Die Erkenntnis des Sohnes
„Ihr habt nie weder seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen, und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnend; denn ihr glaubet dem nicht, den er gesandt hat.“ Johannes 5, 37b + 38

Wir werden eines Tages wissen, wie nahe wir im Neuen Testament den ursprünglichen Worten des Herrn kommen. Dass wir sie mit einer Abweichung vorliegen haben, kann ich nicht bezweifeln. Zunächst glaube ich nicht, dass er Griechisch sprach. Er war zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt[1] und würde ihre Muttersprache gesprochen haben, nicht diese, welche sie bestenfalls als Zweitsprache kannten.[2] Dass die Gedanken Gottes in irgendeiner anderen als der Muttersprache der einfachen Menschen, zu welchen er sprach, aus dem Herzen Jesu gekommen wären, kann ich mir nicht denken. Er mag vielleicht zu den Juden Jerusalems auf Griechisch gesprochen haben, denn sie waren weniger einfach; doch gegenwärtig sehe ich keinen Grund zu glauben, dass er es tat.
Wiederum sind wir daran gebunden zu glauben, dass Johannes Boanerges,[3] welcher ihn tatsächlich am besten, und in manchen Dingen allein, verstand, dazu in der Lage war, nach solchem Verlauf an Jahren, uns in seinem Evangelium, angenommen der Herr hätte zu seinen Jüngern auf Griechisch geredet, die eigentlichen Worte, in welchen er die einfachsten Grundsätze äußerte, die jemals in der Menschheit gehört wurden, gegeben hat? Ich sage nicht, dass er dazu nicht in der Lage war; ich sage – sind wir dazu verpflichtet, zu glauben, dass er dazu in der Lage war? Als die Jünger dazu fähig wurden, durch die göttliche Gegenwart in ihren Herzen, den Herrn zu verstehen, erinnerten sie Dinge, die er gesagt hatte, welche sie vergessen hatten; möglicherweise kehrten die eigentlichen Worte, in welchen er sie zu ihnen gesagt hatte, in ihre Erinnerung zurück; doch müssen wir glauben, dass die Evangelien immer exakt seine Worte berichteten? Die kleinen Unterschiedlichkeiten zwischen ihnen sind Antwort genug.[4] Das Evangelium nach Johannes ist das Ergebnis von Jahren und Jahren des Erinnerns, Zurückrufens und Nachsinnens der Worte des Meisters, eine Sache, die verstanden wurde, die andere nach sich ziehend.[5] Wir können nicht sagen, zu wie viel die Erinnerung, in bestem Zustand, – das heißt mit Gott im Menschen – in der Lage sein mag; doch ich glaube nicht, dass Johannes uns immer die genauen Worte des Herrn gegeben hätte, selbst wenn, wie ich nicht denke, dass er es tat, er sie in Griechisch geredet hätte. Gott hat sich nicht darum gekümmert, dass wir irgendwo die Versicherung seiner genauen Worte haben sollen; und das nicht bloß vielleicht wegen der Tendenz in seinen Kindern zu Wort-Anbetung, falscher Logik und Korruption der Wahrheit, sondern weil er sie nicht unterdrückt haben wollte durch Worte, sehend dass Worte, menschlich seiend, daher nur teilweise dazu in der Lage sind und nicht vollständig enthalten oder ausdrücken könnten, was der Herr meinte und dass selbst er sich, um verstanden zu werden, auf den Geist seiner Jünger verlassen musste. Einsehend, dass er kein Leben geben könnte, sollte der Buchstabe nicht in der Macht zu töten auf den Thron gehoben werden;[6] er sollte nur die Dienstmagd sein, um die Tür zur Wahrheit zu öffnen dem Geist, der aus der Wahrheit ist.
