Die Zebedäus-Jungs. Wer ist würdig?

Die Zebedäus-Jungs. Wer ist würdig?

Matthäus 20, 20 – 28:


20 Dann trat die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen zu ihm und warf sich nieder und wollte etwas von ihm erbitten.21 Er aber sprach zu ihr: Was willst du? Sie sagt zu ihm: Bestimme, dass diese meine zwei Söhne einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen mögen in deinem Reich!22 Jesus aber antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagen zu ihm: Wir können es.23 Er spricht zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und zu meiner Linken zu vergeben, steht nicht bei mir, sondern ist für die, denen es von meinem Vater bereitet ist.24 Und als die Zehn es hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder.25 Jesus aber rief sie heran und sprach: Ihr wisst, dass die Regenten der Nationen sie beherrschen und die Großen Gewalt gegen sie üben.26 Unter euch wird es nicht so sein; sondern wenn jemand unter euch groß werden will, wird er euer Diener sein,27 und wenn jemand unter euch der Erste sein will, wird er euer Sklave sein;28 gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.


Die Bitte der Zebedäus-Jungs ist eine der rätselhafteren Stellen in den Evangelien. Es ist ein Text, über den zu allen Zeiten sicher sehr viel und sehr unterschiedlich gepredigt wurde. Es ist ein Text, den der durchschnittliche Bibelleser gern meidet, weil er ein Text mehrerer Ebenen ist und eine Geschichte erzählt, die unserer Zeit und Kultur fremd ist.


Warum nur schicken die Zebedäus-Jungs ihre Mami zu Jesus? Das ist das erste Rätsel. Warum bitten Sie um so etwas Unverschämtes wie zwei Throne in einem Königreich? Denn genau das ist es, worum sie bitten: um Macht und Entscheidungsgewalt in einem Königreich, das in naher Zukunft aufgerichtet werden soll. Ist ihre Bitte überhaupt unverschämt? Oder nur dumm und stolz? Und warum antwortet Jesus so wie er antwortet? Warum weist er sie nicht sofort zurück? Oder ist seine Reaktion eine Art Ablehnung? Ist sie eine Warnung? Eine Drohung? Eine Belehrung?


Zunächst einmal müssen wir wissen, dass der Text aus einer anderen Zeit und Kultur kommt. Wir müssen die Geschichte erst einmal so nehmen, wie sie erzählt wird. Als in sich schlüssige Begebenheit, ohne Angst vor dem Fremdartigen, mit Neugier auf die Welt, in der sie geschehen ist. Dann wird uns bald einfallen, dass es nicht das erste Mal ist, dass in einem Buch der Bibel Frauen vor Männer treten und stellvertretend für andere Männer bitten. Denken wir nur an Königin Esther, die von ihrem Ziehvater gebeten wird, vor den König der Meder und Perser zu treten. Eine potentiell tödliche Handlung, denn ohne Aufforderung durfte sie auch als seine Ehefrau eigentlich nicht zum König treten. Doch er ist ihr gnädig und hört auf ihre Bitten. Es geht in der Bibel auch durchaus weniger märchenhaft zu. Da ist die kluge Frau, die Joab zu König David schickt, um für den in Ungnade gefallenen Sohn des Königs, Absalom, um Gnade zu bitten. Da ist Bathseba, die Mutter Salomos, die vor den alten König David tritt, um ihn dazu zu bewegen, doch endlich seine Nachfolge zu regeln und wie versprochen, den gemeinsamen Sohn offiziell als nächsten König Israels zu bestätigen. Jetzt fällt uns auch das Muster auf. Es sind Könige, die man auf diese Weise um Gunst, Nachsicht, Gnade und seine Rechte bittet. Welcher König kann sich gegen die Bitte einer Mutter grausam zeigen? Gegen die Bitte einer alten Frau? Gegen die Bitte einer schönen Frau?

