Das Erbe
„…und danksaget dem Vater, der uns tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.“ Kolosser 1, 12

Einen Anteil an irgendeinem irdischen Erbe zu haben bedeutet, den Anteil der anderen Erben zu mindern. Am Erbe der Heiligen Anteil zu haben, wird das, was jeder hat, den Besitz der Übrigen vermehren. Hört, was Dante in den Mund seines Führers legt, als sie durch das Purgatorium gehen:[1]
Perché s’appuntano i vostri disiri
dove per compagnia parte si scema,
invidia move il mantaco a’ sospiri.
Ma se l’amor de la spera supprema
torcesse in suso il disiderio vostro,
non vi sarebbe al petto quella tema;
ché, per quanti si dice più lì ’nostro’,
tanto possiede più di ben ciascuno,
e più di caritate arde in quel chiostro“.
(Purgatorio Canto XV – 49 – 57)
Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen,
Die Mitbesitz verringern, die durch Neid
In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen.
Doch möchten in des Himmels Herrlichkeit
Des Menschen Wünsch’ ihr rechtes Ziel erkennen,
Wär’ eure Brust von solcher Angst befreit.
Je Mehrere dies Gut ihr eigen nennen,
Je mehr besitzt des Guts ein Jeder dort,
Je stärker fühlt er sich in Lieb entbrennen.“
(Deutsche Übersetzung: Streckfuß 1876)
Dante verlangt zu wissen, wie es sein kann, dass ein verteiltes Gut die Empfänger reicher machen sollte, je mehr von ihnen es gibt; und Vergil antwortet:
Ed elli a me: „Però che tu rificchi
la mente pur a le cose terrene,
di vera luce tenebre dispicchi.
Quello infinito e ineffabil bene
che là sù è, così corre ad amore
com’a lucido corpo raggio vene.
Tanto si dà quanto trova d’ardore;
sì che, quantunque carità si stende,
cresce sovr’essa l’etterno valore.
E quanta gente più là sù s’intende,
più v’è da bene amare, e più vi s’ama,
e come specchio l’uno a l’altro rende.
(Purgatorio Canto XV – 64 – 75)
Und Er: „Weil, nur auf Erdengut erpicht,
Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen,
Drum schöpfst du Finsterniß aus wahrem Licht.
Des Himmels unaussprechlich große Wonnen,
Sie eilen so in’s liebende Gemüth,
Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen.
Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht,
Und reicher strömt die ew’ge Kraft hernieder,
Je freudiger des Herzens Lieb’ erblüht.
Erhebt die Seel’ erst aufwärts ihr Gefieder,
Liebt mehr’re sie, je mehr zu lieben ist,
Denn Eine strahlt den Glanz der andern wieder –
(Deutsche Übersetzung: Streckfuß 1876)
In diesem Erbe also mag ein Mensch danach verlangen und streben, seinen Teil zu erlangen, ohne selbstsüchtiges Vorurteil gegen andere; nein, an unserem Teil darin zu versagen würde bedeuten, andere eines Anteils des ihren zu berauben. Lasst uns ein wenig näher hinschauen und sehen, worin das Erbe der Heiligen besteht.
