Die Wahrheit
„Ich bin die Wahrheit“ Johannes 14, 6

Wenn der Mensch der fünf Sinne von Wahrheit spricht, betrachtet er sie nur als ein Prädikat von etwas, das historisch oder naturwissenschaftlich als Tatsache bewiesen wurde; oder, wenn er es zulässt, mag da, soviel er weiß, eine höhere Wahrheit sein, doch da er von außen her keinen Nachweis darüber erlangen kann, handelt er, als stünde er unter keiner denkbaren Verpflichtung, irgendeine andere Befriedigung in Bezug darauf zu suchen. Was auch immer für ein Aufruf an die höchste Ebene seiner Natur gemacht wird, solch einer verhält sich, als wäre es das Teil des weisen Mannes, dem keine Beachtung zu schenken, weil es nicht in den Bereich der niederen Kräfte dieser Natur kommt. Entsprechend dem Wort des Menschen jedoch bedeutet Wahrheit mehr als Tatsache, mehr als Verhältnis von Fakten oder Personen, mehr als die erhabensten Abstraktionen metaphysischer Entität[1] – es bedeutet Sein und Leben, Wille und Handeln; denn er sagt: „Ich bin die Wahrheit.“
Ich wünsche jenen zu helfen, welchen ich vermag, mehr von dem zu verstehen, was gemeint ist mit der Wahrheit, nicht um der Definition willen oder logischer Unterscheidung, sondern dass, wenn sie das Wort aus dem Mund des Herrn hören, die richtige Idee in ihrem Verstand aufsteigen mag; dass das Wort für sie weder ein hohler Klang sei noch eine vage oder falsche Annahme hervorruft von dem, was er damit meinte. Wenn er sagt „Ich bin die Wahrheit“, muss es, um das Wenigste zu sagen, gut sein zu wissen, was er mit dem Wort meint, mit dessen Idee er sich selbst identifiziert. Und zuerst können wir voraussetzen, dass er nichts bloß Intellektuelles meinte, solches wie es geäußert und dabei belassen werden mag; er meint etwas Grundlegendes, so grundlegend, dass das ganze seiner notwendigen Beziehungen ihm untergeordnet sein muss, so grundlegend, dass es alles andere einschließt, welches, auf jeder niedrigeren Ebene, mit demselben Namen genannt ist oder genannt wurde. Lasst uns danach streben, bei seiner Bedeutung anzukommen, indem wir die Treppe sachte hinaufsteigen.
Ein Ding, das so ist wie es ist, das Wort, das sagt, dass es so ist, ist die Wahrheit. Doch die Tatsache mag in sich selbst von keinerlei Wert sein und unser Wissen darüber ist ebenfalls von keinerlei Wert. Von den meisten Tatsachen kann gesagt werden, dass die sie betreffende Wahrheit von keinerlei Konsequenz ist. Zum Beispiel kann es in sich selbst nicht wichtig sein, ob ich an einem bestimmten Morgen die eine Seite der Straße oder die andere genommen habe. Es mag von Wichtigkeit für jemanden sein zu wissen, welche ich nahm, doch in sich selbst ist es das nicht. Es würde sich daher unpassend anfühlen, wenn ich sagte „Es ist eine Wahrheit, dass ich auf der sonnigen Seite ging.“ Das korrekte Wort wäre eine Tatsache, nicht eine Wahrheit.[2] Wenn die Frage aufkäme, ob eine Aussage in Bezug auf die Sache korrekt wäre, wären wir immer noch im Bereich von Tatsache oder keine Tatsache; doch wenn wir dahin kommen zu fragen, ob eine Aussage wahr oder falsch wäre, dann sind wir mit der Materie als der Aussage eines menschlichen Wesens befasst und steigen zu einer anderen Ebene der Dinge auf. Es mag von keinerlei Bedeutung sein, auf welcher Seite ich war oder es mag von Bedeutung für jemanden sein, zu wissen welche, doch es ist von grundlegender Wichtigkeit für den Zeugen und jeden, welcher ihn liebt, ob oder ob er nicht der Aussage glaubt, die er macht – ob der Mensch selbst wahrhaftig ist oder falsch. In Bezug auf die Sache kann es nur eine Frage der Tatsache sein; es bleibt eine Frage der Tatsache, selbst wenn ein Mensch die Wahrheit gesprochen hat oder nicht; doch betreffend den Menschen ist es eine Frage der Wahrheit: er ist entweder eine reine Seele, insoweit es diese Sache bezeugt, oder eine falsche Seele, fähig und schuldig einer Lüge. In diesem Verhältnis ist es von keinerlei Konsequenz, ob der Mensch die Tatsache redete oder nicht; wenn er meinte, die Tatsache zu reden, bleibt er ein wahrhaftiger Mensch.
