Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten III von George MacDonald – Kapitel 7 – Gerechtigkeit [Justitia]

Gerechtigkeit [Justitia][1]

   „Aber dein, oh Herr, ist auch die Barmherzigkeit; denn du vergiltst einem jeglichen nach seinem Tun.“ Psalm 62, 13

   Einige der Übersetzer machen daraus Freundlichkeit und Güte; doch ich nehme an, da gibt es keinen wirklichen Unterschied unter ihnen, was den Charakter des Wortes betrifft, welches hier, in der englischen Bibel, mit Barmherzigkeit übersetzt ist.[2]

   Der religiöse Geist jedoch, ausgebildet nach den Theorien, die in der so-genannten religiösen Welt noch vorherrschen, muss hier einen Abschied bemerken von der Darstellung, an welche sie gewöhnt waren: um den Psalm entsprechend der vorherrschenden theoretischen Gepflogenheiten sprechen zu lassen, hätte der Vers solcherart geändert werden müssen: „Aber dein, oh Herr, ist auch die Gerechtigkeit; denn du vergiltst einem jeglichen nach seinem Tun.“

   Lasst den Grund meiner Auswahl dieses Abschnitts, so bemerkenswert in sich selbst, als ein Motto für die Predigt, welche folgt, für den Augenblick zweifelhaft erscheinen. Ich brauche kaum sagen, dass ich kein logisches Argument darauf zu gründen gedenke.

   Lasst uns danach streben, klar zu sehen, was wir meinen, wenn wir das Wort Gerechtigkeit benutzen, und ob wir meinen, was wir meinen sollten, wenn wir es gebrauchen – besonders in Bezug auf Gott. Lasst uns dem näher kommen, was wir unter Gerechtigkeit verstehen sollten, das heißt, die Gerechtigkeit Gottes; denn seine Gerechtigkeit ist die lebendige, handelnde Gerechtigkeit, die der Idee von Gerechtigkeit in unserem Geist und Herzen Existenz gibt. Weil er gerecht ist, sind wir dazu in der Lage, Gerechtigkeit zu kennen; es ist, weil er gerecht ist, dass wir die Idee der Gerechtigkeit so tief in uns eingebettet haben.

   Was meinen wir am häufigsten mit Gerechtigkeit? Ist es nicht die Ausführung des Gesetzes, das Verhängen einer der Übertretung zugeordneten Bestrafung? Mit einem gerechten Richter meinen wir einen Mann, welcher das Gesetz ohne Vorurteile anwendet, ohne Vorliebe oder Ablehnung; und, wo Schuld offenbar ist, so viel bestraft, und nicht mehr als es das Gesetz in dem Fall festgelegt hat. Es kann sein, dass deshalb noch keine Gerechtigkeit getan wurde. Das Gesetz selbst mag ungerecht sein und der Richter mag irren; oder, was wahrscheinlicher ist, die Ausübung des Gesetzes mag vereitelt werden durch Parasiten des Gesetzes zu ihrem eigenen Vorteil. Doch selbst wenn das Gesetz gut wäre und gründlich angewendet würde, folgt daraus nicht notwendigerweise, dass Gerechtigkeit getan wird.

   Nehmt an, meine Uhr wurde aus meiner Tasche entwendet; ich setze den Dieb fest; er wird vor den Amtmann gezerrt, für schuldig befunden und zu einer gerechten Gefängnisstrafe verurteilt: soll ich zufrieden mit dem Ergebnis nach Hause gehen? Ist mir Gerechtigkeit widerfahren? Dem Dieb mag Gerechtigkeit widerfahren sein – doch wo ist meine Uhr? Sie ist verschwunden und ich bleibe ein betrogener Mann. Wer hat mich betrogen? Der Dieb. Wer kann das Unrecht wiedergutmachen? Der Dieb und nur der Dieb; niemand anderer als der Mann, der das Falsche getan hat. Gott mag in der Lage sein, den Mann dazu zu bewegen, das Falsche zu berichtigen, doch Gott selbst kann es nicht ohne den Mann berichtigen. Nehmt an, meine Uhr wird gefunden und mir zurückgegeben, ist die Angelegenheit zwischen mir und dem Dieb beigelegt? Ich mag ihm vergeben, doch ist das Falsche damit entfernt? Keinesfalls. Doch nehmt an, der Dieb besinnt sich, Buße zu tun. Er hat, können wir sagen, es nicht mehr in seiner Macht, mir die Uhr zurückzugeben, doch er kommt zu mir und sagt, dass es ihm leid tut, dass er sie gestohlen hat und bittet mich, das wenige, was er mir als Gabe mitbringen kann, anzunehmen als ein Anfang der Wiedergutmachung: wie soll ich dann die Angelegenheit betrachten? Sollte ich nicht empfinden, dass er weit gegangen ist, um Wiedergutmachung zu leisten – mehr getan hat, um den Schaden auszugleichen, den er über mich gebracht hat, als durch die bloße Rückgabe der Uhr, selbst durch ihn, erreicht werden könnte? Würde nicht in dem Bekenntnis und der Ergebung und der begonnenen Wiederherstellung des Diebes eine Anrufung des Göttlichsten in mir liegen – an die ewige Bruderschaft? Würde es nicht tatsächlich auf eine genügende Wiedergutmachung zwischen Mensch und Mensch hinauslaufen? Wenn er anböte zu tragen, was ich wähle ihm aufzuerlegen, sollte ich es als notwendig empfinden, um der Gerechtigkeit willen, ihm ein bestimmtes Leiden anzutun, wie es von der Gerechtigkeit verlangt wird? Ich würde immer noch einen Anspruch an ihn wegen meiner Uhr haben, doch sollte ich nicht fähig sein, es zu vergessen? Er, welcher die Übertretung begeht, kann sie wiedergutmachen – und er allein.

   Eine Sache muss recht klar sein – dass die Bestrafung des Übeltäters keine Wiedergutmachung für das getane Übel leistet. Wie könnte es für mich den Diebstahl meiner Uhr ausgleichen, dass der Mann bestraft wurde? Das Übel wäre immer noch da. Ich sage nicht, dass der Mann nicht bestraft werden sollte – bei Weitem nicht; ich sage nur, dass die Bestrafung in keiner Weise dem betrogenen Mann Wiedergutmachung leistet. Nehmt an, der Mann mit der Uhr in der Tasche, würde sich selbst die heftigste Auspeitschung antun: würde das mein Empfinden des Schadens verringern? Würde es irgendetwas berichtigen? Würde es in irgendeiner Weise etwas wiedergutmachen? Würde es ihm ein Anrecht auf die Uhr geben? Bestrafung mag dem Mann, welcher das Falsche tut, etwas Gutes tun, doch das ist eine Sache sehr maßgeblich verschieden davon.

   Eine andere klare Sache ist, dass – selbst ohne die materielle Behebung des Schadens, wo es unmöglich ist – Buße die Übertretung entfernt, was kein Leiden könnte. Ich sollte zumindest empfinden, dass ich mit dem Mann keinen Zwist mehr habe. Ich sollte sogar empfinden, dass die Gabe, die er mir gegeben hat, in mein Herz einen bußfertigen Bruder einschließend, unendlich über der Rückgabe dessen steht, was er mir genommen hat. Wahrhaftig, er schuldete mir beides, sich selbst und die Uhr, doch solch ein Größeres schließt solch ein Geringes mehr als ein. Wenn eingewendet würde: „Du magst vergeben, doch der Mann hat gegen Gott gesündigt!“ – Dann ist es also nicht Teil des Göttlichen, barmherzig zu sein, entgegne ich, und ein Mensch kann barmherziger sein als sein Schöpfer! Ein Mensch kann tun, was zu barmherzig für Gott wäre! Dann ist Barmherzigkeit kein göttliches Attribut, denn sie könnte darüber hinaus gehen und zu viel sein; sie darf nicht unendlich sein, daher kann sie nicht zu Gott gehören.

   „Barmherzigkeit kann gegen Gerechtigkeit stehen.“ – Niemals – wenn ihr mit Gerechtigkeit meint, was ich mit Gerechtigkeit meine. Wenn irgendetwas gegen Gerechtigkeit wäre, kann es nicht Barmherzigkeit genannt werden, denn es ist Grausamkeit. „Aber dein, oh Herr, ist auch die Barmherzigkeit; denn du vergiltst einem jeglichen nach seinem Tun.“ Da gibt es keinen Gegensatz, keinen Widerstreit, welchen auch immer, zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Jene, welche sagen, Gerechtigkeit bedeutet das Bestrafen von Sünde und Barmherzigkeit bedeutet das Nichtstrafen von Sünde und schreiben beides Gott zu, würden einen Riss in die eigentliche Idee Gottes machen. Und das bringt mich zu der Frage: Was ist gemeint mit der göttlichen Gerechtigkeit?

   Menschliche Gerechtigkeit mag eine armselige Verdrehung von Gerechtigkeit sein, ein bloßer Schatten davon; doch die Gerechtigkeit Gottes muss vollkommen sein. Wir können sie in ihrem Wirken nicht hemmen; sind wir ihr in unserer Idee von ihr gerecht? Wenn ihr irgendeine gewöhnliche Sonntags-Gemeinde in England fragt, was mit der Gerechtigkeit Gottes gemeint ist, würden nicht neunzehn von zwanzig antworten, dass sie seine Bestrafung von Sünde bedeutet? Denkt für einen Augenblick, auf welchen Grad an Gerechtigkeit es in einem Menschen hindeuten würde – dass er jeden Fehler bestraft. Ein Römischer Imperator, ein Türkischer Kadi[3] mögen das tun und die ungerechtesten aller Menschen und Richter sein. Ahab mag gerecht sein auf dem Thron in seinen Bestrafungen und in seinem Garten der Mörder Nabots.[4] Sollen wir uns in Gott einen Unterschied zwischen Amt und Charakter vorstellen? Gott ist einer; und die Tiefe der Torheit ist erreicht mit der Theologie, welche von Gott spricht, als hielte er verschiedene Ämter inne und würde sich in jedem unterscheiden. Sie begründet einen Widerspruch in der eigentlichen Natur Gottes. Sie stellt ihn, zum Beispiel, so dar, als müsse er als ein Amtmann tun, was er als ein Vater nicht tun würde! Die Liebe des Vaters lässt ihn danach verlangen, als ein Amtmann ungerecht zu sein! Oh, die Torheit eines jeden Geistes, der Gott erklären wollte, ehe ihm zu gehorchen! Der den Charakter Gottes auslegen wollte, anstatt zu rufen: Herr, was willst du, das ich tun soll? Gott ist kein Amtmann; doch, wenn er es wäre, würde es eine Position sein, zu welcher ihm allein seine Vaterschaft das Recht gäbe; seine Rechte als Vater decken alle Rechte ab, die er analytisch angenommen besitzen kann. Die Gerechtigkeit Gottes ist diese, dass er – um eine kindische Phrase zu benutzen, die beste, die die Sprache mir wegen des Missbrauchs jetzt bieten kann – jedem Mann, jeder Frau, jedem Kind und jedem Tier, allem, das ein Dasein hat, Fair-Play[5] gibt; er gibt jedermann entsprechend seinem Werk; und darin liegt seine vollkommene Barmherzigkeit; denn nichts anderes könnte für den Menschen barmherzig sein, und nichts als Barmherzigkeit könnte fair für ihn sein. Gott tut nichts, von welchem irgendein gerechter Mensch, wenn die Sache ihm voll und umfänglich vorgelegt wird, so dass er sie versteht, nicht sagen würde: „Das ist fair.“ Wer würde, wiederhole ich, sagen, ein Mensch wäre ein gerechter Mensch, weil er darauf besteht, jeden Übertreter zu verfolgen? Ein Gauner würde das tun. Und doch ist die Gerechtigkeit Gottes, fürwahr, seine Bestrafung der Sünde! Ein gerechter Mensch ist einer, welcher sich darum kümmert und versucht und immer versucht, jedem und allem Fair-Play zu geben. Wenn wir von der Gerechtigkeit Gottes sprechen, lasst uns zusehen, dass wir Gerechtigkeit meinen! Bestrafung des Schuldigen mag in Gerechtigkeit eingeschlossen sein, doch sie konstituiert die Gerechtigkeit Gottes nicht auch nur ein kleinstes Bisschen mehr als sie die Gerechtigkeit eines Menschen konstituieren würde.

