Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten III von George MacDonald – Kapitel 8 – Licht

Licht   

„Und das ist die Verkündigung Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, dass Gott Licht ist und in ihm ist keine Finsternis.“ 1. Johannes 1, 5

„Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse.“ Johannes 3, 19

   Wir nennen die Geschichte Jesu, so unterschiedlich, doch für meinen Sinn so stimmig, durch vier Erzähler berichtet, das Evangelium.[1] Was macht diese Erzählung zu der guten Nachricht? Ist alles in der Geschichte des Lebens Christi auf Erden gute Nachricht? Ist es gute Nachricht, dass der einzig gute Mensch von seinen Mitmenschen so behandelt wurde wieJesus behandelt wurde – aus der Welt ausgestoßen in Folter und Schande? Ist es gute Nachricht, dass er zu den Seinen kam und sie ihn nicht aufnahmen?[2] Was macht sie geeignet, wiederhole ich, die Erzählung gute Nachricht zu nennen? Wenn wir diesen oder jenen Theologen fragten, würden wir, insoweit er ein wahrhaftiger Mensch wäre, und aus seinem eigenen Herzen antwortete und nicht von der Tradition der Ältesten her, verstehen, was er darin sehen würde, das es zu einer guten Nachricht für ihn machte, obwohl es einschließen könnte, was für einige von uns alles andere als gute Nachricht wäre. Die Befreiung, welche es für diesen oder jenen Menschen zu bringen scheint, mag auf solchen Annahmen von Gott gegründet sein, wie sie für nicht wenige von uns so wenig Gutes wie Nachricht enthalten. An der Befreiung teilzuhaben, welche manche Menschen darin finden, was sie das Evangelium nennen – denn nicht alle wenden das Wort auf die Erzählung selbst an, sondern auf gewisse Schlussfolgerungen, die aus den Episteln und ihrem eigenen Bewusstsein des Bösen gezogen wurden – müssten wir solche Dinge von Gott glauben, wie sie das Gegenteil eines Evangeliums für uns wären – ja, eine Botschaft aus der Hölle selbst; wir müssten uns vorstellen, dass diese Möglichkeit schlimmer wäre als jedes Übel, von welchem ihre „gute Nachricht“ uns anbietet zu befreien: wir müssen zuerst an einen ungerechten Gott glauben, vor welchem wir Zuflucht suchen müssen. Wahrlich, sie nennen ihn gerecht, doch sagen, dass er tut, was dem Besten in mir die Essenz der Ungerechtigkeit scheint. Sie werden mir sagen, dass ich nach dem Fleisch urteile: Ich antworte, Ist es also auf das Fleisch, dass der Herr es anwendet, wenn er sagt: „Ja, warum urteilt ihr nicht bei euch selbst, was recht ist?“[3] Ist er nicht das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt?[4] Sie sagen mir, ich bin in Sünde geboren, und ich weiß, dass es wahr ist; sie sagen mir auch, dass ich mit derselben Ernsthaftigkeit beurteilt werde, als wäre ich in Gerechtigkeit geboren, und ich weiß, dass das falsch ist. Sie machen es zu einer Konsequenz der Reinheit und Gerechtigkeit Gottes, dass er uns richten wird, geboren im Bösen, für welche Geburt wir nicht verantwortlich waren, nach unserer Sündhaftigkeit anstatt nach unserer Schuld. Sie sagen mir, oder geben mir zumindest zu verstehen, dass jedes falsche Ding, das ich getan habe, mich dem unterwirft, behandelt zu werden, als hätte ich diese Sache mit dem freien Willen von einem getan, welcher in sich keinen bösen Flecken hatte – wenn ich, vielleicht, zur selben Zeit die Sache nicht als böse wahrnahm oder nur in der vagsten Art so wahrnahm. Gibt es irgendein Evangelium darin, mir zu sagen, dass Gott ungerecht ist, aber dass es einen Weg der Befreiung von ihm gibt? Zeigt mir meinen Gott als ungerecht und ihr erweckt in mir eine Verdammung,[5] von welcher keine Macht mich befreien kann – am wenigsten Gott selbst. Es mag gute Nachricht sein für solche wie zufrieden damit sind, einen Gott fähig zur Ungerechtigkeit zu haben, wenn er nur auf ihrer Seite ist!

