Übersetzung – Nicht gehaltene Predigten III von George MacDonald – Kapitel 11 – Die letzte Demaskierung

Die letzte Demaskierung

   Denn es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde.“ Matthäus 10, 26; Lukas 12, 2

   Gott ist nicht ein Gott, der verbirgt, sondern ein Gott, der offenbart. Sein ganzes Wirken in Beziehung zu den Geschöpfen, die er gemacht hat – und worin sonst kann sein Wirken liegen? – ist Offenbarung – das ihnen Wahrheit Geben, das ihnen sich selbst Zeigen, dass sie ihn erkennen mögen und ihm näher und näher kommen und er seine Kinder so mehr und mehr zu seinen Gefährten hat. Dass wir im Dunkeln über irgendetwas sind, ist niemals so, weil er es verbirgt, sondern weil wir noch nicht solche sind, dass er in der Lage ist, uns diese Sache zu offenbaren.

   Dass Gott die Sache, für welche er Zeit braucht, sie zu tun, nicht sofort tun könnte, mögen wir sicherlich ohne Pietätlosigkeit sagen. Sein Wille kann nicht endgültig vereitelt werden; wo er für eine Zeit vereitelt wird, ist gerade das Vereiteln dem Herausarbeiten eines höheren Anteils seines Willens dienlich. Er gab dem Menschen die Macht, seinen Willen zu vereiteln, dass, mittels derselben Macht, er zuletzt dahin kommen möge, seinen Willen in einer höheren Art zu tun, als es ihm anderweitig möglich gewesen wäre. Gott opfert seinen Willen dem Menschen, dass der Mensch solcherart werde wie er selbst und alles für die Wahrheit gibt; er macht den Menschen fähig, Falsches zu tun, dass er Gerechtigkeit erwähle und liebe.

    Die Tatsache, dass alle Dinge langsam in das Licht der Erkenntnis der Menschen kommen – so weit dies für das Erschaffene möglich sein mag– wird durch den Herrn in dreierlei Weise gebraucht, wie durch seinen Evangelisten berichtet. In einem Fall, mit welchem wir uns jetzt nicht beschäftigen werden – Markus 4, 22; Lukas 8, 16 – gebraucht er es, um die Pflicht derer zu bekräftigen, welche Licht empfangen haben, es scheinen zu lassen: sie müssen ihren Teil tun, alle Dinge hervorzubringen.[1] In Lukas 12, 2 wird berichtet, wie er es anbrachte, um sich auf Heuchelei zu beziehen, ihre Nutzlosigkeit zeigend; und in dem Fall, der in Matthäus 10, 25 berichtet wird, gebraucht er die Tatsache, um die Furchtlosigkeit in Bezug auf das Missverstehen unserer Worte und Taten zu bekräftigen.

   In welcher Form auch immer der Herr beabsichtigen mag, dass es ausgeführt werde, gibt er uns, als ein unveränderliches Prinzip in der Verwaltung des Universums, zu verstehen, dass all solche Dinge, wie die Ungerechten zu verstecken suchen, und solche Dinge, wie es ein Schmerz für die Gerechten ist, dass sie versteckt wurden, ans Licht kommen sollen.

   „Hütet euch vor Heuchelei,“ sagt der Herr, „denn es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde.“ Was ist Heuchelei? Das Verlangen, besser auszusehen, als du bist; das Verbergen von Dingen, die du tust, weil man nicht annimmt, dass du sie tust, weil du beschämt wärest, wenn sie bekannt werden würden, wo du bekannt bist. Das Tun der Dinge ist faul; das Verbergen von ihnen, damit du besser erscheinst als du bist, ist noch fauler. Der Mensch, der nicht in seinem eigenen Gewissen lebt wie unter offenem Himmel, ist ein Heuchler – und für die meisten von uns ist die Frage, entwickeln wir uns mehr auf solche Heuchler hin oder mehr davon weg? Sind wir beschämt, nicht offen und klar gewesen zu sein? Bekämpfen wir das böse Ding, welches unsere Versuchung zur Heuchelei ist? Der Herr hat nicht einen Gedanken in sich, beschämt zu sein vor Gott und seinem Universum und er wird nicht zufrieden sein, bis er uns in derselben Freiheit hat. Zu unserer Ermutigung, dass wir weiterzukämpfen, sagt er uns, dass jene, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, satt werden sollen,[2] dass sie so gerecht werden sollen, wie der Geist des Vaters und des Sohnes in ihnen sie danach verlangen macht.