„Dann glaubst du an eine individuelle Inspiration für jeden, welcher sich entscheidet, Anspruch darauf zu erheben!“
Ja – für jeden, welcher sie von Gott beansprucht; nicht für jeden, welcher von den Menschen die Anerkennung beansprucht, dass er sie besitzt. Er, welcher ein Ding hat, benötigt nicht, dass es anerkannt wird. Wenn ich nicht an eine besondere Inspiration für jeden Menschen glaubte, welcher um den Heiligen Geist bittet, die gute Sache Gottes,[7] müsste ich die ganze Geschichte beiseite werfen als einen Schwindel; denn der Herr hat, nach dieser Geschichte, solche Inspiration versprochen für jene, welche sie erbitten. Wenn ein Gegner diesen Geist nicht hat, nicht inspiriert ist von der Wahrheit, weiß er nichts von den Worten, die Geist sind und Leben;[8] und seine Gegnerschaft ist weniger wert beachtet zu werden als die eines Wilden zu den Behauptungen eines Chemikers. Seine Zustimmung ist gleichermaßen nichts als das Blasen eines nutzlosen Horns.
„Doch wie kann einer sagen, ob es in Wahrheit der Geist Gottes ist, der aus einem Menschen spricht?“
Du bist nicht dazu berufen, das zu sagen. Die Frage für dich ist, ob du den Geist Christi selbst hast. Die Frage gilt dir, sie dir zu stellen, die Frage gilt dir, sie dir selbst zu beantworten: Bin ich lebendig mit dem Leben des Christus? Wohnt sein Geist in mir? Jeder, welcher verlangt, dem Meister zu folgen, hat den Geist des Meisters und wird mehr empfangen, dass er dichter folge, näher, geradewegs in seinen Fußspuren. Er ist nicht dazu berufen, dieses oder jenes zu beweisen oder irgendeinem Menschen, ob er das Licht Jesu hat; er muss sein Licht leuchten lassen.[9] Daraus folgt nicht, dass sein Werk andere lehren muss oder dass er dazu in der Lage ist, große Wahrheiten in wahrhaftigen Formen zu reden. Wenn die Kraft oder die Freude oder das Erbarmen der Wahrheit ihn drängen, lasst es ihn aussprechen und sich nicht fürchten – zufrieden, dafür verurteilt zu werden; getröstet, dass, wenn er irrt, der Herr selbst ihn verurteilen wird und ihn retten „wie durch´s Feuer.“[10] Die Verurteilung durch seinen Mitmenschen wird ihn nicht verletzen, noch irgend mehr, dass sie im Namen Christi ausgesprochen wird. Wenn er wahrhaftig redet, wird der Herr sagen: „Ich sandte ihn.“ Denn alle Wahrheit ist von ihm; kein Mensch kann ein wahres Ding sehen, dass es wahr sei, außer durch den Herrn, den Geist.[11]
„Wie soll ich wissen, dass eine Sache wahr ist?“
Indem du tust, wovon du weißt, dass es wahr ist und nichts wahr nennst, bis du siehst, dass es wahr ist; indem du deinen Mund schließt, bis die Wahrheit ihn öffnet. Solltest du stille sein? Dann wehe dir, wenn du sprichst.
„Doch wenn ich die Worte, die durch die Evangelisten ihm zugeschrieben sind, nicht für die sicheren, vollständigen, genauen Worte des Meisters nehme, wie soll ich wissen, dass sie seine Wahrheit darlegen?“
Indem du in ihnen siehst, was der einfachsten Wahrheit entspricht, die er redet, und dich selbst der Macht anbefiehlst, die in dir wirkt, einen wahrhaftigen Menschen aus dir zu machen; durch ihre Wirkung auf dein Urteilsvermögen von dem, was wahr ist; durch ihr Aufwecken deines Gewissens. Wenn sie dir nicht als wahr erscheinen, sind es entweder nicht die Worte des Meisters oder du bist nicht wahrhaftig genug, sie zu verstehen. Sei dir dessen sicher, dass, wenn irgendwelche Worte, die die seinen sind, dir ihre Wahrheit nicht zeigen, hast du seine Botschaft in ihnen nicht empfangen; sie sind für dich noch nicht das Wort Gottes, denn sie sind in dir nicht Geist und Leben.