Abba, Vater!
„… einen Geist der Adoption[1] empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater!“ Römer 8, 15

Die schwerste, freudigste Sache in der Welt ist, aus vollem Herzen zu rufen Vater! Ich will dazu helfen, wem ich kann, solcherart zum Vater zu rufen.
Es gibt Dinge in allen Formen der systematischen Lehre des Christentums, diese Entäußerung des Herzens zu unterbinden – einige von ihnen erweisen es einfach als unmöglich. Je zarter die Zuneigungen sind, je weniger zu befriedigen, desto eher neigen sie dazu, gedämpft und entmutigt, ja geradezu fortgeblasen zu werden; selbst der Verdacht eines kalten Empfangs ist genug, sie zu lähmen. Solch ein kalter Wind, der gerade vor dem Tor zum Himmel weht – dank sei Gott, außerhalb des Tores! – ist die sogenannte Doktrin der Adoption. Wenn ein Herz hört – und glaubt oder halbwegs glaubt –, dass es nicht vom Ursprung her das Kind Gottes ist, vom Beginn seines Daseins an, sondern möglicherweise in seine Familie adoptiert sein kann, sinkt seine Liebe sofort in kalter Ohnmacht nieder: wo ist sein eigentlicher Vater und wer ist es, der es adoptiert? Für mich selbst, im Morgen der Kindheit, war die böse Doktrin ein Nebel, durch welchen kämpfend das Licht drang, ein Wolken-Phantom von abstoßendem Gesichtsausdruck – nach reiferem Denken und wahrhaftigerem Wissen verlangend, um es aufzulösen. Doch es verlangt weder viel Wissen noch viel Einsicht, um gegen seine Abscheulichkeit aufzustehen; es braucht nur Liebe, die nicht verleugnet wird, und Mut, um das Phantom infrage zu stellen.
Eine demütige und ehrliche Skepsis auf Gottes Seite, nicht durch irgendetwas, das sich Autorität nennt, niedergeschlagen, ist absolut notwendig für ihn, welcher kennen wollte die Freiheit, durch welche Christus frei macht.[2] Was auch immer irgendeine Gesellschaft guter Menschen denkt oder glaubt, dem sollte mit Achtung begegnet werden; doch nichts, behauptet oder gelehrt, die Behauptenden oder Lehrer mögen sein, wer sie sind, darf zwischen die Seele und den Geist des Vaters kommen, welcher selbst der Lehrer seiner Kinder ist.[3] Nein, Autorität zu akzeptieren kann bedeuten, gerade die Sache abzulehnen, die die „Autorität“ lehren würde; es mag insgesamt nur missverstanden bleiben wegen des Mangels an dem natürlichen Prozess von Zweifel und Nachforschung, durch welchen zu gehen wir bestimmt waren von dem, welcher uns verstehend haben wollte.
Wie keine Schrift nur von persönlicher Auslegung ist, so gibt es kein Gefühl im menschlichen Herzen, welches in diesem Herzen allein existiert, welches nicht, in irgendeiner Form oder bis zu einem gewissen Grad, in jedem Herzen ist; und daher schlussfolgere ich, dass viele wie ich selbst gestöhnt haben müssen unter der angenommenen Autorität dieser Doktrin. Die Verweigerung, zu Gott als unserem Vater aufzuschauen ist der eine zentrale Fehler in der ganzen menschlichen Angelegenheit; die Unfähigkeit, das eine zentrale Elend: was auch immer dazu dient, irgendeine Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen, den Vater zu erkennen, wird mehr oder weniger jede Schwierigkeit im Leben unterminieren.
„Ist Gott denn nicht mein Vater“, schreit das Herz des Kindes, „dass ich nötig habe, durch ihn adoptiert zu werden? Adoption! Das kann mich niemals befriedigen. Wer ist mein Vater? Bin ich nicht sein von Anfang an? Ist Gott nicht gerade mein eigener Vater? Ist er – durch gesetzliche Einrichtung – nur auf bestimmte Art und Weise mein Vater? Wahrhaftig, es mag viel Liebe in Adoption liegen, doch wenn ich sie von irgendjemandem annehme, erlaube ich mir selbst, das Kind eines anderen zu sein! Die Adoption durch Gott wäre tatsächlich eine selige Sache, wenn ein anderer als er mir das Sein gegeben hätte! Doch wenn er mir das Sein gab, dann bedeutet es keine Annahme, sondern eine Ablehnung. – „Oh Vater, bin ich nicht dein Kind?“
„Nein; doch er wird dich adoptieren. Er wird dich nicht als sein Kind wahrnehmen, aber er wird dich sein Kind nennen und ein Vater für dich sein.“
„Wehe!“, schreit das Kind. „Wenn er nicht mein Vater ist, kann er nicht mein Vater werden. Ein Vater ist ein Vater von Anfang an. Eine ursprüngliche Beziehung kann nicht nachträglich eingeführt werden. Die Konsequenzen mögen gering sein, wo irdische Vaterschaft betroffen ist, doch der eigentliche Ursprung meines Seins – wehe, wenn er nur ein Erschaffer und kein Vater wäre! Dann bin ich nur eine Maschine und kein Kind – kein Mensch! Es ist falsch zu sagen, ich wäre in seinem Bild geschaffen!“[4]
„Es nützt nichts zu antworten, dass wir unser Geburtsrecht durch den Sündenfall verloren haben. Ich kümmere mich nicht darum zu erörtern, dass ich nicht fiel, als Adam gefallen ist; denn ich bin viele Male gefallen und es liegt ein Schatten auf meiner Seele, welchen ich oder ein anderer einen Fluch nennen mögen; ich kann dieses Etwas nicht loswerden, das sich immer zwischen mein Herz und das Blau jedes Himmels drängt. Doch es nützt nichts, weder für mein Herz oder ihre Argumentation [[Anm. d. Übers.: gemeint sind die oben genannten Autoritäten]], zu sagen, dass ich gefallen und ausgestoßen bin: kann irgendeine Ablehnung, selbst jene Gottes, die Fakten eines existenziellen Ursprungs ungeschehen machen? Es ist auch nicht nur so, dass er mich gemacht hat: durch wessen Kraft lebe ich weiter? Wenn er mich ausgestoßen hat, wie du sagst, fing ich dann an, mein Sein aus mir selbst zu ziehen – oder aus dem Teufel? In wem lebe und rege ich mich und habe mein Sein? Es kann nicht sein, dass ich nicht das Geschöpf Gottes bin.“
„Doch Schöpfung ist nicht Vaterschaft.“
