Freiheit
„Die Wahrheit wird euch frei machen…. Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht aber bleibt nicht ewiglich im Hause: der Sohn bleibt ewiglich. So euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei.“ Johannes 8, 32, 34 – 36

So wie dieser Abschnitt dasteht, bin ich nicht in der Lage gewesen, schlau daraus zu werden. Kein Mensch könnte aufgrund dessen im Haus des Vaters sein, dass er ein Diener der Sünde ist; und doch ist dieser Mensch als Diener im Haus und das Haus, in welchem er dient, ist nicht das Haus der Sünde, sondern das Haus des Vaters. Die Äußerung ist aufs Beste durcheinandergebracht und die Folgerung fehlerhaft. Er muss im Haus des Vaters auf einer anderen Grundlage als Sünde sein. Dies, wäre keine Hilfe gekommen, wäre ausreichend Ursache gewesen, den Abschnitt zu verlassen als einen, wo die Worte des Herrn vielleicht falsch wiedergegeben wurden – wo ich, zuletzt, mehr als eine grundlegende Wahrheit in dem Abschnitt eingeschlossen wahrnehmend, fehlginge der Erörterung zu folgen. Ich sehe nicht, dass ich jemals hätte vermuten können, wo die Verfälschung, gäbe es eine, läge. Die meisten Schwierigkeiten ähnlicher Natur haben ihren Ursprung, wie diese, das kann ich kaum bezweifeln, bei irgendeinem Schreiber, welcher, danach verlangend zu erklären, was er nicht verstand, seine wertlose Glosse an den Rand schrieb: der nächste Kopist nahm die Worte als eine Auslassung, die in den Textkörper wieder eingefügt gehörte, und indem er sie einführte, die Äußerung verfälschte und ihre Absicht überaus verschleierte. Was schulden wir nicht den Kritikern, welche die Schriften erforschten und herausfanden, was wirklich geschrieben stand! In dem gegenwärtigen Fall gibt uns Dr. Westcotts[1] Anmerkung zu verstehen, dass es mit „begründeter Wahrscheinlichkeit eine andere richtige Lesart gibt.“ Der Unterschied ist auf den ersten Blick tatsächlich klein, doch er ist groß genug, uns Feingold zu geben statt fragwürdigen Erzes.[2] Bei einer Alternative dieser Art muss ich auf das hoffen, was logisch erscheint, gegen das, was unlogisch erscheint; auf das, was strahlend erscheint, gegen das, was fade erscheint.
Was ich also für die richtige Lesart halte ist auf Deutsch diese: „Jeder, der die Sünde tut, ist ein Sklave. Doch die Sklaven bleiben nicht für immer im Haus; der Sohn bleibt für immer. Wenn also der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein.“ Die autorisierte Version[3] gibt wieder: „Wer Sünde begeht, ist ein Diener der Sünde;“ die revidierte Version gibt wieder: „Jeder, der Sünde begeht, ist der Knecht der Sünde;“ beide nehmen die Lesart an, die die Worte „der Sünde“ wiedergibt. Die Aussage ist sicherlich in sich selbst wahr, doch erscheint mir nutzlos für die darauffolgende Erörterung. Und ich denke, das mag es gewesen sein, was ich für die richtige Lesart halte, das dem Apostel Paulus nahelegte, was er am Anfang des vierten Kapitels seiner Epistel an die Galater sagt – Worte des Geistes und des Lebens, von welchen fälschlicherweise die Lehre der Adoption abgeleitet worden ist, reines Gift für das kindhafte Herz.[4] Die Worte des Herrn hier sind nicht, dass er, welcher sündigt, der Sklave der Sünde ist, so sehr das auch wahr ist; sondern dass er ein Sklave ist und die Erörterung zeigt, dass er einen Sklaven Gottes meint. Die zwei sind vollkommen übereinstimmend. Kein Maß an Sünde kann einen Menschen davon abhalten, so viel der Sklave Gottes zu sein, wie Gott in seiner Gnade wählt, ihn sein zu machen. Es ist seine Sünde, die aus ihm einen Sklaven macht, anstatt ein Kind. Seine Sklavenschaft der Sünde ist sein Verderben; seine Sklavenschaft zu Gott ist seine einzige Hoffnung. Gott tatsächlich liebt die Sklaverei nicht; er hasst sie; er will Kinder haben, keine Sklaven; doch er mag in seinem Haus für lange Zeit einen Sklaven halten in der Hoffnung, die armselige sklavische Natur aufzuwecken, um zur Sohnschaft aufzustreben, welche ihm gehört, welche sein Geburtsrecht ist. Doch der Sklave wird nicht für immer im Haus sein. Der Vater ist nicht daran gebunden, seinen Sohn als Sklaven zu halten, weil das närrische Kind es so bevorzugt.