[12] Sie mögen der Wahrheit so nahe sein, wie Worte ihr kommen können; sie mögen dazu gedient haben, viele in Kontakt mit dem Herzen Gottes gebracht zu haben; doch für dich bleiben sie bis jetzt noch versiegelt. Wenn dein Herz ein wahrhaftiges ist, wird es sie ehren wegen der Möglichkeit, dass sie Worte mit der Bedeutung des Meisters hinter ihnen sind; für dich sind sie der Fels in der Wüste, ehe Mose zu ihm sprach.[13] Wenn du wartest, wird deine Unwissenheit dich nicht verletzen; wenn du mutmaßt, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, bist du ein blinder Mensch, der sich mit etwas auseinandersetzt, was er niemals sah. Schlussfolgerungen aus einer Sache zu ziehen, die nicht verstanden wird, bedeutet geradewegs in den Morast zu laufen. Zu wagen über die Wahrheit Schlussfolgerungen zu ziehen aus Worten, die uns nicht zeigen, dass sie wahr sind, ist die Anmaßung Pharisäischer Heuchelei. Nur die, welche nicht wahrhaftig sind, sind in der Lage, dies zu tun. Demütiges Missverstehen wird uns nicht verletzen: die Wahrheit ist da und der Herr wird zusehen, dass wir sie erkennen. Wir mögen denken, dass wir sie kennen, wenn wir kaum einen flüchtigen Blick darauf haben; doch dem Fehler eines wahrhaftigen Herzens wird nicht gestattet werden, es zu verderben. Sicherlich hätte dieses Herz die Wahrheit nicht missverstanden, außer wegen der Unwahrheit, die noch in ihm verbleibt; doch er, welcher Teufel austreibt, wird auch diesen Teufel austreiben.
In der Aussage vor uns sehe ich genug, mich zu befähigen, zu glauben, dass ihre Worte den Sinn Christi verkörpern. Wenn ich dies nicht sagen könnte, sollte ich sagen: „Der Apostel hat hier eine Aussage Christi aufgezeichnet; ich bin noch nicht dazu in der Lage gewesen, den Sinn Christi in ihr wahrzunehmen; daher schließe ich, dass ich sie nicht verstanden haben kann, denn zu verstehen, was wahr ist, heißt zu wissen, dass es wahr ist.“ Ich habe bisher noch keine glaubhaft als die Worte Jesu berichteten Worte gesehen, in Bezug auf welche ich wagte zu sagen: „Sein Geist ist nicht darin, deshalb sind die Worte nicht seine.“ Der Geist des Menschen wird jedes Wort nur im Verhältnis dazu, wie es das Wort Christi ist empfangen und im Verhältnis dazu, wie er eins ist mit Christus. Für ihn, welcher wahrlich sein Wort empfängt, ist es eine Kraft, nicht der Erörterung, sondern des Lebens.[14] Die Worte des Herrn sind nicht für die Logik bestimmt, die mit Worten umgeht, als wären sie Dinge; sondern für die geistliche Logik, die von göttlichem Gedanken zu göttlichem Gedanken schlussfolgert, mit geistlichen Tatsachen umgehend.
Kein Gedanke, menschlich oder göttlich, kann von Mensch zu Mensch übermittelt werden außer durch die Symbolhaftigkeit der Schöpfung. Die Himmel und die Erde sind um uns, dass es möglich sei für uns, durch das Sichtbare von dem Unsichtbaren zu reden; denn die äußerste Hülle der Schöpfung hat Verkehr mit den tiefsten Dingen des Schöpfers. Er ist nicht ein Gott, der sich selbst verbirgt, sondern ein Gott, welcher erschuf, dass er offenbare; er ist in sich eins durch und durch. Es gibt Dinge, mit welchen sich ein Feind[15] zu schaffen gemacht hat; doch es gibt mehr Dinge, an welchen sich kein Feind zu schaffen machen könnte und durch welche wir von Gott reden können. Sie mögen ihn uns nicht offenbart haben, doch zuletzt, wenn er offenbart ist, zeigen sie selbst so viel von seiner Natur, dass wir sie sofort als geistliches Unterpfand im Umgang des Geistes gebrauchen können, zu helfen anderen Geistern zu übermitteln, was wir gesehen haben von dem Unsichtbaren. Zu dieser Art der Vermittlung gehörend sind die Worte des Herrn, in welche ich jetzt schauen werde.