   Wer würde nicht jubeln, von Matthäus oder Markus oder Lukas zu hören, was, in ein paar Worten, er mit dem Wort Evangelium meinte – oder vielmehr, was in der Geschichte von Jesus es ihn Gute Nachricht nennen ließ! Jeder würde vielleicht eine andere Antwort auf die Frage geben, all die Antworten konsistent und jede ein Keim, aus welchem die anderen gefolgert werden könnten; doch im Fall von Johannes haben wir seine Antwort auf die Frage: er gibt uns in einem Satz von zwei Teilen tatsächlich nicht das Evangelium nach Johannes, sondern das Evangelium nach Jesus Christus selbst. Er hat die Geschichte von Jesus oft erzählt, die gute Nachricht von dem, was er war und tat und sagte: worauf in all dem schaute Johannes als die Essenz des Guten seiner Nachricht? In seinem Evangelium gibt er uns alles über ihn, die Botschaft ihn betreffend; nun erzählt er uns, was darin es für ihn und uns zur guten Nachricht macht – erzählt uns das eigentlich Gute der guten Nachricht. Es ist jetzt nicht seine eigene Botschaft über Jesus, sondern die Seele dieser Botschaft – das, was es zum Evangelium macht – die Nachricht, die Jesus in Bezug auf den Vater brachte und als seine Botschaft an die Jünger gab, sie den Menschen zu überbringen. Durch die Geschichte hindurch erzählt Jesus in allem, was er tut und ist und sagt, die Nachricht in Bezug auf seinen Vater, welche er gesandt war sie Johannes und seinen Gefährten zu geben, dass sie sie ihren Brüdern weitergaben; doch hier, in so vielen Worten, erzählt uns Johannes, was er selbst gehört hat von D e m W o r t – was er in der Summe gesammelt hat von Jesus als der Botschaft, die er zu verkünden hat. Er hat sie in keinen systematischen Formen empfangen; es ist, was ein Leben, das Leben, was ein Mensch, der Mensch, ihn gelehrt hat. Das Wort ist der Herr; der Herr ist das Evangelium. Die gute Nachricht ist kein Reisigbündel, das ein Mensch am Sabbat aufliest.[6]

   Jeder Mensch muss Das Wort selbst lesen. Der eine mag es in der einen Gestalt lesen, ein anderer in einer anderen: alle werden im Recht sein, wenn es tatsächlich Das Wort ist, was sie lesen und sie es mit der Leuchte des Gehorsams lesen. Er, welcher gewillt ist, den Willen des Vaters zu tun, wird die Wahrheit der Lehre Jesu erkennen. Der Geist ist „denen gegeben, die ihm gehorchen.“[7]

   Doch lasst uns hören, wie Johannes Das Wort liest – hören, was Johannes Version des Evangeliums ist.