Hier würde ich insoweit vorgreifen als zu sagen, dass es sowohl Wahrheiten als auch Tatsachen gibt, und Lügen sowohl gegen Wahrheiten als auch Tatsachen. Als die Pharisäer Korban sagten, logen sie gegen die Wahrheit, dass ein Mensch seinen Vater und seine Mutter ehren soll.[3]
Lasst uns hinaufgehen von dem Bereich der Tatsachen, die unbeständig erscheinen, zu jenen Tatsachen, die beständig sind, durch uns unveränderbar, welche daher das beinhalten, was wir Gesetz nennen. Man wird sofort sehen, dass die Tatsache hier von höherem Rang ist und die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage in diesem Bereich von mehr Konsequenz in sich selbst ist. Es ist ein geringer Sachverhalt, ob das Wasser in meinem Becher an einem solchen Morgen gefroren war; doch es ist eine Tatsache von großer Wichtigkeit, dass Wasser bei 32 Grad Fahrenheit immer gefriert. Wir steigen hier eine Stufe in der Natur der betreffenden Tatsachen auf: sind wir also in den Bereich der Wahrheiten gekommen? Ist es eine Wahrheit, dass Wasser bei 32 Grad gefriert? Ich denke nicht. Es gibt kein Prinzip, für uns zugänglich, das an der unveränderlichen Tatsache beteiligt ist. Das Prinzip, das im Geist Gottes an ihrer Wurzel liegt, muss eine Wahrheit sein, doch für den menschlichen Geist ist die Tatsache bisher nur eine Tatsache. Das Wort Wahrheit sollte höheren Dingen vorbehalten sein. Es gibt jene, die denken, dass solche Tatsachen das höchste sind, was man wissen kann; sie wenden daher das höchste Wort, das sie kennen, auf das höchste Ding an, das sie kennen und nennen die Tatsachen der Natur Wahrheiten; doch mir scheint, dass, wie hoch man auch in der Verallgemeinerung aufsteigt, wie weit man auch sein Gesetz fasst – zum Beispiel alles Feste unter dem Gesetz des Gefrierens einzuschließen – ist man nicht höher aufgestiegen als zur Tatsache, dass solches und solches eine unveränderliche Tatsache ist. Nennt es Gesetz, wenn ihr wollt – ein Naturgesetz, wenn ihr so wählt – dass es immer so ist, doch nicht eine Wahrheit. Es kann für uns keine Wahrheit sein, bis wir den Grund seiner Existenz aufdecken, sein Verhältnis zu Geist und Absicht, ja zur seiner Selbst-Existenz. Man sage uns, warum es so sein muss, und man bekundet eine Wahrheit. Wenn wir dahin gelangen zu sehen, dass ein Gesetz solcherart ist, weil es die Verkörperung eines bestimmten ewigen Gedankens ist, durch uns darin wahrgenommen, eine Tatsache des Seins Gottes, dessen Tatsachen allein Wahrheiten sind, dann wird es für uns tatsächlich nicht bloß ein Gesetz sein, sondern eine verkörperte Wahrheit. Ein Gesetz von Gottes Natur ist eine Weise, in welcher er uns von ihm denkend haben wollte; es ist eine notwendige Wahrheit allen Seins. Wenn uns ein Naturgesetz dies sehen lässt; wenn wir sagen, ich verstehe dieses Gesetz; ich erkenne, warum es sein muss; es ist wie Gott; dann steigt es auf, nicht zur Würde einer Wahrheit in sich selbst, sondern zu einer Wahrheit seiner eigenen Natur – nämlich einer Offenbarung des Wesens, der Natur und des Willens in Gott. Es ist ein Bild von etwas in Gott, ein Wort, das eine Tatsache über Gott aussagt und ist daher weit näher, eine Wahrheit genannt zu werden als irgendetwas darunter. Als eine einfache Veranschaulichung: Welche Vorstellung sollten wir von dem Unveränderlichen und Unveränderbaren haben ohne die Festigkeit von Materie? Wenn wir, so wie wir sind, nichts Festes um uns hätten, wo wäre unser Denken über Gott und Wahrheit und Gesetz?
Doch es gibt einen Bereich, der vielleicht nicht so hoch ist wie der vom wissenschaftlichen Standpunkt aus, wo das Wort Wahrheit doch anfangen mag, richtig angewendet zu werden. Ich glaube, dass jede Tatsache in der Natur eine Offenbarung Gottes ist, dass sie da ist, wie sie ist, weil Gott ist, wie er ist; und ich vermute, dass all ihre Tatsachen uns so beeinflussen, dass wir Gott unbewusst kennenlernen. Es ist wahr, dass wir von keiner Tatsache solcherart denken können, außer wie wir ihre Seele finden – ihre Tatsache Gottes; doch von dem Augenblick an, wenn wir zuerst in Kontakt mit der Welt kommen, ist sie für uns eine Offenbarung Gottes, seine sichtbaren Dinge, durch die wir die unsichtbaren Dinge kennenlernen. Wie sollten wir uns von Gott vorstellen, was wir können, ohne das Firmament über unseren Köpfen, eine sichtbare Sphäre und doch eine gestaltlose Unendlichkeit! Welche Idee könnten wir von Gott haben ohne den Himmel? Die Wahrheit des Himmels ist, was er uns fühlen lässt von dem Gott, der ihn ausschickte zu unseren Augen. Wenn ihr sagt, der Himmel könnte nicht anders als so und solcherart sein, gestehe ich es ein – mit Gott an seiner Wurzel. Es gibt nichts an seiner statt für uns zu begreifen – daher muss er tatsächlich so sein. In seinen entdeckten Gesetzen scheint mir das Licht solcherart zu sein, weil Gott solcherart ist. Seine sogenannten Gesetze sind die Säume seiner Gewänder, so wallend, weil er in ihnen denkt und liebt und wandelt.
Wir sind hier in einem Bereich weit über dem, der gemeinhin für die Wissenschaft beansprucht wird, offen nur dem Herzen des Kindes und des kindhaften Mannes und der kindhaften Frau – ein Bereich, in welchem der Poet unter seinen eigenen Dingen ist und zu welchen er oft gehen muss, um sie zu fangen. Denn Dinge wie sie sind, nicht wie die Wissenschaft mit ihnen umgeht, sind die Offenbarung Gottes an seine Kinder. Ich wollte nicht missverstanden sein: es gibt keine Tatsache der Wissenschaft, die noch nicht in einem Gesetz verkörpert ist, kein Gesetz der Wissenschaft, das jenseits des Hypothetischen und Vorläufigen gelangt ist, das nicht den Willen Gottes in sich hat und daher nicht Gott offenbaren mag; doch weder Tatsache noch Gesetz gibt es um Tatsache oder Gesetzes willen; beides ist nur Mittel zum Ziel; im vervollkommneten Ziel finden wir die Absicht und dort Gott – nicht in den Gesetzen selbst, außer als seine Mittel. Aus demselben Grund kann menschliche Wissenschaft Gott nicht entdecken; denn menschliche Wissenschaft ist nur das rückwärtsgewandte Auseinandernehmen des Netzgewebes von Gottes Wissenschaft, arbeitet mit ihrem Rücken zu ihm und lässt ihn – seine Absicht, das heißt sein vervollkommnetes Werk – immer hinter sich zurück, sich immer weiter und weiter von dem Punkt entfernend, wo sein Werk in Offenbarung gipfelt. Zweifellos macht sie solcherart eine kleine intellektuelle Annäherung an ihn, doch bestenfalls kann sie nur auf seine Rückseite gelangen; Wissenschaft wird nie das Angesicht Gottes finden; während jene, welche sein Herz erreichen wollten, jene, welche wie Dante sich umwenden dort, wo sie sind,[4] auch den Quellgrund seiner Wissenschaft finden werden. Analyse ist gut, wie Tod gut ist; Analyse ist Tod, nicht Leben. Sie entdeckt ein wenig des Weges, den Gott zu seinen Zielen geht, doch indem sie so handelt, vergisst sie die Ziele und lässt sie hinter sich. Ich sage nicht, dass der Mann der Wissenschaft so handelt, doch sein Arbeitsprozess ist solch ein Hinter-sich-lassen von Gottes Zielen. Er ist ein Zurückverfolgen seiner Fußspuren, zu oft ohne Wertschätzung des Ergebnisses, für welches die Füße jene Schritte nahmen. Von dem vollendeten Werk aufzustehen ist der schnellere und steilere Aufstieg. Wenn der Mensch herausfinden könnte, warum Gott so handelte, dann würde er Gott entdecken; doch selbst dann würde er nicht das Beste und Tiefste Gottes entdecken; denn seine Mittel können nicht so groß sein wie seine Ziele. Ich muss mich deutlicher ausdrücken.
