In Stille wachsen – zu George MacDonald und „Sir Gibbie“

In Stille wachsen

Buchbesprechung zu:

„Sir Gibbie“ von George MacDonald

Original: in 3 Bänden 1879

Diese Ausgabe: Neuausgabe 2018, Dialoge in schottischem Dialekt parallel ins Englische übersetzt von David Jack, Einführung von Michael Phillips, Illustrationen von Carrie Stout

Veröffentlicht über CreateSpace Independent Publishing Platform North Charleston, South Carolina

Großformatiges Taschenbuch, Digitaldruck, 521 Seiten

 

Es wird Zeit. Zeit, dass ich mich zu einer meiner großen Leidenschaften bekenne. Eine Leidenschaft, die ich nach einer langen Reise den Fluss abwärts hin zu seiner Quelle gefunden habe. Damals, als gute Freunde mich halb dazu zwangen, alle drei Teile der Verfilmung von „Herr der Ringe“ in der Extended Version als Marathon zu gucken, hat es begonnen. Ich war einigermaßen fasziniert. Wer hatte nochmal die Geschichte dazu geschrieben? Ein Professor in England? So als schräges Hobby? Tolkien. Der war Christ und auch noch katholisch? Und befreundet mit C. S. Lewis [der über alle Denominationen hinweg bis heute gebraucht und missbraucht wird…]. Zwei Mitglieder der Inklings of Oxford, christliche Intellektuelle, die bei einem Bier über ihre Werke, über Gott und die Welt redeten.

Und in allem, was ich darüber las, fand ich plötzlich den Hinweis. Ihren Meister und Lehrer nannten sie ihn: George MacDonald (1824 – 1905). Bis dahin hatte ich noch nie von ihm gehört. Ein frommer, für viktorianische Verhältnisse fast exzentrischer Schotte. Ein Prediger, Redner, Chemiker, Literat. Ein liebevoller Familienvater und Vater der modernen Fantasy. Alle, die heute Fantasy schreiben, schulden ihm mehr, als ihnen bewusst ist. Er ist die Quelle, aus der sie alle schöpfen, ohne es zu wissen, weil Tolkien und Lewis aus ihr schöpften und weil niemand, der heute mit Fantasy-Literatur zu schaffen hat, ohne Bezug zumindest zu Tolkien auskommt.

Aber weit mehr schulden wir alle, die wir heute frei, vernünftig und tief glauben wollen, diesem fast vergessenen Schriftsteller. Welcher belesene Christ kennt nicht die Werke von C. S. Lewis oder von G. K. Chesterton (Pater Brown!)? Aber wer weiß denn schon, dass gerade sie sich von den Werken George MacDonalds nährten und daraus einen großen Teil ihres eigenen geistlichen Fundamentes zogen? Exemplarisch soll hier ein Zitat von Chesterton stehen. Es sind die ersten Sätze seines Vorwortes zur George MacDonald-Biografie, die dessen Sohn Greville MacDonald im Jahre 1924 veröffentlichte:

 

„… Ein spirituelles Genie, dessen Kunst so außergewöhnlich war, dass, hätte er sich auf Dichtung und rein phantastische Erzählungen beschränkt, er nicht beinahe hätte vergessen werden können. Seine Märchen und allegorischen Fantasien waren epochemachend im Leben von Vielen, Kindern und Eltern gleichermaßen, und werden immer noch viel gelesen. Seine Romane, nicht nur die, welche, angelegt in seiner Heimat, eine neue Schule schottischer Literatur eröffneten, sondern auch seine Geschichten des englischen Lebens, rührten bis an die Tiefe der religiösen Welt und hinterließen ihren Eindruck direkt oder vermittelt im tieferen Denken der gesamten englischsprachigen Welt.“ G.K. Chesterton in seiner Einführung zu „George MacDonald und seine Frau“ von George MacDonalds Sohn Greville MacDonald (1924)

[“… a spiritual genius whose art was so rare that, had he confined himself to poetry and purely imaginative story-telling, he could not have been almost forgotten. His fairy-tales and allegorical fantasies were epoch-making in the lives of multitudes, children and parents alike, and still are widely read. His novels, not only those which, conceived in his native country, inaugurated a new school in Scottish literature, but his stories of English life also, stirred the religious world to its depths and left their impress direct or mediate on the deeper thought of the whole English-speaking world.” G. K. Chesterton in his introduction to “George MacDonald and his wife” written by George MacDonalds son Greville MacDonald (1924)]

 

Was Chesterton hier sagt, gilt bis heute. George MacDonald ist weithin vergessen. Seine Märchen und Fantasiegeschichten werden in Kinderstuben bis heute hin und wieder gelesen. Seine Romane prägten das geistliche Denken Vieler, aber sie sind wohl viel zu spirituell, um heute neben anderen Werken aus der viktorianischen Epoche noch etwas zu gelten. Selbst wenn Tolkien und Lewis, die ihn als ihren Meister und Lehrer betrachteten, zu den Romanen MacDonalds auch durchaus kritische Anmerkungen machten, sind sie doch für sich gelesen äußerst bemerkenswert.