Es mag vielleicht bedeuten, ein wenig logische Gewalt an den Begriffen des Abschnittes zu begehen, indem man sagt, dass „das Erbe der Heiligen im Licht“ einzig und allein meinen muss „der Besitz des Lichtes, welches das Erbe der Heiligen ist.“ Zur gleichen Zeit ist die Wendung wörtlich „das Erbe der Heiligen in dem Licht“; und dies macht es vielleicht wahrscheinlicher, dass, wie ich es annehme, Paulus das Licht selbst als das Erbe der Heiligen im Sinn hatte – dass er das eigentliche Wesen des Erbes für das Licht hielt. Und wenn wir uns erinnern, dass Gott Licht ist; und auch, dass das höchste Gebet des Herrn für seine Freunde war, dass sie eins seien in ihm und seinem Vater; und in Erinnerung rufen, was der Apostel zu den Ephesern sagte, dass „wir in ihm leben und weben und sind“,[2] mögen wir bereit sein zuzustimmen, dass, obwohl er nicht meinen mag, alle möglichen Phasen des Erbes der Heiligen in dem einen Wort Licht einzuschließen, wie ich denke, dass er es tut, doch die Idee vollkommen übereinstimmend ist mit seiner Lehre. Denn die eine einzige Sache, die Existenz zu einem Gut zu machen, die eine Sache, es wert zu machen, sie zu haben, ist nur, dass es da keinen Filmstreif der Trennung zwischen unserem Leben und dem Leben, von welchem unseres ein Ausdruck ist, geben sollte; dass wir nicht nur wissen sollten, dass Gott unser Leben ist, sondern gewahr sein sollten, in einem gewaltigen Bewusstsein jenseits von allem, was die Vorstellungskraft uns vermitteln kann, der Gegenwart des schaffenden Gottes in eben dem Prozess, uns als lebendige Dinge fortzuführen als die er uns gemacht hat. Dies ist nur eine andere Art zu sagen, dass das eigentliche Erbe, auf welches wir als zweifach geborene Söhne[3] unseres Vaters einen Anspruch haben – welcher Anspruch sein einziges Verlangen für uns ist, dass wir ihn, sozusagen, durchsetzen sollten – dass dieses Erbe einfach das Licht ist, Gott selbst, Das Licht. Wenn du an tausend Dinge denkst, die gut sind und es wert, sie zu haben, was ist es, das sie gut macht und wert sie zu haben, außer der Gott in ihnen? Dass die Lieblichkeit der Welt ihren Ursprung hat im erschaffenden Willen Gottes, würde mich nicht befriedigen; ich sage, gerade ihre Lieblichkeit ist die Lieblichkeit Gottes, denn ihre Lieblichkeit ist sein eigener liebevoller Gedanke und muss eine Offenbarung sein von dem, was in ihm selbst lebt und webt. Dies ist nicht alles: mein Interesse an ihrer Lieblichkeit würde schwinden, sollte ich fühlen, dass die Seele daraus fehlt, wenn du mich überzeugen könntest, dass Gott aufgehört hat, sich um das Gänseblümchen zu kümmern und sich stattdessen nun um etwas anderes kümmert. Die Angesichter einiger Blumen führen mich zurück zum Herzen Gottes; und, als sein Kind, hoffe ich, dass ich fühle, in meinem niedrigen Grade, was er fühlte, als er, über sie sinnend, sagte: „Sie sind gut“; das heißt: „Sie sind, was ich meine.“[4]
Die Sache, zu der hin ich erörtere, ist diese: dass, wenn alles solcherart gesehen würde in seiner Herkunft aus Gott, dann würde das Erbe der Heiligen, was immer die Gestalt ihres Besitzes ist, gesehen werden als Licht seiend. Alle Dinge sind Gottes, nicht als in seiner Macht seiend – das natürlich – sondern als aus ihm kommend. Die Finsternis selbst wird Licht um ihn herum, wenn wir denken, dass er eigentlich die Finsternis erschaffen hat, denn es hätte keine Finsternis geben können außer wegen des Lichtes. Ohne Gott hätte es nichts gegeben; die Idee des Nichts hätte nicht existiert, nicht mehr als irgendeine Wirklichkeit des Nichts, außer dass er existiert und etwas ins Sein rief.[5]
Das Nichtsein schuldet eigentlich seinen Namen und seine Natur dem Sein und der Wirklichkeit Gottes. Es gibt kein Wort, das auszudrücken, was nicht Gott ist, kein Wort für das wo ohne Gott darin; denn es ist nicht, könnte nicht sein. So denke ich, können wir sagen, dass das Erbe der Heiligen der Teil ist, den jeder am Licht hat.
Doch wie kann irgendein Anteil existieren, wo alles offen ist?
