Im Schatten der Verheißung
Buchbesprechung zu:
Lenten Lands. My Childhood with Joy Davidman and C. S. Lewis
von Douglas Gresham
zuerst veröffentlicht 1988, diese Ausgabe: 2003, HarperCollins, New York, 228 Seiten
Und wieder ist es schade, dass ein Buch von Douglas Gresham deutschen Verehrern von C. S. Lewis, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, verschlossen bleibt. Auch wenn die Erinnerungen von Gresham, dem späten Stiefsohn des berühmten Oxford-Professors, natürlich sehr persönlich gefärbt sind, tragen sie doch einen erheblichen Teil zum Verständnis der Persönlichkeit und des Schaffens dieses außergewöhnlichen Schriftstellers, Apologeten und Professors bei. Überhaupt ist es empfehlenswert, sowohl objektiv recherchierte Fakten, als auch emotional gefärbte Berichte zu lesen, um ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen.
Lenten Lands bedeutet recht wörtlich übersetzt „Land der Fastenzeit“. Lent (im Deutschen erinnert noch unser veraltetes Wort Lenz für den Frühling daran) beinhaltet aber viel mehr als die Bedeutung des Fastens. Lent ist wie der Advent eine Zeit der Vorbereitung auf Größeres, eine schattenhaft wirkende Phase vor der eigentlichen Herrlichkeit. So bereitet der Advent auf die Ankunft des Babys Jesus vor – Gott wird Mensch, wird Fleisch, einer von uns. Er macht sich klein und offenbart darin seine eigentliche Herrlichkeit und Liebe. So bereitet Lent, die Zeit vor Ostern, auf die Verherrlichung Jesu durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung vor. Hier wird die Liebe Gottes in der völligen Hingabe des Lebens Jesu noch deutlicher als am Ende der Adventszeit. So deutet der Titel des Buches an, was es für Joy Davidman und C. S. Lewis hieß, gemeinsam zu leben. Es war eine Zeit der Freude und Verheißung, aber auch eine Zeit des Leidens und Verlustes. Eine Zeit der Vorbereitung auf dieser Erde für die Herrlichkeit, die hinter dem Vorhang des Sterbens wartet. Das christliche Lieben und Hoffen sichtbar im Leben dieser beiden Menschen. So beschreibt es ihr Sohn / Stiefsohn Douglas Gresham.
Douglas ist nicht der einzige Stiefsohn, aber der jüngere von zwei Brüdern, die mit ihrer Mutter 1953 den Ozean von den USA nach England überquerten, um ein neues Leben zu beginnen. David Gresham, der ältere Bruder, wird im Buch nur sehr selten erwähnt. Douglas äußert sich sehr spärlich zu seinem eigenen Bruder, erwähnt ihn nur für den nötigen Zusammenhang und schreibt nichts zu seinem persönlichen Verhältnis zu ihm. Es ist die große Leerstelle in diesem Buch. Es gibt einige Stimmen, die behaupten, dass beide Brüder ein zerrüttetes Verhältnis haben. Von allem her, was ich jedoch über Douglas Gresham gelesen und gehört habe und was seine biografische Prägung durch C. S. Lewis als Vorbild betrifft, habe ich persönlich eine andere Vermutung. David Gresham ist der ältere Bruder und war demzufolge eher selbständig. Douglas war in der dunklen Zeit der Krebserkrankung seiner Mutter noch sehr viel mehr auf elterliche Zuwendung angewiesen und beim Tod von C. S. Lewis (1963, knapp drei Jahre nach dem Tod von Joy Davidman) gerade einmal 18 Jahre alt. Emotional haben ihn diese Ereignisse vielleicht stärker mitgenommen, während sein Bruder schon in der Welt war. Sehr wahrscheinlich ist es auch der persönliche Wunsch David Greshams gewesen, von den Beschreibungen seines jüngeren Bruders ausgenommen zu werden. Während David sich wieder seinen jüdischen Wurzeln zugewandt hat, folgt Douglas dem christlichen Lebensentwurf und Vorbild seines Stiefvaters Lewis. Wir müssen diese seltsame Leerstelle einfach aushalten. Dafür sind die Schilderungen in Lenten Lands authentischer als vieles andere, was man über den Mann Lewis und seine viel kritisierte Beziehung zu Joy Davidman zu lesen bekommt. Vielleicht ist Douglas als Sohn von Joy parteiisch, das kann sein, aber in all seinen Abwägungen macht er es sich nicht zu leicht.
