Die Stimme Hiobs
„Ach dass du mich im Grab verdecktest und verbärgest, bis dein Zorn sich legte, und setztest mir ein Ziel, dass du an mich dächtest! Wird ein toter Mensch wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis dass meine Ablösung komme! Du würdest rufen, und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.“ Hiob 14, 13 – 15

Das Buch Hiob scheint mir die gewagteste der Dichtungen[1] zu sein: von einer Position der unvorteilhaftesten Wirklichkeit aus erstürmt sie eben die Zitadelle des Ideals! Ihr Held ist ein Mann, der in der Asche sitzt, von Kopf bis Fuß bedeckt mit abscheulichen Beulen, sich selbst mit einer Tonscherbe schabend.[2] Wund am Leib, wund im Sinn, wund im Herzen, wund im Geist, ist er der beispielhafte Typus der Menschheit in der Tiefe ihres Elends – all die Wellen und Wogen einer Welt widriger Umstände rollen frei über seinen Kopf hinweg. Ich würde den Gebrauch des Wortes Menschheit weder im abstrakten Sinne noch für die Bestimmung der Masse annehmen; ich meine das Menschsein des Einzelnen in endloser Wiederholung: Hiob, sage ich, ist das menschliche Wesen – ein Mittelpunkt für die scheußlichen Angriffe des Schmerzes, die entsetzlichen Überfälle der Angst: diese, so nehme ich an, drohen von Zeit zu Zeit jeden Menschen zu überwältigen, offenbaren ihn sich selbst als versklavt dem Äußeren und rütteln ihn auf, irgendeinen Weg hinaus ins Unendliche zu finden, wo allein er in Freiheit jubeln kann, die zu seiner Natur gehört. Im Herzen einer bleiernen Verzweiflung sitzend schreit Hiob laut zu der unsichtbaren Macht, kaum bekannt, welche er doch als den Gott seines Lebens betrachtet. Doch sein Schrei ist keineswegs der eines Sklaven, wie der Trotz des Prometheus, den er von seinem Felsen aus auf Jupiter schleudert.[3] Er ist mehr überwältigt als der Titan, denn er ist sowohl in grenzenloser Verwirrung als auch in Schmerz; doch liegt genauso wenig eine Spur der Feigheit in seinem Schrei wie in dem des Prometheus. Vor dem Richter beteuert er seine Unschuld und will nicht kriechen, wahrhaft wissend, dass, sich so zu betragen, bedeutete, das Heilige zu beleidigen. Er fühlt, dass er solches Leiden nicht verdient hat und will weder Lügen reden noch Lügen hören für Gott.
Prometheus ist von viel felsenhärterer Geduld als Hiob. Hiob hat nichts von einem Stoiker,[4] sondern bedauert sich selbst wie ein Kind – ein mutiges Kind, welchem selbst erscheint, dass es Falsches erleidet und zurückschreckt mit von Grauen gepackter Fassungslosigkeit vor der Unvernunft der Sache. Prometheus hat es zu schaffen mit einem Tyrannen, welchen er verachtet, vor welchem er deshalb mit klagloser Unbeugsamkeit erduldet, aufrecht gehalten durch das Bewusstsein, dass er die Schlacht der Menschheit schlägt gegen eine allzu all-mächtige Selbstsüchtigkeit: Erduldung ist die einzig nützliche Waffe gegen ihn und er wird erdulden bis zum ewig-hinausgezögerten Ende! Hiob auf der anderen Seite ist viel kummervoller, weil ER es ist, welcher Kopf und Herz ist, welcher der Anfang und das Ende aller Dinge ist, der seine Hand auf ihn gelegt hat mit solch schrecklicher Pein, dass er sein Fleisch zwischen die Zähne nimmt vor Schmerz. Er kann nicht, will nicht glauben, dass er ein Tyrann ist; doch während er fleht gegen seine Behandlung durch ihn, liebt er ihn und schaut zu ihm hin als der Quelle des Lebens, die Macht und Freudigkeit des Seins. Er wagt nicht, Gott für ungerecht zu halten, doch darum kann er nicht zugestehen, dass er irgendetwas getan hat, um die Behandlung, die er durch seine Hände empfängt, zu verdienen. Daher ist er notwendig in tiefster Verwirrung, denn wie können die zwei Dinge vereint werden? Der Gedanke ist ihm noch nicht gekommen, dass das, welches als Bestrafung auf ihn zu legen ungerecht wäre, auf ihn gelegt sein mag als Gunst – durch eine höchste Liebe, welche ihm Segen geben wollte jenseits alles möglichen Gebetes – Segen, nach welchem zu fragen er nicht wagen würde, wenn er die notwendigen Mittel für seine Gabe sähe, doch Segen für welchen er, einmal erkannt und verstanden, willentlich noch einmal all das erdulden würde, was er durchgemacht hat. Darum ist er so schmerzhaft geteilt in sich selbst. Während er von Gott nicht denken kann, dass er ihn missverstanden hätte, zwingt sich ihm die Diskrepanz, die wie ein Fehler aussieht, durch jeden Kanal des Denkens und Fühlens auf. Er hat keinesfalls nachgelassen in seinem Bestreben nach einem gottgefälligen Leben und doch ist die Hand des Gottes, den er in all seinen Wegen anerkannt hat, gegen ihn erhoben wie kaum gegen einen Übertreter! – nicht nur gegen ihn allein, denn seine Söhne und Töchter sind fortgewischt worden wie ein Geschlecht von Otterngezücht![5] Die Besitztümer, welche ihn zum Größten unter allen Söhnen des Ostens[6] machten, sind von ihm genommen worden durch Feuer und Wind und die Hand des Feindes![7] Er ist arm wie der Elendeste, krank wie der Gemeinste, der Kinder beraubt, welche sein Stolz und seine Stärke waren! Das Schlimmste von allem, mit welchem die Furcht davor ihn hätte betrüben können, ist auf ihn gekommen; und nun, schlimmer als alles, wird ihm der Tod verweigert! Sein Gebet, dass er, wie er nackt von seiner Mutter Leib gekommen ist, er auch nackt und wund zum Grunde der Erde zurückkehren mag, wird nicht gehört; er wird zurückgelassen, um in Selbst-Abscheu zu verharren, um in jeder quälenden Gedankenwendung der schrecklichen Annahme zu begegnen, dass Gott ihn verworfen hat! Er leugnet nicht, dass Böses in ihm ist; denn „du tust deine Augen über einen solchen auf“, fleht er „dass du mich vor dir ins Gericht ziehest.“[8], doch er bestreitet, dass er ein boshafter Mensch gewesen ist, ein Täter der Sache, von der er wusste, dass sie böse ist: er bestreitet, dass irgendeine Arglist in ihm ist. Und wer, weil er die Arglist in sich selbst kennt und beklagt, wird wagen zu bestreiten, dass da einst ein Nathanael in der Welt war?[9] Wäre Hiob Calvinist oder Lutheraner gewesen, wäre das Buch Hiob sehr anders geworden. Seine Verwirrung wäre dann gewesen – wie könnte Gott, der gerecht ist, von einem Menschen mehr verlangen, als er tun könnte und ihn bestrafen, als wäre seine Sünde die eines vollkommenen Wesens, welches sich entschied, das Böse zu tun, von welchem es das ganze Ausmaß kannte. Ich für meinen Teil werde keinen Meister nennen als nur Christus – und von ihm lerne ich, dass seine Auseinandersetzung mit uns die ist, dass wir nicht tun wollen, was wir wissen, nicht zu ihm kommen wollen, dass wir Leben haben mögen. Wie endlos viel mächtiger wäre die Vorhaltung gegen die Menschen begründet, nicht in dem, was sie getan haben, sondern in dem, was sie nicht tun wollen!
Hiobs kindliches Urteil von Gott ist niemals zur Unehre des großen Vaters verdorben oder verdreht worden durch irgendeinen Flecken von solch niedrigen Theorien – wehe! – wie wir sie die populären nennen müssen: Erklärungen von Gottes Wegen durch solche, wie Ihn nicht verstanden haben, sie sind annehmbar für solche, wie sich nicht darum kümmern, ihn zu kennen, solche, wie damit zufrieden sind, von Weitem zu stehen und auf die Wolke zu starren, woher Donner und Stimmen rühren;[10] doch eine Last, drohend sie zum Tophet[11] herabsinken zu lassen, eine schmerzlich zu tragende Bürde, für solche wie aufstehen würden und zum Vater gehen.[12] Der Widerspruch zwischen Hiobs Idee von der Gerechtigkeit Gottes und den Dingen, welche ihm widerfahren sind, sucht ihn beständig heim; es hat einen Stachel in sich, weit schlimmer als all das andere Elend, von welchem er gequält ist; doch es ist nicht festgesetzt in der Hoffnungslosigkeit der Hölle durch eine akzeptierte Erklärung, die viel beängstigender ist als es selbst. Lasst die Welt-Sphinx so viele Rätsel stellen, wie sie will,[13] sie kann keinen Menschen verschlingen, während er eine Antwort vom Welt-Erlöser erwartet. Hiob lehnte die Erklärung seiner Freunde ab, weil er wusste, dass sie falsch ist; solche zu akzeptieren, wie sie durch viele in den gegenwärtigen Tagen ihm gegeben würde, hätte bedeutet, sofort vom Monster verschlungen zu werden. Er hält einfach am Saum des Gewandes Gottes fest – bestürmt seine Tür – hält an, seine Frage wieder und wieder zu stellen, stets die eine Quelle der wahren Antwort und Wiederherstellung heimsuchend. Keine Antwort wird ihm genügen als die Antwort, die nur Gott geben kann; denn wer als nur Gott kann Gottes Wege vor seinem Geschöpf rechtfertigen?
Bei einer Seele, deren eigentliches Bewusstsein Widerspruch ist, sollten wir keine Logik suchen; Elend ist selten logisch; es ist selbst eine Dissonanz; und doch ist es nichts weniger als natürlich, dass Hiob, fühlend, dass Gott ihm Unrecht getan hat, doch immer noch verlangen sollte nach der Schau Gottes, drängend in seine Gegenwart, sich sehnend von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu stehen. Er würde den Einen herausfordern. Er ist überzeugt, oder hegt zumindest als seine eine Hoffnung die Idee, dass, wenn er Gott nur dazu bringen könnte, ihm zuzuhören, wenn er ihm seinen Fall klar vorlegen könnte, Gott nicht fehlen würde zu sehen, wie die Sache stünde, und ihm die Angelegenheit erklären würde – ihm gewiss Frieden geben würde; der Mann in der Asche würde wissen, dass die Grundfesten der Erde noch sicher stehen; dass Gott seine Augen nicht verschlossen hat, oder – Grauen allen Grauens – er aufgehört hat, gerecht zu sein! Darum würde er seine Worte vor ihn befehlen und hören, was Gott zu sagen hätte; gewiss würde Der Gerechte den Geist seines Gerechtigkeit-liebenden Geschöpfes zur Ruhe bringen!
