Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten II von George MacDonald – Kapitel 5: Des Menschen Schwierigkeit in Bezug auf das Gebet

Des Menschen Schwierigkeit in Bezug auf das Gebet

   „… und nicht ermatten.“ Lukas 18, 1

   „Wie sollte irgendein Plan des Allweisen verändert werden in Antwort auf unser Gebet!“ Wie können wir solch eine Sache glauben?

   Indem wir darüber nachdenken, dass er der Allweise ist, welcher sieht, was vor ihm ist und seinen Pfad nicht versperren wird. Solcher Einwand entspringt aus der ärmlichsten Idee von Gott in Beziehung zu uns. Sie nimmt von ihm an, Vorsorge, Pläne und Absichten unseren Teil der Schöpfung betreffend zu haben ohne Rücksicht auf uns. Wofür ist die ganze Ordnung der Dinge gut, wenn nicht zu unserer Erziehung? Kümmert Gott sich mehr um Sonnen, Planeten und Monde, um göttliche Mathematik und geordnete Harmonien als um seine Kinder? Ich erdreiste mich zu sagen, er kümmert sich mehr um Ochsen als um jene Dinge. Er hegt keine Pläne ohne Rücksicht auf seine Kinder; und da seine Absicht ist, dass sie freie, handelnde, lebendige Dinge sind, sieht er zu, dass Raum für sie bleibt: sie benötigen Raum, um sich aus ihrem Kokon zu kämpfen, die Veränderung durchzumachen, die mit dem erwachenden Willen einhergeht, und in die göttlichen Übungen und Mühen von Kindern im Haus und Anwesen ihres Vaters einzutreten. Gewiss wird er seine Pläne bis zu einem gewissen Maße nicht festgelegt halten, das freie Verlangen der einzelnen Seele abwartend! Ist nicht der Plan des ersten Grundsteins der Erziehung seiner Kinder, sie gerade zu dem Punkt zu bringen, an dem sie beten sollen? Und sollte seine Ordnung, die auf dieses Ziel ausgerichtet ist, dann als feststehend und bindend erfunden werden, festverwurzelt und unbiegsam, als ob sie unbewegt und von keiner Leben-spendenden Seele wäre, sondern von einer unbewusst-wissenden Kraft – so dass er nicht auf das Gebet antworten kann wegen der Ordnung, welche ihr Dasein um des Gebetes willen hat? Es ist wahr, in vielen Fällen ist das Gebet selbst, weit mehr als die Möglichkeit seiner Beantwortung, Gottes Ziel; doch wie soll das weiterführende Ziel des Gebetes erreicht werden, welches Einheit zwischen dem Herz des Kindes und des Vaters ist? Wie wird das Kind weiterbeten, wenn es weiß, dass der Vater ihm nicht antworten kann? Wird nicht mag aus Liebe sein, doch wie steht es um ein selbstauferlegtes kann nicht? Wie könnte er Vater sein, welcher erschafft und nicht Vorsorge treffen würde, nicht Raum bieten würde für die gebrabbelten Gebete seiner Kinder? Ist seine Vollkommenheit eine mechanische? Hat er selbst keinen Raum zur Wahl – und kann daher keine geben? Es muss eine Gott-gemäße Region des Wählens geben wie es eine menschliche gibt, wie wenig wir auch immer fähig sein mögen, sie zu begreifen. In solch einer Ordnung wäre es eine Herrlichkeit, dass selbst ihre Sonnen wogen und pulsieren beim Herzschlag eines neuen Kinder-Lebens.

