Der Weg
„Willst du vollkommen sein,…“ Matthäus 19, 21

Aus vielerlei und umfassenden Gründen, unter ihnen nicht zuletzt wegen der bruchstückhaften Beschaffenheit der Aufzeichnungen, muss jener, welcher sie ohne die Leuchte des Herrn lesen würde – das heißt, ohne das Licht der Wahrheit in seinem Innersten – nicht bloß in tausend Irrtümer verfallen – für so jemanden eine Sache eher geringer Tragweite – sondern er muss auch völlig darin fehlschlagen, das Leben darin zu empfangen und zu verstehen, das sich daraus zu offenbaren bemüht – eben jenes Leben des Sohnes des Menschen, das Denken, das Fühlen, die Absicht des Herrn selbst, das, wovon er lebte, das, welches er selbst ist, das, welches er für uns ausgegossen hat. Und doch ist die eine Sache, womit er zu schaffen hat, dieses Leben Jesu, seine innere Natur und Sein, manifestiert in seinem äußeren Leben, entsprechend der Sehkraft des geistlichen Auges, das darauf blickt.[1]
Im Nachsinnen über die Begebenheit, die dieses Leben offenbart, von welchem ich nun die Wahrheit zu entfalten bestrebt bin, sollten meine Leser, welche nicht das Griechische Testament studieren, die revidierte Fassung nutzen. Hätte ich es[2] nicht schon gekannt und mich daran erfreut, lange bevor die Neufassung erschien, würde ich den Bearbeitern der Revision endlosen Dank geschuldet haben, selbst wenn es nicht für mehr wäre als die ursprüngliche Lesart von Matthäus´ Überlieferung der Geschichte des jungen Mannes, welcher zu unserem Herrn kam. Wer auch immer die Änderung nicht willkommen heißt, verfehlt, ihre Kostbarkeit zu sehen.
Wenn wir sie also aus der revidierten Fassung lesen, finden wir in Matthäus den Auftakt der Unterhaltung zwischen Jesus und dem jungen Mann sehr verschieden von dem in den Evangelien nach Markus und Lukas. Es gibt nicht die geringste Notwendigkeit, einen der Berichte abzulehnen; sie fügen sich vollkommen ineinander und es bereitet mir eine unaussprechliche Freude, beide zu haben. Zusammengenommen ergeben sie eine vollständige Unterhaltung. Hier ist sie, wie ich sie lese; meine Mitstudierenden mögen auf die unterschiedlichen, keineswegs gegensätzlichen Berichte schauen und sehen, wie natürlich sie sich miteinander verbinden.
„Guter Meister“, sagt der kniende Jüngling und wird durch den Meister unterbrochen: –
„Was heißest du mich gut?“, entgegnet er. „Niemand ist gut denn der einige Gott.“
Nicht wagend, dem zu entgegnen, belässt der Jüngling es dabei und verlegt sich auf sein Ansinnen, indem er sich an den Herrn richtet.
„Was soll ich Gutes tun“, fragt er „, dass ich das ewige Leben möge haben?“
Doch abermals greift der Herr das Wort gut auf: –
„Was fragst du mich nach dem, was gut ist?“, erwidert er. „Da ist nur einer, der gut ist. – Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“
„Welche?“
„Du sollst nicht töten; Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre deinen Vater und deine Mutter; und: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
„Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?“
„Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib´s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!“
Lasst uns die Geschichte betrachten.
Als Jesus aus einem Haus trat (siehe Markus 10, 10 und 17), lief der junge Mann zu ihm und kniete sich nieder auf den Weg, sprach ihn an als „Guten Meister“.
Die Worte, mit welchen der Herr seine Ansprache unterbricht, offenbaren die ganze Gesinnung des Wesens des Herrn. In diesem Augenblick, in jedem einzelnen Augenblick, gerade so viel wie auch im Garten Gethsemane oder in der Begegnung mit jeder dieser Stunden, welche die Menschen Lebenskrisen nennen, war sein ganzes Sinnen, seine ganze Wonne in dem Denken, in dem Wollen, in dem Sein des Vaters.
