Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten III von George MacDonald – Kapitel 3: Die Spiegelungen des Herrn

„Nun aber spiegelt sich in uns allen des Herrn Herrlichkeit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verwandelt in dasselbe Bild von einer Herrlichkeit zu der andern, als vom Herrn, der der Geist ist.“ 2. Korinther 3, 18

   Wir können aus diesem Abschnitt ersehen, wie der Apostel Paulus den Herrn empfing und wie er sein Leben als das Licht der Menschen[1] versteht und so auch ihr Leben.

   Von allen Schreibern, die ich kenne, erscheint mir Paulus der am deutlichsten, entschlossensten praktische in seinem Schreiben. Was sein Mystizismus genannt worden ist, ist einmal das Üben einer Kraft des Sehens, wie durch geistliche Brechung, von Wahrheiten, die nicht, vielleicht immer noch nicht, über dem menschlichen Horizont aufgestiegen sind; ein anderes Mal das Ergebnis einer Gewohnheit, weit offenen Auges die Analogien und Entsprechungen zwischen den konzentrischen Regionen der Schöpfung zu bemerken; es ist das Wirken einer poetischen Vorstellungskraft, die göttlich lebendig ist, deren Teil es ist, sich anbahnende Wahrheit vorherzusehen und willkommen zu heißen; dasselbe Prinzip in ungleich aussehenden Dingen zu entdecken; entdeckte Dinge zu verkörpern in zuvor ungenutzter Gestalt und Symbolik, und so anderen Geistern die tieferen Wahrheiten zu vergegenwärtigen, welchen jene Gestalten und Symbole ihr Dasein verdanken.[2]

   Ich finde in Paulus Schriften denselben künstlerischen Fehler, mit derselben daraus resultierenden Schwierigkeit, den ich in Shakespeare finde[3] – ein Fehler, der in jedem Fall aus der bewundernswerten Tatsache entspringt, dass der Mensch viel mehr ist als der Künstler – der Fehler zu versuchen, zu viel auf einmal zu sagen, die Überfülle einer vor Leben anschwellenden Seele und ihrer Gedanken unablässig ausgießend durch den zu engen Hals menschlicher Äußerung. Daher kommt es, dass wir zeitweise verwirrt sind zwischen zwei oder mehr Bedeutungen, gleichermaßen gut in sich selbst, doch stutzig machend in Bezug auf die richtige Ableitung, in Bezug auf den Faden der Erörterung des Denkers. Die Unsicherheit jedoch liegt immer im intellektuellen Bereich, niemals im praktischen. Worum es Paulus geht, ist deutlich genug für das wahrhaftige Herz, jedoch keineswegs deutlich dem Menschen, dessen Verlangen zu verstehen dem nach seinem Gehorsam voransteht, welcher anfängt mit der Annahme, dass es Paulus Absicht war, ein System zu lehren, zu erklären, statt zu helfen Gott zu sehen, einen Gott, der nur der kindhaften Innenschau offenbart werden kann, niemals dem schärfsten Intellekt. Die Kraft des Apostels, wie die seines Meisters, ging aus, die Menschen aufzuwecken, das Königreich Gottes über sich zu suchen, seine Gerechtigkeit in ihnen; die Lust nach Besitztum und vergänglichem Vergnügen abzulehnen; auf die Herrlichkeit des Gottes und Vaters zu schauen und sich zu ihm zu wenden, weg von allem, was er hasst; die Bruderschaft der Menschen zu erkennen und die Abscheulichkeit von dem, was unrecht, lieblos und selbstherrlich ist. Seine Absicht war nicht, irgendeinen anderen Plan der Errettung zu lehren als den Gehorsam zu dem Herrn des Lebens. Er wusste nichts von den sogenannten Christlichen Systemen, die die Herrlichkeit des vollkommenen Gottes verwandeln in das Abbild des niederen Intellekts und dumpfen Bewusstseins der Menschen – eine schlimmere Korruption als das Darstellen von ihm in menschlicher Gestalt.[4] Welche Art der Seele ist das, die nicht den Apollon des Lichts,[5] den Höhen beschreitenden Hyperion[6] vorziehen wollte der Vorstellung von dem dumpfen, selbst-genügsamen Monarchen, dem Gesetze erlassenden Amtmann oder dem grausamen Zuchtmeister, geschaffen in der heidnischen Arroganz Roms und akzeptiert von der Welt in der Kirche als das Bildnis ihres Gottes! Jesus Christus ist das einzige Abbild des lebendigen Vaters.[7]

   Lasst uns also schauen, was Paulus uns in diesem Abschnitt lehrt über das Leben, welches das Licht der Menschen ist.[8] Es ist seine Art, die durch Johannes verkündete Wahrheit den Menschen nahezubringen.