Wer nicht tut, was Gott von ihm verlangt, ist ein Sklave, welchen Gott dazu nötigen kann, es zu tun, wieviel Nachsicht er auch mit ihm haben mag. Er, welcher, dies wissend, oder Strafe fürchtend, Gott gehorcht, ist immer noch ein Sklave, doch ein Sklave, welcher in die Hörweite der Stimme seines Meisters kommt. Es gibt jedoch weit höher Stehende als ihn, welche doch nur Sklaven sind. Jene, für welche Gott nicht Alles in Allem ist, sind Sklaven. Sie mögen keine großen Sünden tun; sie mögen versuchen, recht zu tun; doch so lange sie Gott dienen, wie sie es nennen, aus Pflicht, und ihn nicht als ihren Vater kennen, die Freude ihres Seins, sind sie Sklaven – gute Sklaven, doch Sklaven. Wenn sie nicht versuchen würden, ihre Pflicht zu tun, wären sie schlechte Sklaven. Sie sind bei Weitem nicht so sklavisch wie jene, die aus Furcht dienen, doch sie sind Sklaven; und weil sie nur Sklaven sind, können sie keine Gerechtigkeit erfüllen, keine Pflicht vollkommen tun, sondern müssen dem immer nacheifern, erschöpft und in Schmerzen, wohl wissend, dass, wenn sie aufhören es zu versuchen, sie verloren sind. Sie sind wahrhaftig Sklaven, denn sie wären froh, durch einen adoptiert zu werden, welcher ihr eigener Vater ist! Wo also sind die Söhne? Ich kenne keine, antworte ich, welche bereits vollständig und insgesamt Söhne und Töchter sind. Es mag solche geben – Gott weiß es; ich habe sie nicht erkannt; oder, sie erkennend, bin selbst nicht solch einer gewesen, als in der Lage zu sein, sie wahrzunehmen. Doch ich kenne einige, welche genug Söhne und Töchter sind, um im Streit zu liegen mit dem Sklaven in ihnen, welche nicht zufrieden sind, Sklaven für ihren Vater zu sein. Nichts, was ich von Sohnschaft gesehen oder erkannt habe, kommt der Herrlichkeit des Eigentlichen nahe; doch es gibt tausende von Söhnen und Töchtern, obwohl ihre Zahl nur ein Überrest[5] sein mag, welche sich an die Seite des Vaters ihrer Geister[6] gegen sich selbst stellen, gegen alles, was sie trennt von ihm, von welchem sie gekommen sind, doch aus welchem sie nur gekommen sind, sehend, dass sie in ihm leben und sich bewegen und ihr Sein haben. Solche sind keine Sklaven; sie sind wahrhaftige obwohl keine vollkommenen Kinder; sie kämpfen mit Gott gegen die böse Trennung; sie brechen durch die Mitte der Mauer der Abtrennung.[7] Nur die Ringe ihrer Fesseln sind geblieben und sie mühen sich, sie abzunehmen. Sie sind Kinder – mit mehr oder weniger von dem sterbenden Sklaven in ihnen; sie wissen, dass er da ist und was er ist und hassen die Sklavenschaft in sich und versuchen, sie zu erschlagen. Der wirkliche Sklave ist der, welcher nicht danach strebt, ein Kind zu sein; welcher nicht danach verlangt, seine Sklaverei zu beenden; welcher auf den Anspruch des Kindes als Anmaßung schaut; welcher sich an den traditionellen, autorisierten Dient der Formen und Rituale klammert und nicht den Willen dessen kennt, welcher die sieben Sterne[8] schuf und Orion, und sich noch weniger darum kümmert, ihm zu gehorchen; welcher nie sein Herz erhebt, um zu rufen: „Vater, was willst du, das ich tue?“ Solche verraten ihre Sklavenschaft ständig durch ihre Klagen. „Tun wir nicht recht daran, zornig zu sein?“ rufen sie mit Jona;[9] und wahrlich, Sklaven seiend, weiß ich nicht, was sie dagegen tun könnten. Wenn sie Söhne und Töchter sind, werden sie sich nicht länger über Bedrängnisse und Nöte und Sorgen des Lebens beschweren; nicht länger über ihre Beschwerden und Schmerzen murren, über das Stechen ihrer Armut, über den Hunger, der sie angreift; nicht länger entrüstet sein über die Ablehnung durch das, was Gesellschaft genannt wird. Jene, welche an ihren eigenen vollkommenen Vater glauben, können ihn schwerlich wegen irgendetwas beschuldigen, was sie nicht mögen. Ah, Freund, es mag sein, dass du und ich Sklaven sind, doch es gibt solche Söhne und Töchter wie ich davon spreche.