Seine Freunde, gute Männer, religiöse Männer, doch vom pharisäischen Typus – das heißt, Männer, welche Gott hofieren wollten, anstatt als Kinder in seine Gegenwart zu kommen; Männer mit traditionellen Theorien, welche ihrer armseligen Sache gedient haben, ihre dürftigen intellektuellen Ansprüche befriedigt, denken daher, andere müssten sie akzeptieren oder vergehen; Männer, die ängstlich sind, Gott eher zu gefallen, als ihm zu vertrauen; Männer, welche von Gott eher Rettung empfangen würden als Gott ihre Rettung – diese seine Freunde wollten Hiob zu dem Bekenntnis überreden, dass er ein Heuchler war, darauf bestehend, dass solche Dinge nicht hätten über ihn kommen können als nur wegen Boshaftigkeit, und da sie von keiner offenen wussten, musste es eine geheime Schlechtigkeit sein. Sie werden zornig auf ihn, als er es ablehnt, gegen sein Wissen von sich selbst überzeugt zu werden. Sie bestehen auf seiner Heuchelei, er auf seiner Rechtschaffenheit. Noch dürfen wir vergessen, dass hierin nicht irgendeine Anmaßung auf Seiten Hiobs liegt, denn die Dichtung bereitet uns auf das richtige Verständnis des Mannes vor, indem sie im Prolog erzählt, dass Gott jenes zum Ankläger der Menschen[14] sagte: „Hast du nicht achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht im Lande, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse?“[15] Gott gibt Hiob in Satans Hand, mit Zuversicht in das Ergebnis, und am Ende der Prüfung bestätigt er, was Hiob sich selbst betreffend gesagt hat. Doch das tatsächliche Erscheinen Gottes ist genug, um Hiob dazu zu bringen, sich gegen sich selbst zu wenden: sein Teil war, Gott insgesamt zu vertrauen, entgegen jeder Erscheinung, entgegen jeder Wirklichkeit! Er wird sich selbst nicht mehr rechtfertigen. Er sieht, dass, obwohl Gott ihn nicht für seine Sünden bestraft hat, er doch noch weit entfernt von dem ist, was er sein sollte und werden muss: „Siehe“, sagt er „ich bin gering; was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen.“[16]
Doch lasst uns ein wenig näher schauen auf Hiobs Art über Gott zu denken und zu sprechen und seine Weise, ihn anzusprechen – so verschieden vom Pharisäischen aller Zeitalter, in keinem mehr als in unserem eigenen.
Zunehmend empört von der Idee, dass seine Natur solche Behandlung verlangen sollte – „Bin ich denn ein Meer oder ein Meerungeheuer“, ruft er aus „dass du eine Wache gegen mich aufstellst?“[17] Du weißt, dass ich nicht bösartig bin. „Du siehest auf die Fußtapfen meiner Füße!“[18] – dass der Weg, den ich gegangen bin, erkannt wird anhand meiner Fußspuren! Zu seinen Freunden ruft er aus: „Wollt ihr Gott verteidigen mit Unrecht und für ihn List brauchen?“[19] Wisst ihr nicht, dass ich der Mann bin, der ich sage? „Wollt ihr seine Person ansehen?“[20] – euch auf seine Seite schlagen gegen mich? „Wollt ihr Gott vertreten?“[21] – besondere Verteidiger für ihn sein, seine Parteinehmer?“ „Wird´s euch auch wohl gehen, wenn er euch richten wird? Meinet ihr, dass ihr ihn täuschen werdet, wie man einen Menschen täuscht?“[22] – sagend, was ihr nicht denket? „Er wird euch strafen, wo ihr heimlich die Person ansehet.“[23] – auch die Person Gottes selbst!
Solche Worte sind wohlgefällig in den Ohren des Vaters der Geister. Er ist kein Gott, der die Schmeichelei akzeptiert, welche ihn über die Verbindlichkeit zu seinen Geschöpfen erhaben erklärt; ein Gott, der von ihnen eine von seiner eigenen Rechtschaffenheit verschiedene verlangt; ein Gott, der knauserig mit seinen Elend-behafteten Kindern umgeht; ein Gott, der schwerste Ansprüche an seine Kleinen hat! Hiob ist zuversichtlich, Gerechtigkeit zu empfangen. Da ist ein eigenartiger, doch höchst natürlicher Gegensatz der Gefühle in ihm. Sein Glaube ist in Wahrheit gegründet, doch er beklagt sich fortwährend. Es ist nur die Form, die sein Glaube in seiner Kümmernis annimmt. Selbst indem er die Härte und Unangemessenheit des Umgangs, den er empfängt, erklärt, scheint er doch versichert zu sein, dass, um die Dinge zu richten, alles, was er braucht, der Zugang zu Gottes Gegenwart ist – eine Unterredung mit dem Allerhöchsten. Gehört zu werden muss bedeuten, Gerechtigkeit zu haben. Er gebraucht Sprache, welche, von irgendeinem lebenden Menschen gebraucht, die Religiösen der gegenwärtigen Tage entsetzen würde, im Verhältnis zum Mangel an Wahrheit in ihnen, gerade wie es seine drei Freunde entsetzt hat, die ehrlichen Pharisäer dieser Zeit, deren Religion „Doktrin“ und Tadel war. Gott spricht nicht ein Wort des Tadels zu Hiob wegen der Freimütigkeit seiner Rede: – er hat immer solche wie Hiob gesucht, ihn anzubeten. Es sind jene, welche nur die Äußerlichkeiten der Religion kennen und respektieren, solche wie von Gott niemals reden oder denken als nur von dem Allmächtigen oder der Vorsehung, die zu dem Mann sagen werden, welcher nahe zu Gott tritt und zu ihm redet aus dem Tiefsten in der Natur, die er gemacht hat, „er ist pietätlos.“ Den Namen Gottes im Drama zu äußern, – höchste der menschlichen Künste, ist bei solchen Menschen Gotteslästerung. Sie hofieren Gott, sie lieben ihn nicht; sie behandeln ihn als einen weit entfernt, nicht als einen, dessen Busen die einzige Heimat ist. Sie sehen seine Person an. „Soll nicht seine Erhabenheit“ – eine sehr andere Sache als die du bewunderst – „euch ängsten? Soll nicht seine Furcht“ – eine sehr andere Sache als die, welcher du deinen heidnischen Respekt zollst – „auf dich fallen?“[24]
In der Trostlosigkeit dieses Mannes scheint ihm die Wahrheit Gottes, nun viel deutlicher als bislang, die eine Sache, die die Welt zusammenhält, welche zuerst durch das Wort seines Mundes ins Sein kam. Wenn Gott nicht zugänglich wäre, bliebe nichts als Verzweiflung und Hölle dem Mann, der unlängst der größte des Ostens war. Wie ein Kind, das vor den Hunden der Straße flieht, schlägt er die Tür an die Wand und stürzt vor, nicht hinter sich schauend, um die Gegenwart des Lebendigen zu suchen. Die Bürde seines Todes mit sich tragend schreit er: „Schau, was du auf mich gelegt hast! Sollte ein sterblicher Mensch, das hilflose Geschöpf, das du gemacht hast, ein Kreuz wie dieses tragen?“ Er würde seine Last zu Füßen des Schöpfers werfen! – Gott ist der Gott des Trostes, vom Menschen erkannt als die Zuflucht, der Lebensgeber oder überhaupt nicht erkannt. Doch wehe! Er kann nicht zu ihm kommen! Nirgendwo kann er sein Angesicht sehen! Er hat sich selbst vor ihm verborgen! „Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seinem Stuhl kommen möchte und das Recht vor ihm sollte vorlegen und den Mund voll Verantwortung fassen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde! Will er mit großer Macht mit mir rechten? Er stelle sich nicht so gegen mich, sondern lege mir´s gleich vor, so will ich mein Recht wohl gewinnen. Aber gehe ich nun stracks vor mich, so ist er nicht da; gehe ich zurück, so spüre ich ihn nicht; ist er zur Linken, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich zur Rechten, so sehe ich ihn nicht. Er aber kennt meinen Weg wohl. Er versuche mich, so will ich erfunden werden wie das Gold.“[25]
Er kann ihn nicht finden! Und doch ist er die ganze Zeit in seiner Gegenwart und seine Worte treten in das Ohr Gottes seines Retters.
Die Größe der Dichtung ist, dass Hiob seinen Fall gegen all die Einwände religiöser Autorität mit Gott verhandelt, niemand anderen als Gott wahrnehmend und darin gerechtfertigt ist. Und das Größte von all dem ist dies, dass er andeutet, wenn er es auch nicht wirklich sagt, dass Gott seinem Geschöpf etwas schuldet. Dies ist der Anfang der größten Entdeckung von allen – dass Gott sich selbst dem Geschöpf schuldet, das er in seinem Bild gemacht hat, denn so hat er es unfähig gemacht, ohne ihn zu leben. Dieses, seiner Geschöpfe höchster Anspruch an ihn, ist sein göttlichstes Geschenk an sie. Zur Erfüllung dieses ihres Anspruchs hat er seinen Sohn gesandt, dass er selbst, sein und unser Vater, in unsere Herzen folgen mag. Die vielleicht schlimmste Sache in einer Theologie, die aus dem dumpfen Möglich des Menschen konstruiert wurde, und nicht aus dem Wesen und Werken und Worten Jesu Christi, ist der Eindruck, den sie durch und durch vermittelt, dass Gott keine solche Verbindlichkeit wahrnimmt. Sind wir nicht der Ton und er der Töpfer? [26] Wie kann der Ton vom Töpfer beanspruchen? Wir sind der Ton, es ist wahr, doch sein Ton, doch geistlicher Ton, lebendiger Ton, mit Bedürfnissen und Leidenschaften – und Rechten, wir sind Ton, doch Ton würdig des Sterbens des Sohnes Gottes, dass er lernen mag einzuwilligen, zur Ehre geformt zu werden. Wir können keine Verdienste haben – ein Verdienst ist ein Ding der Unmöglichkeit; doch Gott hat uns Rechte gegeben. Außer ihm haben wir nichts; doch, geschaffen von ihm, ausgegangen von ihm, haben wir eben Rechte an ihm – ah, nie, niemals gegen ihn! Sein ganzes Verlangen und Mühen ist, uns fähig zu machen, zu beanspruchen und uns anzuregen, die Dinge von ihm zu beanspruchen, deren Anrechte er beschert hat, indem er uns schuf. Keinen Anspruch hatten wir, erschaffen zu werden: das beinhaltet eine Absurdität; doch, indem wir gemacht sind, haben wir Ansprüche an ihn, welcher uns machte: unsere Bedürfnisse sind unsere Ansprüche. Ein Mensch, welcher nicht den Hunger seines Kindes versorgt, wird von der ganzen Welt verdammt.
