Schaurigkeit und Sonntagspredigt

Buchbesprechung zu:

„Donal Grant“ von George MacDonald

Erstveröffentlichung 1883

Für diese Besprechung gelesene Ausgabe:

herausgegeben und mit übersetzten schottischen Dialogen von David Jack, 2019 großformatiges Taschenbuch, 463 Seiten – illustriert von Carrie Stout – Vorwort von Michael Phillips

Ausschnitt des Covers der Neuausgabe

Ein Vorspiel

Der Januar ist der beste Monat für Spaziergänge im Dunkeln. Man hat fast jede Straße für sich und in den Fenstern hängen noch die warmen Weihnachtslichter, ehe sie der Sehnsucht nach Frühling weichen. Plötzlich stehe ich vor dieser alten Gießerei, die es seit 1865 gibt. Sie ist immer noch in Betrieb. Tag und Nacht wird hier Metall bearbeitet, sicher sehr viel sauberer, leiser und effizienter als noch im 19. Jahrhundert, doch diese unglaublichen Fenster des überlangen Backsteingebäudes sind in ihrer sakralen Verherrlichung des industriellen Arbeitens die gleichen geblieben. Wenn auch das Licht dahinter steriles, modernes Weiß ist, so scheinen Schmutz und Blindheit auf den vielen Scheibenquadraten der großen Fensterbögen von den Anfängen vor über 150 Jahren zu erzählen. Sie haben alles gesehen und lachen dreckig über die Folgen des kurzen Industriezeitalters, in dem wir immer noch stecken und vor dessen Folgen wir heute ohnmächtig stehen.

Zu Hause liegt ein Buch, das ich gerade lese. Der Text ist aus derselben Zeit, sogar jünger. 1883, hundertundein Jahr vor meiner Geburt, zuerst veröffentlicht. Das ist gar nicht lange her, aber es fühlt sich beim Lesen an, als würde man in eine ganz andere Welt schlüpfen. Diese Welt und die Fenster, vor denen ich verblüfft innehalte, stammen aus demselben fernen Universum. Ich stelle fest, dass es immer noch dasselbe Universum ist, in dem ich heute lebe. Der Geist ist vielleicht hunderte Male gebrochen, das Licht nun beißend kalt und erbarmungslos perfekt, aber der Griff nach einer wunderbar vollendeten Unvollkommenheit, die mich vervollständigt und zum Lächeln bringt, ist möglich. Ich schaue durch die Fenster, reise durch die Zeit zurück und lebe dann für ein paar Tage ganz in diesem Moment, in diesem Buch, im 19. Jahrhundert – und damit im Jetzt und in der Ewigkeit.

Das Buch

Dieses magische Gefühl der Unmittelbarkeit, die etwas Prophetisches hat, wohnt in den belletristischen Werken des schottischen Autors George MacDonald (1824 – 1905). So auch wieder in „Donal Grant“ (erschienen 1883), dem Roman von George MacDonald, der an den früheren Roman „Sir Gibbie“ (erschienen 1879) anknüpft und die Geschichte des besten Freundes von Sir Galbraith weitererzählt. Donal Grant, der einfache Viehhirte aus den schottischen Highlands, hat durch die Gunst seines Freundes Sir Gilbert Galbraith eine höhere Bildung erhalten, die seinen inneren Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Nach dem verunglückten Heiratsantrag in „Sir Gibbie“ verschwand er aus der Geschichte und taucht nun in seinem eigenen Abenteuer in „Donal Grant“ wieder auf.

Wo die schweigsame Figur des „Sir Gibbie“ von Anfang an ein nahezu entrückter Christus-Typus war, ist Donal Grant uns jetzt innerlich näher und menschlicher gezeichnet. Dennoch bleibt der Roman nicht nur bei der Erzählung einer spannenden Geschichte, er driftet für ganze Absätze in den wohlbekannten Predigtstil MacDonalds ab. Mehr als manch anderem Roman dieses Schriftstellers könnte man diesem hier den Wechsel zwischen Handlungsstrang und Sinnieren über Grundsätze des christlichen Glaubens vorwerfen, wobei der Vorwurf ziemlich unsinnig wäre, denn diese scheinbaren Abschweifungen sind der eigentliche Inhalt des Romans, seine Botschaft, wenn man so will, die über die Handlung vermittelt wird. Die beschriebenen Ereignisse selbst können recht einfach zusammengefasst werden und sind klassische Zutaten für einen viktorianischen Schauerroman.