„Schöpfung im Bilde Gottes ist es. Und wenn ich nicht im Bilde Gottes bin, wie kann das Wort Gottes irgendeine Bedeutung für mich haben? „Er nannte jene Götter, zu welchen das Wort Gottes kam.“[5], sagte der Meister selbst. Fähig zu sein, sein Wort zu empfangen, impliziert, von seiner Art zu sein. Es spielt keine Rolle, wie sehr sein Bild in mir entstellt worden sein mag: das entstellte Ding ist sein Bild, bleibt sein entstelltes Bild – doch immer noch ein Bild, das sein Wort hören kann. Was mich böse und elend macht ist, dass das verdorbene Ding in mir das Bild des Vollkommenen ist. Nichts kann böse sein außer Kraft einer guten Hypostase.[6] Nein, nein! Nichts kann es schaffen, dass ich nicht das Kind Gottes bin. Wenn einer sagt: „Schau auf die Tiere: Gott schuf sie: du nennst sie nicht die Kinder Gottes!“, antworte ich: „Doch ich bin schuldig; sie sind nicht schuldig! Ich halte fest an meiner Schuldigkeit: es ist das Siegel meiner Kindschaft.“ Ich habe nichts zu erörtern von den Tieren her, denn ich verstehe sie nicht. Zweier Dinge nur bin ich mir sicher: dass Gott ihnen „ein treuer Schöpfer“[7] ist; und dass, je eher ich meinen Anspruch forciere, ein Kind Gottes zu sein, desto besser ist es für sie; denn auch sie sind gefallen, doch ohne Schuld.“[8]
„Doch du bist böse: wie kannst du ein Kind des Gottes sein?“
„Gerade so wie manch ein böser Sohn das Kind guter Eltern ist.“
„Doch in ihm erkennst du das gute Elternteil, wo doch Böses lag, das Grund für das Böse im Kind ist.“
„Ich kann es nicht erklären. Gott ließ mich geboren werden durch böse Gefäße. Doch in welcher Art auch immer ich ein unwürdiges Kind geworden bin, kann ich dadurch doch nicht aufgehört haben, ein Kind Gottes zu sein – sein Kind in der Art, in der ein Kind immer das Kind des Menschen sein muss, von welchem es kommt. Ist sie kein Beweis – diese Beschwerde meines Herzens bei dem Wort Adoption? Ist es nicht der Geist des Kindes, ausrufend „Abba, Vater“?“
„Ja; doch das ist der Geist der Adoption; der Text sagt es so.“
„Hinfort mit deiner Adoption! Ich könnte nicht einmal adoptiert sein, wenn ich nicht von solcher Art wäre, wie die Adoption sie erreichen könnte – das heißt, von der Natur Gottes. So viel er ihn auch liebt, kann ein Mensch einen Hund adoptieren? Ich muss für das Wort Gottes von einer Natur sein, dass es zu ihr kommen kann – ja, insoweit, von der göttlichen Natur, vom Bild Gottes! Von Herzen gestehe ich ein, dass, wäre ich mir selbst überlassen worden, hätte Gott mich fallengelassen, keine Kommunikation mit mir gehalten, ich niemals solcherart hätte schreien können, es mich niemals gekümmert hätte, wenn sie mir sagten, dass ich kein Kind Gottes sei. Doch er hat mich niemals abgelehnt und verlangt jetzt nicht danach, mich zu adoptieren. Bitte, warum sollte es mich bekümmern, wenn mir gesagt wird, dass ich kein Kind Gottes bin, wenn ich kein Kind Gottes wäre? Wenn du sagst – Weil du gelernt hast, ihn zu lieben, antworte ich – Adoption würde die Liebe von einem befriedigen, welcher es nicht war, aber ein Kind sein wollte; ich für meinen Teil kann nicht ohne einen Vater sein, noch kann mir irgendeine Adoption einen geben.“
„Doch was ist das Gute an all dem, was du sagst, wenn das Kind solcherart ist, dass der Vater es nicht an sein Herz nehmen kann?“
„Ah, tatsächlich, ich gestehe es ein, nichts! – Solange das Kind nicht verlangt, an das Herz des Vaters genommen zu werden; doch in dem Augenblick, wenn es das tut, dann ist es alles für das Herz des Kindes, dass es tatsächlich das Kind dessen sein soll, nach welchem seine Seele dürstet. Wie schlecht auch immer ich sein mag, ich bin das Kind Gottes und darin liegt meine Schuld. Ah, ich will meine Schuld nicht verlieren! In meiner Schuld liegt meine Hoffnung. Es ist die Zusicherung dessen, was ich bin und was ich nicht bin; die Zusicherung dessen, wozu ich bestimmt bin zu sein, was ich eines Tages sein soll, das Kind Gottes in Geist und Wahrheit.“[9]
„Dann wagst du zu sagen, dass der Apostel falsch liegt mit dem, was er so klar lehrt?“
„Keineswegs; was ich sage ist, dass unsere englische Darstellung seiner Lehre in diesem Punkt sehr irreführend ist. Es steht mir nicht zu, über die gelehrten und guten Männer, welche die Übersetzung des Neuen Testamentes revidiert haben, zu urteilen – mit so viel Gewinn für jedermann, dessen Liebe zur Wahrheit größer ist als seine liebende Voreingenommenheit für gewohnte Formen; – ich kann nur sagen, dass ich mich frage, was ihre Gründe gewesen sein mögen, dieses Wort Adoption beizubehalten. Im neuen Testament wird das Wort nur vom Apostel Paulus gebraucht. Liddell und Scott[10] geben die Bedeutung – „Adoption als ein Sohn“ an, welche eine bloße Unterwerfung unter populäre Theologie ist: sie geben keinen Bezug außer zum Neuen Testament an. Die Beziehung des Wortes [Griechisch: uiothesia υἱοθεσία] zu der Form [Griechisch: thetos θετός], welche „angenommen“, oder eher „eingesetzt als jemandes Kind“ ist, nehme ich als den alleinigen Grund, es so zu übersetzen: die vielfältige und uneindeutige Nutzung könnte diese Übersetzung hier nicht rechtfertigen, im Angesicht dessen, was Paulus anderswo zeigt, was er mit diesem Wort meint. Das griechische Wort kann verschieden gemeint sein – obwohl ich keinen früheren Gebrauch davon als bei Paulus finden kann; das Englische kann nur eine Sache bedeuten, und das ist nicht, was Paulus meint. „Den Geist der Adoption“ übersetzt Luther „den Geist eines Kindes“, Adoption übersetzt er mit Kindschaft.[11]
Zweier Dinge bin ich mir sicher – erstens, dass Paulus mit uiothesia υἱοθεσία nicht Adoption beabsichtigte; und zweitens, dass wenn die Revidierenden das durchgemacht hätten, wodurch ich gegangen bin wegen des Wortes, wenn sie gefühlt hätten, dass es zwischen Gott und ihre Herzen kommt, wie ich es gefühlt habe, hätten sie es in ihrer Version nicht bleiben lassen können.