„Ah, aber“, sagt der Parteinehmer Gottes „der Allmächtige steht in einer sehr verschiedenen Beziehung als in der eines irdischen Vaters: da ist keine Parallele.“ Ich gestehe es ein: da ist keine Parallele. Der Mensch erschuf das Kind nicht, er gab nur einem in sich selbst erschaffenen Impuls nach: Gott ist unendlich viel mehr daran gebunden, für sein Kind zu sorgen als irgendein Mensch für seines. Die Beziehung ist unendlich, göttlich enger. Es ist Gott, an welchen jeder Hunger, jede Erwartung, jedes Verlangen, jede Sehnsucht unserer Natur zu richten ist; er schuf all unsere Bedürfnisse – machte uns zu Geschöpfen tausender Notwendigkeiten – und haben wir keinen Anspruch an ihn? Nein, wir haben unzählige Ansprüche, unendliche; und sein einer großer Anspruch an uns ist, dass wir unsere Ansprüche von ihm beanspruchen sollen.
Es ist schrecklich, Gott als beziehungslos zu uns darzustellen in der Weise der Berufung auf seine Gerechtigkeit. Wie sollte er gerecht sein, ohne uns irgendetwas zu schulden? Wie wäre da irgendein Recht für den Richter der ganzen Erde zu tun, wenn er nichts schuldete? Wahrhaftig er schuldet uns nichts, das er nicht wie ein Gott zahlen würde; doch es ist vom Teufel, Unvollkommenheit und Schmach in Verbindlichkeit anzunehmen. So weit entfernt ist Gott davon, so zu denken, dass er in jeder Wirkung seines Wesens sich selbst in Verbindlichkeit zu seinen Geschöpfen stellt. Oh, die Größe seiner Güte und Gerechtigkeit und furchtlosen Selbstlosigkeit! Wenn Zweifel und Grauen einfallen und die Stimme der Liebe in der Seele stumm ist, was kann dem Vater der Menschen besser gefallen, als sein Kind zu ihm schreien zu hören, von welchem es herkam „Hier bin ich, Gott! Du hast mich gemacht: gib mir das, welches bedürfend du mich geschaffen hast.“ Des Kindes Bedürftigkeit, seine Schwäche, seine Hilflosigkeit sind die stärksten seiner Ansprüche. Wenn ich ein Seeungeheuer bin, kann ich ein Meer beanspruchen; wenn ich ein Meer bin, beanspruche ich Raum zu brausen und in Wellen zu brechen nach meiner Art; wenn ich ein Löwe bin, suche ich mein Fleisch von Gott; bin ich ein Kind, beanspruche ich dies, jenseits aller anderen Ansprüche – dass, wenn irgendwelche meiner Bedürfnisse mir verwehrt sind, es durch die Liebe des Vaters sein soll, welcher mich sein Angesicht sehen lassen wird und mir erlauben, meinen Fall vor ihm darzulegen. Und dies muss gerade das sein, was Gott verlangt! Was wollte er haben, als nur, dass seine Kinder ihn als ihren Vater beanspruchen sollen? Zu welchem Zweck ist all sein Umgang mit ihnen, all sein Leiden mit und für und in ihnen, als nur, dass sie ihr Geburtsrecht beanspruchen sollen? Ist nicht ihr Geburtsrecht, wofür er sie geschaffen hat, in ihnen geschaffen hat, als er sie schuf? Ist nicht das, wofür er seine Kraft eingesetzt hat, es ihnen zu geben, seit jeher, als er anfing, sie zu erschaffen – die göttliche Natur, Gott selbst? Das Kind hat, und muss es haben, einen Anspruch am Vater, ein Anspruch, welcher die Freude des Vaterherzens ist, ihn wahrzunehmen. Ein erschaffenes Bedürfnis ist ein erschaffener Anspruch. Gott ist der Ursprung von beidem, Bedürfnis und Versorgung, der Vater unserer Bedürftigkeiten, der überreichliche Geber der guten Gaben. Recht herrlich begegnet er den Ansprüchen seines Kindes! Die Geschichte Jesu ist das Herz seiner Antwort, nicht zuerst auf die Gebete, sondern auf die göttlichen Bedürftigkeiten der Kinder, die er ins Universum ausgesandt hat.
Hinfort mit dem Gedanken, dass Gott ein vollkommener, ein bewundernswerter Schöpfer hätte sein können, wenn er irgend weniger getan hätte, als er für seine Kinder getan hat! Dass irgendeine andere Art des Seins als Jesus Christus hätte würdig sein können der aller-herrlichsten Anbetung! Dass seine Natur weniger von ihm verlangt hätte, als er getan hat! Dass seine Natur nicht absolute Liebe, absolute Selbst-Hingabe ist – ohne diese höchsten Herrlichkeiten hätte sein können!
Im Licht dieser Wahrheit lasst uns also schauen auf die dieser Predigt vorangestellten Worte: „Ach, dass du mich im Totenreich verdecktest!“, ruft Hiob seinen Schöpfer an. Seine Leiden bringen ihn dazu, sich als missfällig vor Gott wahrzunehmen, obwohl er nicht weiß, warum. Wir wissen, dass er kein Missfallen hatte, doch Hiob hat die Vorrede zu seiner eigenen Geschichte nicht gelesen. Er bittet ihn, ihn zu verbergen und ihn für eine Zeit zu vergessen, dass das Verlangen des Schöpfers, wieder auf das Geschöpf, das er gemacht hat, zu blicken, einmal mehr das Werk seiner Hände zu sehen, in ihm erwachen möge; dass Stille und Abwesenheit und Verlust für den Begrabenen sprechen mögen und das Herz des Elternteils erinnern machen und verlangend nach dem Angesicht des Kindes; dann „würdest du rufen, und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände“; dann wird in Freude er sich erheben, mit Zuversicht den Fall seiner Gerechtigkeit vorzubringen. Denn Gott ist dem Menschen näher als irgendetwas, das Gott gemacht hat: was kann einander näher sein als das Schaffende und das Geschaffene? Das, welches ist und das, welches ist, weil das andere ist? Das, welches will und das, welches antwortet, dem Willen schuldend, dem Herzen, dem Verlangen des anderen, Seiner Macht zu antworten? Welche andere vorstellbare Beziehung könnte Ansprüche geben, die zu vergleichen sind mit diesen, die aus solch einer Beziehung entsteigen? Gott muss sein Geschöpf lieben, das mit hungrigen Augen zu ihm aufschaut – hungrig nach Leben, nach Anerkennung, nach Gerechtigkeit, nach den Möglichkeiten, das Leben zu leben, zu welchem das erschaffende Leben es lebendig gemacht hat um des Lebens willen. Die ganze Existenz eines Geschöpfs ist eine Einheit, eine Gesamtheit des Anspruchs an seinen Schöpfer: – nur deshalb lasst ihn tun mit mir, was er will – selbst bis hin zum Sitzen in der Asche und mich selbst mit einer Tonscherbe schabend zu sehen! – nicht weniger, sondern umso mehr werde ich meinen Anspruch hervorbringen! Ihn geltend machen – auf ihn bestehen – mit ihm das Ohr und das Herz des Vaters bestürmen. Ist es nicht die süßeste Musik, die das Ohr des Schöpfers hören kann? – außer dem Wort des vollkommenen Sohnes „Siehe, ich komme, zu tun, Gott, deinen Willen.“[27] Wir, unvollkommene Söhne, sollen lernen auch dieselben Worte zu sagen: dass wir fähig werden und sie sagen und so in unser Geburtsrecht eintreten, ja, Teilhaber werden an der göttlichen Natur in ihrem göttlichsten Element, dieser Sohn, der zu uns kam – starb für das Erschlagen unserer Selbstsucht, die Zerstörung unseres gemeinen hohlen Stolzes, das Erwachen unserer Kindschaft. Wir sind seines Vaters Schuldner um unsere Bedürfnisse, unsere Rechte, unsere Ansprüche, und er wird uns den letzten Heller zahlen lassen. Ja, so wahrhaftig ist der Vater, er wird uns sogar dazu treiben, durch Elend, wenn nötig, unsere Ansprüche einzureichen, denn er weiß, dass wir ewig das Bedürfnis nach diesen Dingen haben: ohne die zugrundeliegenden Rechte seines Daseins, wer kann da leben?
Ich protestiere daher gegen all solche Lehre wie, ihren Ursprung nehmend in und begünstigt durch den Unglauben des menschlichen Herzens, den Eindruck vermittelt, dass die außerordentliche Güte Gottes gegen den Menschen nicht die natürliche und notwendige Äußerung seines Wesens ist. Die Wurzel aller in der Kirche populären Häresie zieht ihre Nahrung bloß und einzig aus dem Boden des Unglaubens. Die Idee, dass Gott ebenso Gott wäre, so herrlich wie er sein muss, hätte er nicht die göttliche Mühe auf sich genommen, seine umherwandernden Kinder nach Hause zu bringen, hätte er nichts getan, die Verlorenen zu suchen und zu retten, ist falsch wie die Hölle. Lügen für Gott könnte nicht weiter gehen. Als wenn die Idee von Gott von seinem Wesen weniger zulässt als er ist, weniger als vollkommen, weniger als Alles in Allem, weniger als Jesus Christus! Weniger als absolute Liebe, weniger als völlige Selbstlosigkeit! Als wenn Gott, der uns im Neuen Testament offenbart ist, nicht seine eigene vollkommene Notwendigkeit von herzlicher Liebe wäre, sondern einer, welcher sich selbst, durch seine eigene Natur, durch seine eigene Liebe, durch die Gesetze, welche er als Gesetze seiner Existenz wollte, besser als er zu sein brauchte gemacht hat! Sie wollten es so haben, dass er ungebunden ist und so das größere Lob verdient! So müsste es sein, wenn er nicht unser Vater wäre. Doch von dem lebendigen Gott nicht als von unserem Vater zu denken, sondern als von einem, welcher großzügig geruhte, – keineswegs in seiner eigenen gewollten Größe der gerechten Natur daran gebunden zu handeln, wie er gehandelt hat, – tötet alles außer einer sklavischen Hingabe. Es bedeutet, von ihm keineswegs zu denken, dass er wie der Gott ist, den wir in Jesus Christus sehen.
