Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten II von George MacDonald – Kapitel 11: Selbstverleugnung

Selbstverleugnung

   „Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s erhalten.“ Lukas 9, 23 – 24

   Christus ist der Ausweg und der Eingang; der Weg aus der Sklaverei, der bewussten oder unbewussten, in die Freiheit; der Weg von der Unheimeligkeit der Dinge zu dem Heim, das wir verlangen, jedoch nicht kennen; der Weg von den stürmischen Rockfalten der Gewänder des Vaters zum Frieden seines Busens. Um ihn uns vorzustellen, benötigen wir nicht nur endlose Sprach-Figuren, sondern manchmal ziemlich gegensätzliche Sprach-Figuren: er ist nicht nur die Tür des Schafgeheges,[1] sondern der Hirte der Schafe;[2] er ist nicht nur der Weg,[3] sondern der Anführer auf dem Weg, der Fels, der mitfolgte[4] und der Hauptmann unserer Erlösung.[5] Wir müssen werden wie kleine Kinder[6] und Christus muss in uns geboren werden;[7] wir müssen von ihm lernen[8] und die eine Lehre, die er zu geben hat, ist er selbst: er tut zuerst alles, was er will, das wir tun; er ist zuerst alles, was er will, das wir sind. Wir müssen nicht bloß tun, wie er getan; wir müssen die Dinge sehen, wie er sie sah, wahrnehmen, wie er sie wahrnahm: wir müssen den Willen Gottes als das eigentliche Leben unseres Seins annehmen; wir müssen weder versuchen, unseren eigenen Weg durchzusetzen, noch uns damit bekümmern, was über uns gedacht oder gesagt werden mag. Die Welt muss nichts für uns sein.[9]

   Ich will nicht missverstanden werden, wenn ich es vermeiden kann: wenn ich die Welt sage, meine ich nicht die Welt, die Gott macht und meint, noch weniger die menschlichen Herzen, die darin leben; sondern die Welt, die der Mensch macht, indem er die Pervertierung seiner eigenen Natur wählt – eine Welt fern von und entgegengesetzt zu Gottes Welt. Mit der Welt meine ich alle Wege des Urteils, der Wahrnehmung und des Denkens, ob politisch, ökonomisch, kirchlich, sozial oder individuell, welche nicht göttlich sind, welche nicht Gottes Wege des Denkens, der Wahrnehmung oder des Urteils sind; welche Gott nicht in Betracht ziehen, seinen Willen nicht zuoberst setzen, als das einzige Gesetz des Lebens; welche sich nicht um die Wahrheit der Dinge kümmern, sondern die Gebräuche der Gesellschaft oder die Praxis des Geschäfts; welche nicht beachten, was recht ist, sondern die Gepflogenheit der Zeit. Von allem, was gegen die Lehre und das Denken Jesu ist, von der Welt im Herzen des besten Menschen in ihr, besonders von der Welt in seinem eigenen Herzen, muss der Jünger umkehren, ihm zu folgen. Die erste Sache allen Fortschritts ist, etwas hinter sich zu lassen; ihm zu folgen bedeutet, das eigene Selbst hinter sich zu lassen. „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst.“

   Einige scheinen anzunehmen, dies bedeutet, dass der Jünger gegen seine Vorlieben angehen muss, weil sie seine Vorlieben sind; dass er unempfänglich sein muss für die Neigungen und Richtungen und Absichten, die die seinen sind, weil sie solcherart sind und die seinen; sie scheinen zu denken, dass etwas gewonnen ist durch die Abstinenz dessen, was angenehm ist oder durch das Tun dessen, was unangenehm ist – dass die niedere Natur zu vereiteln, in sich selbst etwas Gutes ist. Nun will ich nicht wagen zu sagen, was ein Mensch nicht Gutes davon erhält, wenn die Sache in Einfachheit und Aufrichtigkeit ausgerichtet wird. Ich glaube, dass, wenn ein Mensch, um des Tuns der richtigen Sache willen, irrtümlich etwas tut, was nicht recht ist, Gott dafür sorgen wird, dass er den besseren Weg gezeigt bekommt – vielleicht gerade die Sache nutzen wird, welche sein Irrtum ist, um ihm den Irrtum, die sie ist, zu offenbaren. Ich will zugestehen, dass das bloße Bemühen des Willens, beliebig und unwissend der Pflicht gegenüber, teilhabend am Charakter der Tyrannei und auch der Spaltung, der Macht des Menschen über seine niedere Natur etwas hinzufügen mag; doch in ebendieser Natur ist es Gott, welcher herrschen muss und nicht der Mensch, wie gut auch immer er es meinen mag. Aus eines Menschen Herrschaft über sich selbst, in geringstem Widerstand, wie fromm auch immer, gegen das Gesetz seines Seins, erhebt sich, durch den Stolz der Selbst-Bezwingung, die riesige Gefahr des Nährens eines weit Schlimmeren als des ungezähmten tierischen Selbst – das dämonische Selbst. Wahrer Sieg über das Selbst ist der Sieg Gottes im Menschen, nicht des Menschen allein. Es ist nicht Unterwerfung, die genügt, sondern Unterwerfung durch Gott. In was immer der Mensch ohne Gott tut, muss er elend scheitern – oder noch elender erfolgreich sein. Kein Teil des Menschen kann einen anderen Teil beherrschen, denn Gott, nicht der Mensch, hat ihn geschaffen, und der Teil ist größer als das Ganze. In der Beeinflussung dessen, was Gott nicht meint, fällt der Mensch nur in neue kranke Zustände. Indem er seine natürlichen, daher in sich selbst richtigen Neigungen durchkreuzt, mag ein Mensch eine Selbst-Zufriedenheit entwickeln, welche in ihrer eigentlichen Natur eine Wurzel aller Sünde ist. Indem er die Sache tut, die Gott nicht von ihm verlangt, setzt er sich selbst an die Stelle Gottes, nicht ein Gesetz, sondern ein Gesetz-Geber für sich selbst werdend, einer, welcher befiehlt, nicht einer, welcher gehorcht. Die krankhafte Befriedigung, welche einige Geister darin fühlen, sich selbst Bürden aufzuerlegen, ist, so wenig wie sie es erahnen mögen, ein Hätscheln des gefährlichsten Appetits dieses Selbst, welches sie denken abzutöten. Alle Geschöpfe Gottes sind gut, mit Danksagung empfangen;[10] dann nur kann eines von ihnen böse werden, wenn es in Bezügen gebraucht wird, in welchen ein höheres Gesetz es verbietet, oder wenn es um der Selbst-Disziplin willen verweigert wird, in Bezügen, in welchen kein höheres Gesetz es verbietet und Gott es daher erlaubt. Für einen Menschen ist, sein eigener Schulmeister zu sein, eine recht gefährliche Stellung; vom Schüler kann nicht erwartet werden, dass er Fortschritte macht – außer, tatsächlich, in die falsche Richtung. Von Herzen sich erfreuen und dankbar und fröhlich zu sein ohne, wenn Gott will, dass wir sollen, ist der Weg in Bezug auf die Dinge der geringeren Natur zu leben; diese sollten keineswegs mit den Dingen der Welt vermengt werden. Wenn irgendeiner sagt, dies sei gefährliche Lehre, antworte ich: „Das Gesetz Gottes ist genug für mich, und was die von Menschen erfundenen Gesetze angeht, will ich keines davon. Sie sind falsch und kommen alle aus der Rebellion. Gott und nicht der Mensch ist unser Richter.“