   Welche Vervollkommnung einer Wohnstätte wäre es, wenn ihre Möblierung und die Wege dazwischen festgelegt wären wie die Schubladen und Fächer eines Schranks? Was für ein Stumpfsinn der Vervollkommnung würde es sein, welche keinen Spielraum für Gottes Wirken ließe, keinen Raum für Veränderung bei Veränderung der Fakten – ja, selbst die mächtige Veränderung, dass sein Kind auf lange Sicht betet! Schau die Freiheit Gottes in seinen Sonnenuntergängen – es gibt keinen zweiten, der wie ein vorangegangener wäre! – in seinen Monden und Himmeln – in der stetig sich verändernden festen Erde! – alles sich bewegend durch kein totes Gesetz, sondern durch die Harmonie des lebendigen Gesetzes der Freiheit, Gottes schöpferische Vollkommenheit – alles von innen heraus geordnet. Was für eine göttliche Vervollkommnung wäre das wohl, gäbe es keine Freiheit! Könnte es nur einen Weg in einer Sache geben! Ich kann meinen Arm bewegen, wie es mir gefällt: sollte Gott nicht fähig sein, den seinen zu bewegen? Nur für sich selbst hätte Gott er vielleicht kein Verlangen zur Veränderung, doch er ist Gott um seiner wachsenden Geschöpfe willen; all sein Schaffen und Wirken ist für sie, und Veränderung ist die Notwendigkeit ihres Daseins. Sie brauchen ein mächtiges Gesetz der Freiheit, in welches niemals ein winziges Teilchen des Zufalls eindringen darf. Ist die eine Idee der Schöpfung die Zeugung eines freien, großen, göttlichen Willens in uns? Und sollte dieser Wille, betend mit dem Willen des Vaters, sich selbst verkrampft, gefesselt, gebunden finden durch vorherbestimmte Gesetze? Wird er nicht eher selbst ein neugeborenes Gesetz sein, neue Dinge wirkend? Kein Mensch ist derart durch göttliches Gesetz gebunden, dass er nicht sein Wirken anpassen könnte: sollte Gott das seine nicht anpassen? Gesetz ist nur eine Form lebendigen Handelns. Zeugt es von seiner Vollkommenheit, dass er keinen Handlungsspielraum, keine Freiheit haben sollte? Ist er nichts als der eingekerkerte Strom in der Maschine, pressend, entweichend, aufgehalten – sein Weg geordnet durch Ventile und Kolben?[1] Oder ist er eine innewohnende, wollende, ordnende Kraft? Das Gesetz ist der Sklave des Lebens. Ist nicht eines Menschen Seele, wie sie seinem Körper innewohnt, ein schwach dämmernder Typus Gottes in und durch sein Universum hindurch? Wenn du sagst, dass er die Dinge eingesetzt hat, sie in Bewegung gesetzt hat und sie verlassen – dann sage ich, wenn seine Maschine sein Antworten auf das Gebet eines einzigen Kindes stören würde, würde er sie von sich wischen – nicht um das Chaos zurückzubringen,[2] sondern Raum zu schaffen für sein Kind. Doch Ordnung ist göttlich und kann nicht hinderlich sein für ihre eigenen höheren Ziele; sie muss ihnen dienlich sein. Ordnung, freie Ordnung, weder Chaos, noch unbeherrschtes und besinnungsloses Gesetz, ist die Heimat des Denkens. Wenn du sagst, dass da nur ein vollkommener Weg sein kann, antworte ich, doch der vollkommene Weg, eine Sache so weit zu bringen, zu einer bestimmten Krise, kann schlecht der vollkommene Weg sein, sie weiterzuführen nach dieser Krise: der Plan wird sich also ändern müssen. Und wie diese Krise von einem Willen abhängt, können nicht alle in derselben, obwohl lebendigen Vorbereitung dazu sein. Wir müssen daran denken, dass Gott nicht beschäftigt ist mit einem großen Spielzeug aus Welten und Sonnen und Planeten, aus anziehenden und abstoßenden Kräften, aus Verdichtungen und Kristallisationen, aus Kräften und Wellen; dass jene nur einen Teil seiner Werkstätten und Werkzeuge bilden, um gerechte Männer und Frauen hervorzubringen, sein Haus der Liebe mit ihnen zu füllen. Hätte er seinen Sohn sterben lassen für ein Naturgesetz, wie wir es nennen? Diese sind zweifellos der Ausdruck gewollter Gesetze aus seinem Wesen heraus; doch sie nehmen ihre Beziehung in der Materie nur um der Geburt der Söhne und Töchter willen auf, dass sie abermals von oben her wiedergeboren werden in die höheren Regionen, woher diese Dinge rühren; und manch eine Abwandlung des Ideals, es weniger als vollständig wiedergebend, muss denen gegeben werden, eben deren Schicksal zu wachsen oder zu schwinden ihre äußerste Unfähigkeit das Vollkommene zu erfassen mit einschließt. Die besten Mittel können nicht das ideale Beste sein. Die Verkörperung aufrichtender Wahrheit für die Geringen kann nicht gleich jener für die Höheren sein, sonst wird es fehlgehen und sich als nicht gut für das Objekt erweisen; doch wie die Niedrigen aufsteigen, so wird ihre Offenbarung also aufsteigen.

   Dass Gott nicht eingreifen kann, um seine Pläne anzupassen, eingreifen, ohne die Veränderung eines einzigen Gesetzes seiner Welt, ist für mich absurd. Wenn wir verändern können, kann Gott verändern, anderenfalls ist er weniger frei als wir – seine Pläne, sage ich, nicht seine Prinzipien, nicht seine Ziele: Gott sich selbst verändern, bewahre! – sie nach göttlicher Weise verändern, über unsere Weise hinaus wie die Himmel höher sind als die Erde.[3] Und wie Jesus in all seinen Wundern nur im Kleinen tat, was sein Vater immer im Großen tut – in weit umfangreicheren, weit wohldurchdachteren und schöneren Wegen, werde ich von ihnen her ein Beispiel heranziehen für die Antwort auf Gebet, das in sich, so scheint mir, einen Punkt von größter Wichtigkeit trägt in der Sache, die ich nun versuche darzulegen. Armselig, in der Tat, war die Herstellung von Wein in den irdenen Steintöpfen verglichen mit seiner Erschaffung im lieblichen Wachstum des Weinstocks mit seinen Trauben praller Weinbeeren – die lebendigen Wurzeln aus der Erde das Wasser ziehend, das in Krügen getragen und in die Gefäße geschüttet werden musste; doch es ist kostbar als Ausdeutung desselben, gerade als Ausdruck der Sympathie unseres Herrn mit dem gewöhnlichen, menschlichen Vergnügen. Darin liegt wiederum ein Element in seinem Ursprung, das es noch weit kostbarer für mich macht – das Achthaben unseres Herrn auf einen Wunsch seiner Mutter. Weh, wie verschieden wurde die Geschichte oft empfangen! Wie sehr missverstanden!

