Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten II von George MacDonald – Kapitel 9: Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes

   „Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie ein Toter; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige;…“ Offenbarung 1, 17 – 18 a

   Es sind nicht allein die ersten Anfänge der Religion, die voll von Furcht sind. So lange wie die Liebe unvollkommen ist, ist da noch Raum für Pein. Nur die Kunde, welche das Herz erfüllt – und nichts als nur Liebe kann irgendein Herz erfüllen – ist in der Lage, die Furcht auszutreiben, keinen Raum für ihre Gegenwart lassend.[1] Was wir in den Anfängen der Religion finden, wird in unterschiedlichem Maße anhalten, bis die Religion, das heißt die Liebe, vervollkommnet ist.

   Das Ding, das unbekannt ist, von dem man jedoch weiß, dass es ist, wird immer mehr oder weniger beeindruckend sein. Wenn es als unermesslich größer als wir bekannt ist und dass es Forderungen hat und Ansprüche an uns stellt, je vager diese wahrgenommen werden, desto mehr Raum ist für Furchtsamkeit; und wenn das Gewissen nicht klar ist, mag diese Furchtsamkeit sich wohl zu Grauen steigern. Entsprechend der Natur des Geistes, welcher sich selbst mit der Idee des Höchsten befasst, ob als Schöpfer oder Herrscher, fallen die Art und der Grad des Grauens aus. Zu diesem Grauen gehören nicht notwendig erhabene Ideen von Gott; jene fürchten ihn am meisten, welche ihn sich am meisten wie ihr eigenes böses Selbst vorstellen, sie einzig an Macht übertreffend, einfach in der Lage, seinen willkürlichen Willen an ihnen zu wirken. Dass sie ihn nur für ein wenig höher als sich selbst halten, neigt keinesfalls zur Einheit mit ihm: wer ist so weit entfernt wie jene, welche auf derselben Ebene des Hasses und des Misstrauens sind? Macht ohne Liebe, Abhängigkeit wo keine Gerechtigkeit ist, erwecken eine Anbetung ohne Hingabe, eine Abneigung kriecherischer Schmeichelei. Noch wird, wo die Vorstellung von Gott besser ist, aber das Gewissen beunruhigt, seine Güte viel ausrichten, um Befürchtungen auszuschließen. Dasselbe Bewusstsein des Bösen und des Vergehens, welches den Anlass gab für blutige Opfergaben, ist immer noch am Wirken im Geist der Meisten, welche sich selbst Christen nennen. Natürlicherweise ist das erste Gefühl des Menschen gegen das Wesen, das er Gott nennt, doch von welchem er so wenig weiß, Furcht.

   Wo es möglich ist, dass Furcht existieren sollte, kann es gut sein, dass sie existieren sollte, fortdauerndes Unbehagen zu verursachen und durch nichts weniger als Liebe ausgetrieben zu werden. In ihm, welcher Gott nicht kennt und alles andere als zufrieden mit sich ist, ist die Furcht gegen Gott so vernünftig wie sie natürlich ist und dient machtvoll zur Entwicklung seines wahrhaftigen Menschseins. Weder der Wilde noch der selbst-genügsame Weise ist wahrhaft menschlich. Es spielt keine Rolle, ob wir den einen oder den anderen für degeneriert oder unterentwickelt halten – keiner, sage ich, ist Mensch; das Menschsein gibt es, doch es muss in jedem geboren werden, und zu dieser Geburt muss alles Natürliche seinen Teil beitragen; Furcht ist natürlich und hat einen Teil zu erfüllen, den nichts als sie erfüllen könnte in der Geburt des wahren Menschseins. Bis Liebe, welche die Wahrheit gegen Gott ist, in der Lage ist, die Furcht auszutreiben, ist es gut, dass die Furcht anhalte; es ist ein Bund, wie armselig auch immer, zwischen dem, welches ist und dem, welches erschafft – ein Bund, der gebrochen werden muss; doch ein Bund, der nur gebrochen werden kann durch das Festigen eines unendlich engeren Bundes. Wahrhaftig, Gott muss schrecklich für jene sein, die fern von ihm sind; denn sie fürchten, dass er tun wird, ja, er mit ihnen tut, was sie nicht wünschen, nicht wünschen können und schwer ertragen. Solcherart wie viele Menschen sind, solcherart wie alle ohne Gott werden würden, müssen sie, wegen seiner überlegenen Selbstsucht, einen Teufel einem Gott vorziehen, welcher für seine Geschöpfe sterben will und darauf besteht, ihnen sich selbst zu geben, darauf besteht, dass ihr Dasein selbstlos und selig ist wie er selbst. Das, was die Macht und Würde des Lebens ist, müssen sie sein oder sterben; und das vage Bewusstsein davon lässt sie sich fürchten. Sie lieben ihr elendes Dasein wie es ist; Gott liebt es wie es sein muss – und sie fürchten ihn.