   „Doch niemand bezweifelt je, dass Gott Fair-Play gibt!“

   „Das mag sein – doch das zählt nicht viel, wenn du sagst, dass Gott dieses oder jenes tut, was nicht fair ist.“

   „Wenn er es tut, kannst du sicher sein, dass es fair ist.“

   „Zweifellos, oder er könnte nicht Gott sein – außer für Teufel. Doch du sagst, er handelt so und so und ist gerecht; ich sage, er handelt nicht so und so und ist gerecht. Du sagst, er handelt so, denn die Bibel sagt es so. Ich sage, wenn die Bibel es so sagte, würde die Bibel lügen; doch die Bibel sagt es nicht so. Der Herr des Lebens klagt über die Menschen, dass sie nicht recht urteilen.[6] Mit der Autorität der Bibel zu sagen, dass Gott eine Sache tut, die kein ehrenwerter Mensch tun würde, heißt gegen Gott zu lügen; zu sagen, dass es deshalb richtig ist, heißt gerade gegen den Geist Gottes zu lügen. Eine Lüge um Gottes willen hochzuhalten, heißt gegen Gott zu sein, nicht für ihn. Für Gott kann man nicht lügen. Er ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist allein auf seiner Seite. Während sein Kind die Rechtschaffenheit einer Sache nicht sehen könnte, hätte er es unendlich viel lieber, selbst wenn die Sache richtig wäre, dass es sagte, Gott könnte diese Sache nicht tun, als dass es glaubt, dass er sie täte. Wenn der Mensch sicher wäre, dass Gott es täte, wäre die Sache, die er sagen müsste: „Dann muss darin etwas liegen, von dem ich nichts weiß, was, wenn ich es wüsste, mich die Sache ganz anders betrachten ließe.“ Doch wo eine böse Sache erfunden wird, um eine gute Sache zu erklären und nachzuweisen, und ein Liebender Gottes dazu aufgerufen wird, die Erfindung zu glauben oder ausgestoßen zu werden, braucht er sich nichts daraus machen, ausgestoßen zu werden, denn es bedeutet, in der Gesellschaft Jesu zu sein. Wo es keinen Grund gibt zu glauben, dass Gott eine Sache tut, außer dass Menschen, welche Gott erklären wollten, es geglaubt und gelehrt haben, ist er, welcher Menschen gegen sein eigenes Bewusstsein von Gott akzeptiert, kein wahrhaftiger Mensch. Ich erkenne keine Autorität an, die mich dazu aufruft, eine Sache von Gott zu glauben, mit welcher ich kein Mensch sein könnte, sie in meinem Nächsten für richtig zu halten. Ich werde keine Erklärung irgendeiner Art von Gott akzeptieren, welche einschließt, was ich als falsch und unfair in einem Menschen verachten würde. Wenn du sagst, dass es richtig für Gott wäre, etwas zu tun, was nicht richtig wäre von einem Menschen, es zu tun, antworte ich: Ja, weil das Verhältnis des Schöpfers zu seinen Geschöpfen sehr verschieden ist von dem Verhältnis eines dieser Geschöpfe zu einem anderen, und er daher Verpflichtungen hat gegenüber seinen Geschöpfen, von ihm fordernd, wozu kein Mensch das Recht hätte, es von seinem Nächsten zu tun; doch der kann keine Verpflichtung haben, welche nicht gleichermaßen gerecht und barmherzig ist. Mehr wird von dem Schöpfer verlangt, aufgrund seines eigenen Aktes der Schöpfung, als von den Menschen verlangt werden kann. Mehr und höhere Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit wird von ihm durch ihn selbst verlangt, Die Wahrheit; – größerer Edelmut, mehr durchdringende Sympathie; und nichts außer dem, wenn ein ehrlicher Mann es verstünde, er sagen würde, was richtig ist. Wenn es eine Sache ist, die der Mensch nicht verstehen kann, dann kann ein Mensch nichts dazu sagen, ob es richtig oder falsch ist. Er kann nicht einmal wissen, dass Gott Es tut, wenn das Es unverständlich für ihn ist. Was er Es nennt, mag nur die kleinste Facette eines zusammengesetzten Wirkens sein. Sein Teil ist Stille. Wenn von irgendjemandem gesagt würde, dass Gott eine Sache tut und die Sache mir ungerecht erscheint, dann weiß ich entweder nicht, was die Sache ist, oder Gott tut es nicht. Die Aussage kann nicht bedeuten, was sie zu bedeuten scheint, oder die Aussage ist nicht wahr. Wenn, zum Beispiel, gesagt wird, dass Gott die Sünden der Väter an den Kindern heimsucht, ein Mensch, welcher von heimsucht annimmt, dass es bestraft bedeutet, und dass die Kinder bedeutet die unschuldigen Kinder, sollte er sagen: „Entweder verstehe ich die Aussage nicht oder die Sache ist nicht wahr, wer immer sie gesagt hat.“[7] Gott kann tun, was einem Menschen nicht richtig erscheint, aber es muss ihm so erscheinen, weil Gott nach höheren, göttlichen, vollkommenen Prinzipien wirkt, zu richtig für einen selbstsüchtigen, unfairen oder lieblosen Menschen, sie zu verstehen. Doch zuletzt müssen wir eine niedrige Annahme von Gerechtigkeit in einem Menschen annehmen und argumentieren, dass Gott gerecht ist, indem er nach dieser Annahme handelt.

   Die allgemeine Idee also ist, dass die Gerechtigkeit Gottes darin besteht, Sünde zu bestrafen: es ist in der Hoffnung, eine größere Idee von der Gerechtigkeit Gottes im Strafen der Sünde zu geben, dass ich frage: „Warum ist Gott daran gebunden, Sünde zu bestrafen?“

   „Wie könnte er ein gerechter Gott sein und Sünde nicht strafen?“

   „Barmherzigkeit ist eine gute und rechte Sache,“ antworte ich „und ohne Sünde könnte es keine Barmherzigkeit geben.[8] Wir sind angehalten zu vergeben, barmherzig zu sein, zu sein wie unser Vater im Himmel. Zwei richtige Dinge können unmöglich einander entgegengesetzt sein. Wenn Gott Sünde bestraft, muss es barmherzig sein, Sünde zu bestrafen; und wenn Gott Sünde vergibt, muss es gerecht sein, Sünde zu vergeben. Wir sind dazu aufgefordert zu vergeben mit dem Argument, dass unser Vater vergibt.[9] Es muss, sage ich, richtig sein zu vergeben. Jedes Attribut Gottes muss unendlich sein wie er. Er kann nicht manchmal barmherzig sein und nicht immer barmherzig. Er kann nicht gerecht sein und nicht immer gerecht. Barmherzigkeit gehört zu ihm und benötigt keine Findigkeit theologischer Trickserei, sie zu rechtfertigen.“

   „Also meinst du, dass es falsch ist, Sünde zu bestrafen, und Gott deshalb Sünde nicht bestraft?“

   „Keinesfalls; Gott bestraft Sünde, doch es gibt keinen Gegensatz zwischen Bestrafung und Vergebung. Das eine mag wesentlich für die Möglichkeit des anderen sein. Warum, wiederhole ich, bestraft Gott Sünde? Das ist mein Punkt.“

   „Weil Sünde in sich selbst Bestrafung verdient.“

   „Also wie kann er uns dann auffordern, sie zu vergeben?“

   „Er bestraft und wenn er bestraft hat, vergibt er?“

   „Das wird kaum genügen. Wenn Sünde nach Bestrafung verlangt und die gerechte Bestrafung erfolgt ist, dann ist der Mensch frei. Warum sollte ihm noch vergeben werden?“

   „Er braucht Vergebung, weil kein Maß an Bestrafung seinen Bedürfnissen entspricht.“

   Ich vermeide für jetzt, wie jeder wahrnehmen kann, die mögliche Ausweitung dieser Entgegnung.

   „Also warum nicht ihm sofort vergeben, wenn die Bestrafung nicht wesentlich ist – wenn der Teil ausgelassen werden kann? Und wiederum, kann das verlangt werden, was, entsprechend, dem, was du aufgezeigt hast, nicht ausreichend ist? Du wirst vielleicht antworten: „Gott mag es gefallen, das wenige zu nehmen, was er haben kann;“ und dies bringt mich zu dem Fehler in der ganzen Idee.

   Bestrafung ist keineswegs ein Beseitigen der Sünde. Törichte Leute werden manchmal, im Tonfall selbst-gefälligen Bedauerns, sagen: „Wie ich gesündigt habe, so habe ich gelitten.“ Ja, sicherlich, doch was ist damit? Welcher Verdienst liegt darin? Selbst wenn du das Leid selbst auf dich gelegt hast, was hat es dazu getan, das Übel auszugleichen? Dass du dich durch dein Leiden gebessert hast, ist gut für dich, doch welche Wiedergutmachung[10] liegt da in dem Leiden? Die Annahme ist eine insgesamt falsche. Bestrafung, verdientes Leiden, ist kein Ausgleich für Sünde. Es nützt nichts, sie in die andere Waagschale zu legen.[11] Sie wird sich kein Haar breit bewegen. Leiden wiegt gar nichts gegen die Sünde. Es ist nicht von derselben Art, nicht unter denselben Gesetzen, genauso wenig wie Geist und Materie. Wir sagen, dass ein Mensch Bestrafung verdient; doch wenn wir vergeben und ihn nicht bestrafen, fühlen wir nicht immer, dass wir falsch gehandelt haben; noch fühlen wir, wenn wir ihn bestrafen, dass irgendeine Wiedergutmachung für sein falsches Tun geleistet worden ist. Wenn es ein Beseitigen des Falschen wäre, dann wäre Gott daran gebunden zu bestrafen um der Bestrafung willen; doch er kann es nicht sein, denn er vergibt. Dann ist es nicht um der Bestrafung willen, als eine Sache, die in sich selbst getan werden müsste, sondern um etwas anderen willen, als ein Mittel zum Zweck, dass Gott bestraft. Es ist nicht direkt wegen der Gerechtigkeit, wie sonst sollte er Barmherzigkeit zeigen können, wenn das Ungerechtigkeit miteinschließen würde?

   Zuallererst ist Gott nicht daran gebunden, Sünde zu bestrafen; er ist daran gebunden, Sünde zu zerstören. Wenn er nicht der Schöpfer wäre, wäre er vielleicht nicht daran gebunden, Sünde zu zerstören – ich weiß es nicht; doch einsehend, dass er Geschöpfe erschaffen hat, welche sündigten und Sünde deshalb, durch den schöpferischen Akt Gottes, in die Welt gekommen ist, ist Gott, in seiner eigenen Rechtschaffenheit, daran gebunden, Sünde zu zerstören.

   „Doch das bedeutet, keine Barmherzigkeit zu haben.“

   Du irrst. Gott zerstört Sünde; er zerstört immer Sünde. Auf ihn vertraue ich, dass er Sünde in mir zerstört. Er rettet immer den Sünder vor seiner Sünde, und das bedeutet, Sünde zu zerstören. Doch Vergeltung am Sünder, das Gesetz von ein Zahn für einen Zahn,[12] ist nicht im Herzen Gottes, noch in seiner Hand. Wenn der Sünder und die Sünde in ihm das konkrete Ziel göttlichen Zorns sind, dann kann es tatsächlich keine Barmherzigkeit geben. Dann wird der Sünde tatsächlich ein Ende gesetzt werden durch die gemeinsame Zerstörung von Sünde und Sünder. Doch solcherart würde keine Wiedergutmachung gewirkt – nichts getan werden, um das Übel auszugleichen, das Gott erlaubt hat ins Sein zu kommen, indem er den Menschen erschuf. Es muss eine Wiedergutmachung geben, einen Ausgleich, eine Wiederherstellung – eine Wiedergutmachung, welche, sage ich, nicht gemacht werden kann außer durch den Menschen, welcher gesündigt hat.