So fremd uns dieses Verfahren auch ist, sagt es einiges aus über die Zebedäus-Jungs und ihre Sicht der Dinge. Sie sehen Jesus durchaus als würdigen, zunächst sehr irdischen König eines zukünftigen Reiches, das in Israel wieder aufgerichtet werden soll. Nieder mit den Römern! Du bist unser König! Insofern ist ihre Bitte auch eine Ehrung. Sie sehen Jesus tatsächlich als ihren Herrn und König. Und wir dürfen nicht zu hart mit ihnen ins Gericht gehen, wenn sie auf diese Weise an Jesus herantreten und um Macht und Herrschaft bitten. Denn noch ist nichts gewonnen. Die kleine Truppe von 12 Jüngern gegen alle römischen Soldaten des Imperiums – also wenn dazu nicht eine gehörige Portion Gottvertrauen, Vertrauen in diesen Mann Jesus und seine Fähigkeit zur Machtergreifung liegt, muss man sie nicht für stolz halten, sondern entweder für realistisch, wenn sie Jesus korrekt einschätzen – oder für völlig irre, denn ohne wirkliche Power kommt man nicht gegen dieses bewaffnete Biest Rom an. Sie wissen also, warum sie bitten und sie kennen ihren Mann, ihren König. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.


Jesus hingegen sagt ihnen, dass sie nicht wissen, was sie da gerade tun. Er nimmt sie sehr ernst, aber er sagt ihnen unmissverständlich, dass sie die Konsequenzen ihrer Bitte gar nicht absehen können und fragt noch einmal nach, ob sie denn seinen Kelch trinken könnten. Mit dem Kelch sind die Mühen und Leiden gemeint, die Jesus aufbringen muss, um das Reich Gottes in diese Welt hinein zu bringen. Er vermittelt ihnen: Ihr habt nicht die leiseste Ahnung, welche Dinge ihr auf euch nehmen müsst, um zu sein wie ich, um an meine Seite zu kommen und auf meiner Ebene für dieses Reich zu kämpfen.


Natürlich widersprechen sie, wie es gute Soldaten tun müssen. Sicher können wir das! Wir würden alles durchleiden und durchkämpfen für dich und mit dir, unser König. Darum sind wir würdig, zu bitten, ebenso Macht zu erhalten, wenn das Reich endlich aufgerichtet ist. Hier erst kommt der menschliche Stolz ins Spiel. Wir können das alles! Darum haben wir es verdient!


Hier erst weist Jesus sie zurück. Ihnen fehlt nicht nur das Verständnis über das Wesen des Reiches Gottes, sondern ihnen fehlt zuerst das Verständnis für sich selbst. Es steht ihnen nicht zu, über ihren Platz in Gottes Reich zu entscheiden, weil sie nicht wissen, dass sie für diesen Platz ganz ungeeignet sind. Jesus entscheidet nicht einmal darüber, er verurteilt sie nicht dafür. Er verweist auf seinen Vater, auf Gott. Ihm steht es zu. In seiner Hand ist es, Würde zu verleihen.


Gleichzeitig passiert mit diesem Text etwas eigenartiges. Die Geschichte hebt sich plötzlich aus dem irdischen Geschehen heraus und verweist auf eine andere Wirklichkeit. Langsam ahnen wir, dass Jesus und die Zebedäus-Jungs über zwei völlig verschiedene Reiche reden. Die anderen Jünger sind verärgert über die freimütige Bitte der Brüder. Auch darauf geht Jesus nicht ein. Er weist jetzt sowohl die Zebedäus-Jungs als auch die eifersüchtigen 10 darauf hin, dass sie alle das Reich Gottes und wie es in diese Welt kommen soll, falsch verstehen. Er spricht zu ihnen allen. Ihr streitet euch um Posten, ihr sucht Gunst, ihr wollt kämpfen und Macht erlangen und diese Macht ausüben. Ihr seid genauso wie das Reich der Römer, das ihr beseitigen wollt. Eure Herrschaft wäre unter diesen Vorzeichen nicht besser als die der einstigen Unterdrücker. Das Reich meines Vaters ist die völlige Umkehrung von dem, was der Mensch bisher unter Herrschaft und Macht verstanden hat.