   Der Herr sagt auch: „Haben sie den Hausherrn Beelzebub geheißen, wie viel mehr werden sie seine Hausgenossen also heißen! So fürchtet euch denn nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und nichts ist heimlich, das man nicht wissen werde.“[3] Für einen Menschen, welcher Gerechtigkeit liebt und seine Mitmenschen, muss es immer schmerzvoll sein, missverstanden zu werden; und Missverstehen ist besonders unvermeidlich, wo er nach Prinzipien jenseits der Erkenntnis derer um ihn herum handelt, welche, nur halbherzige Christen seiend, sich selbst für die Gesetzgeber der Gerechtigkeit halten und ihn gerade der Dinge bezichtigen, welche zu zerstören das Ziel seines Lebens ist. Der Herr selbst wurde beschuldigt ein Trinker und Teilhaber schlechter Gesellschaft zu sein[4] – und würde vielleicht heutigentags von nicht wenigen so wahrgenommen werden, die sich selbst nach seinem Namen nennen und Mäßigung und Tugend lehren. Er lebte auf einer höheren geistlichen Ebene als sie verstanden, handelte von einer Höhe der Tugenden aus, die sie eintrichtern wollten, erhabener als ihre Augen bemessen können. Seine Himalayas sind von ihren Sandhaufen aus nicht sichtbar. Der Herr ertrug ihre bösen Zungen und war weder bestürzt noch besorgt; doch aus dieser eigenen Erfahrung heraus tröstet er jene, welchen, seine Botschafter seiend, es ergehen muss wie ihm. „Haben sie den Hausherrn Beelzebub geheißen, wie viel mehr werden sie seine Hausgenossen also heißen! – „Wenn sie einen Menschen beleidigen, wie viel mehr werden sie seinen Diener beleidigen!“ Während Menschen sich selbst aus irgendeinem anderen Grund für Christen halten als dem, dass sie Sklaven Jesu Christi sind, die Kinder Gottes und frei von sich selbst, so lange werden sie die Diener des Meisters boshaft behandeln. „Zögert nicht“, sagt der Herr „die Wahrheit zu sprechen, die in euch ist; beachtet nicht, was sie euch nennen; verkündet von den Dächern; fürchtet niemanden.“[5]