   Bestrafung, wiederhole ich, ist nicht die Sache, die von Gott gefordert wird, sondern die völlige Zerstörung von Sünde. Was würde es der Welt nutzen, was würde es dem Sünder nutzen, was würde es Gott nutzen, was würde es der Wahrheit nutzen, dass der Sünder leiden sollte – und fortfahren zu leiden in alle Ewigkeit? Würde es weniger Sünde im Universum geben? Würde es irgendeinen Ausgleich für die Sünde geben? Würde es Gott gerechtfertigt zeigen in seinem Tun, von dem er wusste, dass es Sünde in die Welt bringen würde, gerechtfertigt im Schaffen von Geschöpfen, von welchen er wusste, dass sie sündigen würden? Welche Berichtigung würde aus dem Leiden des Sünders kommen? Wenn Gerechtigkeit es verlangt, wenn Leiden der Ausgleich für Sünde ist, dann muss der Sünder leiden, dann ist Gott daran gebunden, sein Leiden auszuführen und nicht zu entschuldigen; und so wäre die Erschaffung des Menschen eine tyrannische Tat, eine schöpferische Grausamkeit. Doch zugestanden, dass der Sünder es verdient hat zu leiden, ist kein Maß des Leidens irgendeine Wiedergutmachung für seine Sünde. In alle Ewigkeit zu leiden, könnte nicht ein ungerechtes Wort ausgleichen. Bedeutet das also, dass ich für ein ungerechtes Wort verdiene, in alle Ewigkeit zu leiden? Das ungerechte Wort ist eine in alle Ewigkeit böse Sache; nichts als Gott in meinem Herzen kann mich reinigen von dem Bösen, das es geäußert hat; doch folgt daraus, dass ich das Böse in dem, was ich tat, so völlig einsah, dass ewige Bestrafung dafür gerecht wäre? Kummer und Bekenntnis und sich selbst demütigende Liebe werden das böse Wort ausgleichen; Leiden wird das nicht. Für das Böse im abstrakten Sinne kann nichts getan werden. Es ist ewig böse. Doch ich kann von ihm gerettet werden, indem ich lerne, es zu verachten, es zu hassen, vor ihm zurückzuschrecken mit ewiger Abwendung. Die einzige Vergeltung, die würdig ist für die Sünde, ist, den Sünder selbst zu ihrem Henker zu machen. Sünde und Bestrafung sind in keinem Widerspruch zueinander in dem Menschen, nicht mehr als Verzeihen und Bestrafung es in Gott sind; sie können vollkommen koexistieren. Das eine folgt dem anderen natürlicherweise, Bestrafung wird aus Sünde geboren, weil das Böse nur durch das Leben des Guten existiert und kein Leben in sich selbst hat, in sich selbst Tod seiend. Sünde und Leiden sind keine natürlichen Gegensätze; das Gegenteil vom Bösen ist das Gute, nicht das Leiden; das Gegenteil der Sünde ist nicht Leiden, sondern Rechtschaffenheit. Der Pfad über den Abgrund, der Richtig von Falsch trennt, ist nicht das Feuer, sondern Buße. Wenn mein Freund mich betrogen hat, wird es mich trösten, ihn bestraft zu sehen? Wird das eine Rückgabe meines Anteils an mich sein? Wird sein Schmerz ein Balsam für meine tiefe Wunde sein? Wäre ich fähig zu irgendeiner Freundschaft, wenn das möglich wäre, selbst in Bezug auf meinen Feind? Doch würde nicht der Schatten bußfertiger Trauer, das Licht von wiederbelebter Liebe auf seinen Zügen, sie sofort heilen, wie tief auch immer die Wunde ist? Nehmt irgendeinen von jenen bösen Leuten in Dantes Hölle und fragt, worin der Gerechtigkeit gedient ist durch ihre Bestrafung. Bedenkt, ich sage nicht, dass es nicht richtig ist, sie zu bestrafen; ich sage, dass Gerechtigkeit nicht befriedigt wird durch Leiden, und es niemals sein kann – nein, niemals irgendeine Befriedigung in oder am Leiden haben kann. Menschlicher Groll, menschliche Vergeltung, menschlicher Hass, mag sein. Solche Gerechtigkeit wie die Dantes hält Bösartigkeit lebendig in ihren schrecklichsten Formen. Das Leben Gottes geht aus, das Böse zuzulassen oder dem siegreichen Bösen zumindest ein Heim zu geben. Wird er nicht jedes Mal geschlagen, wenn eine von jenen verlorenen Seelen ihm trotzt? Alle Hölle kann Vanni Fucci[13] nicht sagen machen „Ich lag falsch.“ Gott ist triumphal geschlagen, sage ich, durch die Hölle seiner Vergeltung hindurch. Obwohl gegen das Böse gerichtet, ist sie nur die vergebliche und verschwendete Grausamkeit eines Tyrannen. Es gibt keine Zerstörung des Bösen dadurch, sondern eine Ausdehnung seiner grauenhaften Macht in der Mitte der schmerzhaftesten und abscheulichsten Foltern, die eine göttliche Vorstellungskraft erfinden kann. Wenn Sünde am Leben erhalten werden muss, dann muss die Hölle am Leben gehalten werden; doch während ich die kleinste Sünde als unendlich verachtenswert betrachte, glaube ich nicht, dass irgendein Wesen, niemals gut genug, die wesenhafte Hässlichkeit der Sünde zu sehen, so sündigen könnte, solche Bestrafung zu verdienen. Ich behandle jedoch jetzt nicht die Frage der Dauer von Bestrafung, sondern die Idee der Bestrafung selbst; und wollte nur im Vorübergehen sagen, dass die Annahme, dass ein Geschöpf, das unvollkommen geboren ist, nein, geboren mit Impulsen zum Bösen, die es nicht selbst erzeugt hat, und welche es nicht ändern kann zu besitzen, ein Geschöpf, welchem das wahre Angesicht Gottes nie dargestellt wurde und durch welches es niemals hätte gesehen werden können, solcherart verdammt werden sollte, ist eine so verachtenswerte Lüge gegen Gott, wie sie nur Raum finden könnte in einem Herzen, das zu unentwickelt ist zu verstehen, was Gerechtigkeit ist, und zu niedrig, um in das Angesicht Jesu aufzuschauen. Sie hat in Wahrheit niemals in irgendeinem Herzen Raum gefunden, wohl aber in manch einem kleinlichen Hirn. Es gibt nur ein niedrigeres Ding, als willentlich solch eine Lüge zu glauben, und das ist, den Gott anzubeten, von welchem sie geglaubt wird. Das eine tiefste, höchste, wahrhaftigste, geeignetste, vollständigste Leiden muss in den Übeltätern erzeugt werden durch eine Vision, eine wahrhaftige Sicht, mehr oder weniger hinreichend, von der Abscheulichkeit ihrer Leben, von dem Grauen der Übel, die sie getan haben. Physisches Leiden mag ein Faktor sein im Aufwecken dieses geistigen Schmerzes; doch „Ich wünschte, ich wäre nie geboren!“ muss der Schrei des Judas sein, nicht wegen des Höllenfeuers um ihn, sondern weil er den Menschen verachtet, der seinen Freund verraten hat, den Freund der Welt. Wenn ein Mensch sich selbst verachtet, hat er angefangen, gerettet zu sein.[14] Bestrafung zielt auf dieses Ergebnis. Nicht um ihrer selbst willen, nicht als ein Ausgleich für Sünde, nicht zur göttlichen Vergeltung – grauenhaftes Wort – nicht für irgendeine Befriedigung der Gerechtigkeit, kann Bestrafung existieren. Bestrafung existiert um Besserung und Wiedergutmachung willen. Gott ist durch seine Liebe daran gebunden, Sünde zu bestrafen, um sein Geschöpf zu befreien; er ist durch seine Gerechtigkeit daran gebunden, Sünde in seiner Schöpfung zu zerstören. Liebe ist Gerechtigkeit – ist die Erfüllung des Gesetzes, sowohl für Gott als auch für seine Kinder. Dies ist der Grund von Bestrafung; dies ist es, warum Gerechtigkeit verlangt, dass die Bösen nicht ungestraft davonkommen – dass sie, durch die Augen-öffnende Macht des Schmerzes,[15] dahin kommen mögen zu erkennen und Gerechtigkeit zu tun, dazu gebracht werden mögen, alle Besserungen zu verlangen und alles, was möglich ist, dafür zu tun, und so gerecht zu werden. Solche Bestrafung betrifft die Gerechtigkeit in höchstem Grad. Denn Gerechtigkeit, das heißt Gott, ist in sich selbst daran gebunden, darauf zu sehen, dass Gerechtigkeit durch seine Kinder getan wird – nicht im bloßen äußerlichen Akt, sondern in ihrem eigentlichen Wesen. Er ist in sich selbst daran gebunden, einen Ausgleich für das Übel, das durch seine Kinder getan wurde, zu schaffen, und er kann nichts tun, einen Ausgleich für das getane Übel zu schaffen, außer durch das Hervorbringen der Buße des Übel-Täters. Wenn der Mensch sagt: „Ich habe falsch gehandelt; ich hasse mich selbst und meine Tat; ich kann es nicht aushalten, daran zu denken, dass ich es tat!“ dann, sage ich, hat Wiedergutmachung angefangen. Ohne das wäre alles, was der Herr tat, verloren. Er hätte keine Wiedergutmachung vollbracht. Buße, Umkehr, Bekenntnis, Bitte um Vergebung, rechtschaffenes Handeln danach ist der einzig mögliche, der einzig wahrhaftige Ausgleich für Sünde. Für nichts weniger als das starb Christus. Wenn ein Mensch das Richtige erkennt, das er zuvor leugnete; wenn er zu dem Falschen sagt „Ich schwöre ab, ich verabscheue dich; ich sehe jetzt, was du bist; ich konnte es zuvor nicht sehen, weil ich es nicht wollte; Gott vergib mir; mach mich rein oder lass mich sterben!“ dann hat Gerechtigkeit, das heißt Gott, erobert – und nicht eher.

   „Welche Wiedergutmachung liegt darin?“

   Jede Wiedergutmachung, um die Gott sich kümmert; und das Werk Jesu Christi auf Erden war die schöpferische Wiedergutmachung, weil es in jedem Herzen Wiedergutmachung bewirkt. Er bringt und ist dabei Gott und Mensch und Mensch und Mensch in vollkommene Einheit zu bringen: „Ich in ihnen und du in mir, dass sie vollkommen gemacht seien in eins.“[16]

   „Das ist eine gefährliche Lehre!“

   Gefährlicher als du denkst für viele Dinge – für jedes Böse, für jede Lüge und nicht zuletzt für jedes falsche Vertrauen auf das, was Christus getan hat, anstatt auf Christus selbst. Paulus jubelt über das Kreuz Christi,[17] doch er vertraut nicht auf das Kreuz: er vertraut auf den lebendigen Christus und seinen lebendigen Vater.

   Gerechtigkeit also verlangt, dass der Sünde ein Ende bereitet werden sollte; und nicht nur das, sondern dass sie wiedergutgemacht werden sollte; und wo Bestrafung irgendetwas für dieses Ziel tun kann, wo sie dem Sünder helfen kann zu erkennen, wessen er schuldig ist, wo sie sein Herz erweichen kann, seinen Stolz zu sehen und sein Falsches und seine Grausamkeit, verlangt Gerechtigkeit, dass Bestrafung nicht erspart werde. Und je mehr wir an Gott glauben, desto sicherer werden wir sein, dass er nichts einsparen wird, was Leiden tun kann, um sein Kind vom Tod zu befreien. Wenn Leiden diesem Ziel nicht dienen kann, brauchen wir nach keiner Hölle mehr Ausschau halten, sondern nach der Zerstörung von Sünde durch die Zerstörung des Sünders. Das jedoch, würde, scheint es mir, für Gott bedeuten, Niederlage zu erleiden, tadellos tatsächlich, doch Niederlage.

   Wenn Gott geschlagen ist, muss er zerstören – das heißt, er muss das Leben zurückziehen. Wie kann er fortfahren, sein Leben auszusenden in unverbesserliche Seelen, um die Sünde in ihnen lebendig zu halten durch die Zeitalter der Ewigkeit hindurch? Doch dann, sage ich, würde keine Wiedergutmachung geleistet für die Übel, die sie getan haben; Gott bleibt geschlagen, denn er hat das geschaffen, welches sündigte und welches nicht Buße tun wollte und Ausgleich schaffen für seine Sünde. Doch jene, welche glauben, dass Gott solcherart geschlagen wird durch viele Seelen, muss sicherlich von denen sein, welche nicht glauben, dass er sich genug kümmert, sein allerbestes für sie zu tun. Er ist ihr Vater; er hatte Macht, sie aus sich selbst heraus zu erschaffen, sie von sich abzuscheiden und fähig zu machen, eins mit ihm zu sein: sicherlich wird er sie irgendwie retten und bewahren! Nicht die Macht der Sünde selbst kann all die Kanäle verschließen zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf.

   Die Annahme von Leiden als ein Beseitigen der Sünde, die törichte Idee, dass ein Mensch durch Leiden geboren, unter dem feindlichen Anspruch hervorgehen mag, unter welchen sein Übeltun ihn gebeugt hat, kommt zuallererst, denke ich, von der Befriedigung, die wir empfinden, wenn das Übel zu Kummer führt. Warum fühlen wir diese Befriedigung? Weil wir das Falsche hassen, doch da wir selbst nicht rechtschaffen sind, hassen wir mehr oder weniger sowohl den Übeltäter als auch sein Übel, sind daher nicht nur gerechterweise erfreut, die Missbilligung des Gesetzes, die in seiner Bestrafung verkündet wird, zu erblicken, sondern ungerechtfertigterweise erfreut über sein Leiden, wegen des Eindrucks, den sein Übel auf uns macht.[18] Es ist kein Vergnügen für Gott, wie es das so oft für uns ist, den Bösen leiden zu sehen. Irgendein Leiden mit Befriedigung zu betrachten, außer es geschieht wohlwollend mit seiner heilenden Güte, kommt aus dem Bösen, ist unmenschlich, weil widergöttlich, ist ein Ding, das Gott unmöglich ist. Seine Natur ist immer zu vergeben und nur weil er vergibt, bestraft er. Weil Gott so ganz und gar wesensfremd dem Übel ist, weil es für ihn ein Herzens-Schmerz ist und Kummer, dass eines seiner kleinen Kindlein das Böse tun sollte, gibt es, glaube ich, kein Extrem des Leidens an welches, um der Zerstörung des Bösen in ihnen willen, er sie nicht übergeben würde. Ein Mensch mag einem Tyrannen schmeicheln oder ihn bestechen oder ihn beschwatzen; doch es gibt keine Zuflucht vor der Liebe Gottes; diese Liebe wird, gerade wegen der Liebe, auf dem allerletzten Heller bestehen.[19]

   „Das ist nicht die Art der Liebe, um die es mir geht!“

   Nein, wie sollte es auch? Ich glaube das wohl! Es kann dir nicht darum gehen, bis du beginnst, es zu erkennen. Doch die ewige Liebe wird nicht dazu bewegt werden, dich der Selbstsucht zu übergeben, die dich tötet. Welcher Liebhaber würde die Dame seines Herzens ihrer Leidenschaft für Morphin überlassen? Du magst über solche Liebe spötteln, doch der Sohn Gottes, welcher das Gewicht dieser Liebe aufnahm und es durch die Welt trug, ist damit zufrieden und so ist es jeder, welcher sie kennt. Die Liebe des Vaters ist eine leuchtende Vollkommenheit. Liebe und nicht Selbstverliebtheit ist Herr des Universums. Gerechtigkeit verlangt deine Bestrafung, weil Gerechtigkeit danach verlangt und es so haben wird, dass die Sünde zerstört wird. Gerechtigkeit verlangt deine Bestrafung, weil sie verlangt, dass dein Vater sein Bestes für dich tun soll. Gott, der der Gott der Gerechtigkeit ist, das heißt des Fair-Play, und der uns gemacht hat, was wir sind, geneigt zu fallen und fähig wieder aufgerichtet zu werden, ist in sich selbst daran gebunden zu bestrafen, damit er uns befreie – anderweitig ist seine Beziehung zu uns armselig im Vergleich zu der eines irdischen Vaters.„Aber dein, oh Herr, ist auch die Barmherzigkeit; denn du vergiltst einem jeglichen nach seinem Tun.“ Eines Menschen Werk ist sein Charakter; und Gott in seiner Barmherzigkeit ist nicht gleichgültig, sondern behandelt ihn entsprechend seines Werks.