Einmal mehr sage ich, dass das von Paulus gebrauchte Wort nicht impliziert, dass Gott Kinder adoptiert, die nicht die seinen sind, sondern vielmehr, dass er zum zweiten Mal Vater für sie wird; dass sie ein zweites Mal geboren werden – dieses Mal von oben her;[12] dass er sich selbst zehnfach, ja, unendlich zu ihrem Vater machen wird: er will sie zurück in jenen Busen holen, aus welchem sie hervorkamen; hervorkamen, dass sie lernen sollten, dass sie nirgendwo sonst leben könnten; er will sie eins mit sich selbst haben.[13] Es war um dieser Sache willen, dass er, in seinem Sohn, für sie starb.
Lasst uns auf den Abschnitt schauen, wo er seinen Gebrauch des Wortes offenbart. Es ist in einer anderen seiner Episteln – der an die Galater, 4, 1 – 7.
„Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, so ist zwischen ihm und einem Sklaven kein Unterschied, ob er wohl ein Herr ist aller Güter; sondern er ist unter den Vormündern und Pflegern bis auf die Zeit, die der Vater bestimmt hat. Also auch wir, da wir unmündig waren, waren wir gefangen unter den äußerlichen Satzungen. Da aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf dass er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, dass wir die Adoption als Söhne empfingen. Weil ihr denn Kinder seid, hat Gott gesandt den Geist seines Sohnes in eure Herzen, der schreit: Abba, lieber Vater! Also ist nun hier kein Sklave mehr, sondern eitel Kinder, so sind´s auch Erben Gottes durch Christum.“
Wie konnten die Revidierenden diese letzte Formulierung „Erben Gottes“ wählen und das Wort Adoption behalten? Vom Abschnitt her ist es so deutlich wie Paulus es machen konnte, dass er mit dem durch Adoption übersetzten Wort die Erziehung des eigenen Kindes eines Vaters vom Zustand der Vormundschaft und Unterordnung unter andere, ein Stand, welcher, sagt er, nicht besser ist als der eines Sklaven, zur Position und den Rechten eines Sohnes meint.[14] Niemand außer ein Kind konnte ein Sohn werden; die Idee ist – ein geistliches Erwachsenwerden: nur wenn das Kind ein Mann geworden ist, ist es wirklich und völlig ein Sohn. Die Sache hält in irdischen Bezügen Stand. Wie viele Kinder guter Eltern – gute Kinder auch in der Hauptsache – kennen niemals diese Eltern, fühlen sich ihnen gegenüber niemals wie Kinder es sollten, bis sie, erwachsen geworden, das Haus verlassen haben – bis sie, vielleicht, selbst Eltern sind, oder durch den Tod von ihnen getrennt werden! Ein Kind zu sein bedeutet nicht notwendigerweise, ein Sohn oder eine Tochter zu sein. Die Kindschaft ist der niedere Zustand des aufstrebenden Prozesses zur Sohnschaft, die Erde, aus welcher die wahre Sohnschaft wachsen soll, das Erste, ohne welches das Letztere unmöglich wäre. Gott kann nicht mehr als irdische Eltern zufrieden sein, nur Kinder zu haben: er muss Söhne und Töchter haben – Kinder seiner Seele, seines Geistes, seiner Liebe – nicht bloß in dem Sinne, dass er sie liebt oder auch dass sie ihn lieben, sondern in dem Sinne, dass sie lieben wie er, lieben wie er liebt. Dafür adoptiert er sie nicht; er stirbt, um ihnen sich selbst zu geben, dadurch sie an sein Herz zu ziehen; er gibt ihnen eine Geburt von oben her;[15] sie werden wiedergeboren aus ihm selbst und in ihn selbst – denn er ist das Ein und Alles. Seine Kinder sind nicht seine wirklichen, wahren Söhne und Töchter, bis sie denken wie er, fühlen wie er, urteilen wie er urteilt, bei ihm zu Hause sind, und ohne Angst vor ihm sind,[16] weil er und sie dasselbe meinen, dieselben Dinge lieben, dieselben Ziele suchen. Dafür sind wir geschaffen; es ist das eine Ziel unseres Seins, und schließt alle anderen Ziele ein, welche auch immer. Es kann nur aus Unglauben entspringen und nicht aus Glauben, Menschen glauben zu machen, dass Gott sie verworfen hat, abgelehnt hat, gesagt hat, dass sie nicht seine Kinder sind, ja, es niemals waren – und er sich die ganze Zeit hingibt, um uns zu Kindern zu machen, die er geplant und vorherbestimmt hat – Kinder, welche ihn als ihren Vater annehmen würden! Er ist unser Vater die ganze Zeit, denn er ist wahrhaftig; doch bis wir mit der Wahrheit von Kindern antworten, kann er nicht den ganzen Vater zu uns ausgehen lassen; es gibt keinen Platz für die Taube seiner Sanftheit, dort zu landen.[17] Er ist unser Vater, aber wir sind nicht seine Kinder. Weil wir seine Kinder sind, müssen wir seine Söhne und Töchter werden. Nichts wird ihn zufrieden stellen oder uns nützen, als dass wir eins seien mit unserem Vater! Was sonst könnte dienlich sein! Wie sonst sollte das Leben jemals ein Gutes sein! Weil wir die Söhne Gottes sind, müssen wir die Söhne Gottes werden.
