Fakten retten Zuversichtlichkeit

Fakten retten Zuversichtlichkeit


Buchbesprechung zu:


Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist


Von Hans Rosling. Mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling


Sachbuch, deutsche Ausgabe Ullstein, 2020, Klappenbroschur, 393 Seiten (mit Anhang und Quellen)

Hätten Sie gedacht, dass Sie dümmer sind als ein Schimpanse, der mittels zufälliger Auswahl von Bananen die Antworten eines Multiple-Choice-Tests unbewusst ankreuzt? Dann machen Sie sich gefasst auf dieses Buch, es wird Ihnen beweisen, dass Ihr allgemeines Wissen über den Gesamtzustand dieser Welt dramatisch verzerrt oder zumindest sehr veraltet ist. Die Einteilung der Welt in ein paar wenige hoch entwickelte Länder des Westens und den armseligen „Rest der Welt“ und unsere düstere Ahnung, dass dieser Planet unmittelbar vor seiner Auslöschung steht, sind schlicht… falsch!

Man kann von der flotten Ausdrucksweise, der unterhaltenden und auch ein bisschen von sich selbst überzeugten Art des Buches halten, was man will. An tatsächlichen Fakten fehlt es nicht. Es ist voll davon. Die Daten sind offiziell, aktuell und von jedem Ort der Welt mit Internetzugang einsehbar.

Mag sein, dass der Autor sich selbst schon ein bisschen geil findet, wenn er seine krassesten Erlebnisse in aller Welt (Ärzte ohne Grenzen) als Veranschaulichung heranzieht. Oder sich mit seinen Schwertschluckerkünsten brüstet. Aber vielleicht ist es auch seine Art von Humor und Selbstironie. Der in manchen Abschnitten seltsam versimpelt klingende Tonfall rührt daher, dass der Autor Schwede ist und auf Englisch geschrieben hat. Auch eine Schreibschwäche gibt er zu. Man merkt dem Buch an, dass es zwei Sprachwelten durchlaufen hat, ehe es einem selbst nun auf Deutsch vorliegt. Soviel zum Stil.

Hier geht es jedoch nicht um Schöngeistigkeit und Charakter, sondern um den richtigen Umgang mit Daten und das richtige Lesen und Interpretieren von Statistiken. Das hat er drauf. Und immerhin hat er dieses Buchprojekt mit dem Wissen bearbeitet, dass er bald an Krebs sterben würde. Es sind also die berühmten letzten Worte eines Mannes, denen wir zumindest mit Respekt begegnen sollten.

Rosling greift die sehr menschlichen, sog. „dramatischen“ Instinkte auf, die uns im Alltag durchaus helfen und über Jahrtausende das Überleben des Menschen erst ermöglicht haben. In einer Welt, die uns mit tödlichen Gefahren wie Hunger, Kälte, körperlicher Gewalt oder wilden Tieren bedroht, sind dramatische Wahrnehmungen und entsprechende Reaktionen angebracht. In einer modernen und komplexen Welt wie der heutigen können diese Instinkte jedoch blockierende oder gar gefährdende Wirkungen haben. Die Fixierung auf nicht existente oder übertrieben wahrgenommene Gefährdungslagen lenkt ab von tatsächlichen Problemen, für deren Lösung man Energie aufbringen müsste.

Soweit der Grundgedanke des Buches. Nachdem Roslin uns auf charmante Art klar gemacht hat, dass wir Dümmer als Schimpansen sind, erklärt er, dass unser verkehrtes Wissen von der Welt auf 10 „dramatischen“ Instinkten beruht, die wir verstehen und überwinden müssen, um frei für eine korrekte Einschätzung der Zustände auf dieser Welt zu sein. Nacheinander geht Roslin in 10 Kapiteln diese dramatischen Wahrnehmungsmuster durch, von denen wir in unserer Sicht der Welt in weiten Teilen bestimmt werden. Ich fasse hier sehr knapp zusammen.