   Wahrlich, Jesus heißt uns nicht das elende Selbst zu vereiteln und zu quälen. Dies war nicht der Zweck, zu welchem Gott es uns gegeben hat. Er heißt uns, dass wir es ganz und gar verlassen müssen – es unterordnen, es verleugnen, es ablehnen, es verlieren: nur solcherart werden wir es retten, nur solcherart werden wir Teil an unserem eigenen Sein haben. Das Selbst ist uns gegeben, dass wir es opfern mögen; es ist unseres, dass wir wie Christus etwas haben, es hinzugeben – nicht, dass wir es foltern sollten, sondern dass wir es verleugnen sollten; nicht, dass wir es kreuzigen sollten, sondern, dass wir es völlig verlassen sollten: dann kann es nicht mehr gereizt werden.

   „Was kann dies bedeuten? – Wir sollen nicht vereiteln, sondern verlassen? Wie verlassen, ohne zu vereiteln?“

   „Es bedeutet dies: – wir müssen das Selbst als ein beherrschendes oder bestimmendes oder ordnendes Element in uns ganz und gar ablehnen, verlassen und verleugnen. Es soll nicht länger der Bestimmer unseres Handelns sein. Wir sollen nicht länger denken „Was sollte ich mögen zu tun?“, sondern „Was würde der Lebendige wollen, das ich tue?“ Es ist nicht selbstsüchtig, das zu nehmen, zu welchem Gott uns gemacht hat, es zu begehren; auch sind wir nicht sehr gut darin, es aufzugeben – wir sollten nur sehr schlecht darin sein, nicht so zu tun, wenn er es von uns nehmen will; doch es von Herzen aufzugeben, ohne einen Kampf oder Bedauern, bedeutet nicht bloß, dem Selbst eine Sache zu verweigern, die es mögen würde, sondern das Selbst eigentlich zu verweigern, es abzulehnen und zu verlassen. Das Selbst ist Gottes Schöpfung – es muss nur der „Sklave Christi“[11] sein, dass der Sohn es ebenso zum freien Sohn des Vaters machen mag; es muss alles von ihm empfangen – nicht als von nirgendwo; genau wie die tiefere Seele muss es ihm folgen, nicht seinen eigenen Begierden. Es darf nicht sein eigenes Gesetz sein; Christus muss sein Gesetz sein. Die Zeit wird kommen, wenn es so ergriffen, so vergrößert, so erhöht sein soll durch den innewohnenden Gott, welcher sein Tieferes ist, sein tiefstes Selbst, dass da nicht länger irgendein erzwungenes Leugnen von ihm nötig sein wird; es ist letztgültig verleugnet und abgelehnt worden und an seinen eigenen, gehorsamen Platz verwiesen worden; es hat gelernt, mit Dankbarkeit zu empfangen, nicht zu verlangen; nicht mehr sich an seine eigene Mitte zu wenden oder noch weiter daran zu denken, seinem eigenen Guten zu Diensten zu sein. Gottes ewige Verleugnung Seiner selbst, offenbart in ihm, welcher um unseretwillen im Fleisch sein Kreuz auf sich nahm täglich, wird im Menschen entfaltet worden sein; sein ewiger Jubel wird in Gott sein – und in seinen Gefährten, vor welchen er sein glückliches Selbst niederwerfen wird, um ein Teppich für ihren Gang zu sein, ein Schemel zu ihrer Ruhe, eine Treppe für ihren Aufstieg.