Donal Grant macht sich von den heimatlichen Hügeln der Highlands zu Fuß auf in Richtung Küste. Mit einem Empfehlungsschreiben des örtlichen Gemeindevorstehers in den Händen will er nach einer Stellung als Tutor (Hauslehrer) suchen. Neben der Poesie gilt seine Leidenschaft dem Lehren. Er will das, was er von den Dingen der Welt und den Dingen des Glaubens gelernt hat, an andere vermitteln. Es ist ein natürlicher Teil seines Wesens, für den er Ausdruck sucht. Vertraut mit ärmlichen Verhältnissen sind seine Ambitionen nur die eines Auskommens und des unbeschränkten Zugangs zu einer großen Hausbibliothek.

Unterwegs löst sich die Sohle von seinem Schuh und er muss barfuß weitergehen. Ihn stört es nicht, wohl aber den Geistlichen, dem er unterwegs begegnet. Dessen schlechter Eindruck von Donal steht sehr bald fest, als er dessen nackte Füße sieht und bemerkt, dass er auch noch Gedichte von Shelley liest. Donal spricht frei heraus, ohne zu ahnen, dass es dieser Geistliche sein wird, dem er später sein Empfehlungsschreiben in dem Küstenstädtchen Auchers vorlegen wird. Die Wege der beiden trennen sich zunächst.

Später in Auchers angekommen führt der beschädigte Schuh den müden Donal zum Haus des alten Flickschusters Andrew Comin und seiner Frau Doory. In Andrew findet Donal sofort einen Mann gleichen Geistes. Wie einen Sohn nehmen die beiden Alten ihn auf, während er Ausschau nach einer Stellung als Tutor hält.

So wie Donal wegen seines Freimuts und seiner lyrischen Vorlieben bei dem örtlichen Geistlichen Mr. Carmichael bereits in Ungnade gefallen ist, wird auch der alte Flickschuster von der frommen Bevölkerung Auchers als ungläubiger Sonderling betrachtet. Statt am Sonntag zur Predigt zu gehen, flickt er zum Beispiel lieber Donals Schuh, weil er dies für seine jetzt von Gott zugedachte Pflicht hält, als Dienst am Nächsten.

Der junge Donal und der alte Andrew sind zwei Seiten derselben Münze, die beiden Enden eines gottgefälligen Lebens, wie es George MacDonald versteht und uns in seinem Roman vor Augen zeichnet. Es ist das Ideal des wahrhaftigen Mannes, der danach strebt, seinem Meister Christus in allen Dingen immer ähnlicher zu werden. Zu denken und zu leben wie Christus ist das Ziel. Das, was man von Christus verstanden hat, zu leben und sich mehr und mehr frei zu machen von dem, was Gesellschaft und Tradition als Gottes Wille ausgeben. Andrew ist der in den Wegen des Christus geschulte alte Prophet, Donal ist der junge und ideale Schüler des Christus.

Es ist ein radikaler Lebensentwurf, zwischen dessen beiden Enden sich der Autor George MacDonald selbst bewegt. In der Figur des Donal Grant finden wir teilweise ein literarisches Alter Ego des Schriftstellers. Die Gedanken Donals sind die von George MacDonald. Das kann man mit einiger Sicherheit sagen. Weite Passagen des Romans sind mehr oder weniger wörtliche Zitate aus den geistlichen Texten der „Unspoken Sermons“, deren zweiter Teil kurz nach diesem Roman im Jahr 1885 veröffentlicht wurde. In diesem Sinne ist Donal Grant die erzählerische Version des zweiten Teils der Unspoken Sermons und eine gute Leseempfehlung für all diejenigen, denen es schwerfällt, den verschachtelten Sätzen der „Unspoken Sermons“ zu folgen und die dennoch einen Einblick in die theologischen Gedanken MacDonalds wünschen. Antiquarisch gibt es diesen Roman auch noch als deutsche Übersetzung mit dem Titel „Der geheimnisvolle Raum“ aus dem Francke-Verlag.