Nirgendwo sonst in der Literatur jener Zeit kann man die schottische Landschaft und Lebensart geradezu einatmen. Die Worte sind sorgfältig gewählt, poetisch durch und durch, die Geschichten ordentlich angelegt. Beim Lesen schwebt man zwischen fast erschreckender Lebensnähe und unwirklichen Überhöhungen. Die Lektüre verlangt Aufmerksamkeit und Offenheit. Die Geschichten, die George MacDonald erzählt, sollen vor allem Eines: seinem Meister dienen. Denn wenn C. S. Lewis in George MacDonald seinen Meister sieht, dann sieht er durch ihn den Meister, dem George MacDonald diente:

 

“Ich kenne kaum einen anderen Schriftsteller, der näher oder fortlaufend näher dem Geist Christi selbst zu sein scheint.“ C. S. Lewis über George MacDonald.

 

[„I know hardly any writer who seems to be closer, or more continually close to the Spirit of Christ Himself.“ C. S. Lewis on George MacDonald.]

 

Exemplarisch für diese Art der Roman-Literatur, die dem Leser / der Leserin den Geist Christi vermitteln soll, steht auch „Sir Gibbie“ aus dem Jahr 1879. Wie einige andere Werke MacDonalds ist dieser Roman in Neuauflage wieder erhältlich, wenn auch nur als Digitaldruck im Taschenbuchformat. Es gibt im anglo-amerikanischen Raum einige engagierte Leute, die sich mit dem Werk dieses Schotten befassen, es neu edieren und der Öffentlichkeit als print-on-demand zugänglich machen. Wenn man lange und geduldig genug recherchiert, stößt man darauf. Das gehört zu den Segnungen des digitalen Zeitalters – was bisher vergessen war, taucht in kleinen Nischen wieder auf und wartet darauf, entdeckt zu werden.

Die Ausgabe von „Sir Gibbie“, die ich hier in Händen halte, gehört zu einem längerfristigen Projekt des Übersetzers David Jack. Es gibt 12 schottische Romane von MacDonald, in denen die Dialoge in schottischem Dialekt abgefasst sind. Mit viel Mühe, Übersetzungshilfe aus dem Netz und wenn die zu Grunde liegenden Englischkenntnisse ausreichend sind, kann man sich den Dialekt auch selbst erschließen, doch der Lesefluss wird dadurch erheblich gehemmt. Bisher sind darum drei Romane, Robert Falconer, Castle Warlock und eben Sir Gibbie, mit parallel ins Englische übersetzten Dialogen erschienen. Ein vierter – Donal Grant – ist in Arbeit und erscheint voraussichtlich Ende 2019.

Sir Gibbie ist im klassischen Sinne ein Entwicklungs- und Bildungsroman, modern gesprochen eine „Coming-of-Age“-Geschichte mit märchenhaften Elementen. Man verfolgt die Lebensgeschichte des kleinen, stummen Straßenjungen Gilbert Galbraith von seinem 8. bis zu seinem 21. Lebensjahr. Die Mutter des kleinen Gibbie ist längst gestorben, nachdem sie durch die Heirat mit Sir George Galbraith, Gibbies Vater, bei ihrer Familie in Ungnade fiel. Durch verschiedene, teils selbst verschuldete Umstände hat Gibbies Vater, einst ein Laird (Grundbesitzer des schottischen Landadels), alles verloren und kann sich und den Sohn nur mit Mühe ernähren, indem er das Handwerk eines Flickschusters ausübt. Seine demütigenden Lebensumstände erträgt er nur, indem er die arbeitsfreien Abende und Sonntage mit Trinken verbringt. Sein Sohn streift derweil tagein, tagaus und manchmal auch in den Nächten durch die Gassen der Stadt. Barfüßig, in Lumpen, unterernährt und stumm. Die Leute bemitleiden ihn, halten ihn wegen seiner Sprachlosigkeit für schwachsinnig und lassen ihm hin und wieder einen Penny oder ein Stück Brot zukommen. Die Beschreibung des Elends ist herzzerreißend in ihrer Nüchternheit, doch mit einer übernatürlichen Seligkeit hüpft Gibbie durch die Gassen, immer auf der Suche nach etwas Gutem, das er den Menschen tun kann. Er hat ein Talent dafür, verlorene Gegenstände wiederzufinden und er ist der Schutzengel aller Betrunkenen und begleitet sie sicher nach Hause.