   Diese falschen Annahmen von Menschen niedriger, unentwickelter Natur sowohl in Bezug auf das, was gut ist, als auch, was die Macht von ihnen verlangt, sind solcherart, dass sie nichts als nur fürchten können und Hingabe sich in Opfern der Anbiederung verliert: Gott nimmt sie, wo sie sind, akzeptiert, was auch immer sie ehrlich geben und hilft ihnen so, über sich selbst hinauszuwachsen, sie darauf vorbereitend, das wahre Opfer[2] zu geben und ihn zu kennen, welchen sie unwissend anbeten.[3] Er wird ihre Furcht nicht beseitigen außer durch die Wahrheit seines eigenen Wesens. Bis sie dies verstehen und damit sie dahin kommen, es zu verstehen, empfängt er ihre blutigen Opfergaben, die Erfindung ihres wunden Bedürfnisses, für diese Zeit nur die Ausführung dieser Opfer beeinflussend.[4] Er wird die Lüge, die nicht ganz Lüge ist, nur durch die Wahrheit, welche ganz Wahrheit ist, zerstören. Obwohl er sie bis zum Äußersten liebt, sagt er ihnen nicht, dass da nichts in ihm ist, ihnen Furcht zu bereiten. Dies würde bedeuten, sie für immer von sich zu treiben. Während sie so sind wie sie sind, ist da viel in ihm, was sie nichts als fürchten können; sie sollten, sie tun wohl daran, ihn zu fürchten. Es ist, während sie bleiben, was sie sind, die einzige wahrhaftige Beziehung zwischen ihnen. Diese Furcht aus ihren Herzen zu entfernen, außer indem er sie seine Liebe mit ihrem reinigenden Feuer kennen lässt, eine Liebe, welche sie für Zeitalter, das mag sein, nicht kennen können, würde bedeuten, sie völlig der Macht des Bösen anheim zu geben. Überzeugt Menschen, dass Furcht ein abscheuliches Ding ist, dass sie eine Beleidigung Gottes ist, dass er sie gar nicht will – während sie noch verliebt in ihren eigenen Willen sind und Sklaven eines jeden Augenblicks leidenschaftlichen Triebes, was wird die Konsequenz daraus sein? Dass sie Gott als einen abgelegten Götzen beleidigen werden, einen Aberglauben, eine Falschheit, als ein Ding, unter dessen bösem Einfluss sie zu lange geächzt haben, ein Ding, das ausgetrieben und auf das gespuckt wird. Wieviel werden sie danach von ihm lernen? Noch würde es lange dauern, ehe die alte Furcht zurückkehrte – mit dem Unterschied vielleicht, dass, anstatt vor einer lebendigen Kraft zu zittern, sie vor Mächten zittern würden, welche sie zuvor als unbelebt wahrgenommen haben und nun mit Seelen ausgestattet haben entsprechend der Vorstellung ihrer Ängste. Dann würde spirituelles Chaos mit all seinen Monstern wiederkehren. Gott, seiend was er ist, ein Gott, welcher Gerechtigkeit liebt; ein Gott, welcher eher, als eine ungerechte Sache zu tun, seine Gottheit niederlegen würde und sicherginge, nicht mehr zu sein; ein Gott, welcher, auf dass sein Geschöpf nicht an Unwissenheit zugrunde geht, so viel starb wie ein Gott sterben konnte, und das ist göttlich mehr als der Mensch sterben kann, um ihm sich selbst zu geben; solch ein Gott, sage ich, mag von Weitem sehr wohl furchterregend für das Geschöpf aussehen, welches in sich selbst kein unerlässlich Gutes erkennt; welches nur Leiden fürchtet und kein Aufstreben hat – nur elenden Ehrgeiz! Doch im Verhältnis wie solch ein Geschöpf näher kommt, zu ihm hin wächst, in dessen und für dessen Ebenbild es begonnen wurde; im Verhältnis, das heißt, wie das ewig Rechte anfängt, sich ihm selbst aufzuschließen; im Verhältnis wie er zu der Idee befähigt wird, dass seine Art zu ihm gehört wie er niemals zu sich selbst gehören könnte; die Fähigkeit erlangt, zu sehen und zu verstehen, dass seine Individualität nur vervollkommnet werden kann in der Liebe zum Nächsten, und dass sein Dasein sein Ziel nur in der Einheit mit der Quelle, von welcher es kam, finden kann; im Verhältnis, ich sage nicht wie es diese Dinge sehen kann, sondern wie es sich der Möglichkeit nähert, sie zu sehen, wird sein Schrecken vor dem Gott seines Lebens abnehmen; obwohl tatsächlich fern vom Erahnen der Wonne, die es erwartet, nähert es sich mehr dem Ziel seiner Natur, der zentralen, geheimen Freude der Sohnschaft zu einem Gott, welcher Gerechtigkeit liebt und Ungerechtigkeit hasst, nichts tut, was er in seinem Geschöpf nicht erlauben würde, nichts verlangt von seinem Geschöpf, was er nicht selbst tun würde.