   Seine Mutter hatte ihm angedeutet, dass hier eine Gelegenheit war, in seiner eigenen Größe zu erscheinen, als fähiger Versorger mit Wein für das scheiternde Fest. Es war nicht in seinem Plan, wie wir seinen Worten entnehmen; denn der Herr täuschte niemals etwas vor, weder seinen Feinden noch seiner Mutter; er ist Die Wahrheit. Er lässt sie wissen, dass er und sie verschiedene Ansichten haben, verschiedene Auffassungen von seinem Wirken: „Was hat das mit dir und mir zu schaffen?“, sagte er. „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“[4] Doch da lag dieses in seinem Aussehen und Tonfall, woher sie wusste, dass ihr Wunsch, kaum halb-geformt in eine Bitte, erfüllt würde. Was soll ich daher schließen, würdig des Sohnes Gottes und des Sohnes Mariens, als dass er, auf das Gebet seiner Mutter hin, Raum schuf in seinen Plänen für die Sache, die sie wünschte? Es war also nicht sein Wunsch, ein Wunder zu wirken, doch wenn seine Mutter es wünschte, würde er es tun! Er tat für seine Mutter, was er für seinen Teil lieber unterlassen hätte. Nicht immer tat er, wie seine Mutter es von ihm wollte; doch dies war ein Fall, in welchem er so handeln konnte, denn es würde auf keinerlei Weise den Willen des Vaters beeinträchtigen. War der vollkommene Sohn, denn um vollkommen zu sein, musste er in jeder Weise vollkommen sein, der einzige Sohn des Menschen, welcher nichts tun musste, um seiner Mutter zu gefallen – nichts als das, was mit seinem Plan für diese Stunde zusammenfiel? So könnte er nicht die Wurzel, das lebendige Herz der großen Antwort der Kinder des Vaters aller sein! So könnte die Idee der großen Familie niemals zur Wirklichkeit gemacht werden! Wehe dem Sohn, welcher nicht willentlich für seine Mutter etwas tun würde, was er für sich selbst lieber nicht tun würde! Wenn es seine Mutter verletzt hätte, wenn es in irgendeiner Weise vom Willen des Vaters im Himmel abgewichen wäre, hätte er es nicht getan: das hätte bedeutet, das Gebet gegen sie zu beantworten. Sein Nachgeben macht die Geschichte doppelt kostbar für mein Herz. Der Sohn konnte also seine Absicht ändern, ohne alles zu verderben: genauso, sage ich, kann es der Vater; denn der Sohn tut nichts als was er den Vater tun sieht.[5]

   Wenn wir es indessen möglich finden zu verstehen, dass Gott denen Gebete beantwortet, welche für sich selbst beten, was sollen wir denken in Bezug auf Gebet für andere? Man kann wohl sagen, es würde gewiss sehr selbstsüchtig sein, nur für uns selbst zu beten! Doch die Frage betrifft den Nutzen, nicht den Charakter der Handlung: wenn darin irgendetwas Gutes ist, lasst uns für alle beten, für welche wir fühlen, dass wir beten können; doch ist in Bezug auf das Gebet für andere eine solche Befriedigung zu finden wie in Bezug auf das Gebet für uns selbst? Die Grundlage hat sich verändert – wenn die Eignung zur Beantwortung des Gebetes im Beten dessen liegt, welcher betet: die Haltung, die notwendig für das Empfangen ist, gehört nicht zu denen, für welche das Gebet gesprochen wird, sondern zu dem, durch welchen es gesprochen wird. Welche Eignung kann dann darin sein, für andere zu beten? Wird Gott einem anderen auf unser Bitten hin das geben, was er ohne es nicht geben würde? Würde er nicht, wenn es ohne das Selbst der Person getan werden könnte, es ohne eine zweite Person tun? Wenn Gott ein Tyrann wäre, einer, dessen Herz erweicht werden mag im Angesicht ängstlicher Liebe; oder einer, in welchem das Darlegen von Charakter, Not oder Anspruch Interesse wecken mag; dann wäre da eindeutige Vernunft im Gebet für einen anderen – welches doch, wie uneigennützig und liebevoll es auch ist, erniedrigend sein muss, da es einem dargebracht wird, der des Gebetes unwürdig ist. Doch wenn wir glauben, dass Gott der eine Selbstlose ist, das eine gute Wesen im Universum, und dass seine eine Absicht mit seinen Kindern die ist, sie vollkommen zu machen wie er vollkommen ist; wenn wir glauben, dass er nicht nur ein einmal, sondern sich immer selbst an uns gibt für unser Leben; wenn wir glauben, – was ich einst einen Bischof anzuerkennen ablehnen hörte – dass Gott sein Bestes für jeden Menschen tut; wenn wir auch glauben, dass Gott eines jeden Menschen Bedürfnisse kennt und, um der Liebe willen, nicht einen Schmerzensstich aussparen wird, der dazu dienen mag, die Seele eines seiner Kinder zu reinigen; wenn wir all dies glauben, wie können wir denken, dass er in irgendeiner Weise seinen Weg mit jemandem verändern wird, weil ein anderer für ihn betet? Das Gebet würde aus dem Nichts aufsteigen in der Person, für die gebetet wird; warum sollte es einen Wandel bewirken im Umgang Gottes mit ihm?