Als wenn das Elend dieses Straßenjungen nicht schon schlimm genug wäre, stirbt der Vater letztlich an den Folgen seiner Alkoholsucht. Nun ist Gibbie ganz ohne Zuflucht. Auf der Stufe eines streunenden Tiers rollt er sich da zusammen, wo Wärme ist. Er versteht die Hilfe der Menschen nicht als solche und entwindet sich dem Zugriff der Fürsorge. Er flieht aus dem Stadtteil in einen anderen, wo er Zuflucht in einer der schlimmsten Hafenkneipen unter den trinkenden Matrosen findet. An einem von ihnen hängt er bald besonders. Der schwarze Sambo kümmert sich um ihn. Aufgrund seiner Hautfarbe von den anderen verachtet und verspottet, aber ausgestattet mit einem kindlichen und geduldigen Gemüt, sind er und Gibbie einander innerlich verwandt.

Doch dieses Stück Himmel währt nicht lange. Wieder wird Gibbie aus den Armen eines menschlichen Wesens gerissen. Als Sambo sich ein einziges Mal gegen die Angriffe der anderen Matrosen zur Wehr setzt, sinnen diese auf Rache und schlitzen ihm des Nachts die Kehle auf. Nach dem Elend folgt der nackte Horror und in der nüchternen Schilderung dieses Mordes steht George MacDonald den modernen und postmodernen Autoren in nichts nach. Es schüttelt den Leser vor Grauen und Mitleid.

Wieder flieht Gibbie. Dieses Mal ist ihm sogar die Stadt insgesamt unbewohnbar geworden. Er erinnert sich an einen Satz seines betrunkenen Vaters und folgt dem Fluss aufwärts ins Land. Zum ersten Mal lernt er nun die Gewalten und Schönheiten der Natur fürchten und kennen. Es dauert lange, ehe sie ihm Beruhigung und Zuflucht werden und sein erschüttertes Gemüt heilen. Er sehnt sich jedoch nach menschlichen Gesichtern und danach, anderen etwas Gutes zu tun. Diese Gelegenheit bietet sich ihm auf einer Farm im Landstrich Glashruach, dem Besitz der Familie Galbraith, aus der er selbst herkommt und wovon er nichts weiß. Dort versteckt er sich in der Scheune des Farmers und wird zum heimlichen Helfer der Männer und Frauen. Nachts und am frühen Morgen erledigt er ihre Arbeiten in Küche und Stall. Sie glauben bald an eine Art Heinzelmännchen [„Brownie“].

Dieses Gerücht kommt dem Laird zu Ohren, einem Mann, der durch Einheirat das Anwesen der Galbraiths in Händen hält und es im Grunde nur für seine noch nicht erwachsene Tochter Ginevra treuhänderisch verwaltet. In seinem Hass auf alles Abergläubische und Romantische geht er der Sache auf den Grund. Gibbie wird entdeckt, gefangen genommen und befragt. Da er stumm ist, kann er sich nicht verteidigen oder erklären. Der Laird hält ihn für einen Dieb und übergibt ihn dem Wildhüter. Der Wildhüter peitscht ihn aus. Die Tochter des Laird geht dazwischen und kann das Schlimmste verhindern. Völlig nackt und verwundet flieht Gibbie nun auf den nahe liegenden Berg. Fast verhungert und erfroren findet er endlich Zuflucht bei einem frommen, älteren Ehepaar: Robert und Janet Grant. Es sind Häusler des Lairds, die auf dem Berg Schafe hüten. Die Kinder dieses Paares sind fast alle schon aus dem Haus und in Arbeit. Besonders die Mutter Janet nimmt sich des kleinen Gibbie an. Hier, in diesem ärmlichen Haus, findet er endlich seinen Himmel wieder. Die tiefgläubige Frau lehrt ihn aus ihrer Bibel das Lesen und Schreiben. Der Vater nimmt ihn mit zum Hüten der Schafe. Seine Anwesenheit ist den alternden Leuten eine große Hilfe. Bald kümmert er sich häufig allein und die Tiere.

Eines Tages trifft er auf die verirrte Tochter des Lairds, die er zum Haus seiner Ziehmutter Janet führt. Mit dem jüngsten Sohn dieser Ziehmutter, Donal Grant, dem Hütejungen für die Kühe der Farm, verbindet ihn eine enge Freundschaft. Es folgen größere und kleinere Abenteuer der drei auf dem Berg und der Farm, die der Laird irgendwann unterbindet.