Er beschreibt zunächst seine Kindheit in den USA, die innige Beziehung zu seiner Mutter, deren Humor und scharfe Intelligenz er nur langsam begreift, das distanzierte und schwierige Verhältnis zu seinem Vater, die ehelichen Probleme und Gründe für die Trennung. Sie sind tatsächlich unabhängig von Joy Davidmans erstem Besuch 1951 in England, um C. S. Lewis, mit dem sie in regem Briefkontakt stand, einmal persönlich kennenzulernen. Sicherlich hat diese Abwesenheit auch dazu beigetragen, es dem zurückgelassenen Ehemann einfacher zu machen, sich in eine Affäre einzulassen. Und ganz sicher hatte Joy nach dem Ende ihrer Ehe und mit dem Entschluss, in England zu leben, auch im Sinn, ihre begonnene Freundschaft zu Mr. Lewis noch zu verstärken. Doch keineswegs ist sie die große Verführerin als die sie manche gerne sehen wollen. Auch wenn im persönlichen Umfeld viele nicht verstanden haben, weshalb Lewis sich letztlich dazu entschied, diese Frau zu heiraten, hat es ihn selbst nicht unglücklicher gemacht. Wer in seiner Nähe blieb, konnte ihn und Joy aneinander aufblühen sehen. Letztlich steht niemandem ein endgültiges Urteil über die beiden zu.
Wo große Zuneigung und Liebe ist, da wohnt oft auch großes Leiden, denn ein liebendes Herz macht sich verletzlich für Verlust. Joys Erkrankung an Knochenkrebs, ihr drohender Tod, ihre wundersame kurzfristige Genesung, erneute Erkrankung und ihr Sterben brachten C. S. Lewis zugleich die schlimmsten und schönsten Erfahrungen des Zwischenmenschlichen. In anrührender Weise beschreibt Douglas, wie die beiden ihre kurze Zweisamkeit miteinander verbrachten, wie eng verbunden sie auch im Geist waren. Wir erleben mit ihm, wie es war auf dem Anwesen „The Kilns“ zu leben, das Lewis sich mit seinem Bruder Warnie teilte. Douglas hat auch sehr warmherzige Worte für C. S. Lewis älteren Bruder übrig und den Gärtner Paxford. Er beschreibt all die Männer, denen er so verbunden war, auf eine Weise, dass man sie alle mögen muss. In den vielen kleinen Anekdoten und wirklich gekonnten Beschreibungen wird für den Leser eine Vergangenheit lebendig, die er oder sie selbst gar nicht gesehen hat – und doch kommt es einem zuweilen so vor, als würde man bei Warnie in seinem Junggesellenzimmer sitzen oder bei Joy und Jack (C. S. Lewis Name bei seinen Freunden) im Garten oder bei Douglas selbst, wenn er mit dem Boot über den kleinen See des Anwesens rudert.
Das Leben und Sterben der beiden englischen Gentleman Warnie und Jack wird in all seiner bewundernswerten Größe und innewohnenden Tragik greifbar. Douglas bleibt stets respektvoll, auch wenn er über die menschlichen Schwächen der beiden schreibt. Besonders das Alkoholproblem Warnies, das lange Jahre ein gut gehütetes Familiengeheimnis war, bis es allzu offensichtlich wurde, wird hier mit viel Feingefühl und Einsicht behandelt. Wir lernen die Brüder und Joy nicht als anbetungswürdige Übermenschen kennen und sie werden auch nicht unwürdig seziert. Sie bleiben liebenswert in der Erinnerung eines dankbaren, reifen Mannes, der auf seine Kindheit zurückblickt und feststellt, wieviel er von sich selbst diesen Persönlichkeiten schuldet, die ihn tief beeindruckt und geprägt haben. Sie sind vor allem auch Menschen, die ihren christlichen Glauben aufrichtig zu leben suchten. Gerade durch ihre menschlichen Fehler wird dieser gelebte Glaube authentisch und vorbildhaft.
Douglas beschreibt auch in aller Kürze seine eigene Biografie, sein Coming-of-Age und seine wunderbare Liebesgeschichte mit seiner Frau Merrie, die sicher nicht ohne Herausforderungen war, aber der eine Liebe zugrunde liegt, zu der Douglas ganz sicher auch durch das Vorbild seiner Mutter und seines Stiefvaters befähigt wurde.
Das Buch ist wundervoll zu lesen, ein Genuss in seinen lebendigen Beschreibungen und ein mutmachendes Zeugnis für die Wichtigkeit praktischer, gelebter Liebe und Fürsorge, der Kern aller Christlichkeit.


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