Die Sklaven der Sünde murren selten über diese Sklaverei; es ist ihre Sklaverei gegen Gott, über die sie murren; darüber allein beschweren sie sich – über die schmerzhaften Boten, die er aussendet, um sie von ihrer Sklaverei der Sünde und gegen sich selbst zu befreien. Sie müssen Söhne sein oder Sklaven. Sie können ihren Besitzer nicht selbst loswerden. Ob sie Gott verleugnen oder ob sie ihn verspotten, indem sie ihn anerkennen und ihn nicht beachten oder ihn als launenhaften, formellen Monarchen behandeln; ob sie, indem sie sich keine Mühe geben herauszufinden, was ihm gefällt, stumpfe Dinge ausüben zu seinem Dienst, um die er sich nicht kümmert, oder versuchen ihn zu besänftigen, indem sie mit tüchtiger Mühe ein Joch voraussetzen, dass Der Sohn niemals trug und sie niemals hieß zu tragen[10] – sie sind Sklaven und nicht weniger Sklaven als sie Sklaven Gottes sind; sie sind so durch und durch Sklaven, dass sie sich nicht darum kümmern, aus ihrer Sklaverei zu kommen, indem sie Söhne und Töchter werden, indem sie das Gut des Lebens finden, wo allein es liegen kann oder könnte. Könnte ein Schöpfer ein Geschöpf machen, dessen Wohlergehen nicht von ihm abhängen sollte? Und wenn er könnte, wäre das Geschöpf deshalb größer? Welches, das Geschöpf, das er mehr oder das er weniger abhängig von sich selbst gemacht hätte, wäre das größere? Der Sklave im Herzen würde sofort, mit Miltons Satan,[11] antworten, dass das am weitesten entfernte von ihm, welcher es machte, das freieste sein muss, solcherart seine eigentliche Existenz als Sklaverei anerkennend, und doch zweierlei Art in ihrem Sein – ein Schöpfer, und so viele Sklaven es ihm gefällt zu machen, deren Ablehnung zu gehorchen ihr unbekannter Protest gegen ihr eigenes Wesen ist. Das Sein selbst muss, wegen dem, was sie Freiheit nennen, verworfen sein! Die Schöpfung selbst, um nach ihren Lebenswegen zu gehen, ist eine Ungerechtigkeit! Gott hatte kein Recht, Wesen zu erschaffen, die geringer sind als er selbst; und da er keine gleichwertigen erschaffen konnte, hätte er gar nicht erschaffen sollen! Doch sie beschweren sich nicht darüber, geschaffen worden zu sein; sie beschweren sich darüber, dass von ihnen verlangt wird, Gerechtigkeit zu üben. Sie wollen nicht gehorchen, doch, sein eigenes Schöpfungswerk seiend, reißen sie jeden Vorteil seines Werkes an sich, den sie können! Sie verlangen danach frei zu sein mit einer anderen Freiheit als der, mit welcher Gott frei ist; unwissend suchen sie nach einer vollständigeren Sklaverei. Es gibt in Wahrheit keinen Mittelweg zwischen absoluter Harmonie mit dem Vater und dem Zustand von Sklaven – unterwürfig oder rebellisch. Wenn es das Letztere ist, existiert gerade ihre Rebellion durch die Kraft Des Vaters in ihnen. Von göttlichem Wesen werfen sie ihre Existenz in das Angesicht ihres Wesens, ihrer eigenen Natur.