   Auf diesen Einwand weiß ich nicht wie zu antworten. Ich kann nur, angesichts dessen und im Empfinden all der Schwierigkeit sagen und wieder sagen: „Und doch glaube ich, dass ich für meinen Freund beten sollte – für meinen Feind – für jedermann! Und doch, und doch, da gibt es, da muss es ein echtes, wesentliches Gutes und Kraft im Gebet eines Menschen für einen anderen zum Schöpfer beider geben – und dies nur, weil ihr Schöpfer vollkommen ist, nichts weniger als eben Gott.“ Ich werde keine Autorität zum Tragen bringen, denn Autorität kann uns bestenfalls nur glauben machen, dass darin Vernunft liegt, sie kann sie uns nicht erkennen machen. Die Schwierigkeit bleibt dieselbe, selbst wenn wir den Herrn selbst beten hören zu seinem Vater für jene, die der Vater liebt, weil sie seinen Sohn empfangen haben[6] – deshalb liebt mit einer besonderen Liebe als die Ersten im Glauben, die Auserwählten der Welt – nicht nur liebt, weil sie sonst sterben müssten, wenn er sie nicht lieben würde, sondern liebt aus den Tiefen göttlicher Annahme heraus. Jene, welche an Jesus glauben, werden zufrieden sein im Angesicht des nicht Verstehbaren, dass in dem, was er tut, Vernunft und Recht liegen müssen; doch nicht deshalb verstehen wir. Zur gleichen Zeit, obwohl ich es nicht erklären kann, kann ich einen Grund aufzeigen, selbst wenn er nicht gelehrt worden wäre, so zu tun, sondern mit seinem Herzen allein gelassen wäre, aus welchem ein Mensch doch, denke ich, für einen anderen beten sollte.

   Wenn Gott gemacht hat, dass wir lieben sollen wie er selbst und danach verlangen zu helfen wie er selbst; wenn es jene gibt, für welche wir, wie er, unsere Leben geben würden, um sie aus dem Abgrund ihrer Gottlosigkeit herauszuholen; wenn die Liebe in uns, wegen eben der Erleichterung der Liebe, die er entzündet hat, einen anderen beschenken wollte – wie er selbst, welcher selbst die Liebe erwählt und schätzt, die ihn schmerzt; wenn wir, mitten im schmerzhaften Bedürfnis zu segnen, zu geben, zu helfen, uns einer äußersten Unfähigkeit bewusst sind; wenn das Feuer brennt und nicht ausbrechen kann; und wenn all unsere Hoffnung für uns selbst in Gott liegt – was bleibt uns dann, woran können wir denken, es zu tun, als nur zu Gott zu gehen – was anderes, als zu ihm zu gehen mit dieser unserer eigenen Schwierigkeit und Not? Und wo die natürliche Zuflucht ist, da muss die Hilfe sein. Es kann keine Not geben, für welche er keine Versorgung hat. Das beste Argument, dass er Hilfe hat, ist, dass wir Not haben. Wenn mir durch meinen Freund geholfen werden kann, denke ich, dass Gott die Sache aufnimmt und tut, was ich nicht tun kann – meinem Freund helfen, dass mir geholfen werde – vielleicht mir helfend, ihm zu helfen. Ihr seht, indem wir für einen anderen beten, beten wir für uns selbst – zur Erleichterung der Nöte unserer Liebe; es ist nicht Gebet für einen anderen allein und fällt daher unter die vorhergehende Form. Würde Gott Liebe, die Wurzel der Kraft, in uns geben und diese Liebe, durch welche er selbst erschafft, vollkommen hilflos in uns zurücklassen? Mag er nicht wenigstens irgendetwas durch unsere Gebete beschleunigen? Wo er nicht abändern könnte, könnte er vielleicht beschleunigen, in Hinsicht irgendeiner Hilfe, die wir dann in der Lage wären zu geben. Wenn er danach verlangt, dass wir mit ihm arbeiten sollen, hilft diese Arbeit ihm sicherlich!

   Es gibt einige Dinge, für welche gerade die Möglichkeit sie zu vermuten ein Argument ist; doch ich denke, dass ich hier ein bisschen weiter gehen kann und zumindest das wo wenn nicht das wie der göttlichen Umstände imaginieren kann, unter welchen die Hilfe für einen anderen in der Antwort auf Gebet geboren wird, die göttliche Region, in welcher ihre Möglichkeit wohnen muss.