Fragt einen Mann der bloßen Wissenschaft, was die Wahrheit einer Blume ist: er wird sie in Stücke reißen, euch ihre Teile zeigen, erklären wie sie funktionieren, wie sie einander dienen zum Leben der Blume; er wird euch sagen, welche Veränderungen in ihr durch wissenschaftliche Kultivierung bewirkt werden; wo sie ursprünglich lebt, wo sie leben kann; die Auswirkungen auf sie durch ein anderes Klima; welchen Anteil die Insekten an ihrer Vielfalt tragen – und zweifellos viele weitere Tatsachen über sie. Fragt den Poeten, was die Wahrheit der Blume ist, und er wird antworten: „Nun, die Blume selbst, die vollkommene Blume und was sie nicht anders kann, als zu ihm zu sprechen, welcher Ohren hat es zu hören.“ Die Wahrheit der Blume, nicht die Tatsachen über sie, seien sie auch noch so korrekt wie die ideale Wissenschaft selbst, ist nur das leuchtende, glänzende, fröhlich-machende, geduldige Ding, das auf seinem Stängel thront – der Hervorbringer von Lächeln und Träne bei Kind und Prophet.[5] Der Mann der Wissenschaft lacht darüber, weil er nur ein Mann der Wissenschaft ist und nicht weiß, was es bedeutet; doch der Poet und das Kind kümmern sich so wenig um sein Lachen wie die Vögel Gottes, wie Dante die Engel nennt, um seine Abhandlung über Aerodynamik. Die Kinder Gottes müssen immer verspottet werden durch die Kinder der Welt, ob in der Kirche oder außerhalb von ihr – Kinder mit scharfen Ohren und Augen, doch tauben Herzens. Jene, die Liebe für das einzige Gut in der Welt halten, verstehen und lächeln über die Kinder der Welt und kommen sehr gut aus ohne irgendetwas, das sie ihnen zu sagen haben. In dem höheren Zustand, zu welchem ihre Liebe sie leitet, werden sie die Menschen der Wissenschaft rasch bloßstellen, denn sie haben das, was an der Wurzel der Wissenschaft ist, das zur Offenbarung dessen, wozu Gottes Wissenschaft existiert. Was sollte es einem Menschen nützen, alle Dinge zu wissen und die Wonne zu verlieren, das Bewusstsein des Wohlergehens, welches allein seinem Wissen Wert geben kann?[6]
Gottes Wissenschaft in der Blume existiert für die Existenz der Blume in ihrer Beziehung zu seinen Kindern. Wenn wir verstehen, wenn wir eins damit sind, wenn wir die Blume lieben, haben wir das, wozu die Wissenschaft da ist, das, welches allein uns ausrüsten kann für die wahre Suche in den Mitteln und Wegen, durch welche die göttliche Idee der Blume ausgeführt wurde, um uns dargeboten zu werden. Die Idee Gottes ist die Blume; seine Idee ist nicht die Botanik der Blume. Ihre Botanik ist nur ein Ding der Wege und Mittel – von Leinwand und Farbe und Pinsel in Beziehung zu dem Bild im Geist des Malers. Der bloße Intellekt kann niemals das herausfinden, was sein Dasein dem Herzen des Höchsten schuldet. Die Beziehung des Intellekts zu dem, was aus dem Herzen geboren ist, ist eine unwirkliche, außer sie ist eine demütige. Die Idee Gottes, wiederhole ich, ist die Blume. Er dachte sie; erfand ihre Mittel; sandte sie, ein Geschenk seiner selbst, zu den Augen und Herzen seiner Kinder. Wenn wir sehen, wie sie von den Unwissenden und Geringen geliebt werden, können wir wohl glauben, dass die Blumen einen Platz in der Geschichte der Welt haben, wie sie für die Archive des Himmels geschrieben ist, von welcher sie zu verstehen wir noch einen weiten Weg entfernt sind und welche die Wissenschaft nicht verstehen könnte, in alle Ewigkeit, oder befähigen könnte zu verstehen. Schaut das Kind! Es hat einen seiner stillen und bewegungslosen Brüder gefunden, mit Gottes Bekleidung auf ihm, Gottes Gedanken in seinem Gesicht. In welch ein Lächeln bricht das göttliche Verständnis zwischen ihnen aus! Schaut seine Mutter, wenn er sie zu ihr nach Hause bringt – es nicht näher verstehend als er! Es ist keine veraltete Vorstellung, die jene Tränen in ihre Augen treibt, machtvoll in dieser Weise wie Blumen sind und Dinge, die weit geringer sind als Blumen; es ist Gottes Gedanke, als solcher unbekannt, der Gemeinschaft mit ihr hält. Sie weint mit unerklärlichem Entzücken. Es ist nur ein Gänseblümchen! Nur eine Primel! Nur ein schönäugiger Narzissus! Nur eine Lilie vom Felde! Nur ein Schneeglöckchen! Nur eine Wicke! Nur ein strahlend gelber Krokus! Doch für sie ist hier keine bloße Tatsache; hier ist kein Naturgesetz; hier ist eine Wahrheit der Natur, die Wahrheit einer Blume – ein vollkommener Gedanke aus dem Herzen Gottes – eine Wahrheit Gottes! – nicht eine intellektuelle Wahrheit, sondern eine göttliche Tatsache, eine vage Offenbarung, eine Bewegung der schöpferischen Seele! Wer als nur ein Vater könnte sich die Blumen für seine Kindlein ausdenken? Wir sind jetzt in der Nähe des Bereichs, in welchem das Wort des Herrn wohnt – „Ich bin die Wahrheit.“
