Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten II von George MacDonald – Kapitel 12: Die Wahrheit in Jesus

Die Wahrheit in Jesus

   „Ihr aber habt Christum nicht also gelernt, so ihr anders von ihm gehört habt und in ihm gelehrt seid, wie in Jesu ein rechtschaffenes Wesen ist. So leget nun von euch ab nach dem vorigen Wandel den alten Menschen, der durch Lüste im Irrtum sich verderbt.“ [Anmerkung: was bedeutet „der sich immer noch schadet durch die Liebe zur Lüge.“] – Epheser 4, 20 – 22

   Wie haben wir Christus gelernt? Es sollte ein aufschreckender Gedanke sein, dass wir ihn falsch gelernt haben mögen.[1] Das muss weit schlimmer sein, als ihn überhaupt nicht gelernt zu haben: sein Platz wird von einem falschen Christus besetzt, schwer auszutreiben! Der Punkt ist, ob wir Christus gelernt haben, wie er sich selbst lehrte oder wie Menschen ihn gelehrt haben, welche dachten, dass sie verstanden haben, aber ihn nicht verstanden haben. Denken wir, dass wir ihn kennen – mit fleischlichen Vorstellungen, nach niederen, gemein menschlichen Einbildungen und Erklärungen, oder kennen wir ihn tatsächlich – in unserem Maße nach dem Geist, wie Gott ihn kennt? Die Christliche Religion war durch ihre Geschichte hindurch offen für mehr Entstellungen als die Jüdische es je hätte sein können, denn da sie höher und weiter ist, muss sie in weiterem Umfang der Verderbtheit unterliegen: – haben wir Christus in falschen Behauptungen und verderbten Lehren über ihn gelernt oder haben wir ihn selbst gelernt? Nein, ob wahr oder falsch, ist nur unser Hirn voll von Dingen über ihn oder wohnt er selbst in unseren Herzen, eine gelernte und immer wieder gelernte Lektion, die Kraft unseres Lebens?

   Ich bin zu dem, was ich sagen will, durch eine bestimmte Äußerung gebracht worden, getätigt von einem in den vordersten Reihen von jenen, welche behaupten, dass wir nichts wissen können von der „Unendlichen und Ewigen Energie, von welcher alle Dinge herrühren“, und die Äußerung ist diese: –

   „Die Heimsuchung der Nachkommen Adams durch hunderte von Generationen schrecklicher Bestrafungen für eine kleine Übertretung, welche sie nicht begangen haben;[2] die Verdammung aller Menschen, welche sich eine vorgebliche Form des Erlangens von Vergebung nicht zunutze machen, von welcher die meisten Menschen niemals gehört haben;[3] und das Bewirken einer Versöhnung durch die Opferung eines Sohnes, welcher vollkommen unschuldig war, um die angebliche Notwendigkeit eines besänftigenden Opfers zu befriedigen;[4] dies sind Handlungsweisen, welche, einem menschlichen Herrscher zugeschrieben, das Ausdrücken von Abscheu hervorrufen würden;[5] und diese Dinge der Ersten Verursachung aller Dinge[6] zuzuschreiben, selbst wenn das nicht als voll von Schwierigkeiten empfunden wird, muss unmöglich werden.“[7]

   Ich zitiere diesen Abschnitt nicht mit der Absicht, irgendeine seiner Schlussfolgerungen zu widerlegen, denn ich stimme vollkommen damit überein: es fühlt sich fast absurd an, es so zu sagen. Ich hege nicht die Absicht, ein Wort an den Schreiber zu richten oder an irgendjemanden, der es mit ihm hält. Der Abschnitt führt aus, was ich oft gesagt habe – dass ich noch nie ein Wort von irgendeinem dieser Denkrichtung gehört habe, welches irgendetwas angerührt hätte, woran ich festhalte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist der Beginn, in Auseinandersetzung zu sein mit dem falschen System, das hier angegriffen wird. Solchen Paganismus verachte ich genauso von Herzen im Namen des Christus wie ich ihn im Namen der Gerechtigkeit verachte. Eher, als einen einzigen Punkt zu glauben, der diesen Geist einschließt, selbst mit der sich daraus ergebenden Versicherung solcher Errettung, wie das System sie anbietet,[8] würde ich den Reihen derer beitreten, welche „nichts wissen“,[9] und mich selbst mit hoffnungslosem Herzen daran machen, was ich nun versuche mit einer unendlichen Hoffnung auf die Hilfe des reinen, ursprünglichen Einen – mein elendes, gemeines Selbst loszuwerden, getröstet nur durch die Möglichkeit, dass der Tod mich entweder ohne Bewusstsein lassen wird oder mir etwas von der Ersten Ursache offenbaren, welches keine Beleidigung gegen ihn wäre oder eine Unehre für sein Geschöpf, daran in Bezug auf ihn festzuhalten. Selbst solch eine Möglichkeit allein mag jemanden in die Lage versetzen zu leben.

   Ich werde jetzt nicht nachforschen, wie es kommt, dass der Schreiber des zitierten Abschnitts diese sogenannten Glaubenssätze als das Christentum oder auch nur das Bekenntnis von jenen, welche sich selbst Christen nennen, darstellend anbringt, während er so viele sieht, und einige von ihnen von höherem Rang in der Literatur als er selbst, die mit wahrhaftigem Herzen an Christus glauben, die nicht eines von solchen Dingen glauben, wie er sie niedergeschrieben hat, sondern sie mindestens für eine so große Abscheulichkeit halten wie er: seine Antwort würde vermutlich sein, selbst wenn er sich darüber bewusst gewesen wäre, dass solches Tatsache sei, womit er umzugehen hätte, die formenden und herrschenden Begriffe der religiösen Gesellschaft wären; – und dass solches die Dinge sind, die festgehalten werden von der Masse beider, der gebildeten und ungebildeten, die sich selbst Christen nennen, wie viele von ihnen auch durch einen erklärenden Satz hier und dort vergebens daran denken mögen, sich von der Schande ihrer Falschheit abzuwenden, während sie eigentlich dieselben bleiben – dass solche Dinge so festgehalten werden, bin ich, wehe! nicht in der Lage zu leugnen. Es hilft nichts, wiederhole ich, dass viele, wenig über die Angelegenheit nachdenkend, gewissermaßen gemilderte Formen nutzen, um ihre Lehrsätze auszudrücken und sich einbilden, dass sie so eine andere Klasse von Ideen bekunden: es würde nur eine kurze Untersuchung verlangen, um überzeugt zu sein, dass sie nicht nur analog sind – sie sind absolut identisch.

   Doch hätte ich es mit dem Schreiber zu tun, würde ich fragen, wie es kommt, dass, während er diese Dogmen als abscheulich ablehnt und in sich selbst deutlich falsch, doch wissend, dass sie Menschen zugeschrieben werden, deren Lehre mehr dafür getan hat, die Welt zu zivilisieren als die irgendwelcher anderer Menschen – wie es kommt, dass, während er sieht, dass solche Lehre wie diese nicht so hätte tun können, er nicht solche Mühen der Nachforschung auf sich genommen hat, wie sie sicher einen Mann seines geistigen Vermögens befriedigt hätten, dass solches nicht ihre Lehre war; das sie tatsächlich so verschieden war und so gut, dass selbst die erzwungene Begleitung von solch grauenhaften Lügen wie diesen, die er aufgezählt hat, nicht in der Lage war, ihre erneuernde Kraft zu zerstören. Ich nehme an, er wird zugestehen, dass da ein Mann namens Jesus war, welcher für die Wahrheit, die er lehrte, starb: kann er glauben, dass er für solch eine unterstellte Wahrheit wie diese starb? Wäre es nicht gut, würde ich ihn fragen, nachzuforschen, was er wirklich lehrte, entsprechend den ursprünglichen Quellen unseres Wissens von ihm? Wenn er antworten würde, dass die Frage uninteressant für ihn wäre, hätte ich nichts weiter zu sagen; noch würde ich jetzt anfangen zu ihm zu sprechen außer mit der Absicht, meinen Standpunkt denen klar zu machen, zu welchen ich sprechen wollte – diese nämlich, welche sich selbst Christen nennen.