Man wird antworten, dass wir gefallen sind und Gott daher frei ist von jeder Verbindlichkeit, wenn es jemals irgendeine gegeben hätte. Es ist nur eine weitere Lüge. Kein Maß des Falsch-tuns bei einem Kind kann ein Elternteil jemals von der göttlichen Notwendigkeit befreien, alles zu tun, was er kann, um sein Kind zu befreien; der Bund zwischen ihnen kann nicht gebrochen werden. Es ist die gemeine, sklavische, weltliche Idee von Freiheit, dass sie darin besteht, an nichts gebunden zu sein. Solcherart ist nicht Gottes Idee von Freiheit! Um als Mensch zu sprechen – je mehr unabdingbare Verbindlichkeit er sich selbst auferlegt, je mehr Kinder er erschafft, mit umso mehr Ansprüchen an ihn, desto freier ist er als Schöpfer und Geber des Lebens, welches das zugrundeliegende Wesen der Gottheit ist: Raum zu machen für sein zugrundeliegendes Wesen heißt frei zu sein. Unser Herr lehrt uns, dass die Wahrheit, erkannt durch Gehorsam gegen ihn, uns frei machen wird:[28] unsere Freiheit liegt im Leben der Wahrheit unserer Beziehungen zu Gott und Mensch. Für einen Menschen würde allein im Universum zu sein bedeuten, ein Sklave zu sein für unaussprechliche Sehnsüchte und Einsamkeiten. Und um wieder nach menschlicher Weise zu sprechen: Gott könnte nicht zufrieden mit sich selbst sein, ohne ihnen alles zu tun, was ein Gott und Vater für seine Geschöpfe tun könnte, die er gemacht hat – das heißt, ohne gerade das zu tun, was er getan hat, was er tut, was er tun wird, um seine Söhne und Töchter zu befreien und sie mit Jubel Heim zu bringen. Um den Schrei des menschlichen Herzens zu beantworten „Würde ich ihn doch sehen können! Würde ich doch vor ihn kommen und auf ihn schauen von Angesicht zu Angesicht!“, sandte er seinen Sohn, das ausdrückliche Bild seiner Person. Und wiederum, dass wir in unserem Verständnis von Gott nicht begrenzt wären durch seine ständige Gegenwart unserem schwachen und dumpfen geistlichen Sinn einer jeden Verkörperung gegenüber, nahm er ihn hinweg. Wo wir ihn gesehen haben, verstehen wir ihn in seiner Abwesenheit besser. Dass wir ihn erkennen, dazu kam er; dass wir zu ihm kämen, dazu ging er. Wenn wir wagen, wie Hiob, zu ihm in jedem herzzerfressenden Kummer zu flehen, der aus der Unmöglichkeit aufsteigt, eine solche Fehldarstellung von ihm zu lieben, wie sie uns durch unsere Möchtegern-Lehrer vorgehalten wird zu lieben; wenn wir vor ihm denken und aussprechen, was uns recht zu sein scheint, wird er nicht von Herzen gefallen haben an der Liebe seiner Kinder zur Gerechtigkeit – an der Wahrheit, die ihn und seine Gerechtigkeit nicht trennen will? Wahrlich, er wird nicht gegen uns vorgehen mit seiner großen Macht, sondern wird Kraft in uns legen und wo wir falsch liegen, uns lehren. Denn das Herz, das recht tun und denken will, das Herz, das ihn nicht als Tyrann anzubeten sucht, sondern als den vollkommenen, absolut gerechten Gott, ist die Wonne des Vaters. Dem Herzen, was dies nicht Gerechtigkeit nennen will, von welchem es fühlt, dass es ungerecht ist, sondern das sich am Saum seines Gewandes festklammert und seine flehenden Augen zu seinem Angesicht aufhebt – diesem Herzen wird er die Reichtümer seines Wesens offenlegen – Reichtümer, welche dem Herzen nicht in den Sinn gekommen sind, sie zu empfangen. „Oh, Herr, sie sagen mir, dass ich so gegen dein Gebot verstoßen habe, dass, wie ich bin, du nicht auf mich schauen kannst, sondern mich mit ewiger Verbannung aus deiner Gegenwart bedrohst. Doch wenn du nicht auf mich schaust, wie kann ich je anders sein als ich bin? Herr, gedenke, dass ich in Sünde geboren bin: wie kann ich also Sünde sehen, wie du sie siehst? Gedenke, Herr, dass ich mich selbst nie als rein gekannt habe: wie kann ich mich selbst reinigen? Du musst mich notwendig nehmen wie ich bin und mich reinigen. Ist es nicht unmöglich, dass ich die letztliche Güte des Guten sehe, die letztliche Bösartigkeit des Bösen? Wie kann ich also ewige Qual verdienen? Hätte ich Gut und Böse erkannt, sie sehend wie du sie siehst, und dann das Böse gewählt und mich vom Guten abgewandt, wüsste ich nicht, was ich nicht verdienen sollte; doch du weißt, es ist nie etwas Gutes in dem Bösen gewesen, das mein selbstsüchtiges Herz verleitet hat – nicht nur mein eigenes, sondern das meiner ganzen Art. Du verlangst von uns zu vergeben: gewiss vergibst du freimütig! Du magst daran gebunden sein, das Böse zu zerstören, doch bist du daran gebunden, den Sünder am Leben zu erhalten, dass du ihn bestrafen mögest, selbst wenn es ihn nicht besser machen würde? Sünde kann nicht tief sein wie das Leben, denn du bist das Leben; und Sorge und Schmerz gehen tiefer als Sünde, denn sie rühren an das Göttliche in uns: du kannst leiden, obwohl du nicht sündigen wirst. Menschen leiden zu sehen, mag uns veranlassen, das Böse zu scheuen, doch es kann uns nie veranlassen, es zu hassen. Wir mögen dadurch sehen, dass du Sünde hasst, doch wir könnten niemals sehen, dass du den Sünder liebst. Züchtige uns, bitten wir dich, in liebevoller Freundlichkeit, und wir werden nicht vergehen. Wir haben vieles getan, was böse ist, ja, das Böse ist sehr tief in uns, doch wir sind nicht ganz und gar böse, denn wir lieben Gerechtigkeit; und bist nicht du selbst, in deinem Sohn, das Opfer für unsere Sünden, die Versöhnung für unseren Bruch? Du hast uns untertan der Vergänglichkeit gemacht, doch du hast selbst deinen göttlichen Anteil an den Konsequenzen auf dich genommen. Könnten wir jemals dahin gekommen sein, das Gute zu kennen, wie du es kennst, außer indem wir durch das Meer der Sünde hindurchgehen und das Feuer der Reinigung? Sie erzählen mir, dass ich sagen muss, um Christi Willen, oder du wirst sonst nicht verzeihen: es raubt das Herz aus meiner armseligen Liebe zu hören, dass du mir nicht verzeihen wirst, außer weil Christus mich geliebt hat; doch ich gebe dir Dank, dass nirgendwo im Bericht deines Evangeliums einer deiner Diener irgend solch ein Wort sagt. Trotz all unserer Befürchtungen und Kriecherei, unserer Schwäche und unserer Falschheiten, wirst du für uns sein, was du bist – solch ein vollkommener Vater wie kein noch so liebenswertes Kinder-Herz auf Erden einen Gedanken davon erfinden könnte! Du wirst unsere Sünden auf dich selbst nehmen, uns überdies dein Leben gebend zu leben. Du trägst unseren Kummer und schleppst unsere Sorgen; und sicher wirst du uns eines Tages befähigen, jede Schuld zu zahlen, die wir einander schulden! Du wirst uns sein ein recht großzügiger, überreichlicher Vater! Dann werden unsere Herzen wahrhaft jubeln, weil du bist, was du bist – unendlich jenseits von allem, was wir uns vorstellen könnten. Du wirst uns demütigen und aufrichten. Du hast dich selbst uns gegeben, dass wir, dich habend, ewig lebendig sein mögen mit deinem Leben. Wir rennen im Kreislauf von dem, was Menschen deinen Zorn nennen, und finden uns selbst eingeschlossen in dem Bereich deiner Liebe!“
Doch es möge recht verstanden werden, dass, wenn ich sage, Rechte, ich nicht Vorzüge meine – von jedweder Art. Wir können von ihm gar nichts verdienen, im Sinne irgendeines Rechtes, das aus uns selbst hervorgeht. All unsere Rechte sind solcherart, wie die Großzügigkeit der unfassbaren Liebe unser Dasein damit verherrlicht hat – beschert zu dem einen einzigen Zweck, die Befriedigung, die Erfüllung derselben zu geben – Rechte so tief, so hoch, so erlesen, dass ihre Befriedigung nicht erfolgen kann, bis wir sie verlangen – ja, uns mit unserem tiefsten Verlangen danach sehnen. Der Geber von ihnen kam zu den Menschen, lebte mit den Menschen und starb durch die Hände der Menschen, dass sie diese Rechte überreichlich besitzen mögen: mehr konnte Gott nicht tun, seinen Teil zu erfüllen – außer tatsächlich, was er immer noch tut jede Stunde, jeden Augenblick für jeden Einzelnen. Unsere Rechte sind Rechte bei Gott selbst in ihrem Herzensinnersten. Er könnte sie zurückrufen, wenn es ihm gefiele, doch nur indem er uns zurückriefe, indem er uns vergehen machte. Während wir existieren, durch das Sein, was unseres ist, sind sie unsere. Wenn er unsere Rechte an uns nicht erfüllen könnte – weil wir sie nicht haben wollten, das heißt – wenn er uns nicht solcherart machen könnte, als uns um diese Rechte zu kümmern, welche er uns aus eben der Tiefe seines schöpferischen Wesens gegeben hat, denke ich, dass er uns unerschaffen machen müsste. Doch in Bezug auf das Verdienen ist das absurd: er musste sterben in dem Bestreben, uns hörend und empfangend zu machen. „Wenn ihr alles getan habt, was von euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“[29] Schuldigkeit ist eine Sache der Vorauszahlung: sie kann niemals verdient sein. Es gibt keinen Anspruch an Gott, der aus uns entspringt: alles kommt von ihm.