   Die Annahme, dass die Rettung Jesu eine Rettung vor den Folgen unserer Sünden ist, ist eine falsche, gemeine, niedrige Annahme. Die Rettung Jesu ist Rettung vor der kleinsten Neigung oder Tendenz zur Sünde. Es ist eine Freisetzung in die reine Luft von Gottes Wegen des Denkens und Fühlens. Es ist eine Rettung, die das Herz rein macht, mit dem Willen und der Wahl des Herzens, rein zu sein. Für solch ein Herz ist Sünde abscheulich. Es sieht ein Ding, wie es ist, – das heißt, wie Gott es sieht, denn Gott sieht alles, wie es ist. Die solcherart gerettete Seele würde lieber in die Flammen der Hölle sinken, als sich in den Himmel zu stehlen und dort unter dem Schatten einer zugeschriebenen Rechtfertigung zu lungern. Keine Seele ist gerettet, die nicht die Hölle der Sünde vorziehen würde. Jesus starb nicht, um uns vor Bestrafung zu retten; er wurde Jesus genannt, weil er sein Volk von ihren Sünden retten sollte.[20]

   Wenn Bestrafung keine Wiedergutmachung ist, wie wirkt sich die Tatsache auf die gängige Theologie aus, die von jedem der Gegner dessen, was sie Christentum nennen, angenommen wird, als würde sie seine Lehren repräsentieren? Die meisten von uns sind mehr oder weniger darin gelehrt worden und nicht wenige von uns haben dadurch, Gott sei Dank, gelernt, was es ist – ein böses Ding, das aus Intellekt und Herz ausgestoßen gehört. Viele stellen sich vor, dass es tot und vergangen ist, doch in Wirklichkeit liegt es an der Wurzel (nur die intellektuelle Wurzel, Dank sei Gott) des allergrößten Teils der Lehre des Christentums im Lande; und es wird daran geglaubt – insoweit an das Falsche geglaubt werden kann – von vielen, welche denken, dass sie es hinter sich gelassen haben, wo sie einfach nur die wahrsten, anstößigsten Ausdrucksweisen seiner Lehren weggelassen haben. Es ist erniedrigend herauszufinden, wie viele vergleichsweise aufrichtige Leute denken, dass sie die Falschheit loswerden, indem sie ihre Aussage abmildern, indem sie ihr die Gestalt und den Raum in dem Licht geben, in welchem sie am wenigsten zur Geltung kommt, und so eine gute Möglichkeit haben, mit beiden auszukommen, mit denen, welche daran streng festhalten und mit denen, die sich dagegen deutlicher ausgedrückt auflehnen.

   Ein für alle Mal werde ich meine Seele in Bezug auf das grauenhafte Trugbild erleichtern. Ich habe keinerlei Veränderung in Bezug auf meine Meinung durchlaufen, seit ich zuerst anfing zu schreiben oder zu reden; doch ich habe wenig darüber geschrieben und noch weniger darüber gesprochen, weil ich keine bloße Verneinung predigen wollte. Meine Aufgabe war es nicht, das Falsche zu zerstören, außer es kam in den Weg, wenn es darum ging, das Wahre aufzubauen. Daher habe ich danach gestrebt, nur darüber zu sprechen, was ich glaubte, wenig darüber sagend, was ich nicht glaubte; vertrauend, wie ich jetzt vertraue, auf das Wahre, das Falsche auszutreiben und die Auseinandersetzung meidend.[21] Noch werde ich mich jetzt in irgendwelche theologischen Listen eintragen, um Verfechter für oder gegen bloße Doktrin zu sein. Ich habe kein Bedürfnis, die Meinung irgendeines Mannes oder irgendeiner Frau zu ändern. Meinetwegen lasst jeden meinen, was ihm gefällt. Doch ich würde mein Äußerstes dafür tun, solche davon abzuhalten, wie denken, dass korrekte Meinung wesentlich zur Rettung ist, irgendeine andere Last auf die Schultern wahrhaftiger Männer und Frauen zu legen als das Joch ihres Meisters;[22] und solche Last, wenn sie bereits jemanden unterdrückt, würde ich glücklich aufheben. Lasst den Herrn selbst sie lehren, sage ich. Ein Mensch, der nicht den Sinn Christi[23] hat – und kein Mensch hat den Sinn Christi außer er, welcher es zu seiner Aufgabe macht, ihm zu gehorchen – kann keine korrekten Meinungen in Bezug auf ihn haben; noch, wenn er könnte, würden sie ihm zu irgendetwas nütze sein: er würde nicht besser dastehen, er wäre schlimmer dran, wenn er sie hätte. Unsere Aufgabe ist es nicht, korrekt zu denken, sondern wahrhaftig zu leben; dann erst gäbe es eine Möglichkeit für uns, korrekt zu denken. Eine Hauptursache für das Maß an Unglauben in der Welt ist, dass jene, welche etwas von der Herrlichkeit Christi gesehen haben, sich selbst daran machen, über ihn zu theoretisieren, statt ihm zu gehorchen. Indem sie Menschen lehren, haben sie ihnen nicht Christus gelehrt, sondern sie über Christus gelehrt. Begieriger nach glaubhafter Theorie als danach, die Wahrheit zu tun, haben sie in einem Zustand des Herzens spekuliert, in welchem es unmöglich war, dass sie verstehen sollten; sie haben angenommen, einen Christus zu erklären, welchen allein Jahre und Jahre des Gehorsams ihnen hätten verständlich machen können. Ihre Lehre von ihm ist daher abstoßend gewesen für den gesunden Menschenverstand von vielen, welche nicht die Hälfte ihrer Privilegien hatten, doch in welchen, wie in Nathanael, kein Falsch war.[24] Solche drücken natürlicherweise ihre Theorien, im Allgemeinen von ihnen aus alter Zeit abgeleitet, anderen auf, auf ihrem Denken über Christus bestehend, wie sie über Christus denken, anstatt sie anzutreiben zu Christus zu gehen, um durch ihn gelehrt zu werden, was immer er wählt, sie zu lehren. Sie tun ihr unbeabsichtigt Übelstes, alles Wachstum aufzuhalten, alles Leben. Von solchen und ihrer falschen Lehre, würde ich gern helfen diejenigen aufrichtigen Herzens zu befreien. Lasst die Toten ihre Toten begraben, doch ich will tun, was ich kann, um sie daran zu hindern, die Lebenden zu begraben.

   Wenn es keine Befriedigung für Gerechtigkeit gibt in der bloßen Bestrafung des Übeltäters, was sollen wir von der Annahme sagen, Gerechtigkeit zu befriedigen, indem man einen veranlasst zu leiden, welcher nicht der Übeltäter ist? Und was sollen wir überdies sagen zu der Annahme, dass, nur weil er nicht die Person ist, welche Bestrafung verdient, sondern vollkommen unschuldig ist, sein Leiden vollkommene Befriedigung für die vollkommene Gerechtigkeit gibt? Dass die Ungerechtigkeit getan wird mit dem Einverständnis der misshandelten Person, macht keinen Unterschied: das macht es noch übler, indem man einsieht, wie sie sagen, dass Gerechtigkeit die Bestrafung des Sünders verlangt und es hier einen gibt, der mehr als unschuldig ist. Sie haben ihr Fundament verschoben; es ist nicht mehr Bestrafung, sondern bloßes Leiden, was das Gesetz verlangt! Die Sache wird übler und übler. Ich erkläre meine äußerste und völlige Ablehnung der Idee in welcher Form auch immer. Lieber als an eine Gerechtigkeit zu glauben – das heißt, einen Gott – für dessen Gerechtigkeit, abstrakt oder konkret, es irgendeine Befriedigung für das Übeltun eines Menschen sein könnte, dass ein Mensch, welcher nichts Falsches tat, leiden sollte, würde ich vertrieben werden aus den Menschen und unter den wilden Tieren hausen,[25] die nicht genug Vernunft haben, um unvernünftig zu sein. Was! Gott, der Vater Jesu Christi, soll so sein! Seine Gerechtigkeit befriedigt durch grässlichste Ungerechtigkeit! Der Zorn von ihm, welcher keineswegs den Schuldigen freispricht, beschwichtigt durch das Leiden des Unschuldigen! Das mag eben Gott verhüten! Beachtet: das böse Trugbild ersetzt tatsächlich nicht nur Bestrafung durch bloßes Leiden, sondern durch das Leiden, welches am weitesten weg von Bestrafung ist; und dies, wo, wie ich gezeigt habe, Bestrafung, die strengste, keine Befriedigung der Gerechtigkeit sein kann! Wie kam es jemals dazu, dass sich das vorgestellt wurde? Es entsprang der vertrauenslosen Furcht, die nicht an die Vergebung des Vaters glauben kann; nicht glauben kann, dass Gott selbst alles umsonst tun wird; ihm nicht vertrauen kann ohne eine gesetzliche Vereinbarung, ihn zu binden. Wie viele, die fehlgingen Gott zu vertrauen, fallen zurück auf einen Text, wie sie es nennen! Es entsprang dem Stolz, der verstehen will, was er nicht kann, ehe er dem gehorcht, was er erkennt. Er, der zuerst verstehen will, wird eine Lüge glauben – eine Lüge, von welcher Gehorsam allein ihn zuletzt befreien wird. Wenn irgendjemand sagt: „Aber ich glaube, was du verachtest,“ antworte ich: „Es zu glauben ist deine Bestrafung, weil du dazu in der Lage bist, es zu glauben; du magst es deinen Lohn nennen, wenn du willst. Du solltest nicht dazu in der Lage sein, es zu glauben. Es ist die niedrigste, armseligste, schamloseste Fiktion, erfunden ohne die Wahrnehmung, dass sie eine Erfindung war – geeignet, um, zweifellos, den Intellekt des Erfinders zu befriedigen, anders hätte er sie nicht erfinden können. Sie scheint auch manch eine demütige Seele befriedigt zu haben, zufrieden anzunehmen, was ihr gegeben wurde und nicht darüber nachdenkend; zufrieden damit, dass ein anderer für sie denken sollte und ihr sagen, was der Sinn ihres Vaters im Himmel ist. Wiederum sage ich, lasst die Person, welche so befriedigt werden kann, so befriedigt sein; ich muss mich nicht um ihn bemühen. Dass er damit zufrieden sein kann, stellt ihn dar als nicht bereit, Besseres zu empfangen. Solange er falsche Dinge in Bezug auf Gott glauben kann, ist er solch einer, wie in der Lage ist, sie zu glauben – wie viel oder wie wenig dafür zu tadeln, Gott weiß es. Meinung, richtig oder falsch, wird nichts dazu tun, ihn zu retten. Ich wollte, dass er nicht mehr weiter über diese oder irgendeine andere Meinung nachdächte, sondern sich selbst daran machte, das Werk des Meisters zu tun. Mit seinen Meinungen, wahr oder falsch, habe ich nichts zu schaffen. Es ist, weil er solcherart, wie er böse Dinge auf seine Nächsten zwingt – sie äußert oder voraussetzt vom Sitz der Autorität oder des Einflusses aus – zu ihrem Schmerz, ihrer Lähmung, ihrem Unglauben, ihrer Empörung, ihres Stolperns, dass ich irgendein Recht habe zu sprechen. Ich wollte meine Nächsten davor retten, zu welcher Annahme Gottes ihnen möglich ist, die ausgelöscht wurde von einer Lüge.

   Wenn jetzt gefragt wird wie, wenn sie falsch ist, der Doktrin der Substitution[26] erlaubt worden sein kann, so lange ein Glaubensartikel bei so vielen zu bleiben, antworte ich: Nach demselben Prinzip, nach welchem Gott die Opferungen, die Menschen vornahmen, aufnahm und Gebrauch von ihnen machte, in ihrem Mangel an Glauben erfunden als ein Weg, ihm zu gefallen. Einige Kinder werden Lügen erzählen, um den Eltern zu gefallen, die Lügen hassen. Sie werden selbst bekennen, etwas Falsches getan zu haben, was sie nicht getan haben, denkend, ihre Eltern würden es mögen, wenn sie sagen, dass sie es getan haben, weil sie ihnen beibringen zu bekennen. Gott akzeptierte die Opferungen der Menschen, bis er sie dazu bringen konnte zu sehen, – und bei wie vielen hatte er noch keinen Erfolg, innerhalb und außerhalb der Kirche! – dass er sich um solche Dinge nicht kümmert.