„Und der Vater, der mich gesandt hat, derselbe hat von mir gezeugt. Ihr habt nie weder seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen, und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnend; denn ihr glaubet dem nicht, den er gesandt hat.“
Wenn Jesus diese Worte gesagt hat, dann meinte er mehr, nicht weniger, als auf ihrer Oberfläche liegt. Sie können nicht bloße Versicherung von dem sein, was jeder weiß; noch kann ihre Wiederholung ähnlicher Verneinungen tautologisch[16] sein. Sie waren nicht beabsichtigt, die Juden über eine Tatsache zu unterrichten, von der sie nicht geträumt hätten, sie zu verleugnen. Wer unter ihnen würde gesagt haben, dass er jemals Gottes Stimme gehört hätte oder seine Gestalt gesehen? Johannes selbst sagt: „Kein Mensch hat Gott je gesehen.“[17] Was ist der Tonfall des Abschnitts? Er ist Zurechtweisung. Dann weist er sie zurecht, dass sie Gott nicht gesehen haben, wenn kein Mensch zu irgendeiner Zeit Gott gesehen hat und Paulus sagt, dass kein Mensch ihn sehen kann![18] Gibt es hier einen Widerspruch? Darin kann nicht der Sophismus[19] liegen: „Kein Mensch hat Gott gesehen; ihr seid zu verurteilen, dass ihr Gott nicht gesehen habt; deshalb sind alle zu verurteilen, dass sie Gott nicht gesehen haben!“ Wenn wir lesen „Kein Mensch hat Gott gesehen, doch einige Menschen hätten ihn sehen sollen“, ernten wir keine solche Hoffnung für das Menschengeschlecht, wie uns den Ausblick einer Offenbarung für die Versicherung geben wird, dass niemand von jenen, die in der Lage waren, ihn zu sehen, ihn jemals gesehen hat!
Die eine Äußerung ist von Johannes, die andere von seinem Meister: wenn da irgendein Widerspruch zwischen ihnen ist, müssten selbstverständlich die Worte des Johannes verworfen werden. Doch da kann schwerlich Widerspruch sein, da er, welcher die eine Sache sagt, der Berichterstatter der anderen ist, wie durch seinen Meister gesagt, durch ihn, zu welchem er gehörte, dessen Jünger er war, welchen er liebte wie nie ein Mensch zuvor einen anderen geliebt hat.
Das Wort sehen wird in der einen Aussage in einem Sinn verwendet und in einem anderen Sinn in der anderen. In der einen bedeutet es sehen mit den Augen; in der anderen mit der Seele. Die eine Aussage wird über alle Menschen gemacht; die andere wird an einige der Juden Jerusalems gerichtet, sie selbst betreffend. Es ist wahr, dass kein Mensch Gott gesehen hat und wahr, dass einige Menschen ihn gesehen haben sollten. Kein Mensch hat ihn mit seinen leiblichen Augen gesehen; diese Juden hätten ihn mit ihren geistlichen Augen sehen müssen.
Kein Mensch hat Gott je in irgendeiner äußeren, sichtbaren, passenden, ihm eigenen Gestalt gesehen: er ist in keiner Gestalt offenbart außer der seines Sohnes. Doch Scharen von Menschen haben mit ihren geistigen, oder vielmehr ihren Herzensaugen mehr oder weniger von Gott gesehen; und vielleicht sollte oder müsste jeder Mensch etwas von ihm gesehen haben. Wir können Gott nicht vielmehr hinein in seine allerwinzigsten Ausprägungen der geistlichen Wirkungen folgen, als wir es hinein in die atomischen Lebensvorgänge tun können, die weit jenseits des Auges eines Mikroskops liegen: Gott mag im Herzen eines Wilden wirken, in einer Weise, die keine Weisheit seines weisesten, demütigsten Kindes sehen kann oder sich vorstellen kann, dass es sieht. Viele, welche niemals das Angesicht Gottes sahen, mögen doch einen Blick erhascht haben auf den Saum seines Gewandes; viele, welche niemals seine Gestalt gesehen haben, mögen doch das Ausmaß seines Schattens gesehen haben; tausende, welche nie die Wärme seiner Gewandfalten gefühlt haben, sind doch erstaunt durch
„Kein Angesicht, nur Anblick
Eines wehenden Gewandes, weit und weiß.“[20]
Einige haben von seiner Hand auf ihnen geträumt, welche sich niemals an seinen Busen genommen wussten. Die Zurechtweisung in den Worten des Herrn ist die Zurechtweisung von Menschen, welche eine Erfahrung hätten haben müssen, die sie nicht hatten. Lasst uns ein wenig näher auf seine Worte schauen.
