Zärtliche Armut

Zärtliche Armut
Buchbesprechung zu:
„Die Bagage“ Roman von Monika Helfer
Hanser Verlag, 2020, 158 Seiten

Ein Kunststück, so viel Leben und Geschichte in so wenige prägnante Worte zu kleiden! Monika Helfers Versuch, die eigene Herkunft zu erkunden, zieht den Leser gleich ab der ersten Seite unwiderstehlich in den Bann.

Die Geschichte der Bagage, zugleich abwertende Bezeichnung und respektvoller Ehrentitel, konzentriert sich um die wunderschöne Großmutter Maria, die mit ihrem Josef ganz weit am Rande eines österreichischen Bergdorfes lebt. In Armut leben sie, aber geordnet und sauber und nicht ohne Zärtlichkeit. Drei Kinder haben sie bereits.
Da kommt die Einberufung. Es ist 1914 und die Mutter der Autorin ist noch gar nicht geboren. Zweimal ist der Josef auf Heimaturlaub. Aber da ist auch der Bürgermeister, der auf Maria aufpassen soll. Josef weiß um die Schönheit seiner Frau und dass die Männer im Dorf auf solch eine Gelegenheit nur gewartet haben. Dem Bürgermeister hat er die Bücher frisiert, weil er gut rechnen kann. Der schuldet ihm was. Aber der Bürgermeister wirft nur zu gerne auch einen Blick auf dieses unfassbar schöne Weibsbild. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Deutsche, der die Maria zweimal besucht.

Die Leute können nicht so gut rechnen wie Josef, aber rechnen können sie doch. Unmöglich kann die Maria von ihrem Josef schwanger sein. Das Kind muss einfach von einem Anderen sein. Dieser Meinung ist auch der Pfarrer und die Gerüchte breiten sich unaufhaltsam aus.

Diese Gerüchte hört auch der Josef, als der Krieg aus ist. Aber die Zeiten sind damals eben andere. Man hängt zusammen, hält zusammen, gehört zusammen. Also tut der Vater einfach, als wäre dieses Kind gar nicht da. Er sieht es nicht und hört es nicht. Dieser Josef ist so ganz anders als der aus der Bibel. Aber auch seine Maria ist ja anders. Was Besonderes ist sie, aber hier kann niemand, der etwas Besonderes ist, es auch wirklich werden.

Zu weit weg von allem, was neu und modern ist. Zu arm. Zu eigensinnig. Die Bagage eben.

Noch zwei weitere Kinder werden gezeugt. Das Leben zwischen den beiden Kriegen läuft weiter wie gewohnt. Aber den Eltern ist kein langes Leben vergönnt. Dann sind sie unter sich die Geschwister. Aber die Bagage weiß, wie man überlebt.

Überhaupt ist es dieses Überleben, das die Bagage kennzeichnet. Überleben, bis es nicht mehr geht und die Kraft einfach ausgeht, man niedergestreckt wird. Dieses Überleben tragen die Kinder der Bagage mit sich. Doch das Leben hat ihnen kaum mehr mitzugeben als diese Fähigkeit und die eine oder andere Gabe, von den Eltern geerbt. Es ist zu wenig, etwas Besonderes daraus zu machen.

Aber vielleicht ist dies ja das Besondere: der zärtliche Ton, in dem Monika Helfer sich in die Familiengeschichte einfühlt. Da ist auch so viel Sanftheit, so viel Lebenskraft und Lebenswille. Mehr hat es nicht werden können, aber die Bagage hält zusammen.

Ein wunderbares Buch warmer Farben, ein Gemälde – Monika Helfer vergleicht ihre Figuren mit denen eines Bildes von Bruegel –das uns mit wenigen, geschickten Pinselstrichen das ganze Panorama zwischen Weltgeschichte und Familiengeschichte ausbreitet. Poetisch, liebevoll, aber nichts beschönigend.

Eine eindeutige Leseempfehlung für dieses klare, empathische, leuchtende Buch.