Es mag unter meinen Lesern solche geben – wehe für sie! – zu welchen das Wort Vater keinen Jubel, keine Morgendämmerung bringt, in deren Herzen es noch nicht einmal ein Zittern einer entschwundenen Empfindung hervorruft. Es wird wohl kaum ihr Fehler sein. Denn obwohl wir als Kinder selten bis zu einem Maß der Vernünftigkeit lieben; obwohl wir oft erzürnen; und obwohl das Benehmen einiger Kinder unerklärlich für die Eltern ist, welche sie lieben; so wird doch, wenn die Eltern auch nur durchschnittlich freundlich waren, der Sohn, welcher zu einem nichtsnutzigen Mann herangewachsen ist, hin und wieder, in seinen besseren Augenblicken, irgendeinen vagen Reflex der Kindschaft fühlen, irgendeine schwach angenehme, irgendeine leicht kummervolle Erinnerung an den Vater, an dessen Hals seine Arme manchmal klammerten. In meiner eigenen Kindheit und Jugend war mein Vater die Zuflucht vor allen Übeln des Lebens, sogar vor dem scharfen Schmerz selbst.[18] Deshalb sage ich zu dem Sohn oder der Tochter, welche keine Freude an der Benennung Vater haben, „Du musst das Wort durch all das auslegen, was du im Leben vermisst hast. Jedes Mal, wenn ein Mensch dir Zuflucht gewesen sein mag vor dem Wind, ein Versteck vor dem Unwetter, der Schatten eines großen Felsen in einem öden Land, war das die Zeit, wenn ein Vater tatsächlich ein Vater hätte sein müssen. Glücklich bist du doch, wenn du Mann und Frau als eine solche Zuflucht gefunden hast; insoweit hast du einen Schatten des Vollkommenen erkannt, die Rückseite des einen Menschen gesehen, den vollkommenen Sohn des vollkommenen Vaters. Alles, was menschliche Zärtlichkeit geben oder verlangen kann in der Nähe und Bereitschaft der Liebe, muss alles und unendlich viel mehr wahr sein vom vollkommenen Vater – vom Schöpfer der Vaterschaft, vom Vater aller Väter der Erde, insbesondere der Vater derer, welche insbesondere ein Vaterherz gezeigt haben.“
Dieser Vater würde sich selbst tatsächlich Söhne und Töchter schaffen – das heißt, solche Söhne und Töchter wie nicht nur seine Söhne und Töchter sein sollen, indem sie aus seinem Herzen gekommen sind, sondern indem sie dorthin zurückgekehrt sind – Kinder aufgrund dessen, dass sie solcherart sind, woher sie kamen, solcherart, dass sie wählen zu sein, was er ist. Er wird sie teilhaben lassen an seinem Wesen und seiner Natur – stark, worin er sich um Stärke kümmert; sanft und gütig, wie er sanft und gütig ist; zornig, wo und wie er zornig ist. Sogar in der geringen Angelegenheit der Macht wird er sie befähigen zu tun, was immer sein Sohn Jesus auf Erden tun konnte, dessen Leben das Leben des vollkommenen Menschen war, dessen Werke jene des vervollkommneten Menschseins waren. Alles muss auf lange Sicht dem Menschen untertan sein, wie es dem Menschen untertan war. Wenn Gott tun kann, was er will mit einem Menschen, dann mag der Mensch tun, was er will mit der Welt; er mag auf dem See gehen wie sein Herr; das tödlichste Ding wird nicht in der Lage sein, ihn zu verletzen:[19] – „Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun.“[20]
Gott, dessen Freude hat gebracht
Den Menschen in das Sein, abseits steht
Eine Handbreit fort nur, zu geben
Raum für´s Neugeschaffene zum Leben[21]
Er hat uns geschaffen, doch wir müssen sein. Alle Dinge wurden geschaffen durch das Wort,[22] doch das, welches geschaffen wurde in dem Wort, war Leben, und dieses Leben ist das Licht der Menschen:[23] die, welche in diesem Licht leben, das heißt, leben wie Jesus lebte – in Gehorsam nämlich zum Vater, haben Teil an ihrer eigenen Schöpfung; das Licht wird Leben in ihnen; sie sind, in ihrer geringeren Art, lebendig mit dem Leben, das zuerst in Jesus geboren war und durch ihn in ihnen geboren wurde – durch Gehorsam werden sie eins mit der Gottheit:[24] „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“[25] Er macht sie nicht zu den Söhnen Gottes, sondern gibt ihnen Macht, Söhne Gottes zu werden: indem er die Wahrheit wählt und ihr gehorcht, wird der Mensch der wahre Sohn des Vaters der Lichter.[26]
Es reicht aus, den Abschnitt, den ich aus seiner Epistel an die Galater zitiert habe, mit Verstand zu lesen, um zu sehen, dass das Wort Adoption nicht im Geringsten zu Paulus Idee passt oder den Dingen gerecht wird, die er sagt. Während wir nur dem Gesetz gehorchen, das Gott auf uns gelegt hat, ohne das Herz des Vaters zu kennen, woher das Gesetz kommt, sind wir nur Sklaven – nicht notwendigerweise unwürdige Sklaven, doch Sklaven; aber wenn wir dahin kommen, mit ihm zu denken, wenn der Geist des Sohnes ist wie der Geist des Vaters, das Handeln des Sohnes dasselbe ist wie das des Vaters, dann ist der Sohn vom Vater, dann sind wir die Söhne Gottes. Und in beiden Abschnitten – in diesem und in dem aus seiner Epistel an die Römer, welchen ich dieser Predigt vorangestellt habe – finden wir dieselbe Wendung Abba, Vater, die aufzeigt, wenn der Beweis nützlich wäre, dass er das Wort [Griechisch: uiothesia υἱοθεσία] in beiden mit derselben Bedeutung verwendet: nichts kann wohl deutlicher sein, was überhaupt Berücksichtigung braucht, als was der Sinn ist. Lasst uns auf die anderen Abschnitte schauen, in welchen er dasselbe Wort gebraucht: da er allein von den Schreibern des Neuen Testamentes es gebraucht, soweit ich weiß, mag er es für sich selbst geschaffen haben. Eines von ihnen ist in demselben achten Kapitel der Epistel an die Römer; dieses hebe ich bis zuletzt auf. Ein anderes ist im folgenden Kapitel, im vierten Vers:[27] darin spricht er von [Griechisch uiothesia υἱοθεσία], wörtlich der Sohn-Setzung (das heißt die Einsetzung von Söhnen in den wahren Stand von Söhnen), als zu den Juden gehörend. Dazu habe ich nur anzumerken, dass „welchen gehört die [Griechisch: uiothesia υἱοθεσία]” weder bedeuten kann, dass sie es bereits empfangen haben oder dass es zu den Juden mehr gehört als zu den Heiden; es kann nur bedeuten, dass sie, als die Älterer-Bruder-Nation ein Vorrecht darauf haben und es natürlicherweise zuerst empfangen würden; dass sie, in ihren besten Menschen, dem immer am nächsten gewesen sind. Es muss zuerst in solchen bewirkt werden, als da die notwendige Vorbereitung empfangen haben; jene waren die Juden; von den Juden war der Sohn, die [Griechisch: uiothesia υἱοθεσία] bringend, die Sohnschaft, zu allen. Daher war die [Griechisch: uiothesia υἱοθεσία] ihre, gerade wie ihres das Evangelium war. Es war zuerst für die Juden, dann für die Heiden[28] – obwohl manch ein Heide es eher haben würde als manch ein Jude. Jene und nur jene, welche aus einem wahrhaftigen Herzen rufen: „Abba, Vater“, mögen sie aus einer noch so ärmlichen, kleinen sogenannten Kirche sein, Ordnung des Leibes Christi, oder von überhaupt keiner Ordnung, sind die Söhne und Töchter Gottes.