Der wahre Anteil an dem himmlischen Königreich ist ganz und gar nicht, was du behalten musst, sondern was du weggeben musst. Das Ding, das das meine ist, ist das Ding, das ich mit der Macht habe, es zu geben. Das Ding, zu dem ich keine Macht habe, Anteil an ihm zu geben, ist keineswegs das meine; das Ding, das ich nicht mit jedermann teilen kann, kann wesenhaft nicht mir gehören. Der Ausruf der tausend Leuchten, welche Dante im fünften Gesang des „Paradiso“ uns erzählt gesehen zu haben, wie sie im Planeten Merkur auf ihn zuglitten, war –
„Ecco chi crescerà li nostri amori!“
(Paradiso Canto V – 105)
„Seht, der da kommt, wird unser Lieben mehren!“
(Deutsche Übersetzung: Steckfuß 1876)
All das Licht ist unser. Gott ist all unser. Selbst das in Gott, welches wir nicht verstehen können, ist unser. Wenn es irgendetwas in Gott gäbe, das nicht unser wäre, dann würde Gott nicht unser Gott sein. Ich sage nicht, dass wir jemals alles in Gott wissen müssen oder können; nicht durch alle Ewigkeit hindurch werden wir jemals Gott verstehen, doch er ist unser Vater und muss an uns denken mit jedem Teil von sich – um es so in unserer armseligen Sprache zu sagen; er muss uns kennen und das in sich selbst, welches wir nicht kennen können, mit demselben Denken, denn er ist eins. Wir und das, welches wir nicht kennen oder nicht kennen können, kommen zusammen in seinem Denken. Und dies hilft uns zu sehen, wie, alle Dinge beanspruchend, wir bereits Anteil haben. Denn die Unendlichkeit Gottes kann nur anfangen und fortfahren offenbart zu sein durch seine unendlich verschiedenen Geschöpfe – alle fähig übereinander zu staunen, einander zu bewundern und einander zu lieben und so alle in eins verbunden in ihm, jedes ihn den anderen offenbarend. Denn jedes menschliche Wesen ist wie eine Facette, hineingeschnitten in den großen Diamanten, mit welchem ich es wage den Vater von ihm zu vergleichen, der sein Königreich mit einer Perle vergleicht.[6] Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind – denn das Unfertige ist ebenso seines und offenbart ihn gerade in seiner Unfertigkeit als den fortwirkenden Arbeiter in seiner Schöpfung – ist ein Offenbarer Gottes. Ich habe meine Botschaft von meinem großen Herrn, du hast die deine. Dein Hund, dein Pferd erzählt dir von ihm, welcher sich um all seine Geschöpfe kümmert. Keines von ihnen kam von seinen Händen. Vielleicht mag von den Schätzen der Erde, der Kohle und den Diamanten, dem Eisen und Ton und Gold, gesagt werden, sie sind von seinen Händen gekommen; doch die lebendigen Dinge kamen aus seinem Herzen – aus der Nähe des Gebietes, woher wir selbst kamen. Wieviel mein Pferd, in seiner eigenen Art – das heißt in Gottes pferdeweise – von ihm wissen mag, kann ich nicht sagen, weil es das nicht sagen kann. Wir wissen auch nicht, was das Pferd weiß, weil sie Pferde sind und wir bestenfalls in Beziehung zu ihnen nur Reiter.[7] Die Wege Gottes reichen hinunter in mikroskopische Tiefen genauso wie hinaus in teleskopische Höhen – und in größerem Wunder, denn dort liegen die Anfänge des Lebens: die Unermesslichkeiten an Sternen und Welten existieren alle um geringerer Dinge willen als sie selbst. So ist es mit dem Geist; die Wege Gottes gehen in die uns noch nicht offenbarten Tiefen; er kennt seine Pferde und Hunde wie wir sie nicht kennen können, weil wir noch keine reinen Söhne Gottes sind. Wenn durch unsere Sohnschaft, wie Paulus lehrt, die Erlösung dieser geringeren Brüder und Schwestern gekommen sein wird, dann werden wir einander besser verstehen.[8] Doch jetzt muss der Herr des Lebens auf die willkürliche Folterung von Scharen seiner Geschöpfe schauen.[9] Es muss sein, dass Übertretungen kommen, doch weh dem Menschen, durch welchen sie kommen![10] Der Herr scheint nicht darauf achten zu mögen, doch er sieht und weiß es.
Ich sage also, dass jeder von uns etwas ist, was der andere nicht ist und daher etwas weiß – es mag sein ohne zu wissen, dass er es weiß – welches kein anderer weiß; und dass es jedermanns Aufgabe ist, als einer vom Königreich des Lichtes und Erbe von all dem, seinen Teil den Übrigen zu geben; denn wir sind eine Familie, mit Gott an der Spitze und im Kern, und Jesus Christus, unser älterer Bruder, uns über den Vater lehrend, welchen er allein kennt.