Und doch ist gerade ihre Rebellion in manchem Sinne nur das Aufstehen seines Geistes in ihnen gegen ihre falsche Annahme von ihm – gegen die Lügen, die sie in Bezug auf ihn festhalten. Sie sehen nicht, dass, wenn sein Werk, nämlich sie selbst, die hauptsächliche Freude für sie selbst ist, das Leben, das sie hervorbringt, so viel mehr eine Herrlichkeit und Freude für sie, das Werk, sei – insoweit als es ihnen näher ist als sie sich selbst es sind, sie veranlassend zu sein und sich ausweitet, ohne Bruch der Beziehung, so unendlich über und jenseits von ihnen. Denn nichts kann so nahekommen wie das, welches erschafft; die nächste, stärkste, liebste Beziehung, die möglich ist zwischen Schöpfer und Geschöpf. Wo dies verleugnet wird, ist der Riss am weitesten; wo es anerkannt und erfüllt wird, ist die Nähe unaussprechlich. Doch immer bleibt, was nicht gesagt werden kann und ich sinke geschlagen nieder. Gerade der Protest des Rebellen gegen Sklaverei kommt zugleich aus der Wahrheit Gottes in ihm, welche er nicht alle von sich werfen kann, und aus einer Sklavenschaft, die zu niedrig ist, um Wahrheit zu lieben – eine Gemeinheit, die alles nehmen will und nichts anerkennen, als wenn sein eigentliches Sein eine Schande für ihn wäre. Die Freiheit des Gottes, der sein Geschöpf frei haben wollte, ist im Widerstreit mit der Sklavenschaft des Geschöpfes, welches seinen eigenen Stamm von der Wurzel abschlagen würde, dass er ihn sein eigen nennen und lieben könnte; wer in seinem eigenen Bewusstsein jubelt anstatt im Leben dieses Bewusstseins; wer an der schwankenden Wand seines eigenen Daseins verharrt, anstatt am Fels, auf welchen dieses Dasein gebaut ist.[12] Solch einer betrachtet seine eigene Herrschaft über sich selbst – die Beherrschung des Größeren durch das Geringere, insoweit das bewusste Selbst geringer ist als das Selbst – als eine Freiheit unendlich größer als den Umfang des Universums von Gottes Sein. Wenn er sagt: „Zumindest geht es nach meiner Weise!“ antworte ich, Du weißt nicht, was deine Weise ist und was nicht. Du weißt nichts davon, woher deine Impulse, deine Leidenschaften, deine Neigungen, deine Vorlieben kommen. Sie mögen jetzt aus einem Zufall entspringen wie aus kranken Nerven; jetzt aus dem Brüllen eines wandelnden körperlosen Teufels; jetzt aus einem kindischen Hass in deinem Herzen; jetzt aus der Gier oder der Gesetzlosigkeit irgendeines Vorfahren, dessen du dich schämen würdest, wenn du ihn kenntest;[13] oder jetzt mag es aus einem fern-klingenden Akkord eines himmlischen Orchesters sein: in dem Augenblick, wenn es in deinem Bewusstsein auftaucht, nennst du es deine eigene Weise und jubelst darüber! Zwei Teufel, die sich mit einem Duett der Einflüsterung amüsieren, einer an jedem Ohr, mögen bald das herrschaftliche Ich, in das du so verliebt bist, jubelnd machen in der Freiheit, das Gegenteil in jedem folgenden Augenblick zu wollen; und auf lange Sicht dich wahnsinnig machen, wenn du herausfindest, dass du nicht, so sehr du es wollen würdest, einen Weg und gleichzeitig sein Gegenteil wählen kannst. Die ganze Frage dreht und wendet sich bei der Beziehung von Schöpfer und Geschöpf, über welche Beziehung noch wenige das entwickelte Bewusstsein zu haben scheinen. Ohne das ewige schöpferische Leben zu leben ist eine Unmöglichkeit; Freiheit von Gott kann