Die Lebensfreude des Herrn, das, welches es ihm Leben machte, war der Vater; an ihn dachte er immer, zu ihm hin wendete er sich immer. Ich nehme an, die meisten Menschen haben irgendeinen Gedanken an ein Vergnügen oder eine Befriedigung oder eine Stärkung, zu welchem sie sich hinwenden, wenn die Tätigkeit pausiert, das Leben für einen Augenblick zum Stillstand kommt und das Rad in seinem schnellen Lauf schläft: für Jesus brauchte es keine Pause der Tätigkeit, keinen Rausch eines erneuerten Bewusstseins, um ihn nach Hause zu bringen; sein Sinnen war stets und ständig sein Vater. Nach seinem zu Hause im Herzen des Vaters wandte sich stets sein Herz. Dies war sein Schatz-Haus, das Juwel seines Geistes, das Geheimnis seiner Fröhlichkeit, alle Stufen und Schattierungen der Wonne beanspruchend, vom Frieden und der friedlichsten Zufriedenheit bis hin zur Verzückung. Sein Leben war verborgen in Gott.[3] Kein eitles Vorspielen konnte seine Augen täuschen; jede Wahrheit und Größe des Lebens zog an ihm vorüber wie sie war; weder Ehrgeiz noch Enttäuschung konnten sie in seinem ewig kindhaften Blick entstellen; er schaute und liebte sie aus der Brust seines Vaters heraus. Er kam nicht für sich selbst in die Welt – nicht um seine eigene Macht aufzurichten auf das Tun, seinen eigenen Einfluss auf die Herzen der Menschen: er kam, dass sie den Vater kennen sollten, welcher seine Freude war, sein Leben. Die Söhne der Menschen waren seines Vaters Kinder wie er selbst: dass der Vater sie alle in seiner Brust aufnimmt, war das eine Sinnen seines Herzens: das sollte sein Wirken für seinen Vater sein, koste es ihn, was es wolle! Er kam, um seinen Willen zu tun,[4] und auf Erden war er derselbe, der er von Anfang an gewesen war, der ewig Erste.[5] Er war nicht an sich selbst interessiert, sondern an seinem Vater und den Kindern seines Vaters. Es kümmerte ihn nicht, selbst gut genannt zu werden. Es hatte keinerlei Bedeutung für ihn. Er war da, um die Menschen die Güte des Vaters sehen zu lassen, in welcher er schwelgte. Dafür trat er in den trägen Traum der Welt, in welchem die Herrlichkeit so abgestumpft und getrübt war. „Du nennst mich gut! Du solltest meinen Vater kennen!“
Denn die Großartigkeit des Herrn bestand darin, dass sein Vater größer war als er: welcher ins Sein ruft ist größer als der, welcher gerufen wird. Der Vater war immer der Vater, der Sohn immer der Sohn; und doch ist der Sohn nicht aus sich selbst, sondern durch den Vater; er lebt nicht aus seiner eigenen Macht wie der Vater. Wenn es keinen Vater gäbe, würde es keinen Sohn geben. Alles, was des Herrn ist, ist des Vaters und alles, was des Vaters ist, hat er dem Sohn gegeben.[6] Des Herrn Güte ist von der Güte des Vaters; weil der Vater gut ist, ist der Sohn gut. Wenn das Wort gut in die Ohren des Sohnes eintritt, erhebt sein Herz es sofort zu seinem Vater, dem Vater von Allen. Seine Worte enthalten keine Leugnung der Güte in sich selbst: in seiner großartigen Selbstwahrnehmung war er nicht der Ursprung seiner Güte, noch kümmerte er sich um seine eigene Güte, außer eben gut zu sein: es war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Doch für die Güte seines Vaters würde er sein Leben geben, Leiden, Mühen, Tod, um sie bekannt zu machen! Seine anderen Kinder sollten lernen, ihm seinen Anteil zu geben und ihn zu lieben wie der erstgeborene Sohn es tat! Der Vater war Alles in Allem[7] für den Sohn und der Sohn dachte nicht mehr an seine eigene Güte, als ein ehrlicher Mensch an seine Ehrlichkeit denkt. Wenn der gute Mensch Güte sieht, denkt er an sein eigenes Böses: Jesus hatte nichts Böses, woran er denken konnte, noch denkt er an seine Güte; er erfreut sich in der seines Vaters. „Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott.“
Solcherart unterbrochen, wendet sich der Jüngling der Frage zu, welche, in seinem Herzen wirkend, ihn zum Laufen gebracht hat und auf die Knie: welche gute Sache soll er tun, dass er das ewige Leben habe? Es ist unnötig, genau zu untersuchen, was er mit ewigem Leben meinte. Welche Gestalt auch immer die Sache für ihn annahm, diese Gestalt stellte ein Etwas dar, das er brauchte und nicht bekommen hatte – ein Etwas, welches, das war ihm deutlich, nur gewonnen werden konnte auf irgendeinem Weg des Guten. Doch er dachte daran, eine Sache durch ein Tun zu gewinnen, während das eigentlich verlangte Ding ein Sein war: er wollte das als einen Besitz haben, was ihn besitzen musste.
Der Herr kümmerte sich weder um eine abgetrennte Wahrheit noch um eine verwaiste Tat. Es war Wahrhaftigkeit im Inneren, es war das gute Herz, die Mutter guter Taten, die er wertschätzte. Es war das lebendige, handelnde, wissende, atmende Gute, wofür er kam, es zu fördern. Er kümmerte sich nicht um Spekulationen über Moral oder Religion. Es waren gute Menschen, die ihn kümmerten, nicht Ansichten über gute Dinge oder gar gute Handlungen, außer als Ausfluss des Lebens, außer als die Leiber, in welchen die grundlegend lebendigen Handlungen der Liebe und des Willens in der Seele Form annehmen und hervortreten werden. Hätte er durch ein einziges Wort alle philosophischen Fragen nach dem höchsten Guten und der absoluten Wahrheit beantworten können, wage ich zu sagen, dass er dieses Wort nicht geäußert hätte. Doch er würde sterben, um den Menschen gut und wahrhaftig zu machen. Sein ganzes Herz würde auf den Ruf des traurigen Zöllners oder des verzweifelten Pharisäers antworten: „Wie kann ich gut sein?“
Wenn der Herr sagt: „Warum fragst du mich nach dem, was gut ist?“, sollten wir die Betonung nicht auf das mich legen, als lehnte der Herr die Frage ab, als hätte er die Zuschreibung verweigert: er war die geeignete Person, sie zu befragen, nur die Frage war nicht die richtige: die gute Sache war eine unbedeutende Angelegenheit; das gute SEIN war Alles in Allem.