[*Wir nehmen ein tiefe Kluft zwischen den sehr reichen, hoch entwickelten Ländern und denen in tiefster Armut wahr, obwohl in Wahrheit der Großteil der Welt in einer Mitte liegt.
*Wir neigen dazu, negative Informationen verstärkt aufzunehmen. Nachrichten sind oft deshalb Nachrichten, weil sie negativ sind. Über positive Entwicklungen lässt sich meist nicht gewinnbringend und spektakulär berichten.
*Wir nehmen an, wenn ein bedrohliches Wachstum stattfindet, dass die Wachstumskurve „einfach“ weiter steil nach oben geht: die Bevölkerung wird endlos wachsen, Kriminalität steigt an usw. Entwicklungskurven aber sind weitaus dynamischer, können sinken oder sich abflachen oder auf einem Niveau einpegeln.
*Unser Bild von der Welt ist häufig von Ur-Ängsten geprägt – Ängsten vor unmittelbaren Gefahren für Leib und Leben. Darum nehmen wir Risiken bedrohlicher wahr, als sie sind, nehmen zum Beispiel an, dass Gewaltverbrechen sich häufen, wenn sie häufig in Nachrichten vorkommen, obwohl sie in Wirklichkeit laut Statistiken stetig abnehmen.
*Große Zahlen beängstigen uns, wenn wir nicht nachforschen, in welchen Verhältnissen zu anderen Daten sie stehen. Wir nehmen aufgrund großer Zahlwerte an, dass sie gleichbedeutend mit großen Gefahren oder großem Elend sind, weil wir sie nicht mit anderen Daten abgleichen.
*Wir teilen gerne in „wir“ und „die anderen“ ein. Verallgemeinerungen versperren den Blick auf die tatsächliche Lebensrealität anderer Menschengruppen, anderer Nationen, anderer Ethnien, anderer Religionen usw. Es gibt mehr Ähnlichkeiten als man gemeinhin annimmt.
*Unser veraltetes Bild einer aufgespaltenen Welt vermittelt uns den Eindruck, dass „die anderen“ es niemals schaffen werden. Wir glauben instinktiv, dass das Schicksal bestimmter Gruppen festgelegt und unveränderbar ist.
*Die Welt ist nicht auf nur eine Art verstehbar, es gibt keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme.
*Eben weil die Welt und die in ihr bestehenden Systeme komplex sind, ist es zu einfach gedacht, sich für ein bestehendes Problem einen Schuldigen zu suchen, auf den man alles schieben kann. Ist es eine böse Regierung, ein gieriges Unternehmen? Schuldzuweisungen helfen nicht bei der Lösung eines Problems. Die Suche nach Ursachen und die Verbesserung von Systemen ist hilfreicher.
*Aufgrund der falschen Wahrnehmung der Welt erscheinen uns oft die falschen Probleme als die dringlichen. Oder wir lassen uns bei einem echten Problem durch den Drang zu schnellem Handeln zu überstürzten Entscheidungen hinreißen, die manchmal das Gegenteil von dem bewirken, was wir beabsichtigt haben.]

Diese 10 Punkte werden konkret an falschen Annahmen über den aktuellen Zustand Welt erklärt und in zahlreichen Grafiken zu den offiziell vorliegenden Daten über diese Themenbereiche widerlegt. Der Autor nutzt dabei einen Trick, um unsere bisher übliche Einteilung der Welt in einen „reichen Westen“ und „den Rest“ aufzulösen. Er teilt die Weltbevölkerung einfach in vier unterschiedliche Einkommensstufen, die jeweils vier unterschiedlichen Lebensrealitäten entsprechen, ein. Natürlich ist dies auch wieder eine Kategorisierung, aber es hilft eine sehr einfache Wahrheit in Bezug auf Vergleichsgrößen wie Bevölkerungswachstum, Bildungsniveau, Zugang zu sauberem Wasser und Strom, Mobilität, Stand medizinischer Versorgung, Lebenserwartung, Kindersterblichkeit usw. darzustellen. Es gibt im Grunde keine klar abgegrenzten Welten mehr, sondern eine Bandbreite von Entwicklungsstufen. Und tatsächlich befindet sich der überwiegende Teil der gesamten Menschheit in einer breiten Mitte und hat das pure Elend, das wir als Bilder in unseren Köpfen gespeichert haben, längst verlassen. Die großen Probleme der letzten Jahrzehnte befinden sich alle auf einem Weg der Besserung. Nicht alles ist überall gut, aber es wird besser oder hat das Potenzial, besser zu werden.