Doch, dass es möglich sein sollte, dass irgendeine un-kindhafte Seele in Hochmut und Unwissenheit denken mag, auf seinen Rechten gegen Gott zu bestehen und von ihm nach dem Willen des Fleisches dieses oder jenes zu fordern, vor solch einem Möglichen will ich einige Dinge darlegen, zu welchen er ein Recht hat, ja, vielleicht zuerst von allen Rechten, von dem Gott seines Lebens, wegen des Anfangs, den er ihm gegeben hat – wegen des göttlichen Keimes in ihm. Er hat also einen Anspruch an Gott, einen göttlichen Anspruch, auf jeden Schmerz, jeden Mangel, jede Enttäuschung oder jedes Elend, das ihm helfen würde, ihm selbst den Narren zu zeigen, der er ist; er hat einen Anspruch, gestraft zu werden bis zur Züchtigung mit Skorpionen,[30] dass ihm nicht ein einziger Schlag erspart werde, der ihn zur Umkehr drängen mag; ja, er hat einen Anspruch darauf, in die äußerste Finsternis geschickt zu werden, ob wir es Hölle nennen oder irgendetwas unaussprechlich Schlimmeres, wenn nichts anderes helfen will.[31] Er hat einen Anspruch darauf, zur Umkehr genötigt zu werden; von allen Seiten eingehegt zu werden; einen nach dem anderen der starken, spitz-zahnigen Hütehunde des großen Hirten auf sich angesetzt zu bekommen, ihn in jedem Verlangen zu behindern, in jedem Plan vereitelt zu werden, in jeder Hoffnung frustriert zu werden, bis er auf lange Sicht dahin kommt zu erkennen, dass nichts seinen Schmerz lindern wird, nichts das Leben wert macht, es zu besitzen, außer die Gegenwart des lebendigen Gottes in ihm; dass nichts gut ist außer dem Willen Gottes; nichts edel genug für das Verlangen des menschlichen Herzens, als Einssein mit dem Ewigen. Denn dieser Gott muss ihn dazu veranlassen, sein Dasein zu ergeben, dass Er einziehen kann und Wohnung bei ihm nehmen.[32]
Dass der Mensch keinen dieser Ansprüche durchsetzen wollte, bedeutet nichts; denn es ist kein Mensch, welcher sie ihm schuldet, sondern der ewige Gott, welcher durch seinen eigenen Willen zum Recht gegen das Geschöpf, das er gemacht hat, gebunden ist, sie durchzusetzen. Gott muss sich vor sich selbst verantworten für diese Idee; er hat es zu schaffen mit dem Bedürfnis der Natur, die er gemacht hat, nicht mit der selbst-gezeugten Wahl des selbst-zerstörten Menschen. Seine Leuchte brennt noch schwach in der Seele des Menschen; diese Leuchte muss strahlen wie die Sonne. Denn was ist die alles-durchdringende Unzufriedenheit seines elenden Daseins als nur ein unerkannter Hunger nach der Gerechtigkeit seines Vaters. Die von Gott gemachte Seele hungert solcherart, obwohl das selbstsüchtige, um sich greifende Selbst, welches sein Bewusstsein ist, nur nach geringen und selbstsüchtigen Dingen hungert, stets versuchend, doch vergebens, sein gemeines, enges Inneres mit Spreu zu füllen, zu armselig für seine Armuts-verhafteten Leidenschaften. Denn selbst die würdeloseste Kammer der Seele, welche der Tempel des vergöttlichten Selbst ist, kann mit nichts weniger als Gott gefüllt werden; das um sich greifende Selbst muss elend sein, bis es aufhört, sich selbst im Spiegel Satans anzublicken und die Tür seiner allerinnersten Kammer dem Gott öffnet, welcher dort wohnen will und Frieden schaffen.
Der, welcher in das Angesicht Gottes in Christus Jesus geschaut hat, dessen Herz überfließt, wenn auch noch so wenig, mit entgegnender Liebe, sieht Gott mit gefüllten Händen stehen, den Überfluss zu geben, für welchen er seine Kinder geschaffen hat, und diese Kinder bleiben zurück, weigern sich zu nehmen, zweifeln am Gottes-Herzen, welcher sich selbst vollkommen in Wahrheit und Liebe weiß.
Es ist zunächst nicht einfach zu sehen, worin Gott Hiob irgendeine Antwort gibt; ich kann nicht finden, dass er ihm die geringste Erklärung anbietet, warum er ihn so heimgesucht hat. Er rechtfertigt ihn in seinen Worten; er sagt, dass Hiob geredet hat, was recht ist, ihn betreffend, und seine Freunde nicht; und er ruft vor ihm, eines nach dem anderen, die Werke seiner Hände auf.[33] Die Antwort, wie einige der Antworten unseres Herrn, wenn nicht alle von ihnen, scheint an Hiob selbst gerichtet zu sein, nicht an seinen Verstand; an die offenbarende, Gott-ähnliche Vorstellungskraft im Menschen und nicht an irgendein logisches Vermögen. Sie besteht in einer Äußerung der Macht Gottes wie sie in seinen geschaffenen Werken zu sehen ist und von den Menschen jener Zeit bewundert wird; und alles, was in Bezug auf sie gesagt wird, hat damit zu tun, wie sie sich in den Augen der Menschen zeigt. In dem, was zu den tieferen Bedeutungen der Natur und ihrer Vermittlung zwischen uns und Gott gehört, sind die Erscheinungen der Natur die Wahrheiten der Natur, weit tiefer als irgendwelche wissenschaftlichen Entdeckungen in ihnen und sie betreffend. Das Schauen der Dinge ist das, worum sich Gott am meisten kümmert, denn ihr Anschauen ist das Angesicht von weit tieferen Dingen als sie selbst es sind; wir sehen in ihnen, wie durch dunkles Glas, das Angesicht des Unsichtbaren. Es ist durch ihre Ansicht, nicht durch ihre Analyse, dass wir in ihre tiefsten Wahrheiten eintreten. Was sie zu der kindhaften Seele sagen, ist das wahrhaftigste Ding, das von ihnen erfasst werden kann. Eine Schlüsselblume zu erkennen ist eine höhere Sache, als ihre ganze Botanik zu kennen – gerade wie Christus zu kennen eine unendlich höhere Sache ist als alle Theologie zu kennen, alles, was über seine Person gesagt ist oder über sein Werk geplappert. Der Leib des Menschen existiert nicht um seiner verborgenen Geheimnisse willen; seine verborgenen Geheimnisse existieren um des Äußeren willen – für das Angesicht und die Gestalt, in welchen Offenbarung wohnt: seine Außenseite ist sein Tiefstes. So existiert die Natur genauso zuerst wegen ihres Angesichtes, ihrer Ansicht, ihrer Wirkung auf das Herz und die Vorstellungskraft, ihr einfacher Dienst am menschlichen Bedürfnis und nicht wegen der Geheimnisse, die in ihr zu entdecken sind und um zum weiteren Nutzen des Menschen angewendet zu werden. Was im Namen Gottes ist unser Wissen von den Elementen der Atmosphäre gegen unser Wissen von den Elementen der Natur? Was sind ihr Sauerstoff, ihr Wasserstoff, ihr Stickstoff, ihr Kohlensauerstoff, ihr Ozon und all der mögliche Rest[34] gegen das Wehen des Windes in unseren Gesichtern? Was ist die Analyse des Wassers gegen das Plaudern eines fließenden Stromes? Was ist irgendein Wissen der Dinge für das Herz neben seinem Kinder-Spiel mit dem Ewigen! Und durch eine unendliche Zersetzung werden wir nicht mehr wissen von dem, was ein Ding wirklich ist, denn, in dem Augenblick, wo wir es zersetzen, hört es auf zu sein und all seine Bedeutung ist entschwunden. Unendlich viel mehr als selbst Astronomie, welche nichts zerstört, für uns tun kann, wird durch den bloßen Aspekt und Wandel der Wölbung über unseren Köpfen bewirkt. Denkt für einen Augenblick, was wäre unsere Idee von Größe, von Gott, von Unendlichkeit, vom Aufstreben, wenn wir statt unter einem blauen, weit entfernten, lichtdurchfluteten Firmament unter einer flachen weißen Decke geboren und aufgezogen worden wären! Ich will nicht, dass von mir angenommen wird, ich würde die Mühen der Wissenschaft abwerten, doch ich sage, ihre Entdeckungen sind unaussprechlich weniger kostbar als die bloßen Geschenke der Natur, jene, welche wir, vom Morgen bis zum Abend, gedankenlos von ihren Händen annehmen. Eines Tages, ich bin sicher, werden wir in der Lage sein, in ihre Geheimnisse aus ihrem Inneren heraus einzutreten – durch natürlichen Bezug zwischen unserem Herzen und ihren. Wenn wir eins sind mit Gott, mögen wir wohl in einer Stunde Dinge verstehen, die kein Mann der Wissenschaft, seine Nachforschungen von der Oberfläche her verfolgend mit all den Mitteln, die der schärfste menschliche Intellekt bereitstellen kann, in der längsten Lebenszeit erreichen würde. Ob solche Macht jemals zu irgendeinem Menschen in dieser Welt kommen wird oder nur in irgendeinem Zustand der Existenz jenseits davon, spielt keine Rolle für mich: die Frage interessiert mich nicht; das Leben ist eines und die Dinge werden dann sein, was sie jetzt sind; denn Gott ist einer und derselbe dort und hier; und ich werde dort derselbe sein, der ich hier bin; wie viel größer das Leben auch wäre, mit welchem mich auszustatten es dem Vater meines Seins wohlgefallen mag.