Ein riesiges Unwetter schließlich reißt fast alles mit sich, zerstört das Anwesen des Laird, spült die Farm aus, vertreibt die alten Leute aus ihrer Hütte und treibt Gibbie hinaus, um zu retten, wen er kann. Er schafft es, die Tochter des Laird, Ginevra, in Sicherheit zu bringen. In diesen chaotischen Umständen gelingt es einer alten Bekannten Gibbies, Mistress Croale, die Wirtin seines alkoholkranken Vaters, herauszufinden, wo Gibbie sich aufhält. Die Frau ist mittlerweile selbst dem Alkohol verfallen, denn sie plagt das schlechte Gewissen, am Tod des Vaters des Jungen Schuld zu sein, da sie ihn in ihrem Hause hat trinken lassen.

Die Information über Gibbies Verbleib gibt sie an den Geistlichen Mister Sclater weiter, der das Erbe eines reichen, verstorbenen Galbraith an den rechtmäßigen Erben bringen will. Es kommt wie es kommen muss. Gibbie wird das Mündel dieses Geistlichen. Er lässt sich jedoch nur darauf ein, wenn seinem besten Freund Donal ebenfalls der Zugang zu höherer Bildung gewährt wird. Nun ist Gibbie zurück in der Stadt. Er studiert, muss die befremdlichen Gepflogenheiten der höheren Gesellschaft kennenlernen und feststellen, dass diejenigen, deren Berufsstand es ist, Christus zu predigen, oft nicht diejenigen sind, die Christus-gemäß leben.

Als Gibbie 21 wird, tritt er sofort sein Erbe an. Nicht weil er das Geld und den Besitz will, sondern weil er denen, die ihm am Herzen liegen, endlich Gutes damit tun möchte. Er übernimmt den gesamten Besitz der Galbraiths, auch das Land und Anwesen in Glashruach, und setzt ihn wieder in Stand. Durch seine Heirat mit der Tochter des Laird, der in der Zwischenzeit alles verloren hat und verarmt und verbittert in einem Cottage bei der Stadt lebt, gelingt es ihm, diesem Mädchen alles zurückzugeben, was es je vermisst hat. Sir Gilbert Galbraith stellt die alte Ordnung wieder her, indem er seine volle Verantwortung wahrnimmt.

Dies ist grob umrissen die Handlung des Romans. Die Einzelheiten und die Beziehungen der Romanfiguren zueinander sich noch komplexer, doch dafür fehlt in einer Einführung wie dieser der Platz.

Sir Gibbie ist ein wunderbarer Einstieg in die Romane von George MacDonald, wenn man zuvor seine phantastischen Werke wie „The Princess and the Goblin“ oder „At the Back of the Northwind“ gelesen hat. Das Motiv des unwirklich gutherzigen Kindes setzt sich hier fort und verleiht der Geschichte ihre märchenhafte Wirkung. Sir Gibbie ist ein überirdisches Wesen, ein Junge voller Reinheit, Güte und Freundlichkeit. Er hat in diesem Roman eine klar definierte Funktion: dem Leser / der Leserin malt er das Bild des liebenden, gehorsamen Kindes vor Augen. Er selbst ist die Symbolfigur für die ideale Gotteskindschaft des einzelnen Menschen. Er ist gleichsam ein kleiner Christus – als guter Hirte hütet er die Schafe seines Ziehvaters und führt die auf dem Berg verlorene Ginevra zurück nach Hause. Als leidender Gottesknecht in dieser trägt er die kreuzförmigen Peitschenhiebe des Wildhüters auf seinem Rücken.

Er ist als Romanfigur hochsymbolisch angelegt. Wie der kleine Sir Gibbie soll ein wahres Kind des himmlischen Vaters sein: Ein Herz voller Liebe jedem menschlichen Angesicht gegenüber – der unbedingte Wunsch, anderen etwas Gutes zu tun, eben weil es Teil der eigenen Natur ist, Gutes zu tun, ohne darüber nachzudenken, dass es das Gute ist, was man gerade tut – ein starker Wille gegen das Bösartige in der Welt und für das Gute in den Anderen – Freiheit von jeder einengenden Theologie, als einziges Gebot im Herzen zu tun, was der Herr selbst gesagt hat – Freiheit von der Gefangenschaft durch Geld oder Besitz – ein Sinn für unmittelbare Verantwortung und
Pflicht, ohne diese als Bürde zu empfinden, sondern sie als natürliche Freude einfach wahrzunehmen.