   Sich selbst verleugnen also bedeutet, nicht mehr vom Standpunkt des Selbst aus zu handeln; keine private Unterredung, keinen vorübergehenden Einfluss zwischen dem Selbst und dem Willen zu erlauben; die rechte Hand nicht wissen zu lassen, was die linke Hand tut.[12] Kein Gieren oder Streben, kein Hungern des Individuums soll den Willen bewegen; kein Verlangen, sich einer Würdigkeit bewusst zu sein, soll das Leben befehlen; keinerlei Ehrgeiz soll ein Beweggrund des Handelns sein; kein Wunsch, einen anderen zu übertreffen, sei gestattet einen Atemzug vom Tode entfernt; kein Verlangen nach dem Lob der Menschen soll auch nur einen einzigen Schlag des Herzens beeinflussen. Das Selbst zu verleugnen bedeutet, vor keinerlei Tadel oder Verurteilung oder Verachtung der Gesellschaft oder der höheren Kreise oder des Vaterlandes zurückzuschrecken, welches gegen den Geist des Lebendigen ist; für keine Liebe oder Beschwörung von Vater oder Mutter, Weib oder Kind, Freund oder Geliebtem zur Seite abweichen in Seiner Nachfolge, sondern sie alle als eine beherrschende oder befehlende Macht in unseren Leben zu verlassen; wir dürfen nichts tun, um ihnen zu gefallen, das nicht zuerst ihm gefallen würde. Beachtet die Taten und nicht das Urteil darüber; wahre Worte und nicht welche Aufnahme sie finden mögen, sollen unsere Sorge sein. Wir sollen nicht bloß das Geld nicht lieben oder darauf vertrauen oder es als Geschäft des Lebens suchen, sondern, ob wir es haben oder nicht, dürfen wir niemals davon denken als von einem Fallobst vom Baum der Ereignisse oder einer Wolke der Umstände, sondern als dem Geschenk Gottes. Wir sollen unser Leben, durch den aufschauenden, wahrnehmenden Willen, jeden Augenblick neu aus dem Lebendigen ziehen, dem zugrundeliegenden Leben, nicht in dem bloßen Bewusstsein von Gesundheit und Dasein schwelgen. Es ist Gott, der uns nährt, uns wärmt, unseren Durst löscht. Der Wille Gottes muss uns Alles in Allem[13] sein; für unsere ganze Natur muss das Leben des Vaters die Freude des Kindes sein; wir müssen unser eigentliches Verständnis von ihm kennen – dass wir aus ihm leben und uns aus ihm nähren zu jeder Stunde in der engsten und eigentlichsten Weise: diese Dinge in der Tiefe unseres Wissens zu wissen bedeutet, uns selbst zu verleugnen und stattdessen Gott anzunehmen. Nach ihnen streben bedeutet, das Verleugnen anzufangen, ihm zu folgen, welcher niemals das eigene suchte. So müssen wir alle Ängstlichkeiten und Befürchtungen verleugnen. Wenn wir jung sind, dürfen wir uns nicht darum bekümmern, was die Welt Versagen nennt; wenn wir alt werden, dürfen wir nicht gereizt sein, dass wir uns nicht erinnern können, dürfen wir nicht bedauern, dass wir nicht handeln können, dürfen wir nicht unglücklich sein, weil wir schwach und krank werden: wir dürfen uns um gar nichts bekümmern. Wir haben es mit Gott zu tun, welcher fähig ist, nicht mit uns selbst, wo wir nicht fähig sind; wir haben es zu schaffen mit dem Willen, mit dem Ewigen Leben des Vaters unserer Geister[14] und nicht mit dem Dasein, welches wir nicht erschaffen können und welches in seiner Fürsorge ist. Er ist unsere Versorgung; wir sind sein; unsere Sorge ist, seinen Willen zu wollen; seine Sorge, uns alle Dinge zu geben. Dies bedeutet, uns selbst zu verleugnen. „Selbst, ich brauche dich nicht zu befragen, sondern ihn, dessen Idee deine Seele ist und dessen du bisher völlig unwürdig bist. Ich habe es zu tun, nicht mit dir, sondern mit deiner Quelle, durch welche es ist, dass du jeden Augenblick existierst – Deine Verursachung, nicht das verursachte Du. Du magst mein Bewusstsein sein, doch du bist nicht mein Sein. Wenn du es wärest, was für ein elender, unglücklicher, schäbiger Schuft wäre ich! Doch mein Leben ist verborgen mit Christus in Gott,[15] woher es kam und wohin es zurückkehrt – mit dir sicherlich, doch als ein gehorsamer Diener, nicht ein Meister. Ergib dich oder ich werde dich von mir stoßen und bitten, dass mir ein anderes Bewusstsein gegeben werde. Denn Gott ist mehr für mich als das Bewusstsein meiner selbst. Er ist mein Leben; du bist nur so viel davon, wie mein elendes, halb-fertiges Sein ergreifen kann – so viel davon, wie ich jetzt auf einmal davon wissen kann. Weil ich dich betrogen und verdorben habe, dich behandelt, als wärest du tatsächlich mein eigenes Selbst, hast du dich selbst aufgerieben und mich geschmälert, bis ich von mir selbst beschämt war. Wenn ich mich darum kümmern würde, was du sagst, wäre ich deiner bald überdrüssig; selbst jetzt bin ich für immer und ewig abgestoßen von deinem erbärmlichen, gemeinen Gesicht, welchem ich an jeder Wendung begegne. Nein! Lass mich die Gemeinschaft mit dem Vollkommenen haben, nicht deine! Die meines älteren Bruders, des Lebendigen! Ich will mich nicht anfreunden mit dem bloßen Schatten meines eigenen Seins! Lebewohl, Selbst! Ich verleugne dich und werde mein Bestes tun jeden Tag, dich hinter mir zu lassen.“

   Und in dieser Hinsicht dürfen wir nicht fehlgehen zu sehen oder je vergessen zu sehen, dass, wenn Jesus uns sagt, wir müssen ihm folgen, wir müssen zu ihm kommen, wir müssen an ihn glauben, er zuerst und immer als der Sohn des Vaters spricht – und das in diesem handelnden Sinne, als der gehorsame Gott, nicht bloß als einer, welcher die Sohnschaft beansprucht auf dem Grund des Seins und so aus keinem weiteren Anspruch. Er ist der Sohn des Vaters als der Sohn, welcher dem Vater gehorcht, als der Sohn, welcher ausdrücklich und ausschließlich kam, den Willen des Vaters zu tun, als der Botschafter, dessen Wonne es ist, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat.[16] In dem Augenblick, wenn er sagt, Folgt mir, folgt er dem Vater; sein Gesicht ist heimwärts gerichtet. Er will, dass wir ihm folgen, weil er dem Willen des Seligen ergeben ist. Es bedeutet nichts, solcherart von ihm zu denken, außer wir glauben solcherart an ihn – das heißt, so zu handeln. An ihn zu glauben, bedeutet zu handeln, wie er handelt, ihm zu folgen, wohin er geht. Wir müssen praktisch an ihn glauben – vollständig praktisch, wie er an seinen Vater glaubte; nicht in der Hinsicht als einem, welchem wir etwas einhalten müssen, sondern als einem, welchem wir folgen müssen aus dem Leib dieses Todes in das ewige Leben.[17] Ihm zu folgen bedeutet nicht, ihn in irgendeiner Weise theoretisch zu nehmen, an dieser oder jener Theorie darüber festzuhalten, warum er starb oder worin seine Erlösung bestand: solche Dinge können nur jenen offenbart werden, welche ihm in seinem handelnden Sein folgen und dem Grundsatz seines Lebens – welche handeln wie er handelte, leben wie er lebte. Es gibt keine andere Nachfolge.[18] Er ist ganz für den Vater; wir müssen auch ganz für den Vater sein, anderenfalls folgen wir ihm nicht. Ihm zu folgen heißt, von ihm zu lernen, seine Gedanken zu denken, seine Beurteilungen zu nutzen, die Dinge zu sehen, wie er sie sah, die Dinge zu fühlen, wie er sie fühlte, von Herzen, von Seele, von Geist zu sein, wie er war – dass wir so auch desselben Geistes mit dem Vater sein mögen. Dies heißt, sich selbst zu verleugnen und ihm nachzugehen; nichts weniger, selbst wenn es Wunder wirken und Teufel austreiben ist, heißt sein Jünger zu sein. Geschäftig zu sein vom Morgen bis zum Abend, große Dinge für ihn zu tun auf irgendeinem anderen Weg, werden wir nur die Begrüßung empfangen „Ich habe dich nie gekannt.“[19] Wenn er sagt „Nehmt mein Joch auf euch“,[20] meint er kein Joch, welches er auf unsere Schulter legen würde; es ist sein eigenes Joch, das er uns heißt zu nehmen und von ihm zu lernen – es ist das Joch, das er selbst trägt, das Joch, das sein vollkommener Vater ihm gegeben hat zu tragen. Der Wille des Vaters ist das Joch, das er uns nehmen lassen will es auch mit ihm zu tragen. Es ist dieses Joch, von dem er sagt Es ist sanft, von dieser Last Sie ist leicht. Er sagt nicht „Das Joch, das ich auf euch lege, ist sanft, die Last ist leicht“; was er sagt ist „Das Joch, das ich trage, ist sanft, die Last auf meinen Schultern ist leicht.“ Mit dem Garten Gethsemane vor sich, mit der Stunde und der Macht der Dunkelheit, die auf ihn wartete, verkündet er sein Joch als sanft, seine Last als leicht. Da gibt es kein Verherrlichen von sich selbst. Er zuerst verleugnet sich selbst und nimmt sein Kreuz auf sich – dann heißt er uns, dasselbe zu tun. Der Vater verherrlicht den Sohn, nicht der Sohn sich selbst; der Sohn verherrlicht den Vater.[21]

