Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten III von George MacDonald – Kapitel 9 – Das Missfallen Jesu

Das Missfallen Jesu

   „Als Jesus sie sah weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst…“ Johannes 11, 33

   Grimm, nachdem er uns in seinem Lexikon zum Neuen Testament[1] als die Entsprechung für das Wort [Griechisch: embrimaomai] im heidnischen Gebrauch „Ich bin von Zorn bewegt“, „Ich wüte und schnaube“, „Ich zürne über“, „Ich bin äußerst erzürnt oder empört über jemanden“ gibt, erzählt uns, dass es in Markus 1, 43 und Matthäus 9, 30[2] eine andere Bedeutung als die heidnische hat, nämlich „Ich befehle mit ernster Vermahnung.“ Dass er irgendeine Autorität hat, so etwas zu sagen, kann ich mir nicht vorstellen, und glaube, diese Behauptung ist ein Fehler. Die Übersetzer und Revidierer haben jedoch in jenen Abschnitten das Wort ähnlich gebraucht und haben sich an einer Stelle, dem Abschnitt vor uns, wo eine wahrhaftige Version von noch größerer Konsequenz ist, eine andere Freiheit herausgenommen und das Wort „ergrimmte [stöhnte / seufzte]“ übersetzt. Die Revidierer setzen zugleich in die Anmerkungen, was ich nicht anders kann, als für seine wahre Bedeutung zu halten – „war bewegt von Unwillen.“[3]

   Lasst uns auf all die Abschnitte schauen, in welchen das Wort vom Herrn gebraucht wird, und so, wenn wir können, etwas über ihn lernen. Die einzige Stelle im Evangelium, wo es von jemandem außer dem Herrn gebraucht wird, ist Markus 14, 5.[4] Hier sagen beide Versionen[5] über die Jünger, sie „murrten über“ die Verschwendung des Salböls durch eine der Frauen, welche den Herrn salbte. In Bezug auf diese Übertragung brauche ich nur anmerken, dass „murrten über“ sicherlich kaum stark genug sein kann, besonders, wenn man sieht, dass sie während der Handlung „Unwillen untereinander hatten“.[6]

   Es ist tatsächlich richtig und notwendig darauf zu bestehen, dass sich manches Wort in moralischem Gewicht und Färbung unterscheiden muss, wie es über oder durch Personen verschiedenen Charakters verwendet wird. Der Zorn eines guten Menschen ist eine gänzlich andere Sache als der Zorn eines schlechten Menschen; das Missfallen Jesu muss eine ganz andere Sache sein als das Missfallen eines Tyrannen. Doch sie sind beide Zorn, beide Missfallen, nichtsdestotrotz. Wir haben kein Recht, eine Wurzel-Bedeutung zu ändern und zu sagen, dass in dem einen Fall ein Wort er war unwillig, in einem anderen, dass es er vermahnt streng und strikt und in einem dritten, dass es er stöhnte/ergrimmte bedeutet. Gewiss werden wir so nicht bei der Wahrheit ankommen! Wenn irgendeine Behauptung aufgestellt wird, irgendein Wort gebraucht, dass wir des Herrn unwürdig empfinden, lasst es uns ablehnen; lasst uns sagen „Ich glaube das nicht;“ oder „Da muss etwas sein, worin ich keinen Einblick habe: ich muss warten; es kann nicht sein, wonach es für mich aussieht, und wahrhaftig vom Herrn sein!“ Doch das Wort als vom Herrn gebraucht anzunehmen und zu sagen, es bedeutet etwas völlig anderes als was es bedeutet, wenn es vom selben Schreiber über jemand anderen gebraucht wird, erscheint mir unaufrichtig.

   Wir werden zuerst den Abschnitt Markus 1, 43 nehmen – in der autorisierten Version „Und er mahnte ihn strikt;“ in der revidierten „Und er mahnte ihn streng“ mit ernstlich in den Anmerkungen. Wörtlich, wie es mir scheint, liest es sich und sollte gelesen werden „Und zornig seiend“ oder „ungehalten“ oder „verärgert“ „über ihn, schickte er ihn umgehend weg.“ Da ist selbst etwas Unzufriedenheit impliziert, denke ich, in dem Wort, das ich mit „wegschicken“ übersetzt habe. Das Wort in Johannes 9, 34 „sie warfen ihn hinaus“[7] ist dasselbe, nur ein wenig verstärkt.

   Dies fügt der Geschichte etwas hinzu und wirft die Frage auf, Warum sollte Jesus zornig gewesen sein? Wenn wir keinen Grund für seinen Zorn finden können, müssen wir die Sache als insgesamt verdunkelt zurücklassen; denn ich weiß nicht, wo eine andere Bedeutung für das Wort finden, außer in der Verzweiflung eines Möchtegern-Auslegers.

   Jesus hat den Aussätzigen geheilt – nicht nur durch sein Wort, welches genug gewesen wäre für die bloße Heilung, doch nicht genug war ohne die Berührung mit seiner Hand – die Sinaitische Version sagt „seine Hände“ –, um das Herz Jesu zu befriedigen – eine Berührung, ihn verunreinigend in der Wahrnehmung der Juden,[8] doch wie reinigend für den Sinn des Aussätzigen! Der Mann jedoch scheint unwürdig gewesen zu sein für die Zartheit göttlicher Zärtlichkeit. Der Herr, welcher sein Herz lesen konnte, sah, dass er ihm keine wahrhaftige Antwort gab – dass da in ihm nicht der Glaube erweckt wurde, den er wünschte aufzuwecken: er hatte die Seele des Mannes nicht an seine gezogen. Der Aussätzige war jubelnd in der Entfernung seines Schmerzes und der isolierenden Unreinheit, in seiner Befreiung von Leiden und Spott; er war vielleicht beschwingt von dem Stolz, dass ein Wunder für ihn gewirkt wurde. In einem Wort, er war so voll von sich selbst, dass er nicht wahrhaftig an seinen Befreier dachte.