[[An dieser Stelle Fußnote des Autors: So wie es dort steht ist es schwierig, den Abschnitt zu lesen, ohne die Betonung auf das mich zu legen, welches den Sinn verdirbt. Ich denke es hieße besser: „Warum solltest du mich nach dem fragen, was gut ist etc.?“]]
„Warum mich nach der guten Sache fragen? Da ist ein lebendiges Gutes, in welchem die gute Sache und alles Gute lebendig und immer wirksam sind. Frage mich nicht nach der guten Sache, sondern nach der guten Person, dem guten Sein – dem Ursprung alles Guten“ – welcher, weil er ist, gut machen kann. Er ist das eine lebendige Gute, bereit mit seinem Leben das lebendige Gute zu vermitteln, die Macht des Seins, und so das Gute tuend, denn er schafft die Existenz des Guten selbst. Es ist nicht diese oder jene gute Sache, mit der wir es zu schaffen haben, sondern mit der Macht, von welcher unsere Macht herkommt, auch nur das Wort gut auszusprechen. Wir haben es mit dem zu tun, zu welchem niemand aufblicken kann, ohne dass das Bedürfnis, gut zu sein in seinem Herzen erwacht; über ihn nachzudenken heißt, anfangen gut zu sein. Eine gute Sache zu tun heißt, eine gute Sache zu tun; Gott zu kennen heißt, gut zu sein. Es kümmert ihn nicht, uns dazu zu bringen, alle Dinge richtig zu machen, sondern uns hungernd und dürstend zu machen nach einer Gerechtigkeit,[8] durch welche, wenn wir sie besitzen, wir nicht nötig haben werden darüber nachzudenken, was gut ist oder nicht, sondern wir das Böse ablehnen werden und das Gute wählen durch einen Akt des Willens, welcher zugleich Notwendigkeit und Wahl ist. Wir sehen wieder, dass er [Jesus] ihn [den Jüngling] wie zuvor unmittelbar an seinen Vater verweist.
Doch ich fürchte, mein Leser könnte missverstehen. Beachtet, die Frage im Geist des jungen Mannes handelt nicht vom Tun oder nicht Tun von Etwas, von dem er weiß, dass es richtig ist; wäre dies der Fall gewesen, hätte der Herr überhaupt keine Frage erlaubt; die eine Sache, auf die er besteht, ist das Tun jener Sache, von der wir wissen, dass wir sie tun sollten. In dem gegenwärtigen Beispiel verweist er den Jüngling, der nach irgendeiner unbekannten guten Sache sie zu tun Ausschau hält, zurück auf das, was er weiß, und dies als Antwort auf seine Frage nach dem Weg zum ewigen Leben.
Ein Mensch muss etwas zu tun haben in dieser Angelegenheit und mag sehr wohl solch eine Frage an jeden Lehrer stellen! Der Herr wendet sich nicht einen Augenblick davon ab und lehnt nur die Form ab, um dem Jüngling zu dem zu verhelfen, was er wirklich braucht. Er hat in Wahrheit bereits mehr als nur darauf hingewiesen, wo die Antwort liegt, nämlich in Gott selbst, doch dies zu empfangen ist der Jüngling noch nicht fähig; er muss bei ihm weiter zurück anfangen: „Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“ – denn wahrhaftig, wenn die Gebote nichts mit dem Eingang ins Leben zu tun haben, warum sind sie dann jemals den Menschen gegeben worden? Dies ist seine Aufgabe – er muss die Gebote halten.
Dann ist die Straße zum ewigen Leben das Halten der Gebote! Hätte der Herr es nicht gesagt, welcher Mensch normaler moralischer Gesinnung würde je wagen, etwas anderes zu behaupten? Was anderes kann der Weg ins Leben sein als das Tun dessen, was der Herr des Lebens den Geschöpfen, die er gemacht hat und welche er ewig lebend haben will, sagt, dass sie tun sollen? Es ist der Anfang des Weges. Wenn ein Mensch all diese Gebote gehalten hätte, würde es deshalb doch nicht das ewige Leben in sich haben; nichtsdestotrotz gibt es ohne das Halten der Gebote keinen Eintritt ins ewige Leben; das Halten von ihnen ist der Pfad zum Tor des Lebens; es ist nicht Leben, sondern es ist der Weg – so viel des Weges dahin. Nein, das Halten der Gebote, bewusst oder unbewusst, steht in engstem und wesentlichstem Verhältnis zum ewigen Leben.
Der Herr sagt nichts über die erste Tafel des Gesetzes: warum sagt er dem Jüngling nicht, wie er es mit dem Schriftgelehrten tat,[9] dass Gott zu lieben alles ist?