Wir mögen also sagen, dass, was immer die Quelle von Freude oder Liebe ist, was immer rein und stark ist, was immer Aufstreben erweckt, was immer uns aus der Selbstsucht erhebt, was immer schön oder bewundernswert ist[11] – in einem Wort, was auch immer vom Licht ist – muss einen Teil ausmachen, wie klein er sich auch erweisen mag in seinem Verhältnis, von dem Erbe der Heiligen im Licht; denn, wie im Brief des Jakobus, „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei welchem ist keine Veränderung noch eines Wechsels Schatten.“[12]
Kinder fürchten den Himmel wegen der trostlosen Vorstellungen, die ihnen die Unkindhaften davon geben, welche, ohne Vorstellungskraft, unhinterfragt empfangen, was andere, so entleert von Vorstellungskraft wie sie selbst, ihn betreffend darlegen. Ich sehe nicht ein, dass jemand sich darum kümmern sollte, ein annehmbares Bild davon zu zeichnen; denn angenommen, ich könnte einen Menschen davon überzeugen, dass der Himmel die Vervollkommnung von allem wäre, was er um sich her verlangen könnte, was würde der Mensch oder die Wahrheit dadurch gewinnen? Wenn er den Herrn kennt, wird er sich selbst nicht um den Himmel bekümmern; wenn er ihn nicht kennt, wird er dadurch nicht zu ihm gezogen. Ich würde mich nicht darum kümmern, den schwächlichen Christen zu überzeugen, dass der Himmel ein Ort ist, der es wert ist, dahin zu gehen; ich würde ihn lieber davon überzeugen, dass nicht ein Punkt im Weltall, keine Stunde in der Ewigkeit irgendetwas wert ist für einen, welcher so bleibt wie er ist. Doch wenn es nur so wäre, dass es keiner unternimmt, die Kleinen zu lehren, was sie von sich selbst aus nicht erkennen! Was haben Kinder nicht gelitten unter dem starken Bemühen, nach Dingen zu verlangen, die sie nicht lieben konnten! Ich kann mich gut an den Schmerz der Aussicht erinnern – nein, der Kummer, nicht froh zu sein mit der Aussicht – zu einer Säule im Hause Gottes[13] gemacht zu werden und nie mehr herauszukommen! Diese Worte wurden nicht zu den Kleinen gesprochen. Und doch sind sie wörtlich genommen ein gesegnetes Versprechen verglichen mit der Vorstellung fortgesetzten Kirchganges! Vielleicht lehrt niemand solch eine Sache; doch irgendwie erhalten die Kinder die düstere Einbildung: es gibt Wege unfreiwilligen Lehrens, die stärker sind als Worte. Welcher Junge, wie eifrig auch immer ein Jünger Christi zu sein und ein Kind Gottes, würde eine Predigt seinem herrlichen Flugdrachen vorziehen, dieses göttlichste der Spielzeuge mit Gott selbst als seinem Spielgefährten, im blauen Wind, der ihn hin und her wirft unter der goldenen Kuppel! Er mag bereit sein, sich vom Drachen und Wind und der Sonne zu trennen und ins Grab zu gehen für seine Brüder – doch sicherlich nicht, damit sie zu einem ewig anhaltenden Gebetstreffen zugelassen werden! Für meinen eigenen Teil juble ich zu denken, dass es da weder Kirche noch Kapelle in den höheren Regionen geben wird; ja, dass es da nichts geben wird, was Religion genannt wird, und kein Gesetz außer dem vollkommenen Gesetz der Freiheit. Denn wie sollte es da Gesetz oder Religion geben, wo jeder Herzschlag sagt: Gott! Wo jede Sangeskehle eifrig ist mit Danksagung! Wo solch ein Tumult fröhlicher Wasser für immer unter dem Thron Gottes hervorbricht, die Tränen der Freude des Universums! Religion? Wo wird der Raum dafür sein, wenn die Essenz jedes Gedankens Gott sein muss? Gesetz? Was für ein Raum wird da sein für Gesetz, wenn alles, worauf das Gesetz ein du sollst nicht legen könnte, zu verachtenswert sein wird, um daran zu denken? Was für ein Raum für Ehrlichkeit, wo Liebe das Gesetz bis zum Überfließen erfüllt – wo ein Mensch sich lieber geradewegs in den Abgrund werfen würde, als seinem Nächsten auch nur ein Haar zu krümmen?