   Der Herr, sage ich, sah dies, oder etwas in dieser Art, und war nicht zufrieden. Er hat dem Mann so viel Besseres als eine reine Haut geben wollen und in ihm nur eine unziemliche Wonne über seine eigene Reinheit erweckt – unziemlich, denn es war eine solche, dass er sich nicht um den Herrn scherte, sondern sofort seinem unbedingten Gebot ungehorsam war. Der moralische Stand, den der Mann einnahm, war das, was dem Herrn missfiel, ihn zornig machte. Er sah in ihm unbedingten und zügellosen Selbst-Willen und Ungehorsam, eine unverfrorene Sicherheit und Selbst-Zufriedenheit. Gefüllt, nicht mit reiner Freude oder kindlicher Fröhlichkeit, die wohl hervorbrechen mag, vermischt mit Tränen über solche Befreiung; gefüllt, nicht mit Dankbarkeit, sondern Genugtuung, umso kühner, als er so lange ein Objekt der Verachtung für sein Volk gewesen ist; gefüllt mit Arroganz wegen des Vorzugs, der ihm erzeigt wurde vor allen Menschen durch den Propheten und sich aufblähend mit Prahlerei über dasselbe, verließ er die Gegenwart des Heilers, um seinen Willen zu vereiteln und befohlen, keinem Menschen etwas zu erzählen, „hob er an“ – die seichte, flatterhafte, plaudernde Seele – „und sagte viel davon und machte die Geschichte ruchbar, also dass er Jesus hinfort nicht mehr konnte öffentlich in die Stadt gehen; sondern er war draußen in den wüsten Örtern.“[9]

   Lasst uns als nächstes auf den Bericht von der Heilung der zwei blinden Männer schauen, wiedergegeben im neunten Kapitel des Evangeliums nach Matthäus.[10] In beiden Versionen werden bei der Übersetzung des in Frage stehenden Wortes dieselben Wendungen gebraucht wie in der Geschichte des Aussätzigen im Evangelium nach Markus – „streng“, „strikt“, „ernstlich vermahnte er sie.“ Ich lese den Abschnitt folgendermaßen: „Und Jesus war unwillig“ – oder vielleicht „sehr unwillig“ – „mit ihnen und sagte, Seht zu, dass niemand davon erfährt.“[11]

   „Aber sie gingen aus und machten ihn ruchbar im selben ganzen Lande.“ Sicherlich haben wir hier Licht auf die Ursache von Jesu Missfallen mit den blinden Männern! Es war dasselbe mit ihnen wie mit dem Aussätzigen: sie erzeigten sich selbst ausgerichtet auf ihren eigenen Weg und scherten sich nicht um seinen. Zweifellos waren sie, zum Teil alle von ihnen, bewegt von dem Verlangen, seinen Ruhm zu verbreiten; das mag ihnen gerade als die beste Anerkennung erschienen sein, mit der sie ihrem Befreier Rechnung tragen konnten. Sie haben nie vermutet, dass ein großer Mann danach verlangen mag, Ruhm zu vermeiden, keinen Wert darauf legend, ihn als törichte Sache erkennend. Sie verstanden nicht, dass ein Mann, der danach verlangt, seinen Mitmenschen zu helfen, doch eine Menge als hinderlich für seinen Zweck meidet. „Was ist ein Prophet ohne Ehrung?“, fragen solche gleichsam, noch verstehen sie die Antwort „Ein Mann mag sich so eher als Prophet erweisen.“ Diese Menschen wollten ihrem Heiler mit Posaunenschall heimzahlen nicht mit Gehorsam. Durch sie sollte er zu seinem Recht kommen – doch wie sie es als angemessen beurteilten! In seiner Bescheidenheit war er dagegen, doch sie wollten dafür sorgen, dass er nicht ohne seinen Lohn ausging! Durch sie sollte er das Lob der Menschen ernten! „Nicht erzählen!“, rufen sie aus. „In der Tat, wir werden es erzählen!“ Sie waren zu dankbar, ihn nicht ruchbar zu machen, noch waren sie dankbar genug, ihm zu gehorchen.

   Wir können nicht ernsthaft verwundert sein über ihre Selbstgefälligkeit. Wie viele gibt es nicht, welche in der Lage zu sein scheinen, alles um der Kirche oder des Christentums willen zu tun, außer die eine Sache, um die sich ihr Herr kümmert – dass sie tun sollten, was er ihnen sagt! Er würde sie von sich selbst befreien in die Freiheit der Söhne Gottes, sie zu seinen Brüdern machend; sie verlassen ihn, um ihre Kirche zu rühmen. Seine Gebote sind nicht schwer; sie erfinden Gebote für ihn und legen sie, schwer zu tragende Bürden, auf die Nacken ihrer Brüder.[12] Gott will uns Teilhaber sein lassen an seiner Seligkeit – an der eigentlichen Wahrheit der Existenz; sie beten an von ferne und wollen nicht nahekommen.[13] Es war nicht, denke ich, die Behinderung für sein Wirken, nicht die persönliche Unannehmlichkeit, die es ihm verursachen würde, die den Herrn verärgerte, sondern dass sie nicht seine Freunde sein wollten, nicht tun wollten, was er ihnen sagte, nicht Kinder seines Vaters sein wollten und ihm helfen, ihre Brüder zu retten. Als Petrus, in seinem Weg am nächsten – sehr ähnlich ihrem Wege – dem Willen des Vaters entgegenstand, indem er sagte: „Das sei ferne von dir, Herr!“, nannte er ihn Satan und befahl ihn hinter sich.[14]

   Beeinflusst es irgendjemanden zur Verringerung seiner Vorstellung vom Meister, dass er jemals zornig gewesen sein sollte? Wenn dem so ist, würde ich ihn fragen, ob seine ganze bewusste Erfahrung von Zorn solche ist, dass er nur eine Art von Zorn kennt. Es gibt einen guten und einen schlechten Zorn. Es gibt ein Wutschnauben Gottes, und es gibt ein Wutschnauben des Menschen, das nicht die Gerechtigkeit Gottes wirkt. Zorn mag variieren wie die Farben des Regenbogens. Gottes Zorn kann nicht anders als Gott-gleich sein, daher göttlich schön, eins mit seiner Liebe, hilfreich, heilend, wiederherstellend; und doch ist er wirlich und wahrhaftig das, was wir Zorn nennen. Wie verschieden ist der Zorn von einem, der liebt, von dem Zorn von einem, der hasst! Und doch, Zorn ist Zorn. Es gibt den niederen menschlichen Zorn und den großen, edlen, ewigen Zorn. Unser Zorn ist im Allgemeinen erniedrigend, weil er im Allgemeinen unrein ist.