   Als Mose herauskam vom Reden mit Gott, strahlte sein Angesicht;[9] sein Leuchten war ein Wunder für das Volk und eine Macht auf ihnen. Doch das Strahlen begann sofort zu schwinden und zu erlöschen, wie es natürlich war, denn es war nicht eingeboren in Mose. Daher tat Mose einen Schleier auf sein Angesicht, dass sie es nicht verblassen sehen sollten. Ob dies richtig oder weise war, darüber mag die Meinung verschieden sein: es ist nicht meine Aufgabe, diese Frage zu erörtern. Wenn er abermals in das Allerheiligste ging, nahm er den Schleier ab, redete mit Gott offenen Gesichtes und tat wiederum den Schleier an, als er herauskam. Paulus sagt, dass der Schleier, welcher das Angesicht des Mose verbarg, nun auf den Herzen der Juden liegt,[10] so dass sie ihn nicht verstehen können, doch dass, wenn sie sich zum Herrn wenden, in das Allerheiligste gehen mit Mose, der Schleier fortgenommen wird und sie Gott sehen werden. Dann werden sie verstehen, dass die Herrlichkeit tatsächlich verblasst ist auf dem Angesicht des Mose, doch aufgrund der Herrlichkeit, die übertrifft, die Herrlichkeit Jesu, die diese überstrahlt. Hier kann ich mir doch nicht helfen zu fragen – Hätte Mose nicht besser daran getan, sie sehen zu lassen, dass die Herrlichkeit ihres Anführers gänzlich abhängig war von der Herrlichkeit in der Verschleierung, wohin einzutreten sie nicht würdig waren? Versteckte der Schleier nur das Angesicht des Moses? Legte er ihn nicht, wenn auch unabsichtlich, auf ihre Herzen? Verharrte er nicht dort und half dazu, Gott vor ihnen zu verstecken, so dass sie nicht erfassen konnten, dass der Größere als Mose gekommen war[11] und sie gegen die Idee tobten, dass die Herrlichkeit ihres Propheten sich beugen musste? Hätte nicht das Fehlen dieses Schleiers auf seinem Angesicht sie ein wenig mehr dazu befähigen können zu erkennen, dass seine Herrlichkeit eine Herrlichkeit war, die vergehen musste, eine Herrlichkeit, deren Herrlichkeit darin bestand, dass sie den Weg bereitete für die Herrlichkeit, die sie auslöschen musste? Mose hat den Schleier für immer von seinem Angesicht genommen,[12] doch sie rissen ihn an ihre Herzen und er blendete sie – bewundernswertes Zeichen der willentlichen Blindheit des alten Mosaisten oder des modernen Wesleyisten,[13] kein Licht zugestehen, dass sein Mose oder sein Wesley nicht sah, und solcherart verlierend, was er von dem Licht sah und reflektierte.

   Paulus sagt, dass die Schau des Herrn diesen Schleier von ihren Herzen nehmen wird. Sein Licht wird ihn fortbrennen. Seine Gegenwart gibt Freiheit. Wo er ist, da ist keine Schwermut mehr, keine Fessel mehr, keine Wildnis mehr oder ein Berg Sinai. Der Sohn macht frei durch Sohnschaft.