Ich werde ein anschauliches Beispiel nehmen für meine Absicht und mein spezielles Anliegen. Was, frage ich, ist die Wahrheit des Wassers? Ist sie, dass es aus Wasserstoff und Sauerstoff gebildet wird? – Dass der Chemiker jetzt ein anderes Verfahren hat, die Tatsache des Wassers festzustellen, wird meine Veranschaulichung nicht beeinflussen. Sein neues Verfahren wird eines Tages vielleicht noch weit mehr veraltet sein als meines es jetzt ist. – Ist es um der Tatsache willen, dass Wasserstoff und Sauerstoff in Verbindung Wasser bilden, dass dies kostbare Ding existiert? Ist Sauerstoff und Wasserstoff die göttliche Idee des Wassers? Oder hat Gott die zwei zusammengefügt, damit der Mensch sie auftrennen und herausfinden sollte? Er erlaubt seinem Kind, seine Spielsachen in Stücke zu reißen; doch wurden sie dazu gemacht, dass sie in Stücke gerissen werden? Der wäre ein nicht zu beneidendes Kind, für welchen sein unrühmlicher Vater Spielsachen gemacht hätte zu solch einem Zweck! Ein Schulmeister mag den besten Nutzen eines Spielzeuges darin sehen, doch nicht ein Vater! Findet für uns heraus, was in der Beschaffenheit der zwei Gase sie dazu befähigt und passend macht, um solcherart geehrt zu werden, das liebliche Ding zu formen, und ihr werdet uns eine Offenbarung über mehr als Wasser geben, nämlich über den Gott, welcher Sauerstoff und Wasserstoff machte. Es gibt kein Wasser im Sauerstoff, kein Wasser im Wasserstoff: es entspringt frisch aus der Vorstellung des lebendigen Gottes, aus dem Gletscher unter dem großen weißen Thron hervorsprudelnd.[7] Der reine Gedanke daran macht einen nach Luft schnappen mit urtümlicher Freude, die kein Metaphysiker untersuchen kann. Das Wasser selbst, welches tanzt und singt und den wunderbaren Durst stillt – Symbol und Bildnis des Trankes, um welchen die Samariterin ihre Bitte an Jesus richtete[8] – dieses liebliche Ding selbst, eben dessen Feuchte in seiner Umarmung eine Wonne ist für jede Faser des menschlichen Leibes – dieses lebendige Ding, welches, wenn ich könnte, ich durch mein Zimmer laufen lassen würde, ja, an meinem Schreibtisch entlang gurgelnd[9] – dieses Wasser ist sein eigenes Selbst, seine eigene Wahrheit, und ist daher eine Wahrheit Gottes. Lasst ihn, welcher die Liebe des Schöpfers kennen wollte, schmerzhaft durstig werden und vom Bach am Wege trinken – dann sein Herz erheben – in diesem Augenblick nicht zum Schöpfer des Sauerstoffs und Wasserstoffs, sondern zum Erfinder und Mittler von Durst und Wasser, dass der Mensch ein wenig von dem voraussehe, was seine Seele in Gott finden mag. Wenn er dann nicht wird wie ein Hirsch, der nach Wasserbächen lechzt,[10] lasst ihn zu seiner Wissenschaft zurückkehren und zu ihren Hülsen: sie werden ihn zuletzt durstig machen wie das Opfer im Staub-Turm des Persers.[11] Genauso gut mag ein Mensch denken, die Freude des Trinkens zu beschreiben, indem er Durst und Wasser zu ihrer Untersuchung gibt, wie sich vorzustellen, dass er irgendetwas offenbart hat über Wasser, indem er es in seine wissenschaftlichen Elemente auflöst. Lasst einen Menschen an den Hügel treten und lasst den Bach zu ihm singen, bis er ihn liebt[12] und er wird sich selbst der Quelle der Wahrheit näher finden als der triumphale Wagen des Chemikers die rufende Menge seiner halb-verständigen Nachläufer jemals führen wird.[13] Er wird von dem Bach das Wasser freudenvoller Tränen ziehen „und anbeten ihn, der gemacht hat Himmel und Erde und das Meer und die Wasserquellen.“[14]
Die Wahrheit von einem Ding also ist seine Blüte, das Ding, wozu es gemacht ist, der Schlussstein, der mit Jubel gesetzt wird;[15] die Wahrheit in der Vorstellung eines Menschen ist die Kraft, diese Wahrheit eines Dinges zu erkennen; und wo immer, in allem, was Gott gemacht hat, in der Herrlichkeit dessen, sei es Himmel oder Blume oder menschliches Gesicht, wir die Herrlichkeit Gottes sehen, da schaut eine wahrhaftige Vorstellung eine Wahrheit Gottes. Und nun müssen wir zu einer noch höheren Ebene fortschreiten.