   Er sprach die Worte zu den Menschen, welche er als die ersten ansah, die Nachricht des Himmelreichs auszubreiten; doch sie sind anwendbar auf alle, welche ihm gehorchen. Nicht wenige, welche danach gestrebt haben, ihre Pflicht zu tun, sind verärgert gewesen, enttäuscht, vielleicht aufgebracht durch die Gegnerschaft, das Missverstehen und die falsche Darstellung, welcher sie darin unterworfen worden sind – hauptsächlich von jenen und den Freunden jener ausgehend, welche durch ihre Mühen, allen Nächste zu sein, begünstigt worden sind. Die Geschichten von Herzlosigkeit und Undankbarkeit, auf die man stoßen muss, nötigen einen mehr und mehr, klar zu sehen, dass die Menschheit, ohne willentliches Mühen um Gerechtigkeit, elend genug ist, zu jeder Tiefe der Gemeinheit herabzusinken. Auch die Urteile eingebildeter Überlegenheit sind schwer zu ertragen. Der reiche Mann, welcher seine Angestellten bis auf den letzten Penny ausquetschen wird, wird seinem armen Verwandten eine ernste Lektion über Extravaganz verlesen, wegen irgendeinem demütigsten, kleinen Akt der Großzügigkeit! Er benutzt das Ende des Balkens, der aus seinem Auge herausragt, um gleichwohl den Splitter aus dem Auge seines Bruders zu ziehen![6] Wenn, in dem Streben ein wahrhaftigeres Leben zu führen, ein Mensch bloß auf andere Weise lebt als seine Nachbarn, werden eigenartige Motive erfunden werden, um es zu begründen. Für die ehrliche Seele ist es ein Trost zu glauben, dass die Wahrheit eines Tages erkannt werden wird, dass aufhören wird angenommen zu werden, dass er war und tat, wie dumpfe Köpfe und Herzen von ihm berichteten. Noch befriedigender wird das Enthüllen sein, wo ein Mensch durch jene missverstanden wurde, welche ihn besser hätten kennen sollen – welche, den zur Debatte stehenden Punkt nicht einmal verstehend, es für sicher nehmen, dass er dabei ist, das Falsche zu tun, während er nach Mut ruft, weder sich selbst noch seine Freunde zu beachten, sondern nur den Herrn. Wie viele hören und akzeptieren die Worte „Seid nicht gleichförmig dieser Welt“[7] ohne einmal wahrzunehmen, dass das, was sie Die Gesellschaft nennen und sich dem als vorrangig beugen, Die Welt ist und nichts anderes, oder dass jene, welche beachten, was Leute denken und was Leute sagen werden, gleichförmig sind der Welt – das heißt, ihre Form annehmen. Der wahrhaftige Mensch fühlt, dass er nichts zu schaffen hat mit der Gesellschaft als Richter oder Gesetzgeber: er ist unter dem Gesetz Jesu Christi und es setzt ihn frei vom Gesetz Der Welt.[8] Lasst einen Menschen recht tun und sich selbst nicht bekümmern über wertlose Meinung; je weniger er das Gerede beachtet, desto weniger schwierig wird er es finden, die Menschen zu lieben. Lasst ihn sich trösten mit dem Gedanken, dass die Wahrheit herauskommen muss. Er wird nicht zur Ewigkeit vordringen müssen mit dem Brandmal unwissenden oder bösartigen Urteils auf sich. Er wird Seinesgleichen finden und von ihnen beurteilt werden.

   Doch du, welcher nach der Rechtfertigung des Lichtes ausschaut, bist du eigentlich selbst vorbereitet, solcher Exponierung zu begegnen, wie die allgemeine Enthüllung der Dinge bringen muss? Bist du verlangend nach der Wahrheit, was immer sie sei? Ich meine keineswegs zu fragen, Hast du ein Gewissen so leer von Übertretung, hast du ein Herz so rein und sauber, dass du keine volle Exponierung fürchtest von dem, was in dir ist, dem Blick der Menschen und Engel? – was Gott betrifft, er weiß es alles jetzt! Was ich meine zu fragen ist, Liebst du die Wahrheit und das Rechte so sehr, dass du die Idee einer Exponierung von dem, was in dir ist und noch unerkannt dir selbst, willkommen heißt oder dich ihr zumindest willig ergibst – eine Exponierung, die der Herrlichkeit der Wahrheit zum Vorteil gereicht, indem sie dich beschämt und demütig macht? Es mag zum Beispiel sein, dass du falsch gelegen hast in Bezug auf jene, um deren Berichtigung ihrer Fehler gegen dich, das große Gericht Gottes nun von dir mit Leidenschaft erwartet wird: wirst du jede Entdeckung willkommen heißen, selbst wenn sie zur Entschuldigung anderer dient, die dich wahrhaftiger machen wird, indem sie offenbart, was in dir falsch war? Bist du willens, froh gemacht zu werden, dass du falsch gelegen hast, während du dachtest, andere lagen falsch? Wenn du mit solcher Ergebung der Offenbarung der verborgenen Dinge entgegensehen kannst, dann bist du aus der Wahrheit und musst dich nicht fürchten; denn, was immer auch kommt, es wird und kann dich nur wahrhaftiger und demütiger und reiner machen.

   Meint der Herr, dass alles, was ein Mensch jemals getan hat oder gedacht, offengelegt werden muss vor dem Universum?