Zurück zur Handlung. Obwohl der Geistliche Mr. Carmichael alles dafür tut, dass der junge Lehrer keinerlei Anstellung in Auchers erhält, weil er ihn und seine Ansichten als gefährlich für die Jugend einstuft, gelingt es Donal Grant mit völliger Aufrichtigkeit über seinen schlechten Ruf, den kirchenskeptischen Lord Morven zu gewinnen und die Stellung als Tutor des jüngeren der beiden Söhne des Lord zu erlangen. Lord Morven, seine Söhne Davie und Forgue und seine fast 23-jährige Nichte Lady Arctura leben mit einigen wenigen Bediensteten in dem großen Schloss, das sich über dem Städtchen Auchers erhebt. Es ist ein verwinkeltes, altes Anwesen mit langer Baugeschichte. Ebenso lang ist die Geschichte der herrschaftlichen Familie. Sie ist so verzweigt, dass sich im Jetzt eine eigentümliche Situation eingestellt hat. Während Lord Morven den Titel der Familie an seinen älteren Sohn Lord Forgue, der nur etwas jünger als Donal ist, vererben wird, fällt der ganze Familienbesitz, Schloss und Ländereien, an Lady Arctura, wenn sie in wenigen Monaten ihr 23. Lebensjahr erreicht. Es gilt als unausgesprochene Vereinbarung, dass Arctura und Forgue heiraten werden, um Titel und Besitz wieder zu vereinen.

Bald jedoch muss Donal, der eine väterliche Beziehung zu seinem 8-jährigen Schüler Davie aufbaut, feststellen, dass die Dinge in dieser Familie gar nicht so klar ausgemacht sind. Es ist ein stilles, harmonisches Nebeneinander, hinter dessen Fassade dunkle Geheimnisse und Traurigkeiten lauern, die sich dem jungen Tutor im Laufe der Geschichte Stück für Stück offenbaren.

So betäubt Lord Morven eine alte Schuld an der verstorbenen Mutter seiner Kinder mit Hilfe verschiedener Halluzinogene. Die Beschreibung seiner Drogensucht, seiner unterschiedlich üblen Trips, die Aufweichung seiner Persönlichkeit, sowie das Schwinden seiner Fähigkeit, zwischen Vision und Realität oder zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, wirkt sehr modern. Auch hier, wie schon in „Sir Gibbie“, beschreibt MacDonald die Sucht als Krankheit, die Leib und Seele zerfrisst und die Persönlichkeit eines Menschen fast vollständig erodieren kann. Lord Morven schreckt nicht einmal davor zurück, seinen Gästen heimlich Drogen ins Essen zu mischen, um ihre Reaktion auf diese Substanzen zu beobachten. Später wird er noch weit kriminellere Dinge tun.

Forgue, der erste Sohn des Lords, beginnt ein Verhältnis mit der Bediensteten „Eppie“, der Enkeltochter von Andrew und Doory. Seine Absichten sind erkennbar schlecht und leichtsinnig, Eppie geht mädchenhaft naiv darauf ein. So gerät Donal Grant schon von Anfang an zwischen die Fronten und muss sich überlegen, wie er seinem Arbeitgeber und zugleich seinen Freunden gegenüber loyal und gerecht handelt.

Lady Arctura, die eigentliche Herrin, leidet an einer rätselhaften Schwermütigkeit. Glaubens- und Selbstzweifel nagen an ihr und nehmen ihr alle Fähigkeit zur Freude und die Kraft, ihre Bestimmung in dieser Geschichte zu finden. Miss Carmichael, die Tochter des Geistlichen von Auchers, gibt sich als ihre Freundin und geistliche Beraterin, befördert aber mit ihrem Drängen auf Rechtgläubigkeit nur die Bedrückung der Lady. Es dauert Monate, ehe Arctura in Donal keinen Feind des Glaubens mehr sieht, sondern ihn selbst als Freund und Mentor wählt.