Er hatte ihm einen flüchtigen Blick vom Wesen seines eigenen Lebens gegeben, hatte den Jüngling auf das Herz des Ganzen hingewiesen – damit er hinterher darüber nachdenkt: er war dafür noch nicht bereit. Er wollte ewiges Leben: Gott zu lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele und mit aller Kraft und mit ganzem Verstand, heißt Gott zu kennen und ihn zu kennen, ist ewiges Leben; dies ist das Endziel der ganzen rettenden Angelegenheit; es ist kein menschliches Anfangen, es ist das großartige Endziel und der ewige Anfang aller Dinge; doch der Jüngling war nicht fähig dazu. Damit anzufangen wäre ebenso vernünftig wie zu jemandem, der fragt, wie er die Spitze des Berges erreichen kann, zu sagen: „Setze einfach nur deinen Fuß auf den leuchtenden, schnee-bedeckten Gipfel, hoch dort oben im Blauen, und du wirst sofort sein, wo du wünschst hinzugehen.“ „Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen und das ewige Leben gehört dir“: – es hätte bedeutet, ihn zu verspotten. Ja, er konnte noch nicht sehen oder glauben, dass dies das ewige Leben war! Er war noch nicht einmal dazu in der Lage, von Ferne auf das Leben zu blicken! Wie viele Christen sind es? Wie viele wissen, dass sie es nicht sind? Wie viele kümmert es, dass sie es nicht sind? Der Herr beantwortet seine Frage direkt, sagt ihm, was zu tun ist – eine Sache, die er tun kann – um ins Leben einzutreten: er muss die Gebote halten! – und wenn er fragt, „Welche?“, führt er nur diese auf, die mit seinem Nächsten zu schaffen haben, schließend mit dem höchsten und schwierigsten von ihnen.[10]
„Doch kein Mensch kann ein einziges der Gebote der zweiten Tafel vollkommener halten als von der ersten Tafel.“
Sicherlich nicht – warum sonst also sollten sie gegeben worden sein? Doch liegt keine Bedeutung in dem Wort halten oder beachten außer es wird durch vollkommen qualifiziert? Gibt es kein Einhalten außer einem vollkommenen Einhalten?
„Keines, um das sich Gott kümmert.“
Darin, denke ich, liegst du äußerst falsch. Dass kein anderes Einhalten außer einem vollkommenen Einhalten Gott zufrieden stellt, daran halte ich mit meinem ganzen Herzen und mit aller Kraft fest; doch dass es kein anders gibt, um das er sich kümmert, ist eine der Lügen des Feindes. Welcher Vater ist nicht erfreut über den ersten schwankenden Versuch seines Kleinen zu laufen? Welcher Vater wäre zufrieden mit irgendetwas anderem als dem mannhaften Schritt des ausgewachsenen Sohnes?
Als der Herr die bestimmten Gebote einzeln erwähnt hat, erwidert der Jüngling sofort, dass er diese von seiner Jugend an beachtet hat: können wir ihn beim Wort nehmen? Der Herr zumindest nimmt ihn beim Wort: er sah ihn an und liebte ihn. Wurde der Herr in ihm getäuscht? Erzählte er eine Unwahrheit? Oder glaubte der Meister, dass er die Gebote vollkommen gehalten hatte? Es muss ein Halten der Gebote geben, welches, obwohl es alles andere als vollkommen ist, doch annehmbar für das Herz dessen ist, vor welchem nichts verborgen ist. In dieser Hinsicht hat der Jüngling die Gebote eingehalten. Er hat über Jahre einen Teil seiner Lebensenergie aufgewendet, um sie zu halten. Nun, wie auch immer er die Vollkommenheit verfehlt hat, er hat das Endziel verpasst, für welches sie zum Einhalten gegeben wurden. Denn das unmittelbare Ziel der Gebote war niemals, dass die Menschen sie mit Erfolg beachten, sondern dass, wenn sie herausfinden, dass sie nicht tun können, was doch getan werden muss, herausfinden, dass je mehr sie es versuchen, desto mehr von ihnen verlangt wird, sie zur Quelle des Lebens und des Gesetzes getrieben werden sollten – ihres Lebens und seines Gesetzes – bei ihm solche Bestärkung des Lebens zu suchen, wie sie die Erfüllung des Gesetzes so möglich, ja, so natürlich, so notwendig macht. Dieses Ergebnis ist in dem Jüngling bewirkt worden. Seine Befolgung hatte ihm keine Befriedigung gegeben; er war nicht zur Ruhe gekommen; doch er verlangte ewiges Leben – von welchem kein Wort im Gesetz steht: das Halten des Gesetzes hatte dazu gedient, einen Hunger zu entwickeln, welchen kein Gesetz oder seine Einhaltung erfüllen konnte. Müsste nicht die Unvollkommenheit seines Einhaltens der Gesetze, selbst in dem niederen Sinne, in welchem er sie las, geholfen haben zu offenbaren, wie weit entfernt sie von jeglicher Einhaltung seinerseits lagen, wie ihre innewohnenden Ansprüche aufstiegen in die Unendlichkeit von Gottes Vollkommenheit?
Indem er die Gebote einhielt, benötigte der Jüngling und war er bereit für eine tiefere Lektion: der Herr würde ihn nicht lassen, wo er war; er war gekommen zu suchen und zu retten.[11] Er sah, dass er in schmerzhafter Bedürftigkeit nach Vollkommenheit war – jene Sache, von der der gemeine Christ denkt, dass er am besten ohne sie auskommt – jene Sache, nach der der Auserwählte hungert mit ewigem Hunger. Vollkommenheit, die Vollkommenheit des Vaters, ist ewiges Leben. „Willst du vollkommen sein“, sagte der Herr. Welch eine Ehre für den Jüngling, dass er von ihm annimmt, nach Vollkommenheit zu verlangen! Und welch einen enormen Anspruch erhebt er an ihn aufgrund dieser Annahme! Um die Vollkommenheit, nach der er verlangte, zu gewinnen, war die eine fehlende Sache, dass er alles verkaufen sollte, was er hatte, es den Armen geben und dem Herrn folgen! Konnte dies alles sein, was zwischen ihm und dem Eintritt ins Leben stand? Gott allein weiß, was der Sieg solch eines Gehorsams plötzlich in ihm bewirkt hätte! Viel, viel mehr würde nötig sein, ehe Vollkommenheit erreicht wäre, doch sicherlich wäre der nächste Schritt, zu verkaufen und zu folgen, der Schritt ins Leben gewesen: hätte er ihn genommen, wäre durch eben diesen Akt in ihm das geboren worden, dessen Wesen und Lebendigkeit ewiges Leben ist, nur noch den Prozess benötigend, es in das herrliche Bewusstsein der Einheit mit dem Leben zu entwickeln.