Paulus gebraucht das Wort ebenfalls in seiner Epistel an die Epheser, im ersten Kapitel, im fünften Vers: „… und er hat uns verordnet [[„predestinated“ – vorherbestimmt]] zur Kindschaft [[zur Adoption als Kinder „unto the adoption of children“ – King James Version]] gegen sich selbst durch Jesum Christum…“, sagt die autorisierte Version. „… und er hat und vorbestimmt [[„foreordained“]] zur Sohnschaft [[zur Adoption als Söhne „unto adoption as sons“]] gegen sich selbst durch Jesum Christum.“,[29] sagt die revidierte – und ich sehe wenig Auswahl zwischen ihnen: keine gibt die Bedeutung von Paulus wieder. Wenn irgendetwas gewonnen ist durch die Hinzufügung der Worte „als Kinder“ in einem Fall und „als Söhne“ in dem anderen, um das Wort, für welches „Adoption“ allein in anderen Abschnitten dienen soll, zu übersetzen, dann liegt der Vorteil nur auf der Negativ-Seite, zur falschen Auslegung.
Kinder waren wir; wahre Söhne könnten wir niemals sein, außer durch den Sohn. Er verbrüdert uns. Er nimmt uns auf die Knie des Vaters, in dessen Angesicht wir tatsächlich zu Söhnen werden. Niemals hätten wir das Herz des Vaters kennen können, es niemals möglich fühlen können, ihn als Söhne zu lieben, außer durch ihn, welcher sich selbst in den Abgrund warf, der zwischen uns gähnte. In und durch ihn waren wir vorherbestimmt zur Sohnschaft: Sohnschaft, die wir niemals, selbst wenn wir nie gesündigt hätten, ohne ihn hätten erlangen können. Wir hätten tatsächlich kleine, den Vater liebende Kinder sein können, doch Kinder fern von der Sohnschaft, die versteht und bewundert. „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“[30] „Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.“,[31] ja, wenn wir nicht den Geist des anderen haben, gehören wir nicht zueinander. Es gibt keine Einheit außer denselben Geist zu haben. Es gibt nur einen Geist, den der Wahrheit.[32]
Es bleibt, noch einen weiten Abschnitt zu betrachten.
Dass es bei irgendetwas, was er schrieb, niemals die Absicht Paulus war, zu einem theologischen System beizutragen, wäre einfach aufzuzeigen: ein Anzeichen der Tatsache ist, dass er nicht zögert, dieses Wort, das er vielleicht selbst gemacht hat, in verschiedenem und offensichtlich gegensätzlichem, obwohl keineswegs widersprüchlichem Sinne zu benutzen: seine Bedeutungen beleben einander immer. Seine Ideen sind so groß, dass sie seine Äußerung strapazieren und ihn den Gebrauch von Worten überspannen lassen, doch es gibt keine Gefahr für das ehrliche Herz, auf welches allein er sich bezieht, sie misszuverstehen, obwohl doch „die Ungelehrigen und Leichtfertigen sie verdrehen.“[33] Auf der einen Seite spricht er von der Sohnschaft als dem Besitz der Israeliten, auf der anderen als dessen, welcher gelernt hat zu rufen Abba, Vater; und hier, in dem Abschnitt, den ich nun zuletzt bedenken muss, der vom 18. zum 25. Vers desselben achten Kapitels seiner Epistel an die Römer,[34] spricht er von uiothesia υἱοθεσία, die noch kommen soll – und als hätte es zu tun nicht mit unserem geistlichen sondern mit unserem körperlichen Zustand. Dieser Gebrauch des Wortes allerdings, obwohl es nicht denselben Gebrauch erfährt, wie wir ihn anderswo finden, stimmt nichtsdestotrotz völlig mit den anderen Nutzungen überein.
