In der glitzernden Welt der Einhorn-Vermarktung
Buchbesprechung zu:
„Meine kleine Einhorn-Farm. Das Standardwerk zur erfolgreichen Aufzucht von Einhörnern. Mit Regenbogen-Garantie“
Von Jessica S. Marquis
Mit Illustrationen (schwarz-weiß) von Kevin Hedgpeth
Übersetzung von Manfred Allié
(englische Originalausgabe 2011 „Raising Unicorns“)
Riva Verlag 2017, 190 Seiten, Taschenbuch
Ich bekenne es. Ich mag Einhörner. Ja, ich schwimme auf dieser irrsinnigen Welle der Produkt-Vereinhornung. Warum? Ich weiß es nicht. Ist es die verdrängte Märchenfee in mir oder ein Kindheitstrauma? Ich habe keine Ahnung. Es ist wie es ist und wie gesagt: mein Blog, meine Themen, viel Spaß beim Lesen.
Diese Zeit des Jahres bringt bei mir immer auch eine mehr oder weniger große „Jólabókaflóð“, eine weihnachtliche Bücherflut, mit sich. Das oben genannte Exemplar war eines dieser Geschenke (Dank an meine Schwester, ja, an dich, du bist hiermit offiziell auf meinem Blog erwähnt worden. Freust du dich?).
Man könnte beim Anblick des Covers zunächst denken, dass dieses Taschenbuch ein wirklich netter Spaß für so verrückte Menschen wie mich ist. Noch ein Gegenstand mit Einhorn darauf. Nett finden, ins Regal stellen, fertig. Aber nein, es ist wirklich mehr als lesbar! Ich sage nur: Meta!
Ich verabscheue kaum eine Büchergattung mehr als Ratgeber, die den Menschen versprechen, in so-und-so-viel Schritten zum absoluten Erfolg in irgendeinem Bereich zu gelangen. Und es ist einfach wunderbar, dass „Meine kleine Einhorn-Farm“ ganz genau diesem Stil folgt und dem Leser verspricht, in vier Schritten zum erfolgreichen und berühmten Einhorn-Farmer zu werden.
Zunächst gibt es einen Test, der festlegt, welcher Typ Einhorn-Farmer man ist. Macher, Träumer, Visionär oder Einhorn-Verächter und damit völlig ungeeignet für das Unternehmen. Es folgt der erste Teil, in dem abgeklopft wird, welche Art von Farm man sich vorstellt, welchen Businessplan der künftige Farmer erstellt. Der zweite Teil vermittelt wesentliches Grundwissen über Einhörner, ihre Rassen, ihre Magie, ihre Lebensgewohnheiten und eventuelle Gefährdungen durch Krankheiten und Feinde. Im dritten Teil geht es an die Praxis. Wie und wo genau erhält man Einhörner? Wie muss eine für Einhörner und Besucher geeignete Farm aussehen? Der vierte Teil befasst sich natürlich mit der Evaluierung. Wie kann man das Unternehmen verbessern und ausweiten? Wie kann man Fehler vermeiden oder Investoren gewinnen? Genügt eine sich selbst versorgende Farm ohne Verluste oder hat man größere Ambitionen und möchte die Farm erweitern, vielleicht sogar globaler denken? Auf den letzten Seiten sind natürlich die üblichen Quellenangaben, ein Glossar und ein Register aufgeführt, wie man es von einem sachlich aufbereiteten Buch erwartet.
In jedem einzelnen Kapitel gibt es Positiv- und Negativ-Beispiele aus der Praxis, die Inhalte der einzelnen Kapitel sind am Ende jeweils als knappe Merksätze zusammengefasst. Es gibt Tabellen, Diagramme, Pläne, Zitate und natürlich zahlreiche Zeichnungen von Einhörnern in verschiedenen Situationen. Alles in Allem also ein nützlicher Ratgeber für jeden, der eines oder mehrere Einhörner erwerben und halten möchte.
Wer zum Beispiel weiß, dass man sich bei dem Kauf eines Einhorns davor hüten muss, dass einem nicht doch nur ein Narwal auf Stelzen oder ein abgemagertes Nashorn untergejubelt wird? Oder dass eine Einhornfarm genug glitzerndes Spielzeug für die Einhörner bereithalten muss? Oder dass es für das Wohlbefinden von Einhörnern förderlich ist, einen blauen See und einen doppelten Smaragd-Regenbogen auf der Farm zu installieren?
Dazu gibt es einige nützliche Hinweise für den Bau eines trojanischen Roboter-Einhorns, um die Konkurrenz auszuspionieren. Und auf jeden Fall ist es immer ratsam, einen Mathemagiker zu engagieren, um die Investoren überzeugen zu können.
Womit wir bei der Meta-Ebene dieses herrlich amüsanten Ratgebers sind. Es ist eine wunderbare Parodie auf das Unwesen der Erfolg versprechenden Ratgeber-Kultur. Es ist eine Satire auf überzogenes Unternehmer-Gehabe, ja nahezu eine Kritik an der kapitalistischen Vermarktung aller möglichen und unmöglichen Dinge. Denn letztlich ist auch das Einhorn in dieser unserer kaputten Welt nur ein Produkt, aus dem möglichst viel Gewinn geschlagen werden soll. Und tatsächlich: während Schokolade mit dem Konterfei von Luther sich nur im Lutherjahr in den Regalen halten konnte, erfreut sich das Einhorn mittlerweile seit einigen Jahren einer anhaltenden Konjunktur.
So gesehen ist das Buch auch etwas für eingefleischte Einhornfans, die ihren eigenen Tick selbstironisch reflektieren können und daran Freude haben.
Was auch immer mit Mathemagikern arbeitende Unternehmen anstellen, das Einhorn bleibt ein magisches Wesen, welches wohl besser in Freiheit leben sollte.
Aber vielleicht suche ich mir doch eine sogenannte „Jungfrau auf Abruf“, um ein eigenes Einhorn zu fangen, wie der Ratgeber es bei dünnerer Finanzdecke vorschlägt…


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