   Wenn ich sie fragen würde: „Wie kommt es, dass solche Meinungen festgehalten werden betreffend den Heiligen, dessen Wege ihr auf euch nehmt zu gehen?“, würde mir von den meisten geantwortet werden mit: „Dies sind die Dinge, die er selbst uns in seinem Wort sagt; wir haben sie aus den Schriften gelernt.“, von vielen mit Erklärungen, welche ihnen die Dinge so zu erklären scheinen, dass sie nicht länger verworfen werden dürfen; und von anderen mit der Bemerkung, dass bessere Ideen, obwohl sie weithin festgehalten werden, noch nicht die Zeit hatten, sich selbst als Glaube der Denker der Nation zu zeigen. Von jenen, deren Darstellung der christlichen Lehre in dem obigen Zitat vertreten ist, gibt es zwei Klassen – solche wie damit zufrieden sind, dass es so sein sollte und solche, für welche jene Dinge schmerzlich sind, aber die nicht sehen, wie sie sie loswerden. Für die Letzteren mag es ein wenig tröstlich sein, einen zu haben, welcher das Neue Testament für viele Jahre studiert hat und es weit mehr liebt als die Macht der Sprache auszudrücken vermag,[10] der ihnen seine Überzeugung verkündet, dass es da nicht ein kleinstes Teilchen von solcher Lehre in der gesamten lieblichen, göttlichen Äußerung gibt; dass solche Dinge ganz und gar die Erfindung von Menschen sind – aufrichtige Erfindungen, zumindest zum Teil, gebe ich zu, dennoch nicht wahr. Dank sei Gott, dass wir keineswegs daran gebunden sind, irgendeines Menschen Erklärung von Gottes Wegen und Gottes Taten anzunehmen, wie gut der Mensch auch sein mag, wenn es sich unserem Gewissen nicht selbst empfiehlt. Dieses Menschen Gewissen mag ein besseres als unser Gewissen sein und sein Urteil klarer; nichtsdestoweniger können wir es annehmen, während wir darin kein Gutes sehen: so zu handeln hieße zu sündigen.

   Doch es ist keinesfalls mein Anliegen, vorzubringen, was ich glaube oder was ich nicht glaube; eine Zeit mag dafür kommen; meine Absicht ist jetzt tatsächlich sehr verschieden davon. Ich wünsche, mich an jene zu richten, welche sich selbst Christen nennen und Folgendes mit ihnen zu debattieren: –

   Was auch immer deine Ansichten über den größten aller Gegenstände ist, ist es gut, dass der Eindruck auf unsere Generation in Bezug auf das Christentum der deiner Ansichten sein sollte und nicht von etwas jenseits von Ansichten? Ist das Christentum fähig durch Ansichten dargestellt zu werden, selbst von den besten? Wenn es so wäre, wie viele von uns sind solche wie Gott auswählen würde, seine Gedanken und Absichten zu repräsentieren durch unsere Ansichten in Bezug auf sie? Welchen von seinen Freunden würde irgendein umsichtiger Mensch ausschicken, um seinen Mitmenschen seine Gedanken darzustellen? Wenn du antwortest: „Die Ansichten, an denen ich festhalte und durch welche ich das Christentum darstelle, sind jene der Bibel.“, entgegne ich, dass niemand die Ansichten eines anderen verstehen kann, noch weniger repräsentieren, als solche wie von selbem Geist mit ihm sind – gewiss keiner, welcher seine Reichweite und Absicht so viel falsch versteht, als anzunehmen, dass Ansichten der Gegenstand irgendeines Schreibers in der Bibel sei. Ist Christentum ein System von Glaubens-Paragrafen, so korrekt wie Sprache sie wiedergeben kann? Niemals. Ich bin so weit davon entfernt, das zu glauben, dass ich es lieber hätte, wenn ein Mensch, wie es viele von euch tun, festhält, was mir als die alleranstößigste Unwahrheit erscheint, die pietätlosesten und widerlichsten Meinungen, wenn er zur gleichen Zeit im Glauben an den Sohn Gottes lebt, das heißt, in Gott vertraut wie der Sohn Gottes in ihn vertraute, als dass ich einen Menschen hätte mit jeder dieser Glaubens-Formeln, mit welchen ich völlig übereinstimme, doch welcher nichts weiß von dem täglichen Leben und Wandeln mit Gott. Der eine, der an Lehren des Teufels festhält, ist immer noch ein Kind Gottes; der andere, der die Lehren des Christus und seiner Apostel festhält, ist von der Welt, ja, vom Teufel.

   „Wie das! Ein Mensch hält die Lehren des Teufels fest und ist doch von Gott?“

   Ja; denn an einer Sache festhalten mit dem Intellekt heißt nicht, an sie zu glauben. Eines Menschen wahrer Glaube ist, wonach er lebt; und das, wonach der Mensch, den ich meine, lebt, ist die Liebe Gottes und Gehorsam gegen sein Gebot so viel er sie erkannt hat. Jene abscheulichen Lehren sind außerhalb von ihm; er denkt, dass sie innen sind, doch das zählt nicht; sie sind nicht wahr und sie können nicht wirklich im Inneren irgendeines guten Menschen sein. Sie sind traurigerweise gegen ihn gerichtet; denn er kann es nicht lieben, bei irgendeinem jener vermuteten Wesenszüge seines Gottes zu verweilen; er handelt und lebt nichtsdestotrotz wie nach dem Maße des wahren Gottes. Was ein Mensch glaubt, ist die Sache, die er tut. Dieser Mensch würde mit Abscheu vor solchen Handlungen zurückschrecken, wie er denkt, dass Gott darin gerechtfertigt ist, sie zu tun; wie Gott liebt und hilft und rettet er. Wird der lebendige Gott solch einen Menschen durch seine Ansichten verdammen lassen? Nicht mehr, als dass er die richtigen Ansichten eines anderen, welcher für sich selbst lebt, ihn retten lassen wird. Die beste Rettung, die gerade der Letztere geben könnte, wäre nur Verdammnis. Worauf ich hinaus will und worauf ich bestehe, ist, dass, angenommen eure Theorien sind richtig und enthalten alles, was geglaubt werden sollte, diese Theorien doch nicht sind, was euch zu Christen macht, wenn ihr tatsächlich Christen seid. Im Gegenteil, sie sind, bei nicht wenigen von euch, gerade das, was euch davon abhält, Christen zu sein. Denn wenn ihr sagt, dass, um gerettet zu werden, ein Mensch an diesem oder jenem festhalten muss, dann verlasst ihr den lebendigen Gott und seinen Willen und setzt euer Vertrauen in irgendeine Annahme von ihm oder seinem Willen. Um, was ich meine, deutlicher zu machen, – einige von euch sagen, dass wir auf das vollendete Werk Christi vertrauen müssen; oder wiederum, unser Glaube muss in den Errungenschaften Christi liegen – in der Erlösung, die er geschaffen hat – in dem Blut, das er vergossen hat: all diese Aussagen sind eine einfache Zurückweisung des lebendigen Herrn, an welchen zu glauben uns gesagt ist, welcher, durch seine Gegenwart mit und in uns und unseren Gehorsam gegen ihn, uns aus der Finsternis ans Licht bringt, uns vom Königreich des Satans in die herrliche Freiheit der Söhne Gottes führt.[11] Keine Gepflogenheit oder Maß des Glaubens über ihn ist der Glaube des Neuen Testamentes. Mit solcher Lehre habe ich eine lebenslange Bekanntschaft gehabt und erkläre sie für elendiglich falsch. Doch ich will jetzt nicht dagegen anfechten; außer das Licht der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi macht einen Menschen leidend an seinen Ansichten, mag er sie meinetwegen bis zum jüngsten Tag halten; denn keine Ansicht, wiederhole ich, ist Christentum, und kein Predigen irgendeines Planes der Erlösung ist das Predigen des herrlichen Evangeliums des lebendigen Gottes. Selbst wenn euer Plan, eure Theorien, vollkommen wahr wären, ist das ernsthafte Festhalten an ihnen, das Vertrauen in dieses oder jenes über Christus, oder in irgendetwas, das er tat oder tun könnte, das Vertrauen in alles außer in ihn selbst, sein eigenes lebendiges Selbst, eine Täuschung. Viele werden dem von Herzen zustimmen und doch, in dem Moment, wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, findet man heraus, dass sie darauf bestehen, dass an Christus zu glauben heißt, an die Erlösung zu glauben, damit nur und ausschließlich ihre spezielle Theorie über die Erlösung meinend; und wenn man sagt, wir müssen an den erlösenden Christus glauben und wir möglicherweise nicht an irgendeine Theorie in Bezug auf die Erlösung glauben können, gehen sie weg und verurteilen dich, indem sie sagen: „Er glaubt nicht an die Erlösung!“[12] Wenn ich die Erlösung auf andere Weise erkläre als sie sie erklären, behaupten sie, dass ich die Erlösung verleugne; noch halten sie es irgendwie für von Bedeutung, dass ich sage, ich glaube an den Erlöser von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzer Kraft und mit ganzem Geist.[13] Dies nennen sie streiten für die Wahrheit![14] Weil ich eine Erklärung ablehne, welche nicht im Neuen Testament ist, obwohl sie glauben, sie sei es, weil sie an keine andere denken können, eine, welche mir so logisch falsch erscheint wie moralisch verabscheuungswürdig, um nicht zu sagen, dass darin überhaupt keine Geistlichkeit liegt, bin ich deshalb kein Christ! Es ist kein Wunder, dass solche Menschen wie ich zitiert habe, das Christentum ablehnen, von dem sie annehmen, dass solche „Gläubigen“ es repräsentieren! Ich sage nicht, dass sich mit dieser traurigen Narretei nicht ein potenzielles Vertrauen in den Herrn selbst vermischt; doch ich sage, dass die Wichtigkeit, die sie in die Theorie legen, traurigerweise dem wahren Vertrauen noch viel mehr hinderlich ist als solche Theorien in sich selbst: während der Geist mit der Erforschung beschäftigt ist,

   „Glaube oder fühle ich, dass diese Sache richtig ist?“ – wird die wahre Frage vergessen: „Habe ich alles verlassen, um ihm zu folgen?“ Für den Menschen, welcher sich selbst dem lebendigen Herrn hingibt, wird jeder Glaube notwendigerweise zurechtgebracht werden; der Herr selbst wird darauf sehen, dass sein Jünger rechtens glaubt, was ihn betrifft. Wenn ein Mensch ihm darin nicht vertrauen kann, welchen Anspruch kann er erheben an das Vertrauen in ihn? Es ist, weil er wenig oder kein Vertrauen hat, dass er überlassen wird, an lächerlichen und entehrenden Ideen festzuhalten, die Traditionen der Menschen in Bezug auf seinen Vater, und weder seine Lehre noch die seiner Apostel. Der lebendige Christus ist für sie nur ein Schatten; an den ganz und gar verwischten Christus ihrer Theorien kann keine Seele völlig glauben: der Jünger solch eines Christus ruht sich auf dessen Wirken aus, auf seinen Errungenschaften oder seiner Erlösung!