Stattdessen verlieren wir die wirklich akuten Probleme ein wenig aus den Augen. Für Rosling sind das folgende: eine globale Pandemie – bedenken wir, dass dieses Buch 2017 abgefasst wurde und der Autor noch nichts von Corona im Jahr 2020 wissen konnte! – , ein Finanzkollaps – durch komplexe schwer durchschaubare Systeme durchaus ähnlich denkbar wie schon 2008 – , ein Weltkrieg – durch Verschiebung der Märkte und Machtverhältnisse denkbar, aber keinesfalls unabwendbar bei anhaltenden Friedensbemühungen weltweit – , Klimawandel – die Datenlage zur Erwärmung ist eindeutig und bestätigt den Trend, aber sie ist ebenfalls keine Kurve, die unabwendbar ins Unendliche wachsen muss, wenn Maßnahmen ergriffen und Technologien weiterentwickelt werden – und extreme Armut – sie ist ein anhaltendes Problem, das weiter bekämpft werden muss, wenn auch der überwiegende Anteil der Menschheit nicht mehr von ihr betroffen ist.

Rosling macht deutlich, dass diese tatsächlichen Probleme besorgniserregend sind, aber nicht unlösbar. Er plädiert für eine faktenbasierte Beurteilung der Lage, eine kontinuierliche Erhebung weiterer Daten und eine Vermeidung von Übertreibungen zur Erzeugung überzogener Ängste.

Das Buch gibt keineswegs ein rosiges Bild dieser Welt für einen ruhigen Schlaf in paradiesischer Wonne. Aber es macht zuversichtlich und öffnet die Augen dafür, dass positive Veränderungen nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich sind. Düstere Prognosen über einen Weltuntergang sind in zweierlei Hinsicht unangebracht. Erstens geben die Daten keine Grundlage für eine solch apokalyptische Einschätzung der Welt und zweitens blockieren diese Art Untergangsvorstellungen die Möglichkeit zur rationalen Beurteilung von Fakten und der entsprechenden Ausrichtung der Handlungsentscheidungen.

Nun mag man kritisieren, dass Rosling im Buch zum Zustand der Welt eine rein einkommensbasierte Kategorisierung vorgenommen hat und das bessere und schlechtere Ergehen der Menschen unabhängig von anderen Faktoren wie politische Systeme, religiöse und kulturelle Vorstellungen usw. betrachtet. Tatsächlich aber zeigt sich, dass ein gewisser Wohlstand in Gesellschaften häufig auch mit den Verbesserungen zum Beispiel vom Verhältnis der Geschlechter zueinander einhergeht oder umgekehrt solche Verbesserungen von ökonomischen Verhältnissen auch den Weg zu einer Werteverschiebung ebnen, die die Lebensumstände aller weiter verbessern kann. Aber auch totalitäre Systeme verzeichnen wirtschaftliche Erfolge. Rosling weist darauf hin, dass Zahlen zwar viel über den Zustand der Welt aussagen, aber eben nicht alles.

Schließlich ist dieses Buch keine Anleitung für eine perfekte Welt oder eine vollständige Sinnerklärung menschlicher Existenz. Das wäre zu viel verlangt von einem Mediziner und Datenanalysten. Sondern es öffnet den Weg zu einer zuversichtlicheren Wahrnehmung der Welt und ist eine kleine Anleitung zum richtigen Denken.

Klare Leseempfehlung. Kritisch bleiben, aber nie die Zuversicht und Hoffnung verlieren.