Da gab es nichts dergleichen im Gesetz: war das nicht hart? – Hart, die Erde gehen zu lassen und stattdessen den Himmel zu nehmen? Für das ewige Leben die toten Dinge fallen zu lassen? Seinen Rücken gegen den Mammon kehren und Jesus folgen? Seine reichen Freunde verlieren und zur Hausgenossenschaft des Meisters gehören? Lasst denjenigen sagen, dass es hart ist, welcher nicht den Herrn kennt, welcher niemals nach der Gerechtigkeit gedürstet hat, niemals nach dem ewigen Leben verlangt!
Der Jüngling war so weit gekommen, war so wohlgefällig in den Augen des Meisters, dass er ihm die höchste Gunst zeigen wollte, die er konnte; er würde ihn annehmen, um mit ihm zu sein – mit ihm zu gehen und mit ihm zu ruhen und nur von ihm zu gehen, um für ihn zu tun, was er für seinen Vater im
Himmel tat – die Menschen zu bitten, als ein Mittler zwischen Gott und Menschen.[12] Er würde ihn sofort freisetzen, als ein Kind des Königreiches, ein Erbe des ewigen Lebens.
Ich nehme nicht an, dass der Jüngling jemand war, den normale Menschen einen Liebhaber des Geldes nennen würden; ich glaube nicht, dass er gierig war oder auch nur nach großem Wachstum seiner Reichtümer verlangte; ich stelle mir vor, dass er einfach wie die meisten guten Menschen mit Eigentum war: er schätzte seine Besitztümer – sah auf sie als etwas Gutes. Ich vermute, dass er im Fall eines anderen solchen Besitz fast als einen Vorzug, eine Zugabe, betrachtet hätte; einen Mann, welcher Geldmittel hatte mehr geschätzt hätte als einen mit gar keinen – wie die meisten meiner Leser. Sie haben keine Ahnung, wie völlig sie eines Tages ihr Urteil werden ändern müssen oder es für sie in dieser Hinsicht werden verändern lassen müssen: Gut für sie, wenn sie es von sich selbst ändern!
Von dieser falschen Denkart und all der Torheit und Unwirklichkeit, die sie begleiten, wollte der Herr den jungen Mann erlösen. Wie die Dinge standen, war er ein Sklave; denn ein Mensch ist gebunden an was auch immer, wovon er sich nicht trennen kann, was geringer ist als er selbst. Er hätte die Besitztümer aus einem Akt seines eigenen Willens von ihm nehmen können, doch darin wäre nur wenig Gutes gewesen; er wünschte es durch den Akt des Willens des jungen Mannes zu tun: dies wäre wahrhaftig ein Sieg für beide gewesen! So würde er eintreten in Freiheit und Leben, erlöst von der Bindung an den Mammon durch den lieblichen Willen des Herrn in ihm, eins mit seinem eigenen. Durch das Hervorbringen der göttlichen Kraft in ihm, würde er der Zerstörung entkommen, die durch das Begehren in dieser Welt liegt – das heißt, das Verlangen nach oder das Gefallen am Haben.
Der junge Mann wollte nicht.
War der Herr also voreilig in seinem Anspruch an den Jüngling? War er nicht bereit dafür? War es als eine Prüfung gemeint und nicht als ein wirkliches Wort der Erlösung? Zeigte er dem Kind die nächste Stufe auf einer Leiter, die zu hoch für ihn war, seinen Fuß darauf zu setzen? Das glaube ich nicht. Er gab ihm genau die nächste Lektion in der göttlichen Ausbildung, für welche er bereit war. Es war möglich für ihn zu antworten, durch Gehorsam dem erlösten und erlösenden Willen Geburt zu geben und auf diese Weise frei zu sein. Es war Zeit, dass dieser Anspruch an ihn erhoben wird. Sagst du: „Doch er wollte nicht antworten, er wollte nicht gehorchen!“? Dann war es Zeit, antworte ich, dass er ablehnen sollte, auf dass er wissen sollte, welchen Geistes er war, um den Verwirrungen seiner Seele zu begegnen, dem traurigen Suchen des Herzens, das folgen musste. Eine Zeit kommt für jeden Menschen, da er gehorchen muss oder eine solche Ablehnung geben – und es weiß.