Der 23. Vers sagt: „Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft [Sohnschaft, Adoption – uiothesia – υἱοθεσία] und warten auf unsers Leibes Erlösung.“
Es ist keineswegs schwierig festzustellen, dass die Ideen in diesem und dem hauptsächlichen Gebrauch notwendigerweise miteinander verbunden und mehr als übereinstimmend sind. Das Einsetzen eines Sohnes in seinen wahren, seinen vorherbestimmten Platz hat sowohl äußerlichen Bezug als auch innere Wirklichkeit; das Äußerliche ist abhängig vom Inneren, steigt aus ihm herauf und offenbart es. Wenn das Kind, dessen Zustand unter den Vormündern vergangen ist, seinen Stand als Sohn eingenommen hat, wird er natürlicherweise seine Kleidung und seine Lebensart ändern:[35] wenn Gottes Kinder aufhören, Sklaven zu sein, die das Richtige aus Gesetz und Pflicht tun, und seine Söhne werden, die das Richtige aus der zugrundeliegenden Liebe zu Gott und ihrem Nächsten tun, müssen sie ebenso die Kleider ihrer Sklavenschaft gegen die Gewänder der Freiheit eintauschen, den Leib dieses Todes[36] ablegen und in Leibern wie dem des Christus erscheinen,[37] mit welchem sie vom Vater erben. Doch viele Kinder, welche gelernt haben zu rufen Abba, Vater, sind noch fern von der Freiheit der Söhne Gottes. Söhne sind sie und nicht länger Kinder, und doch stöhnen sie, als wären sie noch in der Knechtschaft! – Offensichtlich hat der Apostel keinen Gedanken daran, eine Idee herauszuarbeiten; mit brennendem Herzen schreibt er einen Brief: er gibt uns nichtsdestotrotz Zeilen, die vollauf genügend für uns sind, seine Idee herauszuarbeiten. Und so nimmt sie eine klare Form an: –
Wir sind die Söhne Gottes in dem Augenblick, wenn wir unsere Herzen aufheben und danach streben, Söhne zu sein – in dem Augenblick, wenn wir anfangen Vater zu rufen. Doch wie die Welt erlöst werden muss zu Anfang in ein paar wenigen Menschen, so wird die Seele erlöst zu Anfang in ein paar wenigen ihrer Gedanken und Bedürfnisse und Bahnen: es braucht eine lange Zeit, diese neue Schöpfung der Erlösung zu vollenden. Sollte es Millionen von Jahren gedauert haben, die Welt zu dem Punkt zu bringen, an dem ein paar ihrer Bewohner nach Gott verlangen und das Geschöpf dieser neuen Geburt soll vervollkommnet werden an nur einem Tag? Der göttliche Prozess mag nun tatsächlich mit zehnfacher Geschwindigkeit voranschreiten, denn der neue Einfluss des menschlichen Mitwirkens, um dessentwillen die gesamte vorangehende Anordnung der Mittel und Kräfte existierte, wird nun entfaltet; doch sein Ziel liegt noch weit unter dem Horizont menschlicher Sicht: –
Der Apostel spricht einmal von der Sache, dass sie kommt, ein anderes Mal als schon getan – wenn sie nur erst begonnen ist: unsere Wege des Denkens sind solcherart. Eines Menschen Herz mag hüpfen vor Freude in dem Augenblick, wenn mitten in den Meereswogen eine starke Hand das Haar seines Kopfes gegriffen hat; er mag laut ausrufen „Ich bin gerettet“; – und er mag sicher sein, doch er ist nicht gerettet; dies ist weit von einer Rettung entfernt, um ihr zu genügen. So sind wir Söhne, wenn wir anfangen Vater zu rufen, doch wir sind weit davon entfernt, vollkommene Söhne zu sein. Solange wie es in uns den geringsten Flecken von Misstrauen gibt, das geringste Verweilen von Hass oder Furcht, haben wir die Sohnschaft nicht empfangen; wir haben nicht solches Leben in uns, wie es den Leib Jesu auferstehen ließ; wir haben nicht die Auferstehung der Toten erlangt – mit welchem Wort, in seiner Epistel an die Philipper (3,21),[38] Paulus, denke ich, dieselbe Sache meint, wie er sie hier mit der Sohnschaft meint, welche er zur Erlösung des Leibes hinzufügt: –
Bis unser äußerlicher Zustand der königlicher Söhne ist, göttlicher Söhne; solange wie die Gewänder unserer Seele, diese sterblichen Leiber, gemein sind – zerrissen und zerlumpt und verschmutzt; solange wie wir unter Krankheit und Schwäche und Erschöpfung, Alter, Vergesslichkeit und allen schweren Dingen stöhnen; solange wir noch nicht die volle Sohnschaft empfangen haben – bereiten wir uns nur vor, eines Tages aus unseren Kokons zu kriechen und die großartigen himmel-stürmenden Flügel der Wesen Gottes auszubreiten. Wir stöhnen unter der Last; wir stöhnen, wartend auf die Sohnschaft – nämlich die Erlösung des Leibes – die Erhöhung des Leibes zu einem passenden Heim und Offenbarung des innewohnenden Geistes – nein, wie der des Christus, ein passender Tempel und Offenbarung des tiefer innewohnenden Gottes. Denn wir werden immer Leiber benötigen, um uns zu manifestieren und einander zu offenbaren – Leiber also, die zu der Seele passen mit der absoluten Wahrheit der Gegenwärtigkeit und Offenbarung. Daher ist die Offenbarung der Söhne Gottes, von der im 19. Vers gesprochen wird, dieselbe Sache wie die Erlösung des Leibes; der Leib ist erlöst, wenn er passend gemacht ist für die Söhne Gottes; dann ist er eine Offenbarung ihrer – die Sache, zu der er bestimmt war, und er immer, mehr oder weniger, unvollkommen war. Solcherart soll es sein, wenn die Wahrheit stark genug ist in den Söhnen Gottes, um sie zu solchen zu machen – denn es ist die Seele, die den Leib schafft. Wenn wir in Herz und Seele die Söhne Gottes sind, dann werden wir auch im Leib die Söhne Gottes sein: „dass wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“[39]
Ich kümmere mich wenig darum, über die Art dieses Leibes zu spekulieren; zwei Dinge nur werde ich als nötig in Bezug darauf zu glauben sagen: zuerst, dass es ein Leib sein wird, um dasselbe Selbst wie zuvor zu zeigen – doch, zweitens, ein Leib, das Sein wahrhaftig zu zeigen – das heißt, ohne Fehler und ohne Unvollkommenheiten der früheren leiblichen Offenbarung. Selbst durch ihre körperliche Gegenwart werden wir dann unsere Angehörigen unendlich besser kennen und endlos mehr Freude an ihnen haben als zuvor. Diese Dinge müssen wir glauben oder dem Vater unserer Geister misstrauen. Bis diese Erlösung des Leibes ankommt, ist die [Griechisch uiothesia υἱοθεσία] nicht bewirkt, ist sie nur auf dem Wege. Auch kann sie nicht kommen durch unser Arbeiten an der Erlösung, die er in uns bewirkt.[40]
Diese Erlösung des Leibes – seine Befreiung von allem, das mangelt, fehlt, unvollendet ist, schwach, abgenutzt, von allem, was die Offenbarung der Söhne Gottes verhindert, wird vom Apostel sicher nicht die Adoption, sondern [Griechisch uiothesia υἱοθεσία], die Sonschaft in vollständiger Einsetzung genannt. Es ist der Sklave, der noch in den Söhnen und Töchtern Gottes zurückgeblieben ist, der sie betrügt, dass sie gar dem Wort Adoption erlauben, sie fehlzuleiten.