Der Himmel wird ununterbrochene Berührung mit Gott sein. Der eigentliche Sinn des Seins wird in sich selbst Wonne sein. Für den Sinn wahren Lebens muss es tatsächlichen, bewussten Kontakt mit der Quelle des Lebens geben; daher muss bloßes Leben – in sich selbst, in seinem eigentlichen Wesen gut – gut wie das Leben Gottes, welcher unser Leben ist – solche Wonne sein, als sie, denke ich, die Milderung der erhabensten Freuden der Gemeinschaft mit unseren gesegneten Mitmenschen benötigt; die Milderung der Kunst in jeder Form und in allen Kombinationen der Künste; die Milderung unzähliger Dienste an den Unvollständigen, und hartes Abmühen für jene, welche noch nicht ihren Nächsten oder ihren Vater kennen. Die Wonne reinen Seins wird, sage ich, diese Abmilderungen benötigen, um ihre Intensität erträglich zu machen für Herz und Hirn.
Für jene, welche sich nur um Dinge kümmern und nicht um die Seele in ihnen, um die Wahrheit, ihre Wirklichkeit, kann die Aussicht, das Licht zu erben, nichts Anziehendes haben, und zu ihrem Trost – was für ein falscher Trost! – mögen sie versichert sein, dass es keine Gefahr gibt, dass von ihnen verlangt wird, gegenwärtig ihr Erbe aufzunehmen. Vielleicht werden sie zurückgelassen, um fortzufahren Dinge trocken zu saugen, fortwährend ihre Lieblichkeit vermissend, bis sie zuletzt dahin kommen, die lieblichen Hüllen zu verachten, verwandelt zu Hässlichkeit in ihren falschen Vorstellungen. Nur den Körper der Wahrheit liebend, kommen sie selbst hier dahin, sie Lüge zu nennen, und brechen aus in rührseliges Jammern über die Illusionen des Lebens. Die Seele der Wahrheit haben sie verloren, weil sie sie niemals geliebt haben. Was mögen sie nicht alles durchmachen müssen, welche reinigenden Feuer, ehe sie sie überhaupt wahrnehmen können!
Die Annahmen von Christen, so genannten, den Zustand betreffend, in welchen sie vermuten, dass ihre Freunde eingetreten sind, und von welchem sie reden als einem Ort der Glückseligkeit, sind noch solcherart, wie sie die Bitterkeit ihres Wehklagens über sie rechtfertigen, und den heidnischen Zweifel, ob sie sie wieder erkennen werden. Wahrlich, es wäre ein Wunder, wenn sie es täten! Nach einem oder zwei Jahren solch eines Schicksals mögen sie sehr wohl nicht wiederzuerkennen sein! Man ist beinahe beschämt, solche Narrheiten zu schreiben. Das Nirvana ist Erhabenheit im Gegensatz zu ihrem Himmel. Die frühen Christen mochten hin und wieder Paulus mit dümmlichen Fragen geplagt haben, deren Beantwortungen uns bis auf diesen Tag plagen; doch gab es jemals einen von ihnen, der zweifelte, dass er seine Freunde wiederfinden würde? Es ist eine bloße Form proteischen[14] Unglaubens. Sie glauben, sagen sie, dass Gott Liebe ist; doch sie können nicht wirklich glauben, dass er die Liebe, in welcher wir am meisten sind wie er, nicht entweder zu einem Gespött oder einer Folter macht. Wenig würde mir jedes Versprechen des Himmels bedeuten, wenn ich nicht hoffen könnte zu sagen: „Es tut mir leid; vergib mir; lass, was ich im Zorn tat oder in Gefühlskälte nichts sein, im Namen Gottes und Jesu!