„Ihr habt nie seine Stimme gehört“ könnte bedeuten „Ihr habt nie seiner Stimme gelauscht“ oder „Ihr habt nie seiner Stimme gehorcht“, doch der folgende Satz „noch seine Gestalt“ hält uns eher bei dem ersten Sinn des Wortes hören: „Der Klang seiner Stimme ist euch unbekannt“; „Ihr habt seine Stimme nie so gehört, dass ihr sie als seine erkennt.“ „Ihr habt seine Gestalt nicht gesehen“; – „Ihr wisst nicht, wie er ist.“ Er sagt schlicht aus „Ihr solltet seine Stimme erkennen; ihr solltet wissen, wie er ist.“ „Ihr habt sein Wort nicht in euch wohnend“; – „Das Wort, das in euch ist von Anfang an, das Wort Gottes in eurem Gewissen, habt ihr nicht bei euch behalten, es wohnt nicht in euch; durch euch selbst als das Zeugnis des Mose angenommen, bleibt die Schrift, in welcher ihr denkt, dass ihr ewiges Leben habt, nicht bei euch, ist nicht in euch zu Hause. Es kommt zu euch und geht von euch weg. Ihr hört, beachtet es nicht und vergesst. Ihr wohnt nicht in ihm, sinnt nicht darüber nach und gehorcht ihm nicht. Es hat keine Bekanntschaft mit euch. Ihr seid nicht von seiner Art. Ihr seid nicht von denen, zu welchen das Wort Gottes kommt. Ihre Ohren sind bereit zu hören; sie hungern nach dem Wort des Vaters.“
Worauf gründet der Herr seine Anklage an sie? Was ist in ihnen das Zeichen ihrer Unkenntnis Gottes? – „Denn dem, den er gesandt hat, glaubt ihr nicht.“
„Wie das?“, mögen die Juden antworten. „Haben wir von dir nicht ein Zeichen vom Himmel erbeten und hast du es nicht rundheraus abgelehnt?“[21]
Das Argument des Herrn hatte tatsächlich ein geringes Gewicht und wenig Nutzen bei denen, auf welche es sich am meisten bezog, denn je mehr es sich auf sie beziehen ließ, desto unfähiger waren sie, zu sehen, dass es sich auf sie bezog; doch es würde von großer Machtwirkung auf einige sein, die dort standen und lauschten, ihre Geister mehr oder weniger offen für die Wahrheit und ihre Herzen hingezogen zu dem Mann vor ihnen. Seine Argumentation war diese: „Wenn ihr jemals des Vaters Stimme gehört hättet; wenn ihr seinen Ruf jemals erkannt hättet; wenn ihr ihn euch jemals vorgestellt hättet oder irgendeinen Gott wie ihn; wenn ihr euch um seinen Willen gekümmert hättet, so dass sein Wort in euren Herzen zu Hause gewesen wäre, hättet ihr mich erkannt, als ihr mich saht – erkannt, dass ich von ihm kommen muss, dass ich sein Bote sein muss, und hättet mir zugehört. Die geringste Bekanntschaft mit Gott, solche wie jedes wahrhaftige Herz haben muss, hätte euch erkennen lassen müssen, dass ich von dem Gott gekommen bin, von welchem ihr etwas wisst. Ihr wäret dazu in der Lage gewesen, mich zu kennen durch das Licht seines in euch wohnenden Wortes; durch die Gestalt, die ihr auch noch so vage wahrgenommen hättet; durch die Ähnlichkeit meines Angesichtes und meiner Stimme zu jenen meines Vaters. Ihr hättet meinen Vater in mir gesehen; ihr hättet mich gekannt durch das wenige, das ihr von ihm wusstet. Der Familien-Sinn wäre in euch erwacht, der heilige Instinkt desselben Geistes, der euch euren älteren Bruder erkennen lässt. Dass ihr mich jetzt nicht erkennt, wie ich hier stehe, zu euch sprechend, bedeutet, dass ihr euren eigenen Vater nicht kennt, eben meinen Vater; dass ihr durch euer Leben hindurch verweigert habt, seinen Willen zu tun und so seine Stimme nicht hörtet; dass ihr eure Augen davor verschlossen habt, ihn zu sehen und an ihn nur als Parteigänger eurer Ambitionen dachtet. Wenn ihr meinen Vater geliebt hättet, hättet ihr seinen Sohn gekannt.