   Das Feuer Gottes, welches sein zugrundeliegendes Wesen ist, seine Liebe, seine schöpferische Kraft, ist ein Feuer seinem irdischen Symbol darin unähnlich, dass es nur aus der Ferne brennt – dass, je weiter entfernt von ihm, es desto schlimmer brennt es und dass, wenn wir uns umwenden und anfangen uns ihm zu nähern, das Brennen sich wandelt zu Trost, welcher Trost sich auswachsen wird zu solcher Wonne, dass das Herz zuletzt mit einer Freudigkeit ausruft, die keine andere Freudigkeit erreichen kann, „Wen habe ich im Himmel als nur dich? Und da ist keiner auf Erden, den ich neben dir begehre!“[5] Die Herrlichkeit des Seins, das Wesen des Lebens und seiner Freude, auf das Verweste und Tödliche scheinend, muss notwendig, wie die Sonne, den Tod verzehren und die Verwesung zu Staub zerfallen lassen; das, was es in der Seele verbrennt, ist nicht von der Seele, ja, es ist völlig verschieden davon; und doch ist der Seele das faulige Pilzgeflecht so nahe, aus ihr entsprungen und von ihr sich nährend, dass das Verbrennen davon in jedem geistlichen Nerv gefühlt wird: wenn die bösartigen Parasiten verzehrt sind, das heißt, wenn der Mensch sein Selbst und die ganze niedrige Welt dieses Selbst sich ergeben wird und zu seinem Herrn und Gott zurückkehrt, dann wird er das, welches er zuvor nur als Brennen wahrgenommen hat, fühlen als Liebe, Trost, Stärke – ein ewiges, immer-sprießendes Leben in ihm. Denn jetzt lebt er und Leben kann nicht vom Leben verletzt werden; es kann nur den Tod verletzen, welcher nötig hat zerstört zu werden und zerstört werden muss. Gott ist wesenhaft Leben, ewig, und der Tod kann in seiner Gegenwart nicht leben; denn Tod ist Verwesung und hat keine Existenz in sich selbst, lebend nur im Zerfall der Dinge des Lebens. Wenn also irgendein Kind des Vaters findet, dass es Angst hat vor ihm, dass der Gedanke an Gott ein Unbehagen für es ist oder gar ein Schrecken, lasst es eilen – lasst es nicht verweilen, irgendein Gewand anzutun, sondern sofort in seiner Nacktheit losstürzen, ein wahrhaftiges Kind, zur Zuflucht vor seinem eigenen Bösen und Gottes Schrecken, in die Rettung der Arme des Vaters, das Heim, von welchem es ausgeschickt war, dass es lernen mochte, dass dies Heimat war. Welchen bösen Vater würde es nicht gewinnen, das Kind, über welches er verärgert war, in seine Umarmung laufen zu sehen? Wieviel mehr wird nicht der Vater unserer Geister, welcher nichts sucht als seine Kinder, es mit offenen Armen empfangen![6]