nur eine Unfähigkeit bedeuten, die Tatsachen der Existenz zu sehen, eine Unfähigkeit, die Herrlichkeit des Geschöpfes zu verstehen, welches gemeinsamen Grund einnimmt mit seinem Schöpfer in seiner Schöpfung von ihm, welcher will, dass der liebliche Wille, der ihn ins Leben ruft und ihm Wahl lässt, ihn vollendet machen sollte, ihn in den inneren Kreis des schöpferischen Herzens ziehen sollte, zur Freude, dass er nicht durch eine armselige Kraft seines eigenen Willens lebt, sondern eins ist mit dem verursachenden Leben seines Lebens, in allernächstem Atmen und Wollen, lebendiger und rechtmäßiger Einheit mit dem Leben allen Lebens. Solch ein Geschöpf kennt das Leben des unendlichen Vaters als die eigentliche Flamme seines Lebens, und jubelt, dass nichts getan ist oder getan wird im Universum, in welchem der Vater ihn nicht zum völligen Teilhaber macht, dass es möglich ist für die vollkommene Großzügigkeit, ihn dazu zu machen. Wenn du sagst, das ist ehrfurchtslos, zweifle ich, dass du den Gott gesehen hast, der in Jesus offenbar ist. Doch alles wird gut sein, denn der kleine Gott deines armseligen Genügens wird deine Seele zum Elend aushungern, und der Schrecken des ewigen Todes, der über dich kommt, wird dich drängen, einen vollkommenen Vater zu suchen. Oh, ihr engstirnigen Christen, der Herr ist nicht beschränkt, doch ihr seid beschränkt in euren engen, unwilligen Seelen! Einige von euch haben nötig, vor sich selbst beschämt zu werden; einige von euch benötigen das Feuer.[14]
Doch einer, welcher liest, mag ausrufen, in der Agonie und dem Durst eines Kindes, das aus einem Traum endlosen Suchens und Nicht-Findens aufwacht: „Ich bin gebunden wie Lazarus in seinem Grabes-Kleid! Was soll ich tun?“[15] Hier ist die Antwort, aus diesem Gleichnis unseres Herrn gezogen; denn der Ausspruch ist gerade so wie ein Gleichnis, mehr lehrend als er äußert, das Gewissen und das Herz ansprechend, nicht das Verständnis: „Du bist ein Sklave; der Sklave hat keinen Aufenthalt im Haus; nur die Söhne und Töchter haben eine bleibende Ruhe im Heim ihres Vaters. Gott kann nicht für immer Sklaven um sich haben. Ihr müsst eure Sklavenschaft aufgeben und von ihr befreit werden. Das ist es, wozu ich hier bin. Wenn ich euch frei mache, werdet ihr tatsächlich frei sein; denn ich kann euch nur frei machen, indem ich euch zu dem mache, was ihr sein solltet, Söhne wie ich selbst. Das ist wie allein Der Sohn wirken kann. Doch es seid ihr, welche Söhne werden müsst; ihr müsst es wollen und ich bin hier, euch zu helfen.“ Es ist, als wenn er sagte: „Ihr sollt die Freiheit des Universums meines Vaters haben; denn frei von euch selbst werdet ihr frei aus seinem Herzen sein. Ihr selbst seid eure Sklavenschaft. Dies ist die Dunkelheit, welche ihr mehr geliebt habt als das Licht. Ihr habt euch selbst Ehre gegeben und nicht dem Vater; ihr habt Ehre bei Menschen gesucht und nicht vom Vater! Daher, selbst im Haus eures Vaters, seid ihr nur verweilende Sklaven gewesen. Wir in seiner Familie sind alle eins; wir haben keinen Parteiischen Geist; wir suchen nicht uns selbst: schließt euch uns an und ihr werdet frei sein, wie wir frei sind.“[16]