Sollte ich also meinen, dass die Ablehnung des jungen Mannes notwendigerweise endgültig war? Dass er darum verloren war? Dass, weil er verweigerte ins Leben einzutreten, die Tür für immer vor ihm verschlossen war? Wahrlich, so habe ich Christus nicht kennengelernt. Und dass die Lektion nicht vergeblich war, sehe ich darin, dass er bekümmert fortging. War es für solch ein Kümmernis im Geist eines ernsthaften Jünglings wahrscheinlich, weniger oder mehr zu werden? War alles, was er auf dem Weg des Gehorsams durchlaufen hatte von keinerlei Bedeutung für ihn? Konnte die Natur von einem, welcher die Gebote gehalten hatte, von solcher Geringfügigkeit sein, dass er, nachdem er Jesus aufgesucht und mit ihm gesprochen hatte, Gemeinschaft gehalten hatte mit ihm, welcher das Leben ist, sich weniger um das ewige Leben kümmern würde als zuvor? Viele – ach! – haben auf sein Angesicht geschaut und ihn doch nicht gesehen und sind umgekehrt; einige haben für Jahre mit ihm Gemeinschaft gehalten und ihn abgelehnt; doch ihre Schwäche ist nicht der Maßstab für die Geduld und die Möglichkeiten Gottes. Vielleicht war dieser Jüngling niemals einer von denen des Herrn, solange er auf der Erde weilte, doch vielleicht, als er sah, dass der Meister selbst sich gar nicht um den Wohlstand kümmerte, den fortzuwerfen er ihm sagte, dass er, statt auf den Thron seiner Väter zu steigen, die Leute mit sich tun ließ, was sie wollten und die Welt als der arme Mann verließ, als der er in ihr gelebt hatte, durch ihre gemeinste Tür, vielleicht wurde er dann einer von diesen, welche alles verkauften, was sie hatten, kamen und das Geld den Aposteln zu Füßen legten.[13] In der Zwischenzeit lag in seiner Seele, was sie schwer machte: durch die Schwerkraft seiner Reichtümer hielt ihn die Welt und wollte ihn nicht aufsteigen lassen. Er hielt seine Last für seine Stärke und sie war seine Schwäche. Mittellos in Gottes luftigen Höhen hätte er wahrhaftig Macht gehabt. Geld ist die Macht dieser Welt – Macht zur Niederlage und zum Versagen für den, welcher an ihr festhält – eine Schwäche, die überwunden werden muss, ehe ein Mensch stark sein kann; und doch stellen sich viele anständige Leute vor, dass es die Macht einer Welt ist, die kommen soll! Es ist tatsächlich eine kleine Macht, wie Essen und Trinken, wie körperliche Stärke, wie die Winde und Wellen Mächte sind; doch es ist kein machtvolles Mittel zur Erlösung der Menschen; ja, für die Erlösung derjenigen, welche es haben, ist es das traurigste Hindernis. Um diesen Jüngling fähig zum ewigen Leben zu machen, war eindeutig – und umso eindeutiger, als er kummervoll fortging – die erste Sache, einen armen Mann aus ihm zu machen! Er hätte zweifellos seinen Reichtum freudig hingegeben in den Dienst des Meisters, ja, und wäre mit ihm gegangen, als ein reicher Mann, um ihn für ihn auszugeben. Doch sich davon zu trennen, um ihn für seinen Dienst freizusetzen – das konnte er nicht – noch nicht!
Und wie würde er nun weitermachen mit dem Halten der Gebote? Würde er nicht anfangen, weit deutlicher seine Unzulänglichkeiten zu sehen, den größeren Umfang ihrer Ansprüche? Würde er ihre Einhaltung nicht zwingender als je zuvor empfinden, doch unmöglich ohne etwas, das er nicht hatte? Die Gebote können niemals gehalten werden, während es noch einen Kampf gibt, sie zu halten: der Mensch ist überwältigt von der Last ihrer zerbrochenen Stücke.[14] Es braucht ein reines Herz, um reine Hände zu haben, all die Lebenskraft einer lebendigen Seele, um das Gesetz zu halten – eine Lebenskraft, keine Kampfeskraft; die Stärke der Liebe, nicht das Bemühen der Pflicht.
Eines Tages muss die Wahrheit seines Verhaltens mit vollkommener Klarheit in ihm aufdämmern. Bitter muss diese Erkenntnis sein. Er hatte das ewige Leben abgelehnt! Er hatte Dem Leben seinen Rücken gekehrt! In tiefster Demütigung und Scham, doch mit dem tiefgehenden Trost der Reue, würde er zum Meister umkehren und seine Unbelehrbarkeit beklagen. Da sind jene, wie Paulus, die sagen können: „Ich habe falsch gehandelt, aber ich tat es in Unwissenheit; mein Herz war verkehrt und ich wusste es nicht.“: das Bedauern eines Solchen muss sehr verschieden sein von dem desjenigen, welcher, an den Punkt der Fähigkeit gebracht, die Wahrheit zu umarmen, sich von ihr abwandte und es ablehnte, befreit zu werden. Für ihn wird die Zeit kommen, Gott allein weiß die Stunde, wenn er die Natur seines Handelns sehen wird, mit dem Wissen, dass er es vage so gesehen hat, als er es tat: die Alternative lag vor ihm. All diese Monate oder Tage oder Stunden oder Augenblicke, die er dem Meister hätte folgen können, seine Worte hörend, die er sprach, durch die Fenster seiner Augen in die wahrhaftigen Tiefen der Gottheit schauend!
