Die Flamme – Licht im Bruch

Die Flamme – Licht im Bruch

Buchbesprechung zu:

„The Flame“

Von Leonard Cohen

Vorwort von Adam Cohen, bearbeitet von Robert Faggen und Alexandra Pleshoyano

Canongate 2018 (britische Ausgabe, kanadische bei Penguin Random House Canada)

275 Seiten

In Reich der Dichter und Denker hat Lyrik zwar lange und hehre Tradition, aber heutzutage wenig Liebhaber. Eine Flut belangloser Romane, die darum kämpfen, die Grenze von 500 oder gar 1000 Seiten am Stück zu durchbrechen, beschäftigt die Köpfe, doch welche Hände hat man zuletzt gesehen, die einen Gedichtband halten?

Es ist leicht, Sätze aneinander zu reihen und einer Geschichte zu folgen. Es ist schwer, aus einer Hand voll zu Wesentlichstem eingeschmolzenen Worten die darin verborgenen Welten herauszulesen. Noch schwerer ist es, solche Worte selbst zu schmieden. Wenn es doch gelingt, kann man fast unmöglich beschreiben, wie sie entstanden sind. Es gibt eine Quelle, aus der Poeten schöpfen, zu der nicht jeder Mensch den Zugang findet. Seit König David seinen Lob und seinen Schmerz in Worte fasste, erfasst diese Flamme bald jenen und bald diesen auf der Welt. Und sie hat Leonard Cohen entzündet.

Ich halte dieses Buch in meinen Händen, mit einem Schutzumschlag, den man nur als „smooth“ bezeichnen kann, jenes englische Wort, das am besten einen Zustand zwischen „geschmeidig“, „anschmiegsam“ und „glatt“ beschreibt. Das Gefühl, wenn man über die frisch rasierte Wange eines Mannes, den man liebt, streicht. Das Gefühl, wenn man die Wange seiner jungen Geliebten küsst. Das Gefühl, wenn man einem Säugling über den Kopf streicht. Das Gefühl, wenn man Cohens Stimme hört. Es ist „smooth“.

Ich sehe das Cover, den brennenden Busch. Es erinnert mich sofort an die zahlreichen Darstellungen des brennenden Dornbuschs, die sich in Gemälden Marc Chagalls finden. Chagall, ein anderer Künstler jüdischer Herkunft, der die Schönheit und die Frauen liebte und verewigte. Was er in Gemälde bannte, konnte Cohen in Worte fassen. Es ist die alte Geschichte von der Offenbarung eines Gottes, der sich selbst seinem Volk mit einem Namen schenkt, den dieses Volk nicht auszusprechen wagt. Die Geschichte brennender Liebe zwischen Gott und Israel, zwischen Braut und Bräutigam, poetisch verewigt in Salomos Hohelied der Liebe.

Ich bin sofort zu Hause. Ich öffne das Buch und es zieht mich tief hinein in seine Seiten wie es nur wenige Bücher getan haben. Ich versinke darin, ich bin gefesselt. Ich bin melancholisch und heiter. Ich träume und bin zu Hause. Es ist alles fremd und doch vertraut. Es ist sanft und intim, aber niemals übergriffig oder bedrückend. Ich schwebe davon und tauche am Ende wieder auf und weiß nicht, wie man über solch ein Buch überhaupt sprechen kann und ob man es überhaupt sollte.

Es ist eine Frage des Generationenunterschiedes, weshalb ich Leonard Cohen erst dann kennen und schätzen lernte, als ihm nur noch wenige Tage auf dieser Erde blieben. Mein Wissen um ihn beschränkte sich bis dahin – Asche auf mein Haupt – auf die zahlreichen, meist kitschigen Cover-Versionen seines Welthits „Halleluja“. Verstanden habe ich es nie. Verweigert habe ich mich. Dank Internet war es mir aber möglich, ihn selbst diese Worte „performen“ zu sehen. Es ist nicht spektakulär und er hatte nie – da sind sich fast alle Kritiker einig – eine perfekte Singstimme. Aber – oh – er ist so „smooth“. Und dann versteht man die Tragweite dessen, was er da singt. Kein Halleluja der heilig-religiösen Sorte, sondern eines aus der Tiefe des Lebens und Liebens. Echt. Smooth.

