Buchbesprechung:
Mary L. Trump: Zu viel und nie genug. Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf
Aus dem Amerikanischen von Christiane Bernhardt, Pieke Biermann, Gisela Fichtl, Monika Köpfer, Eva Schestag
Heyne, 2020, 276 Seiten

Es ist nicht das erste Buch über den Mann mit dem orangefarbenen Gesicht. Es wird nicht das letzte Buch über ihn sein. Und für gewöhnlich ignoriere ich jedes Werk zwischen zwei Buchdeckeln, das sich über ihn äußert. So wie ich für gewöhnlich nur das allermindeste konsumiere, was durch ihn oder über ihn in den Medien zu sehen und zu hören ist. Ehrlich und aufrichtig: ich ertrage es kaum, ihn zu sehen und zu hören. Warum also habe ich mich durch die fast 300 Seiten seiner Nichte Mary über ihren Onkel Donald gewühlt? Nicht, weil es das beste Buch über ihn ist – denn da ich kein anderes über ihn gelesen habe, wage ich das nicht zu beurteilen. Aber es ist das für mich interessanteste, denn es ist das persönliche Zeugnis einer nahen Verwandten.
Zu bedenken: Mary L. Trump ist das Kind von Fred Trump Junior, dem ältesten Sohn des Trump-Imperium-Gründers Fred Trump Senior. Eigentlich sollte dieser Sohn der Nachfolger werden, nach streng patriarchalischer Tradition. Fred Junior, genannt Freddy, tat sich jedoch schwer mit diesem ihm zugedachten Schicksal. Mit 43 Jahren starb er an den Folgen seiner Alkoholsucht. Bühne frei für den jüngeren Sohn Donald. Nach dem Ableben des Patriarchen wurde der Familienzweig Freddy Trumps de facto enterbt. Seine Kinder Mary (die Autorin des Buches) und Fritz versuchten gerichtlich dagegen vorzugehen. Das Ganze endete mit einem wenig befriedigenden Vergleich für die Sprösslinge des in Ungnade gefallenen Freddy. Nun könnte man Mary Trump unterstellen, das kritische Buch über ihren Onkel aus Enttäuschung, Bitterkeit, Neid und verletzten Stolz geschrieben zu haben. Gewissermaßen eine späte Abrechnung pünktlich vor den kommenden Wahlen. Allerdings ist es nicht so simpel, wie es einige Trump-Befürworter vielleicht gerne hätten. Denn Mary L. Trump ist finanziell unabhängig, beruflich erfolgreich und intelligent. Als promovierte Psychologin schreibt sie zudem aus ganz eigener Perspektive. Politisch gesehen steht sie eher links: registrierte Demokratin, ein gemeinsames Kind mit einer Frau, hoch gebildete Elite. Soviel zur groben Einordnung der Person.
Mary L. Trump beruft sich auf folgende Quellen: Finanzunterlagen, zu denen sie über ihren Anwalt aufgrund des Erbschaftsstreites Zugang hatte und die, durch sie selbst, wie sie schreibt, an die Medien geleakt wurden – deren Glaubwürdigkeit ist mittlerweile nicht mehr anzuzweifeln, Ermittlungen deswegen sind längst von offizieller Seite eingeleitet. Des Weiteren sind es vor allem Gespräche mit ihrer Tante Maryanne Trump, die älteste Tochter von Fred Senior, die ihr als Hauptquelle für Informationen über das Aufwachsen der fünf Trump-Geschwister Fred, Maryanne, Elisabeth, Donald und Robert dienen. Als dritte Quelle stehen ihr die eigenen Erinnerungen und die ihrer Mutter an den verstorbenen Freddy und die Begegnungen mit einzelnen Familienmitgliedern im Hause Trump zur Verfügung.