   Worauf ich bestehe ist, dass eines Menschen Vertrauen in den lebendigen, liebenden, herrschenden, helfenden Christus sein sollte, der uns so sehr hingegeben ist wie er es immer war und mit all den Kräften der Gottheit zur Rettung seiner Brüder.[15] Es ist kein Vertrauen, dass er dieses tat, dass sein Wirken jenes bewirkte – es ist Vertrauen in den Menschen, welcher alles tat und tut für uns, dass den Menschen retten wird: ohne dieses kann er nicht bewirken, geistlich zu heilen, nicht mehr als er körperlich heilen wollte, während er den Augen der Menschen gegenwärtig war.[16] Fragst du „Was ist Vertrauen in ihn?“, antworte ich, das Verlassen deines Weges, deiner Beschäftigungen, deines Selbst und das Aufnehmen der seinen und von ihm selbst; das Verlassen deines Trauens auf Menschen, auf Geld, auf Ansichten, auf Charakter, auf Erlösung selbst, und tun wie er dir sagt. Ich kann keine Worte finden, die stark genug sind, um dem Gewicht dieser Notwendigkeit zu dienen – dieses Gehorsams. Es ist eine schreckliche Häresie der Kirche, dass sie immer irgendetwas anderes als Gehorsam als das Vertrauen in Christus dargestellt hat. Das Wirken Christi ist nicht der Wirkende Christus, nicht mehr als die Kleidung Christi der Leib des Christus ist. Wenn die Frau, welche den Saum seines Gewandes berührte, auf das Gewand getraut hätte und nicht auf ihn, welcher es trug, wäre sie geheilt worden?[17] Und der Grund, dass so viele, welche eher etwas über Christus glauben als an ihn, Trost erhalten, ist, dass, indem sie bloß den Saum seines Gewandes berühren, sie sich nicht erwehren können, ein wenig an den lebendigen Menschen innerhalb des Gewandes zu glauben. Es ist nicht verwunderlich, dass solche Gläubigen so oft elend sind; sie legen sich nieder zum Schlaf mit nichts als der Falte seines Mantels in ihrer Hand – ein Mantel auch, sage ich, der niemals seiner war, nur von ihnen als der seine angenommen wird – wenn sie in Frieden schlafen könnten, mit dem lebendigen Herrn in ihren Herzen. Anstatt Christus so zu kennen, dass sie ihn in sich haben, sie zu retten, liegen sie da, sich aufreibend in seelen-peinigender Selbst-Prüfung, ob sie Gläubige sind, ob sie wirklich an die Erlösung glauben, ob sie ihre Sünden wirklich bereuen – der Weg zu Wahn im Hirn und Verzweiflung im Herzen. Einige erwägen selbst das Unwägbare – ob sie zu den Erwählten gehören, ob sie einen Anteil an dem für die Sünden vergossenen Blut haben, ob ihr Glaube der rettende ist[18] – während die ganze Zeit der Mensch, welcher für sie starb, darauf wartet anzufangen, sie von allem Bösen zu retten – und zuerst vor diesem Selbst, welches sie aufzehrt mit Sorgen über die Errettung; er wird sie freisetzen und sie mit nach Hause nehmen an die Brust des Vaters – wenn sie nur beachten würden, was er zu ihnen sagt – welches der Anfang ist, die Mitte und das Ziel des Glaubens. Wenn sie, anstatt in den Geheimnissen der Verderbtheit in ihren eigenen Schneckenhäusern zu forschen, nur erwachen würden und aufstehen von den Toten und in das Licht kommen,[19] welches ihnen zu geben Christus wartet, er würde auf der Stelle anfangen, sie mit der Fülle Gottes erfüllen.[20]

