Poesie und Satire – Das gewaltige Lied der Unterdrückten
Buchbesprechung zu:
“Revelation & the End of All Things“ – by Craig R. Koester
(Die Offenbarung und das Ende aller Dinge von Craig R. Koester)
William B. Eerdmans, Michigan, 2. aktualisierte Auflage, 214 Seiten
Die Offenbarung, das letzte Buch in jeder Bibelausgabe, ist ein gefürchtetes Buch. Es ist ein missbrauchtes, missverstandenes Buch. Es ist ein Buch, das manch wacker gläubiger Christ meidet wie der Deibel das Weihwasser (Sorry für diesen altbackenen, unverschämten Vergleich). Manch anderer liebt es heiß, weil es zu versprechen scheint, dass alle Feinde mit Feuer und Blut brutal vernichtet werden. Doch vielleicht ist der, der solches wünscht, auch der, der solches aus Sicht dieses rätselhaften Buches am meisten verdienen würde?
Als ich spürte, dass da mehr ist, dass ich glauben will, dass Christus für mich DIE Option ist… wollte ich wissen, was in der Bibel steht. Ich habe gelesen, bis ich viel wusste, aber wenig verstand. Ich hasse Kreuzworträtsel und Sudoku, denn das sind Rätsel, die zu nichts führen außer zu ihrer Lösung. Mich interessieren die echten Rätsel: die Widersprüche, die Brutalität und Zärtlichkeit von Geschichten. Rätsel, für die es keine Lösung gibt oder deren Lösung auf etwas hindeutet, das größer ist als ich selbst. Mich interessiert die Frage, warum der Mensch den Menschen tötet und wie der Mensch den Menschen lieben kann.
Mit dieser Motivation habe ich auch die Offenbarung gelesen, bis ich verstanden habe, was sie ist. Nämlich ein Buch, das als etwas Erschaffenes verstanden werden möchte. Denn alles Erschaffene will verstanden werden, jeder Mensch will verstanden werden. Doch außer kommentierten Bibelausgaben gibt es für den Laien auf dem deutschen Buchmarkt wenig Hilfe zum Verständnis. Entweder ist es hochtheologisch oder eher andächtig (bis kitschig). In weiten Kreisen scheint noch die Ansicht zu herrschen: nur was kompliziert und für einen elitären Kreis geschrieben ist, hat Wert. Als Johannes sich vor vielen hundert Jahren hinsetzte und an sieben Gemeinden schrieb, da wollte er, dass seine Botschaft gelesen und verstanden wird.
Womit wir schon bei einem Grundschlüssel zum Verständnis wären, den Graig R. Koesters Buch auf den ersten Seiten vermittelt. Nachdem er sich in den einführenden Kapiteln in aller Kürze mit der Rezeptionsgeschichte der Offenbarung bis in jüngste Zeit hinein befasst, stellt er seinen eigenen Ansatz vor. Er versteht und interpretiert die gesamte Offenbarung von ihrem Anfang her, nämlich den sieben Sendschreiben an die einzelnen Gemeinden. An diese und zugleich die gesamte christliche Gemeinschaft des ersten Jahrhunderts ist alles gerichtet, was sich in den folgenden Visionen entfaltet. Der Text wird in den historischen Kontext gestellt, in dem er entstanden ist. Gleichzeitig gesteht Koester ihm aber auch eine überzeitliche Bedeutung zu, die von Christen aller Generationen aufgenommen und verstanden werden kann. Er lehnt jedoch die Anwendung der Offenbarung als konkrete Zukunftsdeutung ab. Als Beispiel sei der 11. September 2001 genannt, von dem her einige Glaubensgemeinschaften versucht haben, die tagesaktuellen Ereignisse passgenau auf die Texte der Offenbarung zu deuten und das baldige Ende der Welt vorherzusagen.
Dieses Vorgehen ist nicht neu, hatte seine große Blüte im 19. Jahrhundert und wirkt sich bis heute vor allem in vielen freikirchlichen Kreisen aus. Es ist eine Methode der Auslegung, die zahlreiche Gläubige sehr verängstigt und verunsichert und den christlichen Glauben in naiver Weise der Lächerlichkeit preisgibt. Außerdem verkennt sie die Tiefe und den Reichtum des Textes.
Koester folgt in den einzelnen Kapiteln seines Buches chronologisch dem Text der Offenbarung. Er beschreibt den Aufbau als eine Abfolge von sechs Zyklen, die in immer neuen Bildern die immer gleiche Botschaft an die sieben Gemeinden wiederholen und in ihrem Ausdruck verstärken.