   Und nun kommt der Abschnitt, dessen Ertrag ich wünsche klarer zu machen:

   „Doch wir alle“, seine Gegenwart und diese Freiheit habend, „sehend mit aufgedecktem Angesicht wie in einem Spiegel die Herrlichkeit des Herrn, werden verwandelt in dasselbe Bild“, das des Herrn, „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als vom Herrn, dem Geist.“[14]

   „Wir brauchen keinen Mose, keinen irdischen Mittler, der zwischen uns und das Licht kommt und uns ein wenig von der Herrlichkeit hervorbringt. Wir gehen in die Gegenwart des Sohnes, der den Vater offenbart – in die Gegenwart des Lichtes der Menschen. Unser Mittler ist der Herr selbst, der Geist des Lichtes, ein Mittler, nicht von uns gesandt zu Gott, seinen Willen zurückzubringen, sondern gekommen von Gott, uns sich selbst zu bringen. Wir treten, wie Mose, hinein in die Gegenwart des sichtbaren, strahlenden Gottes – nur so viel sichtbarer, strahlender! Wie Mose dastand mit unverhülltem Angesicht, das die Herrlichkeit Gottes voll auf sich empfing, so stehen wir mit aufgedecktem, mit unverhülltem Angesicht, voll in dem Licht der Herrlichkeit Gottes, am Ort seiner Gegenwart – ihr und ich, Korinther. Es ist kein reflektiertes Licht, das wir sehen, sondern die Herrlichkeit Gottes, die hineinscheint, herausscheinend, hineinscheinend und scheinend vom Angesicht Christi, die Herrlichkeit des Vaters, eins mit dem Sohn. Israel sah nur die verblassende Reflektion der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Mose; wir sehen die Herrlichkeit selbst im Angesicht Jesu.“[15]

   Doch in dem, was folgt, scheint mir, dass die revidierte Version die Bedeutung fast so viel verfehlt wie die autorisierte,[16] wenn sie statt „sehen wie in einem Spiegel“ schreibt „reflektieren wie ein Spiegel.“ Die erstere ist falsch; die letztere weit entfernt von richtig. Die Idee der Sprachfigur ist jene eines Poeten, nicht eines Mannes der Wissenschaft. Der Poet geht um mit der äußeren Schau der Dinge, welche äußere Schau unendlich tiefer ist in ihrem Verhältnis zur Wahrheit, als auch eigentlich weit praktisch nützlicher als die Analyse des Mannes der Wissenschaft. Paulus dachte niemals von dem Spiegel als reflektierend, als die Lichtstrahlen von seiner Oberfläche zurückwerfend; er dachte von ihm als empfangend, in sich selbst aufnehmend die Dinge, die ihm gezeigt werden – hier als seinen Busen mit der Herrlichkeit füllend, auf die er schaut. Wenn ich das Angesicht meines Freundes in einem Spiegel sehe, scheint der Spiegel es in sich selbst zu enthalten, das Antlitz mit seiner flüssigen Umarmung einzufassen. Das Gesicht ist da – dort unten in der Tiefe des Spiegels. Wahrhaftig, es scheint leuchtend aus ihm heraus, doch es ist nicht das Herausscheinen von ihm, das Paulus in seinem Gedanken hat; es ist die Tatsache – die sichtbare Tatsache, welche, nach Wordsworth,[17] der Poet immer ergreift – vom Spiegel, der in sich das Angesicht enthält.

   Dass dies die Art ist, wie Poet oder Prophet – Paulus war beides – von der Sache denken würden, besonders im Zeitalter des Apostels, sollte ich in der Lage sein noch glaubwürdiger erscheinen zu lassen, indem ich eure Aufmerksamkeit auf den folgenden Abschnitt von Dante lenke – dessen Zeit, obwohl so viel entfernter von der des Apostels als unsere Zeit von der Dantes, in vielerlei Hinsicht der des Paulus ähnlicher war als unsere.[18]

   Der Abschnitt ist dieser: – Dell‘ Inferno: Canto 23. 25-27:

     „E quei: `S’io fossi d’impiombato vetro,

     L’immagine di fuor tua non trarrei

     Piu tosto a me, che quella dentro impetro.“[19]

   Hier sagt Virgil, in Bezug auf die Macht, die er hatte, die Gedanken seines Gefährten zu lesen, zu Dante:

   „Wenn ich ein Bleiglas wäre“ – bedeutend „Wenn ich ein Glas wäre, das auf der Rückseite mit Blei bedeckt ist, so dass ich ein Spiegel wäre.“ – „würde ich dein äußeres Bild nicht mehr in mich hineinziehen, als ich dein inneres Bild gewinne;“ – bedeutend „als ich jetzt deine Gedanken kenne.“