   „Doch“, mag wiederum wohl gefragt werden, „woher dann ist die unleugbare Macht dieser Lehre entsprungen?“

   Ich antworte: „Aus ihrem In-sich-Haben einer Ahnung von Gott und seinem Christus, armselig tatsächlich und blass, doch, gerade durch die Armseligkeit und Unwahrhaftigkeit in ihrer Darstellung, geeignet für die Schwäche und den Unglauben der Menschen, einsehend, dass es durch Menschen erfunden wurde, um dem Anspruch zu begegnen und zu gefallen, der durch ihre eigene Schwäche und Unglauben erhoben wurde. Solcherart breitet sich der Sauerteig aus.[27] Die Wahrheit ist da. Es ist Christus die Herrlichkeit Gottes. Doch die Ideen, die armselige, sklavische Seelen diese Herrlichkeit betreffend in dem Augenblick ausbrüten, wenn die Dunkelheit anfängt sich zu zerstreuen, ist eine ganz andere Sache. Die Wahrheit ist tatsächlich zu gut für die Menschen, sie zu glauben; sie müssen sie verdünnen, ehe sie sie zu sich nehmen; sie müssen sie verdünnen, ehe sie wagen, sie zu verabreichen. Sie müssen sie weniger wahr machen, ehe sie sie genug glauben können, um etwas Gutes aus ihr zu ziehen. Nicht in der Lage, an die Liebe des Herrn Jesus Christus zu glauben, erfanden sie eine Mittlerin in seiner Mutter,[28] und waren so in der Lage, sich ein wenig anzunähern, wo sonst sie von ferne standen; nicht in der Lage, an die Vergebung ihres Vaters im Himmel zu glauben, erfanden sie einen Weg, dass ihnen vergeben werde, der nicht so viel von ihm verlangte; welcher es rechtens machen würde für ihn zu vergeben; welcher sie davor retten sollte, geradewegs an die Sanftheit seines Vaterherzens glauben zu müssen, denn dies fanden sie unmöglich. Sie dachten ihn als gebunden daran zu bestrafen um der Bestrafung willen, als ein Ausgleich für ihre Sünde; sie konnten nicht an klare Vergebung glauben; dies erschien nicht göttlich; es hatte nötig, selbst gerechtfertigt zu werden; so erfanden sie zu ihrer Rechtfertigung eine grauenhafte Ungerechtigkeit, alles einschließend, was schlecht war an einem Opfer, selbst menschliches Opfer. Sie erfanden eine Befriedigung für Sünde, welche eine Beleidigung Gottes war. Er suchte keine Befriedigung, sondern ein gehorsames Umkehren zum Vater. Welche Befriedigung nötig war, dafür sorgte er selbst in dem, was er tat, um sie zu veranlassen, sich vom Bösen zu wenden und zurück zu ihm zu gehen. Die Sache war zu einfach für komplizierten Unglauben und den streitenden Geist. Ich würde froh sein, ihren Anhängern zu helfen, solche Gedanken über Gott zu verabscheuen; doch dazu müssen sie selbst zu besseren Männern und Frauen werden. Während sie dazu in der Lage sind, mit ihnen zufrieden zu sein, gäbe es keinen Vorteil darin, dass sie intellektuell überzeugt werden, dass solche Gedanken falsch sind. Ich würde nicht ein Wort sprechen, sie davon zu überzeugen. Erfolg wäre wertlos. Sie würden nur bleiben, was sie sind – Kinder, die dazu fähig sind, gemein von ihrem Vater zu denken. Wenn das Herz zurückschreckt, entdeckend, wie grauenhaft es wäre, solche eine Unwirklichkeit als Gott zu haben, wird es anfangen nachzuforschen und sehen, ob es tatsächlich solche Aussagen über Gott akzeptieren muss; es wird nach einem wirklichen Gott suchen, an welchem es sich festhalten kann, ein wirklicher Gott, sie von dem schrecklichen Abgott zu befreien. Es ist für jene, solcherart bewegt, dass ich schreibe, keinesfalls um des Diskutierens willen mit jenen, welche die Lüge lieben, für die sie nicht zu tadeln sein mögen, dass sie an ihr festhalten; welche, wie die Juden der alten Zeit, den Menschen aus ihrer Synagoge ausstoßen würden, welcher die Echtheit ihrer moralischen Karikatur von Gott bezweifelt,[29] welcher ihr Zerrbild der größten Wahrheit im Universum anzweifelt, die Wiedergutmachung Jesu Christi. Von solch einem Menschen werden sie bedenkenlos verkünden, dass er nicht an die Wiedergutmachung glaubt. Doch eine Lüge für Gott ist gegen Gott und trägt ihr Todesurteil in sich selbst.

   Anstatt ihre Kraft dem Tun des Willens Gottes zu widmen, haben Männer der Macht sie an die Konstruktion eines Systems gegeben, durch welches erklärt wird, warum Christus sterben musste, was die Notwendigkeiten und Absichten Gottes waren, seinen Tod zu erlauben; und Männer der Macht in unseren eigenen Tagen, während sie nicht wenig von dem Guten in der Lehre der Römischen Kirche von sich werfen, haben sich an die moralisch und geistlich ordinäre Idee von Gerechtigkeit und Befriedigung geklammert, die vom heidnischen Rom gehalten wurde, untermauert durch die jüdische Ansicht vom Opfern, und in seinem Wesen heimisch, Wehe, bei der Mutter aller westlichen Kirchen! Es wäre besser gewesen, die Reformer hätten ihren Glauben an das Purgatorium[30] behalten und sich von dem getrennt, was stellvertretendes Opfer genannt wird!

   Ihr System ist kurz gesagt dieses: Gott ist daran gebunden, Sünde zu bestrafen, und sie bis zum Äußersten zu strafen. Seine Gerechtigkeit verlangt, dass Sünde bestraft wird. Doch er liebt den Menschen und will ihn nicht bestrafen, wenn er es verhindern kann. Jesus Christus sagt: „Ich werde seine Bestrafung auf mich nehmen.“ Gott akzeptiert sein Angebot und lässt den Menschen straffrei ausgehen – unter einer Bedingung. Seine Gerechtigkeit ist mehr als befriedigt durch die Bestrafung eines unendlichen Wesens als von einer Welt voll wertloser Geschöpfe. Das Leiden Jesu ist von größerem Wert als das aller Generationen, durch endlose Zeitalter hindurch, weil er unendlich ist, rein, vollkommen in Liebe und Wahrheit, Gottes eigener und ewiger Sohn seiend. Gottes Bedingung an den Menschen ist, dass er an die solcherart erklärte Wiedergutmachung Christi glaubt. Ein Mensch muss sagen: „Ich habe gesündigt und verdiene gefoltert zu werden bis in alle Ewigkeit. Doch Christus hat meine Schulden bezahlt, indem er statt meiner bestraft wurde. Deshalb ist er mein Retter. Ich bin nun durch Dankbarkeit an ihn gebunden, vom Bösen umzukehren.“ Einige würden zweifellos darauf bestehen, dass er eine ganze Menge mehr sagt, doch das ist genug für meine Zwecke.[31]

   Was die Gerechtigkeit Gottes angeht, die Bestrafung des Sünders verlangend, habe ich genug gesagt. Dass das bloße Leiden des Sünders keine Befriedigung der Gerechtigkeit sein kann, habe ich ebenfalls versucht zu zeigen. Wenn das Leiden des Sünders tatsächlich von der Gerechtigkeit Gottes verlangt wird, lasst sie ausgeführt werden. Doch was sollen wir passendes sagen, um die niederträchtige Darstellung zu konfrontieren, dass es nicht Bestrafung ist, nicht das Leiden des Sünders, das verlangt wird, sondern Leiden! Nein, als wenn dies nicht tief genug an Niederträchtigkeit wäre, um alle heidnische Darstellung der Wege Gottes zu krönen, dass das Leiden des Unschuldigen in seinen Augen vor dem des Bösen unaussprechlich bevorzugt ist, als ein Ausgleich für das getane Übel! Nein, wiederum, „in der tiefsten Tiefe eine tiefere Tiefe,“[32] dass das Leiden des Heiligen, das Leiden des Liebenden, das Leiden des ewig und vollkommen Guten, in höchstem Maße Befriedigend ist für die reine Gerechtigkeit des Vaters der Geister![33] Nicht alle die Leiden, die auf die Bösen gehäuft werden könnten, könnten ihnen einen Augenblick Aufschub erkaufen, so wenig ist ihr Leiden ein Gegengewicht zu ihrem Übel; in dem Wirken dieses Gesetzes der Entsprechungen, dieses lex talionis,[34] könnte das Leiden von Millionen von Jahren nicht die Sünde eines Augenblicks ausgleichen, könnte nicht einen Heller abzahlen von der tiefen Schuld. Doch so viel wertvoller, lieb und teuer, ist das Leiden des Unschuldigen, so viel mehr zur Befriedigung – beachtet es – für die Gerechtigkeit Gottes, dass in der Umkehr für dieses Leiden ein anderes Übel getan wird: die Sünder, welche es verdienen und bestraft werden sollten, werden freigesetzt.

   Ich kenne die Wurzel von allem, das über die Angelegenheit gesagt werden kann; die Vorstellung ist in der grauen Substanz meines schottischen Hirns eingebettet; und wenn ich es ablehne, weiß ich, was ich ablehne.[35] Wegen der Liebe Gottes erhob mein Herz sich früh gegen die niedrige Erfindung. Befremdlich, dass es in einem christlichen Land nötig sein sollte zu sagen, dass den Unschuldigen zu bestrafen und den Schuldigen frei ausgehen zu lassen, ungerecht ist! Es betrügt den Unschuldigen, den Schuldigen und Gott selbst. Es wäre das schlimmste aller Übel für die Schuldigen, sie als unschuldig zu behandeln. Die ganze Einrichtung ist ein Stück geistlicher Scharlatanerie – geeignet nur zu einem betrügerischen Gefängnisausbruch. Wenn die Bösen bestraft werden sollten, wäre es die schlimmstmögliche Perversion von Gerechtigkeit, ein rechtschaffenes Wesen, wie stark auch immer, zu nehmen und ihn anstelle des Sünders, wie schwach auch immer, zu bestrafen. Für die ärmlichste Idee von Gerechtigkeit in Bestrafung ist es wesentlich, dass der Sünder, und kein anderer als der Sünder, die Bestrafung empfangen sollte. Das starke Wesen, das willens wäre, solche Bestrafung zu tragen, mag wohl als anbetungswürdig betrachtet werden, doch was ist mit dem Gott, dessen sogenannte Gerechtigkeit er solcherart vereitelt? Wenn ihr sagt, es ist die Gerechtigkeit, nicht Gott, der das Leiden verlangt, sage ich, Gerechtigkeit kann nicht das verlangen, was ungerecht ist, und die ganze Sache ist ungerecht. Gott ist vollkommen gerecht und es gibt keine Befreiung von seiner Gerechtigkeit, welche eins ist mit seiner Barmherzigkeit. Die Einrichtung ist eine Absurdität – eine grotesk deformierte Absurdität. Den lebendigen Gott als eine Partei solchen Handlungsstils zu repräsentieren, bedeutet mit einer Maske der Grausamkeit und Heuchelei das Angesicht zu verschleiern, dessen Herrlichkeit nur im Angesicht Jesu gesehen werden kann; eine Tirade obszöner Römischer Gesetzlichkeit[36] in den Mund Gott des barmherzigen und gnädigen Herrn zu legen, welcher keinesfalls den Schuldigen freisprechen wird. Lieber als solch hässlichen Unsinn von ihm zu glauben, dessen Name genug ist, jenen, die ihn kennen, das Lechzen des Hirschs nach den Wasserbächen zu erheben;[37] lieber als von ihm zu denken, was mich bei einem Menschen dazu veranlassen würde, ihn unter Gefährdung meines Lebens zu meiden, würde ich sagen: „Es gibt keinen Gott; lasst uns weder essen noch trinken, dass wir sterben mögen![38] Denn, weh, das ist nicht unser Gott! Das ist nicht er, auf welchen wir gewartet haben!“ Doch ich habe sein Angesicht gesehen und seine Stimme gehört in dem Angesicht und der Stimme Jesu Christi;[39] und ich sage, dies ist unser Gott, der eine, dessen Der-Schöpfer-zu-sein es ein unendliches Glück macht, erschaffen zu sein. Ich will nicht den Gott der Schriftgelehrten und Pharisäer haben, weder jüdisch noch christlich, protestantisch, römisch oder griechisch, sondern deinen Vater, O Christus! Er ist mein Gott. Wenn du sagst: „Das ist unser Gott, nicht deiner!“ antworte ich, „Dein Bildnis von deinem Gott ist eine böse Karikatur des Angesichts Christi.“

   An ein stellvertretendes Opfer zu glauben bedeutet zu denken, Zuflucht durch den Sohn vor der Gerechtigkeit des Vaters zu nehmen; Zuflucht bei seinem Wirken zu nehmen anstatt bei dem Sohn selbst; Zuflucht bei einer Theorie seines Wirkens zu nehmen anstatt des Wirkens selbst; sich hinter einer falschen Laune des Gesetzes zu verbergen anstatt sich im Herzen des unveränderlichen und gerechten Vaters zu bergen, welcher barmherzig ist, indem er jedem Menschen entsprechend seinem Werk vergilt und ihnen Gehorsam abverlangt, noch juristische Spitzfindigkeiten und Ausflüchte erlaubt. Gott wird einen Menschen niemals mit irgendeinem Falschen davonkommen lassen. Er muss ihn reinigen. Er wird ihn entschulden bis zum äußersten der Wahrheit, doch nicht ein Haarbreit darüber hinaus; er ist sein wahrhaftiger Vater und will, dass sein Kind wahrhaftig ist, wie sein Sohn Jesus Christus wahrhaftig ist. Er wird ihm nichts anrechnen, was er nicht hat, wird nicht das kleinste Gute aus dem Auge verlieren, das er hat; wird keinen glimmenden Docht auslöschen, kein zerstoßenes Rohr zerbrechen, sondern Gericht ausführen bis zum Sieg.[40] Er ist Gott über alles das hinaus, wonach an Liebe und Gerechtigkeit das hungrigste Herz in Ewigkeit verlangen könnte.