   Es ist mir ein besonders froher Gedanke, dass der Herr uns so nahekam, zornig über uns zu sein. Je mehr wir an Jesus denken, wie er zornig über uns ist, desto mehr fühlen wir, dass wir ihm näher und näher kommen müssen – hineinkommen in den Kreis seines Wutschnaubens, heraus aus der Sünde, die ihn zornig macht, und ihm nahe, wohin Sünde nicht kommen kann. Es gibt kein Auslöschen der Liebe im Zorn Jesu. Der Zorn Jesu ist seine Wahrnehmung, dass wir schuldig sind; wenn wir nicht schuldig wären, könnte Jesus niemals zornig über uns sein; wir wären nicht von seiner Art, daher nicht Ziel seiner Anschuldigung. Wahrzunehmen, dass wir schuldig sind, bedeutet zu sagen, dass wir besser sein sollten, dass wir dazu in der Lage sind, das Richtige zu tun, wenn wir wollen. Wir sind dazu in der Lage, unser Angesicht dem Licht zuzuwenden und aus der Finsternis herauszukommen; der Herr wird auf unser Wachstum achten.

   Es ist ein ernster Gedanke, dass der Ungehorsam der Männer, die er von Blindheit und Aussatz befreit hatte, fähig sein sollte, ihn in seinem Wirken für seinen Vater zu behindern. Doch seine besten Freunde, die ihn liebten taten dasselbe. Dass er gekreuzigt werden sollte, war ihnen ein Graus; sie hätten ihn zu einem König gemacht und das Wirken seines Vaters verdorben. Er zog die Grausamkeit seiner Feinde der Freundlichkeit seiner Freunde vor. Die ersteren bewirkten mit böser Absicht seines Vaters Willen; die letzteren hätten ihn mit guten Absichten durchkreuzt. Seine Jünger bekümmerten ihn mit ihren ungläubigen Protesten. Lasst uns erkennen, dass die Armseligkeit unserer Idee von Jesus – wieviel mehr unser Ungehorsam gegen ihn! – seinen Fortschritt zum Sieg vereitelt, das Kommen des Himmelreiches verzögert. Manch ein Mensch, kühn für Christus, doch ihn nicht verstehend, und auf sich selbst und seine Mitmenschen Bürden gegen die Natur legend, hat darin Möchtegern-Lobpreis und Möchtegern-Dienst getan, für welchen ihm Christus wenig Dank geben wird, welches jetzt tatsächlich seinen heiligen Zorn bewegen mag. Wo wir tun, was wir nicht sollten und es hätten verhindern können, sei bewegt von Zorn gegen uns, Oh Christus! Behandle uns nicht, als wären wir nicht wert, dass man Unwillen mit uns hat; lass unsere Fehler nicht vorbeiziehen, als wären sie von keinerlei Gewicht. Sei zornig über uns, heiliger Bruder, worin wir schuldig sind; wo wir nicht verstehen, habe Geduld mit uns und öffne unsere Augen und gib uns Kraft zu gehorchen, bis wir auf lange Sicht Kinder Des Vaters sind wie du. Denn obwohl du Herr und Meister und Retter derer bist, die wachsen, bist du der vollkommene Herr nur von den Wahrhaftigen und Geretteten und Freien, welche in deinem Licht leben und göttlich glücklich sind: wir halten dich zurück von deiner vollkommenen Herrschaft. Mach uns fähig, zornig zu sein und nicht zu sündigen;[15] zornig zu sein und keine Vergeltung des geringsten zu suchen; zornig zu sein und voll von Vergebung. Wir werden nicht befriedigt sein, bis unser Zorn eigentlich Liebe ist.

   Der Herr rief den Aussatz nicht zurück und legte ihn nicht wieder auf den Mann, welcher ihm nicht gehorchte. Er mag es verdient haben, doch der Herr tat es nicht. Er hüllte die selbstsicher sehenden Menschen nicht in die Wolke ihrer alten Finsternis, weil sie sich selbst in die Wolke des Ungehorsams hüllten. Er ließ sie gehen. Natürlich scheiterten sie dadurch an ihrem Wohlergehen; denn zu sagen, ein Mensch mag ungehorsam sein und es ergeht ihm nicht schlechter, würde so sein wie zu sagen, dass nein mag ja sein und Licht manchmal Finsternis; es würde bedeuten zu sagen, dass der Wille Gottes nicht des Menschen Seligkeit ist. Doch der Herr bestrafte sie nicht unmittelbar, nicht mehr, als er es mit abertausenden Fehlern in der Welt tut. Viele Fehler bestrafen sich selbst gegen die Obersten des bewaffneten Gesetzes; viele Übeltäter schneiden sich selbst, wie die Priester Baals,[16] mit Messern ihrer eigenen Ungerechtigkeit; und es ist sein Wille, dass es so sei; doch, ob er direkt oder indirekt bestraft, er wirkt immer darauf hin zu befreien. Ich denke manchmal, dass seinem Zorn ein erstaunliches Geschenk folgt, ja, davon begleitet wird, frisch aus seinem Herzen der Gnade. Er weiß, was er tut, denn er ist Liebe. Er ist Liebe, wenn er gibt und Liebe, wenn er zurückhält; Liebe, wenn er heilt und Liebe, wenn er schlägt. Herr, wenn du solcherart auf die Menschen schaust in deinem Zorn, wie muss dann erst ein voller Blick deiner Augen der Liebe sein!

   Lasst uns nun auf den letzten Fall schauen, in welchem dieses Wort [Griechisch: embrimaomai] in der Geschichte unseres Herrn gebraucht wird – die Form davon, welche wir hier zuletzt niedergeschrieben haben, denn gewiss haben sie ein vollständigeres Evangelium im Vaterhaus und ohne den Flecken von Fehlerhaftigkeiten darin: lasst uns so das gebrauchen, was wir haben, dass uns auf lange Sicht gestattet ist, in die Blätter eines anderen zu schauen!