   Es scheint mir also, dass das wahre einfache Wort, das Griechische zu repräsentieren, und auch das wörtlichste, durch welches man es übersetzt, das Verb spiegeln ist – wenn der Satz, so weit, solcherart verlaufen würde: „Doch wir alle, mit aufgedecktem Angesicht, spiegeln die Herrlichkeit des Herrn, …“

   Ich muss nun fortfahren, die im Herzen des Apostels wirkende Idee zu entfalten. Denn die bloße Richtigkeit einer Übersetzung ist nichts, außer sie bringt uns etwas Tieferes, oder zumindest eine etwas frischere Einsicht: mit ihm, welcher sich um die Worte kümmert, getrennt von dem, was der Schreiber beabsichtigte, was sie übermitteln sollen, habe ich nichts zu schaffen: er muss aufhören „als Mensch zu gelten“[20] und anfangen ein tatsächlicher Mensch zu sein, auf dem Wege, eine lebendige Seele zu sein, ehe ich nach seinem Umgang verlangen kann. Der Prophet-Apostel scheint mir also zu sagen: „Wir alle, mit einer klaren Schau des Herrn, in unseren Herzen seine Herrlichkeit spiegelnd, gerade wie ein Spiegel sein Angesicht in sich selbst aufnehmen würde, werden dadurch verwandelt in sein Abbild, seine Herrlichkeit unsere Herrlichkeit bewirken, durch die gegenwärtige Macht, in unserem innersten Sein, des Herrn, des Geistes.“ Unser Spiegeln von Christus also ist eins mit der Gegenwart seines Geistes in uns. Ihr seht, die Idee ist nicht die Reflektion, das Ausstrahlen des Lichtes Christi auf andere, obwohl dies eine Darlegung wäre, die genügend gerechtfertigt ist; sondern das in sich aufnehmen, das in uns haben von Ihm, der unsere Veränderung bewirkt.

   Dass das bezeichnete Ding das Zeichen transzendiert,[21] die Sprachfigur übersteigt, ist keine Entdeckung; das dargestellte Ding gehört immer zu einer höheren Athmosphärenschicht,[22] zu welcher die Metapher nur als Leiter dient; wenn der Kletterer sie erreicht hat, „kehrt er also der Leiter seinen Rücken.“[23] Es entspricht nur der Gesetzmäßigkeit des Symbols, dass das durch den Spiegel symbolisierte Ding Eigenschaften haben sollte, die weit über jene bleibeschlagenen Glases oder polierten Metalls hinausreichen, indem wir sehen, dass es eine lebendige Seele ist, die das versteht, welches sie in ihre Tiefen zieht – es festhaltend, und sich dessen bewusst, was sie festhält. Es spiegelt durch seinen Willen, es in seinem Spiegel festzuhalten. Anders als sein Symbol kann es nicht nur die äußerlich sichtbare Erscheinung, sondern das innere Ebenbild der Person, die dadurch offenbart wird, enthalten; es ist offen für die Einflüsse von jenem, welches es umarmt, und ist fähig zum aktiven Zusammenwirken mit ihnen: der Spiegel und das gespiegelte Ding sind vom selben Ursprung und selber Natur und stehen in engster Beziehung zueinander. Paulus Idee ist, dass, wenn wir in unser Verstehen, unser Herz, unser Bewusstsein, unser Sein die Herrlichkeit Gottes, nämlich Jesus Christus wie er sich selbst zeigt unseren Augen, unseren Herzen, unserem Bewusstsein, aufnehmen, er an uns wirkt und weiter wirken wird, bis wir in eben das Abbild verwandelt sind, das wir solcherart in uns gespiegelt haben; denn mit seinem Abbild kommt er selbst und wohnt in uns. Er wird wirken, bis dieselbe Ebenbildlichkeit hervorgebracht und in uns vollendet ist, das Bildnis nämlich von der Menschheit Gottes, in welchem Bildnis wir zuerst gemacht sind, doch welches niemals in uns hätte entwickelt werden können außer durch das Innewohnen der vollkommenen Ebenbildlichkeit. Durch die solcherart empfangene und in uns beheimatete Macht Christi werden wir verwandelt – die Herrlichkeit in ihm zur Herrlichkeit in uns werdend, seine Herrlichkeit uns zur Herrlichkeit verwandelnd.