   So weit wie es, denke ich, notwendig ist für das Verstehen des Menschen durch jene, welche ihn gekannt haben oder die darum besorgt sind, ihn zu kennen. Um der Zeit willen, die kommt, und um derer willen, welche ihn noch kennen werden, wird der Mensch von nun an, wenn er ein wahrhaftiger Mensch ist, transparent sein für alle, die in der Lage sind, ihn zu lesen. Ein Mensch mag dann nicht viel mehr als jetzt unlesbar sein für jene unter ihm, doch alle Dinge werden zur Offenbarung hinwirken, nichts zum Verhüllen oder Missverstehen. Wer im Himmelreich wird Verhüllung verlangen oder willens sein misszuverstehen? Verhüllung ist Finsternis; Missverstehen ist ein Nebel. Ein Mensch wird die Tür offen halten für jedermann, in sein Haus zu treten, denn es ist ein Tempel des lebendigen Gottes – mit einigen Dingen darin, die es wert sind, darauf zu schauen und nichts zu verstecken. Die Herrlichkeit der wahrhaftigen Welt ist, dass darin nichts ist, dass nötig hat verdeckt zu werden, während immer und immer Dinge aufgedeckt werden. Jedes Menschen Licht wird leuchten zum Guten und zur Wonne seines Nächsten.[9]

   „Werden all meine Schwächen, all meine bösen Gewohnheiten, all meine Kleinlichkeiten, all die falschen Gedanken, derer ich mich nicht erwehren kann – wird alles vor dem Universum ausgelegt werden?“

   Ja, wenn sie vorherrschen, als deinen Charakter zu konstituieren – das heißt, wenn sie du sind. Doch wenn du aus der Finsternis herausgekommen bist, wenn du sie bekämpfst, wenn du aufrichtig versuchst, im Licht zu wandeln,[10] magst du auf Gott deinen Vater hoffen, dass das, was er geheilt hat, was er heilt, was er vergeben hat, davon nichts mehr gehört werden wird, nun nicht mehr ein konstituierender Teil von dir seiend. Oder wenn tatsächlich einige deiner bösen Dinge noch gesehen werden müssen, wird ihre Wahrheit gesehen werden – dass sie Dinge sind, mit denen du im Streit liegst, nicht Dinge, die du schätzt und über denen du brütest. Gott wird fair zu dir sein – so fair! – fair mit der Fairness eines Vaters, der die Seinen liebt – welcher dich rein haben will, welcher dir weder irgendeine notwendige Beschämung[11] ersparen wird, noch dich irgendetwas ausgesetzt sein lassen wird, das nicht notwendig ist. Die Sache, über der wir aufgestiegen sind, ist tot und vergessen, oder wenn sie erinnert wird, ist da Gott, uns zu trösten. „Wenn irgendjemand sündigt, haben wir einen Tröster beim Vater.“[12] Wir können Gott mit unserer Vergangenheit genauso von Herzen vertrauen wie mit unserer Zukunft. Es wird uns nicht verletzen, so lange wir nicht versuchen, Dinge zu verbergen, so lange wie wir bereit sind, unsere Köpfe in herzlicher Beschämung zu beugen, wo es angebracht ist, dass wir beschämt sein sollten. Denn beschämt zu sein ist eine heilige und gesegnete Sache. Beschämung ist eine Sache nur zur Beschämung derer, welche zum Vorschein kommen wollen, nicht jene, welche sein wollen. Beschämung ist eine Sache nur jene zu beschämen, welche ihre Untersuchung durchstehen wollen, nicht jene, welche in das Herz der Dinge vordringen wollten. Im Namen Gottes, lasst uns hinfort nichts haben, wessen wir uns schämen und bereit sein, jeder Beschämung zu begegnen, die auf dem Wege ist, uns zu begegnen. Denn demütig beschämt zu sein heißt, in das reinigende Bad der Wahrheit eingetaucht zu werden.[13]

   Was die Offenbarung der Wege Gottes angeht, brauche ich nicht zu reden; er hat sie immer, von Anfang an, seinem Propheten offenbart, seinem Kind, und wird fortfahren so zu tun für immer und ewig. Doch lasst mich ein Wort sagen über eine andere Art der Offenbarung – die des eigenen Bösen dem Bösen.