   In der autorisierten Version des Evangeliums nach Johannes, im elften Kapitel, dem dreiunddreißigsten Vers, haben wir die Worte: „Als Jesus sie sah weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst“; – entsprechend der Anmerkung in der revidierten Version „er war bewegt von Unwillen im Geist und betrübte sich selbst.“ Wir lesen auch im achtunddreißigsten Vers entsprechend der Anmerkung der revidierten Version „Jesus, abermals von Unwillen bewegt in sich selbst, kam zum Grabe.“

   Unwillen – Zorn gar am Grabe! In der Gegenwart der durch den Verlust eines Bruders, der vier Tage tot ist, zerrissenen Herzen, welchen er auch liebte! Ja, fürwahr, Freunde! Solch Unwillen, solch Zorn wie zu solcher Zeit, an solch einem Ort, es ewiglich recht war, dass Jesu Herz dadurch bewegt sein sollte. Ich kann kaum zweifeln, dass er in gleicher Weise durch das bewegt ist, was er jetzt an den Totenbetten und Gräbern von nicht Wenigen sieht, welche nicht seine Feinde sind und doch im Angesicht des Todes nicht besser zu sein scheinen als Heiden. Was haben solche gewonnen, indem sie Christen sind, wie sie sagen, dass sie es sind? Sie heften ihre Augen auf ein grimmes Phantom, das sie Tod nennen, und heben sie niemals auf zu dem strahlenden Christus, der bei Bett oder am Grabe steht! Für sie hat Christus den Tod nicht besiegt:

   Du bist unser König, O Tod! Zu dir seufzen wir hin![17]

   Sie würden erschauern bei dem Gedanken, es so in Worte zu fassen; sie sagen es in der Bitterkeit ihrer Tränen, in ihrem Augenaufschlag der Verzweiflung, in ihren schwarzen Roben, in ihrem sofortigen Rückzug aus dem Tageslicht, um sich am Busen der Dunkelheit zu bergen. „Was, du willst uns nicht weinen sehen?“ Weint frei heraus, Freunde; doch lasst eure Tränen jene erwartungsfroher Christen sein, nicht die hoffnungsloser Heiden.[18] Lasst uns auf die Geschichte schauen.

   Der Herr hatte die ganze Zeit versucht, seine Freunde über seinen Vater zu lehren – was für ein segensreicher und vollkommener Vater er war, welcher ihn gesandt hatte, dass die Menschen auf eben sein Abbild schauen könnten und ihn als größer erkennen als irgendein Abbild ihn zeigen könnte; und alles, was sie dadurch gewonnen hatten, schien nicht zu reichen für den kleinsten Teil des Trostes, als die Berührung des Todes kam. Er hatte hunderte Dinge zu Martha und Maria gesagt, die nicht niedergeschrieben sind in den wenigen Seiten unseres irdischen Evangeliums; doch die Tatsache, dass Gott sie liebt und dass Gott Lazarus hat, scheint ihnen nichts zu sein, weil s i e Lazarus nicht haben! Der Herr selbst, mit allem, was er für sie gewesen ist, kann sie nicht trösten, selbst nicht mit seiner körperlichen Gegenwart, über die körperliche Abwesenheit ihres Bruders. Ich meine nicht, dass Gott uns durch seine allernächste Gegenwart vergessen machen wollte oder aufhören lassen wollte, diejenige unseres Freundes zu verlangen. Das möge Gott verhüten! Die Liebe Gottes ist die Vervollkommnung jeder Liebe. Er ist nicht der Gott des Vergessens, sondern der ewigen Erinnerung. Es gibt keine Vergangenheit bei ihm. So weit weg ist er von solcher Eifersucht wie wir alle gehört haben, dass sie ihm zugeschrieben wird, dass sein Entschluss ist, dass seine Söhne und Töchter einander vollkommen lieben sollen. Er gab uns einander, um für immer zueinander zu gehören. Er gibt nicht, um wegzunehmen; in ihm gibt es keine Veränderung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.[19] Doch wenn mein Sohn oder meine Tochter eine Zeit lang von mir gegangen sind, sollte nicht die Ankunft ihrer Mutter mich trösten? Ist es nichts, dass er, welcher das Leben ist, anwesend sein sollte, das Wohlergehend des Lebens versichernd, das geschwunden ist, und das Wohlergehen der Liebe, die es vermisst? Warum sollte der Herr überhaupt in die Welt gekommen sein, wenn diese seine Freunde nicht mehr Gutes als dies von ihm nähmen? Den älteren Bruder bei sich habend, können sie da nicht eine kleine Weile ohne den jüngeren auskommen? Müssen sie vollständig elend sein ohne ihn? All ihr Rufen war: „Herr, wärest du hier gewesen, wäre mein Bruder nicht gestorben!“[20] Ihr mögt sagen, sie kannten Christus noch nicht gut genug. Das ist offensichtlich – doch Christus hatte mehr von ihnen erwartet und wurde enttäuscht. Ihr mögt sagen „Wie kann das sein, wo er doch wusste, was im Menschen war?“[21] Ich zweifle, ob ihr richtig davon denkt, wieviel der Herr aufgab, indem er zu uns kam. Vielleicht habt ihr eine dürftige Idee davon, von wieviel der Sohn in der Lage war sich zu trennen, oder vielmehr, es den Vater von sich nehmen lassen konnte, außer seiner Sohnschaft, das Ewige zum Ewigen, berührt davon, um sie tiefer und tiefer zu zeigen, näher und näher. Dass er in dieser Welt nicht alles wusste, ist deutlich aus seinen eigenen Worten und aus den Zeichen ebenso: Ich sollte es verachten, mir vorzustellen, dass Unwissenheit seine Gottheit anrühren könnte, dass seine Gottheit verletzt werden könnte durch das, was seine Hingabe vergrößert. Es vergrößert in meinen Augen die Idee seiner Gottheit. Hier, wiederhole ich, kann ich nicht anders als zu denken, dass er enttäuscht war von seinen Freunden Martha und Maria. Hatte er nicht mehr als dies für sie bewirkt? War sein Vater und ihr Vater kein Trost für sie? War dies die Art, wie seine besten Freunde seinen Vater behandelten, welcher alles für sie tat, was für einen Vater möglich ist, für seine Kinder zu tun! Er kümmerte sich so liebevoll um ihre Herzen, dass er es nicht erdulden konnte, sie weinen zu sehen, so dass sie seinen Vater ausschlossen. Seine Liebe war verärgert mit ihnen, dass sie in Asche sitzen wollten, wenn sie draußen sein sollten in seines Vaters Sonne und Wind. Und alles wegen einer Lüge! – da das Gefühl in ihren Herzen, das sie so weinen ließ, ein falsches war. Erinnert euch, es war nicht ihre Liebe, sondern eine falsche Wahrnehmung des Verlustes. Waren sie dem Licht des Lebens nicht näher als das? Daran zu denken, dass sie an den Tod und das Grab glauben sollten, nicht an ihn, Das Leben! Warum sollte der Tod sie bekümmern? Warum den freundlichen Elementen wegen ihres Zugriffs auf den Leib grollen, die ihn zurückversetzen in das, woher er kam, weil Lazarus heimgegangen war zu Gott und ihn nicht mehr brauchte? Ich vermute, dass, in ihre Herzen schauend, er sie fühlen und handeln sah, als wenn Lazarus aufgehört hätte zu existieren.