   Das Selbst, als das Gesetz des Selbst anerkannt, ist der eine dämonische Feind des Lebens; Gott ist der einzige Retter davon und von allem, was nicht Gott ist, denn Gott ist Leben und alles, was nicht Gott ist, ist Tod. Leben ist die Zerstörung des Todes, von allem, was tötet und von allem, was von der Art des Todes ist.

   Als Johannes die Herrlichkeit des Sohnes des Menschen sah, fiel er zu seinen Füßen wie ein Toter. In welcher Art Johannes ihn sah, ob in dem, was wir vage eine Vision nennen, oder in solch menschlicher Art, als wenn er sich zurücklehnte an seine Brust und ihm ins Gesicht sah,[7] kümmert mich jetzt nicht, zu fragen: es würde alle herrliche Gestalt des Menschlichen brauchen, um Jesus zu offenbaren und er kannte die rechte Art, sich selbst Johannes zu zeigen. Es scheint mir, dass solche Worte wie gesprochen wurden, nicht aus dem Mund einer bloßen Vision gekommen sein können, nicht in ein bloß verzücktes Ohr eingetreten sein können, dass eben der Mund des Herrn selbst sie sprach und dass kein anderer als nur der lebendig gegenwärtige Jesus sie gesprochen haben kann oder angenommen werden kann, dass er sie sprach; während Johannes sie deutlich empfing und sie als eine Botschaft empfand, die er weitergeben musste. Da sind auch, so befremdlich wie das Ganze uns vorkommen mag, verschiedene Punkte in seiner Beschreibung der Erscheinung des Herrn, welche sich durch ihre Erhabenheit und Eignung sogar unserer Unwissenheit selbst empfehlen. Warum also war Johannes überwältigt von Schrecken? Wir rufen uns die Tatsache ins Gedächtnis, dass etwas Ähnliches wie Schrecken die Geister der drei Jünger überwältigte, welche seine Herrlichkeit auf dem Berg sahen;[8] doch seitdem hatte Johannes an der Brust seines Herrn gelehnt, war ihm zur Gerichtsstätte gefolgt und hatte nicht seinen Namen verleugnet,[9] hatte Zeugnis für seine Auferstehung abgelegt und um seinetwillen gelitten – und war nun „auf der Insel, die da heißt Patmos, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi.“[10] Warum, sage ich, war er furchtsam, warum sollte er sich fürchten? Keine Herrlichkeit, selbst die Gottes, sollte Schrecken gebären; wenn ein Kind Gottes sich fürchtet, ist das ein Zeichen, dass das Wort Vater noch nicht frei geformt ist im geistlichen Munde des Kindes. Die Herrlichkeit kann Schrecken nur in dem gebären, welcher dazu in der Lage ist, durch sie geschreckt zu werden; während er solcherart ist, ist es gut, dass der Schrecken geboren und aufrechterhalten wird, bis der Mensch Zuflucht davor sucht am einzigen Ort, wo er nicht ist – am Busen der Herrlichkeit.