   Die einzig schreckliche, oder zumindest die äußerst schreckliche Offenbarung ist die eines Menschen vor sich selbst. Was für ein Grauen wird es nicht sein für den niederträchtigen Menschen – mehr als alles für einen Menschen, dessen Vergnügen durch das Leiden anderer gesteigert wurde – ein Mensch, der sich selbst als solchen kannte wie ein Mensch normaler Moral sich von ihm in Verachtung abwenden würde, doch welcher bis dahin keine Einsicht hatte in das, was er ist – was für ein Grauen wird es nicht für ihn sein, wenn seine Augen geöffnet werden, sich selbst zu sehen, wie die Reinen ihn sehen, wie Gott ihn sieht! Stellt euch solch einen Menschen vor, plötzlich erwachend, nicht nur die Augen des Universums mit angeekeltem Erstaunen auf ihn gerichtet zu sehen, sondern sich selbst im selben Augenblick sehend, wie jene Augen ihn sehen! Was für ein Erwachen! – in den vollen Lichtschein von Tatsache und Bewusstsein, von Wahrheit und Übertretung!

   Meine Taten zu erkennen, wäre es besser, mich selbst nie gekannt zu haben!

   Oder denkt, wie es sein muss für einen Menschen, der sich selbst für religiös hält, orthodox, beispielhaft, plötzlich wahrzunehmen, dass da keine Religion in ihm war, nur Liebe zu sich selbst; keine Liebe für das Rechte, nur eine große Liebe dazu, im Recht zu sein! Was für eine Entdeckung – dass er schlicht ein Heuchler war – einer, welcher es liebte so zu erscheinen, und es nicht war! Die Reichen scheinen jene zu sein, unter welchen hernach die schärfsten Umkehrungen auftauchen werden, wenn ich das Gleichnis des reichen Mannes und des Lazarus richtig verstehe.[14] Wer hat nicht die Anmaßung ihrer Gemeinheit gegen die Armen gekannt, während sie sich die ganze Zeit zu den eigentlich Auserwählten zählten! Wozu Reichtümer und eingebildete Religion, mit der Selbst-Genügsamkeit, die sie zwischen sich zeugen, Mann oder Frau fähig machen, ist haarsträubend. Mammon, der verachtenswerteste der Gottheiten, ist der am meisten angebetete, gleichzeitig außerhalb und innerhalb des Hauses Gottes: für viele der religiösen Reichen in diesen Tagen, wird die große Verurteilung ihr Verhalten den Armen gegenüber sein, zu welchen sie sich selbst sehr freundlich seiend dachten. „Er lobt sich selbst in seinen eigenen Augen, bis seine Ungerechtigkeit hassenswert gefunden wird.“[15] Ein Mensch mag für Jahre eine Sache im Abstrakten verachten und zuletzt herausfinden, dass er die ganze Zeit, in eigener Person, ihrer schuldig gewesen ist. Eine Sache zärtlich wiegend unter unserem Mantel zu tragen, verbirgt vor uns ihre Übereinstimmung mit etwas, das vor uns auf dem Podest der Öffentlichkeit steht. Manch ein Mensch mag dies lesen und dem zustimmen, welcher in seinem eigenen Busen den Aasvogel einkerkert, den er nie für das erkennt, was er ist, weil es Punkte unterschiedlicher Zeichnung in seinem Federkleid gibt, die ihn von dem Vogel unterscheiden, den er mit einem hässlichen Namen benennt.