Sein allerletztes Album „You want it darker“ war das erste, was ich von ihm gehört habe. „Smooth“ und in sanftem Rhythmus spricht er die Worte. Die Begleitmusik bildet einen minimalistischen Hintergrund. Einige Männerstimmen stellen den zurückhaltenden, kleinen Background-Chor. „Hineni, hineni. I´m ready, my Lord.“ – „Ich bin bereit, Herr.“ Ich bin bereit, Gott. Bereit zu gehen und mich zu verabschieden. Ich mache Frieden, ich werde sterben und ich bin bereit. Einige interpretieren das gesamte Album als Cohens für sich selbst eingesprochenes „Kaddish“. Den jüdischen Glauben hat er nie verlassen, aber Leonard Cohen ist kein Priester, kein Rabbi, obwohl sein Name die Herkunft aus der Linie der „Kohen“ verrät. Leonard Cohen ist weniger ein Mose oder Aaron als vielmehr ein David. Sein Glaube ist keine Sache von Gesetz und Ritual, sondern eine Angelegenheit der inneren Suche. Er ist Dichter, Verehrer der Schönheit, Liebhaber.

Nicht nur ein letztes Album, sondern auch einen letzten Gedichtband hat er vor seinem Tod vorbereitet. Wer „The Flame“ in Händen hält, liest die letzten Worte eines Mannes, der weiß, dass er bald sterben wird. Es ist ein beeindruckendes Vermächtnis, das mich einlädt, diesen Mann und sein Lebenswerk rückwärts zu verstehen. Das Leben zu verstehen. Das Lieben, das Leiden, das Verlieren, das Altern, das Verabschieden. Die Depression. Das Licht, das durch den Riss dringt (Anthem: “There is a crack in everything
That’s how the light gets in.”)

Die liebevollen Einführungsworte seines Sohnes Adam Cohen beschreiben einen Mann, der seine eigene Berufung als „Poet“ erkannte und sie lebte. Ein Mann, der immer und überall ein Notizbuch mit sich führte. In Manteltaschen und Schubladen, sogar im Gefrierfach fand der junge Adam sie, wie er berichtet. Schlichte Bücher. Bescheiden wie Cohen selbst, der vielleicht ein wenig eitel war und sicher auch um seine Wirkung auf Frauen wusste, aber sich niemals überheblich oder arrogant gab. Ein demütiger, dankbarer Mensch, der davon träumte, dass jeder Mensch in seinem eigenen, kleinen Bereich alles dafür tut, die Dinge besser zu machen (Order of the Unified Hearts).

Im ersten Teil des Buches finden sich die von Leonard Cohen für diesen Band selbst zusammengestellten Gedichte, im zweiten Teil die letzten Texte seiner letzten Produktionen, unter anderem auch für das Album „You want it darker“. Dann folgen transkribierte, ausgewählte Einträge seiner Notizbücher, ein kurzer Ausschnitt seiner letzten „Mail-Korrespondenz“ und seine Rede anlässlich der Verleihung des „Prince of Asturias Award“ im Jahr 2011.

