Der Anwalt mit dem Monokel
Buchbesprechung zu:
„Ich beantrage Freispruch“.
Die Erinnerungen des berühmten Berliner Strafverteidigers Dr. Dr. Erich Frey
Neuauflage im Elsengoldverlag 2019 – nach der Ausgabe von 1960 aus dem Blüchert Verlag / 479 Seiten
Es muss ein fantastisches Schauspiel abgegeben haben, wenn der Doppeldoktor (Recht und Philosophie) sein blitzendes Monokel ins rechte Auge drückte, sich erhob und in militärisch aufrechter Haltung seine verbalen Streiche gegen Staatsanwalt, Anklage und Richter austeilte. Eitel war er ohne Frage. Von seinem Können überzeugt. Von sich selbst überzeugt. Aber man muss sich selbst schon ein bisschen geil finden, wenn man im Gerichtssaal steht und all die leichten Mädchen und schweren Jungs der Berliner Unterwelt der 20er Jahre selbstbewusst und erfolgreich verteidigt. Und vergessen wir nicht, dass es für seine Mandanten oft tatsächlich um Kopf und Kragen ging – denn auf Mord und Raubmord stand immer noch die Todesstrafe.
Auch wenn es heute keine Todesstrafe mehr gibt und niemand für sein ganzes Leben fortgesperrt wird, scheint es wieder nötig zu sein, an ein Grundprinzip der Justiz unseres Rechtsstaates zu erinnern, für das diese Erinnerungen des Strafverteidigers Frey ein eindrückliches Plädoyer sind. Jeder Staatsbürger hat das Recht auf einen Verteidiger vor Gericht, wenn er oder sie einer Straftat bezichtigt wird und Anklage erhoben ist. Und mag der Halunke oder die Halunkin noch so unsympathisch erscheinen und ein noch so langes Register an Vorstrafen aufweisen: bis zum Richterspruch gilt das Individuum als gänzlich unschuldig und die Schuld muss eindeutig nachgewiesen werden. Selbst wenn alle Welt genau wüsste, dass einer schuldig ist – kann es nicht bewiesen werden, muss der Mensch frei ausgehen. Das ist der Schutz des Einzelnen vor der Willkür einer Staatsmacht, die ihn zu disziplinieren sucht. Ohne diesen Schutz ist Tor und Tür geöffnet, dass jeder Mensch aus Lust und Laune heraus für jedes Verbrechen verurteilt werden könnte, wenn es Einzelnen so gefällt.
Damals wie heute gibt es die Schreihälse unter uns, die danach verlangen, dass Mörder und Vergewaltiger gefälligst sofort beseitigt werden sollen. Wozu eine Verteidigung dieser niederen Wesen? Wozu der Hokuspokus vor Gericht? Ja, wozu? Einfach weil ein Mensch immer ein Mensch bleibt, ganz gleich, was er oder sie getan hat. Das tut Hinterbliebenen und Angehörigen, Geschädigten und Opfern von Gewaltverbrechen sehr weh, das verletzt das individuelle Bedürfnis nach Rache und Vergeltung. Aber es garantiert das geordnete, friedliche Zusammenleben einer Gesellschaft. Wäre jeder der Richter und Henker seines Nächsten, würden wir längst im Blut ersaufen. Und das ist nach 1933 ja auch geschehen. Der Jude war schuldig und musste ausradiert werden. Da gab es nur die Henker und keine Verteidiger mehr. Ja, der ganze Berufsstand der Strafverteidigung stand unter Verdacht – denn wie kann es sein, dass es sich jemand zu seiner Berufs- und Menschenehre macht, „kriminelle Elemente im Volkskörper“ zu verteidigen, die doch beseitigt gehören? Und so musste auch Dr. Dr. Erich Frey, der dazu noch aus jüdischem Elternhause stammte, nach der Machtergreifung der Nazis fliehen. Er war klug genug, es rechtzeitig zu tun, den Ungeist dieser Menschen richtig zu deuten.