   Wir müssen eifersüchtig sein für Gott gegen uns selbst und gut Ausschau halten nach dem hinterlistigen und verräterischen Selbst – stets hinterlistig und verräterisch, bis es geprägt ist von Gott – bis es gründlich und völlig verleugnet ist und Gott für es auch Alles in Allem ist – bis wir es recht entleert haben von unserem Willen und unserer Beachtung und Gott in es hineingekommen ist und es gemacht hat – nicht tatsächlich zu einem Adytum[22], sondern zu einem Pylon[23] für sich selbst. Bis dahin neigen gerade seine Verweigerungen, gerade seine Abwendungen um Christi willen von den Dingen, die ihm lieb sind, dazu, seinen Selbst-Bezug zu fördern und in ihm eine noch tiefere Selbst-Anbetung zu erzeugen. Während es nicht verleugnet wird, sondern nur vereitelt, mögen wir durch Zufriedenheit mit überwundenen Schwierigkeiten und angenommenem Sieg nur noch mehr zu seinem Selbst-Lob beitragen. Das Selbst, wenn es findet, dass es keine Ehre wegen seiner Gaben haben kann, wegen der Liebe, die auf es verschwendet ist, wegen seiner Eroberungen und der „goldenen Meinungen erkauft von allerlei Sorten von Leuten“,[24] wird sich selbst gefallen in dem Gedanken seines Verzichtens, seiner Selbstlosigkeiten, seiner Demut vor Gott, seiner Unterlassungen um seinetwillen. Es wird sich selbst nicht so nennen, aber bald fühlen als ein Heiliger, ein überlegenes Geschöpf, auf die närrische Welt herabschauend und ihre Wege, sich hoch darüber bewegend „über dem Rauch und Nebel dieses verhangenen Ortes“;[25] – die ganze Zeit über einen Traum der absoluten Narretei träumend, sich selbst mit mehr Konzentration anbetend als es für die Abhebung von der Welt hingegeben hat, und die Beachtung anderer abgelehnt: selbst sie sind nicht länger nötig für die Versicherung seiner eigenen Würdigkeiten und Verdienste! Auf tausendfache Weise wird das Selbst sich selbst betrügen, auf tausendfache Weise sein eigenes sklavisches Dasein täuschen. Christus suchte nicht das Eigene, suchte nichts anderes als den Willen des Vaters: wir müssen Diamanten-rein werden, wahrhaftig wie das weiße Licht des Morgens. Hoffnungsloses Unterfangen! – wäre da nicht, dass er anbietet, selbst zu kommen und in uns zu wohnen.[26]

   Ich habe mich gefragt, ob das Wort des Herrn „Sein Kreuz auf sich nehmen“ ein Sprichwort in dieser Zeit war: als er es zuerst gebrauchte, hatte er ihnen noch nicht gesagt, dass er selbst gekreuzigt werden würde. Ich kann kaum glauben, dass diese Art der Hinrichtung solch eine gebräuchliche Sache war, dass die Sprach-Figur des Tragens des Kreuzes in den allgemeinen Sprachgebrauch kam. Wie die Idee des Herrn neu war für die Menschen, so war es, denke ich, auch das Bild, in welches er sie einbettete. Ich räume ein, dass es sein könnte, war sie doch eine solch hassenswerte Sache in den Augen der Juden, dass sie dahin gekommen war, das schlimmste Elend eines menschlichen Wesens wiederzugeben;[27] doch wären sie bereit gewesen, eine Tatsache als Sprach-Figur zu gebrauchen, welche so schmerzhaft ihre Versklavung verdeutlichte? Das denke ich kaum. Sicherlich war sie noch nicht dahin gekommen die Sache darzustellen, die er jetzt lehrte, diese Selbst-Verneinung, welche er gerade erst neu ans Licht gebracht hatte – nein, noch kaum ans Licht – nur in das Zwielicht; und nichts weniger, scheint es mir, kann dieses schreckliche Symbol angedeutet haben!

   Aber wir müssen feststellen, dass, obwohl die Idee der Verleugnung des Selbst eine umfassende und absolute ist, diese Sache doch täglich getan werden muss: wir müssen anhalten zu verleugnen. Es ist eine tiefere und härtere Sache als irgendeine einzelne Mühe des herkulischsten Willens letztlich bewirken mag. Denn tatsächlich ist der Wille selbst nicht rein, nicht frei, bis das Selbst vollständig verleugnet ist. Es braucht lange für das Wasser des Lebens, das aus der Quelle in unserem Inneren fließt, jeden außen liegenden Teil unserer geistlichen Verfassung zu durchdringen, alles sich selbst zu unterwerfen, alles von derselben Art zu gestalten, bis zuletzt, die äußersten Regionen unserer Persönlichkeit erreichend, es die Krankheit austreibt, unsere Leiber durch die innewohnende Gerechtigkeit erlöst sind und die Schöpfung befreit ist von den Banden des Verfalls hinein in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Jeden Tag bis dahin müssen wir unser Kreuz aufnehmen; jede Stunde darauf sehen, dass wir es tragen. Ein Geburtsrecht mag verloren sein für ein Gericht Linsen[28] und was Satan eine Kleinigkeit nennt, muss eine Sache von ewiger Wichtigkeit sein.