“ Viele solche Worte werden geschehen, manch eine Selbst-Demütigung stattfinden. Der Mann oder die Frau, welche nicht bereit sind zu bekennen, welche nicht bereit sind ein Herz voller Bedauern auszuschütten – kann solch einer ein Erbe des Lichts sein? Es ist die Freude eines wahrhaftigen Herzens eines Erben des Lichts, eines Kindes dieses Gottes, welcher eine offene Seele liebt – die Freude von jedermann, welcher das Falsche umso mehr hasst, weil er es getan hat, zu sagen: „Ich lag falsch; es tut mir leid.“ Oh, die süßen Winde der Buße und Wiederherstellung und Wiedergutmachung, die wehen werden von Garten zu Garten Gottes, in den sanften Dämmerlichtern[15] seines Königreiches! Wie auch immer der Ort sein mag, eine Sache ist sicher, dass dort endlose, unendliche Wiedergutmachung, ewig wachsende Liebe sein wird. Sicher ist auch, dass was immer das göttlich menschliche Herz begehrt, soll es nicht vergebens begehren. Das Licht, welches Gott ist, und welches unser Erbe ist, weil wir die Kinder Gottes sind, versichert diese Dinge. Denn das Herz, das begehrt, ist solcherart gemacht zu begehren. Gott ist; lasst die Erde fröhlich sein, und den Himmel, und den Himmel der Himmel! Was immer ein Vater tun kann, seine Kinder zu segnen, das wird Gott für seine Kinder tun. Lasst uns also in fortwährender Erwartung leben, nach den guten Dingen ausschauend, die Gott den Menschen geben wird, ihr Vater seiend und ihr immerwährender Retter. Wenn die Dinge, die ich hier habe, von ihm kommen, und so eindeutig nur ein Anfang sind, sollte ich sie nicht als ein Unterpfand des besseren nehmen, das kommt? Wie sonst kann ich sie betrachten? Denn niemals, inmitten der guten Dinge dieser lieblichen Welt, habe ich mich wirklich zu Hause darin gefühlt. Niemals hat sie mir Dinge gezeigt, die lieblich oder großartig genug waren, mich zufriedenzustellen. Das ist nicht alles, was ich als einen Ort darin zu leben haben möchte. Es mag sein, dass meine Unzufriedenheit daher kommt, dass meine Augen nicht offen genug sind oder scharf genug, zu sehen und zu verstehen, was er gegeben hat; doch es spielt eine geringe Rolle, ob die Ursache in der Welt liegt oder in mir selbst, beide unvollkommen seiend: Gott ist, und alles ist gut. Alles, was es braucht, die Welt recht genug für mich zu rücken – und kein empyreischer Himmel könnte recht für mich sein ohne es – ist, dass ich mich um Gott kümmere wie er sich um mich kümmert; dass mein Wille und Begehren den Takt und die Melodie mit seiner Musik halten; dass ich keinen Gedanken habe, der aus mir selbst entspringt fern von ihm; dass meine Individualität die Freiheit hat, die zu ihr gehört wie aus seiner Individualität geboren, und nicht in Sklavenschaft meines Leibes sei oder meiner Vorfahren oder meiner Vorurteile oder irgendeines Impulses, aus welchem unbekannten Bereich auch immer; dass ich frei bin durch Gehorsam gegen das Gesetz meines Seins, das Leben und den Leben schaffenden Willen, durch welchen Leben das Leben ist und mein Leben meines ist. Was aus mir selbst entspringt und nicht aus Gott, ist böse; es ist eine Perversion von etwas, das Gottes ist. Was auch immer nicht Glaube ist, ist Sünde; es ist ein abgeschnittener Strom – ein Strom, der sich selbst abschneidet von seiner Quelle, und denkt, er kann ohne sie fließen. Doch Licht ist mein Erbe durch ihn, dessen Leben das Licht der Menschen ist,[16] in ihnen das Leben ihres Vaters im Himmel zu erwecken. Geliebt sei der Herr, welcher in sich selbst das Leben geboren hat, welches das Licht der Menschen ist!