   „Und das ist die Botschaft,“ sagt er „die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, dass Gott Licht ist und in ihm ist keine Finsternis.“ Ah, mein Herz, das ist tatsächlich die gute Nachricht für dich! Dies ist ein Evangelium! Wenn Gott Licht ist, was kann ich mehr, was kann ich sonst suchen als Gott, als Gott selbst! Hinfort mit euren Doktrinen! Hinfort mit eurer Rettung vor der „Gerechtigkeit“ eines Gottes, welchen sich vorzustellen ein Grauen ist! Hinfort mit euren eisernen Käfigen falscher Metaphysik! Ich bin gerettet – denn Gott ist Licht! Mein Gott, ich komme zu dir. Dass du du selbst bist, ist genug für Zeit und Ewigkeit, für meine Seele und ihr endloses Bedürfen. Was immer mir Finsternis erscheint, das werde ich von meinem Gott nicht glauben. Wenn ich mich irren sollte und das Finsternis nenne, welches Licht ist, wird er mir die Angelegenheit nicht offenbaren, es ins Licht setzen, das jeden Menschen erleuchtet, mir zeigend, dass ich nur die Hülle des Dinges sah, nicht den Kern? Wird er nicht die Schale für mich aufbrechen und die Wahrheit davon, sein Denken, herausströmen lassen über mich? Er wird es mich nicht verletzten lassen, das Licht für Finsternis zu nehmen, während ich die Finsternis nicht für Licht nehme. Das eine kommt von der Blindheit des Intellekts, das andere von der Blindheit des Herzens und Willens. Ich liebe das Licht und werde kein Wort irgendeines Menschen glauben oder an die Überzeugung irgendeines Menschen, dass das, welches mir Finsternis erscheint, in Gott ist. Wo wäre die gute Nachricht, wenn Johannes sagte: „Gott ist Licht, doch ihr könnt sein Licht nicht sehen; ihr könnt es nicht sagen, ihr habt keine Ahnung, was Licht ist; was Gott mit Licht meint, ist nicht, was ihr mit Licht meint; was Gott Licht nennt, mag grauenhafte Finsternis für euch sein, denn ihr seid von anderer Natur als er!“ Wo, sage ich, würde die gute Nachricht davon sein? Es ist wahr, das Licht Gottes mag so strahlend sein, dass wir nichts sehen; doch das ist nicht Finsternis, es ist unendliche Hoffnung des Lichtes. Es ist ebenso wahr, dass für die Bösen „der Tag des Herrn Finsternis ist und nicht Licht;“[8] doch ist es deswegen, weil das Gewissen des bösen Menschen über Gut und Böse gegensätzlich urteilt zu dem Gewissen des guten Menschen? Wenn er sagt: „Böses, sei du mein Gutes,“ meint er mit böse, was Gott mit böse meint und mit gut meint er Vergnügen. Er kann die Bedeutungen nicht vertauschen. Zu sagen, dass, was unser tiefstes Bewusstsein Finsternis nennt, sei Licht für Gott, ist Lästerung; zu sagen, Licht in Gott und Licht im Menschen sind von verschiedener Art, bedeutet gegen den Geist des Lichtes zu sprechen. Gott ist Licht weit jenseits von dem, was wir sehen, doch was wir mit Licht meinen, meint Gott mit Licht; und was Licht für Gott ist, ist Licht für uns, oder würde Licht für uns sein, wenn wir es sähen, und wird Licht für uns sein, wenn wir es sehen. Gott möchte uns jubelnd sein lassen in der Tatsache, dass er Licht ist – dass er ist, was seine Kinder, geschaffen in seinem Bild, meinen, wenn sie sagen Licht; dass das, was in ihm finster für sie ist, finster ist durch herausragende Herrlichkeit, durch zu viel Grund zum Jubeln; dass, wie finster auch immer es für ihre Augen sein mag, es Licht ist gerade so wie sie es meinen, Licht für ihre Augen und Seelen und Herzen, es aufzunehmen in dem Augenblick, wenn sie genug Auge und genug Seele und genug Herz sind, es zu empfangen in seinem eigentlichen Wesen. Lebendiges Licht, du willst mich nicht glauben lassen irgendetwas Finsteres von dir! Du willst mich deiner sicher sein lassen, so dass ich wage zu sagen, das ist nicht von Gott, welches ich als finster sehe, es unähnlich dem Meister sehe! Wenn ich nicht ehrlich genug bin, wenn das Auge in mir nicht einfältig genug ist, dein Licht zu sehen, wirst du mich bestrafen, ich danke dir, und meine Augen reinigen von ihrer Finsternis, dass sie das Licht einlassen mögen,[9] und ich so ein Erbe werde, mit deinen anderen Kindern, von dem Licht, welches deine Gottheit ist, und deine Geschöpfe bedürfend macht, dich anzubeten. „In deinem Licht sehen wir das Licht.“[10]

   Nicht alle Menschen werden, in unserer gegenwärtigen Unvollkommenheit, dasselbe Licht sehen; doch Licht ist Licht nichtsdestotrotz, und was ein jeder sieht, ist seine Sicherheit, wenn er ihm gehorcht. In dem Verhältnis, wie wir das Bild Christi in uns gespiegelt haben, werden wir erkennen, was Licht ist und was nicht. Doch niemals wird sich irgendetwas als Licht erweisen, das nicht von derselben Art ist wie das, was wir mit Licht meinen, mit dem in einer Sache, welches uns dazu veranlasst, es Licht zu nennen. Die Finsternis, die noch in uns zurückgelassen ist, lässt uns manchmal an einer Sache zweifeln, ob sie Licht oder Finsternis ist; doch, wenn das Auge einfältig ist, wird der ganze Leib voll Licht sein.[11]