[ Für den Überblick und zum eigenen Nachvollziehen bei der Lektüre der Offenbarung zähle ich die Zyklen und welche Kapitel der Offenbarung sie umfassen hier auf: Erster Zyklus: Kapitel 1 bis 3 – Christus und die sieben Gemeinden / Zweiter Zyklus: Kapitel 4 bis 7 – die sieben Siegel der Schriftrolle werden aufgebrochen (die vier Reiter und die 144000) / Dritter Zyklus: Kapitel 8 bis 11 – Die Posaunen, die zwei Zeugen / Vierter Zyklus: Kapitel 12 bis 15 – das Biest und das Lamm, der Drache und die Frau / Fünfter Zyklus: Kapitel 15 bis 19 – die Hure und die Braut, die sieben Zornesschalen, Babylons Fall / Sechster Zyklus: Kapitel 19 bis 22 – das Ende, die große Schlacht, das tausendjährige Reich, das letzte Gericht, das himmlische Jerusalem. ]
Es geht also gerade nicht um eine historische oder zukunftsdeutende Funktion des Textes, der die Abfolge von konkreten Ereignissen in einer Art zu entschlüsselndem Code deutet. Es sind poetische Bilder und satirische Beschreibungen eines gesellschaftlichen Systems, das die Menschen ausbeutet, vernichtet, versklavt und sie von Gott, ihrem Schöpfer, entfernt. Insofern können die Visionen auf jede Generation neu angewendet werden und die Gläubigen dazu ermutigen, trotz Versuchungen und Schwierigkeiten, an Christus und seiner Art des Sieges festzuhalten.
Auch wenn das Konzept des Gerichtes in dem Text nicht wegzudiskutieren ist, besteht doch der eigentliche Sieg Gottes in der Selbsthingabe Jesu für seine Gemeinde, für die ganze Welt. Es ist ein Sieg, der kein Schwert und Blutvergießen braucht. Das Schwert Jesu ist sein Wort. Das Schwert des Feindes, also des Bösen, in der Gestalt von Biest, Drachen, Babylon ist ein Schwert, das die Menschen frisst und sich schließlich zerstörerisch gegen sich selbst richtet.
Im Einzelnen können Bilder und Zahlen, die Johannes verwendet, ziemlich konkret auf das Römische Weltreich, römische Herrschaft und römischen Götterglauben angewendet werden, doch dabei bleiben sie nicht stehen und dürfen auch nicht darauf festgemacht werden. Johannes verwendet viele den Leuten damals bekannte Bilder, auch aus dem Alten Testament. Dabei zitiert er nicht wörtlich, sondern nutzt die Passagen und Wendungen frei, um sie in einen neuen Zusammenhang zu stellen und von Christus und seinem Sieg her zu deuten.
Das Ende des Buches besteht nicht aus dem Ende der Welt und dem völligen Untergang, wie es viele als Eindruck mit sich tragen, ob sie die Offenbarung nun intensiv gelesen oder nur davon gehört haben. Das Ende besteht darin, dass der Leser / Hörer der Botschaft des Johannes wieder zum Anfang zurückgeführt wird, nämlich zu Christus, der unter den Gläubigen wandelt. Wie Jesus im ersten Kapitel der Offenbarung unter den Leuchtern, die für die einzelnen Gemeinden stehen, wandelt, so ist er am Schluss das Zentrum des himmlischen Jerusalem – ein Bild für die Gemeinschaft aller Gläubigen. Die Stadt hat keinen Tempel, weil sie selbst der Tempel ist, in dem Gott wohnt. Die Gläubigen, in denen Christus lebendig ist, sind die Wohnung Gottes mitten in einem unmenschlichen, zerstörerischen System. Indem Johannes in seinen gewaltigen Bildern die Gegensätze zwischen der Herrschaft Gottes und der Herrschaft des Bösen herausstellt und die äußeren Kämpfe der Gläubigen auf eine geistliche, zunächst unsichtbare Ebene hebt, macht er seinen Lesern / Hörern deutlich, worum es geht. Der Sieg Jesu steht fest und es lohnt sich, trotz der Widerstände, daran festzuhalten.
So ist die Offenbarung im Ganzen ein gewaltiges Epos der Ermutigung. Ein Stück bildgewaltiger Poesie von ganz eigener Schönheit und Schrecklichkeit. Eine beeindruckend konstruierte Botschaft, die den Empfänger zutiefst erschüttern, berühren und ermuntern soll. Eine zeitlos gültige Satire auf den Machtmissbrauch der Großen und ein Loblied auf den Sieg durch Hingabe ohne Blutvergießen, auf den Sieg Christi, an dem seine Nachfolger teilhaben sollen.
Mehr denn je hat mich die Offenbarung als Buch gepackt und nach der Lektüre von Koesters Buch, die ich jedem Interessierten, der der englischen Sprache mächtig ist (es gibt leider keine deutsche Übersetzung), empfehle. Wer die einzelnen Elemente des Textes der Offenbarung gesund und gewinnbringend einordnen und endlich einmal das Buch als Ganzes verstehen möchte, der ist hier an der richtigen Adresse.
Das Ende aller Dinge ist nicht der Untergang, sondern eine Person, die liebt.

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