   Es gibt einen Punkt im Griechischen, der nicht zu unterscheiden ist: ob gemeint ist „einen wie der Sohn des Menschen“ oder „einen wie ein Sohn des Menschen“: die autorisierte Version hat die erstere, die revidierte bevorzugt die letztere. Ich neige zu der ersteren und denke, dass Johannes ihn sah wie den Mann, den er so gut gekannt hat und dass es das zu viel an Herrlichkeit war, seine Vision verdunkelnd, das ihn unsicher machte, nicht irgendeine wahrgenommene Unähnlichkeit sich mit der Ähnlichkeit vermischend. Nichts blendet so sehr wie Licht und gerade ihre Herrlichkeit mag ihn unfähig gemacht haben, die bekannten Züge Des Sohnes des Menschen zu unterscheiden.

   Doch die Erscheinung Des Sohnes des Menschen war nicht beabsichtigt, Schrecken in dem Sohn des Menschen zu gebären, zu welchem er kam. Warum also fürchtete Johannes sich? Warum fiel der Diener des Herrn zu seinen Füßen wie ein Toter? Es ist Freude für uns, dass er es tat, wegen der Worte, die folgen – gewiss keine fantastische Entäußerung einer unsicheren Vision oder blendenden Schreckens! Sie tragen das beste Anzeichen ihrer Quelle: wie immer sie in seine Ohren gegeben wurden, sie müssen aus dem Herzen unseres großen Bruders sein, des einen Menschen, Christus Jesus, göttlich menschlich!

   Es war immer noch und einzig die Unvollkommenheit des Jüngers, unvollendet im Glauben, so unvollendet in allem, was ein Mensch benötigt, die die Ursache seines Schreckens war. Dies ist gewiss in den Worten des Herrn angedeutet, die zu ihm gesagt wurden, als er fiel! Von der Sache, die Johannes fürchten ließ, spricht er als von der Sache, die alle Furcht von ihm hätte nehmen müssen. Denn die Herrlichkeit, die er sah, das Haupt und Haar von sich ausfließen lassend solch ein Strahlen des Lichtes, dass sie weiß waren wie weiße Wolle – schneeweiß wie seine Gewänder auf dem Berg Hermon; in der Mitte des Strahlens seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Erscheinung wie die Sonne in ihrer Kraft; das dunklere Glühen der Füße immer noch wie feines Erz im Ofen brennend[11] – als wenn sie, in Erinnerung an das Zwielicht seiner Demütigung, die Erde berührend eine bescheidenere Herrlichkeit annahmen als sein Haupt hoch im Empyreum der ungestörten Vollkommenheit; der Gürtel unter seiner Brust, golden zwischen dem Schnee und dem Erz; – was war das alles, als nur der Abglanz seiner Herrlichkeit, welche selbst der Abglanz der des Vaters ist, der armselige Ausdruck der nicht aussprechbaren Wahrheit, welche selbst der Grund war, warum Johannes sich nicht hätte fürchten sollen? – „Er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige!“

   Endlos muss unser Schrecken sein, bis wir Herz an Herz mit dem Feuer-Kern des Universums, dem Ersten und dem Letzten und dem Lebendigen!

   Doch oh, die Freude, die zu verkünden ist, durch die Macht selbst, den Ersten und den Letzten, den Lebendigen – verkündet, was wir dann tatsächlich sehen können, dass es wahr sein muss, doch was wir so langsam sind zu glauben – dass die Heilung für das Zittern die Gegenwart der Macht ist, dass Furcht nicht vor Stärke bestehen kann; dass der sichtbare Gott die Zerstörung des Todes ist; dass die einzig wahre Sicherheit im Universum die vollkommene Nähe des Lebendigen ist! Gott ist Sein; Tod ist nirgendwo! Was für eine Sache, die durch eben jenen Mund dessen gelehrt wird, welcher es weiß! Er sagte seinem Diener Paulus, dass Stärke in der Schwäche vervollkommnet wird;[12] hier unterrichtet er seinen Diener Johannes, dass die Sache, die zu fürchten ist, Schwäche ist, nicht Stärke. Alle Erscheinungen der Stärke, solche wie sie zu Recht Schrecken erzeugen, sind nur falsche Erscheinungen; der wahre Starke ist der Eine, so wie eben das wahre Gute der Eine ist. Der Lebendige hat die Macht des Lebens; der Böse hat nur die Macht des Todes – dessen eigentliche Natur eine innere Notwendigkeit zerstört zu werden ist.