   „Doch ich weiß nicht wie erwachen und aufzustehen!“

   Ich werde es dir sagen: – Steh auf und tu etwas, das der Meister dir sagt; so mach dich sofort zu seinem Jünger. Anstatt dich selbst zu fragen, ob du glaubst oder nicht, frage dich selbst, ob du an diesem Tag eine Sache getan hast, weil er gesagt hat, Tue es, oder du einmal davon abgesehen hast, weil er sagte, Tue es nicht. Es ist schlicht absurd zu sagen, du glaubst, oder du auch nur an ihn glauben willst, wenn du nichts von dem tust, was er dir sagt. Wenn du an nichts denken kannst, was er je sagte, das einen winzigen Teil Einfluss auf dein Tun oder Nicht-Tun gehabt hat, hast du zu guten Grund, dich für keinen Jünger von ihm zu halten. Ich bitte dich, verschwende nicht am schlimmsten deine Zeit, indem du versuchst, dich selbst davon zu überzeugen, dass du nichtsdestotrotz sein Jünger bist – dass du aus diesem oder jenem Grunde immer noch Grund hast zu denken, du glaubst an ihn. Wozu solltest du erfolgreich darin sein, dich bis zur völligen Sicherheit davon zu überzeugen, dass du sein Jünger bist, wenn er am Ende zu dir sagt: „Warum hast du nicht die Dinge getan, die ich dir gesagt habe? Weiche von mir; ich kenne dich nicht!“[21] Anstatt zu versuchen, dich selbst zu überzeugen, wenn die Sache wahr ist, kannst du sie wahrhaftiger machen; wenn es nicht wahr ist, kannst du sofort anfangen, es wahrhaftig zu machen, ein Jünger des Lebendigen zu sein – indem du ihm in der ersten Sache gehorchst, die dir einfällt, in welcher du ihm nicht gehorchst. Wir müssen lernen, ihm in allem zu gehorchen und deshalb irgendwo anfangen: lasst es sofort sein und gerade in der ersten Sache, die vor der Tür unseres Gewissens liegt! Oh, ihr Narren und trägen Herzens,[22] wenn ihr an nichts außer Christus denkt und euch nicht aufmacht, seine Worte zu tun! baut ihr eure Häuser nur auf Sand.[23] Was haben solche Lehrer nicht alles zu antworten für die, welche ihre Aufmerksamkeit von den direkten Worten des Herrn selbst abgezogen haben, welche Geist und Leben sind,[24] um über Pläne der Erlösung zu meditieren, herausgequält aus den Worten seiner Apostel, selbst wenn diese Pläne noch so wahr wären wie sie falsch sind! Es gibt nur einen Plan der Erlösung und der ist, an den Herrn Jesus Christus zu glauben; das heißt, ihn für das zu nehmen, was er ist – unseren Meister, und seine Worte, als wenn er sie meinte, welches er sicher tat. Seine Worte zu tun, heißt in lebendige Beziehung mit ihm einzutreten, ihm zu gehorchen ist der einzige Weg, eins mit ihm zu sein. Die Beziehung zwischen ihm und uns ist eine absolute; sie kann keineswegs anfangen zu leben außer in Gehorsam: sie ist Gehorsam. Es kann keine Wahrheit geben, keine Wirklichkeit in irgendeiner Initiation der Vereinigung[25] mit ihm, die kein Gehorsam ist. Was! Habe ich denn die armseligste Überzeugung von einem Gott und wage daran zu denken, in Beziehung zu ihm zu treten, und nicht zu allererst zu tun, was er mir sagt zu tun? Die Sache ist ewig absurd und kommt vom Vater der Lüge.[26] Ich weiß, was er jenen zuflüstert, für welche solche Lehre wie diese unangenehm ist: „Es ist die Lehre der Werksgerechtigkeit.“[27] Doch ein Wort des Herrn, demütig gehört und empfangen, wird genügen, all die Dämonen falscher Theologie in den Abgrund zu schicken. Er sagt, der Mensch, der nicht die Dinge tut, die er ihm sagt, baut sein Haus, dass es zu Ruinen zerfällt. Er weist seine Boten an, hinzugehen und alle Nationen zu taufen, „lehret sie halten alles, was ich euch geboten habe.“[28] Sagt mir, dass es Glaube ist, den er verlangt: weiß ich das nicht? Und ist nicht Glaube der höchste Akt, zu dem der menschliche Geist fähig ist? Doch Glaube an was? Vertrauen in das, was er ist, in was er sagt – ein Vertrauen, das keine Existenz haben kann, außer in Gehorsam – ein Vertrauen, welches Gehorsam ist. Zu tun, was er wünscht, heißt Glaube an ihn hervorzubringen. Dafür hat die Lehre der Menschen diesen oder jenen Glauben über ihn eingetauscht, Vertrauen in diese oder jene angenommene Absicht seiner Offenbarwerdung im Fleisch. Es war er selbst und Gott in ihm, was er offenbarte; doch Vertrauen in ihn und in seinen Vater solcherart offenbargeworden, machen sie ganz und gar zweitrangig zur Akzeptanz der dürftigen Einrichtung einer jonglierenden Moralität, welche sie Gott und seinem Christus zuschreiben, sich einbildend, es sei die Erlösung und der „Plan der Errettung“. „Setzt ihr Vertrauen in ihn?“, frage ich „oder in die Lehren und Gebote der Menschen?“ Wenn ihr sagt „In ihn.“ – „Ist es dann möglich,“, entgegne ich, „dass ihr nicht seht, dass, über allen Dingen und allem Denken, ihr daran gebunden seid, ihm zu gehorchen?“ Trauert ihr nicht, dass ihr nicht auf ihn trauen könnt, wie ihr wolltet, dass ihr es zu schwer findet? Zu schwer ist es für euch und zu schwer wird es bleiben, während selbst die Dinge, die er euch sagt – die Dinge, die ihr tun könnt – ihr nicht versuchen wollt! Wie solltet ihr dazu in der Lage sein, auf den Wahrhaftigen zu trauen, während ihr keineswegs wahrhaftig mit ihm seid? Wie könnt ihr glauben, dass er seinen Teil tun wird durch euch, während ihr nicht solcherart seid, euren Teil zu tun durch ihn? Wie könnt ihr glauben, während ihr nicht vertrauenswürdig seid? Wie, sage ich, solltet ihr in der Lage sein, in ihn zu vertrauen? Gerade der Sache, die euch in die Lage versetzte, in ihn zu vertrauen und so alle Dinge von ihm zu empfangen, kehrt ihr den Rücken zu: Gehorsam lehnt ihr ab, oder vernachlässigt ihn zumindest. Ihr sagt, ihr weigert euch nicht, ihm zu gehorchen? Ich kümmere mich nicht darum, ob ihr euch weigert oder nicht, während ihr nicht gehorcht. Erinnert euch an das Gleichnis: „Ich gehe, Herr, und er ging nicht.“[29] Was habt ihr an diesem Tag getan, weil es der Wille Christi war? Habt ihr abgelehnt, einmal abgelehnt, einen ängstlichen Gedanken an das Morgen? Habt ihr irgendeiner bedürftigen Seele oder Leib gedient und eure rechte Hand davon abgehalten zu wissen, was die linke tat? Habt ihr angefangen alles zu verlassen und ihm zu folgen? Habt ihr euch selbst daran gemacht, ein rechtes Urteil zu urteilen? Seid ihr der Habsucht überdrüssig? Habt ihr eurem Feind vergeben? Sucht ihr das Königreich Gottes und seine Gerechtigkeit vor allen anderen Dingen? Hungert und dürstet ihr nach Gerechtigkeit? Habt ihr jemandem gegeben, der euch gebeten hat?[30] Sagt mir etwas, das ihr getan habt, tut oder versucht zu tun, weil er es euch sagte. Wenn ihr nichts tut, was er sagt, ist es kein Wunder, dass ihr nicht auf ihn trauen könnt und daher getrieben seid, in der Erlösung Zuflucht zu suchen, als wenn irgendetwas, das er getan hat und nicht er selbst in seinem Tun die Erlösung wäre. Das ist nicht, wie ihr es versteht? Was spielt es für eine Rolle, wie ihr versteht oder was ihr versteht, solange ihr nicht eines Geistes seid mit Der Wahrheit, so lange wie ihr und Gott nicht einig seid, ihr euch nicht vereinigt?[31] Wie solltet ihr verstehen? Wissend, dass ihr sein Wort nicht beachtet, warum sollte ich eure Erklärung davon beachten? Ihr tut nicht seinen Willen und so könnt ihr ihn nicht verstehen; ihr kennt ihn nicht, darum könnt ihr nicht in ihn vertrauen. Ihr denkt, dass euer gesunder Menschenverstand genug ist, um zu verstehen, was er meint? Euer gesunder Menschenverstand sollte genügen zu wissen, dass er der Aufgabe nicht gewachsen ist. Es ist das Herz des Kindes, das allein den Vater verstehen kann. Wollt ihr, dass ich euch für schuldig halte der Sünde gegen den Heiligen Geist – dass ihr Jesus Christus versteht und ihm doch nicht gehorchen wollt?[32] Das wäre zu furchtbar. Ich glaube, ihr versteht ihn nicht. Kein Mensch kann bereits tun, was er ihm gerade sagt – doch versucht ihr es? Gehorsam ist nicht Vollkommenheit, sondern es zu versuchen. Ihr nennt ihn einen harten Meister[33] und wollt euch nicht rühren. Nehmt ihr an, dass er jemals ein Gebot gab in dem Wissen, dass es nichts nützte, weil es nicht getan werden könnte? Er sagt uns eine Sache in dem Wissen, dass wir sie tun müssen oder verloren sind; dass nicht sein Vater selbst uns retten könnte außer uns auf lange Sicht dahin zu bringen, alles zu tun, was er gebietet, denn auf keine andere Weise können wir das Leben kennen, können wir das heilige Geheimnis des göttlichen Seins lernen. Er weiß, dass ihr es versuchen könnt und dass in eurem Versuchen und Versagen er in der Lage sein wird, euch zu helfen, bis ihr auf lange Sicht den Willen Gottes tun werdet, wie er ihn selbst tut. Er nimmt den Willen in der unvollkommenen Tat und macht die Tat zuletzt vollkommen. Korrekteste Annahmen ohne Gehorsam sind wertlos. Das Tun des Willens Gottes ist der Weg zur Einheit mit Gott, welche allein Erlösung ist. Am Himmelstor sitzend, auf den Stufen des Thrones selbst sitzend, ja, die Knie des Vaters ergreifend, könntet ihr nie im Frieden sein, außer in ihrer stetig lebendigen Bewegung, in jeglichem kleinsten Punkt ihres Bewusstseins, wären euer Herz, eure Seele, euer Geist, euer Verstand, euer Leib eins mit dem lebendigen Gott. Wenn ihr nur einen schwelenden Gedanken hättet, der nicht eine Freude in ihm wäre, wäret ihr nicht im Frieden; wenn ihr nur ein Verlangen hättet, das ihr nicht völlig verlassen könntet nach seinem Willen, wäret ihr nicht im Frieden; ihr wäret nicht gerettet, könntet euch daher nicht gerettet fühlen. Gott, Alles in Allem, unser zur Erfüllung unseres eigentlichen Seins, ist die Religion des vollkommenen Herrn Christus mit dem Sohnes-Herzen.