“ Und ich denke, er würde gesagt haben „Selbst wenn ihr euren Nächsten geliebt hättet, hättet ihr mich gekannt, Nächster dem Tiefsten und Besten in euch.“ Wenn der Herr dieser Tage in England erscheinen würde wie einst in Palästina, würde er nicht im Heiligenschein der Maler kommen oder in diesem winterlichen Schimmer verweichlichter Schönheit, von süßer Schwäche, in welcher es ihr hilfloser Brauch ist, ihn darzustellen.[22] Noch würde er vielleicht kommen als Zimmermann, Steinmetz oder Gärtner. Er würde in solcher Gestalt kommen, wie sie dem gegenwärtigen England, Schottland und Irland entspricht, eine Entsprechung wie dieser, in welcher Gestalt und Bedingung er damals kam, Rechnung tragend der Vermengung von Judäa, Samaria und Galiläa. Wenn er solcherart käme, in einer Gestalt, insgesamt unerwartet, welche wären diese, die ihn erkennen und empfangen? Die Idee beinhaltet keine Absurdität. Er ist in keinem Augenblick fern von uns – wenn die alte Geschichte tatsächlich mehr ist als die beste und stärkste der Fabeln, die die Welt erfasst. Er mag in jedem Augenblick erscheinen: Welche, frage ich, wären die Ersten, ihn zu empfangen? Jetzt, wie damals, wären es natürlich die kindhaften im Herzen, die Wahrhaftigsten, die am wenigsten Selbstsüchtigen. Sie wären nicht die Höchsten in der Einschätzung irgendeiner Kirche, denn die Kindhaften sind noch nicht die Vielen. Es mögen nicht einmal jene sein, die am meisten über den ersten Besuch des Meisters wüssten, die über jedem Wort des Griechischen Testamentes nachgesonnen hätten. Der erste, der riefe „Es ist der Herr!“, wäre weder ein „guter Kirchenmann“ noch ein „guter Dissident“.[23] Es wäre nicht einer mit so wenig vom Sinn Christi als sich einzubilden, dass er sich um dümmliche Äußerlichkeiten kümmert. Es wäre nicht der Mann, der am Ankerring des Buchstabens klammert, festgemacht am Kai von dem, was er Theologie nennt und von seinem verrottenden Deck aus die Mutmaßungen derer missbrauchend, die auf See gehen in Schiffen – den Wind des Geistes wehen lassend, wo er will, doch ihn nie hinausblasend unter seine Wunder in den Tiefen. Es wäre nicht er, welcher, einem Gebot gehorchend, sich nicht darum kümmert, Vernünftigkeit in dem Gebot zu sehen; nicht er, welcher, wegen der Unfruchtbarkeit der Seele, die Bedeutung und den Willen des Meisters nicht empfangen kann und so fehlgeht, den Buchstaben seines Wortes zu erfüllen, es wirkungslos machend. Es wären mit Sicherheit, wenn irgendwelche, jene, die dem Meister am ähnlichsten wären – jene nämlich, die den Willen ihres und seines Vaters täten, die ihr Haus auf den Felsen bauten,[24] indem sie seine Aussagen hören und tun. Doch gibt es welche, die genug sind wie er, um ihn sofort zu erkennen am Klang seiner Stimme, durch den Anblick seines Angesichtes? Da sind viele, welche sofort eingenommen wären von einem falschen Christus, gestaltet nach ihrer Einbildung, und die den Herrn sofort als einen armseligen Blender ablehnen würden. Eine Sache ist gewiss: Die, welche ihn zuerst erkennen würden, wären jene, welche die Gerechtigkeit am meisten liebten und die Ungerechtigkeit hassten.