   „Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber ich weiß, dass auch jetzt noch, was du bittest von Gott, Gott dir geben wird.“

   „Dein Bruder soll auferstehen.“

   „Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage.“

   „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“[22]

   Ich werde nun versuchen, etwas von der Tiefe dieses Wortes des Herrn aufzudecken. Es wird für mein gegenwärtiges Ziel genügen zu sagen, dass die Schwestern sicherlich gewusst haben müssen, dass er die Tochter des Jairus auferweckt hatte und den Sohn der Witwe von Nain;[23] und wenn die Worte, die er gerade gesprochen hatte „Dein Bruder soll auferstehen“ Martha zu gut erschienen, um wahr zu sein, in dem Sinne, dass er dabei war, ihn jetzt aufzuerwecken, hätten beide, sie und Maria, glaubend, dass er ihn auferwecken konnte, wenn er wollte, zumindest wissen müssen, dass, wenn er es nicht tat, es aus so liebevollen Gründen sein musste wie aus allen, um welche er es getan hätte. Wenn er könnte und es nicht täte, muss es nicht so gut sein wie, ja, besser als wenn er es täte?

   Martha ist, zumindest für den Augenblick, ein wenig getröstet fortgegangen; und nun kam Maria, welche den Herrn besser kannte als ihre Schwester[24] – weh, mit denselben bitteren Tränen aus ihren Augen fließend und denselben hoffnungslosen Worten, beinahe des Vorwurfs, von ihren Lippen kommend! Dann geschah es – bei ihrem Anblick und dem der mit ihr weinenden Juden, dass der Geist des Herrn von Unwillen bewegt war. Sie weinten wie diese, welche an den Tod glauben, nicht an das Leben. Maria weinte, als hätte sie nie mit ihren Augen gesehen, nie mit ihrer Hand angerührt Das Wort des Lebens! Er war bekümmert über ihren Unglauben und bekümmert über ihren Kummer. Was sollte geschehen mit seinen Brüdern und Schwestern, welche elend sein wollten, welche nicht an seinen Vater glauben wollten! Was für ein schmerzvolles Leben war doch das ihre! Wie sollte er sie nur trösten? Sie wollten nicht getröstet sein! Was für eine Welt war das, die solcherart weitergehen wollte – die sich selbst nicht aus der Kralle des Todes befreien wollte, selbst nachdem der Tod tot war, sondern weinen und weinen wollten für tausende Jahre, die kommen sollten, am Busen des toten Todes hängend! Sollte die Existenz, die herrliche Geschenkgabe seines Vaters, das schrecklichste von allem Elend sein, weil einige vor den anderen Heim gehen müssen? Es war alles so traurig! – und alles, weil sie seinen Vater nicht kennen wollten! Dann kam die Reaktion seines Unwillens und das mühende Herz des Herrn fand Erleichterung in Tränen.[25]

   Der Herr stand gleichsam an der Wasserscheide des Lebens. Auf der seiner einen Seite lag, was Martha und Maria die Welt des Lebens nannten, auf der anderen, was er und sein Vater und Lazarus überfließendes Leben nannten. Der Herr sah in beide Welten – sah Martha und Maria auf der einen Seite weinend, auf der anderen Lazarus auf sie in Frieden wartend. Er würde sein Bestes für sie tun – für die Schwestern – nicht für Lazarus! Es war ein hartes Los für Lazarus, zurückgerufen zu werden in das Leichentuch des Leibes, ein Opfer ihrem Unglauben, doch es sollte getan werden! Lazarus sollte leiden für seine Schwestern! Durch ihn sollten sie dazu genötigt werden, an den Vater zu glauben und so aus ihrer Gebundenheit befreit werden! Der Tod sollte keine Herrschaft mehr über sie haben!

   Er war verärgert mit ihnen, habe ich gesagt, weil sie nicht auf Gott vertrauten, seinen und ihren Vater; und zur gleichen Zeit war er bekümmert über ihren Kummer. Die Wolke seines liebevollen Zorns und enttäuschten Mitfühlens brach in Tränen aus; und die Tränen erleichterten sein Herz von der Last seiner göttlichen Trauer. Er wandte sich um, nicht an sie, nicht, um sie zu bestrafen für ihren Unglauben, nicht einmal, um sie wegen ihres Kummers zu rügen; er wandte sich an seinen Vater, um ihm zu danken.

   Er dankt ihm für das Erhören eines Gebetes, das er gesprochen hat[26] – ob einen Augenblick zuvor oder ehe er die andere Seite des Jordan verließ, kann ich nicht sagen. Was war das Gebet, für dessen Erhörung er jetzt seinem Vater dankt? Gewiss hat er darüber gesprochen, Lazarus zurückzubringen, und sein Vater hat sich selbst eines Geistes mit ihm gezeigt. „Doch ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volks willen, das umhersteht, sagte ich´s, dass sie glauben, du habest mich gesandt.“[27] „Sagte ich´s“: sagte was? Er hat etwas um der Menge willen gesagt; was war es? Die Danksagung, die er gerade geäußert hatte. Es war nicht nach seiner Art, seinem Vater in formellen Worten zu danken; und er würde jetzt nicht natürlicherweise seinen Dank laut ausgesprochen haben; denn er redete immer zu dem Vater und der Vater hörte ihn immer; doch er hatte einen Grund, so zu handeln und war nun dabei, diesen Grund anzugeben. Er tat die ungewöhnliche Sache, um gehört zu werden, dass er sie sagte, und um der heiligen Ehrlichkeit willen, spricht er die Tatsache aus, zu seinem Vater sprechend, so dass die Leute um ihn herum es hören mögen und kein Schatten verhüllter Doppeldeutigkeit in der Handlung sei – nichts verdeckt, jedoch vollkommen in Ehrlichkeit. Seine Absicht in solcher Weise laut zu danken, muss offenkundig gemacht werden! „Ich danke dir Vater, dass du mich hörst; und ich sage es, nicht als hätte ich irgendeinen Zweifel, ob du mich hörst, sondern dass das Volk verstehen möge, dass ich diese Sache nicht aus mir selbst tue, sondern als dein Botschafter. Es bist du, Vater, der es tun wird; ich tue es als deine rechte Hand. – Lazarus, komm heraus!“