   Ich weiß nur zu gut, dass es Glaube ist, der uns rettet – doch kein Glaube an irgendein Werk von Gott – es ist Glaube an Gott selbst. Wenn ich nicht glauben kann, dass Gott so gut ist wie das zärtlichste menschliche Herz, das schönste, das reinste, das selbstloseste menschliche Herz ihn sich vorstellen könnte, ja, eine Unendlichkeit besser, höher als die Himmel höher sind als die Erde – es glauben, nicht als eine Behauptung, oder selbst als eine Sache, von der ich überzeugt wäre, sondern mit dem antwortenden Zustand und Sein meiner ganzen Natur; wenn ich nicht in jeder Faser des Herzens und Hirns und Leibes mich sicher fühlen würde bei ihm, weil er der Vater ist, welcher mich gemacht hat, dass ich bin – wäre ich nicht gerettet, denn dieser Glaube ist Errettung; er ist Gott und Mensch vereint. Gott und Mensch zusammen, die lebendige Kraft, ungehindert fließend vom Schöpfer in sein Geschöpf – das ist die Errettung des Geschöpfes. Doch der armseligste Glaube an den lebendigen Gott, den Gott offenbart in Jesus Christus, wenn er lebendig ist, wahrhaftig, das heißt gehorsam, ist der Anfang des Weges, ihn zu kennen, und ihn zu kennen ist ewiges Leben. Wenn ihr mit Glauben irgendetwas anderes meint, wird dieser Glaube euch nicht retten. Ein Glaube, zum Beispiel, dass Gott mir nicht vergibt, weil er mich liebt, sondern weil er Jesus Christus liebt, kann mich nicht retten, weil er eine Falschheit gegen Gott ist: wenn die Sache wahr wäre, wäre solch ein Evangelium die Predigt von einem Gott, der nicht Liebe wäre, in welchem daher keine Errettung wäre, ein Gott, welchen zu kennen, kein ewiges Leben wäre. Solch ein Glaube würde einen Menschen verdammen, nicht retten; denn er würde ihn an einen Gott binden, welcher alles andere als vollkommen ist. Solche Behauptungen, die unter dem Namen des Christentums laufen, sind nichts als die armseligen Überreste des Paganismus; und nur mit dem Teil unserer Natur, der noch nicht christlich ist, sind wir in der Lage, sie zu glauben – so weit tatsächlich, wie es möglich ist, dass eine Lüge geglaubt werden könnte. Wir müssen all unsere Ängste und unser Misstrauen für Christus verlassen. Wir müssen seine Lehre von Herzen empfangen, nicht die Auslegung davon, die seinen Aposteln zugeschrieben wird, uns davon abwenden lassen. Ich sage Auslegung, die ihnen zugeschrieben wird; denn was sie lehren, ist niemals gegen das, was Christus lehrte, obwohl sehr oft die Darstellung davon – und das nicht aus einem Fehler bei den Aposteln heraus, sondern aus dem schmerzlichen Fehler jener, welche lieber verstehen wollten und erklären als gehorchen. Wir können dessen sicher sein, dass kein Mensch verurteilt werden wird für irgendeine Sünde, die vergangen ist; dass, wenn er verurteilt wird, es sein wird, weil er nicht zum Licht kommen wollte, als das Licht zu ihm kam; weil er nicht aufhören wollte, Böses zu tun und lernen Gutes zu tun; weil er seinen Unglauben in dem Kleid eines falschen Glaubens versteckte und nicht gehorchen wollte; weil er sich selbst eine Gerechtigkeit zurechnete, die nicht seine war; weil er es vorzog, sich selbst als würdige Person vorzustellen, statt sich selbst in allem falsch liegend zu bekennen und umzukehren. Wir können dessen auch sicher sein, dass, wenn ein Mensch der Jünger Christi wird, er ihn nicht in Unkenntnis darüber lassen wird, was er zu glauben hat; er soll die Wahrheit von allem kennen, was nützlich für ihn ist, zu verstehen. Wenn wir tun, was er uns sagt, wird sein Licht in unseren Herzen aufgehen. Bis dahin könnten wir nicht verstehen, selbst wenn er es uns erklärte. Wenn ihr ihm nicht vertrauen könnt, euch wissen zu lassen, was recht ist, sondern denkt, ihr müsst dieses oder jenes festhalten, ehe ihr zu ihm kommen könnt, dann rechtfertige ich eure Zweifel in dem, was ihr eure schlimmsten Zeiten nennt, welche ich doch als eure besten Zeiten vermute, in welchen ihr der Wahrheit am nächsten kommt – jene Zeiten nämlich, in welchen ihr fürchtet, ihr habt keinen Glauben.

   Solange wie ein Mensch es sich nicht zur Aufgabe gemacht hat, dem gesprochenen Wort zu gehorchen, dem geschriebenen Wort, dem gedruckten Wort, dem gelesenen Wort des Herrn Christus, würde ich nicht die Mühe auf mich nehmen, ihn in Bezug auf die anstößigsten Lehren zu überzeugen, dass sie falsch sind wie die Hölle. Es sind jene, welche gerne glauben wollten, doch welche durch solche Lehren gehindert werden, welchen ich helfen wollte. Disputieren über Dinge verbirgt nur den lebendigen Christus, welcher allein die Wahrheit lehren kann, welcher die Wahrheit ist, und die Erkenntnis, aus welcher Leben ist; ich schreibe um derentwillen, welche die falsche Lehre, die beansprucht, vor allen anderen wahr zu sein, von Gott fortgetrieben hat – so gut sie es vermochte, denn der so gelehrte Gott ist kein Gott, der es wert ist, an ihn zu glauben. Ein Stab, ein Stein oder ein Teufel, ist alles, was einige unserer Menschenbrüder haben, daran zu glauben: er, welcher an einen Gott glaubt, der nicht ganz und gar selbstlos und gut ist, ein Gott, welcher nicht alles, was er kann, für seine Geschöpfe tut, gehört zu derselben Klasse; sein Gott ist nicht der, welcher den Himmel und die Erde und das Meer und die Wasserströme gemacht hat – nicht der in Christus offenbarte Gott. Wenn ein Mensch in Gott überhaupt irgendeine Finsternis sieht, und besonders, wenn er diese Finsternis verteidigt, sich bemühend sie als eine zu rechtfertigen, welche die Person Gottes achtet, kann ich nicht anders als zu denken, seine Blindheit muss seiner Verspottung von „Herr! Herr!“[34] gefolgt sein. Gewiss, wenn er Jesus angestrengt gehorcht hätte, hätte er vordem die Wahrheit empfangen, dass Gott Licht ist und in ihm keine Finsternis[35] – eine Wahrheit, welche nicht bestätigt wird, indem man die ihm zugeschriebene Finsternis Licht nennt und die Leuchte des Herrn in der Seele des Menschen Finsternis. Es ist eine Sache zu glauben, dass Gott nichts Falsches tun kann, eine ganz andere, was für eine Mutmaßung auch immer ihm zugeschrieben werden mag, richtig zu nennen.

   Das ganze Geheimnis des Fortschritts ist das Tun der Sache, die wir wissen. Es gibt keinen anderen Weg des Fortschritts im geistlichen Leben; keinen anderen Weg des Fortschritts im Verständnis dieses Lebens: nur indem wir handeln, können wir wissen.

   Gibt es denn irgendetwas, das ihr nicht für Christus verlassen wollt? Ihr könnt ihn nicht kennen – und doch ist er Die Wahrheit, die eine einzige Sache, die erkannt werden kann! Sorgt ihr euch nicht darüber, unvollkommen zu sein? Würdet ihr lieber dieses oder jenes festhalten, mit Unvollkommenheit, als euch davon zu trennen, um vollkommen zu sein? Ihr könnt Christus nicht kennen, denn der eigentliche Grundsatz seines Lebens war das einfache absolute Verhältnis der Wirklichkeiten; seine eine Idee war, ein vollkommenes Kind seines Vaters zu sein. Er, welcher sich nicht von allem trennen will wegen Christus, ist seiner nicht würdig und kann ihn nicht kennen; und der Herr ist wahrhaftig und kann ihn nicht anerkennen: wie kann er ihn in seinem Hause empfangen, als einen von seiner Art, einen Menschen, welcher seinem Vater etwas vorzieht; einen Menschen, welcher nicht für Gott ist; einen Menschen, welcher einen Handel mit Gott erzielen will und sagt: „Ich will so viel aufgeben, wenn du mich schonen willst“! Ihm alles hinzugeben, welcher allein uns geschaffen hat und uns alles gegeben, ja sein ganzes Selbst durch Leben und Sterben, hält solch ein Mensch für zu viel. Seine Haltung sagt: „Ich habe dich niemals danach gefragt, so viel für mich zu tun, und kann nicht die Rückzahlung leisten, die du verlangst.“ Der Mensch wird sich selbst überlassen werden müssen. Er muss herausfinden, was es bedeutet, ohne Gott zu sein! Jene, welche Gott kennen oder gerade erst angefangen haben, einen weit entfernten Schimmer seiner Herrlichkeit zu erfassen, von dem, was er ist, betrachten das Leben als unerträglich, außer Gott ist Alles in Allem, der Erste und der Letzte.[36]

   Ihr Licht scheinen lassen,[37] nicht ihnen ihre Auslegungen von Gottes Absichten aufzuzwingen, ist die Pflicht der Christen ihren Mitmenschen gegenüber. Wenn ihr, welche sich darangesetzt haben, die Theorie des Christentums zu erklären, euch stattdessen darangesetzt hättet, den Willen des Meisters zu tun, der eine Gegenstand, für welchen das Evangelium euch gepredigt wurde, wie anders wäre jetzt der Zustand von diesem Teil der Welt, mit welcher ihr in Kontakt gekommen seid! Hättet ihr euch selbst dem Verständnis seines Wortes hingegeben, dass ihr es tun wolltet und nicht dem Abbauen von Material daraus, damit eure Systeme zu untermauern, würde zu dieser Zeit in vielen Herzen der Name des Herrn geliebt werden, wo er jetzt unbekannt bleibt. Das Wort des Lebens wäre dann tatsächlich durch euch ausgeteilt worden. Menschen, unbeirrt durch eure Erklärungen des Christentums, denn ihr würdet sie nicht zu ihrer Annahme zwingen, und durch euer Verhalten angezogen, würden sie zueinander sagen, wie Mose zu sich selbst sagte, als er den Busch sah, der mit Feuer brannte, aber nicht verzehrt wurde, „Ich will dahin und beschauen dies große Gesicht!“,[38] sie würden näherkommen, um zu betrachten, wie diese Christen einander liebten, und wie gerecht und fair sie zu allen wären, die mit ihnen zu tun hätten! Um festzustellen, dass ihre Güter die besten wären, ihr Gewicht das genaueste, ihre Preise die angemessensten, ihr Wort am zuverlässigsten! Dass in ihren Familien weder Eifersucht noch Wetteifer wären! Dass der Mammon dort nicht angebetet würde! Dass in ihren Häusern die Selbstsucht weder das verborgen noch das offen herrschende Prinzip wäre; dass ihre Kinder so eifrig gelehrt würden zu teilen wie einige andere zu sparen, oder nur sich selbst aufzutun – ihre Mütter ängstlicher, dass ein Kind horten könnte, als dass es verschwenden sollte; dass in keinem ihrer Häuser die Religion ein Thema wäre und das tägliche Leben ein anderes; dass der Geistliche nicht zuerst an seine Kirche dächte, noch der Vorsteher an seine Privilegien.

