Nähe und der Nächste

Nähe und der Nächste

 

Buchbesprechung zu:

„Agathe“

Roman von: Anne Cathrine Bomann

Aus dem Dänischen von Franziska Hüther

Hanserblau, 2019, 155 Seiten

Ich mag die kleinen Bücher für zwischendurch. Die leisen Geschichten mit dem Lächeln und der Melancholie, den sanften Tönen und dem Summen des Lebens im Hintergrund. Ein solches Buch ist „Agathe“ von Anne Catherine Bomann.

Ein 72jähriger Psychiater steht kurz vor der geplanten Auflösung seiner Pariser Praxis. Nach tausenden Gesprächen mit hunderten Patienten hat er sich seinen Ruhestand verdient. Nur, was anfangen mit der restlichen Lebenszeit, die vielleicht nur noch kurz ist, glaubt man den altersmüden, schmerzenden Knien? Und gibt es ein Leben für ihn, der sich über Jahre eigentlich nur im Leben anderer aufgehalten hat, indem er ihnen zuhörte? Und haben diese Gespräche überhaupt je etwas bedeutet, etwas bewirkt? Glaubt er sich selbst noch?

Der Auslöser dieser Ängste und Selbstzweifel liegt nicht etwa in der Ermüdung durch den Beruf. Er liegt in einem winzigen, scheinbar unbedeutenden Ereignis. Ein kleines Mädchen spielt vor seinem Fenster, fällt und weint. Sein erster, empathischer Impuls ist, hinauszugehen und sie zu trösten. Er tut es nicht. Und so wird sein Leben zu einer Aneinanderreihung der Vermeidung. Er kümmert sich jeden Tag um seine Patienten, aber er kümmert sich nicht wirklich um Menschen. Zwischen ihm und seiner geschätzten Sekretärin gibt es außer Terminabsprachen und dem alltäglichen Grüßen keinen persönlichen Austausch. Von seinem Nachbarn kennt er nur das leise Klavierspiel hinter der Wand, nicht aber dessen Gesicht.

Dann kommt Agathe, die sich nicht abwimmeln lässt, obwohl er ihr unmissverständlich klar macht, dass er nur noch ein knappes halbes Jahr praktizieren wird und ihr in dieser kurzen Zeit nicht wird helfen können. Die junge Frau leidet unter manischen Ausbrüchen und depressiven Zuständen. Die Einweisung in eine Klinik hat zwar vorerst einen weiteren Suizidversuch unterbunden, aber keine dauerhafte Hilfe gebracht. Sie kommt zu ihm, weil sie wieder keinen Anlass zum Weiterleben hat.

Der Psychiater ist aus unerfindlichen Gründen sehr von ihrer Person angetan. Es geschieht hier nicht die übliche Form der Übertragung, dass die Patientin in ihrem behandelnden Arzt etwas sieht, sondern eine Gegenübertragung. Plötzlich sind die Gespräche mit ihr für den Arzt selbst eine Hilfe. Er fühlt seine Ängste verstanden, fühlt sich ihr verbunden.

Über diese Begegnung bricht seine eigene Seele plötzlich auf. Er setzt sich dem Leiden des sterbenden Mannes seiner Sekretärin aus, überwindet seine Unfähigkeit, mit der Trauer und dem Verlust anderer zurechtzukommen. Und plötzlich wird es möglich, dass er seinem Nachbarn einen Apfelkuchen vorbeibringt. Der Ruhestand ist aufgehoben, denn der Kreis hat sich geschlossen und die distanzierten Gespräche mit seinen Patienten passen wieder auf seine eigene Fähigkeit zu Empathie und Nähe.

Das Buch ist eine wunderschöne, kleine Geschichte über das sich Einlassen auf Andere. Das Zulassen von Begegnung und Nähe, worin der einzelne Mensch erst sich selbst erkennt und so etwas wie Sinnhaftigkeit überhaupt greifen kann. Es geht nicht ohne die anderen. Es geht nicht ohne den Nächsten. Und es ist schön, sich auf dieses Wagnis einzulassen, auch wenn vergangene Begegnungen ernüchternd (im Fall des Psychiaters) oder zerstörerisch (im Fall der missbrauchten Agathe) waren. So liegt der gesunde Weg der eigenen Seele zwischen der Selbstannahme und der Begegnung mit den Anderen. Erst wenn das Innere ein Stück aufbricht, kommt Sinn hinein.

So weit, so schlicht. Und ein kleines bisschen weise. Um die Authentizität der Geschichte zwischen Psychiater und Patient braucht sich der Leser / die Leserin keine Gedanken machen. Die Autorin ist selbst Psychologin und hat in Paris gelebt. Das macht die ganze Geschichte nicht nur berührend, sondern glaubhaft und transparent. Ein kleiner Schatz, den man mühelos an einem ruhigen Abend entdecken kann. Vielleicht lässt man sich nicht nur auf dieses Buch, sondern auch mal wieder auf einen anderen Menschen ein. Es kann viel Heilsames in Gegenwärtigkeit und Apfelkuchen liegen.