Neben diesen menschlichen Verwicklungen gibt es Gerüchte um einen geheimen Raum, versteckte Leichen und geheimnisvolle nächtliche Geräusche. All dem gehen Lady Arctura, der kleine Davie und der Hauslehrer Donal bald gemeinsam auf den Grund. Dabei entdecken sie ein trauriges Familiengeheimnis. Die Herrin des Schlosses gerät mehr als einmal in Lebensgefahr und es bahnt sich, wie es sich für eine vollständige Geschichte gehört, auch eine zarte Liebesgeschichte an.

Donal und MacDonald

Nur oberflächlich betrachtet ist „Donal Grant“ ein typisch viktorianischer Schauerroman und eine zarte Romanze. Wie es bei einem George MacDonald üblich ist, liegt wie weiter oben angedeutet der Geschichte eine tiefere Botschaft zugrunde.

Der hohe Symbolcharakter verschiedener Motive, wie man sie auch in anderen literarischen Werken des 19. Jahrhunderts findet, erhält noch einmal eine überweltliche Bedeutung. So steht der verborgene Raum nicht nur für das Geheimnis der Familie, sondern wird zum Sinnbild für verdrängte Schuld. Staub, Gebeine und Lumpen aus dem Grab erinnern plötzlich an Jesu Worte an die Pharisäer, deren äußere Fassade und innere Verkommenheit er mit hübsch übertünchen Gräbern vergleicht, die doch nur Schmutz und verweste Überreste enthalten. Das menschliche Herz als Mördergrube und Ursprung aller Ungerechtigkeit und Gewalttat.

Wer MacDonalds „Unspoken Sermons“ kennt und einige Details aus seiner Biografie, dem wird es nicht schwerfallen, in Donal einen Kanal für die Gedankenwelt des Autors zu erkennen. Die Hinweise darauf, dass es so ist, gibt MacDonald selbst in einigen Details zu dieser Figur. Er lässt Donal darüber sinnieren, dass man in Büchern dem Geist und der Gedankenwelt der Menschen, die sie verfasst haben, sehr nahekommt. So begegnen wir in diesem Roman George MacDonald selbst noch klarer als vielleicht in anderen belletristischen Werken von ihm. Jedes Kernthema der Predigten aus dem zweiten Teil der „Unspoken Sermons“ findet sich in den Gedanken Donals, Einschüben des lyrischen Ich des Erzählers oder in den Dialogen der Figuren wieder:

[- ein Angriff auf die in der damaligen Kirche Schottlands noch weithin übliche und als unabdingbar betrachtete „Atonement“-Lehre (konkrete Lehre von dem Warum des Todes Jesu und der Funktion seiner Erlösungstat)

– die Ablehnung der sog. Adoptions-Doktrin – dass der Mensch erst zu einem Kind Gottes wird, wenn er eine bestimmte Lehre der Erlösung annimmt und akzeptiert. Für MacDonald ist der Gedanke, dass der Mensch als von Gott erschaffenes Wesen nicht von Anfang an ein Kind dieses Gottes ist, absurd. So werden der Rückkehr in das eigentliche Zuhause des Menschen unüberwindliche Hindernisse gesetzt – Gott kann den Menschen nicht hassen, wenn er ihn erlösen will

– ein Angriff auf die unzulässige Auftrennung des zornigen Gott-Vaters und des liebevollen Gott-Sohnes. Wer den Sohn sieht, sieht den Vater. Wenn der Sohn also ohne Hass, Zorn und voller Erbarmen und Vergebung ist, trifft dies ebenso auf den Vater zu. Gott ist in sich einig darin, dass der Mensch der Erlösung bedarf, aber immer schon geliebt ist. Erlösung ist nicht als Befriedigung von Zorn oder Wiedergutmachung zu verstehen, sondern vielmehr als Wiederherstellung und Heilung.