   Das Licht zu fürchten, bedeutet unwahrhaftig zu sein, oder zumindest kommt es aus der Unwahrheit. Kein Wesen, für sich selbst oder ein anderes, braucht das Licht Gottes zu fürchten. Nichts im Licht kann feindlich für unsere Natur sein, welche von Gott ist, oder für irgendetwas in uns, das würdig ist. Alle Furcht vor dem Licht, alles Grauen falls darin etwas Gefährliches sein sollte, kommt aus der Finsternis, die noch in jenen von uns ist, welche die Wahrheit nicht aus ganzem Herzen lieben; es wird schwinden so wie wir mehr und mehr durchdrungen sind mit dem Licht. In einem Wort, es gibt keine Art zu denken oder zu handeln, welche wir als bewundernswert in einem Menschen zählen, in welcher Gott nicht insgesamt anbetungswürdig ist. Es gibt keine Lieblichkeit, nichts, das einen Menschen liebenswert für seinen Menschenbruder macht, das nicht in Gott ist, nur dass es in Gott unendlich besser ist. Er ist Gott unser Retter. Jesus ist unser Retter, weil Gott unser Retter ist. Er ist der Gott der Geborgenheit und des Trostes. Er wird seine Kinder stillen und zufrieden machen, besser als jede Mutter ihr Kleines. Die einzige Sache, die er ihnen nicht geben wird, ist – sie zurückzulassen im Finstern. Wenn ein Kind schreien würde: „Ich will die Finsternis,“ und klagt, dass er sie nicht geben will, wird er sie dennoch nicht geben. Er gibt, was sein Kind braucht – oft indem er verweigert, worum es bittet. Wenn sein Kind sagte: „Ich will nicht gut sein; ich bevorzuge es zu sterben; lass mich sterben!“, wäre sein Umgang mit dem Kind, als würde er sagen – „Nein; ich habe das Recht, dich zufrieden zu stellen, dir nicht deinen Willen zu geben, sondern meinen, welcher dein einziges Gut ist. Du wirst nicht sterben; du wirst leben, mir zu danken,[12] dass ich dein Gebet nicht hören wollte. Du weißt, was du bittest, aber nicht, was du ablehnst.“[13] Es gibt gute Dinge, die Gott verzögern muss zu geben, bis sein Kind die Tasche hat, sie zu halten – bis er sein Kind dazu bringt, diese Tasche zu machen. Er muss es zuerst bereit machen zu empfangen und zu haben. Es gibt keinen Teil unserer Natur, der nicht befriedigt werden würde – und das nicht, indem er verringert würde, sondern erweitert, ein immer sich vergrößerndes Genug zu umarmen.

   Komm also zu Gott, mein Bruder, meine Schwester, mit all deinen Wünschen und Instinkten, all deinen hohen Idealen, all deinem Sehnen nach Reinheit und Selbstlosigkeit, all deinem Verlangen zu lieben und wahrhaftig zu sein, all deinem Streben nach Selbstvergessenheit und kindhafter Lebendigkeit im Atem des Vaters; komm zu ihm mit all deinen Schwächen, all deiner Scham, all deinen Aussichtslosigkeiten; mit all deiner Hilflosigkeit gegen deine eigenen Gedanken; mit all deinem Versagen, ja, mit dem üblen Gefühl die Gezeiten wahrhaftiger Angelegenheiten verpasst zu haben; komm zu ihm mit all deinen Zweifeln, Ängsten, Unehrlichkeiten, Gemeinheiten, Armseligkeiten, Fehlurteilen, Erschöpfungen, Enttäuschungen und Schalheiten: sei sicher, er wird dich und all deine elende Brut in seine Obhut nehmen, ob sie gerupft-flügelige Engel sind oder Versteck suchende Schlangen, die Engel zum Leben, die Schlangen zum Tode und dich zur Freiheit in seinem grenzenlosen Herzen! Denn er ist Licht und in ihm ist überhaupt keine Finsternis. Wenn er ein König, ein Statthalter wäre; wenn der Name, der ihn beschreibt, Der Allmächtige wäre, dürftest du wohl zweifeln, ob da genug Licht in ihm sein könnte für dich und deine Finsternis; doch er ist dein Vater, und mehr dein Vater als das Wort aus irgendeinem Mund bedeuten könnte außer diesem, der sagte: „mein Vater und euer Vater, mein Gott und euer Gott;“[14] und solch ein Vater ist Licht, ein unendliches, vollkommenes Licht. Wenn er irgend weniger oder anders wäre als er ist und du weiterwachsen würdest, müsstest du auf lange Sicht an den Punkt kommen, wo du unzufrieden mit ihm wärest; doch er ist Licht und in ihm ist überhaupt keine Finsternis. Wenn in ihm irgendetwas zu sein scheint, mit dem du nicht zufrieden sein kannst, sei sicher, dass das Reifen deiner Liebe zu deinen Mitmenschen und zu ihm, die Quelle deines Seins, dich auf lange Sicht erkennen lassen wird, dass alles andere als gerade das, was er ist, für dich ein endloser Verlust gewesen wäre. Fürchte dich nicht auf den Felsen Christus[15] zu bauen, als könnte deine heilige Vorstellungskraft zu hoch und zu schwer für diesen Felsen bauen und er müsste nachgeben und bröckeln unter dem Gewicht deiner göttlichen Idee. Lass niemanden dich überzeugen, dass es da in ihm ein kleines bisschen Finsternis gibt, wegen irgendetwas, das er gesagt hat, was seine Geschöpfe als Finsternis auslegen. Die Auslegung ist das Werk des Feindes – eine Hand voll Tränen der Finsternis ins Licht gesät.[16] Noch lass dein feiges Gewissen irgendein Wort als Licht empfangen, weil ein anderer es Licht nennt, während es für dich finster aussieht. Sag entweder, das Ding ist nicht, was es scheint, oder Gott sagte oder tat es niemals. Doch, von allem Bösen, zu missdeuten, was Gott tut, und dann zu sagen, das so gedeutete Ding muss richtig sein, weil Gott es tut, ist vom Teufel. Versuch nicht irgendetwas zu glauben, das dir vorkommt wie Finsternis. Selbst wenn du irrst und dadurch etwas Wahres ablehnst, wirst du durch solch eine Ablehnung weniger Übles gegen Christus tun, als du es würdest, indem du als seines annimmst, was du nur als Finsternis sehen kannst. Es ist unmöglich, dass du ein wahres, wirkliches Ding sehen solltest – es sehen, wie es ist, meine ich – wenn es für dich wie Finsternis aussieht. Doch lass deine Worte wenige sein, nicht dass du mit deiner Zunge sagst, was du hinterher mit deinem Herzen bereuen wirst. Über allen Dingen glaube an das Licht, dass es ist, was du Licht nennst, obwohl die Finsternis in dir, dir zeitweise Anlass geben mag zu zweifeln, ob du tatsächlich das Licht siehst.