Doch ich werde nicht vergessen, dass es da viele gibt, in welchen närrische Formen ein lebendiges Herz verdecken, warm gegen alles Menschliche und Göttliche; denn die unpassendste und hässlichste Robe mag die lieblichste Gestalt verbergen. Nicht jede Bedeckung ist Kleidung. Das Gras bedeckt die Felder; die Herrlichkeit, die jene Salomos übertrifft,[25] kleidet das Gras; doch die Traditionen der würdigsten Ältesten werden keine Seele kleiden – wieviel weniger die Traditionen der Unwürdigen! Ihre wahre Kleidung muss aus dem Leben der Seele selbst wachsen. Einige nackte Seelen benötigen bloß die Sicht der Wahrheit, um zu ihr zu eilen, wie Dante sagt, wie ein wildes Tier zu seinem Unterschlupf; andere, schwer gehüllt in die Gewänder, welche die Schriftgelehrten hinterlassen haben, und furchtsam, das zu zerreißen, welches nur wert ist, unter die Füße getreten zu werden, nähern sich recht zögerlich der Wahrheit, gehen drumherum wie ein scheues Pferd, das einen verborgenen Feind fürchtet. Doch lasst jeden wahrhaftig sein nach der Art, die ihm möglich ist, und er soll des Meisters Lob haben.
Wenn der Herr erscheinen würde, könnten die Vielen, welche den gewöhnlichen Anblick eines Dinges oder einer Person für das Ding oder die Person selbst nehmen, niemals die neue Schau als die Gestalt des Alten wahrnehmen: Der Meister ist derart falsch dargestellt worden von solchen wie beanspruchten, ihn darzustellen, und besonders in der einen ewigen Tatsache der Tatsachen – das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater –, dass es unmöglich ist, dass sie irgendeine Ähnlichkeit sehen sollten. Für meinen Teil wollte ich eher an keinen Gott glauben als an solch einen Gott, wie er gemeinhin dargestellt wird, dass man an ihn glaube. Wie weit jene zu verurteilen sind, welche, gerechterweise davon abgestoßen, die Idee von sich werfen, keine Nachforschungen anstellen, ob etwas darin wahr sein mag, obwohl das meiste falsch sein muss, noch ihr irgendeinen Anspruch auf Überprüfung zugestehen um der Möglichkeit willen, dass einige, die sich selbst seine Propheten nennen, geistliche Bestechung angenommen haben mögen
„Schönheit mit Schwächen zu vermengen
Und reine Vollkommenheit mit unreiner Entstellung“[26]
– wie weit jene zu verurteilen sind, ist nicht meine Aufgabe zu untersuchen. Einige würden mit Freude die Hoffnung ergreifen, dass solche Möglichkeit als Tatsache bewiesen werden könnte; andere würden sich nicht darum kümmern, auf dem Palimpsest,[27] verdeckt, aber nicht ausgelöscht, eine Erzählung zu entdecken von einem vollkommenen Menschen, der einen vollkommenen Gott offenbart: Sie sind nicht wahrhaftig genug, das als Tatsache zu begehren, welches unmittelbar die Formung ihres Lebens nach einer vollkommenen Idee fordern würde und das Gründen jeder ihrer Hoffnungen auf dieselbe. „Nun aber spiegelt sich in uns allen des Herrn Herrlichkeit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verwandelt in dasselbe Bild…“[28]
[1] Matthäus 15, 24
[2] Tatsächlich ist der Stand der Forschung der, dass die uns auf Griechisch überlieferten Texte der Evangelien auf aramäische, mündliche Äußerungen und Überlieferungen zurückgehen. Dass Jesus und seine Jünger aramäisch sprachen, bezweifelt heute keiner mehr. Einige Theologen und Religionswissenschaftler haben bereits Versuche gemacht, durch Rückübersetzung des Griechischen ins Aramäische den ursprünglichen Äußerungen etwas näher zu kommen. So zum Beispiel das Ehepaar Lapide.
[3] Boanerges bedeutet Donnersohn. Es ist der Beiname, den Jesus den zwei Brüdern, den Söhnen des Zebedäus, Jakobus und Johannes, gab. MacDonald nimmt für das Evangelium nach Johannes diesen einen Sohn des Zebedäus als Autor an. Die Tradition überliefert es so, die Wissenschaft liefert Nachweise dafür, dass der Text nicht von diesem selbst aufgeschrieben worden ist. Nichtsdestotrotz steht dieses Evangelium in engster Tradition dieses Johannes und seiner Schüler.