Usw.]

Dass die Figur Donal Grant in den theologischen Argumentationen durchaus auf ein sehr ähnliches Fundament zurückgreift wie der Autor George MacDonald, erfahren wir, wenn er das Neue Testament auf Griechisch liest, sogar einen Winter im Schloss darauf verwendet, das Johannesevangelium auswendig zu lernen. MacDonald hat in seinen Ausführungen oft auf den griechischen Text zurückgegriffen, den er sehr genau studiert hat. Die Vermutung liegt nahe, dass das Auswendiglernen des Johannesevangeliums durchaus etwas ist, das MacDonald selbst getan hat. Überall in seinen schriftlichen Predigten finden sich Auslegungen aus der Perspektive dieses Evangeliums, mit dessen Hilfe er die Verse aus den anderen Evangelien beleuchtet. Die „Unspoken Sermons“ sind derart durchdrungen von indirekten Zitaten aus dem Johannesevangelium, dass es schwerfällt, sie alle ausfindig zu machen. Sie müssen auf Leser, die mit den biblischen Texten nicht so vertraut sind, wie die eigenen Gedanken und Argumentationen des Autors wirken.

Die Einstellungen, Überzeugungen und Argumente Donal Grants sind also ganz die von George MacDonald selbst. Darin liegt auch die Schwierigkeit dieses Romans. Wenn es allein um die Geschichte geht, dann ist es kein guter Roman, jedenfalls nicht sein bester. Die Zutaten geheimer Raum, versteckte Leichen, verwinkeltes Schloss, zerrüttete Adelsfamilie, Geheimnisse und seltsame nächtliche Geräusche sind für sich betrachtet wenig originell, finden sich in unzähligen anderen Werken anderer Autoren dieser Zeit als beliebte Motive wieder. Wenn es allerdings um die Vermittlung einer Botschaft geht und um den Ausdruck des inneren Glaubens des Autors, dann sind diese mit der Handlung, den Motiven und Figuren so meisterhaft verknüpft, dass man ihn einen der stärksten Romane MacDonalds nennen muss.

Die Umkehrung

In jeder Geschichte, die einen Spannungsbogen aufbaut und den Leser fesseln will, gibt es eine treibende Kraft, die alle Fäden aufeinander zuführt und zu einem Ziel verknüpft. Das spannungsgeladene Zusteuern auf einen Höhepunkt und die Auflösung der Verwicklungen sind klassisches Handwerk des Geschichtenerzählers. Das kann der Kampf gegen eine Übermacht sein, gegen einen Feind. Es kann das Streben nach Vergeltung und Wiedergutmachung eines Unrechts sein. Es kann die Entwicklung einer Persönlichkeit oder einer Beziehung sein, die in Erfolg, Niederlage oder Vollendung mündet.

All diese treibenden Kräfte des Menschseins erkennt man auch bei George MacDonald, aber hier findet eine außergewöhnliche Umkehrung statt. Es ist derjenige, der nach Versöhnung und Gewaltlosigkeit strebt, der die Geschichte vorantreibt und sie zu ihrem Höhepunkt bringt. Nicht Genugtuung, sondern Vergebung und ein Ausheilen der Seele ist das Ziel der Geschichte. Die Kunst besteht darin, dieses Bestreben nicht als langweilig, sondern als die eigentliche Wirklichkeit darzustellen und den Leser dahingehend zu fesseln, dass er sich diese Aussöhnung als Ziel der Geschichte schließlich selbst wünscht.

Das ist die eigentlich märchenhafte Magie der Romane, die George MacDonald schreibt. Wer sich darauf einlässt, wird in einen Traum und ein Sehnen hineinversetzt, dem man sich nach dem Ende der Lektüre nur schwer wieder entziehen kann. Den Leser eine Wirklichkeit und innere Wahrheit als Traum erleben zu lassen und sich die Verwirklichung dieses Traums von Wahrhaftigkeit im eigenen Leben zu wünschen, ist die große Fähigkeit dieses schottischen Romanciers.