   Gott strebt stets danach, uns zur Teilnahme an seiner göttlichen Natur zu erheben; Gottes Könige, solche Menschen nämlich, wie sie mit Jesus Zeugnis abgelegt haben für die Wahrheit, teilen seine Herrlichkeit selbst auf dem Thron des Vaters. Seht die Großartigkeit der schöpferischen Liebe des Heiligen! Nichts weniger wird ihr dienen, als seine Kinder durch sein und ihr Leiden, den Thron seiner Herrlichkeit teilend zu haben![7] Wenn solches die Vollkommenheit des Unendlichen ist, sollte diese Vollkommenheit ihn unter Bindungen und Schwierigkeiten bringen und ihn nicht vielmehr freisetzen, die Sache zu tun, die er will, inmitten gegnerischer Kräfte? Wenn seine Herrlichkeit in seiner Selbsthingabe liegt und wir daran teilhaben müssen, uns selbst gebend, warum sollten wir nicht hier und jetzt anfangen? Wenn er seine Kinder als Mitarbeiter haben will; wenn er wünscht und will, dass nicht nur durch die Hilfe seines ewigen Sohnes, sondern auch durch die Hilfe der Kinder, welche durch ihn von oben her geboren wurden, andere und noch andere Kinder auf seine Knie gesetzt werden, an seinen heimischen Herd, zur Fülle seines Hauses, warum sollte er nicht eine Spanne Raum gelassen haben, worin ihre Gebete wirken mögen für jene, welchen sie helfen sollen, welche vom selben Leben sind wie sie? Ich kann nicht sagen wie, doch mögen nicht jene Gebete in irgendeiner Weise Gottes Möglichkeit vergrößern, seinen besten und höchsten Willen zu wirken? Im Umgang mit seinen Kindern mögen die guten von ihnen zu seinem Wirken an den noch nicht so guten hinzufügen – hinzufügen zu seinen Mitteln, ihnen zu helfen. Eine Richtung ist klar: das Gebet wird sich auswirken auf den Geist, der betet, sein Licht wird wachsen, wird heller leuchten und umso mehr anziehen und erleuchten.[8] Doch in der Sache muss mehr liegen. Da Gebet in seiner vollkommenen Idee ein Aufsteigen in den Willen des Ewigen ist, mag nicht die Hilfe des Vaters eins werden mit dem Gebet des Kindes und wegen des Gebetes von ihm, den er in seinen Armen hält, für ihn ausgehen, welcher noch nicht in seine Umarmung erhoben werden will? An seine Brust kann Gott seine Kinder nicht sofort bringen und überhaupt nicht außer durch sein eigenes Leiden und ihres. Doch werden nicht alle guten Eltern einen Weg finden, das Gebet des Kindes zu erfüllen, welches zu ihnen kommt und sagt: „Papa, es ist der Geburtstag meines Bruders: ich habe nichts, um es ihm zu geben und ich liebe ihn so! Könntest du mir etwas geben, es ihm zu geben oder ihm etwas für mich geben?“

   „Und doch könnte Gott die Gabe nicht ohne das Gebet gegeben haben? Und warum sollte das Gute von jemandem vom Gebet eines anderen abhängen?“

   Ich kann nur mit der Gegenfrage antworten: „Warum sollte meine Liebe kraftlos sein, einem anderen zu helfen?“ Doch wir dürfen Gott nicht an unsere Zeitmaßstäbe binden oder denken, dass er jenes Gebet vergessen hat, welches wir selbst, offensichtlich unbeantwortet, vergessen haben. Der Tod ist keine undurchdringliche Mauer; durch sie, über sie gehen die Gebete. Es ist möglich, dass wir eine Hilfe in der nächsten Welt haben mögen, weil wir in dieser für sie gebetet haben: wird es nicht eine Wohltat sein für sie, einen alten Freund zu ihren Diensten zu haben? Ich spekuliere und vermute nur. Was ich sehe und wage zu sagen ist dies: Wenn wir in Gott leben und uns bewegen und unser Sein haben; wenn gerade darin die Möglichkeit des Liebens besteht, dass wir existieren in und durch den lebendigen Atem der Liebe, nämlich Gott selbst, müssen wir in gerade dieser Tatsache einander näher sein als durch irgendeine körperliche Annäherung oder einen Austausch der Hilfe; und wenn Gebet wie ein Pulsschlag ist, der diese Atmosphäre in Bewegung setzt, müssen wir also durch Gebet einander näher kommen als die Teile unseres eigenen Leibes durch ihr komplexes Nervensystem.[9] Gewiss, im Ewigen sind die Herzen niemals getrennt! Gewiss, durch den Ewigen muss ein Herz, das liebt und das Gute eines anderen sucht, dieses andere in Reichweite halten! Gewiss würde die Ordnung der Dinge nicht vollständig sein im Verhältnis zum besten Ding darin – der Liebe selbst, wenn Liebe keine Hilfe im Gebet hätte. Wenn ich liebe und nicht helfen kann, bewegt mich nicht mein Herz, ihn nach Hilfe zu fragen, welcher liebt und kann? – Ihm, ohne welchen das Leben nichts für mich wäre, ohne welchen ich weder lieben noch mich kümmern würde zu beten! – Wird er antworten: „Kind, bekümmere mich nicht; ich tue bereits alles, was ich kann.“? Wenn solche Antwort käme, wer, der liebt, würde nicht zufrieden sein, nirgends in der Angelegenheit beteiligt zu sein? Doch wie, wenn die ewige, grenzenlose Liebe, die unaussprechliche, selbstvergessende Gottes-Hingabe, welche alles verlangend alles gibt, sagen würde: „Kind, ich habe alles getan, was ich konnte; doch nun bist du gekommen, ich werde in der Lage sein, mehr zu tun! Hier ist eine Ecke für dich, mein Kleines: presse gegen diese Sache, um sie aus dem Weg zu räumen!“ Wie, wenn er antworten würde: „Bete weiter, mein Kind; ich höre dich; es geht durch mich hindurch, ihm zur Hilfe. Wir sind eines Geistes darüber; ich helfe und du hilfst. Ich werde euch alle nach und nach bei mir zu Hause haben! Da ist keine Furcht, wir müssen nur wirken und nicht den Mut verlieren. Geh und lasse dein Licht so vor den Menschen leuchten, dass sie deine guten Taten sehen und mich ehren, indem sie erkennen, dass ich Licht bin und nicht Finsternis.“![10] – was dann? Oh, dieses liebliche Bild Michelangelos mit den Kleinen und den Kindern, die Gott zu Hilfe kommen, um Adam zu schaffen![11]

   Doch es mag sein, dass die Antwort auf Gebet in einer Gestalt kommen wird, die wie eine Ablehnung erscheint. Sie mag sogar in Form des Anwachsens der Sache kommen, von welcher wir Erlösung suchen. Ich weiß von einem, welcher betete, besser zu lieben: eine schmerzhafte Trennung kam dazwischen – aus welcher zuletzt eine Dämmerung der Zärtlichkeit aufstieg.