Das Argument, das in der Dichtung angedeutet, nicht ausgedrückt wird, scheint dieses zu sein – dass Hiob, Gott in Macht so weit jenseits von sich selbst sehend und seine Werke so weit jenseits seines Verständnisses, dass sie ihn mit Erstaunen und Bewunderung erfüllen – die weite Pracht der Schöpfung, die Zeiten und Jahreszeiten, die Wunder der Himmel, die Quellen des Meeres und die Tore des Todes; die Tiere, ihre Nachkommen und Versorgung, ihre Schönheiten und Triebe; die befremdlichen und erschreckenden Bestien, die anderen übertreffend, Behemoth auf dem Land, Leviathan im Meer,[35] nun vielleicht verschwunden aus der Welt der Lebenden; – dass Hiob, diese Dinge wahrnehmend, begreifen hätte müssen, dass er, welcher so großartig jenseits seines Verständnisses wirken konnte, gewisslich Weisheit gebrauchen muss in Dingen, die ihn näher berührten, obwohl sie seinem Verstehen nicht näher kommen: „Will mit dem Allmächtigen rechten der Haderer? Wer Gott tadelt, soll´s der nicht verantworten?“[36] „Solltest du mein Urteil zunichtemachen und mich verdammen, dass du gerecht seist?“[37] In dieser Welt ist Macht kein Beweis für Gerechtigkeit; doch war es wahrscheinlich, dass er, welcher erschafft, ungerecht sein sollte? Bewegte nicht alles, was er gemacht hat, die Wonne des betrachtenden Menschen? Deuteten solche Dinge Ungerechtigkeit an gegen das Geschöpf, das er nach seinem Bilde gemacht hatte? Wenn Hiob sein Verständnis in diesen Dingen nicht befragen konnte, warum sollte er seinen Fall ins Dunkel der Ungerechtigkeit gehüllt schlussfolgern? Verstand er sein eigenes Dasein, Herkunft und Schicksal? Sollten nicht in diesen Dingen Gottes Wege ebenso jenseits seines Verständnisses sein? Sollte er ihm nicht vertrauen, dass er ihm Gerechtigkeit tat? In solch hohen Angelegenheiten wie den Rechten einer lebenden Seele, sollten da nicht Gegenstände beteiligt sein, die für Hiob zu hoch waren? Der Schöpfer Hiobs war so viel größer als Hiob, dass seine Wege mit ihm wohl jenseits seines Verständnisses sein mochten! Gottes Gedanken waren höher als seine Gedanken, wie die Himmel höher waren als die Erde![38]
Das wahre Kind, der gerechte Mensch, wird vollkommen vertrauen, gegen allen Anschein, dem Gott, welcher in ihm die Liebe zur Gerechtigkeit erschaffen hat.
Gott erzählt Hiob nicht, sage ich, warum er ihn geplagt hat: er weckt sein Kinder-Herz zum Vertrauen auf. Den Rest von Hiobs Leben auf Erden, stelle ich mir vor, würden seine langsam verblassenden Verwirrungen ihn immer wieder neu an Betrachtungen von Gott und seinen Wegen geben, neue Möglichkeiten, ihm zu vertrauen, Licht auf viele Dinge in Bezug auf welche er noch nicht begonnen hat zu zweifeln, hinzugefügte Mittel des Wachstums in alle Richtungen in die Erkenntnis Gottes. Seine Verwirrungen würden sich so als göttlichstes Geschenk erweisen. Alles, in Wahrheit, was wir nicht verstehen können, ist ein verschlossenes Buch größerer Erkenntnis und Seligkeit, dessen Schließen die gesegnete Verwirrung uns zu öffnen drängt. Es gibt nichts, kann nichts geben, was nicht in sich selbst eine gerechte Verständlichkeit ist – ob eine Verständlichkeit für uns, zählt nichts. Die schreckliche Sache wäre, dass irgendetwas in der Natur Gottes Unverständlichkeit wäre: das wäre dasselbe wie kein Gott. Dass Gott weiß, ist genug für mich; ich werde wissen, wenn ich wissen kann. Es wäre Tod zu denken, Gott wüsste nicht; es würde so viel bedeuten, wie zu schlussfolgern, dass es keinen Gott gibt zu wissen.
Wieviel mehr als Hiob sind wir gebunden, die wir ihn in seinem Sohn als Liebe kennen, Gott zu vertrauen in all den bekümmernden Fragen, die sich uns aufdrängen, in Bezug auf all die Beweggründe und Auswirkungen der Dinge! Um all das wegen der niedrigeren Tiere, um all das wegen solcher Seelen wie niemals zu erwachen scheinen oder wieder in den Schlaf des Todes zu fallen scheinen, werden wir ihm vertrauen.
In dem Durcheinander von Hiobs Gedanken – wie konnten sie anders als durcheinander sein in der Gegenwart des schrecklichen Widerspruchs von zwei solchen Fakten wie sie einander entgegenstanden, dass Gott gerecht war und doch einen gerechten Mann bestraft, als wäre er bösartig? – während er noch nicht in der Lage war, den Gedanken zu erzeugen oder zu empfangen, dass zustimmende Liebe selbst Qual zufügen oder erlauben mochte – dass solches Leiden wie das seine nur einem gerechten Menschen zuteilwurde, damit er vollkommen gemacht würde – kann ich mir gut vorstellen, dass er zeitweise, in einem Augenblick Gottes Gerechtigkeit bezweifelte und im nächsten laut ausrief: „Obwohl er mich schlägt, will ich ihm vertrauen.“[39], da muss in das Chaos ein Element gemischt gewesen sein, die Existenz Gottes zu bezweifeln. Lasst solchen Zweifel nicht als einen fortgeschrittenen Zustand des Unglaubens gelten. Die Existenz Gottes zu leugnen mag, so widersprüchlich die Aussage einigen zuerst erscheinen wird, weniger Unglauben einschließen als das kleinste Nachgeben dem Zweifel an seiner Güte. Ich sage Nachgeben; denn ein Mensch mag von Zweifeln heimgesucht sein und dadurch nur im Glauben wachsen. Zweifel sind die Botschafter des Lebendigen, die Aufrichtigen aufzuwecken. Sie sind das erste Klopfen an unserer Tür der Dinge, die noch nicht verstanden sind, aber verstanden sein sollen; und ihrer ist der ungastliche Empfang von Engeln, die nicht in ihrer eigenen Gestalt kommen. Zweifel muss jeder tieferen Versicherung vorausgehen; denn Unsicherheiten sind, was wir zuerst sehen, wenn wir in ein bisher unbekanntes Gebiet schauen, unerforscht, unerschlossen. In allem Bitten und Sehnen Hiobs, Gott zu sehen, mag also wohl angenommen werden, dass sich das mächtige Verlangen dareinmischt, über Gottes Dasein versichert zu sein. Ihn anzuerkennen bedeutet nicht, sich Gottes sicher zu sein. Ein bedeutender Punkt in der Dichtung ist – dass, als Hiob die Stimme Gottes hört, obwohl sie kein Wort der Erklärung äußert, es genug ist für ihn, sie zu hören: er weiß, dass Gott ist und dass er den Schrei seines Geschöpfes hört. Dass er da ist, alles über ihn weiß und was ihn getroffen hat, ist genug; er braucht nicht weiter scheinbare Widersprüche zusammenzuführen und die schlimmsten Übel des äußeren Lebens werden erträglich. Selbst wenn Hiob zuerst seinem Argument der göttlichen Wahrscheinlichkeit nicht folgen konnte, hat Gott für ihn alles ausgeglichen als er, indem er ihm aus dem Wirbelsturm antwortete, ihm zeigte, dass er ihn nicht verlassen hatte. Es ist wahr, dass nichts als eine weit nähere göttliche Gegenwart jemals das Leben zu einer Sache machen könnte, die für einen Sohn des Menschen angemessen ist – und das aus dem einfachsten aller Gründe, dass er im Bilde Gottes gemacht ist und es ist für ihn völlig unerlässlich, dass er in ihm die Wirklichkeit besitzen soll, von welcher sein Dasein das Bild ist: während er es nicht in sich besitzt, ist sein Dasein, sein bewusstes Selbst, nur eine Maske, eine geistliche Leere; doch für den gegenwärtigen Augenblick war Hiob, sich Gott ergebend, beruhigt und zufrieden. Vielleicht kam er auf lange Sicht dahin zu sehen, dass, wenn irgendetwas, das Gott ihm tun könnte, ihn so bekümmerte, dass es ihn an Gott zweifeln macht – wenn er ihn so unvollkommen kannte, welcher gar nichts übles tun konnte, es dann Zeit war, dass er so bekümmert würde, auf dass die Unvollkommenheit seiner Erkenntnis von Gott und sein Mangel an Glauben ihm offenbart werden sollte – dass eine Erschütterung seines Dasein seine Hohlheit enthüllen sollte und zur gleichen Zeit das Gold Gottes an die Oberfläche bringen, das in ihm war. Zu wissen, dass unser Glaube schwach ist, ist der erste Schritt zu seiner Stärkung; fähig zu sein zum Misstrauen ist Tod; zu wissen, dass wir es sind und zu rufen, bedeutet anzufangen zu leben – anzufangen solcherart geschaffen zu sein, dass wir nicht misstrauen können – solcherart, dass Gott alles mit uns tun mag und wir niemals an ihm zweifeln. Bis Zweifel unmöglich ist, haben wir Mangel an der wahren kindhaften Erkenntnis Gottes; denn entweder ist Gott solcherart, dass man ihm misstrauen müsste, oder er ist solcherart, dass ihm zu misstrauen die größte Ungerechtigkeit ist, welcher ein Mensch schuldig sein kann. Wenn wir also in der Lage sind, ihm zu misstrauen, kennen wir Gott entweder unvollkommen oder wir kennen ihn gar nicht. Vielleicht lernte Hiob etwas in der Art; wie auch immer, das Ergebnis von dem, was er zu erdulden hatte, war eine größere Nähe zu Gott. Doch alles, was er in diesem Augenblick bestimmt war anzunehmen, war das Argument von Gottes liebender Weisheit in seiner Macht, von seiner liebenden Weisheit in allem. Denn Macht ist eine wirkliche und gute Sache, indem sie einen unmittelbaren Eindruck davon gibt, dass sie aus Güte entspringt. Noch, wie lange es dauern mag, nachdem Güte vergangen ist, war sie je aus etwas anderem geboren als nur Güte. In einem sehr tiefen Sinn sind Macht und Güte eins. In der tiefsten Tatsache sind sie eins.