   Gibt es da nicht manch einen Christen, welcher, nachdem er angefangen hat, sich selbst zu verleugnen, doch viel Kraft auf das eitle und böse Bemühen verwendet, die Angelegenheiten zwischen dem lieben Selbst und Christus anzugleichen – danach suchend, das zu retten, welches er so gewisslich verlieren muss – in welcher Weise verschieden von der Weise, durch welche der Meister ihn sie verlieren lassen wollte! Es ist eine Sache, das geliebte Selbst von der Hölle in Hass und Grauen und Enttäuschen verzehren zu lassen; eine andere, es dem bewussten Besitz durch den lebendigen Gott selbst zu übergeben, welcher es dann einzig und allein zu seiner wahren Individualität, Freiheit und Leben erheben wird. Mit seinem Ursprung in sich also soll es tatsächlich gerettet werden! – wie nur wird es dann erst leben! Hier ist das Versprechen an jene, welche alles verlassen werden und ihm nachfolgen: „Wer sein Leben verlieren wird um meinetwillen, der soll es retten“ – in Matthäus „es finden“. Welche Sprache der Menschen oder Engel wird genügen, um einen Schatten der glimmend herrlichen Hoffnung zu werfen! Uns selbst in der Rettung durch Gottes Herzen zu verlieren! Nicht länger ein Kümmernis für uns selbst zu sein, sondern wissen, dass Gott sich göttlich kümmert um uns, sein Eigen! Zu sein und sich zu fühlen gerade wie eine Ruhestätte für die göttliche Liebe – ein Zweig des Baumes des Lebens für die Taube, dass sie ihren Fuß daraufsetzt und ihre Flügel ausbreitet![29] Ein offener Lufthauch der Liebe, ein Durchgang für die Gedanken Gottes und aller heiligen Geschöpfe zu sein! Das eigene Selbst zu erkennen durch das spiegelnde Handeln der endlos brüderlichen Gegenwart – nach nichts von irgendwem verlangend, sondern stets die Liebe ausgießend durch die natürliche Regung des Geistes! Im Hundertfältigen zu schwelgen von allem Guten, was wir verlassen mussten um seinetwillen – vor allem in der unverlangten Liebe jener, welche uns lieben wie wir sie lieben – uns umfassend, uns in Wonne badend – unerreicht, immer empfangen, immer willkommen, insgesamt und göttlich kostbar! Zu wissen, dass Gott und wir dasselbe meinen, dass wir im Geheimnis sind, des Kindes Geheimnis der Existenz, dass wir wohlgefällig in den Augen und dem Herzen des Vaters sind! Zu leben angeschmiegt an seine Knie, ausgestreckt an seiner Brust, gesegnet in dem bloßen und einfachen Dasein, welches eins ist mit Gott und das Ausgehen seines Willens ist, das Dasein rechtfertigend gerade durch die Tatsachen des Daseins, durch sein Bewusstsein von sich selbst als Wonne! – Was für ein Selbst ist das, es wieder zu empfangen von ihm, für den wir es gelassen, verlassen und abgelehnt haben! Wir ließen es erbärmlich, niedrig und gemein; er nahm den armseligen Span des Bewusstseins auf, trug ihn zurück zur Werkstatt seines Geistes und machte ihn zu einem wahrhaftigen Ding, strahlend, rein, bereit für die ewige Gemeinschaft und das Innewohnen, und stellte ihn wieder her zu unserem Besitz und Eigen für immer!

   Alle hohen Dingen können nur in Sprach-Figuren ausgedrückt werden; diese Sprach-Figuren, indem sie es mit Angelegenheiten zu schaffen haben, die zu hoch für sie sind, können nicht intellektuell passen; sie können nur wahrhaft ausgelegt werden, recht verstanden, durch solche, wie die geistliche Tatsache in sich selbst haben. Wenn wir von einem Menschen und seiner Seele sprechen, setzen wir ein Selbst und ein Selbst voraus, aufeinander reagierend: wir können uns selbst nicht so auftrennen; die Figur passt nur unvollkommen. Es war niemals die Absicht Gottes, die Dinge unserem Verständnis zu erklären – noch hätte das im mindesten unserer Bedürftigkeit geholfen; was wir benötigen ist ein Mittel, ein Wort, wodurch wir bei uns selbst von den hohen Dingen denken: das ist es, was eine wahre Sprach-Figur immer, denn eine Sprach-Figur mag wahr sein, obwohl sie fern von vollkommen ist, für uns sein wird. Doch die Unvollkommenheit seiner Sprach-Figur kann nicht im Übermaß liegen. Seid versichert, dass im Umgang mit jeder Wahrheit ihr Symbol, wie hoch auch immer, geringer ausfallen muss gegen die herrliche Bedeutung, die es enthält. Es ist die niedere Unverständigkeit einer ungeistlichen Natur, die des Herrn Bedeutungen geringer als seine Symbole auslegen will. Die wahrhaftige Seele sieht oder wird dahin kommen zu sehen, dass seine Worte, seine Sprach-Figuren immer mehr repräsentieren, als sie in der Lage sind zu vergegenwärtigen; denn so wie die Himmel höher sind als die Erde, so sind die himmlischen Dinge höher als ihre irdischen Zeichen, mögen die Zeichen auch noch so gut sein, wie Zeichen sein können.