   Von allen, welche eines Tages in Betroffenheit und Herzensschwere dastehen werden, mit dem Bewusstsein, dass ihre eigentliche Existenz eine Beschämung ist, wird es jenen am schlechtesten ergehen, welche bewusst verkehrt gegen ihre Mitmenschen gewesen sind; welche, Freundschaft vorgaukelnd, ihren Nächsten für die eigenen Zwecke benutzt haben; und im Besonderen jene, welche, Freundschaft vortäuschend, Freunde zertrennt haben. Solchen hat Dante die tiefste Hölle verordnet.[16] Wenn es eine Sache gibt, die Gott hasst, muss es Verrat sein. Stellt euch nicht vor, dass Judas der einzige Mensch ist, von welchem der Herr sagen würde: „Besser wäre es für diesen Menschen, wenn er nie geboren worden wäre!“[17] Sprach der Herr aus persönlicher Empörung oder äußerte er eine geistliche Tatsache, ein lebendiges Prinzip? Sprach er in Zorn über den Verrat seines Apostels zu sich selbst oder in Mitleid für den Menschen, der besser nicht geboren worden wäre? Entsprang das Wort seinem Wissen über irgendeine beängstigende Bestrafung, die Judas erwartete oder seinem Empfinden des Grauens, das es war, solch ein Mensch zu sein? Jenseits aller bemitleidenswerten Dinge liegt, dass ein Mensch das Bewusstsein mit sich herumtragen sollte, solch eine Person zu sein – sich selbst und nicht einen anderen als diesen Falschen erkennen sollte! „Oh Gott,“ denken wir, „wie schrecklich, wenn ich das wäre!“ Genauso schrecklich ist es, dass es Judas sein sollte! Und habe ich nicht Dinge getan mit demselben Keim darin, ein Keim, welcher, zu seiner bösen Vervollkommnung gebracht, sich selbst als der Maden-Wurm Verrat erzeigend? Außer ich liebe meinen Nächsten wie mich selbst, mag ich ihn eines Tages betrügen! Lasst uns daher mitfühlend sein und demütig und für jeden Menschen hoffen.

   Ein Mensch mag in solch kleinen Abstufungen sinken, dass er, lange nachdem er ein Teufel ist, fortfahren mag ein guter Kirchenmann oder ein guter Freikirchler zu sein, und sich selbst für einen guten Christen halten. Fortgesetzt wiederholte Sünde gegen das armselige Bewusstsein vom Bösen muss ein furchtbares Erwachen haben. Es gibt Menschen, welche niemals aufwachen zu erkennen, wie übel sie sind, bis, weh, der Blick der Menge auf sie gerichtet ist! – die Menge, die mit selbstgerechten Augen starrt, selbst ähnliche Dinge tuend, doch bisher noch nicht herausgefunden; nach anderen Mustern sündigend, daher die härtesten Richter, denken sie durch Verurteilung selbst dem Gericht zu entkommen. Doch es gibt nichts, das verborgen ist, was nicht offenbart werden soll. Was ist, wenn die einzige Sache, den verräterischen, Geld-liebenden Dieb Judas zur Erkenntnis seiner selbst aufzuwecken, war, die Sache bis zu ihrem Ende geschehen zu lassen und seinen Kuss den Meister verraten zu lassen? Judas hasste den Meister nicht, als er ihn küsste, doch kein wahrhaftiger Mensch seiend, verriet ihn gerade seine Liebe.

   Der gute Mensch, sich seines eigenen Bösen bewusst, und keine Zuflucht verlangend außer dem reinigenden Licht, wird hauptsächlich jubeln, dass die Exponierung des Bösen den Sieg der Wahrheit bewirkt, das Königreich Gottes und seines Christus. Er sieht in der Demaskierung des Heuchlers, in dem Aufdecken des Verdeckten, in der Exponierung des Verborgenen, Gottes Einmischung, für ihn und die ganze menschliche Art, zwischen ihnen und der Lüge.

   Der einzige Triumph, den die Wahrheit jemals haben kann, ist ihre Wahrnehmung durch das Herz des Lügners. Ihr Sieg ist in dem Menschen, welcher, nicht zufrieden damit zu sagen: „Ich war blind und nun sehe ich“,[18] ausruft: „Herr, Gott, gerecht und wahrhaftig, lass mich vergehen, doch bleibe du! Lass mich leben, weil du lebst, weil du mich vor dem Tod in mir selbst rettest, die Unwahrheit, die ich in mir genährt habe und auch noch Gerechtigkeit genannt habe! Gelobt sei dein Name, denn einzig du bist wahrhaftig; einzig du liebst; einzig du bist heilig, denn du bist demütig! Einzig du bist selbstlos; einzig du hast nie das eigene gesucht, sondern das Wohl deiner Kinder! Ja, Oh Vater, sei du wahrhaftig und jeder Mensch ein Lügner!“