   Doch wir müssen uns vorsehen, dieses oder irgendein anderes Symbol nach dem Fleisch[24] zu empfangen, uns vorsehen, es in irgendeiner Weise zu deuten, die Teil hat am Charakter des bloß Physischen, Psychischen oder Geistlich-Mechanischen. Das Symbol geht mit Dingen um, die weit jenseits der tiefsten Regionen liegen, woher Symbole genommen werden können. Das Innewohnen Jesu in der Seele des Menschen, wer sollte das erklären! Doch lasst uns dies beachten, dass das Innewohnen Jesu in uns die Macht des Geistes Gottes auf uns ist; denn „der Herr ist dieser Geist“, und dieser Herr, indem er in uns wohnt, werden wir verwandelt „eben durch den Herrn, den Geist.“ Wenn wir Christus denken, kommt Christus; wenn wir sein Bildnis in unserem geistlichen Spiegel empfangen, tritt er mit ihm ein. Unser Denken ist nicht abgeschnitten von seinem. Unser offen empfangendes Denken ist seine Tür hereinzukommen. Wenn unsere Herzen sich zu ihm wenden, heißt das, ihm die Tür zu öffnen,[25] das bedeutet, ihm unseren Spiegel entgegenzuhalten; dann tritt er ein, nicht nur durch unser Denken, nicht nur in unserer Idee, sondern er selbst kommt und aus eigenem Willen – kommt hinein wie wir ihn nicht nehmen könnten, sondern wie er kommen kann und wir ihn empfangen – dazu in die Lage versetzt durch eben sein Kommen, den einen willkommenen Gast des gesamten Universums zu empfangen. Auf diese Weise wird der Herr, der Geist, die Seele unserer Seelen, wird geistlich, was er schöpferisch schon immer war; und wie unser Geist unsere Leiber durchdringt, formt, in gleicher Weise durchdringt, formt seine Seele unsere Seelen. Darin liegt nichts Unnatürliches, nichts im Widerstreit mit unserem Sein. Es bedeutet nur, dass die tiefere Seele, die unsere Seelen gewollt hat und will, aufsteigt, das unendliche Leben, in das Selbst, das wir Ich und Mir nennen, doch welches unmittelbar lebt von ihm und sein Eigentum und seine Natur ist – unaussprechlich mehr seine als unsere: diese tiefere schöpferische Seele, wirkend an und mit seiner Schöpfung auf höheren Ebenen, macht das Ich und Mir mehr und mehr Seines und sich selbst mehr und mehr Unseres; bis auf lange Sicht die Herrlichkeit unserer Existenz über uns aufleuchtet, wir völlig ansichtig werden der Sonne, die erleuchtet, was sie hervorbrachte, und uns selbst lebendig wissen mit einem unendlichen Leben, dem Leben des Vaters selbst; wissen, dass unsere Existenz nicht das Mondlicht eines bloßen Bewusstseins des Seins ist, sondern die Sonnen-Herrlichkeit eines Lebens gerechtfertigt durch das Eins-geworden-sein mit seinem Ursprung, denkend und fühlend mit der ersten Sonne des Lebens, von welcher es abgeschieden wurde, dass es sich selbst erkenne und bedenke und zurückkehre, um für immer in frohlockender Harmonie um ihn zu kreisen. Dann sind wir tatsächlich; dann haben wir tatsächlich Leben; das Leben Jesu ist, durch Licht, Leben in uns geworden; die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu, gespiegelt in unseren Herzen, hat uns lebendig gemacht; wir sind eins mit Gott für immer und ewig.