Wenn dann das arme, ausgehungerte Kind ruft: „Wie, Herr?“, wird die Antwort davon abhängen, was er mit diesem Wie meint. Wenn er meint „Welchen Plan willst du anwenden? Was ist dein System, um meine Fesseln zu zerschneiden und mich freizusetzen?“, kann die Antwort eine Vertiefung des Dunkels sein, ein Anziehen der Fesseln. Doch wenn er meint „Herr, was willst du, das ich tue?“, wird die Antwort nicht verzögert. „Gib dich selbst an mich, um zu tun, was ich dir sage, zu verstehen, was ich sage, mein guter, gehorsamer kleiner Bruder zu sein, und ich werde in dir das Herz erwecken, das mein Vater in dich gelegt hat, dieselbe Art Herz, die ich habe, und es wird wachsen, den Vater zu lieben, durch und durch und völlig, wie meines es tut, bis du bereit bist, für ihn in Stücke gerissen zu werden. Dann wirst du wissen, dass du im Herzen des Universums bist, im Herzen jedes Geheimnisses – im Herzen des Vaters. Erst dann wirst du frei sein, tatsächlich frei!“
Christus starb, um uns zu retten, nicht vom Leiden, sondern von uns selbst; nicht von Ungerechtigkeit, weit weniger von Gerechtigkeit, sondern vom Ungerecht-Sein. Er starb, dass wir leben – doch leben, wie er lebt, indem wir sterben, wie er starb, welcher sich selbst starb, dass er Gott lebe.[17] Wenn wir uns selbst nicht sterben, können wir Gott nicht leben, und er, der nicht Gott lebt, ist tot.[18] „Ihr werden die Wahrheit erkennen.“ Sagt der Herr „und die Wahrheit wird euch frei machen. Ich bin die Wahrheit und ihr werdet frei sein, wie ich frei bin. Um frei zu sein, müsst ihr Söhne sein wie ich. Um frei zu sein, müsst ihr das sein, was ihr sein sollt, das, wozu ihr geschaffen seid. Um frei zu sein, müsst ihr die Antwort von Söhnen dem Vater geben, welcher euch ruft. Um frei zu sein, müsst ihr nichts fürchten, außer das Böse, euch um nichts kümmern, außer den Willen des Vaters, an ihm mit völligem Vertrauen und unendlicher Erwartung festhalten. Ihm allein kann vertraut werden.“ Er hat uns den Vater gezeigt, nicht nur, indem er tut, was der Vater tut, nicht nur, indem er die Kinder des Vaters liebt, wie der Vater es tut, sondern durch seine vollkommene Zufriedenheit in ihm, seine Freude an ihm, seinen völligen Gehorsam gegen ihn. Er hat uns den Vater durch die vollständige Hingabe eines vollkommenen Sohnes gezeigt. Er ist Der Sohn Gottes, weil der Vater und er eins sind, ein Denken haben, einen Sinn, ein Herz. An dieser Wahrheit – ich meine nicht das Dogma, sondern die Wahrhaftigkeit Jesu selbst gegen seinen Vater – hängt das Universum; und an der Erkenntnis dieser Wahrheit – das heißt, daran, dass sie solcherart wahr wird – hängt die Freiheit der Kinder, die Wiederherstellung ihrer ganzen Welt. „Ich und der Vater sind eins.“ ist die innerste Wahrheit des Universums; und die umkreisende Wahrheit ist, „dass sie auch eins seien in uns.“[19]
Der einzig freie Mensch also ist der, welcher ein Kind des Vaters ist. Er ist ein Diener aller, doch er kann zu niemandes Sklaven gemacht werden: er ist ein Sohn des Herrn des Universums. Er ist in sich selbst, im Sinne seiner Wahrheit, frei. Er ist in sich selbst ein König. Denn der Sohn begründet seinen Anspruch zum Königtum darauf, dass er geboren wurde und in die Welt kam, um Zeugnis für die Wahrheit abzulegen.[20]
[1] George MacDonald bezieht sich hier wie schon einmal auf die kritische Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes von 1881 von Westcott und Hort, die auch auf Entdeckungen alter Abschriften des Neuen Testamentes beruht.
