Buchbesprechung zu:
„Die Einwilligung“ (Französ. „Le consentement“)
Von Vanessa Springora
2020, Blessing / 174 Seiten / Hardcover / Übersetzung: Hanna van Laak

Im Universum der Kunst und Kultur hat sich seit der sog. „me-too“-Debatte Vieles in Bewegung gesetzt. Eine Frau nach der anderen tritt aus dem Schatten und bricht ihr jahrelanges Schweigen. Es ist dieses Schweigen, das die Täter geschützt hat und den Frauen auch noch vorgeworfen wird, nachdem sie geredet haben. Obwohl es allzu häufig nicht nur ihr Schweigen ist, sondern das ihres gesamten Umfeldes, welches ungeheure Taten möglich macht und verdeckt. Das Schweigen der Anderen ist weit wesentlicher als das Schweigen derer, die sich nun endlich äußern über das, was ihnen widerfahren ist.
Aber die Stimmen werden nicht nur lauter, sondern auch eindringlicher. Ende 2019 hat Springoras Buch in Frankreich den Kulturbetrieb erschüttert und liegt nun in diesem Jahr auch in deutscher Übersetzung vor. Nun hat die Pandemie die Debatte um sexuellen Missbrauch in den Bereichen der Kultur in den Schatten gedrängt – wie auch viele andere Debatten. Aber Springoras Buch wird bleiben und seine Resonanz behalten. Denn es ist keine eigentliche Trauma-Verarbeitung, es ist nicht nur kühler Bericht, es ist auf keinen Fall eine Rache oder Abrechnung. Es ist Literatur. Und damit ist es die beste Waffe gegen einen, der in der Welt der französischen Literatur einen Namen von Rang hatte, der ihn davor schützte, für seine missbräuchlichen Beziehungen zu Minderjährigen angeklagt oder in irgendeiner Form – gesellschaftlich oder juristisch – verurteilt zu werden.
Worum geht es konkret? In den 80er Jahren trifft die 13-jährige V. bei einem Abendessen, das von dem Verlag, in dem ihre Mutter arbeitet, ausgerichtet wird, auf den damals 50jährigen G.M. Sie ist sofort fasziniert von dem Mann, der alle anderen mit seinem Charme, seinem Witz, seiner Intelligenz in den Bann schlägt. Und er schenkt ihr die Aufmerksamkeit, nach der sie sich zu dieser Zeit verzweifelt sehnt. V.s Eltern haben sich getrennt, der Vater kümmert sich kaum und bald gar nicht mehr. Sie sehnt sich danach, gesehen zu werden. Und G.M. sieht sie. Er schreibt ihr Briefe. Er trifft sich mit ihr. Er hüllt sie ein in seine Worte – eine Kunst, die er als Literat sehr gut versteht.
Aus dieser Begegnung wird eine Beziehung, gegen die die Mutter von V. zuerst Einwände erhebt. Aber schließlich gibt auch sie nach und lässt es einfach geschehen. Es ist immer noch die Zeit, in der die Forderungen der 68er-Bewegung nach Befreiung von allen Zwängen der Moral ihre starken Nachwirkungen haben – eben auch und vor allem in der kulturellen, links-intellektuellen Szene. Ein Monate währendes Verhältnis zwischen der kaum 14-jährigen V. und dem 50jährigen G.M. beginnt. Für die Allermeisten und heute undenkbar: es geschieht offen und vor allen Augen. V. wohnt und schläft zeitweise sogar bei G.M. Sie lassen sich in der Öffentlichkeit sehen. G.M. veröffentlicht in seinen Werken und Tagebüchern unverhohlen seine Erlebnisse mit minderjährigen Mädchen. Jeder hätte es lesen und sehen können. Viele lasen und sahen es.
Während V. sich nur langsam aus diesem Verhältnis lösen kann und viele Jahre braucht, um herauszufinden, wer sie selbst eigentlich ist, veröffentlicht G.M. weiter seine Tagebücher. Auch – und fast gar nicht verschleiert – die Begegnung mit V. ist darin geschildert. Er wird gefeiert, erhält Preise, gar eine Pension vom französischen Staat.
Heute endlich ist V. soweit, eigene Worte zu erheben und sie über die Worte von G.M zu setzen. Sie hat zu sich gefunden, führt eine glückliche Ehe, hat einen eigenen Sohn – und arbeitet als Verlagsleiterin in genau dem Verlag, in welchem G.M. damals „Les moins de seize ans“ – „Die unter Sechzehnjährigen“ veröffentlicht hat – eine Art Verteidigungs-Manifest für die Liebe mit Minderjährigen.
Auch wenn in dem Buch die Kürzel V. und G.M. verwendet werden, so ist doch klar, dass es sich dabei um die junge Vanessa handelt und um den Schriftsteller Gabriel Matzneff. Die Informationen zum aktuellen Stand im Fall Matzneff kann man der Presse entnehmen. Das Buch „Die Einwilligung“ hat Folgen für den heute 83-jährigen Literaten. Sein Werk wird nicht mehr gedruckt, seine Pension wurde eingestellt.
Springora hat das Buch wohl weniger mit der Absicht geschrieben, sich an Matzneff zu rächen. Es ist eine Ermächtigung. Sie hat sich die Welt der Bücher und des Wortes, für die sie bereits als Kind eine große Leidenschaft hatte, auf diese Weise zurückerobert. Jetzt ist sie soweit, mit eigenen Worten ihre Geschichte aufzuschreiben und den Täter – sie nennt ihn nicht so, aber wir dürfen und sollten es – in ein eigenes Buch einzusperren, wie sie den Prozess der Arbeit am Buch beschreibt. Im Grunde ist diese Art der Bewältigung und Ermächtigung das schlimmstmögliche Urteil über den Mann, der nun der Macht seiner eigenen Worte beraubt ist. Matzneffs Leidenschaft für unter 16-jährige steht nun endlich nicht mehr als eine Form idealisierter, literarisch überhöhter Liebe da. Springoras Buch ist authentisch und wird Geltung behalten.
Der Tonfall des Buches ist sachlich, beschreibend, völlig unaufgeregt – und ja, sogar in weiten Teilen nicht übermäßig gnädig mit sich selbst. Vanessa erzählt ihren Teil der Beziehung ebenso wie den von G.M. Durch diese schlichte Sachlichkeit wird jedoch deutlich, was der Kern eines jeden Missbrauchs ist. Es ist nicht die Gewalttätigkeit mit ihren äußerlich sichtbaren Zeichen, die lange Jahre von den Opfern als Beweis des wirklich Vorgefallenen eingefordert wurde.
Es ist ein Machtgefälle, das ausgenutzt wird. Immer. Ob bei emotionalem, körperlichem oder sexuellem Missbrauch. Es ist das Ausnutzen des Anderen für die eigenen Zwecke und Bedürfnisse, oft mit Hilfe manipulativer Mittel. Darum schweigen die, die es erlitten haben. Sie sind ohnmächtig gemacht worden. Und erst wenn sie sich selbst ermächtigen, können Opfer aufhören Opfer zu sein und aus dem Schatten der Täter treten, die Macht und Kontrolle über sie ausgeübt haben. Die eigene Ermächtigung ist keine Rache, sie ist im günstigsten Fall eine Abtrennung vom Täter. Und in Springoras Fall das Bannen des Gespenstes zwischen die Seiten eines Buches. Darin liegt die Relevanz von „Die Einwilligung.“
Das Buch wird Bedeutung behalten. Klare Leseempfehlung.

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