   Was weniger als solche Pracht der Hoffnung wäre würdig der Offenbarung Jesu? Erfüllt mit der Seele ihres Vaters sollen die Menschen die Herrlichkeit ihres Vaters erben; gefüllt mit sich selbst, stoßen sie ihn hinaus und verderben. Die Gemeinschaft des Herrn, Seele zu Seele, ist das, was mit Leben rettet, sein Leben der Gottes-Hingabe, die Seelen seiner Brüder. Keine andere Rettung kann sie retten. Sie müssen den Sohn empfangen und durch den Sohn den Vater. Was es den Sohn kostete, uns so nahe zu kommen, dass wir sagen konnten, Komm herein, ist die Geschichte seines Lebens. Er steht an der Tür und klopft, und wenn wir ihm öffnen, kommt er herein und wohnt bei uns,[26] und wir werden in dasselbe Bildnis der Wahrheit und Reinheit und himmlischen Kindschaft transformiert. Wo die Macht wohnt, da ist kein Zwang; wo der Geist-Herr ist, da ist Freiheit.[27] Der Herr Jesus, durch freie, kraftvolle Gemeinschaft mit ihrem innersten Sein, wird seine gehorsamen Brüder verwandeln, bis sie in jedem Gedanken und Impuls gut sind wie er, selbstlos, nächstenliebend, brüderlich wie er, den Vater vollkommen liebend wie er, bereit für die Wahrheit zu sterben wie er, sich wie er um nichts kümmernd im Universum außer dem Willen Gottes, welcher ist Liebe, Harmonie, Freiheit, Schönheit und Freude.

   Ich weiß nicht, ob wir dies Leben habend in uns selbst nennen können;[28] doch es ist das Aufwachen, das Vervollkommnen des göttlichen Lebens in uns, geerbt von unserem Vater im Himmel, welcher uns in seinem eigenen Bilde schuf, dessen Natur in uns bleibt und es für einen Menschen zum tiefsten Vorwurf an ihn macht, dass er weder zu irgendeiner Zeit seine Stimme gehört hat, noch seine Gestalt gesehen.[29] Er, welcher solcherart leben wollte, muss wie ein Spiegel eine äußere Herrlichkeit in seinen Busen hineinzieht, in seinem „Herz des Herzens“[30] die innere Herrlichkeit Jesu Christi empfangen, die Wahrheit.[31]


[1] Siehe Johannes 1, 14

[2] Siehe hierzu und auch zu den folgenden Ausführungen MacDonalds über Paulus: 2. Petrus 3, 15 – 16

[3] MacDonald war ein großer Kenner und Liebhaber der Werke Shakespeares, über welchen er auch Vorlesungen abgehalten hat, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden.

[4] Gemeint ist das Gebot, dass der Mensch sich kein Abbild Gottes herstellen soll. Im übertragenen Sinne bedeutet dies auch, dass jedes innere Bild, das wir uns von Gott vorstellen, dazu tendieren kann, ein Götzenbild oder religiöses System zu werden.

[5] Apollon ist der römische Gott des Lichtes, der Heilkunst und der Dichtung. Er ist ein Gott des Schönen und wurde oft besonders verehrt.

[6] Hyperion ist auch der Beiname des Sonnengottes Helios, der oft mit Apollon gleichgesetzt wird. Apollon und Hyperion werden hier also stilistisch als Synonyme für eine in Schönheit und Anmut strahlende Gottheit genutzt und dem schwachen Gottesbild mancher Christen gegenübergestellt.

[7] zum Beispiel Johannes 14, 9

[8] Johannes 1, 14

[9] 2. Mose 34, 29 – 35

[10] 2. Korinther 3, 12 – 18

[11] Hebräer 3, 3 / Johannes 1, 17

[12] Heißt, Mose ist gestorben wie jeder andere Prophet und hat diesen Schleier auf der Erde zurückgelassen.

[13] John Wesley (1703 – 1791) war ein englischer Erweckungsprediger und Mitbegründer der Methodistischen Kirche. Obwohl er selbst kein theologisches System ausformuliert hat, konnte es natürlich durchaus sein, dass seine Anhänger ihn und seine hinterlassenen Schriften ähnlich verehrten wie zu Jesu Zeiten die Pharisäer ihren Mose. Zur selben Zeit – und mit ihm befreundet – trat auch George Whitefield (1714 – 1770) als Erweckungsprediger in Erscheinung. Er vertrat verstärkt calvinistische Überzeugungen im Gegensatz zu Wesley, der durchaus der Gnade Gottes den Vorrang gab. Beide Prediger haben großen Einfluss auf die Kolonien in Nordamerika gehabt. Traditionell gehen viele Gemeinden noch heute auf diese und andere „Erweckungsprediger“ dieser Zeit zurück. Theologische Systeme, die die Prediger selbst einführten oder die deren Anhänger / Nachfolger aus ihren Predigten und Schriften abgeleitet haben, prägen bis heute die Überzeugungen vor allem vieler nordamerikanischer (aber auch zum Teil europäischer und weltweiter) Freikirchen.