   Wenn du sagst, dass die besten der Menschen die Meinungen gehalten haben, die ich stigmatisiere, antworte ich: „Einige der besten Menschen haben tatsächlich diese Theorien vertreten, und von den Menschen, welche sie vertreten haben, habe ich einige demütig und von Herzen geliebt und verehrt – doch wegen dem, was sie waren, nicht wegen dem, was sie dachten; und sie waren, was sie waren, Kraft ihres gehorsamen Glaubens, nicht ihrer Meinung. Sie waren keine besseren Menschen, weil sie diese Theorien vertraten. Kraft der Erkenntnis Gottes durch den Gehorsam gegen seinen Sohn, stiegen sie über die Theorien hinaus, denen sie nie ins Angesicht geschaut hatten und sie so nie als böse erkannt haben. Viele sind in dem natürlichen Prozess ihres heiligen Wachstums an dem Punkt angelangt, wo sie sie verlassen mussten. Der Mensch, von dem ich das allerbeste kannte, gab sie glücklich auf. Gut bis zur Anbetungswürdigkeit mag der Mann sein, der sie festhält und ich hasse sie daher desto mehr; sie sind Lügen, die, unter der Decke der mit ihnen vermischten Wahrheit wirkend, sich so nahe zum Herz des guten Menschen durchgraben, wie sie kommen können. Wer auch immer, aus was für Gründen der Blindheit auch immer, der Inhaber einer Lüge sein mag, die Sache ist eine Lüge und keine Falschheit darf sich mit der Gerechtigkeit vermischen, die wir ihr zuteilwerden lassen. Es gibt nichts für jede Lüge außer die Tiefe der Hölle. Doch bis der Mensch einsieht, dass die Sache eine Lüge ist, was soll er sonst tun, außer an ihr festzuhalten! Sind mit ihr nicht Schatten der besten Wahrheit im Universum vermischt? Solange wie ein Mensch dazu in der Lage ist, eine Lüge zu lieben, ist er unfähig dazu, einzusehen, dass es eine Lüge ist. Er, welcher wahrhaftig ist durch und durch, wird sofort eine Unwahrheit erkennen; und zu dieser Einsicht müssen wir alle kommen. Ich schreibe nicht um derer willen, welche von Herzen eine Lüge aufstellen oder akzeptieren. Wenn sie die Herrlichkeit Gottes sehen, werden sie den ewigen Unterschied zwischen dem Falschen und dem Wahren sehen, und nicht bis dahin. Ich schreibe für jene, welche solche Lehre in eine Wolke gehüllt hat, durch welche sie nicht die Sterne des Himmels sehen können, so dass einige von ihnen selbst daran zweifeln, ob es irgendwelche Sterne des Himmels gibt. Für die Heiligen, welche diese Dinge in den vergangenen Tagen lehrten und glaubten, ist alles wohl. Viele der heiligsten von ihnen warfen die Lügen von sich, lange bevor ihre gegenwärtigen Lehrer geboren wurden. Viele, welche sie niemals für sich selbst erfunden hätten, doch sie empfangend mit der festen Besiegelung so vieler guter Menschen, nahmen sie in ihrer Demut als erkannte Wahrheiten auf, anstatt als Erfindungen von Menschen; und, durch die Autorität unterdrückt, die Autorität von Menschen, die ihnen selbst weit unterlegen sind, wagten sie nicht, sie zu erörtern, sondern sie fuhren fort, ihre Leben nach den Wahrheiten zu ordnen, welche sie in ihrer Gesellschaft fanden, und hatten so ihren Lohn, den Lohn des Gehorsams, indem sie durch diesen Gehorsam dazu gebracht wurden, Gott zu erkennen, welche Erkenntnis für sie das Netz der lächerlichen selbst-gestalteten Orthodoxie aufriss. Jeder Mensch, der versucht, dem Meister zu gehorchen, ist mein Bruder, ob er mich als solchen zählt oder nicht, und ich ehre ihn; doch wage ich, dem, was ich als Lüge sehe, eine Heimstatt zu geben, weil mein Bruder sie glaubt? Die Lüge ist nicht von Gott, wer immer an ihr festhalten mag.

   „Also dann,“ werden viele sagen, „wenn du so ungeniert die Lehre des stellvertretenden Opfers in den Wind bläst, welche Theorie schlägst du vor, sie an ihrer statt zu setzen?“

    „Im Namen der Wahrheit,“ antworte ich, „Keine. Ich werde keine eigene Theorie aufstellen, um von Neuem kleine Wirbelstürme dialogischen Staubs vermischt mit Staub und Spreu und heiligen Worten aufzuwecken, den Meister im Gespräch über ihn zu verbergen. Wenn ich irgendeine solche habe, werde ich sie nicht auf die Straße werfen, während ich gehe, sondern sie auf einer schönen Ebene demjenigen darlegen, für welchen ich denken mag, dass es gut sei, sie ihm zu zeigen. Nur die Augen, die durch die Sonne der Gerechtigkeit[41] geöffnet sind, und einfältig gemacht durch Gehorsam, können selbst die armselige Mondschein-Perle ausformulierter Gedanken beurteilen. Sag, wenn du willst, dass ich mich fürchte, meine Meinung zu zeigen. Ist der Mensch ein Feigling, welcher sein Kind nicht den Wölfen vorwerfen will? Welchen Glauben dieser Art ich habe, will ich bei mir selbst haben vor Gott, bis ich besseren Grund sehe, ihn zu äußern, als ich jetzt sehe.

   „Willst du mir also den Glauben nehmen und mir zu keinem anderen helfen?“

   Dein Glaube! Gott bewahre. Deine Theorie ist nicht dein Glaube, noch irgendetwas ähnliches. Dein Glaube ist dein Gehorsam; deine Theorie ist, was weiß ich nicht. Ja, ich werde dich froh ohne irgendetwas zurücklassen, was du Glauben nennst. Vertraue auf Gott. Gehorche dem Wort – jedem Wort des Meisters.[42] Das ist Glaube; und so glaubend wird deine Meinung aus deinem wahrhaftigen Leben wachsen und dessen würdig sein. Petrus sagt, der Herr gibt den Geist denen, die ihm gehorchen:[43] der Geist des Meisters, und der allein, kann dich zu jeder Theorie leiten, die dir von Nutzen sein wird, an ihr festzuhalten. Eine Theorie, die auf irgendeinem anderen Wege erreicht wird, ist die darauf verwendete Zeit nicht wert. Jesus ist der schöpfende und rettende Herr, sowohl unseres Intellekts als auch unserer weit kostbareren Herzen; nichts, was er nicht denkt, ist es wert, gedacht zu werden; kein Mensch kann denken, wie er denkt, außer er ist rein wie er; kein Mensch kann rein sein wie er, außer er geht mit ihm und lernt von ihm. Aufzuschieben, ihm zu gehorchen, bis wir eine glaubhafte Theorie ihn betreffend finden, bedeutet den Trank beiseitezuschieben, von dem wir wissen, dass es unsere Verpflichtung ist, ihn zu trinken, um des Studiums der verschiedenen Therapiemöglichkeiten willen. Du weißt, was Christus von dir verlangt, ist richtig – vieles davon glaubst du zumindest, dass es richtig ist und deine Pflicht zu tun, ob er es sagte oder nicht: tu es. Wenn du nicht tust, was du von der Wahrheit weißt, wundere ich mich nicht, dass du sie intellektuell suchst, denn diese Art der Suche mag, wie Milton sie repräsentiert, gut ein Trost selbst für die gefallenen Engel sein.[44] Doch nenne nichts, das so gewonnen werden mag, Die Wahrheit. Wie kannst du, dich nicht darum kümmernd wahrhaftig zu sein, urteilen in Bezug auf ihn, dessen Leben es war, aus Liebe die Dinge zu tun, von denen du bekennst, dass sie deine Pflicht sind, sie aber nicht tust? Gehorche der Wahrheit, sage ich, und lass die Theorie warten. Theorie mag aus dem Leben entspringen, doch niemals Leben aus der Theorie.

   Ich werde dir also nicht sagen, was ich denke, sondern ich werde jedermann, welcher es hören will, sagen, was ich glaube. Ich werde es jetzt tun. Natürlich muss, was ich sage, so viel am Charakter der Theorie teilhaben, als ich es nicht beweisen kann; ich kann nur danach streben, mein Leben danach auszurichten.

   Ich glaube an Jesus Christus, den ewigen Sohn Gottes, meinen älteren Bruder, meinen Herrn und Meister; ich glaube, dass er das Anrecht hat auf meinen völligen Gehorsam, worin auch immer ich seinen Wilen kenne oder erkennen werde; dass ihm zu gehorchen heißt, die Spitze meines Daseins zu ersteigen; dass ihm nicht zu gehorchen bedeuten würde, ihn zu verleugnen. Ich glaube, dass er starb, damit ich sterben kann wie er – jeder herrschenden Macht in mir absterben außer dem Willen Gottes – leben in der Bereitschaft, an das Kreuz genagelt zu werden, wie er es wurde, wenn Gott es will. Ich glaube, dass er mein Retter von mir selbst ist und von allem, das daraus entstand, dass ich mich selbst liebe, von allem, was Gott nicht liebt und nicht will, dass ich es liebe – alles, das nicht wert ist, geliebt zu werden; dass er starb, damit die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit Gottes, ihren Weg in mir bahnt, mich gerecht macht wie Gott gerecht ist, barmherzig wie er barmherzig ist, vollkommen wie mein Vater im Himmel vollkommen ist. Ich glaube und bete, dass er mir an Bestrafung geben wird, was immer es braucht, um mich zu korrigieren oder mich davon abzuhalten, fehlzugehen. Ich glaube, dass er starb, um mich von aller Gemeinheit, aller Verstellung, aller Falschheit, aller Unfairness, aller Ärmlichkeit im Geiste, aller Feigheit, aller Furcht, aller Angst, allen Formen der Selbst-Liebe, allem Vertrauen in oder aller Hoffnung auf Besitz zu befreien; mich fröhlich zu machen wie ein Kind, das Kind unseres Vaters im Himmel, nichts liebend außer dem, was liebenswert ist, nichts verlangend, für das ich mich schämen sollte, dass das Universum und Gott es mich verlangen lässt. Ich glaube, dass Gott gerecht ist wie Jesus, nur noch größer, denn Jesus sagte es so. Ich glaube, dass Gott völlig, großartig schön ist, gerade so wie die höchste Menschenseele Schönheit auffasst, doch unendlich über die Idee dieser Seele hinaus – mit der Schönheit, die Schönheit erschafft, nicht nur zeigt, sondern selbst in Schönheit existiert. Ich glaube, dass Gott immer getan hat, und immer tut, was das Beste für jeden Menschen ist; dass kein Mensch elend ist, weil Gott ihn vergisst; dass er kein Gott ist, vor ihm zu kriechen, sondern unser Vater, zu welchem das Kinderherz frohlockend ausruft: „Tu mit mir, wie es dir gefällt.“

   Ich glaube, dass es nichts Gutes für mich oder irgendeinen Menschen gibt außer Gott, und mehr und mehr von Gott, und dass wir ihm allein durch die Erkenntnis Christi näherkommen können.

   Ich glaube, dass kein Mensch jemals für irgendeine Sünde verdammt wird außer einer – dass er seine Sünden nicht verlassen will und aus ihnen herauskommen und das Kind dessen sein, welcher sein Vater ist.

   Ich glaube, dass Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einfach ein und dieselbe Sache sind; ohne Gerechtigkeit bis zu Fülle kann es keine Barmherzigkeit geben, und ohne Barmherzigkeit bis zur Fülle kann es keine Gerechtigkeit geben; dass die Barmherzigkeit Gottes solcherart ist, dass er seine Kinder so lange im verzehrenden Feuer seiner Ferne[45] halten wird, bis sie den letzten Heller bezahlen, bis sie die Börse der Selbstsucht fallen lassen mit allem Unrat, der darin ist, und nach Hause eilen zu dem Vater und dem Sohn und den vielen Geschwistern – in das Zentrum des Leben spendenden Feuers eilen, dessen äußere Kreise brennen. Ich glaube, dass keine Hölle fehlen wird, welche der gerechten Barmherzigkeit Gottes helfen würde, seine Kinder zu erlösen.

   Ich glaube, dass ihm, welcher gehorcht und solcherart die Tür seines Herzens öffnet, um die ewige Gabe zu empfangen, Gott den Geist seines Sohnes gibt, seinen eigenen Geist, in ihm zu sein und ihn zur Erkenntnis aller Wahrheit führt;[46] dass der wahre Jünger solcherart immer weiß, was er tun sollte, obwohl nicht notwendigerweise, was ein anderer tun sollte; dass der Geist des Vaters und des Sohnes erleuchten, indem sie Gerechtigkeit lehren. Ich glaube, dass kein Lehrer, danach streben sollte, die Menschen denken zu machen, wie er denkt, sondern sie zur Lebendigen Wahrheit leiten, zum Meister selbst, von welchem allein sie alles lernen können, welcher sie in sich selbst erkennen lassen wird, was wahr ist, indem sie es sehen. Ich glaube, dass die Inspiration des Allmächtigen allein Verständnis gibt. Ich glaube, dass, der Jünger Christi zu sein, das Ziel des Daseins ist; dass die Menschen davon zu überzeugen, seine Jünger zu sein, das Ziel des Lehrens ist.