   Ich habe gesagt, der Kummer des Herrn war, dass seine Freunde nicht seinem Vater vertrauen wollten. Er wollte keine Annahme von sich selbst, die nicht eine Annahme seines Vaters war. Es war sein Vater, nicht er, der die Arbeit tat! Aus dieser Enttäuschung kam, scheint es mir, dieser sorgenvolle Seufzer: „Doch wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinst du, dass er auch werde Glauben finden auf Erden?“[28]

   Der Gedanke des Herrn, indem er dieses Gebet äußert, ist nicht seine eigene Rechtfertigung, sondern seines Vaters Annahme durch die Kinder. Wenn der Herr jemals einfordert, als ein wahrhaftiger Mensch empfangen zu werden, ist es um seines Vaters und seiner Brüder willen, dass, indem sie ihn empfangen, er empfangen werde, welcher ihn sandte. Hätte er jetzt die Rechtfertigung seines eigenen Anspruchs verlangt, wäre die Sache, die er nun dabei war zu tun, mächtig zu diesem Ziel gewesen; doch er wollte, dass sie ganz klar verstehen, dass der Vater darin eins mit ihm war – dass sie es gemeinsam taten – dass es der Wille des Vaters war – dass er ihn gesandt hat.

   Lazarus musste kommen und ihm helfen mit diesen Schwestern, welche er nicht glaubend machen konnte! Lazarus hatte vom Tode gekostet und wusste, was er war: er musste kommen und sein Zeugnis ablegen! „Sie haben die Sicht auf dich verloren, Lazarus, und bilden sich ein, dass du ins Nirgendwo ihres Unglaubens eingegangen bist. Komm hervor; komm aus dem Unsichtbaren. Wir wollen sie zur Ruhe bringen.“ Es war ein hartes Los, wiederhole ich, für Lazarus; es ging ihm besser, wo er war; doch er musste kommen und dem Herrn ein wenig länger Beistand leisten, und dann zurückgelassen werden mit seinen Schwestern, dass sie und Millionen mehr wie sie erkennen mögen, dass Gott der Gott der Lebenden ist und nicht der Toten.

   Die Juden sagten: „Siehe, wie hat er ihn so liebgehabt!“[29] doch kann irgendein Christ glauben, dass es aus Liebe zu Lazarus war, dass Jesus weinte? Es war aus Liebe zu Gott und zu Martha und Maria. Er hatte Lazarus nicht verloren; doch Martha und Maria waren abgeirrt von ihrem Vater im Himmel. „Komm mein Bruder, gib Zeugnis!“ rief er; und Lazarus kam heraus, an Händen und Füßen gebunden. „Löst ihn und lasst ihn gehen,“ sagte er[30] – eine lebende Wahrheit, umhergehend in der Welt: er war nie tot gewesen und ist herausgekommen; er war nicht verloren und wurde wiederhergestellt! Es war eine seltsame Tür, durch die er kam, zurück zu den Seinen – eine selten genutzte Tür, nur einem bekannt – doch hier war er! Oh, die Herzen Marthas und Mariens! Sicherlich hat der Herr einigen Lohn für seinen Kummer, ihre Freude schauend!

   Jede christliche Frau, welche so weit gelesen hat, bitte ich nun, über das nachzudenken, was ich ihr vorlegen werde.

   Lazarus musste wieder sterben und dankte Gott, wir können sicher sein, für die glückliche Tatsache. Stimmten die Schwestern, angenommen sie wurden wieder in der Welt zurückgelassen, dieselben Klagen über ihn an wie beim ersten Mal als er ging? Wenn sie es taten, wenn sie wieder in diese Leidenschaft der Trauer zurückfielen, klagend und sich weigernd, getröstet zu werden, was würdest du von ihnen sagen? Ich stelle mir etwas in der Art vor: „Es wäre höchst unwürdig von ihnen, sich nicht besser zu halten wegen des ihnen gezeigten Vorzugs. Es wäre so, als sich wie die unartigsten der ungläubigen Kinder zu verhalten. Wüssten sie nicht, dass er nicht verloren wäre? – dass er mit dem Meister wäre, welcher selbst für ein paar Tage verloren schien, doch wiederkam? Er wäre jetzt nicht mehr verloren als zu der Zeit, als er zuvor ging! Könnten sie nicht vertrauen, dass er, welcher ihn einmal zurückbrachte, dafür sorgen würde, dass sie ihn zuletzt für immer haben würden!“ Würdest du nicht nach irgend solcher Weise reden? Würdest du dich nicht erinnern, dass er, welcher der Hirte der Schafe ist, zusehen wird, dass die Schafe, die einander lieben, ihre Lieben wiederhaben sollen, auf welch anderen Weiden sie sich auch für eine Zeit nährten? Würde es nicht schwer sein, dich davon zu überzeugen, dass sie sich je so benahmen? Sie mussten gefühlt haben, dass er nur „gegangen war für eine Minute … von diesem Raum in den nächsten;“[31] und dass, wie sehr sie ihn auch vermissen mochten, es eine Schande wäre, nicht geduldig zu sein, wenn sie wussten, dass es nichts zu fürchten gab. Es war alles gut mit ihm und würde bald auch mit ihnen gut sein!