   „Doch es gibt eine andere Seite der Angelegenheit: Gott ist tatsächlich Licht, doch es gibt Finsternis; Finsternis ist Tod und die Menschen sind darin.“

   Ja; Finsternis ist Tod, doch nicht Tod für ihn, der aus ihm herauskommt.

   Es mag widersprüchlich klingen, doch kein Mensch wird für irgendetwas verurteilt, das er getan hat; er wird verurteilt dafür, fortzufahren, Falsches zu tun. Er wird verurteilt dafür, dass er nicht aus der Finsternis kommt, dass er nicht zum Licht kommt, dem lebendigen Gott, welcher das Licht sandte, seinen Sohn, in die Welt, ihn heimzuleiten. Lasst uns hören, was Johannes über die Finsternis sagt.

   Denn hier haben wir ebenfalls, denke ich, das Wort des Apostels selbst: im 13. Vers fängt er an, denke ich, in seiner eigenen Person zu sprechen. Im 19. Vers sagt er: „Dies aber ist das Gericht,“ – nicht dass die Menschen Sünder sind – nicht dass sie das getan haben, wessen sie sich in diesem Augenblick geschämt haben – nicht dass sie Mord begangen haben, nicht dass sie Mann oder Frau betrogen haben, nicht dass sie die Angesichter der Armen beschämen, Geld verdienend durch das Stöhnen ihrer Mitmenschen – nicht wegen irgendeiner schrecklichen Sache werden sie verurteilt, sondern weil sie solche Taten nicht hinter sich lassen und nicht weiter tun wollen: „Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen“ wollten nicht aus der Finsternis ans Licht kommen, sondern „liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse.“ Das Böse wählend, am Bösen festhaltend, die Finsternis liebend, weil sie zu ihren Taten passt, daher ihren Rücken gegen das hereinbrechende Licht kehrend, wie können sie anders als verurteilt sein – wenn Gott wahrhaftig ist, wenn er Licht ist und Finsternis ihm fremd ist! Was immer an Ehrlichkeit in einem Menschen ist, was immer an Urteil in der Welt zurückgelassen ist, muss gestatten, dass ihre Verurteilung die wesenhafte Natur der Dinge ist, dass sie auf ihnen ruhen und bleiben muss.