   Was höre ich euch sagen? – „Wie soll dann die Welt sich weiterdrehen?“ Die Welt des Herrn wird sich weiterdrehen und das ohne euch; des Teufels Welt wird sich weiterdrehen und das mit euch. Der Einspruch ist nur ein weiterer und überwältigender Beweis eures Unglaubens. Entweder ihr glaubt nicht dem Wort, das der Herr sprach – dass, wenn wir zuerst das Königreich Gottes suchen und seine Gerechtigkeit, uns alle notwendigen Dinge hinzugefügt werden;[39] oder was er unternimmt, stellt euch nicht zufrieden; es ist nicht genug; ihr wollt mehr; ihr bevorzugt die Gaben des Mammon. Ihr seid keineswegs ängstlich, vor dem Zu-Viel gerettet zu werden, das eine Falle ist; ihr wollt, was ihr ein Vermögen nennt – die Freiheit der Welt. Ihr wollt nicht unter solchen Einschränkungen leben, wie der Herr auswählen mag, sie auf euch zu legen, wenn er sieht, dass etwas aus seiner Sicht Kostbares aus euch gemacht würde! Ihr wollt die Erde erben, aber nicht durch Sanftmut;[40] ihr wollt das süße Leben dieser Welt haben, das aus dem ewigen Leben entspringt, dem Leben, das Gott mit euch teilt, unter allen Umständen: so viel es dazu kommt, ihr würdet Gott fröhlich verlassen, dass er sich darum kümmert, wenn ihr nur sicher seid, dass ihr das Los des Reichen Mannes nicht teilt, wenn ihr sterbt.[41] Doch ihr stellt fest, dass ihr, unfähig ihm für diese Welt zu vertrauen, ihr ihm auch für die kommende Welt nicht trauen könnt. Es ablehnend, ihm in eurem Leben zu gehorchen, wie könnt ihr ihm für euer Leben vertrauen? Daher die verschiedenen Ersatzmittel, die ihr statt des Glaubens an ihn sucht: ihr haltet ihm sein Wort vor, bindet ihn an seine Versprechen, beruft euch auf die Erlösung, auf die Befriedigung seiner Gerechtigkeit, wie ihr es nennt – während ihr keine Mühe auf euch nehmt, die absolut vernünftige und notwendige Bedingung zu erfüllen, ja, moralisch und geistlich unerlässliche Bedingung – Bedingung und Wirkmittel in einem – zu welcher er anbietet, und durch welche allein er euch anbieten kann, die Befreiung von der Last des Lebens hin zur Kraft und Herrlichkeit des Lebens – dass ihr wahrhaftig sein sollt und ihm gehorsame Kinder. Ihr sagt: „Christus hat das Gesetz zufriedengestellt.“, aber ihr wollt ihn nicht zufriedenstellen! Er sagt: „Kommt zu mir.“, und ihr wollt nicht aufstehen und zu ihm gehen. Ihr sagt: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben.“,[42] aber wenn er sagt: „Lasst alles hinter euch und seid wie ich zu Gott und ihr werdet Frieden und Ruhe haben.“,[43] wendet ihr euch ab, etwas murmelnd über bildhafte Sprache. Wenn ihr wahrhaftig gewesen wäret, das Leben gelebt hättet, tatsächlich Christen gewesen wäret, hättet ihr, wie wenig auch immer, die Welt nach euch gezogen. In euren Kirchen hättet ihr wahrhaftigste Nahrung empfangen, ja Kraft zum Leben – weit weniger daran denkend, Gott am Sonntag zu dienen und weit mehr, eurem Nachbarn in der Woche zu dienen. Der umtriebige Schuft, der herrische Reiche, der betrügerische Händler, der ehrgeizige Arme, welche ihr in euren Gemeinschaften angezogen habt mit dem Angebot einer anderen Rettung als der Befreiung von Sünde, würden nicht darüber herrschen und sie herunterziehen; sie wären umso reiner und umso stärker wegen ihrer Abwesenheit; während die Zöllner und Sünder stattdessen angezogen worden wären und in wahrhaftige Männer und Frauen gewandelt; und wahrlich der Israelit, welcher noch mehr abgestoßen wird durch unsere allgemeine Weltlichkeit als durch unsere Fehldarstellungen von Gott, ihn so selbstsüchtig zeigend wie euch selbst, welcher die Reinheit der Schöpfung ist – der Israelit, in welchem kein Falsch ist,[44] wäre zu der Gemeinschaft der liebenden und wahrhaftigen Menschen geeilt, eifrig zu erfahren, was das wäre, das sie so gut machte, so fröhlich, so selbstlos, so frei von Sorge, so bereit zu sterben, so gewillt zu leben, so hoffnungsvoll, so achtlos zu besitzen, so unehrerbietig dem Besitzen gegenüber. Herausfindend, dass ihr, aus dem traditionellen Zwang falscher Lehre heraus, solche Dinge festhaltet wie ihr tut, würde er gesagt haben: „Nein! Solche Glaubenssätze können niemals für solch mächtige Wirkungen verantwortlich sein!“ Hättet ihr geantwortet: „Such in den Schriften und sieh.“ Er hätte geforscht und gefunden – nicht tatsächlich die Dinge, die ihr euch dort vorstelltet, sondern unendlich bessere und höhere Dinge, Dinge, die tatsächlich verantwortlich sind für die Ergebnisse, über die er sich verwunderte; er hätte solche Wahrheit gefunden wie einer, welcher sie gefunden hat, an ihr festhalten wird für immer als die einzige Glückseligkeit seines Daseins. Darin hättet ihr euren Lohn empfangen, wahre Christen zu sein trotz der bösen Lehren, die ihr gelehrt worden seid und gelehrt habt: ihr wäret im Gegenzug gelehrt worden die Wahrheit der Angelegenheit durch ihn, welchen euer wahres Christentum zu sich gelockt hat und ihn geschickt hat zu der Quelle frei von den Vorurteilen, die euer Urteil behinderten. Solcherart befreit von den falschen Annahmen, welche nicht darin fehlgehen konnten, euer Wachstum bis dahin zu hemmen, wie rasch wäre es dann nicht erfolgt!

