Leichtfertige Verwundungen

Leichtfertige Verwundungen

Buchbesprechung zu:

„Erinnerung eines Mädchens“

Von Annie Ernaux

Aus dem Französischen von Sonja Finck, Suhrkamp, 2018, 163 Seiten

Es liegt im literarischen Tagesgeschäft absolut im Trend, Autobiografisches zum Buch zu machen, ohne es autobiografisch zu nennen. Autofiktion heißt diese Mode. Auf der einen Seite geht es darum, die Details des eigenen Lebens schonungslos ans Licht zu zerren. Auf der anderen Seite geht es ebenso darum, die geschilderten Ereignisse und Erfahrungen literarisch zu gestalten und sie auf diese Weise wiederum zu erhöhen oder zu distanzieren, so dass sie sich einer objektiven Bewertung abermals entziehen. Es ist ein geschickter Griff in die Trickkiste, die den Leser fesselt, ihn Eigenes erinnern lässt und ihn vor die Wahl stellt, ob er das, was er da gerade liest, als Wahrheit nimmt oder nur als einen gut getarnten Roman.

Vor mir liegt „Erinnerung eines Mädchens“ von der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux. Ein kurzes Werk, das sich um den Sommer 1958 ihres Lebens dreht. Damals ist sie gerade 18 Jahre alt, eine unsichere, junge Frau aus einem einfachen, katholischen Elternhaus. Überbehütetes Einzelkind, Schülerin eines von Nonnen geleiteten Mädchenpensionats. Zum ersten Mal verlässt sie ihre kleine, beschränkte Welt und fährt als Betreuerin auf ein Ferienlager. Diese neue Freiheit überfordert sie. Die Dinge, die sie dort erlebt, sucht sie sich kaum aus. Sie passieren ihr, dem Mädchen, das sie damals ist und danach nie wieder sein wird.

Im Kern geht es um erste sexuelle Erfahrungen, die Annie dort mit dem männlichen Chefbetreuer H macht. Was sie über das Zusammensein von Männern und Frauen weiß, hat sie aus Büchern. Sie sehnt sich dieses romantische Ereignis herbei und muss erfahren, dass es so ganz anders ist, als sie es sich erträumt hatte. Sie hat kein wirkliches Gefühl zu den Dingen, die zwischen ihr und H geschehen. Diese Dinge widerfahren ihr einfach, ohne dass sie weiß, was genau ihr da widerfährt und ob sie es überhaupt will. Danach lässt H sie fallen und in ihrer Verzweiflung hängt sich Annie an andere junge Männer unter den Betreuern. Sie ist dem Spott der anderen Mädchen ausgesetzt, ohne dass sie ihn wirklich an sich heranlässt. Eine kleine Nutte wird sie genannt. Die Wahrheit ist: zu einem eigentlichen Akt ist es nie gekommen. H hat Annie schlicht als ein Objekt gebraucht, an dem er sich befriedigen konnte. Doch das ist Annie nicht bewusst

In den folgenden zwei Jahren leidet sie unter dieser Begegnung, steigert sich in eine Verliebtheit zu H hinein, den sie jedoch nie wiedersehen wird. Sie erkrankt an Bulimie, ohne dass damals schon bekannt gewesen wäre, dass es eine solche Erkrankung gibt. Rigide Selbstverweigerung von Nahrung, gefolgt von unkontrollierten Essattacken. Scham, vor allem das Gefühl der Scham dominiert Annie und prägt sie auf eine lange Zeit hinaus, bestimmt die Richtung ihres Lebens, regt sie zum Schreiben an.

Weitere Details spare ich mir. Wichtig sind weniger die Ereignisse, sondern wie diese Ereignisse auf Annie gewirkt haben, wie die junge Frau 1958 sie bewertet hat und wie die ältere, reife Frau von 2014 diese Ereignisse erinnert, in ihr Leben und Werden einordnet und neu bewertet. Sie trennt das Mädchen von 1958 nahezu chirurgisch aus Zeit und Raum heraus, stellt ihr das Mädchen von 1960 gegenüber und betrachtet beide als Frau und Schriftstellerin im Jahre 2014. Es ist eine literarische Spaltung in verschiedene Persönlichkeiten, die das „Coming-of-Age“ der Annie Duchesne für den Leser so beklemmend macht. Eingebettet in die Erfahrungen des französischen Bildungssystems, von dem wir Einiges erfahren. Eingebettet in die politischen Ereignisse zwischen 1958 und 1960, die sich um den Algerien-Konflikt drehen. Annie von 1958 ist dafür, dass Algerien französisch bleibt. Annie von 1960 ist dafür, dass Algerien unabhängig wird.

Die gesellschaftliche Atmosphäre Frankreichs in den 50er und 60er Jahren ist spürbar, obwohl kaum darüber geschrieben wird. Annie mit ihrem Erleben ist darin eingebettet. Annie, die ihre weibliche Sexualität entdeckt und in diesem Entdecken tief verwundet wird. Nur einmal fällt der Begriff „Vergewaltigung“ (S. 118). In dem Zusammenhang, dass die Annie von heute noch immer nicht in der Lage ist, die Begegnung mit H als solche zu bezeichnen.

Direkt wird nichts ausgesprochen. Doch indirekt zieht der Leser seine Schlüsse. Was der unerfahrenen und unwissenden Annie von 1958 widerfahren ist, war mindestens Missbrauch. Es hat sie verwundet und geprägt für ein ganzes Leben. Sie klagt H nicht an, aber noch heute, wenn sie ihn als gealterten Mann inmitten seiner Großfamilie aus zahlreichen Kindern und Enkeln sieht, empfindet sie ihn durch die schiere Überzahl seiner Nachkommen als überwältigend. Er hat das Leben eines zufriedenen Mannes gelebt und sie war ihm immer egal. Vielleicht erinnert er sich nicht einmal an sie. Annie hingegen musste kämpfen gegen ihre Scham, sich befreien.

Und das ist eine Traurigkeit, die alle Frauen zu allen Zeiten und bis weit hinein ins Heute trifft: Der Mann geht fort. Unberührt, gleichgültig. Scham und Spott bleiben bei der Frau.

Gerade heute wieder ist dieses kleine Buch „Erinnerung eines Mädchens“ von großer Wichtigkeit. Heute, wo wir darüber diskutieren, wie der Aufklärungsunterricht an Schulen zukünftig aussehen soll. Heute, wo wir darüber diskutieren, ob für Abtreibungen geworben werden darf.

Mein bescheidener Wunsch: Das Kind, ob Junge oder Mädchen, sollte vor allem eines wissen und lernen: Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen gleichgültig und egoistisch nur zur eigenen Befriedigung zu benutzen. Wirklich gute, gesunde Sexualität beruht auf Gegenseitigkeit. Das sollte die Basis aller Aufklärung sein.