Den Texten beigefügt sind Skizzen und Zeichnungen von Leonard Cohen selbst. Meist sind es Selbstportraits. Die Gesichtszüge schwimmen entweder fort, oder gewinnen wieder Klarheit, graben die Zeichen des Alterns als brutale Linien ein, spiegeln Melancholie und Selbstironie oder amüsierte Heiterkeit wider. Die Gesichter der Frauen sind immer glatt und sanft. Während Leonard Cohen sich selbst streng beurteilt, schaut er bewundernd auf Schönheit und Anmut. Er sucht die Fehler und Versäumnisse lieber bei sich selbst, doch selten gibt es wirkliche Bitterkeit. Nachsicht und Vergebung sind große Themen. Erotik und religiöse Grundmotive vermischen sich. Man kann tatsächlich indirekte Zitate aus dem Hohelied der Liebe ausmachen („and I sought my beloved“). Biblische Figuren wie David, Mose und Samson tauchen auf, aber auch Gestalten aus der Populärkultur. So gibt es ein grandios satirisches „bashing“ von Kanye West. Auf der anderen Seite wieder zarte Liebesgedichte, Beschreibungen leidenschaftlicher Liebesnächte. Lobpreis des Gottes Israels wie in den Psalmen üblich, jüdische Frömmigkeit, sogar geschickt und wohlwollend verarbeitete Zitate aus dem Neuen Testament, kritische Reflektionen über fernöstliche Mystik.

Enttäuschte Liebe, erotische Leidenschaften, Bewunderung von Schönheit, Kritik des grenzenlosen Optimismus, Reflektionen über das Altern und Sterben, das Verlangen nach Gottes Reden und Zuspruch, Versöhnung und Abgrenzung, das Streben nach wirklichem Frieden, nach Shalom.

Es ist die Bilanz eines Mannes, der in seinem Leben wirklich gelebt hat. Ein Mann, der viele Fehler gemacht hat und vielleicht Manches bedauert, aber nicht bereut, dass er gelebt und geliebt hat. Ein Mann, der seine Kinder liebt. Ein Mann, der sich oft um sich selbst gedreht hat und durch schwere Depressionen gegangen ist. Ein Mann, der sich trotzdem nicht aus Verantwortung stiehlt und sich selbst zu beurteilen weiß. Ein „Lover“, ein Liebender, ein Suchender, der Frieden macht, sich verabschiedet. Ein Mann, der aus dieser Welt scheidet wie ein echter Gentleman. Ein Mann, der die Welt an seinem Innersten Teil haben lässt, ohne sich ihr aufzudrängen. Ein Mann, der die Leser und Leserinnen dieser Texte durch das Miterleben des Tals des Todesschattens hinführt zu einer Lust am Leben und einem Willen, die eigene Berufung zu entdecken und zu leben. Gleichzeitig bescheiden und leidenschaftlich zu sein. Seinen eigenen Teil so gut wie möglich zu machen. Versöhnt zu sein.

„Smooth“ ist das Gefühl, das man hat, wenn man schließlich wieder aufblickt. Man lächelt, weil Gott groß und rätselhaft ist und weil das Leben und die Welt schön sind und man sich auch mit Widrigkeiten würdevoll aussöhnen kann.

Leonard Cohen ist eine Stimme, die in dieser Welt verstummt ist, aber ihr Klang wirkt weiter. Es lohnt sich, dem Echo zu lauschen. Es lohnt sich, die eigene Stimme zu suchen und zu finden. Es lohnt sich, Gentleman oder Lady zu sein.

 

Anmerkung:

Wer der englischen Sprache mächtig ist, dem empfehle ich das Original. Es gibt auch eine deutsche Ausgabe im Verlag Kiepenheuer und Wisch, die den englischen Texten eine deutsche Übersetzung gegenüber stellt. Wer nur ein wenig Hilfe bei einzelnen Worten benötigt, dem sei diese Version empfohlen. Ich persönlich finde die Aufmachung der deutschen Ausgabe zu ordentlich, zu edel in ihrem dunklen Trauer-Schutzumschlag. Das helle Cover mit dem brennenden Busch passt in seiner „smoothen“ Einfachheit viel besser. Es ist einladender. Ohnehin ist es schwierig, englische, knappe Verse wirkungsvoll im Deutschen widerzugeben. Cohen sollte man wenn möglich als Cohen lesen und genießen.