Ihr wollt Gewalt anwenden? Man wird euch Gewalt tun und ihr werdet sie leiden und dulden müssen, so wie ich. Ihr wollt herrschen? Ihr sollt dienen, so wie ich. Ihr wollt Macht? Ohnmacht werde ich erleben unter den Mächten dieser Welt. Den Tod. Das ist die Geburt des Reiches Gottes, das ohne Gewalt gegen die Geringen ist.


Die Jünger haben es nicht verstanden, bis Jesus tatsächlich am Kreuz hing. Das wurde sein Thron. Um diese Ehre haben die Zebedäus-Jungs gebeten, ohne es zu wissen. Natürlich haben sie sich etwas anderes vorgestellt, als sie um Throne links und rechts von Jesus baten. Aber das ist genau der Thron, den diese Welt für den Sohn Gottes vorbereitet hat in ihrer Gier nach Gewalt und Macht: das Kreuz, den Tod. Und selbst wenn man den Tod Jesu als Märtyrertod unter römischer Unterdrückung sehen wollte, so wurde den Zebedäus-Jungs nicht einmal diese Ehre zuteil. Ganz andere Leute wurden links und rechts von Jesus „erhöht“.


Matthäus 27, 38:


„Dann werden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.“


Da bleibt nichts mehr, worauf man stolz sein kann. Das ist keine Gunst, um die ein Mensch freiwillig und bewusst bittet. Aber es ist ganz genau das, was Jesus mit dem Reich Gottes meinte. Es ist vielleicht auch das, was Jesus meinte, wenn er sagte, dass dem Reich Gottes Gewalt angetan wird und die Gewalttätigen es an sich reißen. Es ist vielleicht das, was er meinte, wenn er zu den Pharisäern sagte, sie würden es für andere unmöglich machen, in dieses Reich zu gelangen. Es ist vielleicht das, was er meinte, wenn er sagte, dass dieses Reich schon da ist, mitten unter uns. In uns. Inwendig. Es hat nichts mit den Herrschern dieser Welt zu schaffen. Es ist aller Herrschaft dieser Welt entgegengesetzt.


Das Reich Gottes gehört nicht den Stolzen, Mächtigen, Gewalttätigen. Es gehört wie im Gleichnis Jesu von dem Herrscher, der zu seinem Festmahl einladen lässt, den Ausgestoßenen, den Krüppeln und Blinden. Weil die vor den Augen der Welt Mächtigen und Würdigen die Einladung ausgeschlagen haben. Sie sind durch ihre Mächtigkeit nicht fähig, das inwendige, gewaltlose Reich Gottes zu erkennen und hineinzutreten.


Das Reich gehört wohl auch den Räubern, die mit Jesus gekreuzigt sind. Denn ihre Geschichte wird im Evangelium nach Lukas noch ein wenig weitererzählt.


Lukas 23,32-43:


32 Es wurden aber auch zwei andere hingeführt, Übeltäter, um mit ihm hingerichtet zu werden.
33 Und als sie an den Ort kamen, der Schädelstätte genannt wird, kreuzigten sie dort ihn und die Übeltäter, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie aber verteilten seine Kleider und warfen das Los darüber. 35 Und das Volk stand und sah zu. Es höhnten aber auch die Obersten und sagten: Andere hat er gerettet. Er rette sich selbst, wenn dieser der Christus Gottes ist, der Auserwählte! 36 Aber auch die Soldaten verspotteten ihn, indem sie hinzutraten, ihm Essig brachten 37 und sagten: Wenn du der König der Juden bist, so rette dich selbst! 38 Es war aber auch eine Aufschrift über ihm in griechischen und lateinischen und hebräischen Buchstaben: Dieser ist der König der Juden. 39 Einer der gehenkten Übeltäter aber lästerte ihn: Bist du nicht der Christus? Rette dich selbst und uns! 40 Der andere aber antwortete und wies ihn zurecht und sprach: Auch du fürchtest Gott nicht, da du in demselben Gericht bist? 41 Und wir zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und er sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.