   Doch die Herrlichkeit der sachtesten Schau des Lebendigen ist solcherart, dass selbst der liebste seiner Apostel, das beste der Menschenkinder, bei der Sicht eingeschüchtert ist. Er hat noch nicht gelernt, dass die Herrlichkeit selbst ein Teil seines Erbes ist, ja vom natürlichen Zustand seines Wesens ist; dass da nichts in dem Menschen, der im Bilde Gottes geschaffen ist, abweicht von der allerherrlichsten der himmlischen Schau: er hat dies noch nicht gelernt und fällt wie tot davor nieder – wenn, oh, die Stimme von ihm, der war und ist und für immer sein wird,[13] ihm sagt, sich nicht zu fürchten – aus eben dem Grund, dem einzigen Grund, dass er der Erste und der Letzte, der Lebendige ist! Denn was sollte die Freude, der Frieden, die Vervollkommnung von dem sein, der lebt, als nur der engste Kontakt mit diesem Leben? – ein Kontakt so eng wie als er aus diesem Leben entsprang, nur in unendlich höherer Art, insoweit wie es jetzt auf beiden Seiten gewollt ist. Er, welcher einen Anfang hatte, braucht die innewohnende Kraft dieses Anfangs, um sein Dasein zu vervollständigen – nicht bloß vollständig seinem Bewusstsein, sondern vollständig in sich selbst – gerechtfertigt, abgerundet, beendet, wo es anfing – mit einem „endlosen Ende.“ Dann ist es vollständig, gerade wie das Gottes vollständig ist, denn es ist eins mit dem Selbst-Existenten, blühend in der Luft jener Welt, worin es wurzelt, worin es lebt und wächst. Wahrhaftig fern vom Zittern, weil er, an dessen Busen er gelehnt hat, als das Licht seiner Liebe bloß darin eingeschlossen war, jetzt dasteht, die Herrlichkeit dieser Liebe ausströmend, hätte Johannes Boanerges[14] sich weit freudiger und sicherer fühlen müssen, als die Stärke des Lebendigen sich mehr offenbart hat. Es war niemals, weil Jesus in die Schwäche des Fleisches gekleidet war, dass er geeignet war, ihm zu vertrauen, sondern weil er stark war mit einer Stärke, die dazu in der Lage war, die Schwachheit des Fleisches als Gewand zu nehmen, worin sie am besten ihr Werk wirken konnte: diese Stärke strahlte nun heraus in ihrem eigenen Licht, unlängst eingehegt in dem offenbarenden Schleier. Wäre Johannes dem Menschensohn im Geiste so nahe gewesen wie er ihm in seiner leiblichen Gegenwart gewesen war, wäre er wahrhaftig zu seinen Füßen niedergefallen, doch nicht wie ein Toter – wie einer zu voll von Freude, um vor dem Leben zu stehen, das seines nährte, er wäre niedergefallen, doch nicht, um dort besinnungslos vor aller-heiligstem Staunen zu liegen; er wäre niedergefallen, um die Füße dessen zu umarmen und zu küssen, welcher jetzt ein zweites Mal, wie mit einer Auferstehung von oben her, vor ihm aufgestanden war, nun in himmlischerer Fülle der Herrlichkeit.