   Doch wenn es vorkommt, dass jemand eine einzelne Wahrheit äußert, welche ein anderer Mensch zu einem Rädchen in seinem System gemacht hat, steht er in Gefahr, dass man von ihm annimmt, alle Zahnräder und ihre Verbindungen in diesem System zu akzeptieren. Ich fahre daher fort zu sagen, dass daraus nicht folgt, weil das Licht in die Welt gekommen ist, dass es auf diesen oder jenen Menschen gefallen ist. Er hat seinen Teil an dem Licht, das jeden Menschen erleuchtet, doch die Offenbarung Gottes in Christus mag ihn noch nicht erreicht haben. Ein Mensch mag den Herrn in der Menge sehen und vorübergehen, dafür nicht zu tadeln sein wie die Juden Jerusalems, ihn nicht zu erkennen. Ein Mensch wie Nathanael mag aufgemerkt und gehalten haben bei dem kleinsten Anblick von ihm, doch nicht alle wachsenden Menschen sind bereits wie er ohne Falsch. Nicht jeder, der noch nicht zum Licht gekommen ist, hält notwendigerweise sein Gesicht davon abgewandt. Wir wagen nicht zu sagen, dass dieser oder jener Mensch nicht zum Licht gekommen wäre, wenn er es gesehen hätte; wir wissen nicht, ob er nicht zu dem Licht kommen wird in dem Augenblick, wenn er es sieht. Gott gibt jedem Menschen Zeit. Es gibt Licht, das den Weisen und den Wilden erleuchtet, doch die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu mag noch nicht auf diesen Weisen oder jenen Wilden geschienen haben. Die Verurteilung gilt denen, welche, Jesus gesehen habend, ablehnen zu ihm zu kommen oder vorgeben zu ihm zu kommen, doch nicht die Dinge tun, die er sagt. Sie haben alle Arten von Entschuldigungen zur Hand; doch sobald ein Mensch anfängt, sich zu entschuldigen, ist die Zeit gekommen, wenn es das tun mag, wofür er sich entschuldigt. Wie viele gibt es nicht, welche, glaubend es gibt etwas irgendwo mit dem Anspruch des Lichtes auf sie, fort und fortfahren weiter aus der Finsternis zu kommen! Dieses Gewissen, völlig von ihnen vernachlässigt, gibt breiten Grund für den Ausruf des Herrn – „Und ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben haben möchtet.“[17]

   „Alle Sünde und Lästerung,“ sagt der Herr, „wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben.“[18] Gott spricht, wie es aussieht, in der Weise: „Ich vergebe dir alles. Nicht ein weiteres Wort wird über deine Sünden gesagt werden – nur komm heraus aus ihnen; komm heraus aus der Finsternis deines Exils; komm in das Licht deines Heims, deines Geburtsrechtes und tu das Böse nicht mehr. Lüge nicht mehr; betrüge nicht mehr; unterdrücke nicht mehr; lästere nicht mehr; neide nicht mehr; sei weder gierig noch eitel; liebe deinen Nächsten, wie ich dich liebe; sei mein gutes Kind; vertrau auf deinen Vater. Ich bin Licht; komm zu mir und du wirst die Dinge sehen, wie ich sie sehe, und das böse Ding hassen. Ich werde dich lieben machen das Ding, welches du jetzt gut nennst und nicht liebst. Ich vergebe all das Vergangene.“

   „Ich danke dir, Herr, dass du mir vergibst, doch ich ziehe es vor, in der Finsternis zu bleiben: vergibt mir auch das.“

   „Nein; das kann nicht sein. Die eine Sache, die nicht vergeben werden kann, ist die Sünde, das Böse zu wählen, die Befreiung abzulehnen. Es ist unmöglich, diese Sünde zu vergeben. Es würde bedeuten, daran Teil zu haben. Sich auf die Seite des Falschen zu schlagen gegen das Richtige, auf Seiten des Mordens gegen das Leben, kann nicht vergeben werden. An der Sache, die vergangen ist, gehe ich vorüber, doch er, welcher fortfährt, dasselbe zu tun, hebt diese meine Vergebung auf, macht sie wirkungslos. Lasst einen Menschen was auch immer für eine Sünde begangen haben, ich vergebe ihm; doch zu wählen mit dem Sündigen fortzufahren – wie kann ich das vergeben? Es würde bedeuten, das Böse zu nähren und zu würdigen! Es würde bedeuten, meine Schöpfung der Vernichtung anheim zu geben. Sollte ich dich am Leben lassen, um Dinge zu tun, die in den Augen aller wahrhaftigen Menschen hassenswert sind? Wenn ein Mensch ablehnt, aus seiner Sünde zu kommen, muss er die Vergeltung einer Liebe erleiden, die keine Liebe wäre, wenn sie ihn dort ließe. Sollte ich meinem Geschöpf erlauben, das Ding zu sein, das meine Seele hasst?“