   Es gibt keine Freude in der menschlichen Natur wie Gott sie geschaffen hat, die nicht hundertfältig vermehrt werden würde dem Menschen, welcher sich selbst aufgibt – obwohl, indem er so handelt, er scheinbar den Kern des Lebens selbst aufgeben mag. Das Selbst hinzugeben bedeutet, es aufzugeben, nach den Dingen der zweiten Ursache, wie Menschen sie nennen, zu greifen, welche doch bloß Gottes Vermittlungen sind, und sie geradewegs von ihrer Quelle zu empfangen – sie zu nehmen, sehend, woher sie kommen und nicht als kämen sie von nirgendwo, weil niemand auftaucht, sie darzubringen. Die leichtsinnige Seele empfängt die Gaben des Vaters, als wäre es die Art der Dinge wie sie einfach in ihre Hand fallen. Er billigt solcherart sich selbst zu, ein Sklave zu sein, abhängig vom Zufall und seinem eigenen tölpelhaften Bemühen – und doch beschwert er sich ständig, als wenn jemand verantwortlich wäre für die Hindernisse, welche ihm an jeder Abzweigung begegnen. Für das Gute, das zu ihm kommt, gibt er keinen Dank – wer ist schon da, um ihm zu danken? Über die Enttäuschungen, die ihm widerfahren, murrt er – da muss es jemanden geben, der zu beschuldigen ist! Er denkt nicht darüber nach, für welche Macht es von irgendeiner Konsequenz sein könnte, nein, welche Macht nicht schlimmer als verschwenderisch wäre, ihn nach seinem eigenen Gutdünken zu versorgen, in seiner dürftigen, niedrig-gesinnten Existenz! Wie könnte ein Gott sein Wesen ausgießen, um die bloße Ödnis seiner Geschöpfe aufrechtzuerhalten? Keine Welt könnte jemals auf solch einer Idee erbaut oder erhalten werden. Es sind die Kinder, welche die Erde erben sollen; solche, die keine Kinder sind, können nicht besitzen.[30] Die Stunde kommt, wenn alles, was Kunst, alles, was Wissenschaft, alles, was Flora, alles, was Fauna, in veredelnder Unterwerfung unter das Höhere, geradeso wie der Mensch dem Vater ergeben ist, aufbieten können, der Besitz zur endlosen Wonne der Söhne und Töchter Gottes sein soll: ihm, für welchen er Alles in Allem ist, kann Gott diese Dinge geben; einem anderen kann er sie nicht geben, denn er ist nicht in der Lage, sie zu empfangen, welcher außerhalb ihrer Wahrheit ist. Sicherlich sollen wir Gott nicht lieben um dessentwillen, was er uns geben kann; nein, es ist unmöglich ihn zu lieben, außer weil er unser Gott ist und ganz und gar gut und wunderschön; doch wir mögen auch nicht vergessen, was der Herr nicht vergisst, dass, am Ende, wenn die Wahrheit siegreich ist, Gott seinem Geschöpf in der Freude seines Herzens antworten wird. Denn was anderes ist Freude als die Harmonie des Geistes! Der gute Vater hat seine Kinder zur Freude geschaffen; nur müssen sie, ehe sie in seine Freude eingehen können, sein wie er selbst, bereit die Freude der Wahrheit zu opfern. Kein Versprechen solcher Freude ist ein Anreiz für Selbstsucht. Jeder Lohn, der von Christus angeboten wird, ist eine reine Sache; noch kann es anders in die Seele eintreten außer als ein Tod der Selbstsucht. Der Himmel Christi ist eine Liebe zu allem, ein Vergessen des Selbst, ein Innewohnen von jedem in allen und von allen in jedem. Selbst in unseren Kinderstuben ist ein freudiges Kind selten selbstsüchtig, im Allgemeinen aufrichtig. Es ist nicht selbstsüchtig, voller Freude zu sein. Welche Macht kann ihn davon abhalten, welcher das Angesicht Gottes sieht, voller Freude zu sein?[31] – diese Wonne ist seine, welche hinter allen anderen Wonnen steht, ohne welche keine andere Wonne reifen oder bleiben könnte. Die eine Wonne des Universums ist die Gegenwart Gottes – welche einfach bedeutet, dass Gott für den Menschen, und vom Menschen so empfunden, das ist, welches er in seiner eigenen Natur ist – die innewohnende Macht seines Lebens. Gott muss für sein Geschöpf das sein, was er in sich selbst ist, denn nur durch sein grundlegendes Wesen allein, durch welches er ist, kann er erschaffen. Seine Gegenwart ist das ununterbrochene Rufen und Antworten vom Schöpfer zum Erschaffenen, vom Vater zum Kind. Wo kann da die Selbstsucht sein, auf diese Weise glücklich gemacht zu werden? Es mag tiefe Selbstsucht sein, es abzulehnen glücklich zu sein. Liegt darin Selbstsucht, wenn der Herr das Abmühen der Seele sieht und es befriedet? Selbstsucht besteht darin, die Wonne von einem anderen zu nehmen; die eigene Wonne in der Wonne eines anderen zu finden, ist keine Selbstsucht. Freude ist keine Selbstsucht; und je größer die solcherart geerntete Freude ist, desto weiter ist diese Freude von der Selbstsucht entfernt. Die eine Wonne, die der Wonne der Liebe Gottes am nächsten kommt, ist die Liebe zu unserem Nächsten. Wenn irgendeiner sagt „Du liebst, weil es dich segnet.“, leugne ich es „Wir sind gesegnet, sage ich, weil wir lieben.“ Niemand könnte die Wonne durch die Liebe zum Nächsten erlangen, welcher selbstsüchtig wäre und diese Wonne aus der Liebe zu sich selbst suchte. Liebe ist Selbstlosigkeit. In der Hauptsache lieben wir, weil wir nicht anders können. Darin liegt kein Verdienst: wie sollte da einer sein in irgendeiner Liebe? – doch ist es auch nicht selbstsüchtig. Es gibt viele, welche Rechtschaffenheit mit Verdient verwechseln und denken, dass da nichts Rechtschaffenes ist, wo nichts Verdienstvolles ist. „Wenn es dich glücklich macht zu lieben“, sagen sie „wo ist dein Verdienst? Es ist nur Selbstsucht!“ Da ist kein Verdienst, entgegne ich, sondern die Liebe, die in uns geboren wird, ist unsere Rettung von Selbstsucht. Sie ist vom eigentlichen Wesen her Rechtschaffenheit. Weil eine Sache freudenvoll ist, folgt daraus nicht, dass ich sie um ihrer Freude willen tue; doch, wenn es die Freude an anderen ist, ist die Freude rein. Dass gewisse Freuden Freude sein sollten, ist die eigentliche Leugnung der Selbstsucht. Der Mensch wäre ein dämonisch selbstsüchtiger Mensch, welchen die Liebe selbst nicht freudenvoll machen könnte. Es ist selbstsüchtig, sich an Zufriedenheit zu erfreuen, während man den Mangel des anderen sieht; selbst in der höchsten geistlichen Wonne würde, achtlos gegen andere dazusitzen, Selbstsucht sein und je höher die Wonne, desto schlimmer die Selbstsucht; doch gewiss ist diese Wonne ganz und gar rechtens, von welcher ein großer Teil darin besteht, sich zu bemühen, dass andere sie teilen können. Solches, daran werde ich nicht zweifeln – die Mühe, andere teilhaben zu lassen, wird ein großer Teil unserer himmlischen Zufriedenheit und Glückseligkeit sein. Der schöpfende, der erlösende Vater wird viel ähnliche Arbeit für seine Kinder zu tun finden. Stumpfsinnig sind jene, zumindest können sie wenig christliche Vorstellungskraft haben, welche denken, dass, wo alle gut sind, die Dinge stumpfsinnig sein müssen. Es ist so, weil da noch so wenig Gutes in ihnen ist, dass sie so wenig von der Macht und Schönheit des bloßen göttlichen Lebens kennen. Lasst solche eilen, wahrhaftig zu sein. Belang und Vielfältigkeit genug wird da sein, nicht ohne Schmerz, in dem Dienst der Hilfe für jene, die noch mühsam sich zu den Höhen der Wahrheit hinaufquälen – vielleicht noch unwillig, sich von dem elenden Selbst zu trennen, an welchem teilzuhaben sie noch nicht würdig sind oder in der Lage, es zu besitzen.