   Es gibt keine Befriedigung der Vergeltung, die für den Verletzten möglich ist. Die ernsteste Bestrafung, die dem Übeltäter auferlegt werden kann, ist einfach, ihn wissen zu lassen, was er ist; denn seine Natur ist aus Gott und das Tiefste in ihm ist das Göttliche.[19] Noch kann irgendeine andere Bestrafung als die, den Sünder das Ausmaß seiner Verletzung sehend zu machen, dem Verletzten Befriedigung geben. Während der Übeltäter kein Übel zugeben will, während er über die Idee der Wiedergutmachung spottet, oder während er, das Übel zugebend, darin jubelt, es getan zu haben, könnte kein Leiden die Vergeltung befriedigen, weit weniger die Gerechtigkeit. Beide würden sich selbst weiterhin als vereitelt wissen. Daher, während eine befriedigte Gerechtigkeit ein unvermeidlich ewiges Ereignis ist, ist eine befriedigte Vergeltung eine ewige Unmöglichkeit. In dem Augenblick, da die einzig angemessene Bestrafung, eine Schau seiner selbst, anfängt ihren wahren Einfluss auf den Sünder zu haben, in dem Augenblick hat der Sünder angefangen, ein gerechter Mensch zu werden, und der Bruder Mensch, welchen er gekränkt hat, hat keine Wahl, ihm bleibt nichts anderes übrig, als den Missetäter an seinen Busen zu ziehen – umso zärtlicher, da sein Bruder ein bußfertiger Bruder ist, da er tot war und wieder lebendig ist, da er verloren war und wieder gefunden wurde.[20] Beachtet das Zusammentreffen der göttlichen Extreme – das Extrem der Bestrafung, die Umarmung des Himmels! Sie laufen zusammen; „der Kreis hat sich geschlossen.“[21] Denn ich wage zu denken, es kann keine solche Agonie für die erschaffene Seele geben, als sich selbst als widerwärtig zu sehen – widerwärtig durch ihr eigenes Handeln und Wählen. Auch wage ich zu denken, es kann keine Wonne für die erschaffene Seele geben – kurz, das heißt, eins zu sein mit dem Vater – keine Wonne so tief, wie den Himmel der Vergebung offen zu sehen und die leuchtende Treppe offenzulegen, die zu ihrem eigenen natürlichen Heim führt, wo der ewige Vater die ganze Zeit die Rückkehr seines Kindes erwartet hat.

   So, Freunde, wie unwillig auch immer wir sein mögen, wie heftig und gerechtfertigt auch immer wir unsere Fehler fühlen mögen, ist keine Vergeltung im Universum des Vaters für uns möglich. Ich mag bei mir selbst mit herzlichem Rachedurst sagen: „Ich würde diesen Menschen gerne sehen lassen, was für ein Schuft er ist – was alle aufrichtigen Menschen in diesem Augenblick von ihm denken!“ doch, wenn der Augenblick gekommen ist, wird der Mensch sich zehnfach mehr verachten als jeder andere Mensch es könnte, und in diesem Augenblick wird mein Herz seine Sünde begraben. Sein eigener Ozean des Mitfühlens wird hervorbrechen aus den göttlichen Tiefen seines Gottes-Ursprungs, um es zu überwältigen. Lasst uns versuchen vorauszudenken, unsere Vergebung vorzuverlegen. Wagt es irgendein Mensch anzunehmen, dass Jesus will, dass er den Verräter hasst, durch welchen er ans Kreuz gekommen ist? Hat ihm durch all die Zeiten hindurch die Art gefallen, mit welcher jene, die sich mit seinem Namen nennen, seine Nation behandelt haben und immer noch behandeln? Wir haben noch nicht die Tiefen der Vergebung ergründet, die von solchen verlangt sind und verlangt werden, wie seine Jünger sein wollen!

   Unsere Freunde werden uns dann erkennen: wird es zu ihrer Freude sein oder zu ihrer Bekümmerung? Werden ihre Herzen in ihnen herabsinken, wenn sie auf das wahre Bild von uns blicken? Oder werden sie jubeln herauszufinden, dass wir nicht so sehr zu tadeln sind, wie sie dachten, in dieser oder jener Sache, welche ihnen Sorge bereitete?