Der springende Punkt in Bezug auf den Jüngling ist dies: – Er hat früh angefangen, die ewige Leiter hinaufzuklettern. Er hat die Gebote gehalten und durch jedes Einhalten kletterte er weiter. Doch weil er gut situiert war[15] – eine Redewendung unbewusster Ironie – er fühlte sich gut – durchaus, doch außer um den Mangel des ewigen Lebens! Seine Besitztümer verliehen ihm einen Stand in der Welt – eine Position von Bedeutung – von Wert in seinen Augen. Er wusste um sich selbst, dass man zu ihm aufsah; er mochte es, dass man zu ihm aufsah; er sah zu sich selbst auf wegen seiner Mittel, vergessend, dass Mittel nichts als Werkzeuge sind, und noch dazu armselige Werkzeuge. Sich von seinem Wohlstand zu trennen hätte bedeutet, auf die Ebene seiner Untergebenen herabzusinken. Warum sollte er ihn nicht behalten? Warum ihn nicht im Dienst des Meisters verwenden? Welche Weisheit konnte darin liegen, solch einen großartigen Vorteil wegzuwerfen? Er konnte ihn hingeben, aber nicht von sich werfen! Er konnte ihn hingeben, aber er konnte nicht sich selbst hingeben! Er konnte sich selbst nicht entblößen als ein kleines Kind und sich von seinem Vater aufnehmen lassen! Für ihn war es nicht das Wort der Weisheit, welches der „Gute Meister“ sprach. Wie konnte wertvolles Geld ein Hindernis für den Eintritt ins Leben sein! Wie konnte ein reicher Mann glauben, er wäre von größerem Wert ohne sein Geld? Dass das Wegwerfen ihn zu einem von Gottes Riesen[16] machen würde? Dass die Schlacht Gottes besser ausgefochten werden konnte ohne dieses Hindernis? Dass sein Werk die Hilfe durch Reichtum als Verhinderung ablehnte? Doch der Meister hatte das Geld verworfen, dass er den Willen seines Vaters tun mochte; und der Jünger muss sein wie sein Meister. Hätte er gehandelt, wie der Meister es ihm sagte, hätte er es bald verstanden. Gehorsam ist der Augenöffner.
Es gibt da diese Gefahr für jeden guten Jüngling im Halten der Gebote, dass er von sich selbst möglicherweise höher denkt als er denken sollte. Er mag in Bezug auf die Tatsachen richtig genug liegen und in seinen Schlussfolgerungen und seiner konsequenten Selbstwahrnehmung alles andere als gerecht sein. Er mag sich für einen feinen Burschen halten, während er nichts als ein normaler, vernünftiger Jüngling ist, der nur versucht, die erste notwendige Sache in Bezug auf Ruf und Ehre eines Mannes zu unternehmen. Zweifellos ist solch ein Jüngling außergewöhnlich unter der Jugend; doch die Zahl der Narren, die die erste Bedingung für Mannhaftigkeit noch nicht wahrnehmen, ändert in keinerlei Weise die Tatsache, dass der, welcher angefangen hat, seine Pflicht zu erkennen und die Tatsachen seines Daseins wahrzunehmen, nur ein schwankendes Kind auf dem Pfad des Lebens ist. Er ist auf dem Pfad; er ist so weise wie er zu dieser Zeit sein kann; die Arme des Vaters sind ausgestreckt, um ihn zu empfangen;[17] doch er ist deswegen kein wundersames Wesen; deswegen kein Modell der Weisheit; keineswegs das bewundernswerte Geschöpf, das seine größtenteils zurückbleibende Narrheit ihm in seinen schlimmsten Augenblicken, das heißt, wenn er sich am besten fühlt, einredet von sich selbst zu denken; er ist nur eines von Gottes armen Geschöpfen. Welchen Anteil diese den guten jungen Mann heimsuchende Sünde im elenden Versagen dieses einen gehabt haben mag, müssen wir nicht untersuchen; doch es mag gut sein, dass er dachte, der Meister unterschätze sowohl sein Werk als auch seinen Wohlstand und wäre weniger gerecht zu ihm.
Um auf den Punkt zu kommen: –
Der Jüngling, indem er die Leiter[18] des ewigen Lebens erklomm, war auf einen Absatz gelangt, wo keine weitere Stufe sichtbar war. Auf der wolkenverhangenen Ebene steht er, vergeblich Ausschau haltend nach einem weiteren Aufstieg. Was er bei sich selbst dachte, was er wollte, kann ich nicht sagen: seine Idee des ewigen Lebens kenne ich nicht; ich denke kaum, dass es nur die armselige Idee des ewig Weiterlebens war, alles, was gewöhnliche Geister für ewiges Leben halten – sein bloßer mit ihm einhergehender Schatten, in sich selbst nicht wert, darüber nachzudenken, nicht für einen Augenblick zu diskutieren und für selbstverständlich gehalten von allen frommen Juden: wenn ein Mensch ewiges Leben hat, das heißt, wenn er eins ist mit Gott, was sollte er sonst tun außer ewig weiterleben? Ohne Einheit mit Gott wäre das Fortdauernd der Existenz für mich der absolut unüberwindbare Fluch – das Unüberwindbare selbst ein Wesen, ein Gott ganz anders als der Gott, den ich in Jesus sehe; doch was immer seine Idee war, sie muss in sich, wenn auch vielleicht nur als loses Konzept, all solche Annahmen enthalten haben, wie er sie Gott und Mensch und allgemeine Gerechtigkeit betreffend hatte. Während er solcherart verharrt, allein und hilflos, siehe, die Gestalt des Sohnes des Menschen! Es ist Gott selbst, der gekommen ist, um dem aufsteigenden Jüngling zu begegnen, ihn bei der Hand zu nehmen und ihn seine eigene Leiter hinaufzuführen, die einzige Leiter, durch welche der Aufstieg erfolgen kann. Er zeigt ihm den ersten Schritt dazu durch den Nebel. Seine Füße sind schwer; sie tragen goldene Schuhe. Um diese Leiter hinaufzusteigen, muss er seine Schuhe zur Seite werfen. Er muss barfüßig ins ewige Leben gehen.[19] Doch lieber als so, lieber als bewegungsfrei die immerwährende Leiter zur Brust des Vaters hinaufzustreben, will er seine kostbaren Schuhe behalten! Es ist besser, sie über die Erde zu schleifen, als sich von ihnen zu trennen für eine Welt, in der sie nutzlos sind!