   Einige der Dinge, die ein Mensch in der Nachfolge Christi verlassen muss, muss er nicht verlassen, weil sie in sich selbst sind, was sie sind. Weder Natur, Kunst, Wissenschaft, noch passende Gesellschaft sind von den Dingen, die ein Mensch verlieren wird, indem er sich selbst verlässt: sie gehören Gott und haben keinen Teil an der Welt des Bösen, die falschen Beurteilungen, niedrigen Wünsche und allgemeinen Unwirklichkeiten, die das bewusste Leben des Selbst ausmachen, welches verleugnet werden muss: solches wird dem Menschen niemals zurückerstattet. Doch indem er sich selbst verlässt, um zu tun, was Gott von ihm verlangt – das heißt sein wahres Werk in der Welt, mag ein Mensch finden, dass er einige von Gottes Dingen verlassen muss – nicht, um sie zu verwerfen, sondern sie für die Zeit zu verlassen, weil sie seinen Geist abziehen von den absoluten Notwendigkeiten des wahren Lebens in sich selbst oder in anderen. Er mag sich selbst verleugnen müssen, indem er sie lässt – nicht als schlechte Dinge, sondern als Dinge, für welche kein Raum ist, bis jene von vorrangigem Anspruch solcherart beherzigt worden sind, dass diese sie nicht länger behindern, sondern fördern werden. Dann wird er, welcher Gott kennt, finden, dass dieses Kennen ihm die Tür seines Verständnisses für alle anderen Dinge öffnet. Er wird dazu in der Lage sein, sie von innen heraus zu betrachten, anstatt sie mühevoll von außen her zu suchen. Dies hat König David mehr Verständnis gegeben als alle seine Lehrer hatten. Dann werden die Dinge, die er verlassen musste, ihm hundertfältig erstattet.[32] So wird es sein im Verlassen von Freunden. Sie um Christi willen zu verlassen, heißt nicht, sie als böse zu verlassen. Es bedeutet nicht aufzuhören, sie zu lieben, „denn er, welcher nicht seinen Bruder liebt, den er gesehen hat, wie kann er Gott lieben, welchen er nicht gesehen hat?“[33] – es bedeutet, ihrer Liebe nicht zu erlauben, einen Schatten zwischen uns und unseren Meister zu werfen; zufrieden zu sein, ihre Zustimmung zu verlieren, ihren Umgang, selbst ihre Zuneigung, wo der Meister eine Sache sagt und sie eine andere. Es bedeutet zu lernen, sie auf eine höhere, tiefere, sanftere, wahrhaftigere Weise zu lieben als zuvor – eine Weise, welche alles, was ursprünglich war, in vorheriger Weise bewahrt und alles verliert, was falsch war. Wir sollen ihr Selbst lieben und unser eigenes missachten.

   Ich vergesse nicht das Wort unseres Herrn über das Hassen von Vater und Mutter:[34] ich habe eine Ahnung von seiner Bedeutung, doch wage nicht den Versuch, es jetzt zu erklären. Es geht alles gegen das Selbst – nicht gegen Vater und Mutter.

   Es gibt eine andere Art des Verlassens, die das Los einiger sein mag und welche sie sehr schwierig finden mögen: das Verlassen solcher Annahmen von Gott und seinem Christus, wie sie in ihrer Jugend gelehrt worden sind – welche sie halten, und nicht anders können, als sie zu halten, zu solcher Zeit, als sie anfingen zu glauben – von welchen sie angefangen haben, ihre Wahrheit zu bezweifeln, doch welche wegzuwerfen scheint wie das Abtrennen von jeder Versicherung der Sicherheit.

   Es gibt sogenannte Lehren, die von guten Leuten lange anerkannt wurden, welche ich schwer finde zu verstehen, wie irgendein Mensch Gott lieben und sie halten kann, außer tatsächlich, indem man die geistlichen Augen fest verschließt. Wenn ein Mensch sich mehr um Meinungen als um das Leben schert, ist es die Meinung irgendeines weiteren Menschen nicht wert, ihn davon zu überzeugen, die Meinungen abzulehnen, die er unterhält; er würde weitere Meinungen nur an denselben Ehrenplatz stellen – ein Platz, welcher zu keinerlei Meinung gehören kann: es spielt keine Rolle, was solch ein Mensch glauben mag oder nicht, denn er ist kein wahrhaftiger Mensch. Indem er zu einer Schule hält, die er als richtig annimmt, polstert er sich nur mit dem schlimmsten aller Unglauben ab – Meinung, die sich selbst Glaube nennt – Unglaube, der sich selbst Religion nennt. Doch für ihn, welcher ernsthaft ist in Bezug auf den Willen Gottes, ist es von endloser Wichtigkeit, dass er recht von Gott denken sollte. Er kann ihm nicht nahekommen, kann seinen Willen nicht wahrhaft kennen, während seine Annahme von ihm in irgendeinem Punkt die eines falschen Gottes ist. Die Sache erzeigt sich selbst als absurd. Wenn solch einem Menschen selbst erscheint, dass er sogar seine vorherige Sicherheit der Rettung aufgibt, indem er solche Ideen von Gott hingibt, die Gottes unwürdig sind, muss er nichtsdestotrotz, wenn er wahrhaftig sein will, wenn er ins Leben eintreten will, auch dieses Kreuz auf sich nehmen. Er wird dahin kommen zu sehen, dass er keiner Lehre folgen muss, sei sie auch noch so dargelegt, wie ein Mensch sie als wahr darlegen könnte, als der lebendigen Wahrheit, dem Meister selbst.

