Inferno, Nichts und Alles

Inferno, Nichts und Alles

 

Buchbesprechung zu:

„Her Gates will never be shut. Hope, Hell, and the New Jerusalem“

(Ihre Tore werden nie geschlossen sein. Hoffnung, Hölle und das Neue Jerusalem)

Von Bradley Jersak

 

Wipf & Stock, 2009, Taschenbuch, 220 Seiten

 

Für die meisten Menschen hat der Gedanke an die sogenannten „letzten Dinge“ – Sterben, Tod, Jenseits, das mögliche Ende der Welt – im Alltäglichen eine geringe oder gar keine Bedeutung. Doch für einen gläubigen Christen ist die Frage nach dem eigenen Ende und dem Ende der anderen ein zentraler Bestandteil seines Glaubens und Hoffens. Und wie auch immer der jeweilige Standpunkt zu dieser Thematik ausfällt, so wird er entsprechende Auswirkungen auf das höchstpersönliche Glaubensleben und den Umgang mit anderen Menschen haben. Darum ist das vorliegende Buch wohl vor allem für zwei Personengruppen hilfreich:

– allgemein an der Auslegung rätselhafter und bedrohlich wirkender Bibelstellen über göttliches Gericht, Verurteilung und unauslöschliches Feuer Interessierter

– und Gläubige mit „ultrakonservativem“ Hintergrund (alle Denominationen betreffend), die erhebliche Zweifel an einem Bild von Gott haben, das die ewig andauernde Bestrafung ungläubiger Menschen in einer wortwörtlichen Hölle aus Feuer und Schwefel verlangt

Es mag überraschend sein, doch gerade unter evangelikalen Gläubigen, die vor allem in den USA einen Großteil der Christenheit ausmachen (Der Autor Bradley Jersak ist Teil dieser Christenheit), sind solche Überzeugungen weit verbreitet und auch in anderen Teilen der Welt mehr oder weniger häufig zu finden. Während die Hölle für katholische Gläubige mittlerweile eher als Bild und Mahnung, wenn überhaupt, in ihrem persönlichen Glaubensleben eine Rolle spielt und auch die katholische Theologie sich in den letzten Jahren immer weiter von diesem Bild distanziert hat und die Betonung mehr auf Hoffnung und das Vertrauen in die Liebe Gottes legt (Bradley Jersak zitiert vor allem Ratzinger und Hans Urs von Balthasar), tut sich die Welt der Freikirchen sehr schwer damit, diese Traditionen bewusst anzusehen und zu hinterfragen. Geistliche wie Jersak sind in den letzten Jahren Teil einer Bewegung innerhalb der evangelikalen Strömungen, die sich mit diesen Themen ernsthaft und kritisch auseinandersetzt.

Was bewirkt denn nun der Glaube an einen Gott, der diejenigen, die ihn ablehnen oder die sich ihm nicht unterordnen, nach ihrem Ableben in ein Feuer schickt, das sie für alle Ewigkeiten quälen wird? Solch ein Gott ist ganz klar kein Gott der reinen Liebe. Er ist nicht Hirte, nicht Lamm, nicht gnadenreicher König. Solch ein Gott ist willkürlich strafender Diktator. Das muss man ganz klar sagen. So empfindet es auch die Mehrheit der Gläubigen, wenn man sie direkt danach fragt (laut Bradley Jersak). Hölle und Bestrafung spielen für Viele in ihrem persönlichen Glaubensleben und in der Überzeugung, dass Gott alle Menschen liebt und ihr Bestes will, kaum eine Rolle. Doch es gibt eine unterschwellige Angst und ein Zögern, sich mit diesen Traditionen tatsächlich zu beschäftigen und vor allem mit den Bibelstellen, aus denen man solche Dinge durchaus herauslesen kann.

Bradley Jersak nun nimmt sich dieser Bibelstellen an und beleuchtet sie. Dabei fällt er kein vorschnelles Urteil für irgendeine Seite. Was er hier tut, ist schlicht und ergreifend Arbeit direkt am Text. Mögliche Übersetzungen werden angegeben, historische Hintergründe für einzelne Begriffe, die wir traditionell immer noch mit „Hölle“ in modernden Bibeln übersetzt finden – zum Beispiel das durchaus sehr geografisch gemeinte Tal bei Jerusalem „Gehenna“, das seit Jeremia für die Israeliten Sinnbild des vor allem irdischen Gerichtes Gottes ist – wie auch die Bedeutung der Worte Sheol und Hades für das Reich der Toten und den Tod allgemein.