Gott sehend vergisst Hiob alles, was er sagen wollte, alles, was er dachte, er würde es sagen, wenn er ihn nur sehen könnte. Der Schluss der Dichtung ist großartig abrupt. Er hatte sich vorgenommen, seinen Fall vor ihm darzulegen; er hatte danach verlangt, ihn zu sehen, auf dass er sprechen und sich verteidigen mochte, sich vorstellend, dass Gott ebenso gut wie seine gerechten Freunde ihn fälschlich anklagen würde; doch seine Sprache ist von ihm gewichen; er hat nicht ein Wort zu sagen. Sich selbst zu rechtfertigen in der Gegenwart von Ihm, welcher Gerechtigkeit ist, erscheint ihm als was es ist – Narrheit und nutzlose Mühe. Wenn Gott ihn nicht als gerecht ansieht, ist er nicht gerecht und mag stille sein. Wenn er gerecht ist, weiß Gott es besser als er selbst es weiß. Nein, wenn Gott sich nicht darum kümmert, ihn zu rechtfertigen, hat Hiob sein Interesse daran verloren, sich selbst zu rechtfertigen. All die Übel und Unvollkommenheiten seiner Natur steigen vor ihm auf in der Gegenwart des einen Reinen, des einen, welcher recht ist und keine Selbstsucht in sich hat. „Siehe“, ruft er aus „ich bin leichtfertig gewesen; was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Einmal habe ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht wieder tun.“[40] Dann wieder, nachdem Gott vor ihm Behemoth und Leviathan als Zeugen gerufen hat, entgegnet er „Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Unverstand?“[41] Diese Frage war das Wort, mit welchem Gott ihn zuerst seine Gegenwart wissen ließ; und im Munde Hiobs, der nun die Frage wiederholt, liegt das demütige Bekenntnis „Ich bin dieser närrische Mann.“ – „Darum“, fährt er fort „bekenne ich, dass ich habe unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.“[42] Er hatte nicht Erkenntnis genug, um ein Recht zu sprechen zu haben. „So höre nun, lass mich reden.“ – in der kommenden Zeit wird er noch rufen – gelehrt zu werden, sich selbst nicht zu rechtfertigen. „Ich will dich fragen, lehre mich!“[43] – Desto eifriger wird er noch suchen, den Ratschluss Gottes zu kennen. Dass er nicht verstehen kann, wird ihn nicht länger betrüben; es wird ihn nur zu frischem Bestreben drängen nach der Erkenntnis von ihm, welcher in all seinem Tun vollkommen ist. „Ich hatte von dir vom Hörensagen gehört; aber nun haben meine Augen dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.“[44]
Hiob hatte sein Verlangen: er sah das Angesicht Gottes – und verabscheute sich selbst in Sack und Asche.[45] Er suchte Rechtfertigung; er fand Selbst-Abscheu. War dies Bestrafung? Nichts könnte weiter davon entfernt sein. Es war die beste Sache – um anzufangen – dass das Angesicht Gottes für ihn tun konnte. Selbst-Abscheu ist das seligste Geschenk, wenn der Geber davon die sichtbare Herrlichkeit des Lebendigen ist. Denn so zu sehen heißt teilzuhaben; in der Lage zu sein, diese Herrlichkeit zu schauen, heißt zu leben; vom Selbst und gegen das Selbst sich zu wenden heißt anzufangen, reinen Herzens zu sein.[46] Hiob war im Recht, als er sagte, dass er es nicht verdiente, in solcher Weise für seine Sünden bestraft zu werden: noch verdiente er es, das Angesicht Gottes zu sehen, und doch wurde ihm diese Krönung aller Gaben gegeben – und das bedeutete, sich selbst als nichtig zu sehen und sich selbst zu verabscheuen. Durch eben das Mittel der Leiden, gegen welche er geschrien hat, kam der Lebendige ihm nahe und er war still. Oh, die göttliche Großzügigkeit, die uns gewährt, beschämt zu werden und selbst-verurteilt vor dem Heiligen! – ihm so nahe zu kommen, dass wir selbst uns als dunkle Flecken gegen Seine Helligkeit sehen! Wahrhaftig müssen wir von seiner Art sein, anderenfalls könnte keine Schau von ihm uns klein und hässlich und unrein fühlen lassen! Oh, die Liebe des Vaters, dass er uns schenkt, uns selbst mit ihm zu vergleichen und in Demut und Beschämung begraben zu werden! Vor ihm zurechtgewiesen zu werden heißt, ihm zu gehören. So ein guter Mann wie Hiob auch war, war er Gott doch niemals richtig nahe, nun ist Gott ihm nahegekommen, ist ihm sehr wirklich geworden; er weiß nun in der Tat, dass Gott der ist, mit welchem er es zu tun hat. Er hat ihm all diese Kümmernisse auferlegt, dass Er ihn durch sie nahe zu sich ziehe und ihn befähige, ihn zu erkennen.
Zwei Dinge sind klar in dieser Dichtung enthalten und offenbaren sich daraus: – dass nicht jeder Mensch es verdient, für seine Sünden auf ewig von der Gegenwart Gottes fort bestraft zu werden; und dass der beste aller Menschen, wenn er das Angesicht Gottes sieht, sich selbst als nichtig erkennen wird. Gott ist gerecht und wird mit dem Sünder niemals so umgehen, als wenn er fähig wäre, aus purer Sündhaftigkeit zu sündigen; und doch, wenn der beste Mensch nicht von sich selbst erlöst wird, wird dieses Selbst ins Tophet sinken lassen.
Jedermann mag, wie Hiob, seinen Fall mit Gott verhandeln – obwohl es möglicherweise nicht zur gleichen Rechtfertigung führt: er gibt uns Freiheit zu reden und wird mit vollkommener Fairness hören. Doch, gepriesen sei Gott, dies eine Ergebnis für alle, welche sich ihm so nahen, wird sein – ihn deutlich, zuverlässig recht, den vollkommenen Retter, die gründlichste Zuflucht selbst vor dem Falsch ihres eigenen Daseins, zu sehen, ja, ihnen immer näher als irgendein Falsches, was sie begehen könnten; ihn so sehend, werden sie sich selbst verabscheuen und in ihm jubeln. Und, wie die Dichtung andeutet, wenn wir uns von uns selbst zu ihm wenden, wahrhaftig werdend, das heißt, für Gott und uns selbst seiend, was wir sind, wird er unsere Gefangenschaft wieder wenden; jene, die mit Tränen gesät haben, werden mit Freuden ernten; sie werden zweifellos wiederkehren mit Jubel, ihre Garben einbringend. Dann werden die Wasser aus Gottes Quellen steigen und strömen.[47]
Denn der Wohlstand, der auf Hiobs Ergebung folgt, ist die Verkörperung einer großen Wahrheit. Obwohl ein Mensch das Rechte tun muss, wenn es ihn auch zum Hades schickt, ja, selbst wenn es bedeutete, ihn für immer zur Hölle selbst zu schicken, brauchen wir uns, solange der Herr lebt, nicht zu fürchten: alle guten Dinge müssen aus dem einen zentralen Guten erwachsen und daran hängen, das eine Gesetz des Lebens – Der Wille, das Eine Gute. Sich ihm völlig ergeben, ist die einzige Vernunft: die Umstände als auch alles Dasein muss dann knospen und blühen wie die Rose. Und das werden sie! – was zählt es, ob in dieser Welt oder der nächsten, wenn ich mein Leben eines Tages als eine vollkommene Wonne weiß, weder Begrenzung noch Hinderung noch Schmerz noch Sorge mehr habend, als es in Frieden und völliger Zuversicht herrschen kann?
Es kümmert mich nicht, ob das Buch Hiob Geschichte oder Dichtung ist. Ich denke, es ist beides – es kümmert mich nicht, in welchem Verhältnis jeweils. Es war vielleicht in den kindhaften Tagen der Welt eine wohlbekannte Geschichte im Osten, welche irgendein Mensch, welchen Gott weise gemacht hatte, seinen Willen und seine Wege zu verstehen, aufnahm und nach der Weise eines Poeten erzählte. Was ihr Alter sein mag, wer kann das sicher sagen! – es muss vor Mose gewesen sein. Ich würde gerne den Teil Elihus[48] als einen Einschub ausschließen. Einer, in welchen von allen Menschen, die ich gekannt habe, ich das größte Vertrauen setze, sagte mir einst, was auf dies hinausläuft: „Es ist ein großer Unterschied zwischen der Sprache der restlichen Dichtung und der von Elihu, wie zwischen der Sprache von Chaucer und der Shakespeares.“
Die Dichtung ist aus vielen Gründen schwierig und im Original für mich unzugänglich;[49] doch durch alle offensichtliche Unzulänglichkeit unserer Übersetzung hindurch, wer kann da fehlgehen, zwei Seelen zu hören, die des Poeten und die des Hiob, laut ausrufend mit der schmerzerfüllten Hoffnung, dass, lasst das Übel drumherum aussehen, wie es will, Wahrheit und Gerechtigkeit doch das Herz der Dinge sind. Der Glaube, selbst die Hoffnung Hiobs scheint zeitweise an dem Punkt des Nachgebens zu sein; er kämpft wie ein ertrinkender Mann, wenn die Woge über ihn geht, doch mit dem Aufheben seines Kopfes kehrt der Mut zurück. Christen nennen wir uns selbst! – was wäre unser Glaube, wäre er so viel größer als Hiobs, wie das Wort aus dem Munde Jesu mächtiger ist als das, was er aus dem Wirbelsturm hörte! Hier ist tatsächlich ein Buch des Glaubens, ehe das Gebot durch Mose gegeben wurde: Gnade und Wahrheit haben uns besucht[50] – doch wo ist unser Glaube?