   „Die Summe all dessen ist, dass du nicht an die Wiedergutmachung glaubst?“

   Ich glaube an Jesus Christus. Nirgendwo werde ich danach gefragt, an irgendetwas zu glauben oder an irgendeine Aussage, sondern überall an Gott und Jesus Christus zu glauben. An das, was du die Wiedergutmachung nennst, an das, was du mit dem Wort meinst – was ich bereits geschrieben habe muss es deutlich genug machen – glaube ich nicht. Gott bewahre, dass ich sollte, denn es würde bedeuten, eine Lüge zu glauben und eine Lüge, welcher so viel Nicht-Akzeptanz des Evangeliums anzulasten ist in diesem und anderen Landen. Doch wie das Wort von den besten englischen Schreibern zu der Zeit gebraucht wurde, als die Übersetzung der Bibel erfolgte – von ganzem Herzen und ganzer Seele und mit aller Kraft und mit allem Verstand, glaube ich an die Wiedergutmachung, nenne sie die eine-eins-machung oder die zu-eins-machung,[47] wie immer es euch beliebt. Ich glaube, dass Jesus Christus unsere Wiedergutmachung ist; dass wir durch ihn wieder versöhnt werden mit, eins gemacht werden mit Gott. Es gibt nicht ein Wort im Neuen Testament darüber, Gott mit uns zu versöhnen; es sind wir, die wir mit Gott versöhnt werden müssen.[48] Ich schreibe keine, noch verlange ich danach eine zu schreiben, Abhandlung über die Wiedergutmachung, weil meine Aufgabe ist, Menschen davon zu überzeugen, mit Gott versöhnt zu werden; doch ich werde so weit gehen, meinem Fragesteller zu begegnen, als zu sagen – ohne die kleinste Erwartung, ihn zu befriedigen oder mit der geringsten Sorge, ob ich es tue oder nicht, denn seine Meinung ist von keinerlei Wert für mich, obwohl seine Wahrheit von endlosem Wert für mich und das Universum ist – dass, selbst in dem Sinn der Wiedergutmachung als ein Ausgleich für das begangene Böse durch die Menschen gegen Gott, ich an die Wiedergutmachung glaube. Hat nicht der Herr selbst sich in den ewigen Abgrund des Bösen, der zwischen den Kindern und dem Vater klaffte, geworfen? Brachte er nicht den Vater zu uns, ließ uns schauen auf die ewige Majestät im Angesicht seines wahren Sohnes, dass das wir in unseren Herzen haben möchten, was allein uns dazu bringen kann, ihn zu lieben – eine wahre Schau von ihm?[49] Bestand er nicht auf der einen Wahrheit des Universums, die eine rettende Wahrheit, dass Gott gerade das war, was er war? Hielt er nicht bis zuletzt an der Behauptung fest, im Angesicht des Widerspruchs und des Todes? Legte er nicht solcherart sein Leben nieder, uns überzeugend, das unsere zu Füßen des Vaters niederzulegen? Ist nicht gerade sein Leben, in welchem er starb, in jene übergegangen, welche ihn empfingen, und das ihre neu-geschöpft, so dass sie jetzt leben mit dem Leben, welches allein Leben ist?[50] Hat er nicht das Böse vereitelt und geschlagen, indem er all die Wellen und Wogen seiner grauenhaften See über sich hereinbrechen ließ, über sich hinweggehen ließ und starb ohne Zögern – ihre Wut aufbrauchend, sie schlagend und vergehen lassend? Wahrlich, er hat Wiedergutmachung geleistet! Wir opfern Gott? – es ist Gott, welcher seinen eigenen Sohn uns geopfert hat; es gab keinen anderen Weg, um die Gabe von ihm selbst in unsere Herzen zu bekommen. Jesus opferte sich selbst dem Vater und den Kindern, um sie zusammenzubringen – all die Liebe auf Seiten des Vaters und des Sohnes, all die Selbstsucht auf Seiten der Kinder. Wenn die Freude, die allein das Leben wert macht zu leben, die Freude, dass Gott so ist wie Christus, ein wahres Ding in meinem Herzen ist, wie kann ich da nicht an die Wiedergutmachung Jesu Christi glauben? Ich glaube sie von Herzen wie Gott sie meint.

   Dann wiederum, als die Kraft, die einen Ausgleich für jedes Übel, getan von einem Menschen an einem anderen Menschen, hervorbringt, glaube ich an die Wiedergutmachung. Wer, der an Jesus glaubt, sehnt sich nicht danach, seinem Bruder Wiedergutmachung zu leisten für die Verletzung, die er ihm zugefügt hat? Welches reumütige Kind, fühlend, dass es seinen Vater betrogen hat, verlangt nicht danach, Wiedergutmachung zu leisten? Wer ist der Beweger, der Verursacher, der Überzeuger, der Schöpfer der Buße, der Leidenschaft, die vierfach zurückerstattet?[51] – Jesus, unsere Versöhnung, unsere Wiedergutmachung. Er ist Haupt und Anführer, der Prinz der Wiedergutmachung. Er könnte es nicht ohne uns tun, doch er leitet uns hinauf zum Knie des Vaters: er veranlasst uns, Wiedergutmachung zu geben. Christus lernend, tut es uns nicht nur leid wegen dem, was wir falsch gemacht haben, wir kehren uns nicht nur davon ab und hassen es, sondern wir werden fähig dazu, sowohl Gott als auch Mensch zu dienen mit einem unendlich hohen Dienst, einem Herzensdienst. Wir sind dazu in der Lage, unser ganzes Sein darzubieten Gott, welchem es nach tiefstem Recht gehört. Habe ich irgendwen verletzt? Mit ihm, meiner Gerechtigkeit zu helfen, neu erstanden mit ihm von den Toten, sollte ich da nicht wohl wiedergutmachen können? Habe ich darin versagt, meinen Nächsten zu lieben? Sollte ich ihn jetzt nicht mit einer unendlich viel besseren Liebe lieben als mir zuvor möglich war? Dass ich wiedergutmachen will und kann, Dank sei ihm, welcher meine Wiedergutmachung ist, mich eins machend mit Gott und meinen Mitmenschen! Er ist mein Leben, meine Freude, mein Herr, mein Eigentümer, der Vervollkommner meines Seins durch seine eigene Vollkommenheit. Ich wage nicht mit Paulus zu sagen, dass ich der Sklave Christi[52] bin; doch mein höchstes Streben und Verlangen ist, der Sklave Christi zu sein.

   „Doch du glaubst nicht, dass die Leiden Christi, als Leiden den höchsten Herrscher rechtfertigten, alles zu tun, wozu er nicht die Freiheit gehabt hätte es zu tun, außer durch jene Leiden?“

   Das tue ich nicht. Ich glaube, dass diese Annahme so unwürdig des menschlichen Glaubens ist wie sie entehrend für Gott ist. Sie hat ihren Ursprung zweifellos in einem heilsamen Sinn der Sünde; doch Sinn der Sünde ist keine Inspiration, obwohl es nicht weit entfernt von der Tempeltür liegen mag.[53] Es ist tatsächlich ein Augenöffner, doch zur Nestbeschmutzung, nicht zur himmlischen Wahrheit; es ist nicht der Offenbarer von Geheimnissen. Es gibt auch noch einen anderen Faktor in der Theorie, und das ist Unglaube – die Unfähigkeit, die Freiheit von Gottes Vergebung zu akzeptieren; die Unfähigkeit zu glauben, dass es Gottes erwählte Natur ist zu vergeben, dass er in seiner eigens göttlichen, gewillten Natur daran gebunden ist zu vergeben. Keine Wiedergutmachung ist für ihn nötig, außer dass die Menschen ihre Sünden verlassen sollten und zurück kommen an sein Herz. Doch die Menschen können nicht an die Vergebung Gottes glauben. Daher benötigen sie, daher hat er ihnen einen Mittler gegeben.[54] Und doch wollen sie ihn nicht erkennen. Sie denken von dem Vater der Seelen, als wenn er seiner Vaterschaft entsagt hätte wegen ihrer Sünden, und den Richter angezogen. Wenn er seine Vaterschaft abgelegt hätte, was er nicht tun kann, denn sie ist eine ewige Tatsache, hätte er mit ihr alle Beziehung zu uns abgelegt. Er kann nicht das Wesentliche verwerfen und das daraus Folgende behalten. Die Menschen können nicht oder wollen nicht oder wagen nicht zu sehen, dass nichts außer sein Unser-Vater-Sein ihm irgendein Recht über uns gibt – dass nichts als dies ihm ein vollkommenes Recht gibt. Sie betrachten den Vater ihrer Geister als ihren Stadthalter! Sie geben die Idee des Alten an Tagen,[55] des „fröhlichen Schöpfers“,[56] auf und setzen an seine Stelle einen elenden, puritanischen Zuchtmeister von einem Gott, sich nicht um seine Gerechtigkeit kümmernd, sondern um seine Rechte; nicht um ewige Reinheit, sondern um braven Anstand. Die Propheten eines solchen Gottes nehmen all den Glanz, all die Hoffnung, all die Farbe, all die Würde aus dem Leben auf der Erde und bieten dir stattdessen an, was sie ewige Wonne nennen – eine blasse, tränenleere Hölle. Vor allen Dingen aus einem gemeinen, armutsverfangenen Glauben gezogen. Doch, wenn du befangen bist in deiner eigenen Mammon-anbetenden Seele,[57] wie sollst du an einen Gott glauben, irgend größer als er in deiner Gefängniszelle aufrecht stehen kann?

   Ich verlange nicht danach, Disput auszulösen, werde mit keinem Menschen diskutieren, doch um derer willen, welche gewisse Gläubige bekümmern, habe ich mich geäußert. Ich liebe den einen Gott, sichtbar im Angesicht Jesu Christi. Von allen Kopien von Jonathan Edwards´[58] Portrait von Gott, wie verblasst sie mit der Zeit auch sein mögen, wie aufgeweicht sie auch sind durch den Gebrauch weniger greller Pigmente, wende ich mich mit Abscheu ab. Er ist nicht solch ein Gott, von welchem Johannes die Botschaft durch Jesus hörte, dass er Licht ist, und in ihm keinerlei Finsternis wohnt.[59]


[1] Im Deutschen gibt es nur ein Wort für Gerechtigkeit. Im Englischen kann man mit den beiden Wörtern „justice“ und „righteousness“ jedoch verschiedene Bedeutungsebenen des Begriffs Gerechtigkeit hervorheben. In dieser Predigt benutzt MacDonald fast durchgehend das Wort „justice“ für Gerechtigkeit und legt damit die Betonung auf die „Justitia“, die Gerichtsbarkeit, eine Gerechtigkeit, die die Einhaltung und Durchsetzung von Gesetzen einfordert. Wenn das Wort „righteousness“ auftaucht, impliziert es nicht nur die Justitia, sondern gleichzeitig einen inneren Zustand von Systemen, Gesellschaften und Individuen – eine innewohnende Rechtschaffenheit, die sich tätig ausübt und ein Ideal von Güte anstrebt. MacDonald verwendet zunächst das Wort „justice,“ um zunächst die allgemein unter Bestrafung von Sünde und Gesetzesübertretung verstandene Gerechtigkeit zu beschreiben und dann eine diese Auffassung weit übersteigende Gerechtigkeit Gottes zu beschreiben. Am Ende der Predigt wechselt MacDonald dann tatsächlich wieder zum Wort „righteousness“ in Bezug auf Gott. Die Bedeutungsebenen sind nicht immer klar voneinander abzugrenzen.

[2] Die meisten deutschen Bibelnübersetzen mit „Gnade“, bei Zunz ist es „Liebe“, bei Buber und Rosenzweig ist es „Huld“. Es ist häufig schwierig, hebräische und aramäische Worte in abstrakte Begriffe unserer modernen Sprachen zu übertragen. Oft kann man so nur eine von mehreren Bedeutungsebenen erfassen, die das ursprüngliche Wort enthält. Die Übersetzerin entschied sich, das Wort „Barmherzigkeit“ für das englische Wort „mercy“ zu verwenden, was für das heute weit häufiger verwendete Wort „Gnade“ noch in den älteren deutschen Übersetzungen steht. Im Sinnzusammenhang der Predigt bildet das Wort Barmherzigkeit den größtmöglichen Gegensatz zur Justitia. 

[3] Kadi aus dem Arabischen قاضي (qāḍī‎) entlehnt bedeutet Richter.

[4] Siehe 1. Könige 21, 1 – 25 – Ahab, ein König des Nordreiches Israel, hatte den Wunsch, den Weinberg Nabots zu besitzen. Nabot verweigerte ihm den Verkauf. Daraufhin ließ Ahab seiner Frau Isebel freie Hand, die Nabot durch eine arrangierte, falsche Anklage umbringen ließ.

[5] Im Deutschen gibt es keinen entsprechenden Ausdruck. Da Fairplay jedoch mittlerweile auch im Deutschen, besonders in Sport und Spiel, ein gängiger Begriff ist, hat die Übersetzerin ihn so stehen lassen. Gott ist nicht gerecht als Richter über den Menschen, er ist gerecht gegenüber dem Menschen. Er ist fair.