   Es gibt keine Entschuldigung für diese Ablehnung. Wenn wir für jeden Fehler bestraft würden, gäbe es kein Ende, keine Atempause; wir hätten keine Ruhe, um darin Buße zu tun; doch Gott zieht an allem vorüber,[19] was er kann. Er zieht vorüber und vergisst tausend Sünden, ja, zehntausende, sie alle vergebend – wir müssen nur anfangen gut zu sein, anfangen das Böse nicht mehr zu tun. Er, welcher sich weigert, muss bestraft und bestraft werden – bestraft durch alle Zeitalter – bestraft, bis er nachgibt, sich ergibt und ins Licht kommt, dass seine Taten durch ihn selbst gesehen werden mögen als was sie sind und durch ihn selbst verurteilt und Der Vater zuletzt sein Kind wieder hat. Für den Menschen, welcher in dieser Welt bis zum Äußersten widersteht, mag es vielleicht ein ganzes Zeitalter oder eine ganze Ära in der Geschichte des Universums geben, in welchem seine Sünde nicht vergeben werden wird; doch niemals kann sie vergeben werden, bis er Buße tut. Wie kann denen, welche nicht Buße tun wollen, vergeben werden, außer in dem Sinne, dass Gott alles tun will und wird, was er kann, um sie Buße tun zu machen? Wer weiß, ob solche Sünde nicht zu ihrer Heilung[20] die fortgesetzte Bestrafung eines Äons benötigen mag?

   Es gibt drei denkbare Arten der Bestrafung – zuerst die der bloßen Vergeltung, welche ich für vollständig und ausschließlich menschlich halte – daher, tatsächlich, weit mehr unmenschlich, denn das, was nicht göttlich ist, ist dem Menschsein nicht wesenhaft eigen und ist aus dem Bösen und eine Einmischung in das Menschliche; zweitens, die, welche Buße bewirkt; und drittens die, welche veredelt und reinigt, zur Heiligkeit hinarbeitet. Doch die Bestrafung, die auf jene fällt, welche der Herr liebt, weil sie Buße getan haben, ist eine ganz andere Sache als die Bestrafung, die auf jene fällt, welche er in der Tat liebt, aber denen er nicht vergeben kann, weil sie an ihren Sünden festhalten.

   Es gibt ebenfalls verschiedene Wege, in welchen das Wort vergeben gebraucht werden kann. Ein Mann mag zu seinem Sohn sagen – „Mein Junge, ich vergebe dir. Du hast nicht gewusst, was du tust. Ich werde nichts weiter dazu sagen.“ Oder er mag sagen – „Mein Junge, ich vergebe dir; doch ich muss dich bestrafen, denn du hast dieselbe Sache mehrere Male getan und ich muss dich daran erinnern.“ Oder wiederum mag er sagen – „Ich bin ernsthaft verärgert über dich. Ich kann dir nicht vergeben. Ich muss dich ernsthaft bestrafen. Die Sache war zu schändlich! Ich kann sie nicht übergehen.“ Oder einmal mehr mag er sagen – „Außer du änderst deine Wege völlig, werde ich nichts weiter mit dir zu tun haben. Du brauchst nicht zu mir zu kommen. Ich werde nicht die Verantwortung für irgendetwas übernehmen, was du tust. Weit davon entfernt für dich geradezustehen, fühle ich mich gebunden in Aufrichtigkeit meine Freunde zu warnen, kein Vertrauen in dich zu setzen. Nie, niemals, bis ich einen größeren Unterschied bei dir sehe als ich wage zu hoffen in dieser Welt zu sehen, werde ich dir vergeben. Ich kann dich nicht mehr als ein Familienmitglied betrachten. Ich würde sterben, um dich zu retten, doch ich kann dir nicht vergeben. Es gibt jetzt nichts in dir, worauf Vergebung ruhen kann. Zu sagen, ich vergebe dir, würde bedeuten zu sagen, tu alles, was du willst; ich kümmerte mich nicht darum, was du tust.“ So mag Gott vergeben und bestrafen; und er mag bestrafen und nicht vergeben, dass er rette. Die Sünde gegen den heiligen Geist zu vergeben würde bedeuten, das Universum in den Schlund der Lügen zu verdammen, es für den Menschen als unmöglich zu zeichnen, dass ihm so vergeben werde, dass er gerettet wird. Er kann dem Menschen nicht vergeben, welcher nicht in das Licht kommen will, weil seine Taten böse sind. Gegen diesen Menschen ist sein väterliches Herz bewegt von Unwillen.[21]


[1] Im englischen Original steht hier „the gospel“ – dieses Wort steht dem aus dem Griechischen entlehnten „Evangelium“ in seiner Bedeutung recht nahe. „Gospel“ leitet sich ab von altengl. „gōdspel“ – „Gute Botschaft“ oder „Gute Nachricht“ – was auch die Wortbedeutung von „Evangelium“ ist. Im ursprünglichen, engeren Sinne bezeichnet es die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu berichten. Im weiteren Sinne bezeichnet es die gute Botschaft Gottes von der Erlösung der Menschheit und hat sich über die Jahrhunderte als ein feststehender Begriff etabliert, der in seiner Bedeutung in unterschiedlichen Glaubenssystemen auch unterschiedlich ausgedeutet und vermittelt wird. In dieser Übersetzung steht für das englische „gospel“ durchgängig „Evangelium“ und „good news“ wird mit „gute Nachricht“ wiedergegeben, was dem deutschen Sprachgebrauch in den meisten christlichen Gemeinschaften entspricht.