   Es ist der Mensch des Bösen, der Mensch der selbstbezogenen Machart, nicht er, welcher gerne recht tun würde, nicht er, welcher, selbst zu seinen schlimmsten Zeiten, sofort dem Wort des Meisters gehorchen würde, welcher vernünftigerweise sich vor der Macht fürchtet. Wenn Gott nicht länger der Herrscher der Welt ist und da ein Stärkerer als er ist; wenn Macht dem Bösen innewohnt und Schöpfer-Kraft in dem, dessen Natur die Zerstörung ist; dann wird die Zeit sein, in Grauen vor der Macht zu stehen. Doch selbst dann hätte der schlechte Mensch keine Sicherheit gegen die Möglichkeit, einer Ahnung des gesetzlosen Augenblickes zu begegnen, wo Zerfall die einzige Einheit des Planes ist und zermürbt und zerstört zu werden für irgendeine Nicht-Idee der Macht der Finsternis. Und dann wäre die Zeit für die Guten – nein, nicht zu zittern, sondern zu beschließen, mit dem Herrn des Lichtes alles zu erdulden, jede Woge des Bösen gegen ihn branden und zerschellen zu lassen, nicht das geringste Übel zu tun, nicht die kleinste Notlüge für Gott zu reden – wissend, dass jeder Boden, der so gewonnen wird, zu keinem Königreich des Himmels gehören könnte, sondern nur eine Provinz des Königreichs der Finsternis sein kann. Wenn da zwei Mächte wären, eine des Bösen, eine andere des Guten, wie Menschen nicht unnatürlicherweise in Unwissenheit sich vorgestellt haben, würde sein Pflichtbewusstsein das Wesen, das aus der guten Macht entsprungen ist, offenbaren, während er, der aus dem Bösen entsprungen ist, keine andere Wahl haben könnte als das Böse. Doch nur das Gute kann erschaffen; und wenn das Böse auch noch so viel stärker wäre, die Pflicht des Menschen würde dieselbe bleiben – am Lebendigen festzuhalten und der Macht bis zum Schlimmsten zu trotzen – wie Prometheus an seinem Felsen, Jupiter trotzend und für immer sterbend – so für immer das Böse vereitelnd.[15] Denn das Böse kann nur sich selbst und das Eigene zerstören; es könnte keinen Feind zerstören – kann schlimmstenfalls eine Abfolge von Toten verursachen, von deren jedem die trotzige Seele zu erhabenerem Trotz aufsteigen würde, zu siegreicherem Erdulden – bis sie auf lange Sicht dem Bösen ins Gesicht lachte und der Dämonen-Gott vor ihr verdorrt zusammensänke. In jenen also, welche glauben, dass das Gute die eine Kraft ist und dass das Böse nur existiert für die Zeit, die es dienlich ist, nichts dagegen ausrichten kann, dienlich zu sein dem Guten, was für Raum kann da sein für Furcht? Das Starke und das Gute sind eins; und wenn unsere Hoffnung mit der Gottes übereinstimmt, wenn sie in seinem Willen gegründet ist, was sollten wir tun, als nur zu jubeln in der glänzenden Herrlichkeit des Ersten und des Letzten?

   Der Erste und der Letzte ist die umhegende Verteidigung der Burg unseres Seins; der Meister ist vor uns und hinter uns; er hat angefangen, er wird zusehen, dass es endlos ist. Er besetzt das Feld; er ist der Lebendige, der Leben-schaffende.

   Der Grund also, sich nicht vor Gott zu fürchten, ist, dass er all-herrlich, all-vollkommen ist. Unser Sein braucht den all-herrlichen, all-vollkommenen Gott. Die Kinder können nicht mit weniger als dem Vater auskommen; sie brauchen den Unendlichen. Jenseits von allem, worin der armselige Intellekt Ordnung entdeckt; jenseits von allem, was die reiche Vorstellungskraft ersinnen kann; jenseits von allem, was das hungrigste Herz verlangen könnte, wofür das erfüllteste Herz danken – jenseits von all diesem, so viel die Himmel höher sind als die Erde, erhebt sich der Gedanke, die Schöpfung, die Liebe des Gottes, welcher in Christus ist, sein Gott und unser Gott, sein Vater und unser Vater.