   Lasst uns hingegen erinnern, dass nicht nur das Böse aufgedeckt werden wird; dass manch eine maskierende Fehlwahrnehmung ein Angesicht aufdecken wird, das strahlend ist vor Lieblichkeit der Wahrheit. Und was auch immer für Enttäuschungen anfallen mögen, es gibt Trost für jedes wahrhaftige Herz in der einen genügenden Freude – dass es an der Grenze zum Himmelreich steht, dabei ist, einzutreten in den immer volleren, stetig wachsenden Besitz des Erbes der Heiligen im Licht.[22]


[1] Markus 4, 21

[2] Matthäus 5, 6

[3] Matthäus 10, 25 – 26

[4] Siehe z. Bsp. Matthäus 11, 19

[5] Matthäus 10, 27 – 28a

[6] MacDonald erweitert hier das Bild Jesu aus Matthäus 7, 3 – 4, indem der Balken im eigenen Auge sogar als Werkzeug missbraucht wird, um den Splitter aus jemand anderes Augen zu entfernen.

[7] Siehe Römer 12, 2

[8] Siehe Römer 8, 2

[9] Siehe Matthäus 13, 43 /  Daniel 12, 3

[10] Siehe 1. Johannes 1, 5 – 9

[11] Das englische Wort „shame“ wurde hier Durchgängig mit „Beschämung“ übersetzt, um deutlich zu machen, dass es nicht um eine Scham geht, die danach strebt, Dinge zu verbergen, sondern um einen Augenblick der Erkenntnis, der zuerst schmerzhaft ist, dann jedoch zu positiver Veränderung und Befreiung führt.

[12] Etwas abgewandeltes Zitat aus 1. Johannes 2, 1

[13] Epheser 5, 26

[14] Siehe Lukas 16, 19 ff

[15] Siehe King James Bibel – Psalm 36, 2: „For he flattereth himself in his own eyes, until his iniquity be found to be hateful.“ Die modernen deutschen Bibelübersetzungen schreiben anders – Zunz zum Beispiel übersetzt (hier ist es Vers 3): „Vielmehr schmeichelt es ihm in seinen Augen, sein hassenswertes Sündenziel zu finden.“ Luther 2019 (auch Vers 3): „Er schmeichelt Gott vor dessen Augen und findet doch seine Strafe für seinen Hass.“ – Wer hier wem schmeichelt, ist nicht ganz eindeutig – Die Psalmen zu übersetzen birgt einige Schwierigkeiten, da sie Poesie sind. Für den Zusammenhang der Predigt war es sinnvoll, hier direkt den Vers der King James Version ins Deutsche zu übertragen.

[16] In Dantes „Inferno“ gibt es 9 Kreise, in welche die Hölle unterteilt ist. Der neunte, am tiefsten liegende Kreis ist ein Ort der Eiseskälte, in dem Satan selbst zu finden ist, als der erste aller Verräter, der Gottesverräter. Hierhin werden auch alle menschlichen Verräter verdammt.

[17] Siehe Matthäus 26, 24 und Markus 14, 21

[18] Dieser Satz wird von dem Mann ausgesprochen, den Jesus in Johannes 9 von seiner Blindheit geheilt hat. Er wird bis heute in vielen christlichen Hymnen zitiert und im übertragenen Sinne gebraucht, da die Geschichte der Heilung des Blinden auch auf die geistliche Blindheit der Pharisäer hinweist.

[19] Das eigentliche Gericht Gottes besteht hier in Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis. Darin allein liegt für MacDonald schon Bestrafung des Bösen, indem es für einen Menschen bereits qualvoll ist, zu erkennen, wer und was er wirklich ist.

[20] Indirektes Zitat aus dem Gleichnis des Verlorenen Sohnes im Lukasevangelium. Diese Worte spricht der Vater zu seinem zweiten, daheim gebliebenen Sohn, der es unerträglich findet, dass seinem zurückgekehrten Bruder so leicht vergeben wird. In diesem Sinne handelt das Gleichnis von zwei verlorenen Söhnen, die der Vater zurückgewinnen und auch miteinander versöhnen will.

[21] Orig.: „the wheel is come full circle“ – Zitat aus Shakespeares „König Lear“ – zum geflügelten Wort geworden.

[22] Siehe Kolosser 1, 12 – Anschluss an die nächste Predigt.