   „Ja“, stelle ich mir vor, dass du sagst, „das ist genau, wie sie fühlen würden!“

   „Also,“ entgegne ich, „warum bist du so elend? Oder warum ist es dann so, dass dich nur der kalte Frost der Gewöhnung und des Vergessens weniger elend machen als ein Jahr zuvor?“

   „Ah,“ antwortest du, „doch ich hatte kein solches Wunder, das für mich gewirkt wurde! Ah, wenn ich solch ein Wunder für mich gewirkt hätte, dann solltest du mal sehen!“

   „Du meinst, dass wenn dein Ehemann, dein Sohn, dein Vater, dein Bruder, dein Geliebter, einmal von dir genommen und dir dann wieder zurückgegeben worden wäre, würdest du nicht, wenn die Zeit käme, dass er einmal mehr gehen muss, davon träumen, ihn ein zweites Mal aus dem guten Himmel zu rufen? Du wärest nicht grausam genug dafür! Du würdest nicht betrauern und klagen! Du würdest das Herz des Herrn nicht traurig machen mit deinen hoffnungslosen Tränen! Ah, wie wenig du dich selbst kennst! Siehst du nicht, dass, soweit Wahrheit und Verstand betroffen sind, du jetzt in genau der angenommenen Position bist – die Position jener Schwestern, nachdem Lazarus ihnen ein zweites Mal genommen wäre? Du weißt jetzt alles, was sie damals wussten. Sie hatten nicht mehr Offenbarung durch das Zurückrufen des Lazarus als du jetzt hast. Denn du behauptest, die Geschichte zu glauben, obwohl du das zweifelhaft genug machst durch deine Missachtung ihres eigentlichen Wesensgehaltes. Ist es möglich, dass, so weit du betroffen bist, Lazarus ebenso gut nicht hätte auferweckt werden müssen? Welcher Unterschied ist da zwischen deiner Position und ihrer? Lazarus war mit Gott, und sie wussten, er war gegangen, kam zurück und ist wieder gegangen. Du weißt, dass er ging, zurückkam und wieder ging. Dein Freund ist einmal gegangen wie Lazarus zweimal ging und du verhältst dich, als wüsstest du nichts von Lazarus. Du machst ein beklagenswertes Getue, Jesus verärgernd, dass du nicht vernünftig sein willst und seinem Vater vertrauen! Als Martha und Maria sich benahmen, wie du es tust, war Lazarus noch nicht auferweckt; du hast den auferweckten Lazarus, und doch fährst du fort, wie sie es davor taten!

   „Du gibst guten Grund dafür zu denken, dass, wenn dieselbe Sache für dich getan worden wäre, du gesagt hättest, dass es nur ein kataleptischer Anfall war und er in Wahrheit niemals von den Toten auferweckt wurde. Oder gibt es einen anderen Weg, dein Verhalten zu verstehen: du glaubst nicht, dass Gott unveränderlich ist, sondern denkst, dass er zu einer Zeit so und zu einer anderen Zeit anders handelt, nur aus Willkür? Er mag einen Bruder den Schwestern zurückgeben, die er bevorzugte, doch auf ein solches Geschenk kann man nicht zählen? Warum also, frage ich, betest du solch einen Gott an?“

   „Doch du weißt, dass er es nicht tut! Das war bloß ein Ausnahmefall.“

   „Wenn es das war, ist es tatsächlich wertlos – so wertlos wie dein Verhalten es machen wollte. Doch du bist tauben Herzens wie es Martha und Maria waren. Siehst du nicht, dass er so kontinuierlich wiederherstellt, wie er fortnimmt – dass jeder Verlust eine Wiederherstellung ist – dass, wenn du mit leeren Armen weinst, andere, welche so gut lieben wie du, in Verzückung der Wiedervereinigung umarmen?“

   „Weh, wir wissen nichts darüber!“

   „Wenn du nicht mehr gelernt hast, muss ich dich lassen, keinen Grund in dir habend, auf welchen meine Worte fallen mögen. Du hast mich getäuscht; du nanntest dich selbst einen Christen. Du kannst nicht den Willen des Vaters getan haben, oder du wärest nicht wie du bist.“

   „Weh, du weißt nichts von meinem Verlust!“

   „In der Tat, er ist groß! Er scheint Gott mit einzuschließen! Wenn du wüsstest, was er über den Tod weiß, würdest du deine lustlosen Hände falten. Doch warum soll ich umsonst versuchen, dich zu trösten? Du musst elend gemacht werden, dass du von deinem Schlaf aufwachen mögest, zu erkennen, dass du Gott brauchst. Wenn du ihn nicht findest, würde endloses Leben mit den Lebenden, welche du betrauerst, für dich unerträglich werden und bleiben. Die Erkenntnis über dein Herz wird dich dies lehren – nicht die Erkenntnis, die du hast, sondern die Erkenntnis, die auf dem Wege ist zu dir durch das Leiden. Dann wirst du fühlen, dass Existenz in sich selbst das Erste aller Übel ist, ohne die Gerechtigkeit, welche von Gott ist durch Glauben.[32]


[1] A Greek-English lexicon of the New Testament, being Grimm’s Wilke’s Clavis Novi Testamenti, by Grimm, Carl Ludwig Wilibald, 1807-1891; Thayer, Joseph Henry, 1828-1901; Wilke, Christian Gottlob, 1786-1854 – dessen letzte revidierte Fassung von 1889 (Herausgabejahr der Unspoken Sermons III) auch digital aufzufinden ist.

[2] Markus 1, 43: „Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich“ Matthäus 9, 30: „Und ihre Augen wurden geöffnet. Und Jesus bedrohte sie und sprach: Sehet zu, dass es niemand erfahre!“ – Jesus mahnt die Geheilten heftig, nichts von ihrer Heilung durch ihn zu erzählen.

[3] Oder auch Empörung, Entrüstung – in jedem Fall eine Emotion starker Verärgerung.

[4] „Und murrten über sie“ – die Gäste „murrten“ über die Frau, die das Salböl über Jesus ausgegossen und verschwendet hat – sie empörten sich also über sie, waren unwillig über sie.

[5] Gemeint sind die ältere King James Bibel und die revidierte Version.

[6] Johannes 14, 4

[7] Gemeint ist der von Jesus geheilte Blinde, der von den Pharisäern aus der Synagoge geworfen wurde.

[8] Tatsächlich gilt nach dem jüdischen Gesetz jeder selbst als unrein, wenn er einen anderen Unreinen berührt. Jesus hat nach den Berichten der Evangelien oft nur Worte zur Heilung gebraucht, doch immer wieder lesen wir auch, dass er Menschen „anrührte“ – gerade diejenigen, die als unberührbar galten.