Um zu sehen, wie die ganze Äußerung zusammenhängt, lest vom 18. zum 25. Vers und beachtet besonders den 19.: „Denn das ängstliche Harren der Kreatur [Schöpfung] wartet auf die Offenbarung“ (das Herausscheinen) „der Kinder [Söhne] Gottes.“ Wenn die Söhne Gottes sich zeigen, wie sie sind, annehmend, mit dem Charakter, die Erscheinung und den Platz, die zu ihrer Sohnschaft gehören; wenn die Söhne Gottes mit dem Sohn Gottes auf dem Thron ihres Vaters sitzen; dann werden sie kraft dieser Tatsache die Herren der geringeren Schöpfung sein, die Bringer der Freiheit und des Friedens über sie; dann wird die Schöpfung, der Vergänglichkeit anheim gegeben um ihretwillen, ihre Freiheit in ihrer Freiheit finden, ihre Freude in ihrer Sohnschaft. Die Tiere werden sich rühmen, ihnen zu dienen, werden voll Freude um Hilfe zu ihnen kommen. Lasst die Herzlosen spotten, die Ungerechten verächtlich sein! Das Herz, das ruft Abba, Vater, ruft zu dem Gott der Spatzen und Ochsen; auch kann die Hoffnung nicht zu weit gehen im Hoffen darauf, was Gott tun wird für die Schöpfung, die jetzt stöhnt und ächzt in Schmerzen, weil unsere höhere Geburt verzögert wird. Sollte nicht der Richter der ganzen Erde recht tun? Sollte mein Herz barmherziger sein als das Seine?
Wenn für irgendeinen Leser meine Auslegung nicht zufriedenstellend ist, bitte ich ihn, seine Kraft nicht darauf zu verwenden, meinen Glauben in Frage zu stellen, sondern seinen eigenen Fortschritt auf dem Weg zu Freiheit und Sohnschaft sicher zu stellen. Nur für das Kind Gottes ist wahrhaftiges Urteilen möglich. Wäre es anders, was würde es nützen, diesen oder jenen von richtig oder falsch zu überführen? Die richtige Meinung über die bedeutendsten Fragen wird keinen Menschen erlösen. Heilung für irgendein Übel in oder an mir gibt es keine, außer der Sohn Gottes zu werden, wozu ich geboren war, es zu sein. Bis ich solcher bin, bis Christus in mir geboren ist, bis ich als ein Sohn Gottes offenbart bin, wird Schmerz und Kummer andauern – und Gott gebe, dass sie es tun mögen! Nennt es Mutmaßung, ich kann meine Behauptung nur erweitern: bis du selbst der Sohn Gottes bist, wozu du geboren warst, es zu sein, wirst du das Leben niemals eine gute Sache finden. Wenn ich für mich selbst mutmaße, mutmaße ich auch für dich. Doch ich mutmaße nicht. Solcherart haben beide, Jesus Christus und der Sklave seiner Liebe, Paulus, Gott dargestellt – als einen Vater vollkommen in der Liebe, großartig in Selbstvergessenheit, erhaben in Gerechtigkeit, den Leben, die er hervorgebracht hat, hingegeben. Ich werde nicht weniger vom Vater glauben, als ich an Herrlichkeit empfangen habe aus den Zeilen, die er mir gegeben hat, nach der Ausstrahlung seiner Herrlichkeit im Angesicht seines Sohnes. Er ist das ausdrückliche Bild des Vaters, durch welches wir, seine unvollkommenen Bildnisse, ihn lesen und verstehen sollen: unvollkommen wie wir sind, haben wir doch Vollkommenheit genug, um in Richtung Vollkommenheit zu buchstabieren.
Es läuft also darauf hinaus, nach der großartigen Theorie des Apostels: – Die Welt existiert zu unserer Erziehung; sie ist die Kinderstube der Kinder Gottes, bedient durch bekümmerte Sklaven, bekümmert, weil die Kinder selbst Sklaven sind – Kinder, aber keine guten Kinder. Jenseits ihres eigenen Willens oder Wissens wirkt die ganze Schöpfung für die Entwicklung der Kinder Gottes zu Söhnen Gottes. Wenn zuletzt die Kinder auferstanden und zu ihrem Vater gegangen sind; wenn sie in das beste Gewand gekleidet sind, mit einem Ring an ihren Händen und Schuhen an ihren Füßen,[41] aufleuchtend auf lange Sicht in ihrer natürlichen, ihrer vorherbestimmten Sohnschaft; dann sollen Berge und Hügel vor ihnen in Singen ausbrechen, und alle Bäume des Feldes sollen in ihre Hände klatschen.[42] Dann soll der Wolf bei dem Lamm lagern, und der Leopard sich mit Kitz und Kalb niederlegen, und der junge Löwe und das Mastvieh zusammen, und ein kleines Kind soll sie leiten.[43] Dann sollen die Legenden eines goldenen Zeitalters, welche der Glaube erfand und der Unglaube in die Vergangenheit warf, ihre wesenhafte Wirklichkeit entfalten, und die Geschichte vom Paradies sich als eine Wahrheit erweisen, indem sie zur Tatsache wird. Dann soll sich jedes Ideal als eine Notwendigkeit zeigen, die Erwartung, obwohl zufriedengestellt, noch längere Schwingen ausbreiten, und der Hunger nach Gerechtigkeit sich selbst gesättigt wissen.[44] Dann zuerst werden wir wissen, was in des Hirten Geist war, als er sagte: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“[45]
[1] George MacDonald benutzt die autorisierte Version der King James Bibel seiner Zeit. Darin ist nicht wie in allen älteren Lutherübersetzungen – die in ihrer Autorität für Gläubige im deutschsprachigen, protestantischen Raum vergleichbar mit der englischen King James ist – von einem kindlichen Geist oder einem Geist der Kindschaft die Rede, sondern von einem „spirit of adoption“, einem „Geist der Adoption“ – eine Abweichung im Sinn, die darauf zurückzuführen ist, dass einige griechische Worte des Neuen Testamentes aus verschiedenen Gründen in ihrer vollen Bedeutung schwierig in eine andere Sprache zu transportieren sind. Im Folgenden setzt MacDonald sich mit der Schwierigkeit des Begriffs „Adoption“ im Zusammenhang mit dem Verhältnis der Gläubigen als Kinder zu Gott dem Vater auseinander. Wenn uns auch seine Ablehnung des Wortes Adoption kleinlich erscheinen mag, so geht es ihm gerade in dieser Predigt darum, Gott als den wahren Vater seiner Geschöpfe und insbesondere der Gläubigen herauszustellen. Ein zentrales, wenn nicht sogar das zentrale Thema in George MacDonalds Leben und Werk.