In den anderen beiden synoptischen Evangelien – Matthäus und Markus – werden die beiden mit Jesus Gekreuzigten nur erwähnt und sie fallen wie die römischen Soldaten und die Pharisäer gleichermaßen in das Spotten über Jesus ein (Matthäus 27,44 / Markus 15,27). Dass noch zwei weitere Männer gekreuzigt wurden, ist nicht unwahrscheinlich, war doch das Kreuzigen eine Art Lieblingssport der römischen Besatzer zu dieser Zeit und in dieser Provinz, wie viele historische Quellen belegen. Ob zwei ebenso gefolterte Männer wie Jesus noch Sinn dafür haben konnten, Spottworte zu rufen, vermag ich nicht zu beurteilen. Die ausführlichere Geschichte bei Lukas wirkt wie eine kleine Legende, ist aber auch nicht viel unwahrscheinlicher. Zwei unterschiedliche Reaktionen von zwei Männern in derselben Situation sind in jedem Fall möglich. Wirklich wichtig und wahr ist, was uns dieser Bericht zu sagen hat, seine Bedeutung.

Jesus wurde wie so viele andere Männer damals gekreuzigt. Insofern war er in der Statistik der weltlichen Herrschaft Roms ein Unbedeutender unter Vielen. Er starb den gewöhnlichen Tod von Sklaven, Rebellen und verurteilten Nichtbürgern. Ein echter Bürger Roms bekam im Falle einer Verurteilung eine sehr viel kürzere und qualfreiere Methode des Aus-dem-Leben-Beförderns zugestanden. Jesus starb wie die gesichtslose, beherrschte Masse zu allen Zeiten. Darum ist er unter die Räuber gerechnet wie es heißt. Man hat ihn, den Sohn Gottes, wie einen rebellischen Sklaven oder Aufrührer behandelt. Man hat ihm Gewalt getan, sich über ihn ermächtigt.


In Lukas ermächtigt sich einer der ohnmächtigen Mitgekreuzigten ebenfalls über ihn. Ihm bleibt nur der Spott über den mit ihm Leidenden. Eine andere Machtausübung hat er nicht mehr in dieser Welt. Tiefer kann ein Mensch nicht sinken. Schlimmer kann man nicht dran sein. Zu Tode gefoltert, bitter, nach anderen tretend. Darum gibt es für ihn auch kein Wort der Verurteilung aus dem Mund Jesu. Er wird eingereiht in die Masse der sich ermächtigenden Folterer und Spötter, wenn Jesus betet: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“ Wozu ihn noch weiter verurteilen, wenn er ohnehin schon in der eigenen Qual sitzt? Jesus hat für ihn, der sich nicht trösten lassen will, trotzdem nur das Angebot von Gnade und Vergebung.

Der andere Gekreuzigte wendet sich im Bericht von Lukas direkt an Jesus und bittet ihn um Erbarmen. Für ihn, der sich trösten lassen will, hat Jesus das Wort des Erbarmens, das Geschenk des Platzes im Reich Gottes. Und nichts hat dieser Mann dafür getan, um diese Würde zu verdienen. Er hat bekommen, worum die Zebedäus-Jungs gebeten haben. Einen Platz an Jesu Seite. Ungebeten und als Geschenk.


Und genau darin liegt die Würde des Menschen, dass er die Gnade und dieses unsichtbare Reich Gottes nur sehen, erleben und empfangen kann, wenn er sich trösten und beschenken lässt. Unsere Ermächtigung zum Reich Gottes ist unsere Ohnmacht. Unser Zugeständnis, dass wir ohnmächtig sind und bedürftig. Unsere Qualifikation für einen Thron im Reich Gottes ist unsere absolute Bedürftigkeit. Nichts anderes können wir bringen, woran Gott Gefallen hätte, als uns selbst. Nackt und bedürftig und nach Trost verlangend in dieser Welt, in der die Mächtigen immer noch Gewalt ausüben.


Geschickt zum Reich Gottes sind die Gewaltlosen, die Erbarmer. Nicht die Eroberer und Beherrscher. Wer so lebt, den kann es alles kosten. Wie Jesus. Aber es ist die einzige Möglichkeit, dieses Reich zu erfahren.