  Unsere Sicht ist so beschnitten, unsere Theorien sind so klein – ihr Gewand ist nicht groß genug, um uns einzuhüllen; unser Glaube gestaltet sich stetig selbst so passend zu unserem zwergenhaften Intellekt, dass da endloser Raum zum Aufstand gegen uns selbst ist: wir dürfen unsere armselige Erkenntnis nicht unseren weniger armseligen Intellekt beschränken lassen, unseren Intellekt unseren Glauben beschränken, unseren Glauben unsere Göttliche Hoffnung beschränken; Vernunft muss demütig über allem wachen – Vernunft, die Leuchte des Herrn.

   Es gibt einige, welche für das Gebet argumentieren würden, nicht aufgrund irgendeiner möglichen Antwort, nach der Ausschau zu halten wäre, sondern wegen des Guten, das daraus zu gewinnen ist in der spirituellen Haltung des Geistes im Gebet. Es gibt selbst jene, welche, nicht an irgendein Ohr glaubend, das hört, an irgendein Herz, das antwortet, doch beten werden. Sie sagen, dass es ihnen guttut; sie beten zu überhaupt nichts, doch erhalten spirituellen Gewinn.

   Ich werde ihrem Zeugnis nicht widersprechen. So notwendig ist Gebet für die Seele, dass die bloße Haltung des Gebetes eine gute Stimmung ermutigen mag. Tatsächlich bedeutet, zu dem zu beten, was nicht ist, eine logische Torheit; doch das Gute, das sie sagen, was daraus kommt, mag die schlimmere Torheit ihres Unglaubens zurückweisen, denn es deutet darauf hin, dass Gebet natürlich ist und wie könnte es natürlich sein, wenn es mit der eigentlichen Art unseres Wesens unvereinbar wäre? Ihr Weg ist ein besserer als der jener, welche, glaubend, dass da ein Gott ist, doch nicht glaubend, dass er irgendeine Antwort auf ihr Gebet gibt, doch zu ihm beten; dies ist weit törichter und weit unmoralischer als zu dem Nicht-Gott zu beten. Was auch immer das für ein Gott ist, zu welchem sie beten, ihr Gebet spottet ihm, ihnen selbst, der Wahrheit.

   Auf der anderen Seite lasst Gott keine Zustimmung zum individuellen Gebet geben, lasst das Gebet sogar etwas sein, das keineswegs gut genug ist, um eine Gabe Gottes zu sein, und doch wird die Seele, die betet, Gutes aus ihrem Gebet erhalten, wenn es auch nur bedeutet, dadurch ein wenig näher zum Vater gebracht zu sein und den Weg bereitet zu haben, um wiederzukehren. Gebet wirkt zum Guten auf die betende Seele ein, ungeachtet von Antwort. Doch zu beten um des Betens willen und ohne zu beachten, dass da niemand ist zu hören, würde für mich auf eine Natur hindeuten, die nicht nur unlogisch, sondern auch moralisch falsch ist, vermutete ich nicht eine vage, unbestimmte Ahnung eines Etwas ausgestreut durch das All der Existenz und irgendeine Form noch so schattenhafter Gemeinschaft damit.

   Es gibt Stimmungen solcher Zufriedenheit in Gott, dass ein Mensch fühlen mag, als wenn da nichts übrig ist, wofür zu beten wäre, als wenn er nur mit Geduld zu warten hätte auf das, was der Herr wirken wollte; es gibt Stimmungen solch hungrigen Verlangens, dass Bittgebet in unartikuliertes Weinen ausbricht; und es gibt eine Gemeinschaft mit Gott, die nach nichts fragt, und doch nach allem fragt. Diese letzte ist das eigentliche Wesen des Gebetes, obwohl nicht Bittgebet. Es ist möglich für einen Menschen, tatsächlich nicht an Gott zu glauben, sondern zu glauben, dass da ein Gott ist und doch nicht danach zu verlangen, in Gemeinschaft mit ihm zu einzutreten; doch er, der betet und nicht ermattet, wird zur Erkenntnis kommen, dass mit Gott zu reden mehr ist, als alle Gebete gewährt zu bekommen – dass es das Ziel allen Gebetes ist, gewährt oder verweigert. Und er, welcher den Vater mehr als alles sucht, was er geben kann, wird wahrscheinlich erhalten, worum er bittet, denn er wird vermutlich nicht unstatthaft bitten.

   Selbst solche, die unstatthaft bitten, mögen manchmal ihre Gebete beantwortet bekommen. Der Vater wird niemals dem Kind einen Stein geben, das um Brot bittet; doch ich bin nicht sicher, dass er niemals dem Kind einen Stein gibt, das um einen Stein bittet.[12] Wenn der Vater sagt: „Mein Kind, dies ist ein Stein; es ist kein Brot.“ und das Kind antwortet: „Ich bin sicher, es ist Brot; ich will es.“, mag es nicht gut sein, dass er sein Brot probieren sollte?