[2] Auch ein biblisches Bild. Es erinnert an Verse aus den Sprüchen über die Weisheit und an den Vergleich der Läuterung von Gold mit der inneren Läuterung eines Menschen, siehe z. Bsp. Jesaja 13, 12 / Sprüche 25, 12
[3] Gemeint ist die traditionelle King James Bibel
[4] MacDonald nimmt hier Bezug auf die Erörterungen des Paulus im vierten Kapitel des Galater-Briefes, über die er selbst in einer früheren Predigt schrieb. Er wendet sich gegen eine sog. Doktrin der Adoption (begründet auf dem Wort „Adoption, das in der Übersetzung der King James verwendet wird), die besagt, dass die Menschen erst zu Gottes Kindern werden, wenn sie von ihm angenommen werden. MacDonald argumentiert dagegen, dass der Mensch als Geschöpf Gottes aus Gott kommt und damit schon ein Kind dieses Schöpfers ist.
[5] Hier wird abermals ein biblisches Bild verwendet. Häufig, besonders in den Propheten, ist es nur ein „Überrest“, der Gott treu geblieben ist, während der überwiegende Teil des Volkes Israel auch anderen Göttern dient und sich nicht um Gottes Gebote kümmert.
[6] Siehe Hebräer 10, 9
[7] Wiederum ein biblisches Bild vom Durchbrechen der Mauer, wie wir es in den Propheten und auch Psalmen finden – wenn zum Beispiel von der Eroberung Jerusalems durch Feinde geredet wird oder umgekehrt, wenn der Sieg des Volkes Gottes besungen wird.
[8] Gemeint sein könnten die Plejaden, auch „sieben Schwestern“ genannt. Eventuell auch eine Andeutung auf die sieben Sterne am Anfang der Offenbarung.
[9] Siehe Jona, Kapitel 4 – Jona dient nachdem er zuerst davor geflohen ist endlich Gott und überbringt der Stadt Ninive die Botschaft ihrer Zerstörung. Doch die Stadt kehrt um zu Gott und bleibt bestehen. Jona wird zornig darüber.
[10] Siehe Matthäus 11, 29 – 30
[11] Miltons „Paradise Lost“
[12] Der Fels als ein biblisches Bild und Urbild – der Fels, an den Mose schlug und es kam Wasser heraus – der Fels, auf den der weise Mann sein Haus baut – der Fels als Stein, den die Bauleute wegwerfen – der Fels als Symbol für Christus selbst. Ebenso der Fels, an dem Prometheus, der Rebell gegen die unbarmherzige Gottheit, gekettet war.
[13] Die Handlungsimpulse, die aus einem Erbe der Vorfahren kommen, deutet MacDonald oft in seinen Romanen an – ein geistiges Erbe, von dem er glaubt, dass es auch konkrete Auswirkungen über Generationen hinweg haben kann, wenn es nicht erlöst wird wie alles andere im Menschen. Was wie eine esoterische Überzeugung aus dem 19. Jahrhundert klingt, wird durch neuere Forschungen zur Epigenetik zum Teil bestätigt. Traumata zum Beispiel können Einfluss auf das Erbmaterial nehmen und sich so in gewisser Weise vererben.
[14] Gemeint ist das reinigende „Verzehrende Feuer“ der Liebe Gottes, über das MacDonald bereits im ersten Teil der Unspoken Sermons geschrieben hat.
[15] Siehe Johannes Kapitel 11 – Nachdem Lazarus von den Toten auferweckt war, kam er aus dem Grab und war noch mit den Leinentüchern umwickelt – man musste ihm helfen, sie abzuwickeln. Jesus selbst gibt die Anweisung, die Binden zu lösen.
[16] Wie für MacDonald typisch sind hier verschiedenste Bibelzitate und eigene Worte zu einer gedachten Aussage Jesu verschmolzen. Z. Bsp. Johannes 3, 19 / Johannes 12, 43 / Johannes 5, 30 / das sog. Hohepriesterliche Gebet in Johannes 17 / das biblische Bild vom ungeteilten Herzen. Indirekte Zitate aus dem Johannesevangelium ziehen sich durch fast alle Predigten MacDonalds.
[17] Johannes 14, 9
[18] Philipper 1, 21
[19] Johannes 10, 30 und Johannes 17, 11 ff
[20] Johannes 18, 37 – Anschluss an die folgende Predigt – ein Ausspruch Jesu vor Pilatus, der ihn verhörte. Die Unterhaltung der beiden dreht sich um die berühmte Frage des Pilatus „Was ist Wahrheit?“.
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