Wir haben gesehen, dass in dem Augenblick, was auch immer mit dem Namen Wahrheit bezeichnet wird, in Verbindung mit dem Menschen tritt; in dem Augenblick, in dem, anstatt sich selbst bloß in seinem Intellekt als ein Ding außerhalb von ihm zu spiegeln, sie mit ihm in Verbindung tritt als ein Wesen des Handelns; in dem Augenblick, in dem das Wissen davon seinen Sinn für Verpflichtung beeinflusst oder beeinflussen sollte, sie ein Ding von weit erhabenerer Wichtigkeit wird; die Frage nach der Wahrheit tritt auf einer höheren Stufe ein, schaut aus einem erhabeneren Fenster. Eine Tatsache, welche in sich selbst von keinerlei Wert ist, wird plötzlich zu einer Angelegenheit von Leben und Tod – moralisches Leben und moralischer Tod, wenn ein Mensch die Wahl hat, die zwingende Wahl, wahrhaftig oder falsch zu sein in Bezug darauf. Wenn die Wahrheit, das Herz, der Gipfel, die Krone eines Dinges durch einen Menschen empfangen wird, nähert er sich der Quelle der Wahrheit, woher das Ding kam, und Gott empfangend, indem er versteht, was ist, wird er mehr der Mensch, mehr das Wesen, das er zu sein gemeint war. Kraft dieser empfangenen Wahrheit hat er Beziehungen zu dem in ihm bis dahin unentwickelten Universum. Doch weit höher wird das Tun der geringsten, der unbedeutendsten Pflicht ihn erheben. Er fängt dadurch an, ein wahrer Mensch zu sein. Ein Mensch mag entzückt sein in der Einsicht und Herrlichkeit einer Wahrheit und selbst nicht wahrhaftig sein. Der Mensch, dessen Einsicht schwach ist, doch welcher, so weit er sieht und verlangt, weiter zu sehen, das Ding tut, das er sieht, ist ein wahrhaftiger Mensch. Wenn ein Mensch weiß, was ist und sagt, dass es nicht ist, macht ihn sein Wissen nicht weniger als zu einem Lügner. Der Mensch, welcher die Wahrheit jeder menschlichen Beziehung erkennt und die damit verbundene Verpflichtung vernachlässigt, ist kein wahrhaftiger Mensch. Der Mensch, welcher die natürlichen Gesetze kennt und sie nicht beachtet, je mehr er sie andere lehrt, der ist umso weniger ein wahrhaftiger Mensch. Doch er mag sie alle befolgen und der falscheste der Menschen sein, wegen weit höherer und nächster Verpflichtungen, welche er vernachlässigt. Der Mensch, welcher für sich selbst gut sorgt und für keinen seiner Brüder und Schwestern, ist falsch. Ein Mensch mag ein Poet sein, sich der höchsten Wahrheit eines Dinges bewusst, jener Schönheit, welche der Urgrund seiner Existenz ist; er mag daher eine Ahnung der schöpferischen Lieblichkeit daraus ziehen, die es sich ausdachte; er mag ein Mensch sein, welcher keine Lüge erzählen würde oder stehlen oder verleumden – und doch mag er kein wahrhaftiger Mensch sein, insoweit als die Grundzüge des Menschseins nicht sein Ziel sind: keineswegs zur Blüte seines eigenen Seins gekommen, keineswegs in seinem höheren Grade die Wahrheit eines Dinges erlangt – nämlich das, für welches es existiert, die schöpferische Vorstellung von ihm – strebt er auch nicht nach demselben. Es gibt Beziehungen, die weit näher sind als jene der Tatsachen um ihn herum, deutlicher als jene, die ihm den Schöpfer näher zu bringen scheinen, welche er verfehlt zu sehen oder, indem er sie sieht, verfehlt wahrzunehmen oder, indem er sie wahrnimmt, verfehlt sie zu erfüllen. Der Mensch ist nur Mensch im Tun der Wahrheit, der vollkommene Mensch nur im Tun der höchsten Wahrheit, welche die Erfüllung seiner Beziehungen zu seinem Ursprung ist. Doch er hat Beziehungen zu seinen Mitmenschen, unendlich enger als mit irgendwelchen Dingen um ihn herum und für viele Menschen weit offensichtlicher als seine Beziehungen zu Gott. Nun ist das Nächste offensichtlicher, damit er darauf trete und zum Höheren aufsteige, bis hin zum weniger Offensichtlichen. Diese Beziehungen machen einen großen Teil seines Daseins aus, sind wesentlich für seine grundlegende Existenz und entspringen aus den grundlegenden Tatsachen der Herkunft seines Daseins. Sie sind die Beziehung von Gedanke zu Gedanke, von Sein zu Sein, von Verpflichtung zu Verpflichtung. Die eigentliche Natur eines Menschen hängt ab von oder ist eins mit diesen Beziehungen. Sie sind Wahrheiten und der Mensch ist ein wahrer Mensch, da er sie erfüllt. Sie vollkommen erfüllend ist er selbst eine Wahrheit, eine lebendige Wahrheit. Wie sie bloß durch den Intellekt betrachtet werden, sind diese Beziehungen Tatsachen der Natur des Menschen; doch dass sie von der Natur des Menschen sind, macht sie zu Wahrheiten und ihre Erfüllungen sind Verpflichtungen. Er ist so geartet, sie zuerst mehr zu verstehen als sie zu lieben, mit dem daraus resultierenden Vorteil, dadurch die Möglichkeit zu haben, sie zu wählen, ausschließlich, weil sie wahr sind; so handelnd wählt er, sie zu lieben und wird dazu befähigt, sie im Handeln zu lieben, was allein sie ihm wahrhaft offenbaren kann und das Lieben möglich macht. Dann hören sie auf, sich selbst in Gestalt von Verpflichtungen zu zeigen und erscheinen als was sie selbst wirklich sind, absolute Wahrheiten, eigentliche Wirklichkeiten, ewige Wonnen. Der Mensch ist wahrhaftig, welcher die Verpflichtung wählt; der ist ein vollkommener Mensch, welcher auf lange Sicht niemals an Verpflichtung denkt, der ihre Benennung vergisst. Die Verpflichtung Jesu war das Tun in geringerer Gestalt als der Vollkommenen, welche er vollkommen liebte, und auch in der höchsten Gestalt vollkommen tat.[16] Solcherart erfüllte er alle Gerechtigkeit. Einer, welcher zur Wahrheit ginge durch bloßen Impuls, wäre ein heiliges Tier, nicht ein wahrer Mensch. Beziehungen, Wahrheiten, Verpflichtungen sind dem Menschen getrennt von ihm gezeigt, dass er sie wähle und ein Kind Gottes sei, Gerechtigkeit wählend wie er. Daher die ganze traurige siegreiche menschliche Geschichte und die zu offenbarende Herrlichkeit!
Der Moralphilosoph, welcher Verpflichtungen nur als Tatsachen seines Systems betrachtet; nein, selbst der Mensch, welcher sie als Wahrheiten anerkennt, grundlegende Wirklichkeiten seines Menschseins, doch nicht weiter geht, ist wesenhaft ein Lügner, ein Mensch der Unwahrheit. Er ist tatsächlich ein Mensch, aber doch kein wahrhaftiger Mensch. Er ist ein Mensch nach Möglichkeit, doch noch kein wirklicher Mensch. Das Erkennen dieser Dinge ist notwendige Voraussetzung, um sie zu erfüllen. Diese Beziehungen nicht erfüllend, widerlegt der Mensch das Recht seiner eigenen Existenz, zerstört seinen raison d’être,[17] aus sich selbst ein Monster machend, ein lebendiger Grund, warum er nicht leben sollte, denn nichts hätte unter jenen Bedingungen jemals anfangen können zu sein. Seine Gegenwart ist eine Aufforderung an seinen Schöpfer zur Zerstörung.