   Doch nun zu einem anderen Punkt in dem Gleichnis, wo ich denke, dass ich einige Hilfe geben kann – ich meine des Herrn offensichtliche Wahrnehmung des Verzugs im Antworten auf Gebet: gerade im Aufbau des Gleichnisses scheint er den Verzug als gegeben anzunehmen und sagt nichtsdestotrotz: „Er wird ihnen Recht verschaffen in Kürze!“[13]

   Die ausgleichende Schlussfolgerung ist, dass Gott keine Zeit verliert, obwohl die Antwort nicht unmittelbar sein mag.

   Er mag verzögern, weil es nicht ungefährlich wäre, uns sofort zu geben, was wir bitten: wir sind nicht bereit dafür. Zu geben, ehe wir wahrhaft empfangen können, würde bedeuten, das eigentliche Herz und Hoffnung des Gebetes zu zerstören, aufzuhören, unser Vater zu sein. Die Verzögerung selbst mag bewirken, uns unserer Hilfe näher zu bringen, das Verlangen zu vergrößern, das Gebet zu vervollkommnen und die empfangende Haltung zur Reife zu bringen.

   Wiederum, nicht von irgendeiner Beschränkung in Gott her, sondern entweder von unserem eigenen Zustand und unserer Fähigkeit her oder jener des Freundes, für welchen wir beten, mag Zeit notwendig sein, um die Antwort herauszuarbeiten. Gott ist im Hinblick auf unser Bestes begrenzt; unser Bestes schließt Ausbildung ein; daran müssen wir selbst einen großen Anteil nehmen; dieser Anteil, indem er menschlich ist, benötigt Zeit. Und vielleicht ist tatsächlich, je besser die Gabe ist, um die wir bitten, desto mehr Zeit für ihre Ankunft erforderlich. Um uns die geistliche Gabe zu schenken, die wir verlangen, mag Gott weit zurückgehen müssen in unserem Geist, in uns unbekannte Regionen, und viel Arbeit tun, derer wir nur in ihrem Ergebnis gewahr werden; denn unser Bewusstsein ist im Ausmaß unseres Seins nur wie die Flamme des Vulkans des Weltenabgrundes, woher es rührt: im Abgrund unseres unbekannten Seins wirkt Gott hinter unserem Bewusstsein. Mit seinem heiligen Einfluss, mit seiner eigenen Gegenwart, dieses eine Ding, nach welchem wir am ernsthaftesten rufen, mag er unser Bewusstsein von hinten erreichen, aus Regionen unserer Dunkelheit hervorkommend in unser Licht, lange bevor wir anfangen, gewahr zu werden, dass er unsere Bitte beantwortet – sie beantwortet hat und sein Kind aufsucht. In Kürze recht zu schaffen muss heißen, nicht zu verzögern über das hinaus, was absolut notwendig ist, in dem Augenblick anzufangen, in dem es möglich ist anzufangen. Weil der Sohn des Menschen für tausende von Jahren, nachdem Menschen anfingen nach einem Retter zu rufen, nicht erschien, sollten wir annehmen, dass er nicht im ersten Augenblick kam, als es gut war, dass er kommen sollte? Können wir zweifeln, dass einen Augenblick eher zu kommen, bedeutet hätte, sein Königreich zu verzögern, nicht es zu beschleunigen? Denn alles, was einen Prozess benötigt, sofort zu beginnen, heißt eilig zu sein. Gott schiebt nicht auf wie der ungerechte Richter; er verzögert nicht, bis er durch die Gebete der Bedürftigen aufgestört wird; er wird hören, während sie noch sprechen; ja, ehe sie rufen, wird er antworten.[14]

   Der Herr gebraucht Worte ohne Angst vor ihrem Missbrauch durch solche, die nicht nach seinem Willen in ihnen suchen; und das Wort Recht verschaffen[15] mag einfach aus dem Gleichnis einbehalten werden, ohne seine besondere Bedeutung darin; und doch empfiehlt es eine Bemerkung oder zwei.

   Natürlich, von keinem Gebet um irgendeine Rache, die die Selbstsucht unserer Natur befriedigen würde, eine Sache, die aus uns ausgebrannt werden muss durch das Feuer Gottes, sollte gedacht werden, dass es erhört würde. Seid versichert, als der Herr seinen Vater bat, jenen zu vergeben, welche ihn kreuzigten,[16] äußerte er seinen eigenen Wunsch und des Vaters Willen zugleich: Gott wird niemals entsprechend der abstrakten Abscheulichkeit der Sünde strafen, als wenn die Menschen wüssten, was sie täten. „Die Rache ist mein.“,[17] sagt er: mit dem richtigen Verständnis davon können wir genauso gut für Gottes Vergeltung wie für seine Vergebung beten; dass Vergeltung bedeutet, die Sünde zu zerstören – den Sünder abschwören zu machen und sie zu hassen; noch ist da irgendeine Befriedigung in einer Vergeltung, die weniger sucht oder bewirkt. Der Mensch selbst muss sich gegen sich selbst richten und so für sich selbst sein. Wenn nichts anderes wirkt, dann Höllenfeuer; wenn weniger wirkt, was auch immer Buße und Selbstverleugnung bringt, ist Gottes Vergeltung.