   Wenn irgendjemand von euch mir sagt, meine Lehre ist vermessen, dass sie gegensätzlich zu dem ist, was im Neuen Testament gelehrt wird und was die besten aller Menschen immer geglaubt haben, werde ich deshalb nicht fortfahren, auch meine Glaubenssätze zu verteidigen, die Prinzipien, nach denen ich versuche zu leben – wieviel weniger meine Ansichten! Stattdessen appelliere ich an euch, ob ich in Bezug auf unsere hervorragende Verpflichtung dem Wort Christi gegenüber die Wahrheit gesprochen habe oder nicht. Wenn ihr antwortet, dass ich es nicht habe, habe ich nichts weiter zu sagen; es gibt keinen anderen Grund, auf welchem wir uns begegnen können. Doch wenn ihr zugebt, dass es eine Hauptsache ist, selbst wenn ihr nicht zugebt, dass es die vorrangige Pflicht ist, dann ist, worauf ich bestehe, dass ihr sie tun solltet, so und auf keine andere Weise die Erkenntnis von ihm bestätigend. Ich versuche nicht, eure Ansichten zu ändern; wenn sie falsch sind, kann allein der Gehorsam, auf welchem ich bestehe, euch in die Lage versetzen, sie zu berichtigen; ich bitte euch nur zu gehorchen und behaupte, dass ihr nur auf diese Weise euch bereit machen könnt, den Geist Christi zu verstehen. Ich sage, dass niemand außer er, welcher recht tut, recht denken kann; ihr könnt Christus nicht kennen als rechtens, bis ihr tut, wie er tut, wie er euch sagt zu tun; noch könnt ihr ihn darstellen, bis ihr ihn kennt, wie er sich selbst gekannt haben will, das heißt, wie er ist. Wenn ihr dem Mammon dient und vertraut, wie könnt ihr den lebendigen Gott kennen, die Quelle des Lebens, welcher allein zu vertrauen ist! Wenn ihr nicht zugesteht, dass es die Pflicht eines Menschen ist, das Wort Christi zu tun, oder wenn, die Pflicht zugebend, ihr euch noch nicht darum kümmert, sie zu erfüllen, warum sollte ich mich darum kümmern, euch zu überzeugen, dass meine Lehre richtig ist? Was bedeutet es für irgendeinen aufrichtigen Menschen, was ihr von seiner Lehre denkt? Was spielt es für eine Rolle, was ihr von irgendeiner Lehre denkt? Wenn ich euer Urteil überzeugen könnte, während eure Herzen bleiben, wie sie sind, würde ich nur zu eurer Verdammnis beitragen. Das wahrhaftige Herz muss sofort sehen, dass, wie falsch ich auch liegen mag oder nicht in anderen Dingen, ich zumindest darin richtig liege, dass Jesus gehorcht werden muss und sofort gehorcht werden muss in den Dingen, die er sagte: es wird nicht genügen, sich vorzustellen, ihm in Dingen zu gehorchen, die er nicht sagte. Wenn ein Mensch tut, was Christus missfällt, glaubend, dass es sein Wille ist, wird er doch dadurch gewinnen, denn es gibt dem Herrn einen Zugriff auf ihn, welchen er nutzen wird; doch ehe er Freiheit erlangen kann, muss er von dieser Falschheit befreit werden. Was ihn angeht, welcher nicht wählt zu erkennen, dass Christus gehorcht werden muss, der muss der Lehre durch den Vater überlassen werden, welcher alle, die von ihm hören und lernen, zu Christus bringt, dass sie lernen mögen, was er ist, welcher sie gelehrt und dahin gebracht hat. Er wird keinen Menschen seinem eigenen Weg überlassen, wie sehr er diesen auch bevorzugen mag. Der Herr starb nicht, um einen Menschen mit dem erbärmlichen Himmel zu versorgen, den er für sich selbst erfunden haben mag, oder von anderen für ihn erfunden akzeptiert; er starb, um ihm Leben zu geben und ihn zu dem Himmel des Friedens des Vaters zu bringen; die Kinder müssen teilhaben an der wesenhaften Wonne des Vaters und des Sohnes. Dies ist und war von Anfang an das Wirken des Vaters – uns in das zu Hause seines Herzens zu bringen, wo er die Herrlichkeiten des Lebens mit dem Lebendigen teilt, in welchem das Leben geboren ward, um dem Menschen heimzuleuchten zu dem ursprünglichen Leben. Dies ist unsere Bestimmung; und wie sehr ein Mensch sie auch ablehnen mag, er wird es schwer finden, mit Gott zu streiten – nutzlos auszuschlagen gegen den Stachel seiner Liebe.[45] Denn der Vater stachelt ihn an, oder wird ihn anstacheln zum Leben, wenn nötig durch Unruhe und Sorge; Höllenfeuer wird seinen Anteil haben, wenn weniger nicht hilft: kann irgendjemand es mehr gebrauchen als jene, wie weder in das Königreich der Himmel selbst eintreten wollen, noch es dulden, dass jene es betreten, die wollten? Die alte Art der Pharisäer ist keineswegs ausgerottet; sie waren Paulus große Sorge und sind immer noch in jeder religiösen Gemeinschaft unter der Sonne zu finden.

   Die eine einzige Sache, um alle Unterschiede wahrhaft zu versöhnen, ist, im Licht zu wandeln. So lehrt es uns Paulus in seiner Epistel an die Philipper, im dritten Kapitel, Vers sechzehn. Nachdem er die erhabenste Idee des menschlichen Bemühens dargelegt hat, indem er den Gipfel seiner eigenen Bestrebungen erklärt, sagt er – nicht „Dies muss auch euer Bemühen sein oder ihr könnt nicht gerettet werden.“; sondern „Wenn ihr in irgendetwas anders gesinnt seid, wird Gott es euch offenbaren. Nichtsdestotrotz, was wir bereits erlangt haben, lasst uns darin wandeln.“ Beachtet, was für ein denkbar weiter Umfang der ehrlichen Ansicht durch den Apostel eingeräumt wird, selbst in Dingen größter Wichtigkeit! – der eine einzige wesentliche Punkt bei ihm ist, dass, was wir erlangt haben, was wir als wahr erkannt haben, wir darin wandeln. In solchem Wandel, und nur in solchem Wandel, wird Liebe wachsen, wird Wahrheit wachsen; die Seele wird, dann zuerst in ihrem ursprünglichen Element und in ihrer wahren Beziehung zu Gott, in die Wirklichkeit blicken, die zuvor eine Leerstelle für sie war; und er, welcher versprochen hat zu lehren, wird überreichlich lehren. Schneller und schneller wird die Herrlichkeit des Herrn in den Herzen und Geistern seines so wandelnden Volkes heraufdämmern – die dann wahrhaft sein Volk sind; schnell und weit wird die Erkenntnis von ihm sich ausbreiten, denn die Wahrheit des Handelns, dem Wort zugleich vorangehend und nachfolgend, wird den Weg vor ihm bereiten. Der Mensch, der in dem wandelt, was er erlangt hat, wird in der Lage sein, recht zu denken; der Mensch, welcher nicht recht denkt, ist dazu nicht in der Lage, weil er nicht recht gewandelt ist; nur wenn er anfängt, die Dinge zu tun, die er weiß, fängt er an in der Lage zu sein, recht zu denken; dann kommt Gott zu ihm in einer neuen und höheren Art, und wirkt gemeinsam mit dem Geist, den er geschaffen hat. Die Seele, ohne ihren Himmel über ihrem Kopf, ohne ihren Lebensatem um sie herum, ohne ihren Liebes-Schatz in ihrem Herzen, ohne ihren Ursprung, eins mit ihr und damit verbunden, ohne ihr wahres Selbst und ursprüngliches Leben, kann nicht ihrer wahren Aufgabe entsprechend denken – noch würde sie es je in alle Ewigkeit. Wenn ein Mensch sich mit Gott vereint, dann wird alles Unvermögen und alle Uneinigkeit ausgetrieben. Bis dahin kann nur Straucheln sein; Gott liegt im Wettstreit mit den Toren der Hölle, die sich im Menschen öffnen, und kann nur seine eigenen Tore halten; wenn der Mensch sich ihm anschließt, dann wird der Satan vereitelt. Denn dann zuerst empfängt die Natur ihre Notwendigkeit: keine solche Notwendigkeit hat sie wie dieses Gebot aller Gebote – dass Gott und Mensch eins seien. Bis sie in Wirklichkeit anfangen, eins zu sein wie in der göttlichen Idee, in der Blüte wie in der Wurzel, in der Vollendung wie in der aufkeimenden Schöpfung, kann nichts recht werden mit dem Menschen, und Gott kann in ihm nicht zur Ruhe kommen von seiner Arbeit in ihm. Wie die größten Gestirne im Himmel gezogen werden durch die kleinsten, muss Gott selbst in göttlicher Unruhe gehalten werden, bis jeder aus seiner Familie nach Hause zu seinem Herzen gebracht ist, eins zu sein mit ihm in einer Einheit, zu absolut, zu tiefgreifend, zu weitreichend und zu intensiv, um durch irgendjemanden verstanden zu werden außer durch den Gott, von welchem sie kommt, und doch erahnt durch die Seele aus der Unaussprechlichkeit ihrer Wonne, wenn sie auf lange Sicht mit dem Einzigen ist, das ihres sein kann, dem einen, was sie besitzen kann, dem einen, das sie besitzen kann. Denn Gott ist das Erbe der Seele in der Eigenschaft ihres Ursprungs; der Mensch ist der Sprössling seines erschaffenden Willens, seines Lebens; Gott selbst ist sein Geburtsort; Gott ist das Selbst, das die Seele in die Lage versetzt zu sagen Ich auch, ich selbst. Diese absolut unaussprechliche Wonne des Geschöpfes ist das, wofür der Sohn starb, wofür der Vater mit ihm litt. Dann nur ist das Leben selbst; dann nur ist es recht, ist es eins; dann nur ist es bestimmt und bedingt durch das ewige Leben-ausströmende Leben.

   Was wir also erlangt haben, darin lasst uns wandeln!


[1] Im Sinne von: ihn verstanden haben, von ihm gehört haben, ihn kennengelernt haben, wissen wie er ist. Die Übersetzerin hat „gelernt“ beibehalten, um das Wortspiel mit dem Bibelvers der älteren Übersetzungen beizubehalten.

[2] Gemeint sind Lehren und Theorien zur sog. „Erbsünde“.

[3] Gemeint ist die Durchführung bestimmter Gebete, Formeln oder Rituale, die eine bestimmte Denomination für zwingend notwendig hält, dass ein Mensch von Gott überhaupt Vergebung empfangen kann.

[4] Gemeint sind sog. „Atonement-Theories“ – „Erlösungs/Versöhnungs-Theorien“ –, die sich damit beschäftigen, warum genau Jesus sterben musste. Einige dieser Theorien gehen davon aus, dass Jesus sterben musste, um den Zorn Gottes auf die Menschen zu besänftigen. Er ist dann das letzte, endgültige sakrale Opfer, um Genugtuung für die Sünden der Menschen gegen eine zornige, strafende Gottheit zu bewirken. Gegen solche Gedanken wandte sich MacDonald ganz entschieden. Sie enthalten für ihn eine unzulässige Auftrennung der Dreieinigkeit Gottes und widersprechen der Liebe Gottes zu den Menschen. An anderer Stelle bezeichnet er diese Überzeugungen sogar als Häresie oder teuflische / höllische Lehren. Sie widersprechen allem, was im weiten Feld der Christenheit sonst geglaubt wurde und wird und sie widersprechen dem Zeugnis der Schriften der Bibel, auch wenn ihre Vertreter sie für angeblich durch die Schriften der Bibel begründet halten.