Die Tatsachen menschlicher Beziehung also sind tatsächlich Wahrheiten und von dringlichster Wichtigkeit. „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Mörder; und ihr wisst, dass ein Mörder kein ewiges Leben in sich hat!“[18] Der Mensch, der als ein Jäger nach Vergnügen lebt, nicht als ein Arbeiter in den Feldern der Verpflichtung,[19] welcher von sich selbst denkt, als wenn er allein wäre auf der Erde, ist in sich selbst eine Lüge. Anstatt der Mensch zu sein, nach dem er aussieht, der Mensch, der zu sein er gemacht wurde, lebt er wie die Tiere zu leben scheinen – mit diesem Unterschied, darauf vertraue ich, dass sie aufsteigen, während er, so weit er in sich selbst lügt, niedersinkt. Doch ihm kann nicht gestattet werden, unter Gottes Reichweite zu sinken; daher sind all die heiligen – das heißt, heilenden – Leiden, die auf ihn kommen, über welche er als so hart und ungerecht klagt: sie sind zur Überzeugung von der Wahrheit, der er sich nicht beugen will – ein schmerzhaftes Überreden, er selbst zu sein, eine Wahrheit zu sein.
Doch nehmt an, um meiner fortschreitenden Ausführung willen, dass ein Mensch alles getan hat, was von ihm verlangt wurde – alle Beziehungen zu seinen Nächsten erfüllt, von welchen ich gesprochen habe, ihnen gegenüber zuletzt ein wahrhaftiger Mensch war; er würde doch fühlen, würde zweifellos umso mehr fühlen, dass ihm etwas fehlt – fehlt zu seinem notwendigen Wohlergehen. Wie eine lebendige Blume würde er fühlen, dass er noch nicht geblüht hat und könnte nicht sagen, was die Blüte sein sollte. In diese Richtung weisen die Worte des Herrn, wenn er zu dem Jüngling sagt: „Wenn du vollkommen sein willst.“[20] Der Mensch, welchen ich annehme, würde fühlen, dass seine Existenz noch nicht vor sich selbst gerechtfertigt wäre, dass die Wahrheit seines Daseins und seiner Natur seinem Bewusstsein noch nicht offenbart wäre. Er würde unbefriedigt bleiben; und die Ursache würde sein, dass da in ihm eine Beziehung wäre, und zwar die tiefste, engste und stärkste, welche noch nicht zu einer lebendigen Tatsache geworden wäre, welche noch nicht eine Wahrheit in ihm geworden wäre, gegen welche er nicht wahrhaftig wäre, wodurch sein Dasein unwahrhaftig bliebe, er nicht er selbst wäre, er nicht zur göttlichen Idee herangereift wäre, welche allein sich selbst befrieden kann. Ein Kind mit dem Herzen eines Kindes, welches nicht einmal weiß, dass es einen Vater hat, aber ihn doch vermisst – mit seiner ganzen Natur, selbst wenn nicht mit seinem Bewusstsein. Diese Beziehung hat bis dahin noch nicht begonnen, in ihm erfüllt zu werden, so dass die kommende Blüte vor sich her Geduld und Hoffnung genug aussenden könnte, ihn dazu zu befähigen durch Glauben zu leben ohne zu sehen.[21] Wenn die Blüte beginnt zu kommen, fängt die menschliche Pflanzung an zu jubeln in der noch nicht offenbarten Herrlichkeit Gottes, das Erbe der Heiligen im Licht; mit aufgerichtetem Stängel und vorwärts geneigter Knospe erwartet sie die Stunde, wenn die Lilie auf Gottes Feld[22] sich selbst lebendig weiß, mit Gott selbst als ihrem Herzen und ihrer Atmosphäre; die Stunde, wenn Gott und der Mensch eins sein werden und alles, worum Gott sich kümmert, soll des Menschen sein. Doch wieder vergesse ich meine Ausführung.
Die höchste Wahrheit für den Intellekt, die abstrakte Wahrheit, ist die Beziehung, in welcher der Mensch zur Quelle seines Daseins steht – sein Wille zu dem Willen, woher er ein Wille wurde, seine Liebe zu der Liebe, die seine Fähigkeit zu lieben entflammte, sein Intellekt zu dem Intellekt, der seinen entzündete. Wenn ein Mensch mit diesen Dingen nur umgeht als mit Dingen, mit denen umzugehen ist, als Gedankenobjekte, als zu analysierende und in ihrer gebührenden Ordnung und in ihrem rechten Bezug zueinander anzulegenden Ideen, behandelt er sie als Tatsachen und nicht als Wahrheiten und ist nicht besser, vielleicht sogar schlimmer, wegen seines Umgangs mit ihnen, denn er erkennt in einem Maße und ist falsch gegen alles, das seines Vertrauens am würdigsten ist.
Doch wenn die Seele, oder das Herz, oder der Geist, oder was euch beliebt das zu nennen, welches der Mensch selbst ist und nicht sein Leib, sich früher oder später dessen bewusst wird, dass er jemanden über sich braucht, ihm zu gehorchen, in ihm zu ruhen, bei ihm Befreiung zu suchen von dem, was in ihm selbst verabscheuungswürdig, enttäuschend, unwürdig ist, selbst in seinem eigenen Interesse; wenn er sich einer Gegnerschaft in sich selbst bewusst ist, welche keine Harmonie bildet; die, während er sie hasst, doch gegenwärtig ist in ihm und er selbst zu sein scheint, was er manchmal den alten Adam nennt, manchmal das Fleisch, manchmal seine niedrige Natur, manchmal sein böses Ich; und manchmal einfach erkennt als Teil seines Daseins, wo Gott nicht ist;[23] dann ist der Mensch tatsächlich im Bereich der Wahrheit und fängt an, wahrhaftig in sich selbst zu werden. Es wird nicht lange dauern, ehe er entdeckt, dass da kein Teil in ihm ist, mit welchem er in Streit liegen würde, so wäre Gott da, damit er wahrhaftig würde, was er sein sollte – in rechtem Verhältnis zum Ganzen; denn, mit welchem Namen auch benannt, der alte Adam oder vorschnellendes Pferd oder Hund oder Tiger, es würde dann seinen Teil heilig erfüllen, sich in nichts einmischend, gänzlich untertan dem Gesetz des Höheren; Pferd oder Hund oder Tiger, es würde ein gutes Pferd, ein guter Hund, ein guter Tiger sein.