Gibbie ist zu gut, um wahr zu sein. Und doch ist Gibbie das wahre Kind, das einzig wahrhaftige Kind in dieser Geschichte: das Kind des himmlischen Vaters. Er regt in uns die Sehnsucht an, ebenso frei und wild zu lieben und geliebt zu sein. Er ist voller Natürlichkeit und er hat keine andere Stimme als das, was er tut. Es gibt keine leere Rede, keine hohle Phrase in ihm, der nicht sprechen kann. Er wächst in Stille stetig hin zur vollkommenen Liebe, weil ihn das Geplapper der Welt nicht ablenken kann.

Gibbie und Ginevra begegnen einander auf dem Berg wie Daphnis und Chloë in der antiken Hirten-Liebes-Geschichte. Sie sind zwei verlorene Königskinder – verloren auf je eigene Art. Gibbie ist verloren in dieser Welt, elend und verstoßen, aber er hat Heimat in der ewigen Liebe Gottes, des Vaters. Diese Heimat vermittelt er Ginevra, die in dieser Welt zwar alles hat, aber fern von der Liebe des Vaters ist, weil ihr eigener Vater sie mit seiner emotionalen Eiseskälte bedrückt und dämpft. Sie ist verlorener als der verlorene Waisenjunge. Ihre Liebesgeschichte ist wie ein Mythos und hebt ihre Beziehung auf das Maß der wahren, göttlichen Liebe.

Neben diesen nahezu phantastischen und tief spirituellen Elementen ist die Geschichte von erschreckender Nüchternheit in Bezug auf das irdische Elend geprägt. George MacDonald beschreibt Krankheit, Armut und Mord schlicht wie sie sind. Es gibt keine Schnörkel an diesen Dingen.

Besonders seine Analyse des Alkoholismus wirkt überraschend modern. Erst gegen Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde Alkoholsucht als Krankheit anerkannt, als ein Leiden, das der Heilung bedarf. Noch heute werden Betroffene in der Gesellschaft mehr oder weniger verachtet – je nach dem, inwieweit sie ihr Gesicht nach außen wahren können oder verwahrlosen. Wie vielmehr im 19. Jahrhundert? Mich haben die Schilderungen George MacDonalds um den alkoholkranken Vater Sir Gibbies tief bewegt. In all dem Elend und der Verkommenheit findet MacDonald immer noch ein gutes Wort für einzelne Charakterzüge und Bemühungen dieses Vaters. Die Geschichte ist von tiefem Mitleid und einer Hoffnung für die hoffnungslosesten Fälle geprägt. Das ist absolut ungewöhnlich. So schreibt er zum Tod des Vaters: „He was gone to see what God could do for him there, for whom nothing more could be done here.” [Er war hingegangen, um zu erfahren, was Gott dort tun könnte für ihn, für den hier nichts mehr getan werden konnte.“]

Auch zum schwarzen Sambo findet George MacDonald kritische Worte über wir würden heute sagen rassistische Vorurteile. Allein diese Details geben ein vortreffliches Bild der inneren Haltung des Schriftstellers George MacDonald. Er ist als Mensch und als Literat immer bereit das Beste vom einzelnen Menschen anzunehmen und für den Einzelnen zu hoffen, dass er oder sie sich zum Besten hin entwickelt. Es gibt keine hoffnungslosen Fälle, nur Traurigkeiten, die Gott im Jenseits vielleicht doch auf die eine oder andere Art lösen kann – man weiß nicht wie. George MacDonald beurteilt, aber er verurteilt nicht – eine Haltung, die heute in digitalen Zeiten wieder neu von Christen aller Denominationen wünschenswert wäre und einer der Gründe, weshalb es seit geraumer Zeit eine meiner größten Leidenschaften ist, das Werk MacDonalds zu lesen, zu verstehen, darüber zu bloggen und Teile davon zu übersetzen.

Umso dankbarer bin ich, dass es gerade jetzt wieder Menschen im englischsprachigen Raum gibt, die seine Werke neu edieren und die schottischen Passagen lesbar für ein breites Publikum machen. Wer der Englischen Sprache mächtig ist und sich ein gläubiges und zugleich offenes Herz bewahrt hat, dem sei die Lektüre dieser Ausgabe von Sir Gibbie wärmstens empfohlen. Sie hat wunderschöne Illustrationen, die den friedlichen Geist hinter der Geschichte unterstreichen. Sie ist großformatig, gut lesbar und ordentlich gestaltet. Sie ist eine Chance für einen Einstieg in das großartige Werk George MacDonalds.