[6] Siehe z. Bsp. Matthäus 7, 1 – 5

[7] 2. Mose 34, 7 /  5. Mose 24, 16

[8] Siehe Römer 5 – besonders Vers 20

[9] Lukas 6, 36

[10] Wo die Übersetzerin das Wort Wiedergutmachung verwendet, steht im Englischen das Wort „atonement“. „Atonement“ kann je nach Zusammenhang Versöhnung, Sühne, Erlösung, Rechtfertigung bedeuten. Vom Ursprung des Wortes her ist es eine Zusammensetzung von „at – one – ment“, eine bei der Übersetzung der Bibel entstandene Wortschöpfung, und bedeutet eine Zusammenführung von Mensch und Mensch oder von Gott und Mensch – eine Wiedervereinigung, ein Sicheinsmachen, eine Wiederherstellung von ursprünglicher Beziehung. In der Geschichte der verschiedensten Denominationen hat sich jedoch das kreierte Wort Atonement verselbständigt und ist zu einer Art theologischem System geworden. Es haben sich verschiedenste Atonement-Theorien entwickelt – also Versuche, das Werk Jesu am Kreuz zu erklären – welchen Zweck und welches Ziel es hatte und wie genau dieses Werk der Erlösung funktioniert. Am richtigen Verständnis von „Atonement“ wurde häufig das Glaubensheil eines Menschen festgemacht. Im Zusammenhang des vorliegenden Predigttextes kommt das Wort Wiedergutmachung der Bedeutung und dem Sinnzusammenhang am Nächsten.

[11] Ein Bild, das eine Andeutung der Waage in der Hand der Göttin Justitia enthält. Liegt die Sünde in der einen Waagschale, wird die Bestrafung in der anderen Waagschale keine wirkliche Gerechtigkeit bewirken, also die Gewichte so verschieben, dass die Waagschalen der Waage gleichauf liegen.

[12] 2. Mose 21, 23 – 25 Dieses Gesetz wurde vermutlich nicht immer so wortwörtlich ausgeführt, wie es dasteht – im Sinne davon, dass jemandem ein Auge ausgestochen wird, wenn er einem anderen zuvor ein Auge ausgestochen hat. Es geht vielmehr um eine gesellschaftliche Regelung für die Wiedergutmachung entstandenen Schadens. Der Geschädigte musste vom Täter für den entstandenen Schaden entschädigt werden, wahrscheinlich häufig mittels Geldzahlung oder durch materielle Güter. Gottes Gerechtigkeit geht aber weit über die bloße materielle Wiederherstellung entstandenen Schadens hinaus. Es geht um eine tatsächliche Versöhnung, um eine Beseitigung des Bösen selbst. 

[13] Vanni Fucci di Pistoia ist eine Figur aus Dantes Inferno, Gesänge 24 und 25. Er ist ein Dieb, der im achten Kreis der Hölle bestraft wird, indem Schlangen ihn stechen, er zu Staub zerfällt und er dann wiederhergestellt wird, um dieselbe Folter auf ewig wiederholt an sich zu erleben. MacDonalds Punkt ist, dass eine solche Hölle der Sieg des Bösen, das immer weiter existieren darf, über einen guten Gott wäre.

[14] Judas, der Jesus verraten hat, erhängte sich selbst. Insofern hat er sich selbst gerichtet und bestraft und vielleicht genau den Augenblick der Reue gehabt, der nötig war, um ihn mit Gott wieder zu versöhnen. Während viele Judas im tiefsten Kreis der Hölle sehen, der nach Dante den Verrätern und damit auch Satan selbst, dem ursprünglichen Verräter Gottes, vorbehalten ist, sehen andere in der Geschichte des Judas die ganze Tragik menschlicher, nicht zu ertragender Schuld verdeutlicht und sind selbst für Judas gewiss, dass er im Jenseits der heilenden Liebe Gottes begegnet, die ihn endlich von seiner Schuld befreit.

[15] Es ist möglich, dass der einzelne Mensch durch äußerliche Leiden und erlittenes Unglück zu sich kommt und sein Leben reflektiert. Aber der eigentliche Schmerz, der zur Umkehr führt, die eigentliche Strafe für Sünde, ist ein innerer Schmerz, ein geistlicher Schmerz. Insofern trägt jede Sünde ihre eigene Bestrafung schon in sich selbst.

[16] Johannes 17, 23

[17] 1. Korinther 1, 18 ff

[18] Der Gedanke, dass wir Genugtuung bei der Bestrafung eines Verbrechers empfinden, weil wir insgeheim wissen oder zumindest ahnen, dass wir selbst potenziell zu allem Bösen fähig sind. Die sichtbare Bestrafung eines Verbrechens befriedigt die niederen Instinkte des Menschen – sein Bedürfnis nach Rache und tiefer betrachtet, sein Bedürfnis, das Böse an sich, zu dem er selbst fähig ist, in anderen bestraft zu sehen. Darüber hinaus kann es auch eine Art Zufriedenheit verleihen, dass man das Böse, was im Anderen bestraft ist, nicht selbst begangen hat.

[19] Siehe Matthäus 5, 26

[20] Matthäus 1, 21

[21] Mac Donald hält sich offensichtlich an die Aussage des Paulus aus Römer 14, 1

[22] Matthäus 11, 28 – 30

[23] 1. Korinther 2, 16

[24] Johannes 1, 45 – 51 – die Begegnung zwischen Nathanael und Jesus. Jesus bezeichnet Nathanael als „Israeliten, in dem kein Falsch ist“ – also einer, der aufrichtig, wahrhaftig ist.

[25] Evtl. Anspielung auf Daniel 4, wo König Nebukadnezar durch ein Urteil Gottes für eine begrenzte Zeit seinen Verstand verliert und unter den wilden Tieren haust, bis er einsieht, dass er seine Herrschaft allein Gott zu verdanken hat und nicht seiner eigenen Macht.

[26] Gemeint ist die Lehre vom Tod Jesu als einem Ersatzopfer. Danach ist Jesus stellvertretend für uns gestorben und hat alle Bestrafung und allen Zorn Gottes auf sich gezogen, damit wir sie nicht tragen müssen. Die Schwierigkeit dieser Lehre besteht zum einen darin, dass hier eine Auftrennung von Gott dem Vater und Gott dem Sohn geschieht, die in der Schrift so nicht vermittelt wird. Vielmehr sind sich Vater und Sohn einig in ihrem Bestreben, die Menschen zu retten. Gott selbst in Jesus starb für die Menschen. Zum anderen ist Jesus auch kein bloßer, endgültiger Ersatz für die blutigen Tieropferungen des Alten Testamentes. Schon bei den Propheten wurde über die Jahrhunderte deutlich gemacht, dass ein Tieropfer immer nur ein ungenügendes Verdecken von Schuld ist, keine Auslöschung der Schuld und dass Gott keine Opfer will, sondern vielmehr an den Herzen der Menschen interessiert ist, an ihrer Veränderung zum Guten. Jesus starb also vielmehr FÜR die Menschen, nicht an ihrer statt. Worin dieses FÜR besteht, dazu gibt es unzählige Erklärungen in der Geschichte der Theologie, die alle nur ein Versuch der Erklärung dessen sind, was der Mensch eigentlich ausschließlich als Glaubensgeheimnis annehmen kann.

[27] Siehe Matthäus 16, 11

[28] Gemeint ist die vor allem in weiten Teilen der katholischen Kirche praktizierte Marienverehrung, die Verehrung und Anbetung der Mutter Jesu.

[29] Siehe Johannes Kapitel 9 – der durch Jesus geheilte Blinde zweifelte die Haltung der Pharisäer Jesus gegenüber an und wurde dafür aus der Synagoge ausgeschlossen.

[30] Das Purgatorium ist das Fegefeuer, in dem nach katholischer Lehre die Seelen eine Reinigung erfahren, ehe sie in den Himmel aufgenommen werden. Diese Lehre beinhaltet immerhin noch eine Hoffnung für „ungläubig“ Verstorbene, während eine ewige Hölle Gott gleich zum folternden Tyrannen macht.

[31] Die Tradition eines sog. „Übergabegebetes“, das bestimmt Punkte enthalten muss, damit die Rettung der Seele vollständig ist, ist relativ jung und wird heute noch in vielen vor allem evangelikalen Kreisen eingefordert. Die Annahme des christlichen Glaubens wird auf eine bestimmte Formel reduziert.

[32] Zitat aus Miltons „Paradise lost“, 4. Buch: „Myself am Hell / And, in the lowest deep, a lower deep / Stillthreatening to devour me opens wide, / To whichthe Hell I suffer seems a Heaven.“

[33] Hebräer 12, 9

[34] Gemeint ist wieder der Vers (siehe weiter oben) des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, der begangene Taten durch Heimzahlung desselben Schadens ausgleichen will. Dieses so verstandene Gesetz kann aber das Böse an sich niemals ungeschehen machen und auslöschen.

[35] MacDonald spielt hier auf seine eigene Familientradition und die schottische Kirche seiner Kindheit an, in der diese Ansichten fester Bestandteil des Glaubenslebens waren.

[36] Römisches Recht und Gesetz hat in der Tat die Kultur Westeuropas und auch der westeuropäischen Kirche sehr geprägt. Wenn Jesus auch nicht der von vielen erwartete kriegerische König Israels war, um das römische Reich auf dem Schlachtfeld zu besiegen, so deuten doch seine Aussagen und Handlungen in prophetischer Tradition auf eine Opposition gegen die weltlichen und religiösen Mächte seiner Zeit hin, mit denen die Kirche später jedoch wieder engere Verbindungen eingegangen ist.

[37] Psalm 42,2

[38] Siehe „Lasset uns essen und trinken; wir sterben doch morgen!“ in Jesaja 22, 13 MacDonald spielt gerne mit Versen aus der Bibel, indem er sie umdreht.

[39] 1. Johannes 1, 1

[40] Matthäus 12, 20

[41] Siehe Maleachi 3, 20“

[42] Hier wird noch einmal deutlich, welche Art von Gehorsam MacDonald meint – das Hören auf die Worte Jesu und das Nachahmen Jesu, die Nachfolge eines Jüngers.

[43] 1. Petrus 1, 2

[44] Die Übersetzerin konnte die angedeutete Passage in Miltons „Paradise Lost“ noch nicht auffinden.

[45] Diese Definition von „Hölle“ ist das Durchleben der selbstgewählten Gottesferne, in der Gottes Liebe den Sünder immer noch erreicht, um ihn zu reinigen. Siehe dazu die Predigt „Verzehrendes Feuer“ in den Unspoken Sermons II.

[46] Johannes 16, 13

[47] „a-tone-ment“ oder „at-one-ment“ – ist ein Wortspiel mit dem Wort „Atonement“ wie bereits weiter oben angemerkt. „Atonement“ ist ein Kunstwort, bei der Übersetzung der Bibel ins Englische entstanden. Es bedeutet Versöhnung und Wiedereinsmachung von Mensch und Gott und eine Wiederherstellung und Wiedergutmachung aller Dinge. Die „Atonement“ hat sich zu einem systemischen Begriff verselbständigt, der mit dem ursprünglichen Sinngehalt des Urtextes nicht mehr viel gemein hat.

[48] Siehe 2. Korinther 5, 20

[49] Siehe Johannes 1

[50] Johannes 14, 9

[51] Siehe Lukas 19, 1 – 10 – MacDonald deutet hier die Geschichte vom Zöllner Zachäus in Jericho an, der nach der Begegnung mit Jesus versprach, den von ihm betrogenen Leuten alles vierfach zurückzuerstatten. Etwas mehrfach zu erstatten im Sinne einer Bußzahlung ist ein übliches Vorgehen im mosaischen Gesetz. (Siehe z. Bsp. 2. Mose, Kapitel 22).

[52] Siehe Römer 1, 1 oder auch 1. Korinther 7, 22.

[53] Biblisches Bild des Vor- und Im-Tempel-Seins für den Grad der Nähe zu Gott.

[54] Siehe zum Bsp. 1. Timothes 2, 5 / Hebräer 8, 6 / Hebräer 9, 15

[55] Siehe Daniel 7 – Daniels Vision Gottes als des „Alten an Tagen“, was nichts anderes bedeutet, als dass Gott schon immer da war und vor uns existiert hat. Ein poetisches Bild, das in der bildenden Kunst zur Darstellung Gottes als altem, weißbärtigem Mann geführt hat und heute noch in vielen Köpfen vorherrscht.

[56] Zitat nicht aufgefunden.

[57] Der Mammon steht bei MacDonald nicht nur für das Geld, sondern das irrige Vertrauen in die irdischen Güter und Sicherheiten allgemein.

[58] Jonathan Edwards (1703 – 1758) war ein nordamerikanischer Prediger und Teil der ersten großen sog. Erweckungsbewegung („Great Awakening“) in den nordamerikanischen Kolonien. Besonders bekannt ist seine Predigt „Sinners in the Hands of an Angry God“ – „Sünder in den Händen eines zornigen Gottes“, die bis heute in einigen evangelikalen Kreisen ihre Beliebtheit erhalten hat. Der Zorn Gottes, der sich in Höllenqualen über den Sünder ergießt, wird darin eindrücklich beschrieben. Gegen ein solches Verständnis Gottes, der das Bedürfnis hat, sich an den Sündern zu rächen und nicht sie zu retten und wiederherzustellen, wendet sich MacDonald. Der Einfluss von Edwards und vielen anderen Predigern ähnlicher Geisteshaltung reicht bis in die heutige Zeit, auch wenn er in den entsprechenden Kreisen gar nicht mehr als solcher wahrgenommen wird. Das Gedankengut ist zur inneren Kultur dieser Gruppen geworden.

[59] Siehe 1. Johannes 1, 5 – Anschluss an die nächste Predigt.