Nun sitzt dieser stolze, das Leben und den Genuss des Lebens liebende Mann in Santiago de Chile und blickt auf das zurück, was er am meisten liebte und was ihm nun bis zum Ende seines Lebens verwehrt bleibt: der Auftritt vor Gericht, das Herausfinden von Schuld und Unschuld seiner Mandanten und ihre Verteidigung. Dieser Mann, der über dem berühmten Café Josty ein Büro hatte und nach dem im Kempinski, wo er mit Vorliebe speiste, ein Gericht auf der Karte benannt wurde. Dieser Mann, der das Theater, das Schauspiel, das Varieté so liebte und genoss. Dieser Mann, der für seine beiden Frauen und für seine Konkurrenten sicher nicht einfach zu handhaben war. Dieser Mann, der mit Leidenschaft nach irgendeiner guten Faser im Wesen selbst des schlimmsten Massenmörders suchte. Dieser aufrechte Demokrat schreibt wie viele im Exil über das, was er geliebt und verloren hat.
Über seine Biografie und seine Herkunft erfahren wir fast nichts. Er ist in Breslau geboren und hat an verschiedenen Universitäten studiert, nach anfänglichen Schwierigkeiten dann Recht und Philosophie mit der Doktorwürde gemeistert. Als Mann, der mehr nach dem Reiz des Lebens schaut und weniger nach der Sicherheit, gründet er eine Kanzlei und lässt sich nicht im Staatsdienst nieder. Der Erfolg gibt ihm Recht. Nach dem ersten Weltkrieg, den auch er wie viele andere im Kampf erleben musste, kehrt er zurück nach Berlin. Die Schrecken des Krieges und der am Boden liegenden Wirtschaft, die Herrlichkeit der kurzen Episode der goldenen Zwanziger und die wiederkehrende Krise vor der Machtergreifung der Nazis bringen im übervollen Berlin nicht nur der Kultur und Lebensart Aufschwung. Auch die Kriminalität erfährt ein neues Hoch. Verbrechen aus Elend und Armut oder weil überbordender Reichtum dazu verlockt, die Finger nach ihm auszustrecken. Ganoventum, das sich in Ringvereinen mit eigenem Ehrenkodex organisiert. In Not geratene Damen und leichte Mädchen. Vom Krieg traumatisierte und zerstörte Männerseelen, die mit den Grausamkeiten des Tötens nicht aufhören können, denen es zu Sucht und Erleichterung geworden ist, das Leben aus einem anderen Menschen zu löschen. Das ist die Welt, in der Dr. Frey sich wie selbstverständlich bewegt.
Dabei lernen wir aus seinen Schilderungen nicht nur die Berliner Unterwelt kennen, sondern atmen die Luft Berlins, erahnen die Großartigkeit der jungen Demokratie der Weimarer Republik und ihre Fragilität. Wir lernen den Zweizentner-Gennat, den berühmten Kriminalisten und Chef der Mordinspektion in Berlin kennen. Vor seiner Genialität und Unbestechlichkeit hat auch Dr. Frey den größten Respekt. Moderne Verfahren in der Mord-Ermittlung nehmen hier ihren Anfang. Wir erhalten Einblick in Verhörmethoden, die Spurensicherung und Beweisaufnahme.
Auch das Verhältnis zwischen Männern und Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts spiegelt sich in den Schilderungen der Fälle wider. Wenn auch schon Ansätze von Gleichberechtigung da sind, denen Frey indirekt zustimmt, so ist seine innere Haltung den Hilfe suchenden Frauen gegenüber stets geprägt von dem Bedürfnis, ihren Beschützer zu geben, sich väterlich um sie zu kümmern. Überhaupt hat Frey eine Schwäche für schöne Frauen und neigt bei ihnen noch sehr viel eher dazu, Mitleid zu empfinden, wenn sie sich selbst in eine unmögliche Lage gebracht haben. Angenehm ist, dass er höflich bleibt und nicht von oben herab schreibt.
Überhaupt lernen wir bei Frey einen Respekt vor Kollegen, Konkurrenten und Menschen im Allgemeinen kennen, der wünschenswert auch für heutige Zeiten ist.
Also haben wir ein Sittenbild des Berlins der 20er Jahre vor uns wie es Seinesgleichen sucht. Die Beschreibungen der einzelnen Fälle sind durchaus authentisch und um wahrheitsgemäße Widergabe bemüht, aber Dr. Frey ist auch einer, der, gerade weil er an den Menschen und ihren Geschichten interessiert ist, gerne Geschichten erzählt. Er schmückt hier und dort dezent aus, gibt gerne die Berliner Schnauze wieder, benutzt gekonnt Dialoge und rekonstruiert Tathergänge mit gewisser Farbigkeit, die nicht allein aus Anwaltsakten stammen kann. Er hat Spaß am Erzählen und darum macht es auch Freude, dieses Buch zu lesen.