Darüber hinaus finden wir die unterschiedlichen Stimmen der frühen Kirchenväter, von Origenes bis hin zu Augustinus, wie sie das Schicksal der Christusgläubigen und der nicht an Christus Gläubigen auf Grundlage der biblischen Texte beurteilten. Prophetische Traditionen des Alten Testamentes, die in Jesu Worten anklingen, werden erklärt. Das Verständnis für apokalyptische Texte wird geschärft, indem neben ihrer überzeitlichen und überweltlichen Formulierung auch ihre Aktualität für die Zeit, in der sie formuliert wurden, herausgearbeitet wird. Vieles, was in den Texten über eine „Endzeit“ geäußert wird, hat sich durchaus grauenhaft genug im Jahr 70 bei der endgültigen Eroberung Jerusalems durch die Römer erfüllt – und für die frühen Christen später unter römischer Herrschaft in Verfolgung und Martyrium, weshalb es wünschenswert ist, gerade diese Texte wieder neu als Trost und Ermutigung gerade für verfolgte Geschwister weltweit zu lesen.

Im Ganzen gibt es drei mögliche Positionen, die man zu den fraglichen Bibelstellen über göttliches Gericht (vor allem zu finden im Text des Matthäus-Evangeliums und in einigen Passagen der Offenbarung des Johannes) einnehmen kann. Ich fasse hier sehr simpel zusammen und übersetze die Fachbegriffe sehr direkt ins Deutsche.

 

  1. Die Position der Infernalisten – Infernalisten sind überzeugt davon, dass nach dem Tode die Bestrafung ungläubiger bzw. bösartiger Menschen ewig fortdauert, wie auch die Seligkeit der Gläubigen ewig fortdauert. Diese Ansicht gründet vorrangig auf der Formel des „unauslöschlichen Feuers“, von dem im biblischen Text tatsächlich die Rede ist. Das Feuer wird als gerechter Zorn Gottes gegen das Böse und die Sünde verstanden. Die Entscheidung in diesem Leben für oder gegen Gott bestimmt nach dem Tode das Schicksal des einzelnen Menschen. Christus ist dieser Ansicht nach vor allem gestorben, um zwischen dem zornigen Gott und dem sündigen Menschen zu vermitteln. Oft wird Jesus so als Opfer für oder an Gott verstanden. Im Grunde erfolgt hier eine für den christlichen Glauben schwierige Auftrennung zwischen Vater und Sohn, die sonst im Verständnis der Gläubigen eins sind. Dieses Weltbild ist stark dualistisch und hat sich erst im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet (!).

 

  1. Die Position der Annihilisten – Annihilisten begründen ihre Überzeugung häufig mit dem Vers aus der Offenbarung, in dem der Teufel, der Tod und die unbußfertigen Sünder in einen Feuersee geworfen werden und „den zweiten Tod“ sterben. Das bedeutet, sie nehmen aufgrund der Liebe Gottes an, dass er die Menschen, die ihn ablehnen, nicht ewig quälen und bestrafen möchte, aber der heilige Gott kann keine Sünde dulden und muss das Böse entfernen, damit es in der gottseligen Ewigkeit nicht existiert. Das Böse wird bestraft, indem es ausgelöscht wird und nicht mehr ist. Ebenso wird aber auch der unbußfertige Mensch aus dem Dasein gelöscht.

 

  1. Die Position der Universalisten – Damit ist keine Allversöhnung gemeint im Sinne davon, dass es völlig gleichgültig ist, wie ein Mensch auf dieser Erde gelebt hat [Bradley Jersak bevorzugt den Ausdruck „radical redemption“ – „radikale Erlösung“, um Missverständnissen vorzubeugen]. Universalisten glauben an die Möglichkeit, dass Gott die gesamte Schöpfung erlösen wird. Gott wird „Alles in Allem“ sein. Für sie ist das unauslöschliche Feuer das Feuer der Liebe Gottes, das für den stolzen, bösartigen Menschen natürlich schmerzhaft ist und als Gericht empfunden wird. Das Feuer hat hier jedoch keine ewig strafende Bedeutung, sondern eine reinigende. Das Feuer der Liebe Gottes löscht das Böse und Verkehrte in der Schöpfung aus. Für Menschen dieser Überzeugung zählt sowohl der Wille des einzelnen Menschen, als auch die unwiderstehliche und alles überwindende Liebe Gottes. Der Tod und das Böse haben letztlich gar keine Macht mehr, nicht einmal die, einen Menschen auszulöschen. Der Mensch soll erlöst werden, das Böse in ihm ausgelöscht werden. Diese Überzeugung, die das Wirken Gottes an den Seelen auch im Jenseits annimmt, darf jedoch nicht mit dem alten Bild vom „Fegefeuer“ gleichgesetzt werden.