Wenn der Mensch sich niederbeugt vor einer Macht, für welche er kein Geheimnis ist wie er es für sich selbst ist; eine Macht, die weiß, woher er kam und wohin er geht; welche weiß, warum er dieses liebt und jenes hasst, warum und wo er anfing fehlzugehen; welche ihn berichtigen kann, tatsächlich danach verlangt, ihn zu berichtigen, aus ihm ein Geschöpf machend, das zu sich selbst aufsehen kann ohne den Schatten eines Zweifels, der Angst oder Furcht, zufrieden wie ein Kind, welches sein Vater an der Hand leitet zu den Höhen der fröhlich-machenden Wahrheit, wissend, dass, wo er falsch liegt, der Vater richtig liegt und ihn berichtigen wird; wenn der Mensch sein ganzes Dasein in der Umarmung der selbst-genugsamen Vaterschaft fühlt – dann bricht der Mensch in seine Blüte aus; dann beginnt die Wahrheit seines Daseins, die ewige Tatsache an der Wurzel seines neuen Namens,[24] seine wahre Natur, seine Idee – zuerst in Gott geboren und empfänglich für die Wahrheit, das Sein Gottes, sein Ursprung – sich selbst zu zeigen; dann ist seine Natur fast in Harmonie mit sich selbst. Denn, dem Willen gehorchend, der die Ursache seines Daseins ist, die Ursache von dem, was von sich selbst fordert, wahrhaftig zu sein, und dieser Wille, indem er Gerechtigkeit und Liebe und Wahrheit ist, fängt er an, auf der Höhe seines Seins zu stehen, sich selbst göttlich erkennend. Er fängt an, sich selbst frei zu fühlen. Die Wahrheit – nicht wie sie seinem Intellekt bekannt ist, sondern wie sie offenbart ist in seinem eigenen Sinn des Wahrhaftig-seins, erkannt durch sein grundlegendes Bewusstsein seines göttlichen Zustandes, ohne welchen seine Natur weder seine eigene noch die Gottes ist – Wahrhaftigkeit hat ihn frei gemacht.[25] Nicht irgendeine abstrakte Wahrheit, nicht alle abstrakte Wahrheit, nicht Wahrheit in ihrem eigentlich metaphysischen Selbst, durch reinste Erkenntnis der Entität festgehalten, kann den Menschen frei machen; sondern die getane Wahrheit, die geliebte Wahrheit, die durch den Menschen gelebte Wahrheit; die Wahrheit von und nicht bloß in dem Menschen selbst; die Aufrichtigkeit, die den Menschen selbst zu einem Kind des aufrichtigen Gottes macht.
Wenn ein Mensch, mit seiner ganzen Natur, die Wahrheit liebt und will, dann ist er eine lebendige Wahrheit. Doch dies hat er nicht in sich selbst bewirkt. Er hat es gesehen und danach gestrebt, aber es nicht verursacht. Die eine verursachende, lebendige, sichtbare Wahrheit, alle Wahrheiten in allen Beziehungen umarmend, ist Jesus Christus. Er ist wahrhaftig; er ist Die lebendige Wahrheit. Seine Wahrheit, erwählt und gewollt von ihm, die Reife seines Wesens, die Blüte seiner Sohnschaft, welche seine Natur ist, die Krone seiner einen, höchsten, vollkommenen Beziehung, wahrgenommen und darin verherrlicht, ist sein völliger Gehorsam gegen seinen Vater. Der gehorsame Jesus ist Jesus Die Wahrheit. Er ist wahrhaftig und an der Wurzel aller Wahrheit und Entwicklung der Wahrheit in den Menschen. Ihr eigentliches Sein, wie weit es auch entfernt ist von dem wahren Menschen, ist der unentwickelte Christus in ihnen, und seine Ähnlichkeit zu Christus ist die Wahrheit eines Menschen, so wie die vollkommene Bedeutung einer Blume die Wahrheit einer Blume ist. Jeder Mensch, entsprechend der göttlichen Idee von ihm, muss zur Wahrheit dieser Idee kommen; und unter jeder Gestalt von Christus ist der Christus. Die Wahrheit jedes Menschen, sage ich, ist der vervollkommnete Christus in ihm. Wie Christus die Blüte der Menschheit ist, so ist die Blüte eines jeden Menschen der in ihm vervollkommnete Christus. Die lebendige Kraft der Menschheit wirkend in ihm ist Christus; er ist seine Wurzel – der Erzeuger und Vollbringer seiner Individualität. Je stärker der reine Wille des Menschen, wahrhaftig zu sein; je freier und aktiver seine Wahl; desto bestimmter ist seine Einzigkeit, umso viel mehr ist der Mensch und alles, was seines ist, des Christus. Ohne ihn hätte er nicht sein können; seiend hätte er nicht fähig werden können zur Wahrheit; fähig zur Wahrheit, hätte er sie nie geliebt; sie liebend und danach verlangend, hätte er sie niemals erreicht. Nichts als die Herzens-Gegenwart, die menschlichste Zuneigung und was sonst noch an tieferem Ding sein mag zwischen der erschaffenden Wahrheit und der antwortenden Seele, könnte einen Menschen weiter hoffen machen, bis er zuletzt sich selbst vergisst und ein offenes Haus für Gott hält, dass er komme und gehe. Er gibt uns den Willen, durch welchen zu wollen, und die Macht, ihn zu gebrauchen, und die benötigte Hilfe, die Macht zu bestärken, was auch immer in jedem Fall das Bedürfnis sein mag; doch wir selbst müssen die Wahrheit wollen und darauf wartet der Herr, auf den Sieg Gottes seines Vaters im Herzen seines Kindes. Darin allein kann er die Mühen seiner Seele befriedigt sehen. Die Arbeit ist seine, doch wir müssen willig unseren Teil übernehmen. Wenn die Blüte in uns hervorbricht, ist sie desto mehr unsere, umso mehr sie seine ist, denn die höchste Schöpfung des Vaters und das zuvörderst durch den Sohn, ist das Wesen, das, wie der Vater und der Sohn, aus sich selbst wollen kann, was richtig ist. Das Stöhnen und Mühen, die Blüte und die Freude, gehören dem Vater und dem Sohn und uns. Der Wille, die Macht des Wollens, mag erschaffen sein, doch das Wollen wird erzeugt. Weil Gottes Wille zuerst ist, ist auch der Wille des Menschen.