[1] Dantes „Divina Comedia“ berichtet von der Reise des Dante durch die einzelnen Kreise der Hölle, das Fegefeuer – auch Purgatorium genannt – und das Paradies. Sein Führer auf den ersten beiden Teilen dieser Reise ist der antike Dichter Vergil, der ihm die gesehenen Dinge erklärt und manche Weisheit mitzuteilen hat. Vergil ist der Typus des antiken Dichters und Philosophen, der in seinem Denken das Kommen des Christus schon vorausgeahnt haben soll. Vergil, der noch nicht die volle Erkenntnis Christi haben konnte, bewegt sich schattenhaft zwischen den Welten. Das Purgatorium ist in der mittelalterlichen Vorstellungswelt der Ort, an dem die Seelen eine letzte Reinigung erfahren, ehe sie letztendlich in den Himmel aufgenommen werden können.
[2] Apostelgeschichte 17, 28
[3] Zweifach geborene Söhne bedeutet, dass wir zum einen als Geschöpfe Gottes von ihm erschaffen sind, aus seinem Willen geboren und von Anfang an seine Kinder sind. Durch Jesu Wirken – sein Leben und Sterben als DER Sohn Gottes – sind wir in ihm ein zweites Mal geboren, nämlich in unser Geburtsrecht als Kinder Gottes voll eingesetzt. Wir sind also erstens als Geschöpfe aus Gottes Willen geboren und zweitens als Jünger Jesu in dieselbe „Sohnschaft“ wie Jesus eingegangen, indem wir Gott als unseren Vater wählen und ihm gehorchen, wie Jesus es tat. Die Wendung „zweifach geborener Sohn“ ist außerdem der Titel des antiken Gottes Dionysos, nach einem Mythos der Sohn der menschlichen Frau Semele und des Gottes Zeus. Semele bedrängte Zeus, sich ihr in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Er erschien ihr als Blitz und verbrannte sie. Den noch ungeborenen Sohn nähte sich Zeus in seinen Schenkel und brachte ihn so zum zweiten Mal als echten Gott zur Welt. Insofern ist Dionysos auch ein entfernter Christus-Typus, indem er der Sohn eines Gottes und einer menschlichen Frau ist, wie Jesus vom Heiligen Geist empfangen und von Maria geboren wurde.
[4] Indirektes Zitat aus der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose, wo Gott die erschaffenen Dinge am Ende eines jeden Tages ansieht und sie für gut befindet.
[5] Zu diesen Ausführungen siehe Johannes Kapitel 1
[6] Matthäus 13, 45 – 46
[7] Um die Tiefe dieses Beispiels zu verstehen, sollte man wissen, dass George MacDonald sein Leben lang ein recht inniges Verhältnis zu Pferden hatte. Sie kommen in seinen Geschichten und Romanen immer wieder in liebevollen Schilderungen vor. Wie sein Sohn Greville uns in der Biografie über seine Eltern berichtet, verbrachte George MacDonald als kleiner Junge Stunden damit, auf dem Rücken seines Pferdes liegend Bücher zu lesen.
[8] Siehe Römerbrief, Kapitel 8 – das Offenbarwerden der Söhne Gottes und die endgültige Erlösung der Schöpfung. Ähnlich wie Franz von Assisi bezeichnet Mac Donald das Miterschaffene als Brüder und Schwestern.
[9] George MacDonald war ein Gegner der Vivisektion und wohl auch ein Unterstützer der 1875 gegründeten National Anti-Vivisection Society
[10] Lukas 17, 1
[11] Siehe Philipper 4, 8
[12] Jakobus 1, 17
[13] Eine Verheißung in Offenbarung 3, 12, die sich eines alttestamentarischen Bildes bedient. Solche Vergleiche und Bilder sind für Kinder, die noch einen begrenzten Horizont an Wissen und Erfahrung haben, natürlich schwer zu verstehen.
[14] Gemeint ist der Proteus-Mythos und in dem Zusammenhang ein heidnischer Glaube an ein trostloses, schattenhaftes Dasein der Toten im Jenseits.
[15] Eine Metapher, die zwei Gärten Gottes andeutet – den Paradiesgarten Gottes, in dem Gott im Abenddämmer nach dem Menschen suchte, der sich bereits von ihm abgewandt hatte, und der Garten, in dem das Grab Jesu lag, in der Morgendämmerung des Auferstehungstages wie im Johannesevangelium geschildert.
[16] Siehe Johannesevangelium, Kapitel 1
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