   Zeitalter vor der Geburt Jesu, während oder wo zuletzt sogar noch Mose und sein Gesetz unbekannt waren, war das leidende Herz der Menschheit überzeugt und sah, dass nirgendwo sonst sein Friede lag als bei dem Ersten, dem Letzten, dem Lebendigen: – „Ach dass du mich im Grab verdecktest und verbärgest … dass du an mich dächtest! … Du würdest rufen, und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.“[16]


[1] 1. Johannes 4, 18

[2] Im Deutschen gibt es nur ein Wort für „Opfer“, während im Englischen hier zwischen „sacrifice“ und „offering“ unterschieden wird. George MacDonald spricht zuerst von „sacrifice“, dem religiösen Opfer, das in einem Ritus der Gottheit dargebracht wird, um sie gnädig zu stimmen oder die gewünschte Reaktion, den gewünschten Segen zu erhalten. Dieses Opfer geschieht aus Furcht vor der Gottheit und kommt einem Handel gleich. Das wahre Opfer jedoch, und hier spricht MacDonald dann von „offering“, ist eines, das aus Dankbarkeit und Liebe hingegeben wird. Die vollkommene Verkörperung dieses Opfers ist Jesu Tod am Kreuz, in dem Gott selbst sich als Opfer (offering) der Liebe seinen Geschöpfen hingibt. Das Leben des Christen sollte ebenso ein beständiges Opfer der Liebe sein und keines aus Furcht.

[3] Paulus auf dem Areopag: Apostelgeschichte 17, 23

[4] Gemeint sind die blutigen Opfer des Tempels und die Festlegung ihrer Art und Ausführung in den zahlreichen Opfergesetzten des Alten Testamentes, vor allem im 3. Buch Mose. Gemeint ist vermutlich auch, dass den Israeliten strengstens untersagt war, Menschenopfer zu bringen. In dieser Hinsicht also hat Gott die Art und Weise der Opferungen geordnet, um dem menschlichen Bedürfnis nach Ritus und Opfer entgegenzukommen, bis zur Offenbarung des wahren Opfers der Liebe in Jesu Hingabe am Kreuz.

[5] Psalm 73, 25

[6] Matthäus 7, 11

[7] Johannes 13, 23 – In christlicher Tradition werden dem Jünger Johannes oft sowohl das Evangelium als auch die drei Briefe und die Offenbarung zugeschrieben. In der Forschung gibt es jedoch gute Argumente dafür, dass die Offenbarung durch einen anderen, unbekannten Autor verfasst wurde. Auch das Evangelium und die Briefe sind vielleicht nicht einmal durch den Apostel selbst verfasst, aber wenigstens in der Johanneischen Tradition von einem seiner Schüler. George MacDonald stellt „mystische“ Ähnlichkeiten zwischen dem Evangelium und der Offenbarung fest.

[8] Die Verklärung Jesu in Matthäus 17, 1 – 13 / Markus 9, 2 – 13 / Lukas 9, 28 – 36

[9] Im Gegensatz zu Petrus

[10] Offenbarung des Johannes 1, 9

[11] MacDonald zitiert hier indirekt die Verse 13 bis 15 aus dem ersten Kapitel der Offenbarung.

[12] 2. Korinther 12, 9

[13] Offenbarung 1, 8

[14] Jesus nennt Johannes und seinen Bruder wegen ihres Eiferns „Donnersöhne“ oder „Söhne des Donners“ – Boanerges.

[15] Der Titan Prometheus bringt nach dem griechischen Mythos den Menschen das Feuer und wird dafür von Zeus (MacDonald schreibt hier Jupiter, der die lateinische Entsprechung des Zeus ist) im Kaukasusgebirge an einen Felsen gekettet. Ein Adler frisst auf Befehl des Gottes immer wieder die Leber des Prometheus, die jedoch stets nachwächst. Erst Herakles befreit ihn schließlich.

[16] Aus Hiob 14, 13 – 15. Übergang zur nächsten Predigt.