   Freunde, wenn irgendwelche Gebete gegen uns dargebracht werden; wenn nach der Vergeltung Gottes ausgerufen wird, wegen etwas Falschem, das ihr oder ich getan haben, möge Gott uns diese Vergeltung gewähren! Lasst uns nicht denken, dass wir davonkommen werden!

   Doch vielleicht dachte der Herr hier nicht an Verfolgung oder irgendeine Form menschlichen Falschtuns, sondern an die Schwierigkeiten, die seine wahrhaftigen Jünger am meisten beschweren; und die Annahme ist tröstlich für jene, deren Feinde in ihnen selbst sind, denn, wenn es so ist, dann erkennt er die Bösartigkeiten des Selbst, gegen die wir kämpfen, nicht als Teil von uns selbst, sondern als unsere Feinde, an welchen er das wahre Selbst rächen wird, das mit ihnen im Kampf liegt. Und gewiss ist kein Böses, oder könnte es jemals sein, vom eigentlichen Wesen und Natur des Geschöpfes, das Gott gemacht hat! Das Ding, das nicht gut ist, wie auch immer mit unserem Sein verbunden, ist gegen dieses Sein, nicht von ihm – ist sein Feind, an welchem wir gerächt werden müssen. Wenn wir kämpfen, wird er rächen. Bis wir kämpfen, wird das Böse Herrschaft über uns haben, eine Herrschaft, uns elend zu machen; anders als elend kann keiner sein unter dem Joch einer Natur, die seiner eigenen entgegensteht. Tröste dich also selbst, der du dein eigenes Herz und deine eigene Seele oder vielmehr die Dinge, die sich darin bewegen, zu viel für dich findest: Gott wird seine eigenen Auserwählten rächen. Er zögert nicht hinaus; er ist für dich am Wirken. Du musst nur beten und nicht nachlassen. Bitte, bitte; es soll dir gegeben werden. Suche am meisten die besten Dinge; nach den besten Dingen zu fragen, sie zu besitzen; die Saat für sie liegt in dir oder du könntest nicht nach ihnen fragen.

   Doch aus welchem Bereich auch immer unsere Schwierigkeiten kommen, ob von der äußeren Welt oder von der inneren Welt, lasst uns dennoch beten. In seiner eigenen rechten Weise, der einzigen Weise, die uns zufrieden machen kann, denn wir sind von seiner Art, wird Gott unsere Gebete mit Hilfe beantworten. Er wird uns an unseren Gegnern rächen und das in Kürze. Lasst uns nur Acht haben, dass wir für keinen Menschen Gegner sind, sondern Quellen der Liebe und vergebenden Zärtlichkeit für alle. Und von keinem Gegner, ob auf dem Weg mit uns oder die geheime Kammer unseres Herzens heimsuchend, lasst uns hoffen erlöst zu werden, bis wir den letzten Heller bezahlt haben.[18]


[1] Abermals verwendet George MacDonald die noch junge Erfindung der Dampfmaschine als Metapher.

[2] 1. Mose 1

[3] Jesaja 55, 9

[4] Siehe Johannes 2, 4. Ältere Übersetzungen wirken oft so, als würde Jesus seine Mutter anfahren und maßregeln, in etwa „Frau / Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“. Moderne Übersetzungen betonen diese Aussage anders und vielfach in dem Sinne, wie George MacDonald sie hier auffasst. Eher als ein „Was kümmerst du dich darum? Was hat das mit dir und mir zu tun?“.

[5] Johannes 5, 19

[6] Siehe Johannes, Kapitel 17 – das sogenannte „hohepriesterliche“ Gebet Jesu für seine Jünger beim letzten Abendmahl.

[7] Siehe zum Beispiel Matthäus 19, 28

[8] Matthäus 5, 16

[9] Original „nerve-telegraphy“ – wie der Telegraph Botschaften durch elektrische Signale übermittelt, übermitteln die Nervenbahnen im menschlichen Körper Signale zwischen Hirn und einzelnen Organen. Gerade im 19. Jahrhundert hat man biologische und technische Begriffe gern synonym verwendet. Der Mensch wurde vielfach als eine besondere Maschine begriffen. Noch C. S. Lewis greift dieses Bild in seinen Werken gerne auf – siehe z. Bsp. „Mere Christianity“ – „the human machine“.

[10] Matthäus 5, 16 / 1. Johannes 1, 5

[11] Gemeint ist das Fresko Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle „Die Erschaffung Adams“. Hinter dem Schöpfer-Gott tummeln sich noch weitere, zum großen Teil kindliche Gestalten. Das Bild der lieben, kleinen Kinder, die helfen, etwas Gutes zu tun, ist ein Motiv, das George MacDonald gerne verwendet, am deutlichsten wohl in seinem Werk „Lilith“.

[12] Matthäus 7, 9

[13] Lukas 18, 8

[14] Jesaja 65, 24

[15] Im Original steht hier „avenge“ in Sinne von verteidigen, vergelten, rächen, Recht verschaffen. In älteren Übersetzungen der Schrift wird noch gerne im Sinne einer Rache und Vergeltung übersetzt, neuere Übersetzungen verwenden lieber „Recht verschaffen“ im Sinne einer gerechten Rechtsprechung, was in das Bild des Gleichnisses vom ungerechten Richter auch besser hineinpasst.

[16] Lukas 23, 34

[17] 5. Mose 32, 35 / Römer 12, 19 / Hebräer 10, 30

[18] Matthäus 5, 26 – Anschluss an die nächste Predigt