 

Das sind grob vereinfacht die Positionen, die man zu den Textstellen einnehmen kann. Bradley Jersak ruft nun nicht dazu auf, eine dieser Positionen komplett zu verurteilen und eine andere als endgültige Wahrheit anzunehmen. Er tut etwas anderes. Er beschreibt sie, legt die Argumente für die jeweilige Ansicht dar und nennt sie „Möglichkeiten“. Es sind Möglichkeiten des Endes. Und so zieht er in seinem Buch die Fäden immer enger und in etwa diesen Schluss: die den biblischen Texten insgesamt am gerechtesten werdende Position ist die dritte. Es ist die Position, die mit den Bildern von Gericht und Feuer, der Freiheit des Willens und der Liebe Gottes am ehesten zu vereinbaren ist. Aber die biblischen Texte geben niemandem das Recht, ein komplett fertiges System zu bauen. Sie öffnen Möglichkeiten und Ahnungen, sie zeichnen Bilder, sind als Mahnung und Warnung und als Ermutigung gedacht. Man darf in einen Text nicht mehr hineinlesen, als dort steht. Weder ist die Rede davon, dass alle Menschen ungeschoren davonkommen, noch ist die Rede davon, dass eine buchstäbliche Hölle frei nach Dante eingerichtet wird.

Im letzten Teil des Buches wendet Jersak sich den letzten beiden Kapiteln der Offenbarung des Johannes zu. Nach einer sehr kurzen Einführung in die Beschaffenheit und Bedeutung des Buches, bezieht er sich auf das letzte Bild vom Himmlischen Jerusalem. Im Text heißt es, dass die Tore der Stadt offen sind. Es gibt diejenigen, die in der Stadt sind, das heißt in der Ewigkeit bei Gott. Es gibt aber auch diejenigen außerhalb der Mauern, wie von Jesus selbst beschrieben also diejenigen, die draußen in der Finsternis sind. Doch die Tore der Stadt sind offen, sie laden die dort draußen immer noch ein. Es ist eine bestehen bleibende Einladung.

Trotz der nur 220 Seiten bietet das Buch eine beeindruckende Fülle an Informationen und Quellenmaterial. Meine Ausführungen sind nur eine Andeutung wesentlicher Punkte.

Eine Kleinigkeit sei jedoch noch erwähnt. Bradley Jersak führt für den protestantischen Teil der Christenheit die beiden Autoren George MacDonald und C. S. Lewis auf, die mit ihren spekulativen, fiktionalen Werken über das Schicksal der einzelnen Menschen im Jenseits eine ähnliche Tür geöffnet haben, wie sie uns Bradley Jersak hier anhand der Arbeit mit den biblischen Texten zu öffnen versucht. „Lilith“ von George MacDonald und „The Great Divorce“ von C. S. Lewis sind die entsprechenden Titel zu dieser Thematik. Interessant ist, dass Lewis in „The Great Divorce“, in seiner Vision vom Jenseits, George MacDonald auftreten lässt und Lewis literarisches Alter Ego, das diese Jenseitsreise erlebt, mit MacDonald einen Dialog führt. Darin geht es auch um die „universalistisch“ wirkende Position in den Werken MacDonalds. Wer sich auf die Suche nach den Möglichkeiten des Endes begeben möchte, dem seien diese beiden Werke sehr empfohlen.

Über die Beschäftigung mit diesen Möglichkeiten kommt man vor allem zu der Ahnung von Größe. Der Größe der Schöpfung, die uns umgibt und ebenso wie der einzelne Mensch nach Erlösung und Befreiung vom Leiden verlangt. Der Größe einer Hoffnung auf eine Liebe, die diese Erlösung tatsächlich bewirken kann. Der Größe des Geheimnisses, dass sich diese Liebe am deutlichsten im sterbenden Christus am Kreuz offenbart hat, um uns eben diese Erlösung zu verschaffen, nach der wir verlangen und die ewig nur durch Liebe und unsere Annahme dieser Liebe für uns und andere bewirkt werden kann.