[2] Galater 5, 1
[3] Johannes 14, 26 / Johannes 16, 13
[4] 1. Mose 1, 27: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf einen Mann und ein Weib.“ – 1. Mose 5, 3: „Und Adam war 130 Jahre alt und zeugte einen Sohn, der seinem Bild ähnlich war, und hieß ihn Seth.“ Modernere Übersetzungen verwenden die Formulierung „nach seinem Bild“ sowohl für die Erschaffung des Menschen, als auch für die Zeugung des Sohnes Adams, Seth, von dem nach biblischer Überlieferung auch die Linie Abrahams, des Vaters aller Gläubigen, ausgeht. Die Vaterschaft Gottes ist kein Gedanke, der erst mit dem Neuen Testament und dem Christentum eingeführt wurde, allerdings wird diese Idee mit der Gottessohnschaft Jesu, in der alle Menschen als Kinder Gottes eingeschlossen werden können, erst voll entfaltet.
[5] Psalm 82, 6 / Johannes 10, 35 / 36
[6] Ein philosophischer Begriff – meint eine zugrunde liegende Seinsstufe, einen ursprünglichen Zustand, einen Ausgangsgrund. Es bedeutet hier, dass nur etwas böse sein kann, wenn es zuvor in einem guten Grundzustand gewesen ist. Das Böse wird nicht als ebenso ursprünglich erschaffen begriffen wie das Gute, also nicht dualistisch, sondern als das verdorbene, ursprünglich gut gewesene.
[7] 1. Petrus 4, 19
[8] Römer 8, 22 – 23
[9] Johannes 4, 24
[10] Liddell und Scott: Henry George Liddell und Robert Scott gaben im 19. Jahrhundert ein altgriechisch-englisches Lexikon heraus, das nicht nur im englischen Sprachraum bis heute als Standardwerk gilt.
[11] Im Original benutzt George MacDonald tatsächlich das deutsche Wort „Kindschaft“.
[12] Redewendung „von oben her“ zum Bsp. in Johannes 3, 31 / Jakobus 1, 17
[13] Johannes 17, 21 – 23
[14] Tatsächlich galten Kinder in der Antike wie alles andere als „Besitz“ des „pater familias“, des Familienoberhauptes. Er konnte über sie verfügen, wie er wollte. In diesem Sinne waren sie rein rechtlich ebenso Besitztum wie die Sklaven des Haushaltes. Erst mit der offiziellen Einsetzung als Erbe des Haushaltes erhielt der Sohn seinen Stand als Sohn zuerkannt. Diesen Vorgang beschreibt Paulus hier in seinen Schriften. Als Geschöpfe Gottes sind wir seine natürlichen Kinder. Das Gesetz ist der Vormund und durch Christus sind die Kinder endlich mündig und in ihren rechtmäßigen Stand als Kinder eingesetzt.
[15] Johannes 3, 1 – 21
[16] 1. Johannes 4, 18
[17] Anspielung auf die Geschichte von Noah in 1. Mose, der nach dem Ende der Sintflut mit der Arche auf dem Wasser treibt und eine Taube ausfliegen lässt, um zu sehen, ob sich das Wasser wieder verläuft. Sie kehrt zunächst zu ihm zurück, da sie keinen trockenen Ruheplatz für ihren Fuß findet.
[18] George MacDonald hatte eine ungebrochen innige Beziehung zu seinem eigenen Vater. Die Beziehung zu ihm war ihm stets das Vorbild für die ideale Vaterschaft Gottes über seine Kinder. Das gute Verhältnis zu diesem Mann hat MacDonalds Sicht auf Gott wesentlich geprägt.
[19] Markus 16, 17 – 18
[20] Johannes 14, 12
[21] Original: „God, whose pleasure brought Man into being, stands away As it were, an handbreath off, to give Room for the newly-made to live.“ – Es scheint, als hätte MacDonald diese Verse selbst geschrieben, die Übersetzerin konnte keine andere Quelle ausfindig machen.
[22] Johannes 1, 1 – 3
[23] Johannes 1, 4
[24] Johannes 15, 10
[25] Johannes 1, 12
[26] Jakobus 1, 17
[27] Römer 9, 4: „… die da sind von Israel, welchen gehört die Kindschaft [uiothesia υἱοθεσία – Adoption] und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen; …“
[28] Römer1, 16
[29] In Klammern die verschiedenen Versionen, wie sie in der alten und der revidierten King James Bibel zu finden sind, wie George MacDonald sie in seiner Predigt zitiert.
[30] Römer 8, 14
[31] Römer 8, 9
[32] Johannes 14, 17 / Johannes 15, 26 / Johannes 16, 13 / 1. Johannes 4, 6
[33] Der Schreiber des zweiten Petrus-Briefes nimmt in Kapitel 3, 15 – 16 Bezug auf die schwer zu verstehenden Briefe des Paulus: „…wie auch unser lieber Bruder Paulus nach der Weisheit, die ihm gegeben ist, euch geschrieben hat, wie er auch in allen Briefen davon redet, in welchen sind etliche Dinge schwer zu verstehen, welche die Ungelehrigen und Leichtfertigen verdrehen, wie auch die anderen Schriften…“
[34] Römer 8, 18 – 25: „Denn ich halte es dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden. Denn das ängstliche Harren der Kreatur [Schöpfung] wartet auf die Offenbarung der Kinder [Söhne] Gottes. Sintemal die Kreatur [Schöpfung] unterworfen ist der Eitelkeit [Vergänglichkeit] ohne ihren Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung. Denn auch die Kreatur [Schöpfung] wird frei werden von dem Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder [Söhne] Gottes. Denn wir wissen, dass alle Kreatur [Schöpfung] sehnt sich mit uns und ängstet sich noch immerdar. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft [Sohnschaft, Adoption – uiothesia – υἱοθεσία] und warten auf unsers Leibes Erlösung. Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man sieht? So wir aber des hoffen, so warten wir sein durch Geduld.“
[35] Siehe das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukasevangelium, auf das MacDonald hier und weiter unten Bezug nimmt. Der zurückgekehrte Sohn wird wieder in den Stand eines Sohnes und Erben eingesetzt, symbolisch durch Festgewand und Ring ausgedrückt.
[36] Römer 7, 24
[37] 1. Korinther 15, 53
[38] Philipper 3, 21: „…welcher unsern nichtigen Leib verklären wird, daß er ähnlich werde seinem verklärten Leibe nach der Wirkung, mit der er kann auch alle Dinge sich untertänig machen.“
[39] 1. Johannes 3, 2
[40] Philipper 2, 12
[41] Abermals Anspielung auf das Gleichnis des verlorenen Sohns.
[42] Jesaja 55, 12
[43] Jesaja 11, 6
[44] Matthäus 5, 6
[45] Johannes 10, 11 – Überleitung zur nächsten Predigt
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