   Gute Seelen werden eines Tages entsetzt über die Dinge sein, die sie jetzt von Gott glauben. Wenn sie nicht darüber nachgedacht haben, sondern sich selbst dem Gehorsam hingegeben, mögen sie ihnen noch nicht viel Schaden angetan haben; doch sie können nur wenig Fortschritt in der Erkenntnis Gottes machen, während sie auch nur passiv böse Dinge von ihm für wahr halten. Wenn sie auf der anderen Seite über sie nachdenken und in ihnen kein Hindernis finden, müssen sie tatsächlich fern von allem sein, was eine wahre Erkenntnis Gottes genannt wird. Doch da sind jene, welche sie ein fürchterliches Hindernis finden und sich doch vorstellen oder zumindest fürchten, dass sie wahr sind: solche müssen Mut fassen, das Falsche in jeder Form zu verlassen, ihr altes Selbst zu verleugnen in den scheinbar heiligsten Vorurteilen und Jesus folgen, nicht wie er dargestellt wird in der Tradition der Ältesten, sondern wie er von sich selbst dargestellt wird, von seinen Aposteln und dem Geist der Wahrheit. Es gibt „Traditionen der Menschen“, sowohl nach Christus als auch vor ihm, und weit schlimmer als „unwirksam machend“[35] höhere und bessere Dinge; und wir müssen darauf sehen, wie wir Christus gelernt haben.[36]


[1] Johannes 10, 7

[2] Johannes 10, 12

[3] Johannes 14, 6

[4] 1. Korinther 10, 4 „… sie tranken aber von dem geistlichen Fels, der mitfolgte, welcher war Christus.“ Dieser Vers im Neuen Testament deutet auf die Geschichte der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste hin, während derer Mose durch Gottes Kraft aus einem Fels Wasser springen ließ (siehe 2. Mose 17, 6), um den Durst der Leute zu stillen. Christus wird mit diesem Fels aus dem Buch Mose gleichgesetzt. Die Formulierung, dass der Fels mitfolgte, deutet darauf hin, dass Gott nicht nur im Felsen mit dem Wasser sichtbar war, sondern die ganze Zeit mit dem Volk auf dem Weg war.

[5] Siehe Hebräer 2, 10 – in älteren Übersetzungen steht noch, dass Christus der „Herzog unserer Seligkeit“ ist – die King James schreibt „Captain of our salvation“ – modernere Übersetzungen schreiben hier Anfänger oder Urheber des Glaubens oder der Erlösung.

[6] Matthäus 18, 3

[7] Hierzu gibt es kein direkt nachvollziehbares Bibelzitat, aber es scheint, dass wieder auf Textpassagen aus dem Johannesevangelium (von neuem geboren werden) und aus dem ersten Brief des Johannes zurückgegriffen wurde, wenn diese Redewendung gebraucht wird.

[8] Matthäus 11, 29

[9] Siehe dazu zum Beispiel Philipper 2, 5 – 11 / 1. Johannes 4, 19 / Hebräer 12, 2

[10] 1. Timotheus 4, 4

[11] Siehe z. Bsp. 1. Korinther 7, 22 oder Epheser 6, 6

[12] Redewendung aus Matthäus 6, 3

[13] 1. Korinther 15, 28

[14] Hebräer 12, 9

[15] Kolosser 3, 3

[16] Siehe z. Bsp. Johannes 5, 30 / Johannes 8, 42

[17] Römer 7, 24

[18] Damals wie heute gab und gibt es zahlreiche theologische Ideen, warum genau Jesus sterben musste. Das Neue Testament selbst gibt wenig Material für solche Theorie-Entwicklungen her. Unterschiedliche christliche Traditionen halten mehr oder weniger fest an ihrer jeweiligen Sichtweise. Die Gefahr, sich auf eine spezielle Erklärung festzulegen, liegt darin, das Erlösungswerk Jesu zu verkürzen, starre Gesetzmäßigkeiten dafür einzurichten, wer mehr oder weniger rechtgläubig ist (sektiererische Tendenzen) und in einer einfältig-einseitigen Lesart der gesamten überlieferten Schrift. Diese Gefahren kannte auch MacDonald. Er vermeidet es strikt, eine eigene sog. „Atonement-Theorie“ darzulegen. 

[19] Siehe Matthäus 25 – Gleichnisreden vom Gericht

[20] Matthäus 11, 29

[21] Siehe Johannes 17 – das sog. „hohepriesterliche“ Gebet Jesu vor seiner Verhaftung

[22] Aus dem Griech. – Allerheiligstes, innerster Tempelraum

[23] Aus dem Griech. – Tempelsäule, Tempeltor, tragendes architektonisches Element in einem Tempel

[24] Zitat aus Shakespeares Macbeth

[25] Zitat aus John Miltos Lost Paradise

[26] Johannes 14, 23“

[27] Gemeint ist die Ansicht, dass ein ans Kreuz gehängter Mensch unter dem Fluch Gottes stehen würde.

[28] Anspielung auf die Geschichte von den Brüdern Jakob und Esau – Jakob erwarb gegen ein Linsengericht das Erstgeburtsrecht von seinem Bruder Esau, als der hungrig von der Jagd heimkehrte. Esau achtete diese wichtige Sache also für so gering, dass er sie billig hergab.

[29] Anspielung auf die Geschichte von Noah nach der Sintflut. Noah ließ eine Taube ausfliegen, um zu sehen, ob sie zurückkehrte oder einen trockenen Ort fände, an dem sie ruhen könnte.

[30] Matthäus 5,5

[31] Nehemia 8, 10 / Matthäus 25, 23

[32] Markus 10, 29 – 30

[33] 1. Johannes 4, 20

[34] Lukas 14, 26

[35] Hier wurde Markus 7, 13 eingebaut, wo Jesus die Pharisäer tadelt, dass sie ihre eigenen Regelungen über die ursprünglichen Gebote Gottes setzen und sie so unwirksam machen. „und hebt auf Gottes Wort [setzt Gottes Wort außer Kraft/hebt Gottes Wort auf] durch eure Aufsätze, die ihr aufgesetzt habt [Überlieferungen/Traditionen, die ihr überliefert habt]…“

[36] Siehe Epheser 4, 20 – Übergang zur nächsten Predigt.