[5] Ein solcher Herrscher wäre ein Tyrann, der willkürliche Herrschaft ausübt. Schon in der Antike war der Tyrann ein verachteter Herrscher-Typus. Umso verwunderlicher erscheint es für schärfere Denker, dass es Christen gibt, die ein solches Gottesbild im Heute vertreten, ohne es zu reflektieren.

[6] „First Causes“ – erste Ursache / Ursachen ist in der Philosophie ein Begriff, der sich auf die Idee des Ursprungs aller Dinge an sich bezieht. Dies kann, muss aber nicht eine Gottheit sein. Gemeint ist schlicht ein Auslöser von allem, was ist – die Verursachung aller anderen Ursachen, aus denen sich alle Folgen in der materiellen Welt, in der wir leben, ergeben.

[7] Das Zitat stammt von Herbert Spencer (1820 – 1903), einem englischen Philosophen und Soziologen. Der Text ist ein Auszug aus dem Artikel „Religion: A Retrospect and a Prospect“ – zu finden in „Principles of Sociology“ 1874 und in einem Magazin von 1884. Herbert Spencer war ein Vertreter des Evolutionismus und gilt als ein früher Mitbegründer des Sozialdarwinismus. Seine insgesamt eher agnostische bis atheistische Position ist der von MacDonald sehr entgegengesetzt, was das Zitat umso bemerkenswerter macht und für MacDonalds umfassende Belesenheit und seine intensive Beschäftigung mit zeitgenössischen Positionen und Entwicklungen in den Natur- und Geisteswissenschaften spricht.

[8] Wer einem solch festgelegten System einer bestimmten „Atonement-Theory“ folgt, der kann sich seines eigenen Heils absolut sicher sein, sofern er nur daran glaubt und es für wahr hält. Ein solches System erfordert kein weiteres Nachdenken und Handeln.

[9] Gemeint ist das Einnehmen einer sog. agnostischen Position. Agnostiker lehnen den Gedanken an einen Schöpfer-Gott nicht so kategorisch ab wie Atheisten. Sie sind aber auch keine Theisten, die fest davon ausgehen, dass es eine göttliche Kraft gibt. Sie sind über den Gottesgedanken unentschieden und eher überzeugt, dass man nicht genau wissen kann, ob es eine Gottheit gibt oder nicht.

[10] George MacDonald hat das Neue Testament auf Griechisch studiert. Es gibt Hinweise darauf, dass er sein Leben lang täglich im griechischen NT las.

[11] Siehe: 2. Korinther 4, 6 / Epheser 5, 8 / Kolosser 1, 12 – 13

[12] Die Übersetzerin wählte den im Deutschen gebräuchlichen Begriff „Erlösung“ für das englische Wort atonement. Atonement ist ein im Grunde ein Kunstwort aus der King James Bibel – „at-one-ment“ – in etwa: „zu-eins-machen“ – im Sinne einer Versöhnung zwischen Gott und Mensch, die wie erwähnt im Deutschen mit dem Begriff „Erlösung“ oder „Erlösungstat Gottes“, „Erlösungswerk Jesu“, „Heilsplan Gottes“, „Erlösungsplan Gottes“ oder auch „Errettung“ wiedergegeben wird. Zu dieser Erlösung, der Versöhnung von Gott und Mensch, gibt es in der gesamten Geschichte der Theologie und der Denominationen die unterschiedlichsten Theorien, die sich auf ein erklärendes Warum des Sterbens und Todes Jesu beziehen. Die Frage Warum musste Jesus sterben lässt sich aus den Schriften des Neuen Testamentes tatsächlich nicht eindeutig als System erklären. Nach der Überlieferung der Evangelien steht nur fest, dass Jesus starb und damit eine Versöhnung zwischen Gott und Mensch möglich wurde. Die zahlreichen Theorien über das genaue Wie dieser Versöhnung lenken von Christus selbst ab, wie George MacDonald im Folgenden ausführt.

[13] Siehe 5. Mose 6, 5 / Matthäus 22, 37 / Markus 12, 30 / Lukas 10, 27

[14] Contending for truth ist eine feststehende Redewendung – meint eine Verteidigung der absoluten Wahrheit, eine Verteidigung der Wahrheit Gottes – Apologetik

[15] George MacDonald benutzt häufiger indirekte Zitate aus der Bibel, traditionelle Formulierungen aus der King James Bibel, die im Gedächtnis der Gläubigen einen Widerhall finden. Hier zum Beispiel verwendet er eine Formulierung aus Offenbarung 12, 10: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus, weil der Verkläger unserer Brüder verworfen ist, der sie verklagte Tag und Nacht.“ – die Formulierung accuser of our brethren (der Teufel, der die Gläubigen anklagt) wird in MacDonalds Text zu salvation of his brethren (die Rettung der Gläubigen durch das Vertrauen auf Christus).

[16] Das Vertrauen auf die Person Gottes ist der eigentliche Glaube, der Heilung bewirkt – körperlich, seelisch und geistlich. Besonders nachzuvollziehen in den Texten des Markus-Evangeliums, in denen es oft heißt „Dein Glaube hat dir geholfen“, wenn Jesus jemanden heilte.

[17] Siehe Matthäus 9, 18 – 26 / Markus 5, 22 – 43 / Lukas 8, 41 – 56

[18] Gemeint ist hier die extreme, calvinistische Position, dass es von Anfang an einen festgelegten Plan Gottes gibt, wer von den Menschen zu den Auserwählten, den Geretteten gehört und wer zu denen, die für immer verdammt werden.

[19] Epheser 5, 14 / Römer 13, 11 / Jesaja 60, 1

[20] Epheser 3, 18 – 19

[21] Siehe Matthäus 7, 23 / Matthäus 25, 41 / Lukas 13, 27

[22] Siehe Lukas 24, 25

[23] Matthäus 7, 26

[24] Johannes 6, 63

[25] Original: atonement – im Sinne eines Rituals der Lebensübergabe an Christus, ein Gebet oder Versprechen oder eine bestimmte Formulierung, die eine Erlösung garantieren soll.

[26] Der Teufel, siehe Johannes 8, 44

[27] Die Argumentation des Paulus gegen die gesetzlichen Pharisäer und für das erlösende Leben und Sterben Jesu wird als Ausrede und Angriff verwendet gegen die, die darauf bestehen, dass der Glaube an Christus heißt zu handeln, wie Christus handelte.

[28] Matthäus 28, 20

[29] Siehe Matthäus 21, 30

[30] George MacDonald zählt hier Inhalte der Bergpredigt Jesu auf – hier wird deutlich, dass mit dem Gehorsam gegen Gott keine Gesetzes- oder Werkgerechtigkeit an sich gemeint ist oder das Einhalten von bestimmten moralischen Maßstäben, sondern das konkrete Ausüben von Gerechtigkeit nach dem Vorbild Jesu – die geübte Liebe zum Nächsten.

[31] Im Original steht hier atone. Es ist ein Wortspiel mit Atonement. Wahre AtonementVersöhnung kann nur im Eins-Sein mit Gott erlangt werden, im Sein und Handeln wie er ist und handelt, nicht durch bestimmte Systeme und Glaubenssätze, die Atonement korrekt erklären wollen.

[32] Über die sog. Sünde gegen den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann, wurde viel debattiert. Der Zusammenhang des Schriftzeugnisses macht jedoch deutlich, dass in der Rede Jesu gegen die Pharisäer ihr bewusstes Ablehnen des Guten, von dem sie genau wussten, dass es gut war, gemeint ist. Ein Mensch, der sich bewusst für das Böse entscheidet, ist logischerweise unversöhnt mit Gott Geist, der das Gute will.

[33] Matthäus 25, 24

[34] Matthäus 7, 21

[35] 1. Johannes 1, 5

[36] Offenbarung 22, 13

[37] Matthäus 5, 16

[38] 2. Mose 3, 3

[39] Matthäus 6, 33

[40] Matthäus 5, 5

[41] Anspielung auf das Gleichnis vom Reichen Mann und dem armen Lazarus und auf das Gleichnis des reichen Mannes, der sich Vorratsscheunen für seine reiche Ernte bauen wollte und noch in derselben Nacht starb, ehe er sein Vorhaben umsetzen konnte.

[42] Markus 9, 24

[43] Matthäus 11, 28 – 30

[44] Johannes 1, 47

[45] Es handelt sich hier um ein Wortspiel mit goad = Stachel nach Apostelgeschichte 26, 14 – der Stachel ist ein Stock, mit dem Ochsen getrieben und gelenkt werden.