Freunde, unser Kreuz mag schwer sein und die via dolorosa[51] hart; doch wir haben Ansprüche an Gott, ja, das Recht, zu ihm um Hilfe zu schreien. Er hat sich selbst gegeben und er gibt sich selbst, um uns unser Geburtsrecht zu erteilen, welches Gerechtigkeit ist. Obwohl wir nicht für unsere Sünden verurteilt werden, können wir nicht gerettet werden außer, indem wir sie verlassen; obwohl wir nicht für die Sünden verurteilt werden, die vergangen sind, werden wir verurteilt werden, wenn wir die Finsternis mehr lieben als das Licht[52] und uns weigern, zu ihm zu kommen, dass wir Leben haben mögen. Gott bietet uns das eine Ding an, ohne welches wir nicht leben können – sich selbst: wir müssen Raum für ihn schaffen; wir müssen unsere Herzen reinigen, dass er hineinkomme; wir müssen tun, wie der Meister uns sagt, welcher alles über den Vater wusste und den Weg zu ihm – wir müssen uns selbst verleugnen und unser Kreuz auf uns nehmen täglich und ihm nachfolgen.[53]
[1] George MacDonald schreibt hier „poem“, wörtlich übersetzt „Gedicht“. Da für längere Texte, die eine Art Epos bilden, im Deutschen das Wort Gedicht keine übliche Verallgemeinerung ist, entschied sich die Übersetzerin durchgängig für das Wort „Dichtung“.
[2] Hiob 2, 7 – 8
[3] Die Gestalten der antiken Mythen werden oft als Prototypen des menschlichen Daseins verstanden. Der Titan Prometheus ist hier der Typus des Rebellen, der sich gegen einen ungerechten Tyrannen auflehnt. Die Bestrafung durch den Tyrannen-Gott Zeus wird von Prometheus demzufolge als die Handlung eines ungerechten Herrschers begriffen und ertragen. Prometheus leidet zur Strafe für den Diebstahl des Feuers und seine Herausgabe an die Menschen, er wird durch Zeus an einen Felsen gekettet, ein Adler frisst immer wieder von seiner Leber, die sich stets erneuert. Diese endlose Qual ist zwar schrecklich, aber das Leiden wird als logische Folge begriffen. Im Gegensatz dazu beschreibt MacDonald in den folgenden Zeilen die Gestalt Hiob als den Typus des leidenden Menschen, dessen Leid scheinbar keine logische Ursache hat. So besteht die eigentliche Qual nicht in den Verlusten und körperlichen Leiden Hiobs, sondern in der Verzweiflung über die Unlogik, warum ein guter Gott an einem gerechten Menschen ungerecht handeln sollte. Dieser Widerspruch, die Frage nach der Ursache und dem Grund unverdienten, scheinbar willkürlichen Leidens in dieser Welt und die Frage, warum und wozu ein als gut erkannter Gott es zulässt, sind das Grundthema des Buches Hiob.
[4] Ein Anhänger der Philosophie der Stoa nimmt sein Leiden geduldig hin, ohne sein Schicksal jammernd zu beklagen.
[5] „Otterngezücht“: zum Beispiel wie in Matthäus 3, 7 / Matthäus 12, 34 / Matthäus 23, 33 / Lukas 3, 7 Jesus verwendet diesen Ausdruck in seinen Reden gegen die Pharisäer, um ihre Falschheit und Heuchelei bloßzustellen. MacDonald verwendet häufiger Ausdrücke aus der Bildersprache der Bibel, um eigene Gedanken zu unterstreichen.
[6] Hiob 1, 3
[7] Diese Ereignisse werden in den ersten beiden Kapiteln des Buches Hiob beschrieben.
[8] Hiob 14, 3
[9] In Johannes 1 begegnen Nathanael und Jesus einander und Jesus sagt von ihm: „Siehe, ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist.“ (Joh 1, 47) Nathanael als Prototyp eines aufrichtigen, ehrlichen Menschen, der das Gute will und das Böse nie willentlich tun würde.
[10] Anspielung auf das Volk Israel, das am Berg Sinai stand und aus Angst vor der Stimme Gottes darum bat, dass nur Mose mit Gott sprechen solle und ihnen übermitteln, was Gott sagte. 2. Mose 20, 18 -19
[11] Das Wort Tophet ist in seiner Bedeutung sehr komplex. Es steht in den Texten des Alten Testamentes für einen Ort / ein Ritual des Götzendienstes, eine Feuerstelle zum Beispiel im Tal der Söhne Hinnom, wo fremden Göttern Opfer dargebracht wurden. Zugleich ist es bei den Propheten ein Bild für Gericht und Unrat. In christlicher Tradition wird der Begriff teilweise mit Hölle in Verbindung gebracht. Es ist in jedem Fall ein Ort des „Gräuels“, fern von Gott. In dieser sinnbildlichen Bedeutung wird es hier auch von George MacDonald verwendet.
[12] Anspielung auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn. In gewisser Hinsicht war das verelendete Ende unter den Schweinen das persönliche „Tophet“ des verlorenen Sohnes, sein tiefstes Herabsinken, das ihn schließlich zur Umkehr bewog.
[13] In der Sage von Ödipus belagert die Sphinx die Stadt Theben und stellt den Vorbeikommenden Rätsel. Wenn sie diese Rätsel nicht lösen können, werden sie von ihr gefressen.
[14] Der Teufel wird auch „Verkläger der Brüder“, „Ankläger“ genannt, der vor Gott die Menschen anklagt. Gott hingegen wird oft als Richter verstanden, aber offenbart sich Stück für Stück in den Schriften der Bibel als ein Anwalt und Verteidiger – Fleisch geworden in Christus als „Mittler“ zwischen Mensch und Gott gegen die Anklagen des Teufels.
[15] Hiob 1, 8
[16] Hiob 40, 4
[17] Hiob 7, 12
[18] Hiob 13, 27
[19] Hiob 13, 7
[20] Hiob 13, 8
[21] Hiob 13, 8
[22] Hiob 13, 9
[23] Hiob 13, 10
[24] Hiob 13, 11
[25] Hiob 23, 3 – 10
[26] Das Bild vom Menschen als dem Ton, der durch Gott den Töpfer geformt wird, stammt aus Jesaja 29 und Jeremia 18 – das Gleichnis der Propheten wurde und wird gerne in der christlichen Tradition verwendet und in diesem Sinne ist es auch oft überspannt worden, als sei der Mensch tatsächlich völlig unbeteiligt und willenlos und Gott weniger ein erschaffender Kunsthandwerker, der es gut machen will mit seinem Werk, sondern eher ein willkürlicher Diktator, der mit dem ihm ausgelieferten Gefäß verfährt wie er will, ohne dass sich dieses Gefäß so vehement beschweren dürfte wie Hiob es gerade tut.
[27] Hebräer 10, 9
[28] Johannes 8, 31 – 32
[29] Lukas 17, 10
[30] MacDonald verwendet hier wieder ein Bild aus der Bibel zur Verstärkung – es stammt aus 1. Könige 12 bzw. 2. Chronik 10, wo der Nachfolger von König Salomo dem Volk, das ihn um Erleichterung seiner Dienste bittet, hart antwortet, dass sein Vater sie mit Peitschen gezüchtigt hätte, er dies aber mit Skorpionen tun würde.
[31] Das Wort von der äußersten Finsternis, in die die Unbußfertigen geworfen werden, ist eines von Jesu Gerichtsworten. George MacDonald versteht diese Worte und das Bild der Hölle nicht im Sinne einer ewigen Qual zur Strafe, sondern zur Läuterung, dass letztlich jeder Mensch umkehren wird, weil Gott in seiner Barmherzigkeit alles dafür tut, dass seine Geschöpfe zu ihm zurückkehren, selbst wenn es bedeutet, sie unangenehmen Erfahrungen und Umständen zu überlassen, weil sie es selbst so wählen.
[32] Johannes 14, 23
[33] Hiob Kapitel 38 bis 41
[34] George MacDonald hat Chemie studiert und greift hin und wieder gerne auf Beispiele aus der Chemie zurück, um den Unterschied zwischen den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Erkenntnis göttlicher Wahrheit herauszuarbeiten. Hier handelt es sich grob um die tatsächliche Zusammensetzung der Luft, die wir atmen.
[35] Behemoth: Hiob 40, 15 / Leviathan: Hiob 41, 1 – mythische Ungeheuer, die hier Erwähnung finden als Wunderwerke Gottes. Der Behemoth ähnelt einem Flusspferd, der Leviathan einer Mischung aus Walfisch und Drachen.
[36] Hiob 40, 2
[37] Hiob 40, 8
[38] Jesaja 55, 8 – 9
[39] Hiob 13, 15
[40] Hiob 40, 4 – 5
[41] Hiob 42, 2 – 3
[42] Ebd.
[43] Hiob 42, 4
[44] Hiob 42, 5 – 6
[45] Ältere Übersetzungen des Buches sprechen in Hiob 42, 6 davon, dass Hiob sich schuldig spricht oder sich selbst verabscheut, modernere Übersetzungen schreiben hier, dass er seine Worte widerruft und Buße tut. Dies würde jedoch dem Grundthema des Buches – ein Mann, der unverschuldet leidet – widersprechen. Diese Form der Buße hat weniger mit Schuldbekenntnis zu tun, sondern vielmehr mit der Schuldigkeit des Geschöpfes an sich, das nur aus dem Schöpfer leben kann – seine Bedürftigkeit ist seine Schuldigkeit. George MacDonald nutzt die ältere Variante einer Übersetzungsmöglichkeit, um den Punkt der Selbstabscheu zu betonen, die der unvollkommene Mensch empfinden kann, wenn er der Herrlichkeit Gottes begegnet und sich selbst als dieser Herrlichkeit ungenügend erkennt.
[46] Matthäus 5, 8
[47] George MacDonald zitiert hier indirekt den Jubel-Psalm 126.
[48] Neben den drei Freunden, die kommen, um Hiob zu trösten und mit ihm über seine Schuld oder Unschuld zu argumentieren, tritt später noch ein jüngerer Mann namens Elihu hinzu, der Hiob zurechtweist. Es gibt gute Argumente dafür, diese Passagen als späteren Einschub zu werten. In der Forschung versteht man auch die Auseinandersetzung mit den drei Freunden als hinzugefügten Teil. Die zugrundeliegende Geschichte des leidenden Mannes ist der ursprünglichste Kern einer sehr alten Überlieferung, die nicht konkret zu datieren ist.
[49] Damit meint er, dass er die Original-Sprache (das Aramäische) des Buches Hiob nicht beherrscht.
[50] Johannes 1, 17
[51] Lateinisch für „Schmerzensweg“, der Leidensweg Jesu, im engeren Sinne sein ganz konkreter Gang durch Jerusalem bis hin zur Hinrichtungsstätte Golgatha außerhalb der Stadt.
[52] Johannes 3, 19
[53] Lukas 9, 23 – Übergang zur nächsten Predigt
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