[4] Was George MacDonald hier ausdrückt ist die einfache Tatsache, dass durch den Prozess des Erinnerns, Tradierens und Aufschreibens der ursprüngliche Wortlaut der Aussagen Jesu nicht mehr zugänglich ist, wohl aber der Geist und Sinn dieser Worte. Die Unterschiede selbst der frühesten Überlieferung der Worte Jesu lassen sich leicht an den Unterschieden der vier Evangelien ablesen.
[5] Tatsächlich unterscheidet sich das Johannesevangelium wesentlich von den anderen drei sog. Synoptischen Evangelien. Während Matthäus, Markus und Lukas mehr oder weniger chronologisch vom Leben, Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu berichten, stellt Johannes die Ereignisse und Äußerungen in andere Zusammenhänge und verbindet sie in geistlicher Interpretation miteinander. Es ist tatsächlich eher ein Werk des theologischen Nachsinnens. Als solches nutzt es auch MacDonald in fast all seinen Unspoken Sermons. Johannes wird benutzt, um die Texte der anderen drei Evangelisten zu spiegeln und näher auszulegen. Das ist nichts Neues und hat lange, christliche Tradition.
[6] 2. Korinther, Kapitel 3, Vers 6
[7] Lukas 11, 13
[8] Johannes 6, 63
[9] Matthäus 5, 16
[10] 1. Korinther 3, 15
[11] Johannes 16, 13
[12] Johannes, 6, 63
[13] 2. Mose 17, 6 / 4. Mose 20, 11
[14] Siehe 1. Korinther 1, 18 ff
[15] Gemeint ist der Widersacher, der Gegner, der Teufel, der die Schöpfung zwar korrumpieren kann, aber selbst keine Schöpferkraft hat, weshalb es uns möglich ist, von der Schöpfung auf einen Schöpfer zu schließen, der sich in dem von ihm Geschaffenen offenbart.
[16] Eine Tautologie ist eine gedoppelte Aussage – A=A. Sie kann Stilmittel sein, aber auch sinnentleerte Aussage.
[17] Johannes 1, 18
[18] 1. Timotheus 6, 16
[19] Philosophischer Begriff, meint in etwa „Trugschluss“, kann auch ein als Stilmittel konstruierter logischer Fehlschluss sein
[20] Original:“No face: only the sight / of a sweepy garment vast and white.“ – ein Vers aus einem Gedicht von Robert Browning [1847 – 1861]
[21] Johannes 2, 18
[22] Vielleicht hat MacDonald hier sogar an die Gruppe der Präraffaeliten gedacht, die in England um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkamen. Süßliche Darstellungen auch von Jesus waren damals im Allgemeinen sehr in Mode, auch das religiöse Liedgut aus jener Zeit enthält stark süßliche Motive.
[23] Gemeint mit „guter Kirchenmann“ ist einer, der traditionell der „Church of England“ angehört. Der „gute Dissident“ ist jemand, der einer freien, unabhängigen christlichen Gemeinschaft angehört, die sich bewusst von der traditionellen Kirche abgrenzt. Übertragen auf den deutschen Sprachraum etwa ein frommer Kirchgänger der evangelischen oder katholischen Kirche im Gegensatz zu einem frommen Mitglied einer der unabhängigen Freikirchen.
[24] Siehe Matthäus 7
[25] Gemeint sind die Lilien auf dem Feld aus dem Gleichnis in Matthäus 6 / Lukas 12
[26] Vers aus „Paradise Lost“ von Milton – „To mingle beauty with infirmities, / And pure perfection with impure defeature“
[27] Ein Palimpsest ist eine Schriftrolle, deren ursprüngliche Beschriftung abgeschabt wurde, um einen neuen Text darauf zu schreiben. Oft kann man den alten Text darunter mithilfe bestimmter Techniken wieder sichtbar machen. Er ist überdeckt, aber nicht spurlos verschwunden.
[28] Siehe 2. Korinther 3, 18 – Anschluss an die nächste Predigt, die diesen Vers aufgreift.
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