Doch wie elend müssen seine kostbaren Sachen, seine goldenen Gefäße, seine bestickten Gewänder, sein stattliches Haus erschienen sein, als er zurückkehrte zu ihnen vom Angesicht des Herrn! Es kann sicher nicht lange gedauert haben, ehe er mit Scham und Kummer alles von sich warf, gerade so wie Judas die dreißig Silberstücke von sich warf, in der Agonie eines jeden, der zur Tatsache erwacht, dass er Geld dem Meister vorgezogen hat! Denn obwohl der Mensch niemals gerettet werden kann, ohne von seinen Besitztümern befreit zu werden, ist es nur schwer, nicht unmöglich, für einen reichen Mann ins Reich Gottes zu kommen.[20]
[1] Epheser 1, 17-18 – George MacDonald nimmt in den ersten Abschnitten dieser Predigt indirekt Bezug auf diese Aussage von Paulus aus dem Epheserbrief.
[2] Gemeint ist die zuvor genannte griechische Überlieferung des Neuen Testamentes, die George MacDonald tatsächlich intensiv studiert hat und, wenn man den Hinweisen aus seinen Briefen und Texten folgt, wohl täglich in ihr gelesen hat. Einige seiner männlichen Romanhelden pflegen die Angewohnheit, täglich im griechischen Neuen Testament zu lesen.
[3] Kolosser 3, 3
[4] Siehe z. Bsp. Johannes 6,38
[5] Hebräer 13, 8
[6] Siehe z. Bsp. Johannes 5, 26. Hinweis der Übersetzerin: Im ersten wie auch im zweiten Teil der „Unspoken Sermons“ verwendet MacDonald als Anfangspunkt für seine auslegenden Texte überwiegend direkte Zitate aus den synoptischen Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas. In der Auslegung dieser Verse verwendet es jedoch sehr häufig indirekte Zitate aus dem Evangelium nach Johannes. Im dritten Teil der „Unspoken Sermons“ verwendet MacDonald dann überwiegend Verse des Johannes-Evangeliums, um sie den Texten voranzustellen. Es hat eine lange Tradition, die drei synoptischen Evangelien an diesem vierten, „mystischeren“ Evangelium zu spiegeln. Der dritte Teil der Sermons ist mit einigem Abstand zu den ersten beiden Teilen entstanden und veröffentlich. MacDonalds Texte werden zum Ende seines Lebens hin ein wenig „mystischer“.
[7] 1. Korinther 15, 28
[8] Matthäus 5, 6
[9] Matthäus 22, 39 / Markus 12, 31 / Lukas 10, 27
[10] Gemeint ist das zusammenfassende „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“.
[11] Lukas 19, 10: „Denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist.“
[12] 1. Timotheus 2, 5
[13] Apostelgeschichte 4, 35
[14] Anspielung auf die ersten Gesetzestafeln, die Mose vom Berg Sinai herab brachte und dann zerstörte, als er sah, dass das Volk Israel bereits die Gesetze gebrochen hatte, die ihm gerade erst gegeben worden waren. In diesem Sinne stehen die zerbrochenen Tafeln für die gebrochenen Gesetze und das bruchstückhafte Erfüllen der Gebote durch den Menschen.
[15] Wortspiel mit der Wendung „do good“ in „well-to-do“ – weil der Jüngling Gutes tun wollte, aber Jesus von ihm verlangte, gut zu sein.
[16] Im Original steht hier „Anakim“ – ein Wort, das die Söhne Anaks bezeichnet, vor denen die Israeliten beim ersten Versuch des Einzugs ins verheißene Land Furcht hatten. Sie waren von hohem Wuchs und galten als ein Geschlecht von Riesen.
[17] Abermals Anspielung auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn, in dem der Vater dem heimkehrenden Sohn entgegeneilt.
[18] George MacDonald verwendet in seinem Werk häufig das Bild einer Leiter oder Treppe, die nach oben führt, als Sinnbild für den Weg zu höherer Erkenntnis, Entdeckung von Geheimnissen, Aufstieg zu (mannhafter) Reife. Zudem wird auf die Himmelsleiter aus Jakobs Traum angespielt, auf der Engel zwischen Himmel und Erde auf und ab steigen. Einswerden mit dem Göttlichen als Aufstieg ins Höhere beschrieben.
[19] Anspielung auch auf biblische Gestalten wie Mose, der seine Schuhe von den Füßen ziehen sollte, als er sich der Offenbarung Gottes im brennenden Dornbusch näherte. Vor Gott muss der Mensch sich demütigen und aller Dinge entäußern, die ihn daran hindern, Gott zu begegnen.
[20] Markus 10, 24 – Anschluss an die nächste Predigt, die diesen Vers aufgreift.
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