Mary L. Trump beschränkt sich in ihren Ausführungen nicht auf eine gnadenlose Abrechnung mit ihrem Onkel Donald, sondern verfolgt soweit es ihr möglich ist die gesamte Familiengeschichte zurück bis zur Einwanderung des Vaters von Fred Trump Senior, und derjenigen von Mary Christ, die auf der Suche nach Ehemann und Zukunft von Schottland in die USA einwandert und dort Fred kennenlernt. Die fünf oben genannten Kinder gehen aus dieser Ehe hervor, deren Aufwachsen und Lebenswege die Autorin nachzuzeichnen versucht. Ihre Perspektive ist die der Entwicklungspsychologin – sie führt alle pathologisch wirkenden Verhaltensweisen der Trump-Nachkommen auf das lieblose Elternhaus zurück. Materiell mangelt es keinem von ihnen an etwas, aber ein chronisch abwesender, an seinen Kindern wenig interessierter Vater und eine kränkliche Mutter, die selbst nach Aufmerksamkeit verlangt, führen nach Meinung von Mary L. Trump zu emotionalem Mangel gerade bei den jüngeren Geschwistern und vor allem bei Donald. Grob zusammen gefasst: Sie attestiert ihm nicht wie viele andere eine narzisstische Persönlichkeit, sondern sie sieht ihn eher als immer noch nach Anerkennung und Liebe heischenden Dreijährigen, der voller Angst und Unsicherheit ist und diese Angst und Unsicherheit durch Dreistigkeit und großspuriges Auftreten zu bekämpfen sucht. Dadurch ist sein Verhalten peinlich, sprunghaft und damit gefährlich. Empfänglich für Lob und Schmeichelei ist er außerdem durch klügere und mächtigere Persönlichkeiten leicht manipulierbar, was eventuell die seltsamen Verwicklungen mit Machthabern wie Putin und Kim Jong Un erklärt. Außerdem beschreibt sie, was schon viele andere aus seinem Umfeld getan haben und mit fortschreitenden Krisen der Weltöffentlichkeit ebenso einleuchtet: dass er schlicht auf keinem Gebiet irgendein umfassendes Wissen aufweisen kann, ihm der Sinn für Zusammenhänge fehlt und er eine miserable Gedächtnisleistung besitzt. Insofern wirkt seine permanente Selbstdarstellung als bester, klügster, leistungsfähigster Mann besonders absurd, ist jedoch in seinem Weltbild und Empfinden schlüssig.
Mit Donald Trump, der in seinem Leben vermutlich noch nie ein Buch gelesen hat, ist das Reality-TV ins Weiße Haus eingezogen. Was viele Amerikaner und die Welt lange Zeit amüsant oder gar bewundernswert fanden – absolute Dreistigkeit und schamlose Vermarktung der Marke Trump – wird jetzt zum politischen Problem. Nichts anderes spielt sich vor unseren Augen ab: eine lächerliche Reality-TV-Show. Das kann man mit einem Schulterzucken abtun und versuchen zu ignorieren, es hat jedoch konkrete Auswirkungen im Leben der Menschen.
Das für mich eindrücklichste und aktuellste, was Mary L. Trump beschreibt: ein Zurückhalten von Bundesmitteln an Schutzausrüstung und Beatmungsgeräten zur Bekämpfung von Covid-19 – eine Auslieferung dieser dringend benötigten Dinge an Bundesstaaten, deren Spitze Donald Trump nicht ausreichend schmeichelt und sich gegen ihn äußert, wird bewusst verzögert. Das kostet Menschenleben. War es bisher für viele noch ein großer Lacher, was da auf der anderen Seite des Ozeans passiert, sollte uns spätestens jetzt, wo die USA die Statistik der Todesopfer anführen, die Gefährlichkeit eines solchen Menschen deutlich sein.
Das ist unter anderem der Grund, dass Mary L.Trump nun zur Feder gegriffen hat, wie sie selbst schreibt. Auch wenn sie sich zum Ende des Buches hin Trump’scher Superlative nicht erwehren kann und der Epilog einer typisch amerikanischen Politik-Rede ähnelt, ist das Buch im Großen und Ganzen geprägt von Sachlichkeit. Natürlich ist es eine Abrechnung, aber es kommt ohne grobe Beleidigungen aus, geht nicht unter die Gürtellinie.
Auch wenn man der These von Mary L. Trump vielleicht nicht folgt – ich persönlich halte sie für weitaus schlüssiger als jede andere wilde Theorie über Donald Trumps Geisteszustand. In jedem Fall ist das Buch ein wichtiges und interessantes Zeitzeugnis und trägt dazu bei, das Selbstverständnis der Familie Trump nachzuvollziehen.
Wie viele Kinder mögen in der Welt herumlaufen, die ohne Bücher und ohne Liebe aufgewachsen sind und sich mit Selbstdarstellung und Dreistigkeit durch das Leben schlagen? Viele. Aber nicht alle werden Präsident der USA. Nun, Donald ist für mich kein eigentlich gefährlicher Mann wie der Untertitel es suggeriert. Aber die permanente Unterstützung seines kindischen Gebarens produziert gefährliche und lebensgefährliche Situationen in Weltpolitik und Gesellschaft.
Bleibt zu hoffen, dass die fast 1 Million Leser, die das Buch in den ersten Tagen nach Veröffentlichung in den USA erworben haben, die Mahnungen ernst nehmen. Ob eine zweite Periode Trump einfach nur weitere Peinlichkeiten nach sich zieht oder es zu weitaus größeren Katastrophen kommt, die durch seine Nichtkompetenz ausgelöst werden, kann niemand vorhersehen. Mary ist Psychologin und keine Prophetin. Aber wenn es um Menschenleben und intakte Gesellschaften geht, ist dieser Spieleinsatz einfach zu hoch.
No Deal with the Deal-Maker. Bleiben wir zuversichtlich.

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