[14] Die Übersetzerin hat hier wörtlich aus der Predigt übersetzt und keine konkrete deutsche Bibelübersetzung verwendet, da sonst der Punkt, auf den MacDonald hinauswill, nicht deutlich wird. Bis heute gehen die Übersetzungen gerade dieser Bibelstelle unterschiedlich weit auseinander. Genau damit setzt sich MacDonald im Folgenden auseinander.

[15] MacDonald formuliert hier frei, wie er die Aussage des Paulus in 2. Korinther 3, 12 – 18 versteht.

[16] Gemeint sind die revidierte und die autorisierte Fassung der King James Bibel.

[17] William Wordsworth (1770 – 1850) war einer der berühmtesten Dichter der englischen Romantik. Er war Mitbegründer der romantischen Bewegung.

[18] Aus dem Werk Dantes (1265 – 1321) zitiert MacDonald häufig. Wenn er schreibt, dass Dantes Zeit (13. Jh.) der Zeit Jesu nähersteht als das 19. Jh. dem 13. Jh., meint er dies wohl vor allem geistesgeschichtlich-philosophisch. Tatsächlich sind viele Ströme modernen Denkens im 19. Jh. Entstanden, die noch heute wesentlich unser sog. „modernes“ Weltbild prägen. In der Göttlichen Komödie tritt Dante in Begleitung des antiken Dichters Virgil (70 – 19 v. Chr.) eine Reise durch die Kreise der Hölle und danach das Purgatorium an. Beatrice begleitet ihn danach durch die himmlischen Sphären. Virgil galt im mittelalterlichen Denken als Vorbote des Christentums, der in seinen Versen angeblich die Geburt des Christus vorausgesagt hat.

[19] „Und er zu mir: Wenn ich ein Spiegel wäre, / Kaum faßt‘ ich doch dein äußres Bild so klar, / Als ich dein inneres mir leicht erkläre.“ Inferno – Gesang 23. 25-27 – Übersetzung Streckfuß 1876

[20] Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ – Akt 1, Szene 2, 50 – „pass for a man“

[21] Philosophischer Begriff. Bedeutet, dass das Ding, um das es geht, die Beschreibung dieses Dinges in seiner Bedeutung übersteigt. Das beschriebene Ding steht über der Beschreibung.

[22] Original: stratum – Schicht – kann eine Gesteinsschicht bezeichnen, eine Hautschicht o. ä., hier bezieht es sich eher auf himmlische, höhere Sphären – als Vergleich und im übertragenen Sinne für höhere, geistliche Ebene.

[23] Shakespeares „Julius Ceasar“ – Akt 2, 1. Szene, 25 „he then unto the ladder turns his back“

[24] „Nach dem Fleisch“ ist eine typische Formulierung, die häufiger im Neuen Testament vorkommt – es meint das rein Äußerliche, weltliche, mit den physischen Augen sichtbare und den Händen anfassbare im Gegensatz zum göttlich-geistigen, das diese Dinge zwar durchdringt und als Zeichen verwendet, sie aber zugleich übersteigt.

[25] Siehe Offenbarung 3, 20

[26] Offenbarung 3, 20

[27] 2. Korinther 3, 17

[28] Johannes 5, 26

[29] Andeutung auf das Grundthema der vorangegangenen Predigt „Die Erkenntnis des Sohnes“

[30] „heart of hearts“ in Shakespeares Hamlet (3. Akt, 2. Szene, 66) und auch bei Wordsworth zu finden – poetischer Ausdruck für das tiefste Innere des Menschen, seinen Wesenskern.

[31] Andeutung des der nächsten Predigt vorangestellten Verses Johannes 14, 6