Im Ganzen erinnern seine innere Haltung zu den hilfesuchenden Damen, sein Bemühen um Verständnis für die Motive der Täter und Täterinnen, seine logischen Rekonstruktionen und seine gekonnte Erzählweise an die Erzählungen von Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes. Dr. Frey ist in Pflicht- und Ehrgefühl ein Mann des 19. Jahrhunderts, in politischer Haltung ein moderner Demokrat des 20. Jahrhunderts, in seinen Erinnerungen authentisch und farbig zugleich.
Wer etwas über die Atmosphäre und Lebenswelt der Weimarer Republik lernen und Einblicke in die jüngere Geschichte von Kriminalistik und Justiz haben möchte, ohne tödlich gelangweilt oder verwirrt zu werden, der ist bei Dr. Frey an der richtigen Adresse, zumal er in seinen Fallerinnerungen nicht chronologisch vorgeht, sondern eher kategorisch. Im ersten Teil steigt er, den Leser geschickt fesselnd, mit der Schilderung der Fälle Friedrich Schumann, Carl Grossmann und Fritz Haarmann ein – was könnte spektakulärer sein als die Begegnung mit diesen Massenmördern (damals kannte man das Wort Serienmörder noch nicht)? Frey sucht das Menschliche hinter den grauenhaften Taten, um diese Männer verteidigen zu können. Einzig bei Haarmann gelingt es ihm nicht, er legt die Verteidigung nieder. Im zweiten Abschnitt schildert er die Fälle um in Not geratene Frauen, manchmal unschuldig, manchmal bezaubernde Hochstaplerinnen und charmante Diebinnen. Im dritten Abschnitt dann wendet Frey sich den Ganoven und Gaunern zu. Es geht um Diebstahl, Raubmord, organisiertes Verbrechertum. Danach erfolgen über mehr als 100 Seiten die Schilderung der berühmten Steglitzer Schülertragödie und die Verteidigung des Paul Krantz. Es ist DER Fall in Freys Karriere, der ihn wohl am nachhaltigsten berühmt gemacht hat. Die Verlorenheit der Jugend hat damals ganz Deutschland bewegt. Die dunkle Mischung aus Suizidgedanken, finsteren Versen und erwachender Sexualität hat viele aufgestört. Frey, der nie selbst Kinder hatte, schildert sein Verhältnis zu Krantz als Vater-Sohn-Beziehung. Auch Krantz muss später ins Exil. Die beiden bleiben miteinander verbunden. Im vorletzten Abschnitt Beschreibt Frey noch zwei Fälle um Mörder, deren Morde zuletzt gar nicht als Morde gewertet werden können. Die juristischen und kriminalistischen Vorgänge und Schlussfolgerungen sind faszinierend zu lesen. Der letzte Fall betrifft Lübecker Ärzte, die mit einem verunreinigten Impfmittel gegen Tuberkulose das Sterben von über 80 Säuglingen verursacht haben. Dieser Fall rührt tief an Emotionen und Frey ist dieses Mal auf Seite der Anklage der Eltern gegen die Ärzteschaft, doch auch hier gelingt ihm ein hoher Grad an Objektivität.
Nein, Dr. Frey war sicher kein engelhaftes Wesen wie er scharf und angriffslustig und ein bisschen eitel im Gericht stand. Aber er war ein aufrichtiger, leidenschaftlicher Verteidiger, ein Menschenfreund. Sein Buch ist ein beredtes Zeugnis für Rechtsstaatlichkeit, eine ausgewogene Justiz und Empathie. Es ist ein fantastisches Zeitzeugen-Dokument für das Berlin der 20er Jahre und die Zeit der Weimarer Republik. Neben dem ebenso genialen Buch von Konrad Heiden über den allmählichen Aufstieg Hitlers empfinde ich die Lektüre von Freys Erinnerungen als wesentlich für das Verständnis der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, wo das trockene Studieren von Daten und Ereignisabfolgen weniger hilft.


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