[2] Johannes 1, 11

[3] Lukas 12, 57

[4] Johannes 1, 9

[5] Englisch „damnation“ – wo dieses Wort steht, ist mit „Verdammung“ übersetzt wurden. Wenn jedoch „condemnation“ steht, wurde das Wort „Verurteilung“ gewählt, wie es dem Sinngehalt der Bibelstellen am nächsten kommt. Das Wort „Verdammung“ hat über die Zeit einen Bedeutungswandel vollzogen und steht heute nicht mehr für eine gerechte Feststellung und Beurteilung von Schuld, sondern wird mit „ewiger Verdammnis“ gleichgesetzt, was man mit zahlreichen Übersetzungen in die Texte der Bibel hineingelesen hat. 

[6] Hier wird auf eine Begebenheit aus 4. Mose 15 angespielt, bei der ein Mann am Sabbat Holz aufsammeln ging und dabei gesehen wurde. Er wurde zum Tode verurteilt, da solche Arbeiten am Sabbat verboten waren. Das Reisig sammeln am Sabbat ist vergebens so wie es nicht das Evangelium ist, wenn ein Mensch ausschließlich an den Sonntagen sein Reisig als Evangelium aus den Predigten zieht. Die eigentlich gute Nachricht ist Jesus selbst, Herr über jeden Sabbat und jeden anderen Tag.

[7] Apostelgeschichte 5, 32

[8] Amos 5, 18

[9] Siehe Matthäus 6, 22 – 23 / Lukas 11, 34 – 35

[10] Psalm 36, 10

[11] Siehe Matthäus 6, 22 – 23 / Lukas 11, 34 – 35 – im Englischen in der King James Bibel heißt es (Lukas 11, 34): „The light of the body is the eye: therefore when thine eye is single, thy whole body also is full of light; but when thine eye is evil, thy body also is full of darkness.“ Im Deutschen stehen für das Wort „single“ die Worte „rein“ oder „lauter“ – in der älteren Luther steht „einfältig“.

[12] Psalm 118, 17

[13] Siehe Markus 10, 38 – hier ist wieder eine für MacDonald typische Umkehrung einer Bibelstelle. Wie Jesus zu den Söhnen des Zebedäus sagte „Ich wisst nicht, was ihr bittet.“ – so weiß der Mensch hier, was er bittet, aber nicht, was er Gutes ablehnt.

[14] Johannes 20, 17

[15] Siehe Matthäus 7 oder Lukas 6 – das Gleichnis vom Hausbau auf den Sand und auf den Felsen.

[16] Siehe Matthäus 13 – Gleichnis vom Feind, der Unkraut unter den Weizen säte.

[17] Johannes 5, 40

[18] Matthäus 12, 31

[19] Orig. englisch: „Passes by“ – das englische Wort erinnert eher an das Fest des Passah oder Pessach, englisch „Passover“ – was „vorüberziehen“ oder „vorbeigehen“ bedeutet und an die letzte Nacht der Israeliten in ägyptischer Sklaverei erinnert, als der Todesengel an ihren Häusern vorüberging. Gott zieht an der Sünde vorbei, um Raum für Buße und Veränderung zu lassen.

[20] Sünde wird hier als zu heilende Krankheit verstanden und die Möglichkeit einer Heilung im Jenseitigen in Betracht gezogen. Wenn Gott tatsächlich ganz Licht ist, kann er das ewig fortdauernde Böse nicht zulassen, sondern muss es irgendwann endgültig heilen – daher kommt eine ewige Hölle der Folter einer Verleugnung Gottes, der ausschließlich gut ist, nahe.

[21] Siehe Esther 5, 9 / Matthäus 20, 24 / ähnlich Johannes 11, 33 + 38 – in den Versen ist von Unwillen oder Empörung die Rede – ein starkes Gefühl, eine Art trauriger Zorn, gerechter Ärger oder als gerechtfertigt empfundener Ärger. Anschluss an die folgende Predigt.