[9] Markus 1, 45

[10] Matthäus 9, 27 – 31

[11] Ob MacDonald mit seiner eigenen Version der Übersetzung Recht hat, mag dahingestellt sein. Bis heute übersetzen alle Bibeln, selbst die modernsten und urtextnächsten, so wie die beiden von MacDonald erwähnten Versionen. Allerdings wissen wir von ihm, dass er sein neues Testament regelmäßig auf Griechisch las und das Altgriechische intensiv studiert hat. Wie auch immer man die Übersetzung des fraglichen Abschnittes betrachtet, hat MacDonald hier einen entscheidenden Punkt getroffen – nicht in allen Geschichten über Heilungen verbietet Jesus den Geheilten von ihrer Heilung durch ihn zu erzählen. Wo er es tut, macht er es mit starkem Nachdruck wie in den hier behandelten Passagen. Die Gründe liegen im Dunkeln, aber MacDonald liefert hier einen Erklärungsansatz: die Geheilten legten den Fokus auf ihre Heilung, auf das Wunder, nicht auf Jesus selbst – sicher ein Punkt, den die Wundererzählungen des Neuen Testamentes deutlich machen sollten: es kommt nicht auf das Wunderbare des Wunders an, sondern auf denjenigen, der dieses Wunder bewirkt. Das Wunder ist nur Mittel zum Zweck. Das Wunder deutet stets auf die Größe und Güte Gottes hin – wo es dieses Ziel verfehlt, ist es vergeblich

[12] Siehe wie in Matthäus 23, 4 – wo Jesus über die Pharisäer spricht, dass sie in Form zahlreicher religiöser Gebote anderen Menschen nicht zu tragende Lasten um den Hals hängen.

[13] Andeutung auf das Volk Israel, das sich dem Berg Sinai und damit Gottes Gegenwart nicht nähern wollte, sondern lieber aus der Ferne anbeten – sie baten Mose, ihr Vermittler zu sein, da sie sich selbst vor Gottes Nähe fürchteten.

[14] Siehe Matthäus 16, 22

[15] Epheser 4, 26 – 27

[16] Siehe 1. Könige 18 – Der Prophet Elia ruft die Propheten Baals, die im Dienst der Königin Isebel stehen, zu einem Gottesurteil auf den Berg Karmel. Das Opfer Elias wird mit himmlischem Feuer entzündet, während die Propheten des Baal vergeblich zu ihrem Gott beten und sich mit Klingen die Haut ritzen, um durch ihr Blutopfer den Götzen zum Handeln zu bewegen.

[17] Vermutlich die Verballhornung eines Christushymnus – statt „Du bist unser König, O Jesus!“ wie es als Textzeile in vielen christlichen Liedern so oder ähnlich vorkommt.

[18] Wenn MacDonald von dieser Art übertriebener, heidnischer Trauer redet, sollte man nicht vergessen, dass ihm in seinem eigenen Leben Verlust und Trauer nicht fremd gewesen sind. Viele seiner Familienmitglieder hat er früh an den Tod verloren, die meisten seiner von ihm sehr geliebten Kinder in sehr jungen Jahren an die Tuberkulose, die man im 19. Jahrhundert erst langsam als Krankheit mit konkretem Auslöser und Ansteckungsgefahr entdeckte. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts konnte ein Antibiotikum gezielt zur Bekämpfung bakterieller Erkrankungen eingesetzt werden, flächendeckend erst ab den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert noch war die Kindersterblichkeit enorm hoch. Es ist in dieser Zeit vor solchen Behandlungsmöglichkeiten, dass MacDonald über den Tod schreibt, der damals ein fast schon alltäglicher Begleiter war. Zudem findet sich ein Trend der Ästhetisierung des Todes und ein Element überzogener Trauer. Manche Familien ließen sich gemeinsam mit ihren verstorbenen Angehörigen ein letztes Mal ablichten, wobei die tote Person meist so gekleidet und arrangiert wurde, als lebte sie noch.

[19] Jakobus 1, 17

[20] Johannes 11, 32

[21] Johannes 2, 25

[22] Johannes 11, 21 – 26 – Unterhaltung zwischen Jesus und Martha

[23] Markus 5 / Lukas 8 und Lukas 7

[24] Siehe Lukas 10, 38 – 42 – MacDonald spielt auf diese Begebenheit an, die von Lukas berichtet wird, dass Maria als Schülerin zu Füßen Jesu saß und seiner Lehre aufmerksam lauschte.

[25] Die Deutungen, warum Jesus am Grab des Lazarus weinte, sind sehr unterschiedlich. MacDonald versucht nah am Text zu bleiben und folgt einer alten Tradition, wonach es weniger die Trauer um den toten Freund, noch einfach die Trauer über die Traurigkeit der Umstehenden ist, die Jesus zum Weinen bringt – sondern die innere Haltung der Trauernden, denen es an Vertrauen in Gott mangelt, welche ihn zu Tränen rührt. Andere wiederum sehen hier eine Mischung des Menschen Jesus in seiner Trauer um einen irdischen Freund mit dem Empfinden des Sohnes Gottes, der die Sache Gottes vertritt – somit wären es Trauer und Unwillen über Unglauben, die Jesus gleichermaßen zum Weinen bringen – und seine Tränen sind das Zeugnis für den Glaubenssatz, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist. Worin sich fast alle, die jemals über die Auferweckung des Lazarus geschrieben haben, einig sind, ist, dass es eine schwere Last für Lazarus war, wieder ins Leben zurückgeholt zu werden. So ist seine Auferstehung als eine Rückholung von den Toten nur ein Zeichen auf die eigentliche Auferstehung der Toten hin. Die Zeugnisse der vier Evangelien stimmen darin überein, dass die Auferstehung Jesu eine ganz andere Qualität besitzt. Jesu Auferstehungsleib ist einem weiteren Zugriff des Todes vollständig entrissen, während Lazarus noch einmal dem Prozess des Sterbens unterworfen sein wird. 

[26] Johannes 11, 41 ff

[27] Johannes 11, 42

[28] Lukas 18, 8

[29] Johannes 11, 36

[30] Johannes 11, 44

[31] Zitat nicht identifiziert

[32] Philipper 3, 9 – Übergang zur nächsten Predigt