nicht zufällig.
Die Erzählung „Advent im Hochgebirge“ spiegelt eine verlorengegangene bäuerliche Welt, die im ausgehenden 19. Jahrhundert fast überall in Europa mit dem Anbruch des Zeitalters der Industrialisierung ihr Ende fand. Zugleich keimten neue Formen persönlicher Frömmigkeit auf. Strömungen außerhalb der traditionellen, großen Kirchen und spirituelle Erneuerungsbewegungen sind die geistliche Wiederspiegelung der Auf- und Umbrüche dieser Zeit. Der Autor Gunnarsson ist 1889 geboren wurden und selbst in dieser kargen, bäuerlichen Welt aufgewachsen, unter großen Mühen zu seiner Bildung gelangt. Seine Erzählung gehört zu diesem Abschied von der alten Zeit und ganz sicher nicht zu dem grauenhaften Schatten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der mit der Verklärung angeblich gemeinsamer germanischer Wurzeln die Welt erobern wollte.
Die Geschichte ist ein wunderbares Landschaftsbild Islands. Sie ist eine schöne Einkehr zum Advent, ein Besinnen auf das Einfache und Wesentliche, eine Feier des Lebens, das sich gegen den Tod auflehnt. Denn Benedikt ist wahrhaft der „Gesegnete“, wie sein Name verheißt. Denn ob und wie seine Mission im 27. Jahr zum Erfolg wird, lasse ich hier offen. Am Horizont dieser Erzählung leuchtet jedenfalls der Hoffnungsschimmer auf, dass es auch nach diesem Benedikt zu jeder Zeit andere Benedikts gehen wird, die nach den verlorenen Schafen gehen, weil einer es tun muss. Weil das Leben Opfer bedeutet und erst durch liebevolles Opfer Bedeutung und Sinn und Frieden findet.
Eine wunderbare Weihnachtsbotschaft, die zu lesen ich ohne das Nachwort empfehle. Benedikt, Knorz und Leo haben mein Herz gewonnen und mich in diesem Jahr wundervoll auf Advent und Weihnachten eingestimmt.


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