Wenn mein Sein bewusst und willentlich in seinen Händen ist, welcher es rief zu leben und zu denken und zu leiden und fröhlich zu sein – durch vollkommenen Gehorsam an ihn zurückgegeben ist – atme ich fortan den Atem, teile das Leben Gottes selbst. Dann bin ich frei, darin bin ich wahrhaftig – was bedeutet, eins mit dem Vater. Und Freiheit weiß von sich selbst, dass sie Freiheit ist. Wenn ein Mensch wahrhaftig ist, wäre er in der Hölle, könnte er nicht unglücklich sein. Er ist recht mit sich selbst, weil er recht ist mit ihm, von dem er kam. Recht mit Gott zu sein, heißt recht mit dem Universum zu sein; eins mit der Macht, der Liebe, dem Willen des mächtigen Vaters, dem Liebhaber der Freude, dem Herrn des Lachens, dem alle Herrlichkeiten sind, alle Hoffnungen, welcher alles liebt und nichts hasst außer Selbstsucht, welche er nicht haben wird in seinem Königreich.
Christus also ist der Herr des Lebens; sein Leben ist das Licht der Menschen; das Licht, in ihnen gespiegelt, verändert sie in sein Bild, die Wahrheit; und solcherart macht die Wahrheit, welche der Sohn ist, sie frei.[26]
[1] Entität bedeutet „etwas, das ist“, „etwas, das existiert“, „Seiendes“ – es kann ein materielles Ding sein, ein Lebewesen oder wie hier eine nicht anfassbare, geistige Wirklichkeit – ein Gedanke, ein Naturgesetz o. ä.
[2] Im Folgenden unterscheidet MacDonald zwischen „facts“ und „truths“ – übersetzt mit „Tatsachen“ und „Wahrheiten“. Tatsachen, die etwas beschreiben, wie es ist, und Wahrheiten, die mit der Bedeutung, dem Sinn der vorhandenen Dinge und Fakten zu tun haben und den Fakten damit übergeordnet oder als deren Ursache vorgeordnet sind.
[3] Siehe Markus 7, 11 – Jesus redet gegen die Pharisäer, die erlaubten, dass etwas, das den eigenen Eltern als verpflichtende Gabe zustand, ihnen nicht gegeben werden musste, wenn sie es als Opfergabe versprachen.
[4] Könnte eine Anspielung auf den Schluss der „Göttlichen Komödie“ sein, wo Dante sich umwendend die Quelle von allem entdeckt, Gottes Liebe als Urgrund der Welt.
[5] Poet und Prophet sind in ihrer Art die Welt zu erkennen und zu beschreiben und sie auf Höheres hin zu deuten ähnlich. Viele prophetische Texte der Bibel sind zugleich auch poetisch. Der Blick des Propheten und des Poeten ist kindlich empfangend, daher Gott sehr nahe.
[6] Anspielung auf Matthäus 16, 26
[7] Anspielung auf biblische Bilder vom Thron Gottes, wie wir sie in Hesekiel oder in der Offenbarung des Johannes finden.
[8] Johannes Kapitel 4
[9] Dieses Bild erinnert an MacDonalds Buch „Phantastes“, in dem der Protagonist der Geschichte, Anodos, eines Morgens aufwacht und in seinem Schlafzimmer einen Bachlauf findet, an dem entlang er von seinem Raum ins Feenland findet.
[10] Psalm 42, 2
[11] Vermutlich sind mit den „Staub-Türmen“ / „dust-towers“ die „Türme der Stille“ / „towers of silence“ gemeint, in denen die Zoroastrier ihre Toten bestatten und sie so dem Wind und der Sonne und damit dem langsamen Zerfall zu Staub überließen. Es mag Schauergeschichten darüber gegeben haben, dass man dort auch Gefangene dem Tod durch Hunger und Durst ausgeliefert hätte.
[12] MacDonald lässt seine Roman-Helden oft an Bachläufen ruhen und dem Wasser lauschen. Häufig kommen sie auf diese Weise gedanklich und emotional ihrem Schöpfer näher.
[13] Eine Verspottung, Anspielung auf den Triumphzug eines römischen Feldherrn.
[14] Offenbarung 14, 7
[15] Wieder Anspielung auf ein biblisches Bild – das Setzen des Schlusssteins des Tempels
[16] Anspielung auf Philipper 2, 6 – 11 – im Folgenden nimmt MacDonald indirekt Bezug auf diesen Christus-Hymnus des Paulus – dass Jesus sich gering machte, dem Vater gehorsam war und so seine „Verpflichtung“ erfüllte und wir durch diese lebendige Wahrheit dazu befähigt werden, ebensolch eine lebendige Wahrheit zu sein, indem wir unseren „Verpflichtungen“ gegen Menschen und Gott nachkommen – also die Wahrheit erfüllen in tätiger Nächsten- und Gottesliebe.
[17] „Seinsgrund“ – der eigentliche Sinn und Grund seines Daseins, seiner Existenz
[18] 1. Johannes 3, 15
[19] Anspielung auf das Brüderpaar Jakob und Esau, die Zwillings-Söhne von Isaak und Rebekka im AT – während Esau gerne auf die Jagd ging, blieb Jakob bei den Zelten und erfüllte dort seine Pflichten.
[20] Siehe Matthäus 19, 16 – 26 / Markus 10, 17 – 27 / Lukas18, 18 – 27
[21] Johannes 20, 29 / Römer 4, 16
[22] Matthäus 6, 28 – 30
[23] Siehe Römer 7 und 8
[24] Offenbarung 2, 17
[25] Siehe Johannes 8, 32
[26] Johannes 8, 32 – Anschluss an die nächste Predigt.
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